Part 15
Die +Nachgeburt+, von der man glaubt, daß sie eng mit dem Kinde verknüpft sei, wird entweder in einem Loch an Ort und Stelle tief vergraben oder verbrannt; auf jeden Fall darf sie keinem Zauberer oder keiner Hexe in die Hände fallen oder von einem wilden Tiere gefressen werden, da dies dem Kinde verhängnisvoll werden könnte. Kein Gegenstand aus der Wochenstube darf in die Hände einer kinderlosen Frau geraten, denn dadurch würde deren Unfruchtbarkeit auf Mutter und Kind übergehen, erstere keine Kinder mehr bekommen und ihre lebenden sterben. -- Die Geburt von +Zwillingen+ wird von manchen Stämmen als etwas Unglückbringendes gedeutet. Die wilderen Stämme setzen dieselben daher im Dschungel aus, während die mehr zivilisierten, falls ein Zwilling ein Mädchen ist, es absichtlich vernachlässigen und infolge der mangelhaften Pflege umkommen lassen.
Den altertümlichen Brauch des +Männerkindbettes+ (Couvade) treffen wir verschiedentlich an. Bei den Drawidastämmen des Verwaltungsbezirkes Madras verrichtet der Vater bei der Geburt des Kindes gewisse Handlungen oder simuliert Zustände, die für die Mutter natürlich oder ihr eigentümlich sind; auch enthält er sich für eine gewisse Zeit des Genusses bestimmter Speisen oder der Verrichtung gewisser Handlungen, wie wenn er durch die Geburt körperlich sehr mitgenommen wäre. Im nördlichen Indien treten nur noch vereinzelte Überbleibsel der Couvade in die Erscheinung. Allgemein gesagt, teilt der Mann die Unreinheit seiner Frau und bleibt, wenn das Haus von den anderen Verwandten verlassen worden ist, bei ihr daheim, auch kocht er für sie. Was er unmittelbar vor der Geburt tut, soll auf seine Frau von Einfluß sein. Bei einem Stamme der Korbmacher im westlichen Indien geht die Wöchnerin sofort nach der Geburt an ihre Arbeit, als ob nichts vorgefallen sei, während der Ehemann sich in sein Bett legt und ein paar Tage kräftige (Wöchnerinnen-) Nahrung erhält.
Am sechsten Tage nach der Geburt, der für besonders heilig gilt, insofern man annimmt, daß am Abend dieses Tages die betreffende Gottheit erscheine und das Schicksal des Kindes aufzeichne (weshalb manchmal Schreibmaterial zur Benutzung hingelegt wird), pflegt man dem Kinde auch seinen +Namen zu geben+. Derselbe ist von größter Bedeutung und macht einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Damit nicht etwa eine Hexe oder ein Zauberer ihn erfahre, wird er geheim gehalten und ein zweiter dem Kinde beigelegt, mit dem es bei gewöhnlichen Anlässen angeredet wird. Öfters pflegt man ihm direkt Schimpfnamen, wie Unrat, Bettler und so weiter zu geben, einfach zu dem Zweck, daß damit kein übelwollender Mensch seinen bösen Blick auf ein so wertloses Geschöpf werfe.
Für die Knaben besteht keine andere +Pubertätszeremonie+ als die bei den Hindu überhaupt übliche Überreichung der Schnur. Bei den Mädchen aber ist das Erscheinen der ersten Regel ein wichtiges Ereignis. Da sie während dieser Zeit unter dem Einflusse von Geistern stehen und eine Quelle der Ansteckung sind, so darf niemand mit ihnen in Berührung kommen; sie werden daher streng abgesondert. Nach Ablauf der Periode werden sie gebadet, einer Läuterung unterzogen und kehren dann erst wieder in den Schoß ihrer Familie zurück. Auch werden sie um diese Zeit herum einer Tatauierung unterworfen.
