Part 14
Es bleiben noch ein paar Worte über die +Witwenverbrennung+ in Indien zu sagen. Wenngleich diese nicht direkt durch die Religion vorgeschrieben ist, so verlangte doch die Volkssitte, daß die Witwen ihrem Gatten auf dem Scheiterhaufen im Tode folgen. Diese Unsitte scheint auf eine Legende zurückzugehen, wonach Sati, die Gemahlin des Gottes Schiwa, sich beim Opfer ihres Vaters Dakscha aus Gram darüber, daß ihr Gatte von Brahma dazu nicht eingeladen war, ins heilige Feuer stürzte. Daher heißt jede Ehefrau, die ihrem verstorbenen Gatten auf den Holzstoß folgt, um gleich ihm zu Asche verbrannt zu werden, Sati; der Gebrauch selbst, den man bereits aus dem sechsten Jahrhundert nach Christo kennt, wird Sahagrama, das ist „das Mitgehen mit dem Tode“ genannt. Bis zum Jahre 1829 war die „Selbstopferung“ der indischen Witwen gang und gäbe, dann hat die englische Regierung sie verboten, aber manche Witwe hat sich seitdem noch weiter geopfert, und selbst heute dürfte die Witwenverbrennung gelegentlich ganz im geheimen noch vorkommen. Man brachte auf den Scheiterhaufen ein Bett, und die Witwe legte sich in schöne Gewänder gekleidet darauf. Während die Flammen um sie emporzüngelten, machte Musik einen ohrenbetäubenden Lärm, aber nicht etwa, um ein etwaiges Jammergeschrei der Verbrennenden zu übertönen, sondern vielmehr um ihre Weissagungen nicht zu Gehör zu bringen, die vielleicht manchem Anwesenden hätten unangenehm sein können; denn nach dem Volksglauben besaßen solche Witwen die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen. Heutzutage wird die sogenannte „kalte Witwenverbrennung“ geübt. Die Witwe wird nach dem Tode ihres Mannes ihrer Schmucksachen beraubt, muß ihre Gewänder ablegen und erhält dafür minderwertige Kleider, sie muß fortan ihre Mahlzeiten einschränken, gelegentlich auch fasten und verschiedene Kasteiungen sich auferlegen. Ihr schon bei Lebzeiten ihres Gatten trauriges Schicksal wird dadurch noch menschenunwürdiger. Auf jeden Fall ist es der Hinduwitwe verboten, sich wieder zu verheiraten. Vielfach werden die Hinduwitwen Tempeltänzerinnen (Abb. 206). Es gibt in Indien sechsundzwanzig Millionen Witwen, von denen zehntausend das Alter von kaum fünf Jahren, fünftausend noch nicht das von zehn und zweihundertfünfundsiebzigtausend das von höchstens fünfzehn Jahren erreicht haben. Allerdings kommen bei einigen nordindischen Stämmen auch Ausnahmen hiervon vor; hier ist die Leviratsehe gestattet, aber nur mit dem jüngeren Bruder des Verstorbenen. Dieser kann aber seinerseits auf dieses Recht Verzicht leisten.
Wenn wir das im vorstehenden über die Eingeborenen Nordindiens Gesagte uns noch einmal vergegenwärtigen, so ergibt sich uns als das am meisten hervorspringende Merkmal dieser Völker, daß bei all ihrem Tun und Denken, in ihren Sitten und Bräuchen, sowie überall in ihren sozialen Einrichtungen religiöse Anschauungen ausschlaggebend sind. Von der Wiege bis zur Bahre beeinflussen den Indier, mag er nun strenggläubiger Hindu oder Mohammedaner sein oder einer der zahllosen sektierenden Religionsgemeinschaften angehören, in geradezu bedenklicher Weise beengende religiöse Vorschriften, hemmen seine freie Entfaltung und machen einen gesunden Fortschritt bei ihm fast zur Unmöglichkeit. Religiöse Engherzigkeit ist es denn auch, die im Verein mit dem ausgeprägtesten Kastenwesen jeden kräftigen politischen Aufschwung verhindert und die Indier ohne fremde Hilfe niemals aus dem Druck der englischen Knechtschaft herausläßt.
