Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 22

Chapter 223,145 wordsPublic domain

Eine auf den Straßen Persiens beinahe alltägliche Erscheinung sind die Derwische (Abb. 325), Bettelmönche, die nicht nur durch ihre sonderbaren Manieren, sondern auch durch ihre phantastische Tracht auffallen. Auf dem Kopf tragen sie eine weiße, mit Koransprüchen oder den Namen der zwölf Imame bestickte spitze Mütze, um Hals und Brust Glasperlen in allen Farben, sowie hölzerne Kugeln und über den Schultern noch ein Wolfs- oder Pantherfell, in der Hand meistens eine Stahlaxt, die mit goldenen und silbernen Einlegearbeiten versehen ist, oder wenigstens einen mit Nägeln und eisernen Knöpfen oder Spitzen besetzten schweren Knüppel; an Messingketten hängt ihnen vom Arme die Opferschale herab. Mit einem Horn künden sie ihr Erscheinen an und blasen vor einem Haus so lange, bis man ihnen eine Gabe spendet.

In Persien herrscht ein doppeltes +Recht+, das religiöse und das allgemeine. Das erstere, das sich auf den Koran, die niedergeschriebenen Ansichten der zwölf Imame und auf die Kommentare einer Schule kirchlicher Rechtsgelehrter stützt, wird von den religiösen Behörden vertreten, das andere dagegen, das auf ungeschriebenen Bräuchen und auf der Überlieferung fußt, von den weltlichen Behörden, die ihre Entscheidungen lediglich nach ihrem eigenen Ermessen von Recht und Unrecht treffen. Die allgemein übliche +Strafe+, die in Persien von Behörden, Lehrern und Haushaltungsvorständen verhängt werden darf, besteht in +Stockhieben+; wer diese Strafe erhält, „ißt Stöcke“, wie es im Volksmunde heißt. Man wirft ihn auf den Rücken, bindet seine Füße an eine Stange, die von zwei Männern gehalten wird, und schlägt ihn auf die nach oben sehenden Fußsohlen (Abb. 328). Die Männer, die diese Strafe vollziehen, sind aber leicht der Bestechung zugänglich; wenn der Delinquent ihnen ein Geschenk verspricht, lassen sie ihre Schläge auf die Stange anstatt auf die Füße gehen, zum Scheine aber muß das Opfer dann furchtbar stöhnen und schreien. Es gibt aber noch viel qualvollere Strafen, wie das Einsperren in Türme, in denen der Verbrecher unter großen Qualen schmachten muß, das Beschlagen der Füße mit Hufeisen, das Aufpfählen, das Hautabziehen bei lebendigem Leibe und das Erschießen mit einer Kanone; allerdings werden diese Strafen heutzutage seltener als noch vor wenigen Jahrzehnten verhängt. Allgemein hat in Persien noch der alte biblische Ausspruch Geltung: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“; ein Mörder wird oft zur Vergeltung seines Verbrechens der Familie des Getöteten übergeben.

Der Lieblingswunsch jeder wahren Perserfrau geht dahin, +Kinder zur Welt zu bringen+. Um dies zu erreichen, sammelt eine Frau in Mesched am letzten Mittwoch des Monats Safar sieben Walnüsse, ebensoviel Mandeln und Blätter eines Krautes, sowie drei Fäden so lang wie sie selbst groß ist, und besucht am anderen Morgen, von einem alten Weibe begleitet, den berühmten Steinlöwen. Hier öffnet sie, nachdem einige Gebete verlesen worden sind, die Nüsse und geht dreimal unter dem Löwen hindurch (Abb. 329). Dieser Brauch wird in Mesched und Hamadan beobachtet. In anderen Städten wird das Grab eines kurz zuvor getöteten Mannes und in Teheran die berühmte „Perlenkanone“ am letzten Mittwoch vor Neujahr in ähnlicher Absicht aufgesucht, angeblich stets mit gutem Erfolge. Hat die Frau ihren Wunsch erreicht, das heißt ist sie +schwanger+ geworden, dann treten an sie +verschiedene Verbote+ heran. So darf sie über keinen Kirchhof schreiten, auch nachts nicht in eine Küche treten, weil sie dann von einem bösen Geist (Dschinn) heimgesucht werden könnte; bei etwaiger Mondfinsternis darf sie nicht in den Mond sehen, ebensowenig ihren Körper mit den Händen berühren, da dies unfehlbar auf dem Körper des Kindes ein schwarzes Zeichen hervorbringen würde.