+Heiraten+ ist bei den Wildstämmen ein unbedingtes Erfordernis; nur die Krüppel, Gebrechlichen und unheilbaren Kranken machen hiervon eine Ausnahme. Der drawidische Bewerber sieht bei seiner Auserwählten mehr auf Gesundheit und Kraft, als auf Schönheit; er will eine Frau haben, die im Hause und auf dem Felde tüchtig arbeiten kann, das Vieh besorgt, das Korn für den Haushalt mahlt, sowie Früchte und Beeren im Dschungel einsammelt. Für gewöhnlich übt die Hausfrau auch einen ziemlichen Einfluß aus, zumal sich ihr Aufenthalt auf keine Zenana beschränkt. Sie verhüllt ihr Gesicht auch selten in Gegenwart fremder Männer. In der Familie wird wenig unternommen ohne ihre Billigung; im besonderen greift sie in die Heiratsverhandlungen ihrer Kinder tätig ein.
Für die +Wahl der Braut+ ist Gesetz, daß ein Mann innerhalb seines Stammes oder seiner Kaste, aber kein Mädchen aus seinem eigenen Clan oder Unterstamm (Sippe) heiratet. Der soziale Stand bietet wenigstens in der Theorie kein Hindernis bei einer Wechselheirat. Die Heiratsaison ist für gewöhnlich das Frühjahr, denn dann ist das Wetter zum Reisen schön, auf den Feldern gibt es keine dringende Arbeit, und um diese Zeit werden auch die Jahresfeste gefeiert, die die Fruchtbarkeit der Menschen, Tiere und Pflanzen fördern sollen. Bei den bereits durch die Hindureligion beeinflußten Stämmen wählt ein Astrologe, bei den ursprünglichen Gruppen der Dorfoberste den für die Hochzeit günstigsten Tag aus. Um die Unkosten der Hochzeitsfeiern zu ermäßigen, finden diese an manchen Orten an demselben Tage des Jahres statt. Bei den Kunbi im westlichen Indien besteht der merkwürdige Brauch, daß sie nur einmal alle zehn oder zwölf Jahre Heiraten vollziehen und daß der Dorfoberste die Erlaubnis dazu dem Schicksal überläßt. Er fertigt zu diesem Zweck eine Anzahl Papierstreifen an, schreibt auf sie entweder „ja“ oder „nein“ und wirft sie auf einen Haufen vor dem Bildnis der Stammesgöttin. Ein kleines Kind muß darauf eine gewisse Anzahl heraussuchen, und zwar tut es dies dreimal. Wenn sich dann bei der Prüfung herausstellt, daß die Mehrzahl bejahend ausfällt, dann nimmt man an, daß die Göttin dazu ihren Segen erteilt hat.
Die +Eheschließung+ weist bei den einzelnen Stämmen verschiedene Formen auf. Bei den Waldstämmen wird fast jede Form des Zusammenlebens, sofern der Stammesrat sie gutheißt, als rechtsgültig anerkannt und dem Paare die Vorrechte des Stammes oder der Kaste übertragen, auch ihre Kinder als legitim angesehen. Obenan steht unter den Heiratsformen der +Raub+ oder die Entführung. Der Jüngling trägt das Mädchen unter Anzeichen von Gewalt in den Wald; nach einiger Zeit machen seine Angehörigen die Beleidigung wieder gut, indem sie den Brautpreis zahlen und den Stammesbrüdern ein Fest geben, und das junge Paar kehrt nach kurzen Flitterwochen ins Dorf zurück. Auch bei den zivilisierteren Stämmen begegnen wir noch Anklängen an diese Eheform (Abb. 240). Um den Brautpreis zu sparen, ist Austauschheirat keine ungewöhnliche Erscheinung. Die betreffenden Eltern tauschen dabei gegenseitig ihre Kinder aus; in diesem Falle wird von einer Bezahlung Abstand genommen.
