Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 15

Chapter 153,227 wordsPublic domain

Die Feuerzeremonie oder Ingwurra (Abb. 210), um auf sie noch einmal etwas ausführlicher zurückzukommen, ist das letzte Stadium der Einweihungsfeierlichkeiten bei den Arunta und führt die Bevölkerung von weit und breit auf Einladung zusammen. Eigentlich ist sie eine Aufeinanderfolge verschiedener Akte. Die Feierlichkeiten werden wochenlang mit den üblichen Korrobories eingeleitet, an denen sich auch die Frauen beteiligen. Ein Korroborie, eine Art dramatischer Unterhaltung, ein pantomimischer Tanz (Abb. 202, 207, 209 und farbige Kunstbeilage), den ein Gesang begleitet, besteht gewöhnlich aus einem Zyklus von Vorführungen, von denen eine jede einen Abend ausfüllt, so daß das Ganze mehrere Abende hintereinander in Anspruch nimmt. Den Korrobories folgt als zweiter Akt die Ingwurrazeremonie. Jetzt trennen sich die Frauen von den Männern und bleiben auf dem Felde, während letztere mit Ausnahme einiger Tagesstunden, die sie der Jagd widmen, auf dem Festplatz leben und diese Zeit auf die Vorbereitung und Aufführung heiliger Zeremonien verwenden. Da wir weiter unten auf diese etwas ausführlicher zurückkommen, wollen wir hier nur erwähnen, daß sie die heiligen Mythen des Stammes versinnbildlichen und für die jungen Leute ein Mittel abgeben sollen, sie in den Glaubensauffassungen, die damit in Zusammenhang stehen, zu unterweisen. Diese Vorbereitungen erfordern eine geraume Zeit, obwohl jede Aufführung eigentlich nur wenige Minuten dauert. Wenn damit Monate vergangen sind, beginnen nun die wirklichen Zeremonien, die sich auf etwa zwei Wochen erstrecken. Täglich werden die jungen Leute, die aufgenommen werden sollen, auf die Jagd gesandt, deren Beute sie aber nicht für sich behalten dürfen, sondern an die älteren Männer abliefern müssen. Bevor sie des Abends zurückkehren, besorgen sich die Frauen Feuer, trockenes Gras und Reisig. Die Jünglinge versehen sich bei ihrer Ankunft aus dem Busch mit einer Anzahl beblätterter Zweige, stellen sich in einem dichten Viereck zusammen, laufen den sie erwartenden Frauen, die das Gras und das Holz angezündet haben und es auf die Eindringlinge zu werfen sich bemühen, entgegen, und suchen sich dagegen, so gut sie können, mit ihren Zweigen zu schützen. Nach einiger Zeit kehren sie auf den Festplatz zurück, bringen hier ihre Zweige unter und legen sich nieder; sie müssen so stundenlang ohne etwas zu sprechen verharren (Abb. 206). Nachdem sich dieser Vorgang mehrere Tage hindurch wiederholt hat und die heiligen Zeremonien inzwischen Tag und Nacht ihren Fortgang genommen haben, werden die Knaben auf zwei Tage in den Busch geschickt, um hier eine eingreifendere Feuerprobe durchzumachen. Die älteren Männer, denen die Novizen anvertraut sind, zünden aus Kloben und Ästen ein großes Feuer von etwa zwei bis drei Meter im Durchmesser an, bedecken die Glut, sobald das Feuer heruntergebrannt ist, mit Zweigen und fordern die Jünglinge auf, sich auf die Äste zu legen und hier vier bis fünf Minuten auszuhalten (Abb. 210). Trotzdem die auf die glühende Asche gelegten Sträucher die direkte Berührung mit ihr verhindern, so daß die jungen Leute sich nicht verbrennen können, erfordern die große Hitze und der Rauch doch einen großen Aufwand an Energie, um diese Probe durchzuführen. Sodann kehren die Jünglinge nach dem Lagerplatz zurück. Hier wird der Abend mit allerlei Neckereien zugebracht; die Frauen in dem Lager und die Männer auf dem Festplatze rufen einander Scherzworte zu und ziehen einander auf. Bei solcher Gelegenheit darf ein Mann auch seiner Schwiegermutter zurufen, mit der er sonst jeglichen Verkehr meiden muß. In fast ganz Australien nämlich bestehen zwischen beiden Parteien merkwürdige Sitten. Sieht ein Mann seine Schwiegermutter kommen, so muß er sich verstecken und sie vorüberlassen, damit sich beide auf keinen Fall zu Gesicht bekommen. Ist ein Verstecken unmöglich, so muß er nach rechts oder links mit abgewendetem Gesicht abbiegen, einen großen Bogen um sie machen und ihr auf jeden Fall ausweichen. Bei einzelnen Stämmen darf er sich mit ihr überhaupt in kein Gespräch einlassen. Vernachlässigt jemand diese Vorschriften, so kann er vom Häuptling in Strafe genommen werden.

