Part 21
Da die Frau durch den Kalym Eigentum des Mannes wird, so kann er mit ihr machen, was er will. Er kann sie auch züchtigen, sowie weiter verhandeln, vertauschen und verschenken. Gegenseitiger Austausch der Ehefrau war unter den Aleuten, Jakuten und Itälmen üblich. Ebenso kann ein Korjäke seine Frau einem Freunde, selbst wenn dieser schon verheiratet ist, für längere Zeit durch Vertrag überlassen. Sehr verbreitet ist unter den Sibiriern (Tschuktschen, Tungusen, Korjäken, Samojeden und so weiter) die Sitte, einem Gastfreunde, um ihn besonders zu ehren, Frau, Tochter oder Schwiegertochter für die Nacht zu überlassen. Als Zeichen einer solchen Annäherung von seiten der Frau gilt bei den Tschuktschen ein Kitzeln der Fußsohle des Gastes.
Eine +Scheidung+ der Ehe geht leicht vor sich. Ist ein Mann mit seiner Frau nicht zufrieden oder ist er ihrer überdrüssig geworden, dann sendet er sie einfach ihren Eltern zurück; er ist dann allerdings verpflichtet, den Kalym zurückzuerstatten. Einer Witwe ist es erlaubt, wieder zu heiraten; falls sie es aber nicht tut, steigt sie bei den Giljaken in der Achtung. Bei den Ostjaken siedelt die Witwe nach dem Tode ihres Mannes zu den Eltern des Verstorbenen über, die sie dann wieder wie ihre eigene Tochter verheiraten können; sind die Schwiegereltern schon gestorben, dann kehrt die Frau zu ihren eigenen Eltern zurück.
Mit der +Sittlichkeit+ der Sibirier ist es im allgemeinen nicht sonderlich gut bestellt. Die unverheirateten Mädchen haben in geschlechtlicher Hinsicht vollständige Freiheit; niemand nimmt daran Anstoß, wenn sie vor der Ehe Verkehr haben, wohl aber wird es für entehrend gehalten, wenn dieser von Folgen begleitet ist. Daher ist der Kindsmord keine ungewöhnliche Erscheinung.
Bei Erkrankungen eines Menschen pflegt man den Schamanen zu rufen, der durch Beschwörung (wie wir oben schilderten) versucht, die entwichene Seele wieder einzufangen und zurückzubringen. Ist seine Kunst vergeblich und steht der +Tod+ des Kranken zu erwarten, dann schrecken die Tschuktschen nicht davor zurück, ihn auf gewaltsame Weise aus dem Wege zu räumen. Wenn der Kranke in Schlummer verfallen ist, legen sie um seinen Hals einen Riemen und schnüren ihm damit die Kehle zu (Abb. 314). Nach Eintritt des Todes wird die Brust geöffnet und die Luftröhre durchschnitten. Es kommt auch vor, daß alte Leute, die des Lebens überdrüssig geworden sind, ihre Angehörigen angehen, sie ins Jenseits zu befördern; diesem ihrem Wunsche wird dann auch entsprochen. An demselben Tage noch wird der Leichnam in Felle eingehüllt und auf einem Renntierschlitten auf eine Hochebene oder in die Wildnis gefahren, wo man ihn vollkommen nackt mit nach Nordosten gerichtetem Kopfe einfach auf den Boden hinlegt und den Tieren zum Fraße überläßt (Abb. 315). Der Schlitten, der ihn dorthin brachte, wird zerhackt, die Renntiere, die ihn zogen, werden getötet und einige Streifen ihres Fleisches über den Toten gelegt. Meistens umgibt man den Toten noch mit einer Steinumwallung in Form eines Rechtecks und setzt einen kleinen Napf mit etwas Wegzehrung für die Reise ins Jenseits neben ihn, ferner einige Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, wie seine Pfeife und sein Messer, damit er sich ihrer auch dort bediene, wie hier auf Erden. Nie wieder wird die Begräbnisstätte von den Angehörigen betreten.
