Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 4

Chapter 42,967 wordsPublic domain

Die +Ehe+ des Japaners wird eigentlich +auf Zeit+ geschlossen, die bei den besseren Ständen fünf Jahre, bei den niederen weniger beträgt. Trotzdem kommt es höchst selten bei offenkundigem Unglück und fast nie bei vorhandenen gesunden Kindern vor, daß die Ehegatten auseinander gehen. Der Ehemann hat allerdings das Recht, sich ohne besonderen Grund von seiner Frau zu trennen und eine andere zu heiraten, nur darf dies nicht eine leibliche Schwester seiner Frau oder einer früheren Frau sein. Auch braucht er nicht die eheliche Treue zu halten, kann sich daher mehrere Frauen nehmen, soviel als ihm sein Geldbeutel erlaubt. Neuerdings jedoch machen sich in den besseren Kreisen Japans europäische Anschauungen auch über die Ehe geltend.

Der Japaner scheint ein +starkes Geschlechtsbedürfnis+ zu besitzen; diesem wird dadurch Rechnung getragen, daß nicht nur jede größere Stadt und jeder Seehafen, sondern beinahe jedes Dorf öffentliche Lusthäuser besitzt. Es sind dies jedoch keineswegs Stätten unanständiger Orgien und Liederlichkeit, sondern, wenn man von dem nach unserer Ansicht unmoralischen Zwecke absieht, dem sie dienen, durchaus anständige Institute, über die der Staat nach jeder Hinsicht eine strenge Kontrolle ausübt.

In Japan ist das +Prostitutionswesen+ in solchem Grade wie wohl nirgends auf der Welt verbreitet. Ein anonymer englischer Schriftsteller schätzt die Zahl der in etwa zwanzigtausend Freudenhäusern untergebrachten Mädchen auf vier- bis fünfhunderttausend, zu denen ungefähr die gleiche Anzahl Frauen kommen soll, die heimlich diesem Berufe nachgehen. Die Prostituierten bilden in Japan eine besondere Kaste, deren Entstehung schon um mehrere Jahrhunderte zurückreicht und die durch Gesetz und Sitte geschützt ist. Der Staat kauft die jungen Mädchen auf, läßt sie in allerlei Künsten ausbilden und so für ihren zukünftigen Beruf vorbereiten. Es sind dies meistens Mädchen armer Eltern oder Waisen, die zur Prostitution herangezogen werden. Die älteren Kurtisanen unterrichten sie in allerlei weiblichen Fertigkeiten, wie Schreiben, Lesen, Singen, Samisaspielen, vornehmen Manieren und anderem mehr. Dafür haben diese jenen kleine Handleistungen zu machen, sie gleichsam als ihre Zofen zu bedienen. Oft genug kommen die jungen Mädchen schon im zartesten Kindesalter in diese Häuser, aber erst mit vierzehn Jahren dürfen sie preisgegeben werden. Mit dem siebenundzwanzigsten Jahre erhalten sie ihre Freiheit wieder, falls sie nicht schon früher durch Freikauf in privaten Besitz übergehen oder sich verheiraten. Denn die wenigsten Leute nehmen an solchem Gewerbe einen Anstoß, im Gegenteil, die Mehrzahl der ärmeren Japaner bezieht aus den Freudenhäusern ihre Ehefrauen; denn der schon erwähnten allgemeinen Anschauung entsprechend wird die Schuld ihres früheren Lebenswandels nicht den Mädchen, sondern ihren Eltern zugeschoben; nur sie waren es, die zumeist unter dem Drucke der Not ihre Töchter solchem Lebenswandel zuführten, und diese taten nur ihre Pflicht, indem sie den Eltern gehorchten. Daher verachtet auch die bessere Gesellschaft diese Mädchen nicht, sondern bemitleidet sie nur. Die Bezeichnung für eine Prostituierte in Japan ist auch keineswegs eine herabwürdigende, sondern eine höchst dezente; man nennt sie „Zeitweib“ oder „Stundenehefrau“. Früher war es nämlich Sitte, daß diese Mädchen dem Fremden auf eine kurze Zeit gleichsam angetraut wurden. Die Zeremonie, die sich dabei abspielte, glich der bei wirklichen Hochzeiten, wie wir sie oben kennen gelernt haben; der Fremde heiratete aber nur auf Zeit.

