Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 34

Chapter 343,060 wordsPublic domain

Die +Galla+ feiern alle Jahre das +Fest der Maisernte+, Yarabbi genannt; an ihm dürfen nur Frauen teilnehmen, Männern ist es nur gestattet, in beschränkter Anzahl aus der Entfernung zuzusehen. Die feierliche Handlung spielt sich zunächst um eine heilige Sykomore ab. Hier erwartet eine greise Priesterin auf einem dreistufigen Schemel sitzend die Ankömmlinge; sie hält einen langen Stab in der Rechten und trägt als einziges Abzeichen ihrer Würde einen breiten, langen, mit Muschelscheiben geschmückten Lederriemen um das rechte Handgelenk. Die Frauen erscheinen alle ebenfalls mit einem langen Stecken, den sie gegen den Baum lehnen, mit einer Handvoll Grünzeug und mit Maisbroten, die sie ablegen. Alle tragen auf dem Kopfe entweder einen Zweig mit wohlriechenden Blättern beziehungsweise Blumen oder einen elfenbeinernen Kamm. Sobald sich ihrer etwa fünfzig eingefunden haben, pflücken sie von den benachbarten Sträuchern Blätter ab; dann lassen sie sich in Gruppen von je etwa fünfzehn auf die Knie nieder inmitten zweier großen Haufen Grünes, die mit ihrer gewölbten Seite einander zugekehrt aufgeschichtet sind. Jede von ihnen legt den linken Arm um die Hüften ihrer Nachbarin und schlägt mit der Rechten unter Hervorstoßen eintöniger Laute, die später einem Grunzen gleichkommen, taktmäßig auf die vor ihr liegenden Blätterhaufen, wobei sie den Kopf gleichfalls im Takt nach hinten wirft. Diese Bewegungen werden immer wilder und arten schließlich in ein wirkliches Verzücktsein aus. Wenn dieses ein paar Minuten angehalten hat, verstummt der Lärm plötzlich. Die Frauen erheben sich und machen neuen Ankömmlingen Platz, die dieselbe Handlung vornehmen; der Vorgang wiederholt sich etwa fünf- bis sechsmal. Darauf ergreifen die Weiber ihre Stäbe und gehen langsam unter eintönigem Gesang etwa hundert Meter den Weg, den sie gekommen sind, zurück, wobei sie auf der Stelle hüpfen und zugleich Hände voll Kräuter pflücken, die sie zu einer Garbe zusammenraffen. Sodann hocken alle in langer Reihe eine nach der anderen nieder und halten ihre Stäbe mit den Bündeln wagrecht über die Köpfe, dabei murmeln sie wieder unverständliche Worte. Sobald sie sich erhoben haben, stellen sie alle ihre Stäbe zu einem Haufen zusammen und strecken gegen diesen die Hände mit Grünzeugbündeln aus. Schließlich kehrt die Gesellschaft wieder zum heiligen Baume zurück, hüpfend und singend, wie sie gekommen war. Mittlerweile sind die hier zurückgebliebenen Frauen nicht untätig gewesen; die eine von ihnen hat in einem aus Ton gefertigten Napfe Kaffeebohnen mit Butter und Salz geröstet, während vier andere den Gesang um die Kräuterhaufen fortgesetzt haben. Die Zurückgebliebenen erheben sich jetzt und gehen den unter Führung ihrer Priesterin Zurückkehrenden gleichfalls unter Hüpfen mit Grasbüscheln in den Händen entgegen. Nun umarmen sich alle und begeben sich gemeinsam zum Baum, der von dem ganzen Zug noch einmal umgangen wird. Dann legen die Frauen ihre Bündel am Fuße des Baumes nieder, umstellen ihn im Kreise und sagen dabei mit tiefer Stimme allerlei Sprüche auf. Damit schließt die eigentliche Feier. Es werden nun noch die mitgebrachten Maisbrote am Baume niedergelegt, auf die sich die abseits lauernden Kinder auf ein verabredetes Zeichen stürzen und um die sie sich balgen, um möglichst viele in ihren Fellsäcken verschwinden zu lassen.