Die Wildstämme im Norden und Osten Vorderindiens.
Mit den Wildstämmen im Norden und Osten der vorderindischen Halbinsel kehren wir wieder zu der Urbevölkerung zurück, der im Süden die Drawida entsprechen. Sie stellen die Überreste der, jetzt allerdings mehr oder minder stark vermischten, angesessenen Bevölkerung dar, auf die die von Nordwesten her eindringenden Arier stießen; diese schoben auf ihrem Weiterzuge jene Reste teils nach Süden vor, teils drängten sie sie in die nördlichen und östlichen, schwerer zugänglichen Gebiete (Wälder und Gebirge) zurück. Eine reinliche Scheidung dieser Stämme in anthropologischer Hinsicht ist bisher nicht gelungen. Im allgemeinen kann man sagen, daß ihr Typus den der indo-australischen Grundrasse aufweist.
+Sprachlich+ unterscheidet man zwei große Gruppen, die +Kolarier+ und die +eigentlichen Drawida des Nordens+. Die wichtigsten Stämme der ersten Gruppe sind die Munda, Kolh (Abb. 213), Santal, Juang oder Patua, Ho, Bhumidsch, Bhil (Abb. 214) und Savara; sie nehmen die östlichen Gebiete der Halbinsel, das heißt Bengalen, Orissa, Chota, Nagpur und Madras (vom Ganges südlich bis zum achtzehnten Grad nördlicher Breite) ein. Die zweite Gruppe zählt zu ihren bekannteren Stämmen die Malé oder Aral Paharia, Oraonen, Gond und Khond; ihre Vertreter wohnen in den Gebirgsgegenden an den Quellen des Ganges. Alle diese Völker lassen deutlich ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zur indo-australischen Grundrasse erkennen (dunkle Haut, kleine Statur, platte, kurze Nase, vorspringende Backenknochen, grobes, straffes, schwarzes Haar); indessen kommt auch vielfach Hindublut bei ihnen zum Vorschein (Abb. 215 bis 218). Einen einheitlichen Typus weisen sie nicht mehr auf.
Das gleiche gilt für ihre +kulturellen Verhältnisse+, die verschiedentlich noch ursprüngliche sind, aber anderseits auch schon wieder hindostanischen Einfluß erkennen lassen. Die +Kleidung+ der Leute ist vielfach noch primitiv; die Männer begnügen sich mit einem Gürtel, die Frauen mit einem Lendentuch, die Kinder gehen ganz nackt. Die Juang haben ihren zweiten Namen, Patua, daher erhalten, daß sie um die Hüften einen Gurt trugen, von dem Blätter herabhingen, denn Patua heißt Blätterträger. Auch die +Hütten+ dieser Stämme sind sehr primitiv, ebenso ihre +Lebensweise+; bis vor kurzem lebten sie noch in der Steinzeit. Ihre Beschäftigung besteht zum Teil im Umherstreifen durch die Wälder (Abb. 220), zum Teil -- dort, wo sie bereits unterworfen worden sind -- in der Verrichtung niederer Arbeiten, Handwerke oder Gewerbe; im allgemeinen spielen sie die Rolle der Unterdrückten. -- Vielfach begegnen wir im Handwerk hier noch ganz ursprünglichen Arbeitsweisen. So benutzt man zum Überqueren der reißenden Gebirgsflüsse noch Flöße aus aufgeblasenen Ziegenfellen (Abb. 219).
