Part 20
Allgemein nimmt man an, daß die +Seelen der Verstorbenen+ nach längerer oder kürzerer Frist in eine andere Welt übergehen, wo sie ein dem irdischen ähnliches, aber weit glücklicheres Leben führen. Nach dem Glauben der Ostjaken geht die Seele zunächst in den Himmel ein und bleibt hier ebensolange, wie sie auf Erden weilte, sodann wandert sie in einen Käfer, der unter Steinen lebt, und schließlich geht sie in das Innere der Erde über. Die Eskimo kennen ein Totenreich, das unserem Fegfeuer entsprechen würde und für die bösen Geister als Aufenthalt dient, und ein Himmelreich, wo die Abgeschiedenen die wahre Seligkeit finden und wohin in erster Linie Männer gelangen, die im Leben viel erduldet und große Taten vollbracht haben, sowie die Frauen, die im Wochenbett starben. Zu diesen beiden Reichen ist indessen der Zugang nicht leicht; zu ersterem führt er über ein dünnes Seil oder über eine spiegelglatte Eisbrücke, an deren Ende zwei bissige Seehunde die Ankömmlinge erwarten, zu letzterem über den Regenbogen und einen bluttriefenden Berg. Wegen dieser mannigfachen Gefahren, die die Abgeschiedenen auf den Wegen ins Himmelreich erwarten, geben die Eskimo ihren Kindern Hundeköpfe ins Grab mit, die die schwachen Kinderseelen unterwegs leiten und beschirmen sollen. Bei den Jakuten sind die ursprünglichen Anschauungen von der Gottheit und dem Leben nach dem Tode bereits stark durch den Monotheismus der christlichen Religion beeinflußt worden. Gott ist nach ihrer heutigen Ansicht unsichtbar, er wohnt im siebenten Himmel und regiert von dort die Welt; zwischen ihm und der Erde bilden eine Reihe weniger bedeutender Götter die Vermittlung. Der Himmel hat sieben Firmamente übereinander, auf dem obersten thront Gott der Schöpfer, auf den niedriger gelegenen die übrigen Götter. An den Stufen des Himmels wohnen die guten Geister, in der Tiefe der Hölle die bösen, denn die Seelen der Verstorbenen werden je nach ihren Tugenden oder Lastern in jene oder in diese verwandelt. Der Fürst der Hölle wird auch als ein Gott angesehen. Die Erde ist dem Teufel zur Verfügung gestellt; er kann die auf ihr lebenden Menschen verführen; damit er diese ihm verliehene Macht nicht zu sehr mißbrauche, hat Gott die geringeren Götter auf die Erde gesandt; sie sollen die Menschen vor den Angriffen des Teufels schützen. Nach dem Tode nimmt der Teufel die Seele und führt sie an alle Stellen, wo der Lebende sündigte, und bestraft sie dort; darauf gelangt die Seele an den ihr zukommenden Platz.
Auch während des Schlafes trennt sich die Seele zeitweilig von dem Körper des Menschen und kann umherschweifen. Fängt der Teufel dabei die Seele ein, so erkrankt der Mensch; hält er sie zu lange fest, dann muß er sterben. Ist ein Mensch krank geworden, so versucht man es bei den Tschuktschen mittels Suggestion (Abb. 313). Sonst wendet man sich an den Schamanen, da nur ein solcher imstande ist, die Seele zurückzuschaffen. Die +Schamanen+ sind zumeist Männer (Abb. 308), seltener Frauen (Abb. 311), denen die Aufgabe zufällt, zwischen den Menschen und den überirdischen Geistern, im besonderen den bösen, dem Teufel, zu vermitteln. Ihr Beruf pflegt sich von Vater auf Sohn zu vererben, jedoch kann ihnen ihre Bestimmung auch von den Göttern im Traume verkündet werden; auf jeden Fall haben die angehenden Schamanen eine langdauernde Schule durchzumachen, in der sie in die Geheimnisse eingeweiht werden. Zumeist sind sie wohl von ihrer Kunst überzeugt, oft genug aber sind sie auch bewußte Betrüger, die durch ihre besondere Klugheit die übrigen zu betören vermögen; sie machen zur Erhöhung ihres Ansehens auch allerlei Taschenspielerkunststückchen, ähnlich unseren