Part 17
Die +Toten+ der Naga werden zunächst nicht beerdigt, sondern fünf bis sechs Tage im Hause behalten, hierauf mittels eines Feuers tüchtig angeräuchert. Um den Verwesungsgeruch etwas erträglicher zu machen, zünden die Angehörigen auch vor dem Hause ein Feuer an; hier bauen sie auch alle Habseligkeiten des Verstorbenen, seine Waffen, Schmucksachen, Jagdbeute, in früheren Zeiten auch die erbeuteten Köpfe der Feinde auf. Ist der Räucherung Genüge geschehen, dann wird der meistens schon in Verwesung übergegangene Leichnam ohne besondere Feierlichkeit auf den Begräbnisplatz vor dem Dorfe getragen und hier, mit Flechtwerk und gespaltenen Bambusstangen wie ein Wickelkind fest eingewickelt, auf einer aus Bambuspfählen aufgebauten Plattform, dem sogenannten Majan, ausgesetzt, wo er auf seine Auferstehung warten muß. Über dem Toten wird dann noch ein kleines Strohdach errichtet und an der Begräbnisstelle sämtliche äußeren Abzeichen des Verstorbenen aufgehängt. War er ein großer Krieger, dann bilden diese ausgestellten Gegenstände wegen ihrer großen Anzahl gleichsam ein kleines Museum; sie werden aber nicht in Natura aufgehängt, sondern in Miniaturnachahmungen. -- Stirbt ein Krieger eines natürlichen Todes, dann muß sein nächster männlicher Verwandter mit einem Speere die Leiche verwunden, damit sie bei ihrem Erscheinen im Jenseits mit dem gleichen Kriegergruß empfangen werde wie jemand, der im Kampfe fiel.
Bei einer Frau wird nur ein schwarzes Tuch neben die Leiche gelegt und ein Korb voll Reis über sie gestülpt. Außerdem pflegt man daneben den Korb, in dem sie ihre Lasten trug, den Reismörser, in dem sie das Mehl für den Tagesbedarf stampfte, sowie ihre Webestöcke zu legen. Stirbt eine Frau im Wochenbett oder überhaupt eine Person infolge eines Unglücksfalles (Tötung durch ein wildes Tier, Ertrinken oder Fall von einem Baume), dann muß der Tote an der Stelle begraben werden, wo das Unglück geschah. Sobald die Beerdigung stattgefunden hat, werden die Häuser der Verunglückten von ihren Angehörigen abgebrochen, die bewegliche Habe bleibt liegen, das Vieh wird frei und herrenlos laufen gelassen, wohin es will. Einige Stämme lassen in solchen Fällen sogar ihre Felder brach liegen und das Korn in den Speichern verfaulen, oder sie heimsen die Ernte gar nicht erst ein. Die Bewohner eines so zerstörten Unglückshauses begeben sich für einen Monat in den Dschungel; dann erst ist es ihnen erlaubt, unter ihre Stammesgenossen zurückzukehren.
Zentralasien.
Als Zentralasien bezeichnet man das große abflußlose Gebirgsland im Innern Asiens, das durch die großen Massive des Himalaja im Süden, des Karakorum, Pamir, Tian-Schan, Alatan und Altai im Westen, des Sajan- und Jablonoigebirges im Norden und des Chingan und chinesischen Grenzgebirges im Osten in einer fortlaufenden Umwallung abgeschlossen wird. Es umfaßt in geographischer Hinsicht drei Gebiete: Tibet, die Mongolei und das Tarimbecken. Seine charakteristische Eigenschaft besteht eben in der großen Wasserarmut, die auch eine besondere Kultur seiner Völker geschaffen hat. Diese sind die eigentlichen Mongolen, von denen sich, entsprechend den drei geographischen Gebieten, ebensoviele große Völkergruppen unterscheiden lassen: die Tibeter, die Mongolen im engeren Sinne und die Ostturkistaner; an den Grenzen finden sich Mischvölker, aus der Verbindung der Mongolen mit Chinesen, Hindu und Iraniern hervorgegangen. Die mächtigen Züge mongolischer Horden, die im Mittelalter in mehrfachen Schwärmen bis ins Herz Europas eindrangen, kamen aus dieser Wiege der mongolischen Rasse. -- Die Völkerstämme Ostturkistans, im besonderen die Kirgisen, sind keine Mongolen im anthropologischen Sinne mehr, sondern zählen zu einer Abzweigung dieser Rasse, die bereits vorzeiten erfolgt sein muß und sich in Nordasien weiter ausbildete, zu den sogenannten Türkvölkern. Indessen können sie auf der anderen Seite auch nicht wieder als reine Türkvölker gelten, sondern als das Mischungsprodukt dieser mit hinzugekommenen Mongolen, so daß ihr Typus bald mehr dem mongolischen, bald mehr dem der Türkvölker nahekommt. Die Kultur der Ostturkistaner jedoch entspricht ganz und gar der der Mongolen, so daß wir sie weiter unten mit diesen gemeinsam abhandeln können.