Eine andere Methode der Frauengewinnung ist die Sitte, +um die Braut zu dienen+. In solchem Falle tritt der Jüngling in die Familie seines zukünftigen Schwiegervaters ein und dient hier oft bis zu sieben Jahren, ehe das Paar heiraten darf. In der Theorie muß es während dieser Probezeit getrennt bleiben, aber in der Praxis wird diese Bedingung von ihm nicht immer innegehalten. Dieser Brauch hängt mit dem ursprünglichen Gesetz der Abstammung in weiblicher Linie zusammen, worauf auch noch die hohe Stellung der Schwester der Braut und des Onkels mütterlicherseits hinweist; ersterer fällt bei der Hochzeitszeremonie die Aufgabe zu, die Kleider des Paares zum Zeichen ihrer Verbindung zusammenzuknoten, letzterem dagegen, das Hochzeitskleid zu stiften und zum Brautpreis beizutragen. In den meisten Fällen jedoch wird die Braut ihrem zukünftigen Manne übergeben, sobald seine Verwandten eine Geldsumme, Vieh, messingene Kochgeräte oder andere Besitzgegenstände gezahlt haben.
Bei den Waldstämmen findet zumeist keine weitere +Werbung+ statt, bei den fortgeschritteneren Gruppen dagegen bestehen mancherlei Gebräuche, die indessen von Bezirk zu Bezirk verschieden sind. Meist pflegt sich die Werbung in der Weise abzuspielen, daß eine Deputation von Freunden des Jünglings ausgesandt wird, die durch sorgfältige Beobachtung der vorgeschlagenen Braut feststellen soll, daß sie an keinem körperlichen Gebrechen leidet. Fällt dieser Vorbesuch befriedigend aus und ist damit zusammenhängend der Kaufpreis festgesetzt, dann werden die Betreffenden verlobt. Dessenungeachtet macht sich der Vater der Form wegen noch auf den Weg, die Braut zu suchen, dabei muß er einen kleinen Vogel, Devi genannt, rechts von sich erblicken, um Glück zu haben. Ehe er diesen nicht sieht, bricht er auf keinen Fall auf, selbst wenn er monatelang warten sollte. Hat er seinen Wunsch erreicht, ist die Verlobung also ordnungsgemäß zustande gekommen, dann werden der Vater und die Freunde des Jünglings aufgefordert, bei den Angehörigen der Braut zu speisen. Während der Mahlzeit streuen ihre weiblichen Verwandten Getreidekörner auf die Türschwelle und stürzen sich, sobald der zukünftige Schwiegervater das Haus verlassen will, auf ihn, als ob sie ihn angreifen wollten, er aber eilt auf die Tür zu und gleitet auf den Körnern aus; das letztere wird immer so eingerichtet, daß es eintrifft, da sonst die Ehe keine glückliche sein würde. Bei der Verlobung beschenkt er die Braut mit einer silbernen Halskette und einem goldenen Nasenring, den sie zum Zeichen, daß sie bereits versprochen ist, fortan trägt. Bevor der Hochzeitstag festgesetzt wird, geht man den Astrologen um Rat an; dieser fragt nach den Namen des Paares und berechnet, ob diese mit den Gestirnen eine günstige Vorbedeutung ergeben. Da nun bei ungünstigem Stand der Sterne ein anderer Name in Vorschlag gebracht werden kann -- manchmal nacheinander eine ganze Reihe derselben --, so geben manche Leute schon bei der Geburt ihren Kindern zehn bis zwölf Namen.