Am nächsten Tage haben die jungen Leute die letzte Feuerzeremonie zu bestehen. Auch hierbei werden von den Frauen große Feuer angelegt und die glühende Asche mit grünen Zweigen bedeckt. Dieses Mal aber müssen die Jünglinge der Reihe nach in das Feuer hineintreten und mitten im dichten Rauch niederknien, wobei sie eine der Frauen an den Schultern noch herabdrückt. Damit schließt endlich die Ingwurrazeremonie. Wenn die Jünglinge alle verschiedenen Feuerproben bestanden haben, werden sie fortan als vollgültige Mitglieder des Stammes angesehen. Nachdem in den nächsten Tagen noch einige gewöhnliche Korrobories, an denen auch die Frauen sich beteiligen, abgehalten worden sind, ziehen die fremden Gruppen in ihr eigenes Dorf zurück.

Die Zeremonien der Australier hängen eng mit ihrer Religion zusammen. Ihre +religiösen Vorstellungen+ beruhen auf dem Glauben an überirdische, meist mythenhafte Wesen und auf Zauberei. Im allgemeinen werden gute und böse Geister unterschieden, darunter wiederum mächtigere und unbedeutendere. Leider ist es den Europäern bis jetzt nur in unvollkommenem Maße möglich gewesen, in das religiöse Leben und Denken der Australier einzudringen. Dazu kommt, daß unter ihnen selbst nur ganz verschwommene Begriffe von den Geistern und so weiter herrschen, so daß wir nur ein mangelhaftes Bild von ihrer Religion besitzen. Eine große Rolle spielt dabei das bekannte Totemwesen. Ein jeder Stamm zerfällt in eine Anzahl Gruppen (Clans oder Sippen), von denen jede in einem, zumeist genetischen Verhältnis zu irgend einem Gegenstand oder einer Erscheinung in der Natur zu stehen glaubt, zu seinem Totem. Dieses ist zumeist ein bestimmtes Tier oder eine Pflanze, die zu Nahrungszwecken dienen, aber auch eine Naturerscheinung. Dieses Totem, nach dem sich die Sippe auch benennt, wird von ihr verehrt. Die eine Gruppe steht, um ein paar Beispiele anzuführen, mit einem Känguruh, andere mit dem Opossum oder dem Emu oder einer Schlange, wieder andere mit einer Akazienart, einem Grassamen und ähnlichem, noch andere mit Regen, Wind, Feuer und so weiter in Zusammenhang (Abb. 205, 208, 211 und 213). Für gewöhnlich darf kein Mitglied einer Totemgruppe sein eigenes Totem verzehren, wenn es sich um ein Tier oder eine Pflanze handelt, oder es töten, wenn es das erstere betrifft, denn es ist ihm heilig, wohl aber ist ihm gestattet, das einer anderen Gruppe zu essen, beziehungsweise zu töten. Ferner besteht vielfach der Glaube, daß die Anhänger eines Totems bewirken können, daß dieses sich vermehrt oder zunimmt, also einem bestimmten Teile der Natur zu befehlen imstande sind. Ein Känguruhmann zum Beispiel kann das Känguruh zur starken Vermehrung zwingen, ein Regenmann Regen hervorrufen, ein Feuermann stets sein eigenes Feuer erzeugen, so daß er dazu keiner Vorrichtungen bedarf. Wohl gemerkt, diese Fähigkeit beschränkt sich immer nur auf das eigene Totem. Ein Mitglied des Känguruhtotems kann daher keinen Regen machen, und ein Mann des Regentotems nichts dazu tun, daß sich das Känguruh vermehre. In vielen Gegenden Australiens bestehen gewisse Zeremonien, die besonders zu dem Zwecke abgehalten werden, um das Totem zu vermehren. Jede Totemgruppe pflegt eine bestimmte Stelle zu besitzen, an der man diese Zeremonien vornimmt; meistens ist dies das Verbreitungszentrum des betreffenden Tieres oder der Hauptstandort der Pflanze. Ein paar