Spiritisten. Eine wesentliche Vorbedingung für den Schamanenberuf scheint eine gewisse Überempfindlichkeit des Nervensystems zu sein, eine Art Hysterie. Sie zeichnen sich äußerlich durch eine besondere Tracht aus, die durch auffälligen Zierat, wie allerlei Lederstreifen, Adlerklauen, Schlangenhäute, Federn, Ringe, Glöckchen, Amulette und so weiter, furchterregend auf die Zuschauer wirkt. In der Hand halten sie das wichtigste Werkzeug ihrer Kunst, eine Trommel von etwa fünfzig bis siebzig Zentimeter Durchmesser, die aus einem hölzernen Rahmen besteht, mit Renntier- oder Seesäugerhaut bespannt und mit kleinen Schellen behängt ist. Die Trommel wird mit einem kurzen Stock aus Holz geschlagen, der mit Fell überzogen ist und vorn meist in zwei Hörner ausläuft. Außerdem gehört zum Ausputz eines Schamanen eine runde Kupferscheibe, die zusammen mit Tigeridolen als Zeichen der Kraft und einigen Götterbildnissen an einem Lederriemen über seiner Brust hängt; in dieser Scheibe sollen sich die guten und bösen Taten der Menschen widerspiegeln, so daß sie der Schamane erkennen kann. Bevor der Schamane seine offizielle Kleidung anlegt, werden alle Gegenstände von seinem Gehilfen mit Branntwein bespritzt. Bei einer Krankenheilung setzt er sich bei den Golde noch eine Kopfbedeckung aus Hobelspänen auf, deren Enden ihm über den Nacken herabfallen, und befestigt solche auch an seinen Ellbogen und Knien. Der Zweck derselben soll der sein, daß die Krankheit während der Behandlung in diese Späne übergehe, die nach eingetretener Heilung dann fortgeworfen werden.
Wird der Schamane zu einem +Kranken+ gerufen, um die von einem bösen Geiste diesem geraubte Seele wieder einzufangen, so erscheint er im vollen Kostüm, was an und für sich schon Schaudern einzuflößen geeignet ist, und nimmt an dem Kranken seine Beschwörungen vor. Er beginnt zunächst einen Tanz, der anfänglich langsam und manchmal nicht ungraziös, dann immer schneller ausgeführt wird und schließlich in einen wirren Wirbel ausartet. Gleichzeitig schlägt er seine Trommel, singt, schreit, brüllt, verzerrt mehr und mehr sein Gesicht und gerät allmählich in einen Zustand von Ekstase, in der er den bösen Geist erkennt und zu dem Kranken zitiert. Sodann kämpft er mit ihm, bestürmt ihn anfänglich mit Bitten und Versprechungen, dann mit Drohungen. Dieses Spiel treibt er so lange, bis er vollständig erschöpft zu Boden sinkt. Darauf erteilt er dem harrenden Kranken -- oft genug, indem er sich dazu der Sprache eines Bauchredners bedient -- die Antwort des bösen Geistes, die meistens darin besteht, daß dieser zur Versöhnung eine Anzahl Schafe oder Pferde fordert. Oft verlangen die Schamanen von dem Kranken beziehungsweise seiner Umgebung noch ganz andere Dinge, so zum Beispiel, daß er die Kleider wechsle und in den Wald an eine bestimmte Stelle hinlege; oft geben sie dem Kranken auch allerlei Mittel ein, stellen ihm Idole an die Seite (Abb. 310), schwingen bei der Beschwörung eine Gerte mit einem Pferdehaarbüschel über dem Kranken und anderes mehr. Trifft die Voraussage des Schamanen zu und findet der Kranke Genesung, dann wird jener gut belohnt; mißglückt dagegen der Beschwörungsversuch und stirbt der Kranke, so ist der Schamane um eine Ausrede nicht verlegen: er meint dann, daß die Seele auf ihrer Wanderung sich verirrt habe, oder daß die bösen Geister mit dem Opfer nicht zufrieden gewesen seien.
Die Mitwirkung eines Schamanen pflegt meistens auch gefordert zu werden bei der Aufdeckung eines Diebstahls, beim Wahrsagen, beim Wetterzauber und bei der Herstellung von Amuletten. Schließlich fällt ihm noch die Aufgabe zu, die Seele eines Verstorbenen ins Jenseits zu begleiten.