Ein interessantes Gebiet der abessinischen Kultur ist die +Rechtspflege+, die noch auf dem alten Grundsatze beruht: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Im allgemeinen können die Abessinier nicht ohne ständige Gerichte leben; wegen der geringsten Kleinigkeit wird von ihnen das Gericht angerufen und unter hochgradigen Aufregungen verhandelt und gestikuliert. Eigentliche Freiheitstrafen kennt das abessinische Recht nicht, es wendet nur Körper- oder Geldstrafen an. Erstere werden meistens auf dem Hauptmarktplatze am Sonnabend unter Anwesenheit mächtiger Menschenmassen vollstreckt. Ist ein Diebstahl begangen worden und kann der Täter nicht sogleich ermittelt werden, so greift man zu einem eigentümlichen Verfahren, um ihn ausfindig zu machen. Man läßt in das betreffende Haus einen Knaben kommen und versetzt ihn durch Trinken von Milch, in die eine betäubende Medizin getan wurde, sowie durch Rauchen aus einer Pfeife, die etwas Ähnliches enthält, in eine Art Traumzustand. Der Knabe zieht sodann, ähnlich wie ein Polizeihund, mit einem Vertreter der Gerichtsbarkeit, mit dem er durch einen Strick verbunden ist, durch die Straßen und Häuser der Stadt. Derjenige, den er berührt, gilt als der Dieb, und damit ist dessen Urteil gesprochen, denn für den vermeintlichen Dieb gibt es kein Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Die Strafen, die auf Diebstahl stehen, sind besonders hart. In einfacheren Fällen wird dem Diebe mit einer Peitsche der entblößte Rücken blutig geschlagen, oft so, daß dieser eine einzige blutige Masse bildet. Ist das Vergehen schwerer, dann wird dem Übeltäter die rechte Hand abgehauen, im Wiederholungsfalle der linke Fuß, dann eventuell noch die linke Hand und der rechte Fuß. Falsche Aussagen vor Gericht werden zunächst mit Geldstrafe, bei Rückfälligkeit mit Ausschneiden der Zunge bestraft. Der Abessinier schwört beim Tode eines Großen des Reiches. Straßenraub und Mord werden mit Todesstrafe geahndet. Der Mörder wird den Angehörigen des Toten ausgeliefert, die über sein Schicksal zu bestimmen haben, sei es, daß sie, was meistens geschieht, durch Totschlag an ihm Rache nehmen oder sich mit Geld und Vieh begnügen. Meist findet die Ahndung durch die gleiche Todesart statt, wie sie der Verbrecher gegen sein Opfer angewendet hatte. Das ehrenvollste ist das Erschossen-, das entehrendste das Gehängtwerden.