Wie schon erwähnt, sind zu ihnen bereits arische Anschauungen durchgedrungen, besonders durch die herumziehenden Mönche und andere Asketen, die wir oben kennen gelernt haben. Diese bekehren die Leute oft genug zur Religion der Hindu und machen sie somit der indischen Kultur zugänglich. Die +Religion+ der Wildstämme besteht in dem schon von anderen primitiven Stämmen her bekannten Animismus, der die ganze Umgebung von Geistern bewohnt sein läßt. Große Verehrung und Achtung bringen sie vor allem den Tieren entgegen, von denen sie glauben, daß sie stimmbegabt sind, eigene Königreiche unter besonderen Fürsten besitzen und sich in Menschen verwandeln können, wie sie anderseits auch behaupten, daß ein Zauberer die Gestalt von Tieren, im besonderen von Tigern, annehmen kann. Wie anderwärts geht auch ihr Bestreben darauf hinaus, die Geister der Verstorbenen, deren Wohnsitze sie in Steine oder rohe Götzenfiguren verlegen, bei guter Laune zu erhalten; sie bringen ihnen von Zeit zu Zeit Opfer von Speisen und Getränken dar (Abb. 221 bis 226). Andere Stämme haben noch ihre besondere Orts- oder Dorfgottheit, deren Macht, wie sie annehmen, auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt ist. Man denkt sie sich in einem Steinhaufen verkörpert, der unter einem heiligen Baume in der betreffenden Niederlassung errichtet wird. Bei den Saat- und Erntefesten wird die sinnbildliche Hochzeit dieser Götter, die man sich meistens paarweise denkt, gefeiert, um dadurch die Fruchtbarkeit der Äcker zu steigern. Eine andere Geistergruppe umfaßt solche, die epidemische Krankheiten, wie Pest, Cholera, Pocken, beseitigen oder sie auch herbeiführen können (Abb. 227). Zeigen sich solche Krankheiten in einem Dorfe, so bringt man diesen Gottheiten ein Opfer in Gestalt von jungen Hühnern und Ziegen dar, deren Fleisch nach Beendigung der Zeremonie verzehrt wird, oder man entfernt einfach den Stein oder den Götzen, dem man die Schuld der Krankheit zuschreibt, aus der Umgebung des Dorfes und bringt ihn in eine andere Niederlassung, wodurch nun auch die Krankheit sich dorthin zieht. Noch niedriger stehende Stämme bemalen lediglich den Kopf eines jungen Huhnes mit Mennige und treiben es gleichsam als Sündenbock mit der Krankheit über die Dorfgrenze.
Zwei Klassen von Menschen stehen bei den Wildstämmen in dem Rufe, die Macht über die übelwollenden Geister zu besitzen, +die Dakin+ oder +Hexe+, die die Geister dazu zu bestimmen weiß, daß sie Unheil senden, und der +Bhagat+ oder +Zauberpriester+, der sie wieder austreibt. Die erstere, zumeist ein altes häßliches Weib, macht sich den bösen Geist zu eigen und veranlaßt ihn, Krankheit über die Menschen zu bringen, denen sie nicht wohl gesinnt ist. Sie erreicht dies dadurch, daß sie sich eine Haarlocke oder einen Nagelabfall ihres Opfers verschafft, einen Zauber darüber spricht und so den Geist zwingt, seinen Einfluß auf den Träger dieser Gegenstände auszuüben. Die Dakin verkörpert somit die Macht der Finsternis. Hingegen übt der Bhagat die weiße Magie aus; er wird von dem Geist besessen, rast, tobt und bezeichnet dann jene Dakin, die als die Ursache des Unglücks anzusehen ist, sowie die Art des Opfers, das zur Besänftigung darzubringen ist. Er wirkt auch durch eine Art sympathischen Zaubers; die Nachahmung einer Handlung oder einer Erscheinung verursacht ihr Eintreten. So werden, um das Wetter günstig zu gestalten, im Frühjahr Feuer angezündet -- man will damit die zur Ernte erforderliche Hitze herbeiführen; oder bei Trockenheit wird, um Regen zu erzielen, eine Person untergetaucht oder kopfüber mit Wasser begossen, oder ein Wassertier, zum Beispiel ein Frosch, gequält, wodurch der Regengeist veranlaßt