Nach dem Tode eines Ostjaken zündet man im Tschum um die Leiche ein Feuer an und läßt den Schamanen kommen, damit er den Toten frage, auf welchem Friedhofe er beerdigt sein will. Dies geschieht in der Weise, daß man den Ort nennt und den Kopf der Leiche zu erheben sucht. Das Einverständnis erkennt man daran, daß der Tote dieses zuläßt; im anderen Falle würden drei Männer nicht imstande sein, seinen Kopf zu heben. Die Frage muß solange wiederholt werden, bis der Tote einwilligt. Darauf wird die festlich gekleidete Leiche entweder in einen Sarg oder in ein Boot gelegt; das letztere zerschneiden sie zu diesem Zwecke in zwei Hälften, in die eine kommt die Leiche zu liegen, mit der anderen wird sie zugedeckt. Sodann wird sie in einer Grube beigesetzt, wobei der Sarg erst mit Birkenrinde und dann mit Erde bedeckt wird.
Das Grab wird überdacht nach Art eines Hauses oder einer Jurte, doch bleibt in dem Dache eine Öffnung, um dem bösen Geist einen Ausweg zu lassen. Durch die gleiche Öffnung reicht man dem Verstorbenen Speise und Branntwein. Auf das Dach werden allerlei Gegenstände gelegt, ein Schlitten, ein Stein, Körbe, ein kleines Täschchen, ein Ruder und anderes mehr, unter das Dach stellt man auf das Grab eine Schale und einen Löffel, um den Verstorbenen bei Gelegenheit seines Gedächtnismahles zu speisen. Ein solches wird nämlich fünf Tage nach dem Tode eines Mannes und vier nach dem eines Weibes abgehalten; dabei werden Renntiere geopfert und verspeist, sowie Branntwein dazu getrunken. Nach dem Leichenmahle spießt man die Schädel der Opfertiere auf Pfähle (Abb. 316) und behängt letztere mit deren Geschirr, sowie mit kleinen Glocken. Der Schlitten, der die Leiche nach dem Friedhof brachte, wird zerschlagen. Zum Zeichen der Trauer tragen die Weiber einige Tage ihre Zöpfe aufgelöst. Eine Ostjakenehefrau zerkratzt sich beim Tode ihres Gatten das Gesicht mit den Nägeln, reißt sich die Haare aus und wirft sie auf die Leiche. Außerdem zieht sie einem hölzernen Block, dem man annähernd die Gestalt ihres Mannes gegeben hat, die Kleider ihres Gatten an, stellt ihn an den Ort, wo er zu sitzen pflegte, nimmt ihn nachts mit auf ihr Lager und küßt ihn; so treibt sie es ein volles Jahr lang, worauf sie den Klotz unter Tränen begräbt.
Bei den Jakuten wird der Verstorbene am dritten Tage in einem mit einem weißen Tuche vollständig bedeckten Sarge auf einem von Ochsen (niemals von Pferden) gezogenen Schlitten zur Grabstätte hinausgebracht. Niemand begleitet ihn außer den Trägern und Totengräbern; die letzteren schaufeln in größter Hast das Grab aus und eilen dann schnell nach Hause, bei der Heimkehr dürfen sie sich aber auf keinen Fall umsehen. Zu Hause führen sie dann die Tiere, die die Leiche zogen, durch ein Feuer, das sie aus den Abfällen des Sarges und dem Stroh, auf dem der Tote lag, entzünden. Die Spaten und auch die sonstigen Werkzeuge, mit denen sie beim Grabe hantierten, werden an diesem zurückgelassen; bei einem Kinde dagegen legt man dessen Spielzeug auf das Grab und hängt seine Wiege nebenan an einem Baume auf. Ist ein Schamane beerdigt worden, dann werden seine Zaubertrommel und sein Kostüm ebenfalls am Grabe aufgehängt. Man begräbt diese Leute bei Nacht oder wenigstens am Abend in großer Eile und meidet späterhin ihre Stätte ängstlich.
