Part 33
Werbung und Heirat sind bei den ostafrikanischen Stämmen im großen und ganzen dieselben. Meistens hält der junge Mann bei seinem zukünftigen Schwiegervater um dessen Tochter an, gelegentlich machen aber auch die beiderseitigen Väter die Sache untereinander aus. Bei den Waganda geht das Mädchen auf die Freite; wenn die jungen Leute einig geworden sind, führt die Verlobte ihren Auserwählten zu ihrer Tante, diese ihn wieder zu dem Bruder des Mädchens und dieser endlich zum Vater. Der Bruder setzt aber den Brautpreis fest. Die Wagandamädchen dürfen sogar Reisen unternehmen, um sich einen Mann zu suchen; zum Zeichen dessen tragen sie eine Unmasse Armringe. Bei den Latuka und Wasoga geht das junge Paar, wenn es einig geworden ist, einfach durch; Vater oder Bruder kommen dann und fordern das Hochzeitsgeschenk ein. Hat bei den ersteren der Schwiegersohn nicht so viel, um zu bezahlen, dann hat der Vater der jungen Frau das Anrecht auf das erste Kind. -- Der Preis für heiratsfähige Mädchen schwankt sehr; bei den Lenda geht er bis zu sechzehn Kühen und hundert Ziegen. Für gewöhnlich erhält der Vater das ausbedungene Hochzeitsgeschenk oder, falls er bereits verstorben sein sollte, der Bruder des Mädchens. Bei den Wasukuma muß der junge Ehemann für seinen Schwiegervater die ersten zwei Jahre seiner Ehe arbeiten, erst dann darf er mit der Frau in sein Dorf zurückkehren. -- Einige Stämme verloben ihre Töchter bereits im Alter von etwa acht Jahren. Von diesem Zeitpunkt an macht der zukünftige Schwiegersohn von Zeit zu Zeit dem Vater Geschenke. Haben sich, wenn das Mädchen heiratsfähig geworden ist, genügend Geschenke angesammelt, ungefähr vierzig Hacken, zwanzig Ziegen und eine Kuh, dann findet die Hochzeit statt. Der Ehemann hat dann aber auch den ersten Anspruch auf alle Schwestern seiner Frau, sowie sie heiratsfähig geworden sind. Stirbt ihm die Frau ohne Kind, so muß der Vater den Brautpreis zurückerstatten. Besonders bei den Wagaia geht der Ehe eine lange Verlobungszeit voraus, denn die jungen Mädchen werden hier schon mit sechs bis sieben Jahren verlobt, aber erst nach eingetretener Reife ihrem Gatten überlassen. Dieser holt sie dann aus dem elterlichen Hause ab; der Schwiegervater schlachtet einen Ochsen und sorgt für das erforderliche Hochzeitsbier. Großen Wert legt der junge Ehemann darauf, daß seine junge Frau noch unberührt ist. Ist das nicht der Fall, dann schickt er sie mit großem Schimpf zu ihren Eltern zurück; der Schwiegervater ist daraufhin verpflichtet, ihm nicht nur den ganzen Brautpreis zurückzuzahlen, sondern wegen der Schande, die die ungeratene Tochter über den Gatten brachte, noch eine Entschädigungsumme zuzuzahlen.
+Vielweiberei+ ist unter den ostafrikanischen Stämmen sehr verbreitet. Der Masai pflegt sogar außer seinen Ehefrauen sich noch Nebenfrauen zu halten, je nach seinen Vermögensverhältnissen. Die zuerst angeheiratete Gattin ist indessen die Hauptgattin und steht über den späteren Frauen. -- Zwischen Schwiegereltern und Schwiegersohn bestehen unzählige Gepflogenheiten. Bei den Lendu darf der Schwiegervater seinen Schwiegersohn nicht besuchen, bei den Batoro ihn nicht einmal mehr sehen. Der Unyoroschwiegersohn hat niederzuknien, wenn er seiner Schwiegermutter begegnet, und anderes mehr.