Die Abessinier sind monophysitische +Christen+ und als solche der koptischen Kirche (Abb. 489) zugeteilt; noch heutzutage weiht der koptische Bischof von Alexandria den abessinischen. Die Lehre Jesu fand bereits im vierten Jahrhundert Eingang in Abessinien durch zwei gefangene Christen aus dem Abendlande, sie verbreitete sich bald im Lande und wußte sich gegenüber den Stürmen des auf sie eindringenden Islams zu erhalten. Allerdings ist dieses Christentum vielfach auf Abwege geraten und hat in Aberglauben und Kultus allerlei Zutaten erfahren, die teils dem Islam, teils dem Heidentum der Grenzvölker, auch wohl dem Judentum entstammen. Doch ist unter den Abessiniern auch die Lehre Mohammeds vielfach mit solchen durchsetzt. Alle Abessinier, ob Christen, Mohammedaner oder Heiden, glauben an Geister der verschiedensten Form und Gestalt, die alle möglichen Beziehungen zum Bösen haben. Dementsprechend halten sie noch an vielen abergläubischen Gebräuchen fest. Ein paar Beispiele hiervon. Wer eine Hyäne tötet, zerstört sein Glück, denn man meint, daß diese Tiere Tote verschlingen, deren Seelen dann in ihrem Körper weiterleben. Man glaubt ferner, daß Grobschmiede nachts den Schornstein hinauf verschwinden und sich in Hyänen verwandeln; sie sollen auch mit dem Teufel im Bunde stehen. Wenngleich solcher Aberglaube heutigestags im Abnehmen begriffen ist, so wird doch immer noch kein Abessinier besseren Standes seine Tochter einem Grobschmied zur Frau geben. Der weiße Adler soll großes Unglück bringen und wird, wenn möglich, stets geschossen. Seine Leber wird herausgeschnitten und sodann gegen ein Kuheuter gerieben; ein Teil kommt schließlich in ein Amulett, und der Rest wird unter das Trockenfutter der Haustiere verteilt. Auf diese Weise hofft man einen reichlichen Milchertrag zu erzielen. Der Kopf eines weißen Raben soll, um den Hals eines Tieres gehängt, dieses gegen den bösen Blick schützen. Überhaupt spielt der böse Blick eine große Rolle; viele Krankheiten werden ihm zugeschoben. Kinder schützt man dagegen, indem man sie stets mit Baumwollstoff bedeckt. Krankheiten, die durch den bösen Blick bereits entstanden sind, werden auf folgende Weise wieder beseitigt: Fleisch und Haut einer Hyäne werden in ein kleines Gefäß getan und glühende Kohlen darauf gelegt; den sich daraus entwickelnden Brodem muß der Leidende durch Mund und Nase einziehen, dabei wie eine Hyäne heulen und sprechen: „Der und der hat den bösen Blick auf mich geworfen.“ Die Furcht vor dem bösen Blick ist auch die Ursache, daß ein Abessinier es nicht gern hat, wenn jemand ihm beim Essen zusieht; man kann daher oft beobachten, wie Menschen, die am Wege gerade ihre Mahlzeit einnehmen, sich den Kopf mit einem Shama bedecken (Abb. 491).

Ärzte sind, außer in den von Europäern bewohnten Gegenden, in Abessinien unbekannt. Das Volk wird von den Priestern behandelt, die ihren Patienten Amulette (Abb. 492) und Kräuterabkochungen verabreichen. Sie behaupten die Macht zu haben, den Teufel auszutreiben.

Die Priester (Abb. 493) der abessinischen Kirche dürfen mit Ausnahme dessen, der im Allerheiligsten waltet, die Ehe eingehen, aber nur einmal in ihrem Leben. Es gibt auch unzählige Mönche und Nonnen, aber nur unverheiratete Männer und ältere Frauen dürfen in ein Kloster gehen. Die Klöster werden durch Almosen unterhalten. -- Die Erziehung des Volkes liegt in den Händen der Priester, jedoch darf niemand über seinen Stand hinaus erzogen werden. Alle modernen Ideen sind vom Unterricht ausgeschlossen, und wer etwa für solche empfänglich sein oder Neugierde nach ihnen verraten sollte, wird der Ketzerei angeklagt. Auch dem Reichtum, den der einzelne anhäufen darf, ist ein Ziel gesetzt.

Wie schon gelegentlich erwähnt, bekennt sich ein Teil der Abessinier zum Mohammedanismus; auch die Somal und zum größten Teil die Galla sind Anhänger dieser Glaubenslehre; aber obwohl sie diese streng befolgen, oft in dem Maße, daß sich ihre Anbetung zur wahren Ekstase steigert, lassen sie sich auf der anderen Seite doch nicht daran hindern, an manchen abergläubischen Vorstellungen festzuhalten. Ein Teil der Galla ist noch vollständig im Heidentum befangen.