Die +Lebensweise der zentralasiatischen Mongolen+ ist eine ziemlich gleichmäßige. Alle Völker sind umherziehende Nomaden (nur vereinzelt seßhaft), deren Beschäftigung fast nur in der Viehzucht (hauptsächlich von Schafen, Pferden und Kamelen, daneben auch von Rindern und Ziegen) besteht. Sie wohnen in sogenannten Jurten, zylindrischen, etwa anderthalb Meter hohen Zelten aus Filz, mit Kegeldach, die sich leicht abbrechen und wieder aufstellen lassen. Gekleidet sind sie in Gewänder, die sie selbst aus Filz herstellen, oder auch in solche aus Pferdehaut; russische Stoffe finden aber bereits vielfach Eingang. Charakteristisch für die Mongolen ist eine hohe Schaffellmütze. Die Frauen tragen lange Zöpfe, in die sie allerhand Schmuck, wie Bänder, Glasperlen, Korallen und bunte Steine, einflechten, silberne Spangen auf dem Kopf, Ohrringe, Arm- und Fingerringe und anderen Schmuck aus dem gleichen Metall.
Die +Nahrung+ der Mongolen besteht in erster Linie aus einem aus gerösteten und zermahlenen Getreidekörnern hergestellten Teig, Dsamba genannt, und aus Ziegeltee, einem minderwertigen chinesischen Tee, der, um leicht befördert werden zu können, zu einem Kuchen (wie ein Ziegel) zusammengepreßt ist. Es besteht nach ihm überall eine so große Nachfrage, daß er als Geld umgesetzt wird, also als Münze gilt. Von tierischen Erzeugnissen werden Schaffleisch, Käse, Butter, Milch und ein durch Gärung daraus hergestelltes kohlensäurehaltiges Getränk, der Kumys, genossen.
Die +Religion+ der zentralasiatischen Mongolen ist die Lehre Buddhas in ihrer nördlichen Umbildung, der sogenannte Lamaismus, der sich auch noch in der Mandschurei, China und Korea findet. Er ist gekennzeichnet durch die Annahme einer großen Anzahl von Wiedergeburten, die der Mensch nacheinander durchzumachen hat, um die schier unerreichbare höchste Stufe des Bodhisatva zu erlangen, deren nächste Stufe der Buddha selber ist. Dementsprechend besitzt die Götterwelt der nördlichen Schule des Buddhismus eine Unzahl von Götterbildern, die in ebenso zahllosen Tempeln und Klöstern untergebracht sind und die vielfachen Stufen darstellen, die vom einfachen Arbat, der ersten Stufe der Wiedergeburt, über die kaum zu zählenden Heiligen bis zum Bodhisatva führen, und damit zusammenhängend eine ausgebildete Priesterherrschaft, die es in Tibet zu einer völlig selbständigen Theokratie gebracht hat. Ihr Mittelpunkt ist die geheimnisvolle Residenz des buddhistischen Papstes, des Dalai-Lamas, zu Lhassa.
+Tibet+ ist noch wenig durchforscht, vielleicht das dunkelste Land der Welt, da hier seit jeher strenge Vorschriften gegen das Einwandern europäischer Elemente bestehen. Daher ist über seine Bevölkerung auch noch wenig bekannt geworden. Sie gehört, wie schon erwähnt, zu den reinen Mongolen, und es werden die Bodpa oder eigentlichen Tibeter, die Tanguten im Nordosten, die Sifan im Südosten, die Ladakh im Osten und die Gurung, Magar, Mishmi und Leptscha im Süden, beziehungsweise in den in den angeführten Richtungen angrenzenden Gebieten der Nachbarländer unterschieden. Alle diese Völker bewohnen das mächtigste Hochland der Erde, das im Durchschnitt viertausendfünfhundert Meter aufweist.