+Eheliche Treue+ ist bei manchen Stämmen, vor allen bei den Masai, ein unbekannter Begriff, und zwar sowohl für den Mann wie für die Frau. Läuft eine Frau ihrem Manne weg und kehrt sie zu ihren Eltern zurück, so haben diese, falls sie ihre Tochter wieder ins Haus nehmen, den Brautpreis zurückzuerstatten. Es kommt aber auch vor, daß der Mann sich seine Frau wieder holt, dann nimmt er aber für gewöhnlich ein kleines Geschenk mit.
Ehebruch pflegt bei den Bantu mit einer Geldstrafe an den beleidigten Ehemann bestraft zu werden. Diese besteht manchmal nur in einer Ziege, manchmal auch wieder in der Höhe des ursprünglichen Preises der Frau. Die Masai und Nandi betrachten Ehebruch als kein schweres Vergehen, belegen ihn aber ab und zu doch auch mit einer Geldstrafe. Manche Stämme indessen ahnden solches Vergehen schwer und, wenn das Mädchen unverheiratet war, sogar mit dem Tode. Die Manyema, sowohl Mann wie Frau, führen wirklichen Kampf mit der Frau oder dem Manne, mit denen ihr Lebensgefährte Ehebruch beging. Kommt einer dabei ums Leben, dann müssen die Verwandten die Fehde aufnehmen.
Im allgemeinen gelten bei den Bantu Mord, Diebstahl, Ehebruch und Hexerei für die einzigen strafbaren +Übertretungen+. Mord, an einem Manne aus einem anderen Stamme begangen, wird für gewöhnlich nicht für ein Vergehen angesehen, oft auch der Mord an einer Ehefrau nicht weiter beachtet. Die Banyoro und Wahima bestrafen einen Mord mit dem Tode, die Masai nur mit einer Geldstrafe in schwankender Höhe. Die Wasukuma haben hundert Ziegen zu zahlen, wenn sie einen Mann, und halb so viel, wenn sie eine Frau ermordet haben. Das Todesurteil wird für gewöhnlich durch den Spieß vollstreckt, außer wenn es sich um einen Zauberer handelt; dieser wird oft totgeprügelt. -- Die Nandi bestrafen Viehdiebstahl ebenfalls mit dem Tode, die Kamasia mit einer schweren Geldstrafe, nur wenn der Dieb sie zu bezahlen nicht imstande ist, ebenfalls mit dem Tode, die Masai auch nur mit einer Geldstrafe, die aber dreimal so hoch ausfällt, als der gestohlene Gegenstand Wert hat. In Uganda wurde früher Diebstahl nicht geahndet, außer etwa, wenn es sich um das Eigentum eines Häuptlings handelte. Bei den Lendu bleibt es einem Bestohlenen überlassen, den Dieb ausfindig zu machen und selbst zu bestrafen. Auf Hexerei steht fast immer die Todesstrafe.
Nach eingetretenem Tode ist es üblich, den Körper zu waschen, was für gewöhnlich die Ehefrauen des Verstorbenen oder die sonstigen Weiber des Haushalts besorgen. Die Suaheli legen die +Leiche+ auf eine Bettstelle inmitten der Hütte und graben in den Boden darunter ein Loch, in welches das zum Waschen verwendete Wasser abläuft. Darauf wird die Leiche in ein großes Tuch aus Glanzkattun (Bafuta) gehüllt und auf einer Bahre zum Grabe getragen; hier begräbt man sie nach mohammedanischem Ritus. In Uganda berief früher beim Tode eines Kabaka oder Fürsten der erste Minister die Prinzen und fragte ihren Vormund, wer sich wohl von ihnen am besten zur Nachfolge eignen dürfte, worauf dieser einen berührte. Dieser wurde nun Kabaka und erhielt eine Rolle Rindentuch, in das er seinen verstorbenen Vater einzuhüllen hatte. Jetzt wählt der Rat der Eingeborenen, der Lukiku, ihren neuen Fürsten. Ein gewöhnlicher Untertan wurde einfach begraben, die Leiche eines Fürsten aber brachte man an einen besonderen Platz und legte sie hier auf eine erhöhte Plattform. Dann wurde der Unterkiefer abgeschnitten, in eine Holzschüssel getan und, mit Kaurimuscheln verziert, in einer eigenen, dicht bei dem Grabe erbauten Hütte untergebracht. Um die Leiche wurde hierauf ein großes Grabmal oder eine Hütte erbaut und deren Tür für immer verschlossen. Früher pflegte man noch Menschenopfer zu Hunderten darzubringen, deren Überreste vor der Tür der Hütte den Geiern zum Fraß überlassen wurden. Die ganze Stätte wurde schließlich mit einer Umfriedigung eingeschlossen, innerhalb deren noch Hütten für die Wächter und die Frauen des toten Königs errichtet wurden; ihre Pflicht war es, das Grab bis zu ihrem Lebensende zu bewachen; sodann traten andere Personen an ihre Stelle.