Das Bordellviertel von Tokio hat eine gewisse Berühmtheit erlangt; es ist dies das +Yoshiwara+. Das Zugangstor zu ihm trägt die poetische Inschrift: „Ein Frühlingstraum, wenn die Straßen voll von Kirschblüten sind, eine Herbststimmung, wenn die Straßen auf beiden Seiten mit hellen Laternen umsäumt sind.“ Das Yoshiwara (Abb. 49) ist durch regelmäßig verlaufende Straßen eingeteilt, in denen es des Abends ein wirkliches Schauspiel gewährt, umherzuwandern. Geschmückt mit farbenprächtigen Gewändern sitzen die Mädchen in Reihen vor goldenen Schirmen in käfigartigen Räumen -- denn von der Außenwelt sind sie durch wirkliche Holzstäbe abgesperrt -- und stellen sich zur Schau (Abb. 50). Die Prostituierten kennzeichnen sich durch zahlreiche Nadeln, die sie im Kopfhaar tragen; auch pflegen sie sich als Abzeichen ihres Gewerbes die Schleife des Obi, die sonst über dem Gesäß sitzt, nach vorn zu drehen, so daß sie über den Schoß zu liegen kommt. In größeren Städten sind an den Häusern Laternen ausgehängt, die mit dem Wappen des betreffenden Mädchens geschmückt sind. Es gibt sogar Bücher, in denen sich Laternen und Wappen, sowie der Schirm, der vornehmen Prostituierten auf ihren Ausgängen vorangetragen wird, nach Art eines Verzeichnisses aufgeführt finden. Künstler von Bedeutung wie Yoshitoshi oder Kitagawa Utamaro haben es nicht für unter ihrer Würde erachtet, Darstellungen aus dem Leben des Yoshiwara mit ihrem Stifte wiederzugeben, und japanische Bücher bringen die Lebensbeschreibungen einiger berühmter Prostituierter sowie ihre Porträts (Abb. 51). -- Da das ganze Yoshiwaraviertel besonderer polizeilicher Aufsicht unterstellt ist, so herrscht hier vollkommene Ordnung, musterhafte Ruhe und absolute Sicherheit; die öffentliche Scham wird durch das sich hier abspielende Treiben keineswegs verletzt. -- Die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern hat in Japan, besonders in seinen südlichen Teilen, weite Kreise des Volkes durchseucht; hier werden ebenso wie in China Knaben von frühester Jugend auf zu einem solchen Berufe systematisch vorbereitet. Auch Bordellwesen existiert nach dieser Richtung.

Zu den vielen schönen und ergreifenden Eigenarten des japanischen Lebens gehört auch die +Verehrung der Toten+ und die peinliche Sorgfalt, die auf die feierlichen Gebräuche der Anbetung und Erinnerung an die Seelen der Heimgegangenen im Hause verwendet wird.

Hat der +Sterbende+ den letzten Hauch getan, dann versuchen die, welche ihm am nächsten standen, ihn noch einmal ins Leben zurückzurufen, indem sie ihm seinen Namen ins Ohr schreien, denn sie glauben, die Seele könne es hören und noch einmal Rückkehr halten; besonders rührend ist, wenn zuerst das jüngste Kind die Mutter ruft, denn man erwartet, daß sie dieses am allermeisten liebe. Nützt dies nichts, dann befeuchtet man die Lippen des Toten mit Wasser, bedeckt sein Gesicht mit einem weißen Tuch und kehrt alles im Zimmer um. Auf einen niedern Tisch stellt man sodann die Tafel mit dem Namen des Verstorbenen, der ihm nach seinem Tode gegeben wird. Die Totentafel der Buddhisten ist kunstvoll gearbeitet und reich vergoldet; sie trägt als Namen eine langtönende Zusammenfassung vieler Tugenden; die Tafel der Shintoisten dagegen ist einfach, aus weißem Holz angefertigt und hat als Aufschrift nur den Lebensnamen des Verblichenen mit dem Zusatz „Mi-tama“, das ist Erhabener Geist. Vor dieser Tafel nun stellt man ein Weihrauchbecken mit einem dauernd brennenden Weihrauchstock, eine Tasse Wasser, ein ganz bescheidenes Licht -- in einer irdenen Untertasse mit Rübsenöl brennt ein Docht --, weiter einen Behälter mit einigen Aniszweigen, ein paar Klöße aus weißen Bohnen auf einem Teller, eine Schüssel mit Reis, über den Bohnensuppe gegossen ist, und ein Speisestäbchen auf; in die Nähe der Leiche legt man öfters noch quer über die Kniee ein Schwert, um die bösen Geister abzuwenden.

