Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 19

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deren Tracht sich von der der Verheirateten durch die Haarfrisur (ein Schwänzchen an Stelle der mächtigen Haartuffen) unterscheidet.]

Die Mongolen sind im allgemeinen +gutmütige, freundliche und gastfreie Leute+, gleichzeitig aber leicht aufbrausend, starrköpfig und träge. Sie +begrüßen+ sich auf eine eigenartige Weise: der eine streckt beim Begegnen die Arme vor, der andere tut das gleiche, hält dabei aber seine Arme unter die seines Gegenübers. Bevor man in ein Zelt tritt, muß man sein Pferd in einiger Entfernung draußen lassen, Stöcke und Peitschen ablegen; als Grund hierfür gibt man an: „Stöcke und Peitschen sind gut für wilde Hunde; brächtest du sie herein, dann würdest du uns auch wie Hunde behandeln.“ Beim Eintritt muß man sich links zwischen Eingang und Hintergrund der Jurte niederlassen, sofern man nicht die Aufforderung erhält, „höher hinaufzurücken“, das heißt, weiter nach dem Inneren zu kommen. Den Hut behält man auf dem Kopfe oder legt ihn ab, aber nie in der Richtung der Türe. Kann man nicht mit gekreuzten Beinen sitzen, so muß man seine Füße nach der Türe hin ausstrecken. Man reicht dem Wirt und seinen Angehörigen die Schnupftabaksdose, und diese reichen umgekehrt die ihrige hin. Es ist nicht bloße Formsache, daß dem Gaste Tee dargereicht wird, sondern die gute Sitte verlangt, daß er auch tüchtig davon trinkt und sich immer wieder einschenken läßt.

Zu den bereits an anderer Stelle erwähnten +Nahrungsmitteln+ der Mongolen kommt für dieses Gebiet noch das Fleisch von Murmeltieren hinzu, das besonders von den ärmeren Volksschichten verzehrt wird. Die Zubereitungsweise dieser Tiere ist eine eigenartige und erinnert an die tiefstehender Völker. Nach Abziehen des Felles und Entfernung der Eingeweide wird das Innere des Tieres mit glühenden Steinen ausgefüllt, das Ganze in eine flache Grube in die Erde gelegt und vollständig mit Erde zugeschüttet; über der Stelle wird ein Feuer so lange unterhalten, bis das Fleisch gar geworden ist.

Die +Hauptbeschäftigung+ der Mongolen und zugleich die wichtigste Quelle ihres Reichtums ist die Viehzucht (Rinder, Schafe, Pferde, Kamele, Ziegen, weniger Schweine). Mit Ackerbau geben sie sich nur in beschränktem Maße ab. Zum Teil sind sie auch Jäger (auf Murmeltiere, deren Felle sie russischen Händlern verkaufen). Die Industrie steht auf sehr niederer Stufe und beschränkt sich auf die Anfertigung von allerlei Silberschmuck, die Bearbeitung von Leder und die Gewinnung von Filz.

Die +Religion+ der Mongolen ist der Buddhismus, und zwar die besonders in Tibet übliche Form des Lamaismus (Abb. 296). Im allgemeinen sind sie sehr fromm. In jeder Jurte findet sich, wie schon angeführt, ein Altar zur Anbetung einer oder mehrerer lamaistischer Gottheiten; Gebetswimpel, die von den Stangen der Palisaden um die Hütte wehen, sollen Buddha ihre Bitten überbringen, und fast jeder zweite Mann, mindestens aber einer aus jeder Familie, wird ein Lama. Gebetsrad und Gebetsbrett sind überall anzutreffen. Unter letzterem versteht man ein Brett, auf das der Bittende sich wirft, wobei er mit dem Gesicht die Erde berührt und feierlich die Worte: „~Om ma-ni pad-me hum~“ ausruft. +Aberglaube+ ist auch reichlich vertreten, und zwar in derselben Form wie in Tibet.