Die Banyoro entsetzen sich davor, in der Nacht zu sterben, da zu dieser Zeit die Geister sie holen könnten. Um dieser Gefahr vorzubeugen, soll es vorkommen, daß man sehr kranke Menschen manchmal lebendigen Leibes schon am Tage begräbt, sofern zu befürchten steht, daß es nachts doch mit ihnen zu Ende gehen werde. Die Leiche wird in Rindentuch oder bei großer Armut in Gras eingewickelt und in der Nähe der Hütte begraben. Einen Häuptling pflegt man mit an den Körper herangezogenen Beinen und unter den Kopf gelegten Händen in die Haut einer frisch geschlachteten Kuh zu nähen, ihn auf die linke Seite zu legen und so ins Grab zu senken, worauf man Rindenstoff hineinwirft und das Grab zuschaufelt. Der Mukuma oder König wurde in derselben Weise gewickelt und dann mit neun lebenden Männern in ein großes Grab gelegt; dieses aber wurde nicht zugeschüttet, sondern über seiner Öffnung eine Haut fest mit Pflöcken befestigt und eine Hütte oder ein Grabmal darüber errichtet. In dieser Hütte mußten der Oberbefehlshaber und die Diener des Königs das Grab bewachen. -- Die Masai, Suk und Turkena erheben bei eingetretenem Todesfall ein Wehklagen und tragen die Leiche darauf in den Busch, wo sie sie einfach mit dem Gesicht gegen Westen, damit sie den Neumond sehe, hinlegen, zur Freude der Geier und Hyänen. Die Nandi, Kikuyu und Lumbwa begraben ebenfalls ihre Häuptlinge, während sie im übrigen die Leichen im Busch liegen lassen. Die Kamasia legen für ihre Häuptlinge im Viehkral das Grab an und pflanzen Sträucher darauf, alle anderen Leichen aber bringen sie in den Busch und legen Felle darüber. Die Kavirondo und Baziba begraben einen Häuptling in sitzender Stellung in seiner Hütte, lassen den Kopf aber aus der Erde heraussehen. Bei ersteren müssen die Frauen in der Hütte bleiben, bis das Fleisch vom Kopfe abfault, dann wird auch dieser begraben. Bei letzteren übernimmt ein bestimmter Wächter diese Pflicht. Nach zwei Monaten wird auch hier der Kopf unter die Erde geschoben und darauf ein neuer Häuptling gewählt. Die Wahima brechen ihren Toten, wenn sie erkaltet sind, die Gelenke und den Hals, wickeln sie in eine Matte und begraben sie unter einem Dunghaufen im Viehkral. Nach seinem Tode wird der Name des Verstorbenen nie mehr genannt; war sein Name etwa auch die Bezeichnung für irgendeinen Gegenstand, so verschwindet dieses Wort aus der Sprache, und ein neues wird für den betreffenden Gegenstand geschaffen. Ähnlich verfahren die Masai, die niemals mehr den Namen eines Verstorbenen in den Mund nehmen.