Über besondere Bräuche bei +Schwangeren+ und +Gebärenden+ unter den Abessiniern ist meines Wissens nichts bekannt geworden; sie werden sich wohl im großen und ganzen nach den Riten der christlichen und mohammedanischen Kirche richten. Nur soll es während der Niederkunft einer Abessinierin sehr laut zugehen; die Personen, die sie umgeben, erheben fortwährend ein lautes Geschrei, wohl ein Überbleibsel der alten Sitte, die Dämonen dadurch zu vertreiben. Will die Geburt nicht recht vonstatten gehen, dann zieht sich der Ehegatte die Sandalen aus, umschreitet barfuß das Haus und teilt mit der flachen Klinge seines Schwertes auf dessen Außenwände Schläge aus, während drinnen die helfenden Frauen heiße Gebete an die Jungfrau Maria, die Beschützerin aller Gebärenden, richten.

Bei den Somal verläuft die Geburt ohne sonderliche Feier. Ein Knabe wird im allgemeinen mit großer Freude begrüßt. Die Nachbarn des glücklichen Vaters werfen dann Baumzweige auf seine Hütte und sprechen hierbei den Wunsch aus, daß Allah ihm eine an Söhnen reiche Familie verleihen möge. Bei den Somal pflegen sich nach Bekanntwerden einer Geburt die Yebir einzufinden, Angehörige einer Pariaklasse, von denen man glaubt, daß sie keines natürlichen Todes sterben; sie verlangen eine kleine Abgabe von den Eltern, die diese ihnen wohl niemals abschlagen, aus Furcht davor, daß sie bei etwaiger Verweigerung von den Yebir Schaden zugefügt bekommen könnten. Als Gegengabe für solches Geschenk verabreicht der Yebir der jungen Mutter ein Zaubermittel, für gewöhnlich ein winzig kleines Stückchen in Leder eingewickelten Holzes, das dem Kinde um den Hals gehängt wird. -- Die Somal und Galla beschneiden ihre Kinder; dabei finden große Festlichkeiten statt (Abb. 494). Bei den Mädchen der Somal wird zugleich auch die Infibulation angewendet, die bis zu der Verheiratung erhalten bleibt. Die Knaben der Abessinier bleiben bis zum sechsten Jahre bei der Mutter, dann kommen sie, falls die Familie vornehm ist, an den Hof, wo sie Unterricht erhalten und Pagendienste tun müssen. Die Mädchen werden im Hause erzogen, wo sie das Hauswesen, das Spinnen und die Künste, den Männern zu gefallen, erlernen. Bereits mit vierzehn bis fünfzehn Jahren gehen sie die Ehe ein; meistens erhalten die Eltern für sie einen Kaufpreis in Form von Vieh oder Geld. Es gibt drei Wege, die Ehe zu schließen. Am unbeliebtesten ist die kirchliche Einsegnung, weil die Ehe dann nicht geschieden werden kann; sie kommt fast nur in fürstlichen Familien vor. Eine zweite Art besteht darin, daß sich das Brautpaar zu einem besonderen Richter und fünf Schöffen begibt, vor denen der Mann im Namen Meneliks gelobt, seine Frau stets gut zu behandeln und im Falle einer Scheidung ihr eine Abfindungssumme (für gewöhnlich achtzig Mariatheresientaler) zu gewähren. Die dritte Art der Eheschließung ist die einfachste. Der Mann sagt zu seiner Auserwählten einfach: „Komm!“ Folgt sie seinem Wunsche und ziehen sie beide zusammen, dann sind sie verheiratet. -- Für gewöhnlich bietet eine Hochzeit Anlaß zu ausgiebigen Fest- und Trinkgelagen. Die Frau ist Herrin im Hause; sie bringt ihr Gesinde mit, beköstigt und bekleidet es.

Ehescheidungen kommen häufig vor und sind leicht herbeizuführen. Mit Zustimmung der beiderseitigen Eltern können auch kirchlich geschlossene Ehen für ungültig erklärt werden. Scheidet sich das Ehepaar, dann zieht die Frau mit ihren Sklaven und Sklavinnen, den Kindern, die aus der Ehe hervorgegangen sind, und ihrer Abfindungssumme einfach ab. Etwas Unehrenhaftes wird darin nicht erblickt, und ein jeder Teil hat das Recht, sich wieder zu verheiraten; er macht auch meistens davon Gebrauch.