Der Geistlichkeit ist die +Ehe+ verboten. Dafür aber sind fast ausnahmslos alle übrigen Mongolen verheiratet; Junggesellen gibt es daher so gut wie gar nicht. Bestimmte Verbotstage, an denen keine Ehe eingegangen werden darf, sind in der Mongolei nicht vorhanden, wohl aber bestimmte Jahre, in denen Eheschließung nicht erlaubt ist. Diese werden von den Astrologen in Peking festgelegt und durch die Lama bekanntgegeben. Die Heiraten bringen die Eltern zustande, Verlobungen finden bereits in früher Kindheit statt. Auf +geschlechtliche Unschuld+ der Mädchen wird kein Wert gelegt, sie genießen in dieser Hinsicht vollkommene Freiheit. Oft vermitteln die Eltern vorehelichen Umgang ihrer Mädchen selbst, besonders wenn ihre Beihilfe durch Geschenke belohnt wird. Trotz dieser Freiheit der geschlechtlichen Beziehungen gilt der Verkehr des Schwiegervaters mit seiner Schwiegertochter für eine schwere Sünde; der Sohn, der seinen Vater auf frischer Tat ertappt, hat das Recht ihn zu ermorden oder Teilung des väterlichen Vermögens zu fordern. Auch die bereits von Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert erwähnte Sitte der +gastlichen Prostitution+ ist noch heute bekannt; ein Gast wird nicht nur mit Speise, Trank und Unterkunft, sondern auch mit einer Frau versorgt.

Die +Mitgift+ des Mädchens besteht in lebendem Inventar, Schafen, Ochsen und Pferden. Diese Ausstattung kann unter Umständen eine recht ansehnliche sein; sie verbleibt der Witwe als Erbteil. Die Ehe pflegt man frühzeitig zu schließen. Am +Hochzeitstage+ geht der Bräutigam in das Haus seines Schwiegervaters, um zu opfern; dort bleibt er die ganze Nacht. Am nächsten Morgen geleitet er die verschleierte Braut in seine Hütte, vor der seine Eltern und die Gäste das Paar erwarten und es mit gekochtem Hammelfleisch bewirten. In der Hütte spricht ein Lama Zaubersprüche für das Wohlergehen der Brautleute aus und besprengt sie mit Weihwasser, worauf sich das Brautpaar in die elterliche Hütte des Bräutigams begibt und hier Butter als Opfergabe auf den Familienherd wirft. Den Abschluß des Festes bilden Gelage und Lustbarkeiten. Eine mutwillige Verstoßung der Frau ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. -- Den Frauen wird ziemlich viel Arbeit aufgebürdet; sie haben nicht nur im Haushalte zu tun, wie Speisen zuzubereiten und die Kinder sowie die Herden zu hüten, sondern müssen auch Filze und Decken herstellen, die Kleidung nähen, die Zelte abbrechen und anderes mehr.

Wird ein +Kind+ geboren, so ruft man einen Lama herbei, der Gebete spricht und die Mutter mit Weihwasser besprengt.

Sobald ein Mongole +gestorben+ ist, wird der Lama ebenfalls herbeigeholt, und dieser bestimmt, wann er beigesetzt werden soll; dabei richtet er sich nach dem Geburtstage des Verstorbenen. Die Leiche wird darauf in einen alten Mantel gehüllt und eine Strecke weit von der Ortschaft oder dem Dorfe hinweggetragen, dort bleibt sie frei auf dem Erdboden liegen, der Gnade der Elemente und der Tiere überlassen (Abb. 295), und nur eine Gebetsfahne, auf der der Name des Verstorbenen geschrieben steht, bezeichnet seine Stätte. Nach der Beisetzung kehren alle in die Jurte zurück, schlachten und verzehren einen Hammel, womit die Feier zu Ende ist. Der Lama erhält das Pferd des Toten samt dem Geschirr, seinen Säbel und sämtliche Kleider. Wenn die Hunde mit ihrer Mahlzeit schnell aufräumen, dann gilt dies für ein gutes Omen, denn nach dem Glauben der Mongolen muß der Lebenswandel eines Toten um so heiliger gewesen sein, je schneller sein Leichnam von den Hunden aufgefressen wird. Wird dagegen die Leiche im Laufe einer Woche von keinem Hunde berührt, so gilt der Verstorbene für einen argen Sünder, dem man keine Totenfeier veranstaltet, während im entgegengesetzten Falle zum Andenken an den von den Hunden Verzehrten ein Schmaus zum besten gegeben wird, wobei sich die Teilnehmer am Hammelbraten, Branntwein und Tabak gütlich tun. -- Die Geistlichen sowie vornehme und reiche Leute werden nicht den Hunden überlassen, sondern eingeäschert. Die Asche wird, besonders bei hochstehenden Personen, gesammelt, mit Tonerde vermengt zu einer menschlichen Figur mit untergeschlagenen Füßen geformt und an der Verbrennungsstätte aufgestellt. Diese Figuren stehen im Rufe der Heiligkeit.