Um ein +leichtes Kindbett+ zu erzielen, muß man einen Erdklumpen zurechtmachen, das Eingangskapitel des Korans daraufhauchen und dann den Kloß in den Brunnen werfen. Im westlichen Persien schießt man Flinten ab, wenn eine Frau in den Wehen liegt, um Dämonen zu vertreiben, oder man legt einen Säbel neben die Kreißende oder setzt auf dem flachen Dache des Hauses eine Reihe als Soldaten angezogener Puppen durch Fäden in Bewegung. Zögert trotzdem die Geburt, dann läßt der Ehemann einen Schimmel von der nackten Brust seiner Frau Gerste fressen. Manche Pferde haben durch solchen vermeintlich günstigen Einfluß einen gewissen Ruf bekommen, und es geschieht dann, daß sich in einem Dorfe die Männer zweier Frauen, die gleichzeitig Geburtswehen verspüren, um dieses Heilmittel streiten.

Sobald ein +Knabe geboren+ ist, wird er fest wie eine Mumie eingewickelt, seine Augen werden mit Antimon geschwärzt und um seinen rechten Arm werden ein oder mehrere Amulette gebunden, um den bösen Blick abzuwenden. Dasselbe will die Hebamme dadurch erreichen, daß sie das Kind dreimal feierlichst Hals über Kopf umdreht. -- Während des +Wochenbetts+ darf kein Glas Wasser ins Zimmer gebracht werden, das würde Schielaugen beim Kinde zur Folge haben; ebensowenig darf es jemand, der Trauer hat, betreten, denn das würde Unglück bringen. Am siebenten Tage reibt man die Gelenke des Kindes mit Antimon ein. Verwandte und Freunde setzen sich dann in einem Kreis um dasselbe herum und schieben das Kind dreimal durch eine Rolle, auf der das schon öfters erwähnte Yasinkapitel des Korans geschrieben steht. Die persischen Mütter nähren ihre Lieblinge zwei Jahre lang; sie sind auf das Erscheinen des ersten Zahnes noch mehr erpicht als unsere Mütter. Denn sollte sich ein Zahn zuerst in dem Oberkiefer zeigen, dann stünde den Eltern ein furchtbares Unglück, vielleicht selbst der Tod bevor, falls nicht etwa, um das Unheil abzuwenden, das Kind vom Dache heruntergeworfen wird. Um nun in solchem Falle zu vermeiden, daß dieses gewaltsame Heilmittel einen noch schlimmeren Ausgang nehme als die Krankheit selbst, fangen vier Männer das fallende Kind mit einer ausgespannten Decke auf.

Eine +Einweihungsfeierlichkeit+ (Beschneidung) +der Knaben+ bis zum Alter von vierzehn Jahren wird allen Anhängern des Islams zur strengen Pflicht gemacht; bei den Reichen erfolgt diese Aufnahme bereits im Alter von acht Jahren. Freunde und Verwandte nehmen an diesem Feste teil. Ist die Zeremonie vorüber, dann wird ein Kohlenbecken mit Raute gefüllt und diese angezündet, um durch den Rauch Unglück abzuwenden; jeder der Anwesenden wirft eine Münze in die Flamme.