Wenn eine +Schwangere+ bei den Sibiriern merkt, daß ihre schwere Stunde naht, dann zieht sie sich für einige Zeit in eine besondere Jurte oder Schneehütte zurück oder begibt sich abseits vom Dorfe ins Dickicht, um niederzukommen. In dieser Zurückgezogenheit bringt sie nach der Geburt auch noch einige Wochen (bei den Samojeden bis zu zwei Monaten) zu; nach Abschluß dieser Zeit unterzieht sie sich einer Läuterung. Bereits während ihrer Schwangerschaft ist die junge Mutter mancherlei Verboten unterworfen. Bei den Ostjaken ist es ihr untersagt, sich einem Manne zu nähern oder über Gegenstände des Haushaltes zu steigen. Ist ein schwangeres Weib zufällig doch über ein Netz gestiegen, so wird dieses zerschnitten, dann aber wieder zusammengenäht. Bei den Inuk muß sie aus einem besonderen Gefäß trinken, darf ihre Nahrung nicht vor der Hütte zu sich nehmen und mehr dergleichen. Wenn bei den Golde eine Frau Mutter wird, dann pflegt sie den Schamanen über die Zukunft ihres Kindes um Rat zu fragen. Sie verschluckt die Regenbogenhaut eines Bärenauges, damit das Kind ein gutes Aussehen bekomme, sagt dies aber keinem anderen, sondern behauptet, daß sie das Auge versteckt habe; denn es würde ihr als Sünde ausgelegt werden, wenn sie sie etwa gegessen hätte. Nach dem Glauben dieses Volkes leben die menschlichen Seelen vor ihrer Geburt im Himmel, wo sie in der Gestalt eines kleinen Vögelchens in einem großen heiligen Baume wohnen. Steigt eine solche Seele zur Erde hinab, dann bildet sie sich im Leibe der Frau zu einem Menschen um. Stirbt das Kind innerhalb eines Jahres, dann kehrt seine Seele wieder zum Himmel zurück, behält aber die Fähigkeit, zum zweitenmal Mensch zu werden. -- Die +Geburt+ geht meistens unter Beihilfe einer alten Frau vor sich. Um ihre schwere Stunde zu erleichtern, muß die Gebärende bei den Ostjaken dieser ihre Sünden bekennen. Soviel Sünden sie beichtet, so viel Knoten macht die Alte in einen dünnen Strick. Gleichzeitig aber bekennt der Mann ebenfalls einer alten Frau, daß er in unerlaubtem Verkehr mit einem fremden Weibe gestanden oder daß er, was gar nicht so selten ist, Sodomiterei getrieben habe. Auch diese bindet für jedes Vergehen einen Knoten in einen Strick. Darauf werden beide Stricke miteinander verglichen, die überzähligen Knoten werden abgeschnitten, und der Rest wird der Kreißenden auf den Unterleib gelegt. Falls die Eheleute keine Sünde bei dieser Generalbeichte verheimlicht haben, steht der Gebärenden eine leichte Geburt bevor. +Nach der Niederkunft+ muß die Frau sich gewissen Reinigungsgebräuchen unterziehen, die in der Hauptsache darin bestehen, daß sie sich täglich an dem Feuer in ihrer Hütte, in das sie wohlriechende Stoffe geworfen hat, durchräuchern läßt, auch wohl darüber hinwegspringt. Der Samojedin ist es zwei Monate lang verboten, frisches Fleisch zu essen, der Inukfrau sogar ein Jahr lang; auch darf diese das Fleisch eines durch Herzschuß getöteten Tieres nicht verzehren. Beim Wiederbetreten der gemeinsamen Wohnung legt sich die Ostjakin vor dem Eingang auf die Erde, worauf sämtliche Hausbewohner über sie wegschreiten; die Inukfrau betritt bei dem gleichen Anlaß das Haus nicht durch die Tür, sondern durch ein Loch in der Wand, die Tungusin ebenso durch ein Loch in der Decke; alles dieses hängt offenbar mit der Reinigung der Wöchnerin zusammen.