Nordasien.

Nordasien wird von einer Reihe Völkerstämme eingenommen, die verschiedenen Rassen angehören, aber unter den gleichen klimatischen Verhältnissen und Lebensbedingungen auch ziemlich dieselbe Kultur angenommen haben. Da sind zunächst die +Altasiaten+ als die Urbevölkerung im Osten dieses Gebietes zu nennen; zu ihnen gehören die Tschuktschen oder Tschautschu (Abb. 299), die Korjäken, die Itälmen oder Kamtschadalen, die Aleuten (bereits auf der Verbindungsbrücke nach Amerika hin), die Inkagiren, Tschuvanen, Inuit oder Eskimo und die Jenissejer (Abb. 298). Von allen dürften als am meisten typische Vertreter noch die Tschuktschen gelten, Leute von mittlerer Größe, hellbrauner Hautfarbe, straffem, schwarzem Kopfhaar, breitem Gesicht mit vorstehenden Backenknochen, gerader Nase, horizontalstehenden großen Augen und geringem Bartwuchs. Die übrigen Stämme lassen schon mehr oder minder mongolischen Einschlag erkennen. Denn eigentliche +Mongolen+ sind auch bis nach Sibirien vorgedrungen, die Tungusen (Abb. 305) mit der Untergruppe der Lamuten und Orotschonen (Abb. 307) und die Burjäten (Abb. 303), die in ihrem Äußern deutlich ihre Abstammung erkennen lassen. Eine dritte Gruppe bilden die +Ainu+ (im Norden Sachalins und am Mündungsgebiet des Amur) mit den aus ihnen (mit Mandschumongolen?) hervorgegangenen Mischvölkern der Giljaken und Golde. Hierzu kommen dann noch Vertreter der +türkischen Völkerfamilie+, die Jakuten (Abb. 300, 302) und Tataren und schließlich solche der +finnisch-ugrischen+ Völkergruppe, die Ostjaken, Samojeden (Abb. 297), Karagassen, Sojoten und so weiter. Die Völker dieser Abstammung sind gekennzeichnet durch Kleinwüchsigkeit, hellgelbe Haut, schlichtes, dunkles, seltener helles Haar, dunkle Augen mit schräg verlaufender Lidspalte, flaches Gesicht, kurze, an der Wurzel eingedrückte Nase, die nach vorn in eine runde Kuppe endigt und große Nasenflügel aufweist, großen Mund mit wulstiger, herabhängender Unterlippe, kleines rundes Kinn und spärlichen Bartwuchs.

Ihrem +Charakter+ nach sind alle diese Völker gutmütig, bieder, verträglich, gastfrei, ehrlich und widerstandsfähig in dem Ertragen von Strapazen, andererseits aber auch selbstbewußt, großprahlerisch, unter Umständen streitsüchtig, wenn sie sich unterordnen sollen, faul und besonders stark dem Trunke ergeben.

Die +soziale Gliederung+ geht bei einigen Stämmen (Tungusen, Burjäten, Jakuten) über die Familie hinaus; denn es lassen sich bei ihnen schon Geschlechter und Stämme mit Häuptlingen oder leitenden Personen (Fürsten) unterscheiden. Bei den übrigen Stämmen ist die höchste Gemeinschaft die Familie; gelegentlich finden sich wohl mehrere Familien für eine gewisse Zeit (Fischfang, Wandern) zusammen, unterstehen aber keinem gemeinsamen Häuptling.