Kurz vor der +Hochzeit+ werden Braut und Bräutigam mit Öl und Safran gesalbt, um dadurch die bösen Geister zu verscheuchen. Bei Anbruch des verabredeten Hochzeitstages begibt sich der Jüngling in Begleitung seiner Freunde bewaffnet auf den Weg zu seiner Braut; er trägt ein besonderes Hochzeitsgewand und ist mit verschiedenen Zaubermitteln und Amuletten, die ihn vor Unheil schützen sollen, ausgerüstet; seine Augen sind mit Antimon oder Ruß gefärbt, auch sein Gesicht bisweilen gänzlich bedeckt oder mit einem Schleier bekleidet. An der Grenze des Dorfes, wo die Braut lebt, wird der Zug von einer Abteilung ihrer Sippenleute empfangen; die Teilnehmer werden noch auf besondere Weise gereinigt, um kein Unheil mitzubringen, und sodann in einer besonderen Hütte außerhalb des Dorfplatzes bewirtet. Zu einer günstigen Stunde wird nun der Bräutigam nach dem Hause seiner Zukünftigen geleitet. An der Haustür begrüßen ihn hier deren Freundinnen mit Speisebrettern voller Getreide und Früchte und mit einer brennenden Lampe. Diese schwingen sie über seinem Kopfe, um noch einmal Unglück abzuwenden, und die alten Frauen der Familie lassen ihre Fingergelenke knacken, wodurch sie das etwa noch vorhandene Unglück auf sich nehmen wollen. Unter Trommelwirbel und den Tönen sonstiger Musik betreten der Bräutigam und seine Schar den Hochzeitspavillon. Ursprünglich war dies ein heiliger Baum, unter dem die Verbindung stattfand. In moderner Form ist daraus eine Art Pavillon geworden, der aus den Zweigen eines solchen Baumes aufgebaut wird; zur Vermeidung von Unglück müssen die Zweige mit besonderer Vorsicht geschnitten werden. Im Innern des Pavillons haben die verheirateten Frauen des Stammes glückbringende Erde zusammengetragen; kinderlose Frauen waren, weil unheilbringend, davon ausgeschlossen. Auf dieser Erde, die oft zu einem primitiven Herde zusammengekehrt ist, wird dann der Hochzeitsschmaus gekocht, oder Braut und Bräutigam setzen sich darauf. Der Familien- oder Stammesgöttin, die man mit Safranstreifen auf die Wand gemalt hat, wird sodann gehuldigt, worauf eine der Schwestern der Braut die Kleider des Paares zusammenknotet. Der Jüngling führt jetzt seine junge Frau noch einigemal um das heilige Feuer im Pavillon herum und streicht ihr Mennige auf den Haarscheitel; ein etwa anwesender Brahmane murmelt inzwischen Gebete und Zauberformeln zur Abwendung von Unheil. Schließlich setzt sich das Paar zusammen hin und ißt gemeinsam aus einer Schüssel; hierdurch soll die Aufnahme der jungen Frau in den Stamm ihres Gatten angedeutet werden. Mancherlei Bräuche sind bei der Hochzeit noch üblich, um die Fruchtbarkeit der jungen Eheleute zu fördern. So füllt man den Schoß der Braut mit Obst oder Getreide, oder läßt sie mit einer Puppe spielen; sie und ihr Mann müssen ein Stück Land pflügen und etwas aussäen, man führt die junge Frau auch abends hinaus, um ihr den Polarstern, das Sinnbild der Beständigkeit, zu zeigen, und anderes mehr.
Mit der +Heirat+ sind manche +Einschränkungen+ beziehungsweise Tabu für die jungen Eheleute verbunden. Der Mann darf mit seiner Schwiegermutter keinen direkten Verkehr haben, sondern, wenn er etwas von ihr will, muß seine Frau dies vermitteln; auch muß er es nach Möglichkeit vermeiden, ihr zu begegnen; treffen sie sich zufällig, dann muß sie beiseite treten und ihr Gesicht verhüllen. Mann und Frau dürfen sich nicht bei Namen anreden, besonders ist dies für die letztere strenges Gebot, selbst bei öffentlichen Verhandlungen. Der Mann nennt seine Frau mit dem Namen ihres Stammes oder ihrer Unterkaste, oder er bezeichnet sie mit „Mutter von ....“ (Name eines ihrer Kinder). Nur während der Hochzeitszeremonien ist es dem Paare erlaubt, sich gleichsam im Scherz mit seinem richtigen Namen zu rufen. Die Frau muß auch den älteren Brüdern ihres Mannes die höchste Ehrerbietung erweisen.