Beispiele von solchen Zeremonien. Handelt es sich darum, die Vermehrung von Schlangen zu erwirken, so erscheint an dem betreffenden Totemplatz der mit rotem und gelbem Ocker angemalte und mit dem Waningakopfputz (das weitere über ihn siehe weiter unten) ausgerüstete Oberste der Schlangentotemgruppe, kniet vor den versammelten Mitgliedern nieder und streckt die Arme ganz lang aus, wobei er in jeder Hand einen angespitzten Knochen hält. Ein Mann, der zu seiner Rechten kniet, nimmt sich den Knochen aus der entsprechenden Hand, hebt an seinem Oberarm eine Hautfalte hoch und durchsticht sie mit diesem Knochen; dasselbe tut ein Mann, der zur Linken sich niedergelassen hat (Abb. 216). Der Oberste singt darauf, in der gleichen Stellung verharrend, ein Lied oder einen Zauberspruch, dessen Inhalt den Anwesenden heutzutage unverständlich erscheint, und die Zeremonie ist beendigt. Wenn daraufhin die Schlangen recht zahlreich geworden sind, bringen Männer, welche der betreffenden Gruppe nicht angehören, einige dieser Tiere dem Obersten mit den Worten: „Siehe, hier sind Schlangen“. Dieser nimmt etwas Schlangenfett, reibt sich damit die Arme ein und antwortet: „So esset alle“. Damit will er besagen, daß die Schlangen dank seiner Zeremonie so zahlreich geworden sind, daß jeder Stamm sie in genügender Menge zur Verfügung hat. -- Um Würmer, eine Delikatesse für die Australier, zu vermehren, reibt ein Mann die Magengegend eines anderen mit einem heiligen Steine, der das Ei eines solchen Tieres darstellen soll (Abb. 214); oder singt die Insekten an, auf daß sie Eier legen (Abb. 215). Um Regenwetter herbeizuführen, wurde bei den Kurna an einem Wasserloch eine Grube ausgeworfen und über ihr eine Hütte errichtet. Nachdem sich in ihr alle Anwesenden, darunter auch Gäste, versammelt hatten, schnürte sich einer der älteren Männer ein Band fest um den linken Oberarm und öffnete mit einem spitzen Steine eine Blutader in der Gegend des Ellenbogengelenkes. Das ausströmende Blut ließ er über die am Boden dicht gedrängt Hockenden laufen, auf die mit Blut bespritzten Stellen streute er Vogeldaunen. Jetzt wurden einige vor Beginn der Zeremonie in die Wassergrube geworfene Steine herausgenommen und an einem entfernten Platz in das Astwerk eines der höchsten Bäume gelegt. Währenddessen zerrieben andere Männer Gipsspat zu feinem Pulver und streuten es auf die Oberfläche des Wassers. Schließlich stießen alle Anwesenden die Hütte mit dem Kopfe um. Das fließende Blut soll den vom Himmel strömenden Regen versinnbildlichen, die Daunen leichte, die Steine schwere Wolken; das Verstecken der Steine in den Baumgipfeln geschieht in der Absicht, daß sie der Regengeist sehe, und mit dem Niederreißen der Hütte soll angedeutet werden, daß der Geist in gleicher Weise die Wolken durchbohren möge. Um anderseits kühle Witterung zu bekommen, zünden geschmückte Männer hinter einem Windschirm ein Feuer an, lassen sich an ihm nieder und geben an, daß sie frieren und vor Kälte zittern. Hierdurch hoffen sie eine Abkühlung des Wetters herbeiführen zu können. Manche Stämme nehmen an, daß ein Mann sich in sein Totem verwandeln könne, wenn dieses ein Tier ist. Ein Totemtier verletzt nach der allgemeinen Annahme niemals seine menschlichen Verwandten; daher braucht zum Beispiel ein Anhänger des Schlangentotems nicht zu befürchten, von einer Schlange gebissen zu werden.