Das +Neugeborene+ wird bei den Jakuten von einer alten Frau vor dem Läuterungsfeuer mit Wasser, das sie zuvor in den Mund nimmt, besprengt und gewaschen; darauf schmiert sie es mit frischer Sahne ein. Die Burjäten reiben das Kind mit schmutzigen Lappen ab und wickeln es in eine frisch abgezogene Schafhaut ein. Die Ostjaken sowie die Samojeden stecken das Neugeborene in den Schnee und reiben es damit tüchtig ab. Darauf legen sie es in eine Art Wiege, einen elliptischen Korb an einem Hängeband, den die Mutter aus Birkenrinde selbst angefertigt hat. Bei den Golde muß das Kind dreimal die Wiege wechseln, um zu gedeihen; eine leere Wiege darf nicht geschaukelt werden. Gestillt werden die Kinder wohl überall sehr lange; man hat beobachtet, daß fünfjährige Kinder noch neben den jüngeren Geschwistern die Brust dargereicht erhielten. Solange das Kind noch nicht sprechen gelernt hat, besteht bei den Jakuten der Aberglaube, daß es die Fähigkeit besitze, die Sprache der Tiere, im besonderen der Vögel, sowie des Feuers und der Geister zu verstehen. Die Burjäten glauben, daß böse Geister die kleinen Kinder aufessen; daher sind sie bestrebt, alles mögliche zu tun, um jene von diesen fernzuhalten. Sie beauftragen Schamanen, die Geister aus dem Hause zu verjagen. Auch geben sie keinem Fremden Zutritt zur Jurte, weil mit diesem zugleich ein böser Geist eintreten könnte; die Türe bleibt in solchem Falle beständig geschlossen. Wollen die Angehörigen in die Jurte, so müssen sie mit einem Schläger an einen Topf, der draußen hingestellt wird, schlagen; dadurch soll der böse Geist erschreckt und zur Flucht gezwungen werden. Manchmal ruft auch der Schamane den guten Geist an, auf daß er das Neugeborene vor dem bösen beschütze.
Die +Namengebung+ erfolgt zumeist bald nach der Geburt. Die Jakuten geben dem Knaben erst einen Namen, wenn er sich aufzusetzen beginnt; einen zweiten erhält er, wenn er den Bogen zu spannen gelernt hat. Die Mädchen erhalten für gewöhnlich keinen Namen, sie werden entweder einfach mit „Weib“ oder „Frau“ oder „Tochter des Soundso“ angeredet. Die Ostjaken benennen ihre Kinder nach irgendeinem zufälligen Merkmal aus der Umgebung; die Korjäken hängen ein in Haut eingewickeltes Steinchen an einem Faden zwischen zwei Stäben auf und nennen darauf eine Reihe Namen; derjenige Name, bei dem der Stein sich bewegt, wird dem Kinde gegeben. Bei den Golde ändert man den Namen, sobald man erfährt, daß einer Person, die den gleichen Namen trägt, ein Unglück zugestoßen ist. -- Wenn bei den Golde ein Weib mehrere Male tote Kinder zur Welt gebracht hat, dann fertigt der Schamane bei einer neuen Schwangerschaft ein Säckchen an, in das er die neue Seele des Kindes legt, und trägt dieses beständig an seinem Gürtel mit sich; dadurch hofft er das Kind am Leben zu erhalten. -- Die jungen Mädchen werden bei den Burjäten bis zu ihrem siebenten Lebensjahre auf dem Kopf rasiert; erst dann läßt man ihr Haar wachsen und ordnet es in Flechten an.
Verschiedentlich begegnen wir unter den sibirischen Völkerschaften den bekannten +Kinderverlöbnissen+. Bei den Giljaken zum Beispiel zahlt der Vater eines vier- bis fünfjährigen Knaben an die Eltern eines entsprechend alten Mädchens den Brautpreis, und dieses bleibt entweder im Hause ihrer Eltern oder siedelt in die Hütte ihrer zukünftigen Schwiegereltern über, wo es mit ihrem „Manne“ zusammen aufwächst und auch seine Frau genannt wird. Besondere Hochzeitszeremonien finden nicht statt, nur ein Schmaus wird gegeben, der sich manchmal durch Wochen hinzieht und bei dem der Branntwein in Strömen fließt. Auch bei den Golde wird das Mädchen in noch ganz jugendlichem Alter ihrem Zukünftigen versprochen. -- Im übrigen ist das +Heiratsalter+ für alle diese nordischen Völkerschaften ein ziemlich frühes. Bei den Samojeden und Ostjaken werden die Mädchen bereits mit zehn Jahren