Die +Heirat+ erfolgt in Persien bereits in frühem Alter; für gewöhnlich wird für den Jüngling, wenn er das achtzehnte Jahr erreicht hat, von seiner Mutter Umschau nach einer geeigneten Frau gehalten, aber oft genug werden auch schon vierzehnjährige Knaben mit elfjährigen Mädchen verheiratet. Der Grund hierfür liegt in dem in Persien noch herrschenden Patriarchat, in dem Wunsche des Vaters, eine möglichst junge Schwiegertochter ins Haus zu bekommen, damit sie sich unter geringeren Schwierigkeiten an die neue Familie gewöhne, als dies bei einer schon älteren der Fall sein würde. Die Mutter hält also für ihren Sohn Umschau und sucht ihm, wenn möglich, eine Cousine aus, da diese sich bei ihren Verwandten bereits wie zu Hause fühlt. Läßt sich dies aber nicht einrichten, dann treten besondere Vermittler in Tätigkeit. Ist ein passendes Mädchen aus entsprechender Familie und mit entsprechendem Vermögen gefunden, dann machen die Mutter und ihre Schwester der neuen Familie einen formellen Besuch. Dabei wird das junge Mädchen aufgefordert, Zucker und Wasser hereinzuholen. Sie zieht sich zurück und legt ihre besten Kleider an; bei der Rückkehr wird sie von den Besuchern umarmt und aufs genauste untersucht, sogar ihre Haare werden auf Echtheit geprüft. Hieran schließt sich eine lange Besprechung, an der das Mädchen aber nicht teilnehmen darf. Beide Parteien übertreiben mit echt persischer Phantasie die Vorzüge ihrer Kinder und der beiderseitigen sozialen Stellung. In der nächsten Zeit suchen es die Frauen häufig so einzurichten, daß das Mädchen seinen Zukünftigen zu Gesicht bekommt, was sich leicht machen läßt, wenn er vorüberreitet oder spazieren geht. Es verstößt gegen die gute Sitte, daß der Jüngling die für ihn Ausgesuchte erblickt, aber manchmal wird dies doch bewerkstelligt; er versteckt sich dann in einem Nebenraum, wenn seine Auserwählte in Begleitung ihrer Mutter den Gegenbesuch macht. Ist man über den Brautpreis einig geworden, um den viel gefeilscht zu werden pflegt, dann findet die Verlobung statt, zu der Geschenke in Form von Schmucksachen und Schalen mit Süßigkeiten ins Haus der Braut gesandt werden; jedoch beteiligen sich an dieser Feierlichkeit nur die Frauen beider Familien. Ungefähr zwei Monate später findet dann die Hochzeit an einem glückverheißenden Tage statt, den der Astrologe festgesetzt hat. Es werden dazu wiederum Geschenke gesandt, darunter befindet sich eine Platte mit hundert verschiedenen Kräutertränken und Kräutern, ein Spiegel und zehn Meter Leinwand, mit der die Braut während der Zeremonie verhüllt wird, ferner ein Paar Leuchter, zwanzig Paar Schuhe und mehrere Platten mit Süßigkeiten.

Die Braut, die am Tage vorher ein Bad genommen hat, wird vor dem Spiegel mit den Leuchtern geputzt, dabei wird ihr die Leinwand um den Kopf geschlungen und durch die weiße Hülle ein Faden in sieben Farben gezogen. Ferner wird ihr der Mund voll Süßigkeiten gestopft und Zucker über den Kopf gestreut. In das Feuer schüttet man wohlriechende Drogen. Während dieser Vorbereitungen läßt ein Rechtsgelehrter, der bei den Männern sitzt, den Bräutigam rufen und sich von ihm in aller Form die Zusage machen, daß er für ihn als Vermittler tätig sein darf; darauf verliest er den Entwurf des Ehevertrages. Ein entsprechender Vermittler von seiten der Braut begibt sich zu dieser und fragt sie dreimal vor dem Vorhang zu den Frauengemächern, ob sie den Bräutigam zu den genannten Vereinbarungen nehmen wolle. Ihre bejahende Antwort läßt er sich noch von einer der anwesenden Frauen bestätigen. Nun verhandeln beide Agenten noch einmal gemeinsam; der des Bräutigams bittet dreimal den der Braut um deren Hand für seinen Klienten unter den Bedingungen, die im Ehevertrag festgelegt wurden. Der letztere bejaht die Frage dreimal, worauf das Ehebündnis für vollzogen erklärt wird und man Süßigkeiten zu sich nimmt. Die Zeremonie findet vorläufig ihren Abschluß damit, daß der Bräutigam nunmehr in die Frauengemächer geführt wird, wo er nach Überreichung eines Geschenkes, meist eines Ringes, den Vorzug genießt, seine ihm soeben angetraute Frau im Spiegel zu sehen. Weiter erfolgt nichts. Bis die Braut ihrem zukünftigen Heim zugeführt wird, vergeht noch einige Zeit, die zur Beschaffung der Einrichtung benutzt wird. An einem Nachmittag, den wiederum der Astrologe festgesetzt hat, werden die Hochzeitsgeschenke (Zeug, Möbel, Kochgeräte und so weiter) auf reich geschmückten Maultieren nach dem Hause des Bräutigams geschafft. Nach Einbruch der Dunkelheit begeben sich die männlichen Verwandten und Freunde des Bräutigams, denen in einiger Entfernung die weiblichen sich anschließen, zum Hause der Braut unter Begleitung von Musikanten, die Lampen und Fackeln tragen. Nach ihrer Ankunft wird dem Vater der Braut der abgeschlossene Ehevertrag überreicht. Inzwischen sind der Braut die Körperhaare sorgfältig entfernt worden, besonders auf dem Rücken, da hierüber der Aberglaube besteht, daß dort ein Haar des Todesengels wachse; außerdem wird sie jetzt in ihr Brautgewand gekleidet.