Beim Tode eines Mannes erfordert es der Brauch, daß der Bruder des Verstorbenen die Witwe heiratet.

Bei den +Somal+ ist es das Mädchen, das sich den Ehegatten mit Billigung ihrer Eltern wählt. Auch bei diesem Volke wird vor der +Hochzeit+ ein Brautpreis ausbedungen, der bei den habsüchtigen Forderungen des Schwiegervaters oft ziemlich hoch ausfällt; natürlich werden dabei auch die Vermögensverhältnisse des Werbers in Betracht gezogen. Der Preis bewegt sich von wenigen Rupien und einem halben Dutzend Schafe und Ziegen bis zu hundert Kamelen und wird in zwei Raten bezahlt, die eine Hälfte sogleich bei seiner Feststellung, die andere vor der Hochzeitsfeier. Die Trauung selbst ist eine sehr einfache Sache. Nachdem der Preis bezahlt worden ist, begeben sich Braut und Bräutigam in die Wohnung des Kadis, woselbst der künftige Gatte ein feierliches Gelübde ablegt des Inhaltes, daß er dem Mädchen Wohnung geben, es ernähren, kleiden und versorgen werde. Nachdem der Kadi noch einige Koranverse vorgelesen hat, ist die Handlung beendet, und der junge Ehemann führt seine Frau in sein Haus. Am Abend dieses Tages wird dann aber noch ein Iyar (Abb. 495) abgehalten, zu dem alle Freunde des Paares eingeladen werden. Ein Iyar besteht in Sang und Tanz, den der Bräutigam eröffnet. Im übrigen beteiligt er sich nicht weiter daran, sondern zieht sich, nachdem er das Zeichen zur Eröffnung gegeben hat, mit zwei Freunden in seine Hütte zurück. Darauf nähern sich einige Männer unter dem Gesang eines Liedes, das für diese Gelegenheit besonders verfaßt wurde und aus guten Ratschlägen für das junge Paar besteht, der Hütte und beschreiben einen Halbkreis um sie. Zwei Leute treten hervor und führen einen bestimmten Tanz, Shirbo genannt, auf, wobei sie mit den Füßen aufstampfen und Luftsprünge machen. Ist der Shirbo zu Ende, dann schließen sich die Freundinnen der Braut den Männern an, und alle begehen jetzt zusammen den eigentlichen Iyar. Sie tanzen im Kreise, klatschen in die Hände und stampfen nach dem Takte eines besonderen Liedes mit den Füßen, bis sie erschöpft umfallen. Darauf werden noch Erfrischungen umhergereicht, und die Gäste brechen auf. An allen diesen Festlichkeiten nimmt die Braut keinen Anteil; es gehört zum guten Ton, daß sie sich dabei überhaupt nicht sehen läßt.

Im großen und ganzen hält der Somal viel von seiner Frau; er behütet sie sorgfältig. Wenn sie ihm treu bleibt und ihn mit Kindern beschenkt, heiratet er häufig genug keine zweite mehr, obgleich ihm das mohammedanische Gesetz, wie wir bereits wissen, vier Frauen zu nehmen gestattet.

Beim +Todesfall+ eines Abessiniers versammeln sich Freunde und gute Nachbarn draußen im Hof des Sterbehauses, und die Frauen erheben eine Wehklage und einen Totengesang. Die Leiche wird auf ein gerüstartiges Holzgestell mit geschnitzten Füßen gelegt, mit Ochsenhautstreifen verschnürt, mit Stoff zugedeckt und von kräftigen Männern zum Begräbnisplatz getragen, wo man den Toten, dem man das Gesicht nach Osten gewendet hat, ins Grab senkt. Nach dem Begräbnis findet für gewöhnlich noch ein Festgelage statt. Vierzig Tage später gibt es zur Erinnerung an die Auferstehung ein zweites, und im dritten sowie im zwölften Monat nach dem Tode wiederholt sich die Feierlichkeit abermals. Zum Zeichen der Trauer wird das Haar kurz geschnitten.