Bei den Stämmen in Bengalen und Orissa, also den nördlichen Drawida, besteht die wichtigste Handlung des Vaters des Bräutigams, nachdem die Vorverhandlungen in der schon geschilderten Weise eingesetzt haben, darin, daß er dem Vater der Braut das Lorie bringt, einen kurzen (etwa drei Fuß langen) Bambusstock, der den Familiengott bergen soll. Dieser behält ihn einige Tage bei sich und bringt ihn dann der Familie des Bräutigams wieder zurück, womit er andeutet, daß ihm der in Vorschlag gebrachte Schwiegersohn willkommen ist und die Angehörigen der Braut gewillt sind, die Hochzeit vorzubereiten. Bei den Besuchen werden viel geistige Getränke, im besonderen Haria, eingenommen, so daß beide Parteien bereits in einen vorgeschrittenen Zustand der Trunkenheit gelangt sind, ehe die Verhandlungen zu Ende geführt werden. Am Vortage der Hochzeit begeben sich die Braut und ihre Familie unter Begleitung ihrer ganzen Freundschaft nach dem Hause des Bräutigams und schlagen in kurzer Entfernung vor ihm ein Lager auf; hier finden sie reichlich Erfrischungen vor, vor allem ein reichliches Quantum Haria. Die ganze Nacht wird unter dem Lärm der Tamtams und dem Getöne der Hörner und Pfeifen gefeiert. Mit dem Morgengrauen des nächsten Tages setzt sich der Bräutigam ganz feierlich vor seinem Hause auf einen Schemel und erwartet seine Braut. Bei ihrem Erscheinen verbeugt er sich vor ihr und läßt sie auf einem ähnlichen Schemel neben sich Platz nehmen. Wenn beide so zum erstenmal als Braut und Bräutigam zusammensitzen, macht der Baiga oder Priester den Versuch, in ihre Zukunft zu blicken und ihr Schicksal ihnen vorauszusagen, und dies auf eine ganz merkwürdige Weise. Nachdem er nämlich beiden je eine Haarlocke von der Mitte der Stirn genommen und auf den Nasenrücken herabgezogen hat, gießt er oben Öl auf den Kopf und beobachtet aufmerksam, wie es an der Locke herabträufelt. Läuft es in gerader Linie auf die Nasenspitze herab, dann wird die Zukunft eine glückliche sein; verbreitet es sich aber über die Stirn oder träufelt es zu beiden Seiten der Nase herab, so steht mit Bestimmtheit Mißgeschick zu erwarten. Für gewöhnlich aber sagt der Baiga eine glückliche Zukunft voraus, natürlich wenn man ihm vorher ein gutes Geschenk in Aussicht gestellt hat. Darauf bemalen Braut und Bräutigam sich gegenseitig mit Sindur (künstlichem Zinnober) die Stirn, wobei sie zwar nebeneinander stehen, aber die Gesichter abwenden müssen, denn es ist von größter Wichtigkeit, daß keiner während dieses wichtigen Vorganges, der das Paar schließlich zu Mann und Frau macht, von dem anderen auch nur einen flüchtigen Blick auffängt. Hieran schließen sich Musik und Tanz. Gegen Abend nimmt der Priester, der die ganze Zeit über für das neuvermählte Paar gebetet hat, beide an die Hand, führt sie ins Haus und schließt sie hier sorgfältig ein. Draußen versammeln sich die Gäste unter vielem Gelächter und verbrennen aus Übermut möglichst viel getrocknete Cayennepfefferschoten dicht vor der Tür und den Fenstern, damit der Rauch in das Zimmer dringe und die jungen Eheleute zum Niesen bringe, was aber für das allerschlimmste Omen gilt. Um daher dem Unfug ein Ende zu machen und der Gefahr des etwaigen Niesens aus dem Wege zu gehen, ist es üblich, daß der Bräutigam hinter der geschlossenen Tür den Gästen ein festes Versprechen macht, damit sie aufhören. Meistens verlangen diese so und so viele Hühner oder so und so viel Haria und drohen den Eingeschlossenen, falls sie diese Ablösung nicht bewilligen, sie durch das Verbrennen von Schoten noch weiter zu belästigen; sie haben auf der anderen Seite aber auch die Verpflichtung, ihre Ansprüche nicht zu hoch zu stellen, in Anbetracht der Tatsache, daß der junge Mann durch die Hochzeit schon genug Unkosten gehabt hat. Nachdem das Eß- und Trinkgelage die ganze Nacht hindurch angedauert hat, brechen die Gäste bei Morgengrauen auf. Damit endigen die Hochzeitsfeierlichkeiten, die im großen und ganzen bei allen Stämmen ziemlich die gleichen sind, aber in ihren Einzelheiten wohl manchmal voneinander abweichen. Gemeinsam sind ihnen aber stets das Gelage, der Tanz und das Auftragen von Sindur auf die Stirn.