Endlich setzt sich der Hochzeitszug in Bewegung. Die Braut fährt in einem Wagen; Brot, Salz und Käse führt sie in einem Taschentuch mit sich. Regen bei dieser Fahrt bedeutet besonderes Glück. Der Bräutigam erwartet die Ankommenden in der Nähe seines Hauses, seine weiblichen Verwandten rufen der Braut zu: „Wir haben dich aufgenommen.“ Der Bräutigam schließt sich dem Zuge bis zu seinem Heim an. Hier werden noch Schafe geopfert, um den bösen Blick abzuwenden, und nun kann die junge Frau endlich ihr neues Heim betreten. Hier wird sodann eine große Freudenfeier abgehalten, zu der besondere Tänzer und Musikanten (Abb. 317 u. 332) eingeladen worden sind; in dem Hochzeitszimmer wird glückbringende Raute über einem Kohlenbecken verbrannt. Der junge Ehemann entfernt seiner Frau die Oberkleidung und nimmt ihr, nachdem sie sich gegenseitig die Füße gewaschen haben, den Schleier ab; beide betrachten sich nun wieder gegenseitig im Spiegel. Bei der sich daran anschließenden Mahlzeit steckt eines dem anderen einen Bissen in den Mund. Nach dem Essen brechen die Verwandten auf, nachdem sie im Brautgemach der jungen Frau beim Entkleiden behilflich waren. Der junge Gatte trägt dabei zum Schluß einige artige Verse vor.

Zu den unter dem Volke beliebten Belustigungen gehören die meist zu Neujahr stattfindenden Widderkämpfe (Abb. 331).