Unter den Somal fällt ein hoher Prozentsatz den blutigen Raubzügen und Fehden zum Opfer. Denn Räubereien stehen unter diesen Stämmen gleichsam auf der Tagesordnung; natürlich werden dabei viele Menschen getötet. Die Gegenpartei verlangt dementsprechend Sühne und beginnt, falls eine solche nicht bezahlt wird, die Fehde von neuem. So hören die blutigen Kämpfe meistens nicht eher auf, als bis ein großer Teil der Leute hat daran glauben müssen. Kommt schließlich ein Ausgleich zwischen den Parteien zustande, so währt der Friede leider oft genug auch nicht allzu lange, denn irgendein gestohlenes Kamel oder ein Streit um ein Weib bringen die Kugel von neuem ins Rollen, und bald liegen sich die Stämme wiederum in den Haaren. Auf diese Weise wird die Volkszahl der Somal stark geschmälert. Der bekannte Afrikareisende und Geograph Philipp Paulitschke schätzte ihre Gesamtzahl noch Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf mehr als zwei Millionen. Nach neueren Berechnungen aber beträgt ihre Kopfzahl kaum eine Million.

Wie wenig übrigens den Somal ein Menschenleben gilt, zeigt unter anderem auch die auf uraltem Herkommen beruhende Forderung, daß jeder Jüngling, der sich zu verehelichen wünscht, die Tötung zum mindesten eines Mannes muß nachweisen können.

Ihre Toten werden von ihnen, da sie Anhänger des Islams sind, nach mohammedanischem Brauch beerdigt. Auf dem Grabe wird ein Stein errichtet. Wo der Boden locker ist, so daß die Hyänen die Leichen leicht ausgraben können, wird ein hoher Palisadenzaun um die Gräber errichtet (Abb. 496). Auch bei den heidnischen Galla sind solche Zäune üblich.

Ägypten.

Die Bevölkerung des Landes der Pharaonen besteht in der Hauptsache aus hamitischen Elementen, zu denen sich im Laufe der Zeiten semitische und in geringerem Grade auch Negerstämme hinzugesellten. Schon in der Vorzeit muß dieselbe ziemlich die gleiche wie heute gewesen sein, denn wir begegnen auf den Figuren der alten Malereien und Bildwerke aus der Pharaonenzeit bereits den gleichen Köpfen und Zügen sowie der gleichen Hautfarbe, die wir jetzt noch auf der Straße antreffen.

Der +Religion+ nach unterscheiden sich die Ägypter in +Kopten+ und +Fellachen+; die ersteren sind Anhänger des christlichen, die letzteren des islamitischen Glaubens, aber in ihrem Äußeren sind sich beide Teile ziemlich gleich, höchstens kann man sagen, daß die Kopten vermöge ihrer Religion sich mehr davor gescheut haben, arabisches, das heißt semitisches Blut in sich aufzunehmen. Es ist daher falsch, die Fellachen zu Arabern zu stempeln, zu behaupten, daß sie ausschließlich von den mohammedanischen Eroberern des Landes abstammten, wie es vielfach geschieht. Zwar mag ihre Eigenschaft als Anhänger des Islams sie selbst dazu geführt haben, daß sie sich als Verwandte der Araber betrachteten und dementsprechend die Besonderheit ihrer ägyptischen Nationalität aus den Augen verloren haben, aber in Wirklichkeit sind sie mit den Kopten eines Stammes. Beide sind Nachkommen der alten Nilbewohner aus der Zeit der Denkmäler und Sphinxe.

Wenngleich diese religiöse Spaltung naturgemäß manche Unterschiede in den Gebräuchen, besonders in den Festen und Fasten, zur Folge gehabt hat, so sind diese doch keineswegs so groß, wie man annehmen könnte, nicht einmal in religiösen Dingen. So kommt es vor, daß ein alter Moslem zur Jungfrau Maria betet und den christlichen Heiligen bei gewissen Gelegenheiten und an bestimmten Orten Opfergaben darbringt, und die Mosleme sowohl Christus wie auch seine Mutter verehrt.