werden soll, Regen zu senden (Abb. 228). Um ein drohendes Hagelwetter abzuwenden, zerschneidet man einige der Hagelkörner mit einem Messer, damit die anderen erschreckt werden und verschwinden. -- Die Furcht vor dem bösen Blick (beim Begegnen alter Leute, häßlicher oder kinderloser Menschen, Krüppel, Blinder und so weiter) ist unter den Wildstämmen sehr verbreitet und wird durch allerlei Zauber und Amulette bekämpft. Auch auf Vorbedeutungen wird viel Wert gelegt. Um Glück zu haben, muß man am Morgen zuerst etwas sehen, das für verheißungsvoll gilt, so zum Beispiel eine Kuh oder ein anderes der Glückstiere, die sich manche Leute im Hause halten, damit nach dem Erwachen ihr erster Blick darauf falle; glückverheißend ist es auch, wenn man am Morgen einem Oberhaupte, einem Brahmanen, einem achtbaren Handwerker mit seinem Handwerkszeug, Personen mit Obst oder Blumen, einer verheirateten Frau mit Kindern und so weiter begegnet; dagegen darf man sich auf Unglück gefaßt machen, wenn man einen nackten Mann, eine blinde oder kahlköpfige Person, einen Menschen in untergeordneter Stellung oder von erniedrigender Beschäftigung, einen, der weint, zankt, hustet oder niest, zuerst antrifft. Wenn man gähnt, kann es passieren, daß einem der böse Geist in den Hals fährt; darum muß man eine Gottheit dabei anrufen oder mit den Fingern knacken. Einmaliges Niesen bedeutet Unheil, beim zweiten Male aber kann man zuversichtlich seine Beschäftigung fortsetzen.
Die Munda kennen ebenfalls eine vielköpfige Götterwelt, in der die Sonnengottheit obenan steht. Furcht vor Zauberei und Hexenkunst spielt bei ihnen ebenfalls eine große Rolle. Haben die üblichen Opfergaben keinen Erfolg, dann wendet man sich an einen Ojha (Zauberer) (Abb. 229 und 230), der einen machtvollen Faktor im Dorfleben ausmacht, insofern er alles aufzudecken und alles zu beschwören vermag. Durch ganz sonderbare Mittel stellt er fest, wem die Schuld an einem Unglück zuzuschieben ist. Will der Ojha zum Beispiel herausbekommen, wer ein bestimmtes Zauberwerk angerichtet hat, dann wirft er eine Handvoll Reis auf ein großes Blatt, das auf dem Erdboden ausgebreitet liegt, und bezeichnet im voraus ein bestimmtes Muster, das die hingeworfenen Körner bilden, als dasjenige, bei dessen Entstehen der Name des Schuldigen gerade aufgerufen wird. Früher wurden die auf solche Weise namhaft Gemachten öfters getötet, und selbst in neuerer Zeit soll es noch vorgekommen sein, daß solche Opfer daran glauben mußten.
Ein wichtiger Platz im religiösen und sozialen Leben der Santal ist das +Manjhi Than+ (Abb. 231), ein aufgeworfener Erd- oder Lehmhügel mit einem auf Holzpfeilern darüber ruhenden Dach aus Lumpen vor dem Hause des Dorfobersten, des Manjhi, der eine gewichtige Persönlichkeit in allen öffentlichen Angelegenheiten der Gemeinde ist. Diese einfache Hütte wird als der Wohnplatz der Ahnen angesehen; ihr Fußboden, der stets sorgfältig gepflegt wird, weist in der Mitte einen kleinen, rot angemalten Holzblock auf, der Mittelpfeiler trägt außerdem noch ein Tongefäß, in das man Wasser für die Geister zum Trinken gießt, aber nur in der heißen Jahreszeit, da man glaubt, daß sie im Winter nicht durstig sind. Hier, inmitten der gleichsam die Aufsicht führenden Geisterschar, beim Manjhi Than, versammeln sich die alten Männer des Dorfes, um den Spruch des Ojha zu prüfen, wenn jemand im Verdacht der Hexerei steht oder durch den bösen Blick eine geheimnisvolle Krankheit unter dem Vieh verbreitet haben soll, und auf Grund dieser Prüfung wird dann das Urteil über den Übeltäter gefällt. Auch wird hier bei Streitigkeiten Recht gesprochen sowie der Kaufpreis für die Braut festgesetzt, und anderes mehr.