Die +Kleidung+ der Tibeter (Abb. 258) besteht aus einem langen wollenen Rock, Tschak genannt (im Winter aus einem Schafpelz), der durch einen Gürtel fest zusammengehalten wird, langen wollenen Strümpfen mit ledernen Sohlen und einer Schaffellmütze. Hosen und Hemd werden nicht getragen. Die Frauen kleiden sich in lange, faltenreiche Röcke. Die Haartracht der Männer besteht in einem durch Einflechten eines baumwollenen Fadens noch verlängerten Zopf, der spiralig um den Kopf gelegt wird; die der Frauen wechselt sehr nach der Ortschaft von einem chignon- oder turbanähnlichen Aufbau bis zu zahlreichen kleinen Zöpfchen, die manchmal fächerförmig auf einem Holzkamm ausgebreitet werden. Bei den Frauen ist Schmuck in Form von Halsketten und Diademen aus Gold oder Silber, die außerdem noch mit roh bearbeiteten Edelsteinen geschmückt sind, sehr beliebt (Abb. 260 und 261). Die Frauen Tibets pflegen sich auch das Gesicht mit Kleister zu beschmieren und sich darauf kleine Samenkörner in ziemlicher Regelmäßigkeit zu legen. Da die Luft in Tibet sehr trocken ist und die Leute sich fast nie waschen, so hält sich dieser Schmuck längere Zeit. Die Töchter sind durchweg sehr unsauber. -- Die +Wohnung+ der Tibeter ist in der Regel ein viereckiges Zelt. Wo sie ansässig geworden sind, besitzen sie auch wirkliche, aus Bruchsteinen aufgeführte Häuser (Abb. 258).
Die +Nahrung+ gleicht der der übrigen Mongolen; besonders bevorzugt wird aber gebutterter Tee, etwas für den europäischen Gaumen höchst Widerliches, das aber von den Tibetern fast zu jeder Tageszeit in ziemlichen Mengen mit großem Genuß getrunken wird und gleichsam ihr Nationalgetränk ausmacht; einem jeden Besucher wird es aus Gastfreundschaft aufgedrungen, und auch auf den Reisen wird es tagsüber des öfteren eingenommen. Es wird aus dem schon genannten Ziegeltee hergestellt. Auf ganz eigenartige Weise wird davon eine besondere Mischung gebraut. Eine genügend abgehobelte oder abgeschnittene Menge Tee wird mit ein wenig Wasser gekocht, dem eine Prise kohlensaures Natron beigegeben wird. Von dieser Abkochung wird ein wenig in ein kleines Butterfaß getan, das mehrere Liter kochendes Wasser und einen Kloß meist ranziger Butter enthält, und mit genügend Salz abgeschmeckt, darauf die ganze Mischung ein paar Minuten lang durchgebuttert und schließlich noch heiß aus Holzbechern getrunken, von denen jeder Tibeter einen in seiner Brusttasche bei sich trägt, und der, wenn er seinen Zweck erfüllt hat und trocken geleckt worden ist, wieder in diese zurückbefördert wird. In jede volle Tasse dieses Gebräus, das schon mehr eine Suppe oder Brühe vorstellt, aber entschieden nahrhaft und erfrischend sein dürfte, werden noch ein paar Kügelchen aus Brot oder Gerstenmehlteig als Beigabe geworfen. Bei feierlichen Gelegenheiten, wie bei Hochzeiten, Besuchen der Priester und anderer Ehrengäste, wird der gebutterte Tee aus massiven kupfernen Teekannen (Abb. 262) eingeschenkt, die oft mit künstlerisch ausgeführten Zeichnungen versehen und in erhabener Rankenverzierung aus Silber oder Messing reich plattiert erscheinen.