Die Frau eines Golde legt sich des Nachts neben den verstorbenen Ehemann und deckt sich mit dem gleichen Tuche wie die Leiche zu; sie glaubt nämlich, daß seine Seele noch nicht fortgegangen sei, sondern so lange im Hause weile, bis der Schamane sie ins Jenseits geführt hat. Auch nach dem Begräbnis geht die Witwe von Zeit zu Zeit nach dem Grabe des Gatten und legt sich hier nieder. Am nächsten Tage nach dem Tode wird die Leiche durch das Fenster gehoben und auf der Straße in den Zedernholzsarg gelegt; unter ihren Kopf legen die Frauen aus Papier geschnittene Tierfiguren und unter die Füße einen Stein; dies ist nötig, um ins Jenseits zu gelangen. Auf dem Wege zur Grabstätte wird mehrere Male haltgemacht und der Sarg jedesmal mit Branntwein begossen; dabei ruft man dem Toten noch die Worte zu: „Trinke, gute Reise in das Land der Seelen; komm nicht wieder und nimm keines deiner Kinder und Tiere mit.“ Der Sarg wird in einer Grube beigesetzt und über ihm eine Hütte errichtet, in die man die Jagdgeräte und Lieblingsgegenstände des Toten legt. Währenddessen zünden die Frauen neben der Grabstätte ein großes Feuer an und bitten den Toten noch einmal, daß er nicht wieder kommen und niemand nach sich ziehen möge. Hierauf wird ein Hund getötet, an einem Baume aufgehängt und mit Hirschfell bedeckt. Zu Hause wäscht sich die Witwe Hände und Gesicht und verbrennt wohlriechende Kräuter. Sodann werden die Vorratsräume, die, solange der Tote noch im Hause lag, geschlossen waren, wieder geöffnet und ein Totenmahl abgehalten.
Nach einigen Monaten findet sich ein Schamane ein, um die Seele des Verstorbenen mit Hilfe des Vogels Koori (eines aus Holz geschnitzten, mit rotem Rehfell überzogenen Vogels von der Gestalt eines Kranichs) und des Schutzgeistes Butschtschu (einer gleichfalls mit Rehfell überzogenen geflügelten menschlichen Figur mit krummen Beinen) auf ihrem Wege ins Jenseits zu begleiten, zu dem sie nicht allein den Weg kennt, sondern auch die Namen der Orte, die die Seele zu passieren hat -- es sind achtzehn Stationen -- und die Gefahren, die sich ihr auf dem Wege entgegenstellen. Der Schamane macht im Geiste bei seiner Beschwörung alle die furchtbaren Qualen angeblich mit durch und kehrt nach dem Erwachen aus seinem Dämmerzustand völlig erschöpft auf dem Vogel Koori und im Gefolge des Geistes Butschtschu wieder heim. Bis der Schamane ihre Führung übernimmt, hält sich die Seele des Abgeschiedenen in einem kleinen viereckigen Kissen auf, das man zu diesem Zwecke anfertigt. Man behandelt dasselbe wie eine lebende Person; man spricht mit ihm, gibt ihm zu essen und zu trinken und bedeckt es von Zeit zu Zeit mit den neuen Kleidern des Verstorbenen. Sobald aber die Seele ins Jenseits hinüber befördert worden ist, wird das Kissen zerrissen und ins Feuer geworfen. Damit sind alle Beziehungen zu dem Toten für immer aufgehoben, und die Witwe kann jetzt wieder heiraten.
Iran.
Iran, ein Hochland, das sich als Bindeglied zwischen Türkisch-Vorderasien und Indien hinzieht und in fast allen Richtungen zu der es umgebenden Niederung abfällt, umfaßt die drei Länder Persien, Afghanistan und Beludschistan. Seine Bewohner (Iranier) sind in der Hauptsache arischer, also nordeuropäischer Herkunft, haben sich aber teils mit der vor ihnen ansässigen Urbevölkerung, teils mit später eingewanderten Mongolen mehr oder weniger vermischt. +Sprachlich+ zerfallen die Iranier in die Perser, Afghanen, Beludschen und Kurden; alle diese Völker sprechen indogermanische Dialekte.
Der Grundstock der iranischen Bevölkerung gehört der zentralasiatischen, den Mongolen verwandten Rasse an, die sich durch kleine Gestalt, dunkle Haut und runden Schädel auszeichnet; man trifft sie noch in zusammenhängender Masse an vielen Orten an. Augenscheinlich wurde sie hierhin durch die von Osten her vordringenden langköpfigen und hellfarbigen Angehörigen der nordeuropäischen (arischen) Rasse, die sich mit ihr mehr oder minder vermischten, zurückgedrängt. Ihre Vertreter sind hauptsächlich die Tadschik und die Galtscha. Bekanntlich hat die gleiche Rasse auch an der Zusammensetzung der mitteleuropäischen Bevölkerung, vor allem in den Alpenländern bis nach dem zentralen Hochplateau Frankreichs hin, den Hauptanteil genommen; französische Autoren haben die Tadschik nicht mit Unrecht als die „Savoyarden von Kohistan“ bezeichnet.