Bei einer +Mundahochzeit+ ist eine Szene ganz besonders ansprechend. Die Braut geht mit einer Kanne an einen nahe gelegenen Brunnen oder Fluß, füllt sie hier bis an den Rand, hebt sie auf den Kopf und stützt sie auf ihm mit der Hand. Der Bräutigam folgt ihr auf dem Rückweg und schießt einen Pfeil durch das Loch, das ihr nach oben gerichteter Arm mit der Kanne bildet. Die Braut geht dann weiter bis zu der Stelle, wo der Pfeil hingefallen ist, und nimmt ihn mit dem Fuße auf, wobei sie ihre Kanne auf dem Kopfe ruhig weiter balanciert; mit Anmut befördert sie sodann den Pfeil in ihre Hand und überreicht ihn dem Bräutigam, wodurch sie andeuten will, daß sie ihre häuslichen Pflichten gut mit Hand und Fuß in seinem Interesse erfüllen kann. Auf der anderen Seite will der Bräutigam durch seinen Pfeilschuß anzeigen, daß er imstande ist, seine Frau zu beschützen und jedwede Gefahr von ihr abzuwenden.
Für die Santal ist nachzutragen, daß sie für die +Festsetzung des Datums des Hochzeitstages+ sich eines eigenartigen Kalenders bedienen. Sie schürzen eine Anzahl Knoten, die der Zahl der bis dahin noch vorhandenen Tage entspricht, in das Ende einer Schnur und versenden eine ebensolche bei der Einladung an die Hochzeitsgäste; an jedem Morgen wird ein Knoten gelöst, und wenn der letzte an die Reihe gekommen ist, dann wissen alle, daß der Hochzeitstag anbricht.
Die +Scheidung+ ist im allgemeinen leicht. Will eine Frau ihre Freiheit wieder haben, so wendet sie sich an den Rat der Alten ihres Stammes und trägt ihm ihre Klagen vor; findet dieser sie begründet (Mißhandlung oder Unverträglichkeit von seiten des Mannes), so billigt er die Trennung der Gatten. Anderseits kann auch der Mann eine Scheidung beanspruchen, wenn er von seiner Frau keine Kinder bekommt.
Nach dem Grundsatze, daß die Frau gleichsam gekauft wird, geht sie in das Eigentum der Familie des Mannes über. Stirbt ihr Gatte, dann wird sie gewöhnlich einem seiner jüngeren Brüder als Ehefrau übertragen, jedoch nie einem älteren Bruder, denn das ist streng verboten. Nur wenn kein Verwandter ihres verstorbenen Mannes sie zur Frau haben will, kann sie sich an einen Fremden verheiraten, aber dieser muß für gewöhnlich eine Vergütung an die Freunde ihres ersten Gatten zahlen. Weil man den Zorn des Geistes des Verstorbenen fürchtet, pflegen die Hochzeitszeremonien im geheimen und des Nachts stattzufinden; auch wirft der neue Besitzer ein Tuch über sie und bespritzt die Haare mit Mennige. Die junge Frau ihrerseits trägt, um den Geist ihres verstorbenen Gatten zu versöhnen, ein Götzenbild aus Gold oder Silber um den Hals und bringt, falls sie einen Witwer heiratet, dem Bilde seiner verstorbenen Frau jedwedes Geschenk als Opfer dar, das sie von ihrem neuen Gatten erhalten sollte.