Die +Kleidung+ der Sibirier ist sehr einfach und der Umwelt angepaßt, daher auch bei allen Stämmen ziemlich übereinstimmend. Männer und Weiber kleiden sich ebenfalls gleich. Das Material besteht aus Fellen oder Leder vom Renntier -- Renntiere sind für die Polarvölker von der größten Bedeutung; nicht mit Unrecht bezeichnen die Ostjaken sie als das „lebende Gold“ --, von den großen Wassersäugetieren, von Hunden und anderen Tieren mehr. Die Golde verstehen sich besonders darauf, Fischhaut in vorzüglicher Weise zu präparieren und sie zu Gewändern zu verarbeiten (namentlich die Haut der Lachse); die Haut wird zunächst getrocknet, sodann mittels hölzerner Hämmer geklopft und zu größeren Stücken zusammengenäht. Die aus ihr hergestellten Gewänder verziert man obendrein noch mit schönen Stickereien oder Malereien. -- Die Kleidung (Abb. 305) setzt sich aus einer kurzen Hose und langen Stiefeln, einem langen, bis zu den Oberschenkeln reichenden Rock oder Hemd, das durch einen Ledergurt zusammengehalten wird, einer kapuzenartigen Kopfbedeckung und Fausthandschuhen zusammen; die Männer tragen im Sommer Mützen oder Hüte, die Frauen gehen entweder barhäuptig oder setzen sich ein Häubchen auf. Das Haar lassen sich beide Geschlechter lang wachsen, nur einige wenige Stämme schneiden es sich ab; die mongolischen Völker tragen es nach Chinesenart. Die Frauen flechten das Kopfhaar gewöhnlich in zwei Zöpfe und bringen daran allerlei Zierat, wie Münzen, Perlen, Korallen, Bernsteinstücke und dergleichen, an.

Die +Tatauierung+, die früher allgemein verbreitet war, ist neuerdings mehr in Abnahme gekommen; doch schmückt besonders das weibliche Geschlecht sich auch jetzt noch gern damit. Die Muster werden entweder mittels der sonst üblichen Methode des Stechens hervorgebracht oder mittels der des Nähens; bei diesem Verfahren zieht man durch die Haut einen mit Ruß oder Kohle geschwärzten Faden. Die eingestochenen Zeichnungen bestehen zumeist in einfachen Mustern, wie Kreisen, Halbkreisen oder Doppellinien, seltener in komplizierteren Mustern oder Tieren und Blumen. +Bemalen+ des Körpers, sowie +Durchbohren+ der Nasenscheidewand, der Unterlippe und der Ohren und Hineinstecken von allerlei Zierat, im besonderen von Knochenstiften, kommen auch verschiedentlich vor.

Die +Lebensweise+ der Nordvölker Asiens ist im allgemeinen eine nomadisierende (siehe Kunstbeilage). Wenngleich einige Stämme, die vorzugsweise dem Fang der Fische und Seetiere obliegen, eine gewisse Seßhaftigkeit bekunden, so verlegen sie von Zeit zu Zeit doch ihren Wohnsitz an einen anderen Ort. Die Unwirtlichkeit des Klimas zwingt die Polarvölker, große Strecken umherziehend zurückzulegen; Renntier (Abb. 297) und Hund (Abb. 301) erleichtern ihnen ihr Fortkommen; Schlitten und Boot dienen als die hauptsächlichsten Beförderungsmittel. Die wichtigste +Nahrungsquelle+ bildet die Jagd auf Bären, Wölfe, Hirsche und kleinere Pelztiere, an den Flüssen der Fischfang und an der Meeresküste die Jagd auf Seehunde, Walrosse, Walfische, Seelöwen und andere große Seesäugetiere. Als besondere Delikatesse gilt mit Zedernnüssen angefüllter und gerösteter Renntiermagen oder gefülltes Eichhörnchen. Die Mongolenstämme genießen mehr Schaf- und Pferdefleisch. Natürlich werden auch Pflanzenstoffe den Speisen beigegeben, im besonderen Zwiebeln, Beeren, Sauerampfer. Von +Genußmitteln+ kennen die Sibirier Schnaps und Tabak. Die Korjäten und die ihnen verwandten Stämme stellen aus dem giftigen Fliegenpilz ein stark berauschendes Getränk her. -- Von den üblichen +Kochmethoden+ verdienen zwei ältere Verfahren der Itälmen und Aleuten Erwähnung, das Steinkochen (durch Hineinwerfen glühend gemachter Steine in ein mit Wasser gefülltes Gefäß) und das Rösten des Fleisches zwischen zwei ausgehöhlten und mittels Lehm zusammengefügten Steinen in der Feuersglut. Feuer wird allgemein durch Anschlagen von Stahl an Steinen erzeugt.

