Part 16
Die meisten Dschungelbewohner begraben ihre +Toten+, und nur bei den Stämmen, die von der Hinduzivilisation bereits beeinflußt worden sind, werden sie verbrannt. Die ganz wilden Stämme entledigten sich früher ihrer Toten einfach durch Aussetzen in den Dschungel, heutzutage kommt dieses Verfahren wohl nur noch für ganz kleine Kinder und Aussätzige, deren Krankheit der Verhängung durch eine beleidigte Gottheit zugeschrieben wird, in Betracht. Beim +Begräbnis+ legt man dem Toten Geld in den Mund, damit sein Geist auf der Reise ins gelobte Land, das im Westen liegt, weiterkomme; auch fügt man öfters Speise, Getränke, Kleidung und Waffen (aber in zerbrochenem Zustande) bei, damit er sich dieser Dinge im Jenseits bediene. Allgemein wirft man in das Grab auch einige Kupfermünzen, um dadurch die Erdgöttin wegen der Störung, die sie durch das Begräbnis erfährt, milde zu stimmen. Handelt es sich um einen angesehenen Mann, dann legt man auf sein Grab noch einen Stein als Ruheplatz für seinen Geist und bringt ihm zu bestimmten Zeiten Trank- und Speiseopfer dar. Bei Leuten, die verunglückten oder einem Tiger oder einer Schlange zum Opfer fielen, werden besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen, weil man fürchtet, daß die Geister nachtragend sein könnten. Man errichtet ein Steingrab über dem Toten, damit sein Geist unten gehalten werde, oder füllt die Grube mit Dornen auf, daß er sich nicht fortbewege; manchmal wird die Leiche auch mit dem Gesicht nach unten beigesetzt. Ist ein Mensch durch einen Tiger getötet worden, dann begibt sich der Baigapriester an den Ort, wo sich das Unglück abspielte, und baut dort aus der blutdurchtränkten Erde einen kleinen Kegel auf, der den Toten vorstellen soll; sodann treibt er allen möglichen Hokuspokus und ahmt unter anderem auch den Überfall des Tigers nach, wobei ihn ein anderer von hinten her als Bluträcher unterstützt. Der Lehmkegel wird sodann auf einen Ameisenhügel gestellt und ein Schwein darüber geopfert. Am nächsten Tage wird noch ein mit Mennige gezeichnetes Hühnchen, das den Geist des Verstorbenen darstellen soll, dorthin gebracht und schließlich in den Dschungel getrieben. Ähnliche Versöhnungsgebräuche werden noch eine Reihe von Jahren an der gleichen Stelle vollzogen.
Bei gewöhnlichen Todesfällen +trauert+ die Familie ungefähr eine Woche lang; während dieser Zeit ruht alle Arbeit, die Leute unterhalten keinen Verkehr miteinander, kein Essen wird gekocht, sondern die Nachbarn liefern die Mahlzeiten für die Familie. Alles dieses könnte den Geist des Toten stören. Im allgemeinen werden alle Geister Verstorbener, ausgenommen derer, die heilig gesprochen wurden, für den Lebenden feindlich gesinnt gehalten, besonders aber die Geister von Fremden oder von solchen Menschen, die zu früh mit unerfüllten Wünschen aus der Welt schieden. Am meisten wird indessen der Geist einer Frau gefürchtet, die bei der Geburt oder im Wochenbett starb. Sie wird zu einer Churel, was daran zu erkennen ist, daß sie rückwärts gebogene Füße besitzt; sie umlagert junge Männer, verschleppt sie und gibt sie erst frei, wenn sie alt und gebrechlich geworden sind. Daher wird eine solche Frauenleiche mit Stricken zusammengebunden, erhält Nägel in die Glieder geschlagen, wird mit dem Gesicht nach unten begraben und so weiter, damit sie nicht „umgehen“ kann. Außerdem werden von ihrem Grabe bis zu ihrer Wohnung Sesamkörner gestreut, damit die Churel, falls sie doch aus ihrem Grab herauskommen sollte, auf dem Heimwege diese einzeln aufhebe; man nimmt an, daß dies länger dauern würde, als bis der Hahn kräht, woraufhin sie wieder in ihr Grab zurückkehren muß.