In den Sarg gibt man dem Toten einen Bambusstab und einen Beutel mit buddhistischen Amuletten, Gebetssprüchen und einer Münze (für die Überfahrt) mit und bestreut das Ganze mit Weihrauchpulver und getrockneten Anisblättern. Stirbt ein Ehemann, so pflegt die Frau ihr Haar abzuschneiden und es ebenfalls in den Sarg zu legen; sie will damit bekunden, daß sie nie wieder heiraten wird; übereinstimmend mit diesem Entschlusse bestellt sie zu gleicher Zeit ihre eigene Totentafel, die mit der ihres verstorbenen Gatten gemeinsam auf dem Hausaltar und im Familientempel Aufstellung findet. Indessen beschränkt sich dieser Brauch nur auf die Ehefrauen der oberen Klassen, die dadurch fortan ihre Keuschheit anzeigen wollen.

In der Nacht vor einem +Begräbnis+ (Abb. 54 und 55) halten die Hausangehörigen Wache, die Priester sagen dabei Gebete her. Auf die Nachricht von dem Tode machen die Freunde und Bekannten sofort ihren Beileidsbesuch; sie senden gleichzeitig oder bringen ein Geschenk in Form von Geld als Beitrag zu den Begräbniskosten mit, die in Japan ungewöhnlich hohe sind und auch nicht gespart werden, wenn es gilt, einen Toten zu ehren. Das Geld wird in weißes Papier gewickelt, mit der Bezeichnung „koden“ (Weihrauchgeld) versehen und mit einem schwarz und weißen Bande zugeschnürt. Die Familie macht zum Zeichen ihres Dankes innerhalb fünf Wochen nach dem Begräbnis ein Gegengeschenk in Form von Klößen aus grünen und weißen Bohnen, sowie von Blechdosen mit Tee. Auch sendet man Kuchen, und zwar merkwürdigerweise bei solchem traurigen Anlaß in gerader Zahl, hingegen bei freudigen Ereignissen in ungerader Zahl.

Der vertrauteste Gegenstand in einem japanischen Haushalte ist der +Familienaltar+, auf dem die Tafeln, welche den Toten geweiht sind, die Ihai, aufbewahrt werden. Der buddhistische Altar ist vornehmer ausgestattet, meistens lackiert, sein Inneres vergoldet. Der Shintoaltar dagegen besteht nur aus einfachem weißen Holz in der Form des archaistischen Shintotempels. Sind die Leute Anhänger des Buddhismus, so wird jeden Morgen von dem ersten Reis und Tee eine Opfergabe den Ihai auf dem Altar entrichtet; jeden Monat wird den Geistern am Todestage ein winziges Gemüsemahl serviert, dazu werden Blumen in kleinen Vasen hingestellt und Weihrauch verbrannt. Die Shintoanhänger ihrerseits opfern alle zehn Tage und am wiederkehrenden Todestage im Monat Sake, ungekochten Reis, rohes Fleisch, Obst und Gemüse dem „Erhabenen Geiste“. Weihrauchverbrennen gestattet jedoch die shintoistische Religion nicht, läßt dafür aber bei feierlichen Gelegenheiten und auch beim Begräbnisgottesdienst Zweige der ~Cleyera japonica~ darbringen (Abb. 55). Auch die Shintoisten betrachten alles, was mit dem Tode zusammenhängt, als unrein. Bei eintretendem Todesfall wird daher der Altar mit weißem Papier zugedeckt, um das Eindringen verunreinigter Luft zu verhindern; nach dem Begräbnis vollziehen die Priester eine feierliche Reinigung, indem sie Salz über das ganze Haus streuen und am Grabe geweihte Stäbe über die Trauernden schwenken.