+Aberglaube und Zauberei+ sind unter der persischen Bevölkerung noch sehr im Schwange. Zahlreich sind die Mittel, sich einer lästigen Person oder eines Feindes auf dem Wege des Sympathiezaubers zu entledigen. Zu diesem Zwecke muß man ein bestimmtes Gebet einundvierzig Tage lang lesen, dann stirbt der Feind, oder man fertigt sich ein Bildnis an, das die unliebsame Person vorstellen soll, schlägt es täglich bis zum vierzigsten Tage und haut ihm am nächsten Morgen den Kopf ab, dann stirbt die betreffende Person ebenfalls, oder endlich man nagelt ein Stück Schafsfett an die westliche Mauer eines unbenutzten Friedhofs, am besten an einem Mittwoch, und steckt vierzig Tage lang eine Stecknadel in das Fett; in dem Maße, wie das Fett vergeht, löst sich auch der Feind auf. Es wird versichert, daß Leute, die von diesem Zauber, der gegen sie angewendet wurde, hörten, so in Angst und Aufregung gerieten, daß sie wirklich starben. Wünscht man nicht den Tod einer Person, sondern nur ihre Unbeliebtheit, dann zerstößt man eine Eselsrippe und mischt sie unter ihr Essen. Es muß aber eine linke Rippe sein; würde man aus Versehen eine rechte Rippe dazu verwenden, dann träte das Gegenteil ein, die betreffende Person würde in hohem Grade beliebt werden. -- Sehr verbreitet ist auch der +Liebeszauber+. Um die Neigung des Mannes zurückzugewinnen, streut die Frau Kardamom, Nelken, Zimt und anderes Gewürz in einen Krug, liest über ihm das schon erwähnte Yasinkapitel aus dem Koran siebenmal rückwärts, füllt hierauf die Kanne mit Rosenwasser, legt noch ein Blatt Papier, das den Namen ihres Mannes und die von vier Engeln enthält, sowie das Hemd des ersteren hinein und setzt schließlich das Ganze aufs Feuer; sobald die Flüssigkeit in der Kanne kocht, kehrt der Ungetreue eilenden Schrittes heim. Oder ein anderes, nicht minder wirksames Mittel. Man kratzt den Namen des Geliebten auf ein Hufeisen mit einem wirksamen Talisman ein und hält es ins Feuer; sofort wird der Geliebte unruhig und eilt stehenden Fußes zu seiner Angebeteten. -- Dort, wo Polygamie herrscht, wird eine neue Frau zumeist mit gemischten Gefühlen begrüßt. Um sie zu zwingen, bald wieder nach Hause zurückzukehren, wendet die bisherige Gattin folgenden Zauber an. Sie beschafft sich Erde vom Grabe eines ermordeten Mannes und einer Frau und streut sie im Hause aus, nachdem sie das Kapitel im Koran, das vom Jüngsten Tage handelt, gelesen hat. Dadurch soll Zwietracht zwischen dem Manne und seiner neuen Gattin gestiftet und erreicht werden, daß diese freiwillig in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt oder auch von jenem ausgewiesen wird. Ehefrauen, die gern Liebesabenteuern nachgehen möchten, mischen ihrem Manne in das Essen das getrocknete Gehirn eines Esels; dadurch wird er unfähig, ihre Schuld zu entdecken.

+Kranke+ werden auf eigentümliche Weise geheilt. Die persische Medizin teilt alle Krankheiten in vier Klassen ein, in solche, die kalt und naß sind, in kalte und zugleich trockene, in heiße und dabei nasse, und in heiße und trockene. Als Heilmittel wird das entgegengesetzte Verfahren eingeschlagen, gegen Fieber zum Beispiel, das eine heiße Krankheit ist, wird das Fleisch von einem Hahn verordnet, denn Hahnenfleisch ist kalt, hingegen das vom Huhn heiß.