Wenn jemand im Sterben liegt, so bringt man ihn ins Freie, damit sein Geist, den man sich als winziges Geschöpfchen vorstellt, wenn er den Körper durch die Schädeldecke verläßt, freie Beweglichkeit erhalte und ihm nichts im Wege stehe; eine brennende Lampe wird an der Stelle, wo der Geist ausgehaucht wurde, unterhalten, um diesen auf seiner Reise ins Jenseits zu geleiten.
Die Völker, die ihre Toten verbrennen, wie die Munda und Oraonen, begraben die Asche unter mächtigen Grabsteinen in weitausgedehnten Friedhöfen oder tragen sie, wie die Santal, nach ihrem heiligen Flusse, dem Damuda, und streuen sie in den Strom. Eine eigentümliche Abweichung weist die Begräbniszeremonie bei den Ho auf. Hier muß die nächste weibliche Verwandte des Verstorbenen seine Asche in einem tönernen Gefäß auf dem Kopfe von dem Verbrennungsplatz in feierlichem Zug nach der alten Wohnung tragen, in deren Nähe das Grab gemacht ist. Der Zug bewegt sich von Haus zu Haus, und aus jedem Hause kommen die Insassen hervor, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Das Ganze macht bei den feierlichen Trommelschlägen, die den Aufzug begleiten, und dem leisen Geklage der Frauen einen tiefernsten Eindruck. In dem Grabe wird die Urne zusammen mit Reis und anderen Speisen beigesetzt. Über der Grabstätte wird eine mächtige Steintafel errichtet. Die Ho ehren das Andenken der Toten noch dadurch, daß sie ihnen draußen vor dem Dorfe Denkmäler in Gestalt von mächtigen, bis zu drei und selbst vier Meter hohen Felsensäulen errichten (Abb. 242).
Assam.
Assam, das zerklüftete Gebirgsland, das sich zwischen China, Indien, Tibet und Birma erstreckt, ist im Besitze einer Reihe Völker, die sich infolge ihrer Isoliertheit durch Sprache, Gewohnheiten und Religion ziemlich scharf voneinander unterscheiden. Einen gewissen höheren Grad von Zivilisation haben unter ihnen die Garo, Khasi und Kacha-Naga erreicht, da sie bereits länger mit den Engländern in Berührung gekommen sind, während hingegen die eigentlichen Naga, mit ihrem größten Stamme, den Ao, auf einer verhältnismäßig noch niederen Kulturstufe stehen.
Vom +Rassenstandpunkt+ aus weisen alle diese Völker einen ziemlich einheitlichen Typus auf, nämlich den der +Mongolen+, wenngleich auch verschiedentlich +indonesischer Einschlag+ nicht zu verkennen ist, wofür auch manche aus dem Süden her übernommene Gebräuche sprechen.