Die +Behausung+ der Sibirier ist ihrer Lebensweise und dem Klima angepaßt. Wo sie schon eine gewisse Seßhaftigkeit erreicht haben, wie an den Küsten, wohnen sie in Erdhütten oder Schneehäusern; dagegen leben alle umherziehenden Völker, auch die sonst seßhaften, im Sommer in leicht gebauten kegelförmigen Zelten aus oben zusammengebundenen Stangen, die zur kalten Jahreszeit mit mehreren Fellen, zur wärmeren mit Birkenrinde bedeckt werden. Der +Hausrat+ in diesen urwüchsigen Wohnungen (Abb. 304) ist sehr bescheiden; er besteht fast nur in einigen Gefäßen aus Birkenrinde oder Holz, Werkzeugen aus Knochen, Horn oder Eisen und eisernen Töpfen, die man durch Tauschhandel zu erlangen sucht, sowie in Ledersäcken. Besondere Fertigkeit bekunden die Männer in dem Schnitzen von allerlei Geräten aus Bein oder Horn, die Frauen in der Herstellung von Lederarbeiten und dem Benähen der Gewänder mit schönen Mustern aus bunten Fellstückchen, Perlen, Renntierhaaren und Ähnlichem.

Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Lebensweise aller nordasiatischen Völker teilweise schon durch den Verkehr mit den Russen beeinflußt ist; dies gilt von ihren Sitten, Gebräuchen und religiösen Vorstellungen.

Ihrem +religiösen Bekenntnis+ nach sind die meisten der sibirischen Völker rechtgläubige Christen, aber in Wirklichkeit huldigen sie doch noch vielfach ihrer alten heidnischen Religion, dem Schamanismus, der wieder auf dem Animismus und dem Ahnenkult (Abb. 306) beruht. Einige Stämme bekennen sich zum Lamaismus, noch andere zum Islam. Vielfach haben sich die christlichen Gebräuche mit heidnischem Aberglauben verquickt, so daß daraus eine eigentümliche Form der offenbarten Religion hervorgegangen ist. Zunächst sind es die Furcht und Freude zugleich einflößenden Naturgewalten, die für die Sibirier zum Gegenstand der Verehrung werden, in erster Linie die Sonne, sodann Blitz, Donner, Regen, Wolken, Feuer, ferner der Wald, auffallend geformte Steine, Gebirge, Flüsse, Seen, das Meer und so weiter. Ihnen bringen sie Opfer in Gestalt von Fleisch, Blut, Fett, Häuten, Fellen und Schmucksachen dar. So werfen die Itälmen die Nase der Pelztiere ins Feuer, die Jakuten und Tungusen schütten beim Essen von jedem Gericht einen Löffel voll hinein, die Samojeden legen Felle, Perlen und Schmucksachen an den Fuß gewisser Bäume, bestreichen Steine mit Blut und Fett, die Ostjaken behängen Bäume mit Pferde- und Rinderhäuten oder Pelzwerk, die Tungusen gießen beim Überschreiten von Gebirgspässen einen Schluck Branntwein aus oder hängen Pferdehaare, Felle, Tuchfetzen an die dort stehenden Bäume oder Steine.