Nach einem +Begräbnis+ oder wenigstens nach Ablauf der Trauer pflegt man einen großen Tanz und ein Biergelage abzuhalten. Die Madi markieren oft einen Kampf; ein jeder gerät in große Aufregung, und es ist daher nichts Ungewöhnliches, daß Männer bei Begräbnissen getötet oder zum mindesten schwer verletzt werden. Bei den Manyema ertönt nach Eintritt eines Todesfalls ein Signal, auf das hin die Freunde und Verwandten sehr zahlreich zusammenströmen und die Leiche hinwegbringen. Sie kochen sie darauf und essen sie zu Hause. Nahe Angehörige wie die Eltern essen nicht von dem Fleische, wohnen auch nicht der Beerdigung bei. -- Der Sohn eines Baziba trägt um den Hals ein Band, an dem zwei Stückchen Holz befestigt sind, die Vater und Mutter vorstellen; stirbt eines von ihnen, dann wird das betreffende Hölzchen weggeworfen.
Die +Witwen+ des Verstorbenen gehen häufig auf den ältesten Sohn oder Bruder über; jedoch haben die verschiedenen Stämme vielfach besondere Sitten. In der Regel dürfen die Witwen erst nach Ablauf einer bestimmten Trauerzeit wieder heiraten, und auch dann nur mit Zustimmung ihres Vormundes. Bei den Suaheli ist die Witwe gezwungen, drei Monate lang sich zurückzuziehen; sie darf während dieser Zeit nicht ausgehen, wohl aber Besuche ihrer Angehörigen empfangen.
Nordostafrika.
Nordostafrika läßt sich geographisch, das heißt seinem landschaftlichen Charakter nach, in zwei große Gebiete gliedern: in das Hochland und in die Ebene. Das erstere, eine Anzahl größerer und kleinerer Tafelländer und Tafelberge mit zahlreichen Bergzacken und turmartigen Erhebungen, bildet nicht nur im geographischen, sondern auch im politischen Sinne eine Einheit, das Kaiserreich +Abessinien+, das bereits auf ein hohes Alter zurückblicken kann. Es wurde schon im vierten Jahrhundert die Wiege des Christentums im Herzen Afrikas. Leider ist sein alter Ruhm mehr und mehr verblaßt, und jetzt ist Abessinien nur noch die Karikatur eines Staatswesens. Südlich von diesem Hochland breitet sich die große öde und unwirtliche ostafrikanische Steppe aus, ein gleichförmiges Landschaftsbild, das sich weit nach Süden nach dem eigentlichen Ostafrika hinein erstreckt. Die das afrikanische Osthorn begrenzenden Gebiete führen die Bezeichnung +Somalland+.
Die für Nordostafrika in Betracht kommenden +wichtigsten Völker+ sind ganz im Osten, am Golf von Aden und Indischen Ozean, die +Somal+, nördlich von ihnen an der Küste des Roten Meeres die ihnen stammverwandten +Danakil+ oder Afar, auf der abessinischen Hochebene die Stämme der Abessinier und im Süden von ihnen, also im Südwesten, die +Galla+; ihnen schließen sich die uns schon bekannten +Masai+ an. Alle diese Völker, ebenso die nördlich von ihnen wohnenden Nubier und Ägypter bezeichnet man als +östliche Hamiten+, die nordostafrikanischen im besonderen als Äthiopier. Sie unterscheiden sich deutlich von den Negern Afrikas; ob sie, wie vielfach behauptet wird, direkt aus Stämmen hervorgegangen sind, die aus Asien herüberkamen, oder durch Aufpfropfung solcher Einwanderer auf bereits ansässige Negervölker entstanden sind, bleibt noch zu entscheiden. Abgesehen hiervon sind die Hamiten heutigestags nicht das einzige anthropologische Element der nordostafrikanischen Völker, sondern gleichsam nur die Unterschicht, zu der viel semitisches (arabisches) Blut hinzugekommen ist. Besonders die Somal haben solches in starkem Maße aufgenommen, weniger schon die Danakil, und am reinsten dürften die Galla den ursprünglichen Typus bewahrt haben. Noch bunter aber ist die Mischung in Abessinien; hier haben sich Ägypter, Griechen, Juden, Portugiesen, Inder, Araber und Neger zu einem wirklichen Völkerchaos zusammengeschlossen, den Kern des abessinischen Volkes aber bilden Semiten. Der eigentliche östliche Hamitentypus ist gekennzeichnet durch eine ziemlich hohe, grazile Gestalt (im Mittel hundertsiebenundsechzig Zentimeter), langen, schmalen Schädel, langes, ovales Gesicht mit feiner, gerader oder leicht gebogener, hervortretender Nase, schlanke Gliedmaßen, eine braunrötliche bis schokoladefarbige Haut, dunkle Augen und schwarzes, bald mehr lockiges, bald mehr wolliges Haar.