Die Buddhisten feiern ein +Allerseelenfest+, das wunderbare Bon-matsuri, vom 13. bis 16. August, denn um diesen Zeitpunkt, so glaubt man, suchen die Seelen der Toten ihre Hinterbliebenen auf. Von einem Ende des Reiches bis zum anderen werden freudige Vorbereitungen getroffen, um diese geisterhaften Besucher zu bewillkommnen. Die Kirchhöfe werden aufgesucht, die Grabsteine (Abb. 53) gewaschen und mit Blumen geschmückt, vor den Hügeln wird Weihrauch verbrannt, und vor den Häusern sowie den Altären werden Laternen aufgehängt, die von leuchtender, durchscheinender Schönheit sind, manchmal die Form von zart abgetönten Lotusblumen aufweisen und durchweg mit rosa und weißen Lotusblumen, sowie mit Fransen und langen Bändern aus feingeschnittenem Papier verziert sind. Auf den „Geisteraltar“, eine auf vier mit Fadennudelgewinden verzierten Bambuspfählen ruhende, mit einer Kryptomerienumzäunung versehene Strohmatte, werden „Willkommenkuchen“ und „glückbringende Klöße“, in Lotusblätter eingehüllt, sowie verschiedene Früchte und Beeren den Geistern als Speise hingesetzt, desgleichen für sie Gefährte in Gestalt kleiner Ochsen und Pferde, entweder aus Stroh geflochten oder aus Eierpflaumen und Melonen zugeschnitten, aufgestellt. Auf dem Lande geht die ganze Familie mit brennenden Laternen in den Händen zu den Gräbern, den ankommenden Seelen entgegen, zündet draußen vor dem Hause überall Hanfstockfeuer an (Abb. 52), um sie zu begrüßen, und stellt bei den Toren Schüsseln mit Wasser auf, damit sie sich die Füße waschen können. Am 14. August kommen die Priester, um vor dem Altar Gebete zu sprechen, und am nächsten Tage werden alle Feuer wieder angezündet, um die scheidenden Geister hinauszugeleiten. Altmodische Leute zünden sich an solchem Feuer ihre Pfeifen an und treten über dasselbe, um sich bestimmte Krankheiten fernzuhalten. -- An der Küste besteht in manchen Gegenden der Brauch, kleine Boote aus Stroh mit Papiersegeln und winzigen Gefäßen für Wasser und Weihrauch für die wiederkehrenden Geister auszusetzen; auf dem Segel dieser Boote steht der buddhistische Name des Toten geschrieben. An manchen Orten schmückt man die Boote abends auch mit kleinen Laternen, an anderen setzt man nur schwimmende Laternen aus.

+Die Ainu.+ Im nördlichen Japan (Jesso) sowie auf der Südspitze Sacchalins und auf den Kurilen wohnen die +Ainu+, ein Volk, das ehemals die ganze ostasiatische Inselkette, von den Kurilen angefangen bis Liu Kiu, sowie das Amurgebiet auf dem Festlande bewohnt haben muß und höchstwahrscheinlich von hier aus zur Steinzeit nach Japan einwanderte. Anscheinend trafen die Ainu hierbei auf eine einheimische Urbevölkerung, die die Bezeichnung Koro-pok-guru führte und mit ihnen zusammen, sowie mit hinzugewanderten mongolischen und malaiischen Elementen die heutige Bevölkerung Japans hervorbrachte.