Unter der iranischen Bevölkerung nehmen die erste Stelle, sowohl ihrer Zahl als auch ihrer Kultur und weltgeschichtlichen Bedeutung nach, die +Perser+ ein. Sie sind die allerdings mit mongolischen Elementen durchsetzten Nachkommen der alten Perser der Geschichte und dürfen als die verhältnismäßig reinsten Vertreter des arischen Typus angesehen werden. Ihre äußere Erscheinung ist gekennzeichnet durch hohe Statur, schönen Wuchs mit schlanken Gliedmaßen, schlichtes dunkles Haar, dunklen Teint (heller Milchkaffee), länglichen Schädel, ovales Gesicht, große, hellbraune Augen, edelgeformte, gerade oder leicht gebogene Nase, dünne Lippen und schmales Kinn. In zweiter Linie kommen die +Afghanen+ oder Paschtu; auch sie sind Vertreter des indoeuropäischen Typus mit der Eigentümlichkeit, daß ihr Gesicht einen sozusagen jüdischen Zug aufweist, nämlich eine kräftig gebogene Nase. Nach der Volksüberlieferung sollen ihre Vorfahren tatsächlich in Syrien gewohnt haben, bis Nebukadnezar die Bewohner dieses Landes gefangennahm und zum Auswandern nötigte; sie wurden zunächst von ihm in Persien und Medien angesiedelt, drangen dann aber von hier weiter ostwärts bis in die heutigen Gebiete von Afghanistan vor, wobei sie die eigentlichen Arier nach Indien vor sich herschoben. Die Afghanen zerfallen in eine Reihe Stämme, von denen die Durami, Ghilzai, Nasir, Pathan, Khattar und Kafir die wichtigsten sind. Im wesentlichen betreiben alle das Kriegshandwerk; mit ihren langen Flinten, Dolchmessern, sowie mit Bogen und Pfeilen verstehen sie gut umzugehen. Nebenbei aber sind sie auch Ackerbauer und Viehzüchter.
Die +Beludschen+ oder Biloch, die sich bis nach Indien hinein verbreiten, lassen in ihrem Äußeren bereits mehr fremdländischen Einschlag als die beiden genannten Völker erkennen. Die nördlichen Teile ihres Landes werden vorzugsweise von türkischen, die südlichen von arabischen Stämmen eingenommen, und nach Südwesten haben sich schwarze Drawida (die Brahui) vorgeschoben. Die Beludschen sind umherziehende Nomaden, die aber gleichfalls sehr kriegerisch und durch ihre räuberischen Einfälle ins persische Grenzgebiet gefürchtet sind.
Ihrem +Glaubensbekenntnis+ nach sind alle Iranier Anhänger der Lehre Mohammeds; die religiösen Gebräuche (Abb. 318 und 320) und Festlichkeiten (Abb. 319) sind daher meistens die gleichen wie sonst in der Welt des Islams. Sie spalten sich aber in zwei sich feindlich gegenüberstehende große Sekten, in die Sunniten in Afghanistan und Beludschistan -- auch die Kurden bekennen sich als solche -- und in die Schiiten in Persien. Die +Sunniten+ oder Traditionisten, die die große Mehrheit der Mohammedaner in Indien und der Türkei ausmachen, hängen an der Sunna, einer Sammlung von Überlieferungen über die Gebräuche und Vorschriften des Islams, die bereits zu Zeiten des Propheten in Medina entstand, und erklären sie als gleichberechtigt neben dem Koran, den gesammelten Offenbarungen des Propheten. Unter diesen orthodoxen Anhängern der Lehre Mohammeds gibt es wieder viele Abstufungen, von den hochgradigen fanatischen Afghanen (zum Beispiel im Kabultale) an bis zu den die Sache leichter auffassenden Beludschen herab, denen es meist genügt, wenn ihr Häuptling für den ganzen Stamm die Gebete verrichtet. Die +Schiiten+ dagegen erkennen nur den Koran an und halten Mohammeds Schwiegersohn Ali für den ersten rechtmäßigen Kalifen und seine Nachkommen, die im Bürgerkriege unterlagen, für seine wahren Nachfolger. Nach dem Tode des Propheten nämlich wurde Ali zugunsten seiner Rivalen um das Kalifat dreimal übergangen und bald darauf meuchlings ermordet. Ebenso fiel sein unglücklicher Sohn Hussein, der die Rechte des Vaters geltend machen wollte, in der Ebene von Kerbela am Tigris. Diese Tragödie rief so tiefes Mitgefühl für das Haus Ali hervor, daß seine Anhänger ihn fortan als den Schutzheiligen von Persien betrachteten, auf die gleiche Stufe mit Mohammed stellten und seitdem nicht mehr nach Mekka, sondern nach Kerbela am Tigris pilgern, wo sich das Grab Husseins und seines Bruders Hassan befindet. Die Nachkommen Alis vom Vater auf den Sohn, die Imame, werden von den Schiiten allein als die wahren geistlichen Führer, als die wahren und unfehlbaren Kalifen angesehen. Die Schiiten erwarten auch noch einen Messias, den Mahdi, der natürlich auch ein Nachkomme Alis sein wird; schon mehrfach haben sich Betrüger und Aufrührer für ihn ausgegeben.