Die +Beschäftigung+ der Abessinier erstreckt sich auf ganz einfachen Ackerbau, Viehzucht und etwas Industrie, besonders auf die Herstellung von silbernen Filigran-, Leder- und Flechtarbeiten sowie Stickereien. Kunst und Technik werden vielfach in den Dienst der Kirche gestellt. Auch die übrigen Hamitenstämme sind überwiegend Viehzüchter (Abb. 477 und 478), treiben daneben aber auch alle das Kriegshandwerk (Abb. 474 und 475) und Raub. Besonders die Galla werden als kühne Krieger gerühmt.
Die +Kleidung+ der Abessinier hat viel Arabisches an sich. Sie besteht aus anliegenden Beinkleidern, einem langen, über sie hinausreichenden weißen Hemd und einem baumwollenen oder seidenen Umschlagetuch, das wie eine Toga über die Schulter geworfen wird und in malerischen Falten herabfällt (Abb. 479). Die Frauen raffen ihr weitärmliges Hemd um die Taille mit einem Gürtel zusammen. Füße und Kopf bleiben unbekleidet, nur die Priester (Abb. 480) tragen ein turbanähnlich um den Kopf geschlagenes Tuch. Sie zeichnen sich ferner durch eine weiße Jacke mit weiten Ärmeln und Schuhe mit aufgebogenem Schnabel aus. -- Die Kleidung der Somal (Abb. 481) und der ihnen verwandten Stämme ist ebenfalls ein langes, lakenähnliches Tuch, das um den Körper geschlungen wird (Abb. 476) und häufig auch noch den Kopf wie eine Kapuze bedeckt; bei den Frauen (Abb. 482) sind es zwei Teile, von denen der eine, längere, einen losen Rock mit vielen Falten bildet, während der andere die Stelle einer Weste oder eines Mieders vertritt und sich nach oben in die Kapuze verlängert.
Die +Haare+ werden bei den abessinischen Männern entweder kurzgeschnitten getragen oder zu kurzen anliegenden Zöpfen geflochten. Die Haartracht der Frauen besteht ausschließlich in solchen, auch bei den Somal und verwandten Stämmen. Eigenartig ist die Frisur der Somalmädchen. Erst lassen sie sich das Haar bis zu einer gewissen Länge wachsen, scheiteln es sodann in der Mitte und flechten es dicht am Scheitel oder ein bis zwei Zoll tiefer in Dutzenden von kleinen Zöpfchen rings um den Kopf; am Ende eines jeden dieser Zöpfe lassen sie noch einen kleinen Haarbüschel stehen (Abb. 483). Während die älteren Somalmänner sich das Haar zu rasieren pflegen, lassen die jüngeren es sich abwechselnd zu einem großen Wulst auswachsen und wieder rasieren. Die Esasomal stecken stets lange speilartige Kämme in ihre aufgebauschten Haare (Abb. 486). Vor den üblichen Aufnahmezeremonien der Knaben wird diesen eine runde Stelle oben auf dem Kopfe geschoren; nur ein kleiner Haarbusch bleibt auf dem Wirbel stehen. Den jungen Mädchen hingegen wird der ganze Kopf in mancherlei Mustern geschoren; später lassen sie sich die Haare wieder wachsen und dann niemals mehr kürzen. Verheiratete Frauen tragen stets ein Netz um ihr Haar.