Die Ainu sind klein, stehen in der Größe sogar noch den Japanern nach, sind aber von kräftigem, gedrungenem Körperbau. Ihr Kopf ist länger als bei den Mongolen, ihr kurzes, rundes Gesicht besitzt tiefliegende, rundliche, gerade stehende Augen (meistens ohne Mongolenfalte), die von buschigen Augenbrauen überschattet werden, und etwas vorstehende Jochbeine. Die Nase ist kurz, an der Wurzel schmal, nach unten hin aber ausladend. Der große Mund besitzt wulstige Lippen, das Kinn ist breit. Die Hautfarbe gleicht im allgemeinen der der Japaner, zeigt aber einen Stich ins Rötliche. Das Haar ist ebenfalls straff und tiefschwarz. Eine auffällige Erscheinung ist die besonders starke Behaarung der Ainu, die um so wunderbarer erscheint, als sie mitten unter Völkern leben, die im Gegensatz dazu besonders spärlich behaart sind. An den Männern fällt der üppige Bart auf, der bis an die Ohren und ziemlich an die Augen heranreicht, desgleichen der Reichtum an Haaren am ganzen übrigen Körper, die ihn wie ein Pelz bedecken. Im großen und ganzen weisen die Ainu in ihren Gesichtszügen mehr Ähnlichkeit mit den kaukasischen, als mit den mongolischen Völkern auf; Bälz stellt sie geradezu mit den russischen Bauern in Parallele. Die Ainu sind von +Charakter+ gutmütige, höfliche, man kann beinahe sagen, unnatürlich kriechende, unterwürfige, dabei aber träge und arbeitscheue, sowie dem Trunke und dem Tabakgenuß sehr ergebene Leute.

Im wesentlichen sind sie +Jäger+ und vor allem +Fischer+; Ackerbau erlaubt das kalte Klima ihnen kaum. Sie graben sich auch Wurzeln mittels Grabstöcken aus. Auf der See bedienen sie sich zum Fange der Harpunen (Abb. 56); früher betrieben sie die Jagd mittels (mit Akonit) vergifteter Pfeile. Ihr einziges Haustier ist der Hund, der ihnen ihre Schlitten zieht (Abb. 57). -- Sie +wohnen+ in Holzhütten mit Binsenbedeckung (Abb. 60 bis 62), die teils direkt auf dem Boden, teils auf Gerüsten stehen, teilweise auch in Erdwohnungen.

Die +Kleidung+ der Ainu besteht aus Fellen und Stoffen aus Ulmenbast (Abb. 58); beide Geschlechter tragen enge Beinkleider, Jacke, langen Rock und Schuhe, dazu Schmuck in Gestalt von großen Ohrringen aus bunten Stoffstreifen oder Metall, silbernen Halsbändern und Kopfbinden. Ganz eigenartig ist die +Tatauierung+ der Frauen, künstlerisch verschlungene Linien auf Armen und Händen sowie schnurrbartähnliche Muster an der Ober- und Unterlippe, wodurch sie ein ganz männliches Aussehen bekommen (Abb. 62). Bereits im siebenten Lebensjahre beginnt man bei den kleinen Mädchen an der Oberlippe damit und fügt alljährlich ein Stück des blauschwarzen „Schnurrbartes“ mehr hinzu, so daß mit etwa zwanzig Jahren die Tatauierung vollendet ist.

Die Ainu leben in +kleinen Horden+ in Dörfern unter einer Art Häuptlingen, die bei festlichen Gelegenheiten eine mit einem roh aus Holz geschnitzten Bärenkopfe geschmückte Krone aus Weidenholzspänen und Seegras, ein besonderes Kleid aus bunten Stoffstreifen und ein großes Schwert tragen.

Die Ainu sind ihrer +religiösen Anschauung+ nach reine Animisten; sie halten die ganze lebende und tote Natur von Geistern und Göttern belebt, beten diese an und huldigen ihnen durch Opfer, im besonderen durch Darbringen von Reiswein. Ihre Hauptgottheit ist heutzutage (wohl von Japan aus eingeführt) der Gott der Sonne; dieser gebietet allen übrigen Gottheiten. Außer diesem hohen Gott gibt es noch eine ganze Reihe Götter zweiten Grades, die zahllosen Geister, die in dem Feuer, den Bergen, Flüssen, Tälern, Wäldern, selbst in den Tieren (Walfisch, Seebär, Walroß, Otter und vor allem dem Bären) leben oder die Seelen der Vorfahren vorstellen und insgesamt unter der Bezeichnung der Kamui zusammengefaßt werden. Alle diese Geister sind ihnen gutgesinnt und fördern ihr Wohlbefinden. Daneben aber kennen die Ainu auch solche Wesen, die sich angelegen sein lassen, sie zu schädigen, ihnen Unglück und besonders Krankheit und Tod zu bringen; diese verehren sie nicht, sie beten sie ebensowenig an oder opfern ihnen, sondern bekämpfen sie nur; den Kampf übernehmen die Schamanen.