Die +Lebensweise+ der Naga ist eine ziemlich feste; solange es geht, bleiben sie an einem Orte seßhaft. Sie betreiben Acker-(Reis-)Bau. Oft genug liegen ihre Felder weit vom Dorfe ab. Die Ernte wird in besonderen kleinen Scheuern am Eingange des Dorfes untergebracht. Haustiere sind der Hund, die Katze, das Schwein und die Ziege. Die Naga +essen+ alles, dessen sie auf der Jagd habhaft werden können. Als größter Leckerbissen gilt für sie mit Reis ausgestopfter Hundebraten. Bei einzelnen Stämmen bestehen gewisse Speiseverbote. Die Naga +wohnen+ in Dörfern, deren Eingangstor von Kriegern bewacht wird (Abb. 247). Die Hütten stehen meistens so nahe aneinander, daß sich die Giebel einer Häuserreihe mit der ihr gegenüberstehenden fast berühren (Abb. 245). In der Mitte eines jeden Dorfes und meistens auf seinem höchsten Punkt steht der +Murong+, das Gemeindeberatungshaus (Abb. 251), das gleichzeitig den Junggesellen als Aufenthaltsort und Schlafraum dient (Abb. 244). Auch die unverheirateten jungen Mädchen pflegen abgesondert von den Verheirateten unter Aufsicht einer Matrone in einem eigenen Haus für sich zu schlafen. Ein anderes wichtiges Gebäude der Naga ist neben der Versammlungshalle der Krieger (Abb. 246) die Hütte, in der die große Dorftrommel aufbewahrt wird (Abb. 249). Sie wird angeschlagen, um beim Herannahen eines Feindes die auf den weiter entfernten Reisfeldern arbeitenden Leute zusammenzurufen, und ist aus einem vier bis sechs Meter langen Baumstamme angefertigt; an ihrem hinteren Ende trägt sie einen geschnitzten Tiger- oder Ochsenkopf, an ihrem vorderen aber ist sie ausgebuchtet und endigt in zwei ausgebreitete Arme. In diese Rinne kamen früher bei Festlichkeiten nach einem Kriegszuge die Köpfe der erschlagenen Feinde zu liegen.
Die +Kleidung+ der Naga ist für gewöhnlich aufs knappste bemessen. Diejenigen Stämme, die die halbtropischen Wälder und die tiefer gelegenen Gebirgsabschnitte bewohnen, gehen fast nackt. Die Männer begnügen sich mit einer langen gewebten Binde um die Hüften, die Frauen tragen dunkelblaue, selbstgewebte Röcke. Viele Leute gehen tatauiert und alle schmücken sich gern; in dieser Hinsicht überbieten die Männer die Frauen. Sehr beliebt sind bei den Mishmi mächtige Bambuspflöcke in den ausgedehnten Ohrläppchen (Abb. 250), ferner Halsketten aus Perlen oder Muscheln, sowie Armbänder aus Rohr, Messing oder Silber (Abb. 248). Merkwürdigerweise legen die Weiber, sobald sie verheiratet sind, ihren Schmuck ab und überlassen ihn den jungen Mädchen.
Ein Nagakrieger macht in seiner Galatracht einen imposanten Eindruck (Abb. 252). Sein kraftvoller Körper ist reich tatauiert und bemalt; er trägt einen kurzen blauen Schurz, der mit weißen Kaurimuscheln verziert ist, zum Zeichen, daß er an früheren räuberischen Einfällen teilgenommen hat. Über die Brust hat er sich mehrere farbenfrohe Schärpen mit vielen farbigen Bändern geworfen, auf das Genick sich eine Scheibe aus einer großen Seemuschel mit einem blauen Band gebunden. Dazu kommen schwere Armbänder aus Rohr über den Ellbogen, Rohrgamaschen und ein Kranz von ineinander verschlungenen Wildschweinzähnen, der, mit bunten Baumwollbändern verziert, seine Stirn umgibt. In einem Gürtel steckt eine hackbeilähnliche Axt, deren Griff mit gefärbten Haaren verziert ist. Die sehnige Faust hält einen großen Schild aus der ausgespannten Haut eines Tigers, Leoparden, Elefanten oder Bären, die gleichfalls mit Ziegenhaar geschmückt ist, und einen acht Fuß langen Speer, der schön mit steifem, karmesinrot und schwarz gefärbtem Samt aus Ziegenhaar umwickelt ist. Die ganze Tracht wirkt außerordentlich malerisch und zugleich furchterregend.