Um ihre natürliche +Schönheit+ noch zu +erhöhen+, +färben+ sich die Abessinierinnen die Finger- und Fußnägel rot und das Zahnfleisch schwarz, wodurch sich die Zähne vorteilhaft abheben. Ferner werden die Augenbrauen künstlich scharf gezeichnet, und Brust, Hals und Rücken tragen nicht selten kunstvolle Tatauierungsmuster. In erster Linie aber wenden sich die Frauen an den Geruch-, weniger an den Gesichtsinn der Männer, denn auf Wohlgerüche wird ein außerordentlicher Wert gelegt und eine solche Verschwendung mit ihnen getrieben, daß die Wirkung auf den Europäer eine der beabsichtigten gerade entgegengesetzte ist. Natürlich behängen sie ihren Körper, soweit sie dazu imstande sind, mit zahlreichem, oft genug recht kostbarem Schmuck (Abb. 488).
Die Abessinier sind sehr +intelligent+ und besonders schlau im Abschließen von Geschäften, aber sehr faul und schmutzig. Daher besitzen sie auch beinahe mehr Feier- als Arbeitstage. In jedem Monat feiern sie als Hauptfeste die vier Sonnabende und Sonntage, den Sankt-Michael-, Sankt-Gabriel-, Sankt-Miriam- und Sankt-Georg-Tag am 12., 19., 21. und 23., sowie Christi Geburt am 28. jedes Monats. Dazu kommen noch als wichtige Feiertage Ostern, Weihnachten, Neujahr (im September) und kurz danach Mascal zur Erinnerung an die Entdeckung des Kreuzes (Abb. 487). Die Festlichkeiten pflegen länger als drei Tage zu dauern. Die Priester, die in bunte Gewänder gekleidet und mit Kreuzen aus Silber, Gold oder Messing, mit Weihrauchfäßchen, Kronen, Bildern der Jungfrau Maria mit ihrem Kinde und seidenen Sonnenschirmen mit aufgezeichnetem Kreuz einhergehen, führen bei diesen Gelegenheiten Tänze auf; viele dieser Tänze blicken auf ein hohes Alter zurück und sollen auf den Tanz Bezug nehmen, den König David vor der Bundeslade aufführte. Bei all dieser Lustigkeit vergessen die Abessinier jedoch auch nicht das +Fasten+, sie beobachten im Gegenteil häufig und streng die ihnen durch die Religion vorgeschriebene Enthaltsamkeit. So fasten sie an jedem Mittwoch und Freitag sowie während der Monate März und April; auch die Regenzeit um den August herum ist für sie eine besondere Zeit des Fastens und des Gebets.
Wie die meisten Naturvölker finden auch die +Somal+ an +Tanz+ (siehe die farbige Kunstbeilage) und +Gesang+ große Freude. Der Somal komponiert sich sein Lied vielfach selbst, unterwegs beim Wandern; sein Inhalt erhebt sich aber meistens kaum über eine öde Schmeichelei auf diejenige Persönlichkeit, der zu Ehren es verfaßt ist. Findet der Sänger, daß sein Werk bei seinen Freunden anspricht, dann lernt er es auswendig und lehrt es oft noch andere; auf diese Weise überliefern sich manche Lieder mehrere Menschenalter hindurch. -- Wird unter den Somal ein neuer Sultan gewählt, dann findet für gewöhnlich ein Dibaltig statt. Es ist dies sozusagen ein Reiterschaustück. Jedes Stammesmitglied, das ein Pferd zur Verfügung hat oder es sich borgen kann, beteiligt sich daran. Zuerst wird ein Sänger erwählt, der ein Lied, Gerar genannt (Abb. 484), komponieren muß, und zwar tut er dies meistens sogleich an Ort und Stelle. Es besteht auch wieder aus widerlichen Schmeicheleien auf den Sultan. Alle Reiter stellen sich bei seinem Vortrage in Reih und Glied auf, der Sänger vor ihnen in der Mitte; darauf läßt er mit erhobenem Speer seine Weise erklingen, setzt seinen Pony in Bewegung und trabt auf den neuen Sultan zu (Abb. 485). Die übrigen folgen ihm, anfänglich langsam, dann aber schneller werdend, alle mit hochgehobenen Speeren und Schilden, und bringen ihre Pferde nach gestrecktem Galopp unmittelbar vor ihrem neuen Herrscher zum Stehen. -- Die Galla sind gleichfalls dem Tanze sehr zugetan (Abb. 490).