Neben den Mohammedanern gibt es in Persien noch Anhänger der altiranischen Avestalehre oder Zoroasterreligion, die uns schon bekannten +Parsen+ (Parsis). Sie sind hier allerdings nicht sehr zahlreich vertreten, da die meisten nach der Zerstörung des Reiches der Sassaniden nach Indien auswanderten; aber sie bilden doch ein wichtiges Element im wirtschaftlichen Leben, zumal reiche und gebildete Leute (Bankiers und Gelehrte) zu ihnen gehören.
Die +Kleidung+ (Abb. 318 u. 320) der Perser besteht in einem baumwollenen langen, meist reich bestickten Hemd mit weiten Ärmeln, leinenen Hosen, die um die Hüften mit einer roten oder grünen seidenen Schnur zusammengehalten werden, einem kragenlosen, kaftanartigen Überrock aus Baumwolle oder Seide und einem vorn offenen, in seiner Länge nach der sozialen Stellung des Trägers sehr verschiedenen, häufig pelzverbrämten Mantel, der mit einem Gürtel geschlossen wird und dessen Falten die Stelle von Taschen vertreten. Die Frauen (Abb. 321) kleiden sich in ganz derselben Weise; sie ziehen sich ebenfalls Hosen an, die bei wohlhabenderen Damen aus einem kostbaren, reich bestickten oder perlenbesetzten Stoffe (Goldbrokat) angefertigt zu sein pflegen. Auf der Straße gehen sie mit verhüllten Gesichtern (Abb. 322), wie es der Koran vorschreibt.
Die Perser +wohnen+ in Häusern aus lufttrockenen Ziegeln oder, in waldreichen Gegenden, aus Holz. Die reichen Leute leisten sich recht luxuriöse Paläste. -- Als +Nahrung+ dient ihnen in erster Linie Reis, entweder gedämpft und getrocknet (Tschillau) oder mit Lammfleisch zu einer Art Pudding hergerichtet (Pillau) oder schließlich auch als Suppe (Arsh). Außerdem werden Lammfleisch (die einzige Fleischsorte), Hühner, Milch, Gerstenbrot, Früchte und besonders viel Süßigkeiten von ihnen genossen.