Die Naga kürzen ihr langes, straffes, pechschwarzes Haar auf dem ganzen Kopfe (Abb. 248), diese Prozedur wird aber nicht etwa mit einer Schere vorgenommen, sondern ein befreundeter Nachbar legt sein Jagdbeil unter das Haar und schlägt mit einem flachen Stück Holz die Haarspitzen ab. Bei festlichen Gelegenheiten setzen sich die Krieger noch besondere Haarkränze auf. Die jungen Mädchen tragen ihr Haar bis zur Hochzeit ebenfalls gekürzt, dann aber lassen sie es sich wachsen und binden es über dem Hinterkopf in einem Knoten zusammen. Bei den Mishmikriegern dienen die als Ohrschmuck getragenen großen Muscheln zum Schutze gegen Schwerthiebe (Abb. 253).
Die meisten Nagastämme befinden sich noch auf der niedrigsten Stufe religiösen Glaubens, auf der des Animismus, der alle Dinge sich belebt denkt und sie für den Wohnsitz von Geistern hält. Hauptsächlich werden aber nur jene Geister verehrt, von denen man annimmt, daß sie Böses zuzufügen imstande sind (Abb. 254). Götterbilder gibt es nicht, ebensowenig Tempel oder heilige Haine, dementsprechend auch keinen Priesterstand. Bei Ausbruch einer jeden Krankheit wird geopfert; was für ein Tier dazu genommen werden soll, das bestimmt ein alter Mann. Die Garo opfern den himmlischen Geistern weiße Hähne und den Erdgeistern die Erzeugnisse des Bodens, wie Reis, Blumen und Wein; sie bringen diese Opfer vor einem Bambusbaum dar. Die Abor (Abb. 255) beten mit Vorliebe Geister an, die in den Bäumen leben; erweisen diese sich aber boshaft, indem sie zum Beispiel die Cholera senden oder ein Kind in dem Walde sich verirren lassen, dann hauen sie aus Rache einfach die Bäume ihrer Umgebung um.
Die Naga waren früher sehr gefürchtete +Kopfjäger+ und sind es in den Gebieten, wohin der englische Einfluß nicht reicht, noch. Nach Molz’ Schätzung erjagten sie in einem Zeitraum von vierzig Jahren auf einem Gebiete von zwanzig Quadratmeilen allein zwölftausend Köpfe. Der wichtigste Grund dafür, daß die jungen Leute auf Schädel so erpicht sind, ist ihre Eitelkeit, der Wunsch, in den Augen ihrer Angebeteten für einen tüchtigen Krieger zu gelten. Denn alle anderen Liebesbeweise ziehen bei ihr nicht, wenn der junge Mann nicht einen erbeuteten Kopf seinem Mädchen zu Füßen gelegt hat. Dazu kommen aber noch religiöse Gründe. Man glaubt nämlich, daß die Geister der Erschlagenen, deren Köpfe man selbst besitzt, nach dem eigenen Tode in der nächsten Welt als Sklaven aufwarten müssen. Andere Stämme erblicken in den erbeuteten Köpfen ein gutes Schutzmittel gegen die Pocken oder in dem Verstreuen des Fleisches getöteter Feinde über die Reisfelder eine gute Förderung der Ernte. Bei dem Erwerb der Schädel pflegen die Naga oft genug recht rücksichtslos vorzugehen, indem sie hinterrücks aus dem Gebüsch fremde Menschen, selbst Frauen, überfallen und sie töten. Bezeichnend für ihre große Grausamkeit war in früheren Zeiten auch, daß sie den Feinden nicht nur den Kopf abschnitten, sondern sie bei lebendigem Leibe auch in Stücke zerteilten, ihnen die Brust öffneten, damit sie selbst ihr flatterndes Herz sehen könnten, oder ihnen einzelne Körperteile abschnitten und das eigene Fleisch zum Essen darreichten.