Die Santal neigen sehr zu +Festlichkeiten+, die fast das ganze Jahr hindurch gefeiert werden. Mit besonderer Freude begeht man das +Sohräfest+. Hier herrscht allgemeine Ungebundenheit, was von den Leuten mit ihren eigenen Worten deutlich zum Ausdruck gebracht wird: „Jetzt muß man seine Ohren mit Watte verstopfen, damit man nicht merkt, was der Nachbar tut oder sagt.“ Denn beim Sohräfest sind alle Sittengesetze aufgehoben, ein jeder kann tun, was ihm beliebt. Nach Beendigung des Festes kommen die alten Männer wieder zusammen und bringen Opfergaben dar, um das schändliche Betragen während desselben wieder zu sühnen. Einer der wichtigsten Momente beim Sohräfest ist die Glücksprobe, denn von ihrem Ausfall hängt der Erfolg des ganzen Jahres ab (Abb. 232). Am Ende der Dorfstraße oder einer schmalen Gasse wird Reis in einem Kreise auf der Erde ausgebreitet und ein Ei sorgfältig in die Mitte gelegt. Während nun die Dorfbewohner herumsitzen, wird alles Vieh aus dem Dorfe gegen den Reishaufen getrieben und darauf geachtet, wessen Tier das Ei in der Mitte zertritt; seinem Besitzer wird dann für das ganze Jahr Glück beschert sein.
Ein anderes wichtiges Fest ist das +Rath Jatra+ zu Puri (Abb. 233 und 234), zu dem jedesmal viele Tausende von Pilgern herbeiströmen, um sich an dem Vorwärtsschieben des mächtigen, aus mehreren Stockwerken aufgebauten Prunkwagens, in dem die Götter zum Tempel gebracht werden, zu beteiligen und hier zu beten. Tausende von Andächtigen kämpfen hier um die Ehre, die Seile zu erfassen und auf ein gegebenes Zeichen anzuziehen, bis der plumpe Wagen in Bewegung gerät. Ein allgemeines Gedränge und Stoßen entsteht, da jedermann selbst Hand anlegen oder wenigstens mit zusehen will, ein Hin- und Herwogen der Volksmassen, von dem man sich kaum eine Vorstellung machen kann. Als ein besonderes Glück wird es von den Gläubigen angesehen, wenn sie ihren Tod unter den Rädern des Wagens finden, denn dann erreichen sie bei ihrem nächsten Dasein eine höhere Lebensstufe. Aus diesem Grunde begehen Fanatiker oft genug Selbstmord, indem sie sich absichtlich überfahren lassen. Nach zehn Tagen werden die Götter aus dem Tempel wieder in ihre Verborgenheit zurückgebracht.
Zu Nangalbandh strömen an einem bestimmten Tage, an dem sich alle Tugenden der Welt hier im Brahmaputra vereinigen sollen, unzählige Pilger zusammen, um sich ihre Sünden in seinem Wasser abzuwaschen (Abb. 212 und 235).
Ein ganz eigenartiges „+Familienfest+“ der Santal besteht darin, daß sich einmal im Jahre die ganze Familie in ihrem eigenen Hause einschließt, jeder einzelne sich die Ohren mit Watte verstopft, so daß kein Laut zu ihm dringen kann, und auf ein gegebenes Zeichen alle, Vater, Mutter, Söhne, Töchter, Schwestern, Vettern, Onkel und Tanten, einander die größten und gemeinsten Schimpfworte zurufen, die ihre Erfindungskraft nur aufzubringen vermag. Keines vermag natürlich zu verstehen, was das andere sagt. Man schreit so laut und so lange, bis man vor Erschöpfung anhalten muß. Über den Ursprung dieser sonderbaren Gewohnheit, die bereits auf ein hohes Alter zurückblicken soll, vermögen die Santal nichts Näheres anzugeben.