Die Perser gelten für besonders +fanatische Schiiten+. In Erinnerung an die Tragödie von Kerbela wird alljährlich im Monat Mohurrum eine Art +Passionsspiele+ aufgeführt, durch die alles in so hochgradige Aufregung gerät, daß es keineswegs zu den Seltenheiten gehört, wenn ein Schauspieler, der den Mörder des Imams Hussein darstellt, in Wirklichkeit getötet wird. Am zehnten Tage des Festes finden Umzüge von Männern und Knaben aus allen Gegenden durch die Straßen statt, wobei sich die Teilnehmer rhythmisch mit dem Rufe „O Hassan, o Hussein“ auf die Brust schlagen. Besonders fanatische Leute, die die Prozessionen (Abb. 323) anführen, sind in Totengewänder gekleidet und tragen am bloßen Körper Ketten, Hufeisen und Dolche, mit denen sie sich unter lautem Aufschreien Wunden beibringen (Abb. 324 und die farbige Kunstbeilage) und andere dazu ermuntern. In Yedz, einer abgelegenen Stadt mit besonders fanatischer Bevölkerung, wird ein mächtiges, mit Fahnen, Spiegeln, Schwertern und Dolchen ausgeputztes und mit Schals behangenes Gerüst langsam von fünfhundert Männern um den freien Platz der Stadt getragen (Abb. 327). Wer diesen Passionsspielen (Abb. 326) einmal beigewohnt hat, wird von der Tiefe der Gefühle, die hier zum Ausdruck kommen, ergriffen und wird auf der anderen Seite auch den Haß verstehen, mit dem die Schiiten ihre Feinde, die Sunniten, beständig verfolgen. Die heilige Stadt Persiens, der Stolz der Schiitenwelt, ist Mesched, denn dort ruhen unter einer goldenen Kuppel die sterblichen Überreste des achten Imams, namens Riza. Der Kalif Mamun, der Sohn des bekannten Harun al Raschid, der dort ebenfalls begraben liegt, ernannte diesen Imam zu seinem Erben in Anerkennung der Ansprüche des Hauses Ali, mußte aber diese Verfügung, die in Bagdad einen mächtigen Sturm der Entrüstung hervorrief, nicht nur wieder zurücknehmen, sondern ließ den Imam obendrein auch noch vergiften. Auf manchem persischen Bild findet sich dieser Vorgang wiedergegeben. Für fromme Schiiten bedeutet eine +Pilgerfahrt+ (Abb. 330) nach +Mesched+ das Höchste im Leben und steht bei ihnen in dem gleichen Ansehen, wie eine solche nach Mekka bei den Sunniten.
Die Pilger ziehen in großen Karawanen unter der Obhut eines Chausch oder Führers, der für ganz besonders tapfer und umsichtig gilt, dorthin; reiche Leute lassen sich von einem Mullah oder Priester begleiten, der ihnen Gebete oder Stellen aus den Passionsspielen vorliest, worauf manchmal alle Teilnehmer des Pilgerzuges antworten, so daß die Wüste von ihren Gesängen und Gebeten widerhallt. So wandern die Pilger Tag und Nacht weiter, alle fünfzehn Meilen etwa machen sie halt, und wenn sie aus dem südlichen Persien kommen, schrecken sie nicht einmal vor den Gefährlichkeiten des Lut, des schrecklichen „Toten Herzens“ Irans, zurück, wo die Nahrungsmittel sehr knapp sind und das Wasser salzig und schwer zu bekommen ist und wo außerdem Räuberbanden den unbewaffneten Wanderern auflauern. Wer diese Schrecknisse überwunden hat und an dem „Berge des Heils“ angelangt ist, für den bedeutet es dann das höchste Glück, auf die in grünen Gärten gebettete heilige Stadt mit dem goldenen Glanz ihrer Kuppeln und Türme hinabzuschauen und mit Freudentränen in ein Gebet einzustimmen. Nach einem Reinigungsbad legt der Pilger einen neuen Anzug an und betritt die „heilige Schwelle“ durch eine Pforte, über der Ketten hängen, zum Zeichen, daß er seine Füße auf geweihte Erde setzt. Sein Weg führt ihn zunächst über einen alten Hof, dessen Häuser mit ausgesucht feinen Ziegeln bedeckt sind, und dann weiter durch ein reich mit Gold bekleidetes Portal zu einer sehr geräumigen Halle, die unter dem Namen „Ort der Größe“ bekannt ist; von hier aus vermag er durch ein Gitter bereits in die Grabkammer hineinzusehen, muß aber noch eine zweite Halle durchschreiten, bis er die Freude erlebt, sich in Andacht auf der Schwelle des goldenen Tores niederzuwerfen. Geläutert erhebt er sich nach inbrünstigem Gebet, nähert sich dem reichen Gitterwerk und küßt das Schloß. Von dem Reichtum der Grabkammer kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Das Grab ist durch drei Gitter geschützt, von denen das mittlere aus Silber angefertigt und mit Edelsteinen besetzt ist; darüber hängen sehr kostbare Reiherbüsche, mit Juwelen besetzte Schwerter und Dolche, vielfach Geschenke von Fürsten. Am Fuß des Grabes befindet sich eine mit Goldplatten bedeckte und ebenfalls mit Edelsteinen reich verzierte Tür, kurz gesagt, das ganze Gemach flutet sozusagen in einem Meer von Glanz. Die Pilger umkreisen das Grab dreimal; dabei fluchen sie allen Feinden des Imams, im besonderen dem Harun al Raschid, worauf sie zum Schluß noch zu Allah beten.