verheiratet und im elften oder zwölften Jahre Mutter, und bei den Tungusen gehen sie mit zwölf Jahren die Ehe ein. Die Braut wird durchweg durch Kauf erworben; dieser Kalym wird entweder in Renntieren oder in Kleidern, Gerätschaften, Pelzwerk, neuerdings jedoch mehr und mehr in barem Gelde (Rubeln) erlegt. Ist der Bräutigam arm, dann darf er nicht eher heiraten, als bis er alles, was ausgemacht wurde, abgezahlt hat. Oft genug geben die Eltern der Braut dieser auch eine Mitgift, die dem Kalym an Wert meistens gleichzukommen pflegt. Das Werben geschieht bei den Ostjaken durch Frauen, die sich in die Jurte, wo das Mädchen sich aufhält, begeben und hier ohne ein Wort zu sagen seinen Eltern Geschenke darbringen; nehmen diese sie an, dann bekunden sie hierdurch ihr Einverständnis. Darauf treten die Eltern des Bräutigams mit ihnen wegen Festsetzung des Brautpreises in Verbindung. Bei den Jukagiren sind auch wirkliche Neigungen mit im Spiele. Hier ritzen die jungen Mädchen in ihrer Freizeit in Birkenrinde, die das Papier vorstellt, mit einem Messer Zeichnungen (Abb. 309) ein, in denen sie ihrer Liebe zu einem bestimmten Jüngling oder auch ihrem Kummer darüber, daß er sie verlassen hat, Ausdruck geben. Es besteht hier nämlich die Sitte, daß nur die jungen Männer ihre Liebe in Worte fassen dürfen, weswegen die Mädchen ihre Zuflucht zu einem solchen Mittel nehmen, um die ihrige bekannt zu geben. -- Während der Brautzeit wird bei den Burjäten die Anzahl der Zöpfe, die die jungen Mädchen tragen, bis auf zweiundzwanzig erhöht.
Die +Hochzeitszeremonien+ sind bald ziemlich komplizierte, wie bei den Golde und den Jakuten, bald wieder ganz bescheidene wie bei den Tschuktschen, Giljaken und Ostjaken. Bei letzteren wird die reich geschmückte Braut im Schlitten von den Werberinnen abgeholt und nach der Behausung der Eltern ihres Bräutigams gefahren, wo diese sie empfangen und von ihr Geschenke, die meistens in Tüchern bestehen, erhalten; bevor der Schlitten sich in Bewegung setzt, tritt einer der Jurtenbewohner hervor und verlangt ein Lösegeld. -- Bei den Tschuktschen wachsen die Kinder, die später als Mann und Weib leben sollen, schon von früher Jugend an miteinander auf; sobald der Jüngling imstande ist, sich selbst zu ernähren, tun beide sich als Ehepaar zusammen. -- Bei den Golde erwartet der Bräutigam im reichen Jagdkostüm (Abb. 312) seine mit dem Boot eintreffende Zukünftige. Sobald er ihrer sichtbar wird, springt er schnell in ihr Boot und kämpft um sie ungefähr eine halbe Stunde lang, bis Friede zwischen den Parteien geschlossen wird. Hierbei haben wir es offenbar mit einem Überrest des Brautraubes zu tun. Darauf begibt sich der Bräutigam mit dem Schwiegervater ins Haus, während die Braut und ihre Mutter mit ihren nächsten Angehörigen am Strande warten und erst auf eindringliche Einladung von seiten der Mutter und Schwestern des Bräutigams das Haus betreten. Hier wird die Braut sogleich auf ihren Ehrenplatz geführt und sodann in die neue Hausgenossenschaft aufgenommen. Der Vater breitet einen neuen Teppich auf der Erde aus, läßt das Brautpaar niederknien und reicht seinem Sohne ein Glas Branntwein, das dieser wieder seiner Braut darbietet und sodann die Runde unter den Gästen machen läßt. Hierauf begrüßt die nunmehrige junge Frau den Hausgott und verteilt Tabak an die Teilnehmer, während diese sie beschenken. Den Schluß bildet der Hochzeitschmaus, bei dem der Branntwein wiederum eine große Rolle spielt. Die junge Frau wechselt hierbei ihren Hochzeitstaat mit einem Arbeitsanzug und geht Wasser holen. Damit erreicht das Fest sein Ende. -- Sehr zeremoniell geht es bei einer Jakutenhochzeit zu. Hier erscheint der Bräutigam hoch zu Roß in Begleitung seiner Angehörigen im Hause der Braut und bringt viel Fleisch für das Hochzeitsmahl mit. Beim Empfang im Hofe hält ihm der Schwiegervater den