Auch das von uns bereits oben erwähnte +Hakenschwingfest+, das allerdings durch das Gesetz verboten ist, wird verschiedentlich alljährlich noch gefeiert. Nach den darüber vorliegenden alten Berichten drängten sich die Gläubigen direkt zu dieser grauenerregenden Schaustellung. Der Priester weihte der Reihe nach die Bittenden, die sich vor ihm mit entblößtem Rücken auf die Erde warfen, indem er ihnen mit seinem in einen Aschenhaufen getauchten Finger auf den Rücken gerade unter die Schulterblätter zwei Zeichen schrieb, worauf sein Gehilfe an dieser Stelle das Fleisch in einer Falte hochhob und zwei große Haken durchstieß. Darauf erhoben sich die Opfer unter den Bewunderungsrufen der Menge und begaben sich zum Schwingpfosten, wobei sie, obwohl ihnen das Blut vom Rücken rieselte, stolz und ohne Schmerz zu äußern einhergingen. Möglicherweise waren sie vorher durch ein Mittel betäubt worden. Nachdem nun weiter die Haken an den Seilen der Schwingvorrichtung befestigt waren, wurden sie unter dem Geschrei der begeisterten Zuschauer und unter dem ohrenbetäubenden Lärm der Trommeln in die Höhe gezogen und in der Luft geschwungen; ein loser Gurt, der ihnen um die Brust gelegt war, verhinderte, daß die Haken dabei das Fleisch durchschnitten (Abb. 236). -- An keinem Feste der Wildstämme dürfen Tänze fehlen (Abb. 237 bis 239, 241 und 243).
Bei der starken Verbreitung des Glaubens an böse Geister unter den Wildstämmen kann es nicht wundernehmen, wenn sie die angehenden Mütter besonders stark durch sie gefährdet sehen und daher allerlei Abwehrmaßregeln dagegen treffen. So darf eine +Schwangere+ nicht über eine Schlange oder deren Haut, nicht über einen Kuhknochen oder ein Loch in der Erde treten, ebensowenig in einer Sänfte getragen werden, es müßte denn sein, daß sie dabei durch eine bis auf den Boden herabhängende Schnur mit der heiligen Erde in Verbindung bleibt; sie darf ferner nicht unter einer Dachrinne stehen, noch nach Einsetzen der Dunkelheit allein ausgehen; ist sie nach Sonnenuntergang hierzu gezwungen, so legt sie sich ein paar Grashalme zum Schutze auf den Kopf. Sonnen- und Mondfinsternisse, die nach dem Glauben der Wildstämme durch einen Angriff böser Geister auf diese Gestirne entstehen, bedeuten ebenfalls eine Gefahr für die Schwangere. Solange eine solche Finsternis anhält, darf sie keine Arbeit verrichten; sonst würde ihr Kind mißgestaltet werden. Man handelt außerdem sehr verständig, wenn man bei einer Finsternis die Hörner einer trächtigen Kuh rot anstreicht, denn Rot ist eine dem Finsternisteufel widerwärtige Farbe.
Bei der +Geburt+ werden ebenfalls mancherlei Schutzmittel gegen die bösen Geister angewendet. So wird Eisen, das besonders wirksam ist, in Form eines Messers oder Zinken ans Bett der Gebärenden gelegt. Man kann den Geist auch in eine Falle locken, wenn man ein Netz über die Tür des Zimmers hängt, in dem sie liegt. Feuer wirkt ebenfalls als Läuterungs- und Schutzmittel; daher wird es stets, auch beim heißesten Wetter, unterhalten. -- Nach der Geburt bestreicht man dem Kinde die Augenlider mit Ruß oder Antimon, um durch diese Entstellung des kleinen Wesens die Geister zu täuschen oder es in den Augen derer unansehnlich zu machen, die etwa einen bösen Blick darauf werfen könnten. Die Wöchnerin gilt als unrein und wird, damit Verwandte und Nachbarn nicht durch sie Schaden erleiden, in einem gesonderten Raum oder in einer Hütte im Dschungel untergebracht.