Die +Opfer+, die die Ainu ihren Göttern darbringen, bestehen in Speise und Trank (Abb. 59); außerdem stellen sie ihnen zu Ehren überall, wo es nur möglich ist, eigenartige Gegenstände auf, die sie +Inau+ nennen. Es sind dies für gewöhnlich Ästchen aus Weiden-, seltener aus Erlen- und Ebereschenholz, an denen stellenweise kurze Streifen abgespalten sind, so daß diese wie Locken herabhängen. Sie sollen menschliche Figuren darstellen, was man mit einiger Phantasie auch wohl erkennen kann. Daneben werden aber auch große Inaue in Gestalt hoher Stangen oder Bäume errichtet, die oft ganz verwickelte Gestalten wiedergeben; so zum Beispiel stellt ein kleiner Tannenbaum, an dem die Äste quirlähnlich stehen gelassen sind, den Sonnengott dar. Auch Bündelchen mit abgespaltenen Holzstückchen werden als Inau bezeichnet; das Bezeichnende für alle die so benannten Gegenstände scheint das Vorhandensein von Holzspänen zu sein. Man trifft die Inaue überall, entweder einzeln oder in Gruppen zusammen an, in und vor dem Hause, auf Bergen, am Meeres- und Flußufer, im Walde, auf Wegen, Grabstätten und sonst noch. Sie spielen eine überaus wichtige Rolle im Leben der Ainu, die sehr viel Zeit auf ihre Herstellung verwenden. Über die Bedeutung der Inaue sind die verschiedensten Meinungen aufgestellt worden. Die eine davon besagt, daß die Inaufigur an Stelle früherer Menschenopfer getreten sei und das Einkerben den Ausdruck des Bauchaufschneidens bedeute; eine andere behauptet, daß die Inaue aus dem Shintokultus herstammten, das heißt auf die mit farbigem Papier behängten Opferstäbchen der Japaner als Vorbild zurückgehen und ebenso wie diese aus dem Opfergegenstand zum direkten Gegenstand der Verehrung, das heißt zur Gottheit geworden seien. Indessen befriedigen auch diese Erklärungen nicht. Am wahrscheinlichsten erscheint mir die Annahme, daß die Inaue die Rolle eines Vermittlers zwischen Menschen und Göttern zu spielen haben, daß die „hölzernen Menschen“ gleichsam die Gabe besitzen, diesen die Wünsche und Bedürfnisse der lebenden Menschen zu überbringen, und daß die Späne an ihnen Zungen darstellen. Im Augenblick großer Gefahr, zum Beispiel bei Sturm auf dem Meere, holt der Ainu ein Holzstäbchen, das er stets bei sich trägt, hervor, kerbt es in der bekannten Weise ein und wirft es, sobald die Figur fertiggestellt ist, ins Meer mit den Worten: „Gehe zum Geist des Meeres und sage ihm, daß er gehörig acht gebe“ und so weiter. -- Eine besondere +Verehrung+ zollen die Ainu dem +Bären+, der auch ihre wichtigste Nahrungsquelle abgibt. Sie fangen im Beginn des Frühjahres junge Tiere ein und ziehen sie in Käfigen (Abb. 61 und 63), die im Hause der Häuptlinge stehen, angeblich an der Brust der Weiber, auf. Wenn sie erwachsen sind, werden diese Bären unter gewissen Zeremonien getötet und verzehrt. Die Schädel aber werden auf Pfählen aufgesteckt und dienen zur Anbetung (Abb. 64).