Steigbügel. Während nun alle Gäste sich im Hause versammeln, bleibt der Bräutigam vorläufig allein draußen, verbeugt sich nach Osten und begrüßt die aufgehende Sonne, bis er von seinem Vetter mit einer Peitsche ins Haus hineingetrieben wird. Die Schwiegereltern gehen ihm hier mit Heiligenbildern entgegen und segnen ihn; gleichzeitig erfaßt sein eigener Vater ihn von hinten und zwingt ihn, dreimal vor deren Füßen sich niederzulassen. Darauf wird das Fleisch hineingebracht und vom Bräutigam ausgewickelt; er selbst nimmt von einem bereits gekochten Pferdekopf drei Stückchen Fett unter den Augen heraus und wirft sie ins Feuer. Sodann wird er in die rechte Ecke des Raumes geführt und muß sich hier mit dem Gesicht nach der Wand zu niedersetzen. In entsprechender Weise nimmt seine Braut in der linken Ecke Platz. So verharren beide eine bestimmte Zeit, bis das Festmahl beginnt. Bei diesem werden ein Ochse und ein Pferd geschlachtet und vor sämtlichen Gästen gekocht; diese selbst nehmen auf der frisch abgezogenen Haut der Tiere Platz. Dabei werden Trinksprüche ausgebracht und auf die neue Verwandtschaft mit den Worten getrunken: „Wir sind jetzt miteinander verwandt geworden und wollen daher in Freundschaft und Eintracht leben.“ Die gleiche Szene wiederholt sich an den folgenden Tagen. Die Weiber werden zur Tafel nicht zugelassen; sie nehmen ihre Mahlzeit in den Ecken des Zimmers ein. Am vierten Tage endlich besteigen die fremden Gäste wieder ihre Pferde und machen sich auf den Heimweg; zuvor aber wird ihnen das übrig gebliebene Fleisch zugesteckt, damit sie es ihren Angehörigen, die nicht an dem Mahle teilnehmen konnten, mitbringen.
Einer eigenartigen Erinnerung an den +Brautraub+ begegnen wir bei den Burjäten. Hier schließt sich die Braut am Hochzeitstage mit ihren Freundinnen in einer Jurte ein. Diese machen ihre Zöpfe auf und verflechten sie mit denen der Braut, so daß die Haare aller zusammen gleichsam ein Ganzes bilden. Aufgabe des hinzukommenden Bräutigams ist es nun, die Gefährtinnen von seiner Auserkorenen zu trennen und letztere zu veranlassen, daß sie ihm in sein Haus folgt.
Für gewöhnlich begnügen sich die Sibirier mit einer Frau, jedoch ist es keine Seltenheit, daß Männer, die es sich leisten können, mehrere nehmen.
Die +Stellung des Weibes+ ist überall eine recht niedrige; besonders untergeordnet erscheint sein Los bei den Burjäten, Ostjaken und Samojeden. Hier ist die Frau gleichsam das Lasttier des Mannes; es wird ihr nicht nur alle Arbeit im Haushalte auferlegt, sondern sie muß auch noch bei einem Wechsel des Aufenthalts die Hütte abbrechen, die ganze Last auf den Schlitten verstauen und am neuen Ort die Hütte wieder aufbauen.
Bei den Samojeden gilt alles, was ein Weib anfaßt, für unrein. Wenn eine Frau das Zelt aufgeschlagen hat, dann erhält sie nicht eher Zutritt zu ihm, als bis sie nicht nur ihre eigene Person, sondern alle Stücke, auf denen sie saß, einschließlich des Schlittens, sowie jeden Gegenstand, den sie in den Händen getragen, über einem kleinen Feuer mittels Renntierhaaren ausgeräuchert hat. Bei den Tungusen wird die eine Hälfte des Zeltes ausschließlich von den Männern, die andere von den Weibern eingenommen.
Eines etwas besseren Schicksals erfreut sich die Frau bei den Giljaken, was wohl daher kommen mag, daß unter diesen Völkern das weibliche Geschlecht in der Minderzahl und darum sehr gesucht und geschätzt ist. Bei ihnen kann eine Frau sogar Schamanin werden. Eine besondere Liebesbezeigung der Giljakeneheleute besteht darin, daß sie sich gegenseitig die Läuse vom Kopfe suchen und sich in den Mund stecken, sowie daß sie einander mit ihrem Speichel das Gesicht waschen. Die Giljaken behandeln ihre Frauen im allgemeinen gut; wenn dies nicht der Fall ist, dann verläßt die Gattin einfach ihren Mann und wird die Frau eines anderen, der den Brautpreis für sie erlegt.