Für die +niederkommende Mutter+ wird von einzelnen Stämmen eine kleine Hütte errichtet, in der sich der Vorgang unter der Beihilfe einiger Weiber abspielt und in der die Mutter mit dem Kinde noch einige Tage verweilt. Stirbt die Kreißende bei der Geburt, dann wird dies als ein großes Unheil für das ganze Dorf angesehen und es werden besondere Vorkehrungen getroffen, auf die wir weiter unten noch zurückkommen werden. -- Besondere Zeremonien bei der +Geburt+ kennt man in Assam nicht, auch keine besonderen Vorschriften für die Schwangeren. Nur bei den Miri bringt man den Vater zu Bett, wo er vierzig Tage lang nach der Geburt des Kindes liegen bleiben muß und wie eine Wöchnerin von einer Frau gefüttert wird. Auf seine üblichen Gewohnheiten muß er dabei verzichten, ja sogar eine gewisse Diät einhalten, weil sonst das Kind davon Schaden an seiner Gesundheit erleiden könnte. Die Miri befinden sich noch in einem Übergangsstadium von dem mutterrechtlichen zum vaterrechtlichen System; dieser ihrer Sitte des +Männerkindbettes+ scheint der Gedanke zugrunde zu liegen, daß der Vater zu dem Neugeborenen in direkter Verwandtschaft steht. Auch die Khasia, Kuki und Kacha-Naga leben noch auf solcher Zwischenstufe.
Die +Namensgebung+ des Kindes richtet sich bei den Kacha-Naga und Khasia nach dem matriarchalischen System. Weder der Vater noch die wirkliche Mutter haben nach dieser Richtung hin etwas zu sagen, die älteren Männer und Frauen im Dorfe erledigen die Angelegenheit. Das Ergebnis ist, daß die Eltern ihres eigenen Namens verlustig gehen und dafür in Zukunft nach ihrem Kinde genannt und gerufen werden, also mit „Vater von Soundso“, sowie „Mutter von Soundso“. Eine drollige weitere Folge dieser eigentümlichen Sitte ist die, daß, wenn ein Ehepaar alt geworden ist, ohne daß ihm Kinder beschert wurden, der Mann mit „kinderloser Vater“ und die Frau dementsprechend angeredet wird. -- Beschneidung wird nicht geübt.
Die +Kinder+ wachsen frei heran. Von dem Eintritt der Reife bei den Mädchen wird keine Notiz genommen; es finden daher auch keine Festlichkeiten statt. Sobald die Knaben in den Stamm aufgenommen worden sind, dürfen sie sich an den räuberischen Einfällen beteiligen. -- Vor der Ehe wird beiden Geschlechtern die größte +geschlechtliche Freiheit+ gestattet. Jeder Bursche darf sein Mädchen zu allen Stunden der Nacht mit Willen und Einverständnis der Eltern besuchen. Wie wir schon hörten, gibt es auch Murong für die weibliche Jugend, in denen es zumeist recht zügellos zugeht. Ist der Verkehr von Folgen begleitet gewesen, dann heiratet der Verführer vielfach das Mädchen. Tut er es nicht und gerät die junge Mutter dadurch in Not, dann wird das neugeborene Kind von zwei alten Weibern ins Jenseits befördert, indem sie es mit einem Bambusrohr erdrosseln.
Die Naga +heiraten+ verhältnismäßig spät. In einigen Dörfern herrscht Exogamie, in anderen wieder Endogamie; in letzteren ist also das Heiraten innerhalb desselben Clans gestattet. Die großen Tanzfeste bieten den jungen Leuten Gelegenheit zum Liebeswerben. Bei den Ao-Naga kommt gelegentlich eines solchen Tanzfestes noch eine Sitte zum Ausdruck, die lebhaft an die Raubehe erinnert. Die Mädchen eines Clans bilden einen Kreis und tanzen langsam herum, während die jungen Männer aus einem anderen Clan mit Fackeln herbeistürzen und ein jeder das Mädchen seiner Wahl davonschleppt. Durch diese Gefangennahme hat das Mädchen aber nur einen Trunk verwirkt, den es seinem jungen Manne verabreichen muß, um freizukommen.