Nützen derartige Heilmittel dem Kranken nichts und steht sein Ende bevor, dann legt man ihn mit dem Gesicht nach Mekka hingewendet nieder und liest ihm das Yasinkapitel aus dem Koran vor. Darauf wird er veranlaßt, sein Testament in Gegenwart von Zeugen zu machen. Ist dies geschehen, dann zerbricht man das Siegel des Sterbenden und legt es unter seine rechte Hand. Auch bereitet man das Totenkleid vor und bedeckt es mit Gebeten, die von einundvierzig Männern niedergeschrieben sind und besagen: „O Allah, in Wahrheit wissen wir nichts als Gutes über diesen Mann; du aber kennst sein Verhalten besser.“ +Nach Beendigung des Todeskampfes+ schließt man dem Verschiedenen die Augen, streckt ihm die Glieder, bindet ihm die Zehen der beiden Füße zusammen und schlingt eine Schärpe um den Kopf. Dann wird der Tote auf einer Bahre auf dem Hofe umhergetragen und zur Waschstätte gebracht; voraus gehen die „Totenprediger“, die auch das traurige Ereignis vorher bekanntgegeben haben. Nachdem die Waschung vollzogen worden ist, wird die Leiche in ein Leichentuch gehüllt, wobei ihr zwei grüne Weidenstöcke unter die Achselhöhlen gelegt werden, und auf der Bahre unter Begleitung von Verwandten und Freunden zum Friedhof getragen; ein Mullah sagt auf dem Wege dorthin das Al Raham-Kapitel aus dem Koran (Abb. 335). Auf dem Friedhof wird der Tote noch dreimal von der Bahre genommen und wieder hingelegt, beim vierten Male aber mit dem Kopf voran ins Grab gesenkt. Er kommt auf die rechte Seite zu liegen, mit dem Gesicht nach Mekka gewendet. Das Grab wird nun zugemauert; es bleibt aber über dem Toten noch so viel Raum, daß er sich aufrecht setzen kann, um das gefürchtete Verhör der beiden Engel Munkir und Nakir zu bestehen. Wenn die Erde endlich aufgeschüttet ist, machen alle Anwesenden mit den Fingern Zeichen darüber, wobei sie das Anfangskapitel des Korans hersagen. Man glaubt nun, daß die beiden genannten Engel den Toten besuchen und ihn verhören. Fällt seine Antwort befriedigend aus, dann gehen sie wieder fort; ist das Ergebnis des Verhörs aber nicht zufriedenstellend, dann schlagen sie beide die Leiche mit ihren feurigen Keulen zu Staub, worauf diese ihre frühere Gestalt wieder annimmt. Die Geister derer, die bestanden haben, werden an den „Wohnort des Friedens“ in der Nähe von Najaf geleitet, um dort den Jüngsten Tag abzuwarten, während die Geister derjenigen, die für unwürdig befunden wurden, nach Sahra-i-Barahut in der Nähe von Babylon gebracht werden, um sich dort den Strafen und der Läuterung zu unterziehen bis zu demselben, für sie so furchtbaren Tag.

Drei Tage lang wird um den Toten getrauert. Am ersten Tage sprechen einundvierzig Männer die „Gebete der Beunruhigung“, um den Verstorbenen für die Begegnung mit Munkir und Nakir zu stärken, am folgenden Tage besuchen Verwandte das Grab, bilden einen Kreis, bitten um die Vergebung aller Propheten und Heiligen und danken den Freunden für ihre Teilnahme, am dritten Tage endlich fordert ein Geistlicher die Angehörigen auf, die Öffnungen in ihren Hemden, die sie sich zum Zeichen ihrer Trauer eingerissen haben, wieder zu schließen, und beendet damit die Trauer. Am vierzigsten Tage endlich wird über dem Grabe ein Gedenkstein errichtet (Abb. 333). -- Zu den Gräbern großer Heiligen werden Wallfahrten unternommen und Weihgaben an ihnen dargebracht (Abb. 334).

+Leviratsehe+ ist zwar nicht direkte Vorschrift in Persien, aber sie gilt für die Brüder des Verstorbenen als eine Anstandspflicht, gleichviel, ob Kinder da sind oder nicht. -- +Ehebruch+ führt zur Ehescheidung.

+Afghanistan und Beludschistan.+ Die +Kleidung+ der Afghanen wie auch der Beludschen besteht in einem langen Hemd, weiten Hosen (bei den einen aus Baumwolle, bei den anderen aus Leinen), einem mantelartigen Überwurf aus Schaffell und einer Mütze, die bei den Beludschen eine zylindrische Form aufweist. Die Städter haben bereits vielfach persische Tracht angenommen. Die Frauen kleiden sich in derselben Weise; Schmuck ist bei ihnen äußerst beliebt. Die afghanischen Bergvölker +wohnen+ in Dörfern, die oft sehr stark befestigt sind und mit Hörnern versehene Türme besitzen. Die nomadisierenden Povindah bringen ihr Leben in Zelten zu. Die Stadtbewohner verfügen bereits über festgebaute Häuser, die oft sehr vornehm eingerichtet sind. Die Beludschen führen ein +Nomadenleben+ (Abb. 336 bis 338) und hausen in primitiven Mattenhütten, die öfters auf einem aus losen Steinen aufgebauten Unterbau ruhen (Abb. 339). Diese Steinmauern, die sich vorzugsweise an solchen Plätzen finden, in deren Nähe Wasser ist, lassen sie bei ihrem Fortzuge für die nächsten Wanderer stehen; nur die Mattenwände nehmen sie mit.