Die offizielle +Religion+ (Abb. 259, 263, 264 und 265) in Tibet ist die Lehre Buddhas in ihrer Ausbildung durch die nördliche Schule, von der uns hier im besonderen das Dogma von der fortlaufenden Inkarnation, das ist Fleischwerdung der Gottheit in der Person des jeweiligen Dalai-Lamas, interessiert. Diesem neuen Dogma zufolge, das im Jahre 1439 entstand, können die buddhistischen Götter auf der Erde eine menschliche Form annehmen, wieder ins Fleisch zurückkehren, die göttlichen Kräfte also in menschlicher Gestalt auftreten und wirken. Der jeweilige Dalai-Lama ist die Inkarnation des Bodhisatva Avalokiteçvara, die höchste der menschgewordenen Gottheiten. Neben ihm gibt es noch eine sehr große Anzahl anderer inkarnierter Gottheiten, die aber nicht auf derselben hohen Stufe stehen wie er; es sind dies die sogenannten Chubilgane, das heißt Wiedergeborene. -- Eigenartig ist die Wahl eines neuen Dalai-Lamas, sobald der alte gestorben ist. Nach dessen Tode geht der Bodhisatva nicht einfach sofort in ein unbekanntes Kind über, sondern erst nach einer angemessenen Frist (bis zu drei Jahren). Es ist nun die Aufgabe des obersten Zauberpriesters, des Dharmapala, aus dem Kloster Nastschun das richtige Kind auszukundschaften. Zu diesem Zweck schickt er eine Anzahl Lamas im Lande umher auf die Suche. Der Knabe muß zu einem bestimmten Termin geboren, vollkommen normal gebildet, gesund und schön sein; außerdem wird auf bestimmte Anzeichen für seine göttliche Geburt gefahndet. Solche bestehen darin, daß Bäume in unmittelbarer Nachbarschaft des Geburtsortes zu einer Zeit in Blüte kommen, die von der natürlichen Blütezeit um Monate abliegt, daß Haustiere Junge entweder gleichzeitig oder in ungewöhnlicher Anzahl werfen, daß bei unheilbaren Kranken plötzliche Gesundung sich einstellt, nachdem sie in wirkliche Berührung mit der mutmaßlichen neuen Inkarnation gekommen waren, und anderes mehr. Der beste Beweis aber, daß der richtige gefunden ist, besteht in einem direkten Wunder. Leider geht die Wahl meistens nicht so leicht vonstatten, so daß man aus einer Anzahl Kinder wählen muß; man pflegt deren zwölf auszusondern, die den Anforderungen noch am meisten gerecht werden, und diese in ein Kloster zu bringen, um sie weiter zu prüfen. Zuletzt kommen drei Knaben in engere Wahl, und wenn im letzten Augenblick die Gottheit nicht eindeutig zu erkennen gibt, wer von ihnen der richtige ist, entscheidet das Los. Dieser Vorgang spielt sich unter höchst feierlichen Zeremonien ab. Der schließlich Auserwählte wird fortan der strengen klösterlichen Zucht unterworfen und für seinen hohen Beruf vorbereitet, den er mit dem erreichten achtzehnten Lebensjahre übernimmt.
Der +Dalai-Lama+ ist nach außen hin fast gar nicht als weltliches Oberhaupt tätig; er ist nur das Oberhaupt der Kirche. Jene Tätigkeit liegt dem sogenannten Regenten und dem Ministerrat ob, die in seinem Namen amtieren. Dem Dalai-Lama sind eine Unmasse hoher und niederer Priester untertan, deren es in Lhassa selbst nicht weniger als achtzehntausend (Mönche und Nonnen) geben soll. Sie unterscheiden sich nach vier Rangstufen und leben alle im Zölibat. Die meisten der lamaistischen Priester leben in Klöstern, mit denen das ganze Land gleichsam übersät erscheint. -- Der +Gottesdienst des tibetischen Buddhismus+ (Abb. 266 und 267) ist in reinen Formenkram ausgeartet. Man betet nicht allein mit den Lippen und dem Herzen, sondern man bringt den Göttern seine Gebete bereits gedruckt oder geschrieben auf Felsplatten, die lange Mauern (Abb. 271) bilden, sogar viele Meter lang (in der Nähe geweihter Gebäude oder Bergpässe), auf Pyramiden, Papierstreifen und so weiter dar. Diese Gebete pflegen nur die vier typischen Worte zu enthalten: ~Om ma-ni pad-me hum~, gleich „O Gott, das Kleinod im Lotos. Amen“. Das bloße Aussprechen dieser Weiheformel genügt für den, der dies tut, um eine Wiedergeburt direkt ins Paradies zu bewirken. Die Anbetung wird dadurch noch besonders erleichtert, daß man nur Gebetmaschinen (siehe Kunstbeilage) zu drehen braucht, die in endloser Reihenfolge diese Formel, auf Papier oder Seide geschrieben, abwickeln. Für den Hausgebrauch werden kleine Gebetmühlen benutzt, kleine Zylinder, die in ihrem Innern auf einer Röhre Papierstreifen mit dem aufgeschriebenen Gebet enthalten und durch einen durchgehenden Stift in rotierende Bewegung versetzt werden (Abb. 268). In den Tempeln finden sich größere Gebetmaschinen, die mit einem Strick getrieben werden. Ja, auch ohne die geringste körperliche Anstrengung kann man seine Gebete zum Himmel senden, nämlich durch Mühlen, deren Inhalt durch Wind oder Wasser in Umdrehung versetzt wird.