Die +Hochzeitsfeierlichkeiten+ sind unter allen Nagastämmen sehr einfach. Bei den Garo tragen Freunde den Bräutigam nach dem Hause der Braut; hier werden ein Hahn und eine Henne geopfert und ihre Eingeweide auf eine günstige Vorbedeutung hin zu Rate gezogen. Ein Freund oder ein anderer Mann von Ansehen schlägt nun mit dem toten Hahn den Rücken der Frau und mit dem Huhn den des Mannes; damit ist den Zeremonien Genüge geleistet, und die Ehe wird für gültig erklärt. Natürlich findet im Anschluß hieran dann ein Festschmaus und ein Tanz statt. Der junge Ehemann bleibt mit seiner Frau im Hause ihrer Eltern und wird Angehöriger ihres Clans. Eine merkwürdige Folge dieser verworrenen weiblichen Verwandtschaft unter den Garo ist die, daß der Mann, der die Lieblingstochter eines Hauses heiratet, für den Fall, daß sein Schwiegervater sterben sollte, dessen Witwe, also seine Schwiegermutter heiraten muß. -- +Polygamie+ kommt nur unter den Mishmi (Abb. 256) vor; bei diesem Stamme darf sich ein Mann so viele Frauen kaufen, als er sich zu leisten vermag. Der Preis für eine Frau schwankt von einem Schwein bis zu zwanzig Ochsen; die Zahl der Frauen ist somit ein Zeichen des Wohlstandes. Beim Tode des Ehemannes werden alle überlebenden Frauen das Eigentum seines Erben, das heißt des Sohnes, ausgenommen die eigene Mutter. Bei einigen Stämmen kommt auch Ehe auf Probe für einige Wochen vor. Das Paar macht sich allein auf und davon; findet es Gefallen aneinander, dann folgt die bindende Hochzeitszeremonie.
Die +Stellung der Frau+ ist bei den Stämmen mit der „mütterlichen Verwandtschaft“, wie zum Beispiel bei den Garo und Khasia, eine recht hohe. Das Mädchen ist es, von dem der Eheantrag ausgeht; der Ehemann lebt fortan in der Familie seiner Frau. Diese kann ihn, sofern es ihr paßt, einfach vor die Türe setzen und im allgemeinen dann jeden beliebigen Mann heiraten; sie kann diesem auch ihren ganzen Besitz wie auch den ihres früheren Gatten übertragen; auch die Kinder gehören ihr. Der Mann seinerseits darf aber seine Frau unter keinen Umständen von sich stoßen, es sei denn, daß er seine ganze Habe und seine Kinder preiszugeben gewillt ist. Stirbt ein Häuptling, dann ist nicht sein Sohn der Erbe, sondern ein Sohn seiner Schwester, den die Witwe auswählt. Ist der Auserwählte etwa bereits verheiratet, dann trennt er sich sofort von seiner Frau, die sein ganzes Besitztum samt den Kindern mit sich nimmt, während er die alte Witwe heiratet, dafür aber auch die hohe Würde eines Häuptlings erhält.
Ganz entgegengesetzt zu diesen Frauen aus den Stämmen, bei denen das Matriarchat herrscht, führen die aus den Stämmen der Naga mit Vaterschaftssystem ein recht mühevolles, untergeordnetes Dasein, und doch geben die Naga im allgemeinen glückliche Eheleute ab. Obwohl sie vor der Ehe in geschlechtlicher Hinsicht recht zügellos leben, halten sie nach der Hochzeit um so fester die Treue. +Ehescheidung+ kommt aber häufig genug vor und wird von dem Paar selbst vollzogen, indem es einfach auseinandergeht, doch hat der schuldige Teil Strafe zu zahlen. Eine Trennung der Eheleute ist erlaubt wegen Untreue, schlechten Charakters, Unfruchtbarkeit der Frau und noch aus anderen Gründen. Eine geschiedene Frau kann sich sogleich wieder mit einem anderen Manne verheiraten.