Der animistischen Denkweise entsprechend werden auch +Tiere als höhere Wesen+ behandelt; man verehrt sie hauptsächlich aus Furcht, daß sie sich rächen könnten, wenn man sie tötet. Besonders der Bär und der Walfisch erfreuen sich der größten Achtung. Dem ersten zu Ehren werden große Feste veranstaltet, an denen schließlich ein Bär getötet wird. Die Giljaken fangen zu diesem Zwecke ein junges Tier ein; jedem Dorfe, in dem dasselbe bei dem Transport Aufenthalt nimmt, widerfährt dadurch ein Glück; wird durch Versehen der Führer etwa ein Kind vom Bären getötet, so schätzen die Eltern dies als eine Auszeichnung. In dem Heimatdorfe angekommen, bringen die Giljaken den Bären in einen besonderen Behälter, wo er längere Zeit gefüttert und gut gepflegt wird. Zum Festtage strömen die Leute von weit und breit zusammen; es finden gleichzeitig Hundewettrennen statt. Darauf wird der Bär, der für die Festlichkeit vorgesehen ist, herumgeführt und zum heiligen Platze gebracht; hier bindet man ihn an einen Pfahl und tötet ihn durch Pfeilschüsse unter dem Geschrei und dem Gejubel der versammelten Menge. Darauf wird er zerlegt und sein Fleisch an die Zuschauer verteilt; die Veranstalter des Festes müssen sich mit der Suppe begnügen. Die Knochen des Tieres werden schließlich gesammelt und in einer besonderen Gruft beigesetzt. Die Ostjaken stimmen vor der an einem Baume aufgehängten Haut des Bären Bittgesänge an, auf daß das getötete Tier ihnen ihr Vorgehen vergebe, und erweisen ihm große Ehre, um seinen Geist zu versöhnen, damit er sich nicht räche. Ein ähnliches Fest begehen im Anfang des Frühjahrs die Itälmen. Hierbei ist der Walfisch Gegenstand der Verehrung. Sie schnitzen aus Holz ein solches Tier von etwa einem halben Meter Länge und zünden vor ihm eine Lampe an, die die ganze Fangzeit über, also bis zum Herbste brennen muß. Im nächsten Frühjahr, bevor die Walnetze ausgelegt werden, bringen sie den hölzernen Walfisch unter Trommelwirbel und allgemeinem Jubel in eine Erdjurte und schlachten ihm zu Ehren eine Anzahl Hunde. Schamanen verkünden darauf, daß das Tier ins Wasser entflohen sei.

Ebenso wie die Rache getöteter Tiere wird auch die +verstorbener Menschen+ von den Sibiriern gefürchtet; sie sind daher bestrebt, wie wir noch weiter unten sehen werden, den Verstorbenen ihre Habe mit ins Grab zu geben und durch allerlei Zeremonien sie an der Rückkehr zu verhindern. Außerdem lassen sie es sich angelegen sein, mit Hilfe der Schamanen der Seele der Abgeschiedenen den Weg ins Jenseits zu zeigen. Über das Aussehen der Geister und ihr Wesen herrschen unter den Sibiriern nur unklare Vorstellungen; man glaubt vielfach, daß sie zu Bären, Adlern, Eulen, Käfern und so weiter werden oder als Schatten umhergehen, und unterscheidet gute und böse Geister. Die ersteren gelten meistens für die Beschützer des Hauses und des Eigentums, während die bösen hingegen als Unholde den Menschen alles mögliche Böse zuzufügen suchen, im besonderen Krankheit und Tod. Nach dem Glauben der Burjäten essen sie die kleinen Kinder und trinken ihr Blut, aber nur bei solchen unter einem Jahre; die Erwachsenen belästigen sie dagegen durch allerlei Ränke. Früher scheint man bei diesem Volke durch Menschenopfer die bösen Geister versöhnlich gestimmt zu haben, wie sich aus alten Liedern und Sagen der Burjäten entnehmen läßt. Da man mit der Möglichkeit rechnen muß, daß die Geister der Verstorbenen trotz aller Vorsichtsmaßregeln doch zu ihren Angehörigen zurückkehren, fertigt man Ahnenbildnisse für sie an, in denen sie dann einen ihrem früheren Körper ähnlichen Aufenthalt nehmen können. Es sind dieses aus Holz roh geschnitzte, bald größere, bald kleinere menschliche Figuren, an denen eigentlich nur der Kopf, als der Sitz der Seele, ausgearbeitet zu werden pflegt. Man bringt sie entweder im Hause oder unter dem Dachfirst an, stellt sie auch wohl an abgelegenen Plätzen auf.