Trotz der hohen Entwicklung, die der Buddhismus in Tibet angenommen hat, ist das Volk doch noch in so hohem Grade von +animistischen und schamanistischen Anschauungen+ durchsetzt, wie wohl an wenigen Stellen der Erde. Wir begegnen als Überresten der vorbuddhistischen Religion, des Bonkultus (Abb. 269 bis 272), noch vielfach den +Teufelstänzern+, die die Aufgabe haben, die Dämonen zu beschwören, sie zu besänftigen und so Glück über das Land und seine Bewohner zu bringen (Abb. 275). Diese sind in hohem Grade abergläubisch und glauben sich auf Schritt und Tritt von Legionen böser Kräfte umgeben, gegen die sie nicht nur bei diesen Schamanen, sondern noch mehr bei den buddhistischen Priestern Schutz suchen, die sich übernatürliche Kräfte beilegen. Sie behaupten von sich sogar, sie besäßen die Macht, den Sündern ihr Geschick noch nach dem Tode zu erleichtern, auch wenn sie bereits in der Hölle weilen und hier allen möglichen schrecklichen Peinigungen unterworfen werden, sobald ihre irdischen Verwandten den Priestern Geschenke in entsprechender Menge machen, um für das Seelenheil der Verschiedenen die teuren Zeremonien vorzunehmen und Messen zu lesen. In der Hölle wären daher Lamas, die umhergehen, ihre Gebetmühlen drehen und Zaubersprüche zum Nutzen der gequälten Seelen murmeln, wenn überlebende Verwandte sich deren Heil angelegen sein lassen. Das Verlangen nach materiellem Schutz gegen die unsichtbaren bösen Geister führt die Menschen dazu, auf +Zaubersprüche+ und +Amulette+ ein felsenfestes Vertrauen zu setzen; man sieht jedermann, Männer, Frauen und Kinder damit behängt. Diese Zauberformeln sind meistens in Sanskrit geschriebene Aussprüche, die dem Buddha zugeschrieben werden und angeblich den indisch-buddhistischen Schriften entnommen wurden. Sie werden ergänzt durch Reliquien heiliger Mönche, geweihte Körner, kleine Götzenbilder und allerhand andere heilige Dinge, die, zusammen mit ihnen, in ein goldenes, silbernes oder kupfernes, reich verziertes Amulettkästchen eingeschlossen, als massiver Schmuck (Abb. 272 und 277) getragen werden. Die volkstümlichste aller Zauberformeln sind die oben angeführten Worte, die auf den Gebetmühlen gedreht werden. Diese abergläubischen Vorstellungen finden sich auch wieder in dem Brauche, hohe Masten mit wehenden „Gebetfähnchen“ (Abb. 279) aufzustellen und Girlanden aus solchen von Dach zu Dach, an von Geistern bewohnten Bäumen und an Bergpässen (Abb. 276), die von Geistern besonders heimgesucht werden sollen, anzubringen.
Große Wichtigkeit legt das Volk auch noch den Vorbedeutungen bei und regelt unter diesem Gesichtspunkte alle Angelegenheiten seines täglichen Lebens; nicht nur bei allen wichtigen Geschäften, sondern auch bei allen ernsten Vorfällen im Leben, wie Geburt, Hochzeit, Krankheit und Tod, ferner bei Aussaat, Ernte, Bautätigkeit, Reisen und so weiter holt es sich darüber Rat, ob ein bestimmter Tag oder ein Augenblick der Vornahme dieser Handlungen günstig sei. Bedeutende +Zauberer+ werden nicht nur vom gewöhnlichen Volke, sondern auch von den Buddhistenmönchen und selbst von der Regierung bei wichtigen Staatsangelegenheiten hinzugezogen. Jedes Kloster hält sich zu diesem Zweck einen eigenen Zauberer, der aber nicht als Glied der buddhistischen Brüderschaft betrachtet wird. Er lebt auch gesondert von ihnen und darf heiraten, womit man zum Ausdruck bringen will, daß er nicht zur Lehre Buddhas gehört und sein Handwerk einer vorbuddhistischen Zeit entstammt. Seine Aussprüche werden in ganz geheimnisvolle und orakelähnliche Formen gekleidet. Eine besondere Aufgabe dieser Zauberer im ganzen Lande ist das „Regenerzwingen“. Unter diesem Himmelsstrich hängt der Erfolg der Ernte nämlich in besonders hohem Grade von einem rechtzeitig eintretenden Regen ab, dessen Herbeiführung ebenso wie die Abwendung des die Saat vernichtenden Hagels auf dem Einwirken des Zauberers beruht (Abb. 273).