Alle Mitglieder einer jeden Totemsippe halten sich für nahe Blutsverwandte; die Mitgliedschaft zu einer Gruppe wird durch die Erbfolge geregelt. In Gegenden (Ostaustralien), wo ein Kind dem Clan der Mutter angehört, erbt es das Totem der Mutter, in anderen wieder, wo es zur Gruppe des Vaters zählt, nimmt es dessen Totem an. Bei noch anderen Stämmen wird das Totem nicht vererbt, sondern auf andere Weise erworben. Wie wir schon hörten, ist jedes Totem an einen bestimmten Platz oder Gegenstand gebunden. Wird bei den Arunta zum Beispiel ein Kind geboren, so erhält es das Totem der Stelle, in dessen Nähe es angeblich von der Mutter empfangen wurde. Glaubt also eine Frau, daß sie ihr Kind bei einem bestimmten Baume oder einem Felsen empfangen habe, der mit dem Emu in Verbindung steht, so bekommt das Kind das Emutotem, ganz gleich welcher Sippe die Mutter angehört.

Das Totemwesen zeigt seine höchste Entwicklung in Zentralaustralien. Hier hat man auch die ganze Lehre tiefer durchdacht und sich ihren Ursprung zurechtgelegt. Vor Zeiten, bevor es noch einen Menschen gab, lebte in Australien eine Art übernatürlicher Wesen, die Totemahnen. Sie besaßen ganz erstaunliche Kräfte und auch die Fähigkeit, sowohl die Natur des Menschen wie die von Tieren oder Pflanzen in sich zu verkörpern. Alle diese Vorfahren, so meinen einige Stämme nun, ließen, während sie das Land durchzogen, an bestimmten Orten viele Kindergeister zurück, die, wie wir bereits vordem (S. 156) entwickelten, in die Frauen übergehen und dann als richtige Menschenkinder geboren werden. Nach dem Tode kehrt ihr Geist wieder zu seiner Ursprungsstätte, zum Beispiel in einen heiligen Stein oder Baum, mit denen er verbunden ist, zurück und wartet dort auf seine Wiederfleischwerdung. Jedes Stammesmitglied ist also die Wiedergeburt eines der Vorfahren. Die Stämme im Innern Australiens führen nun Zeremonien auf, die auf diese Totemvorfahren Bezug nehmen, indem sie dieselben zur Darstellung bringen (Abb. 217). Allgemein nimmt man an, daß diese Totemahnen die betreffenden Zeremonien der Sippe persönlich in der Weise, wie sie heute begangen werden, vordem eingeführt haben. Die bei den Einweihungsfeierlichkeiten der Jünglinge von uns erwähnten Zeremonien sind zum Teil solche, die mit dem Totemahnen in Zusammenhang stehen. Als Beispiel, wie es bei einer solchen zugeht, möge die Zeremonie des Schlangentotems der Warramunga gelten. Der Vorfahre dieses Totems soll ein mythisches Wesen Wollunqua gewesen sein, das eine solche Größe besaß, daß es, wenn es auf dem Schwanz gestanden hätte, mit seinem Kopf bis in den Himmel hineingereicht haben würde; jetzt liegt es in ein großes Wasserloch in einem einsamen Tal gebannt. Bei einer der darauf bezüglichen Zeremonien nun wird ein Erdhügel geformt und auf ihn die Gestalt einer Schlange gezeichnet (Abb. 221). Darauf gehen die Männer des Wollunquatotems (Abb. 219) um den Hügel herum, und einer von ihnen streicht mit einem Zweig über den Fuß des Hügels (Abb. 221); nachdem man darauf den größten Teil der Nacht gesungen und um den Hügel getanzt hat, greift man am frühen Morgen den Hügel mit Speeren, Bumerangs und Keulen an und zertrümmert ihn. Offenbar soll durch diese Zeremonie Wollunqua verhindert werden, sein Wasserloch zu verlassen. In dem übrigen Australien, wo kein Totemglauben herrscht -- nur im Zentrum des Erdteiles treffen wir ihn im vollen Umfange an --, kommt den Zeremonien eine andere Bedeutung bei. Allerdings bilden ihren Hintergrund teilweise hier auch noch mythische Vorstellungen von Vorfahren -- diese Legenden und Erzählungen von den Ahnen werden den Jünglingen also nicht nur erzählt, sondern auch dramatisch vorgeführt --, daneben aber auch wieder Geschichten über Tiere. In diesem Falle ahmen die darstellenden Männer die Handlungen der Tiere nach oder führen etwas um Zeichnungen, die Tiere wiedergeben, auf. So zum Beispiel laufen sie auf allen Vieren herum wie ein grasendes Känguruh und ähnliches. Allen diesen Vorführungen, wie den die Wanderungen des Totemahnen darstellenden Zeichnungen (Abb. 218 und 220) ist gemeinsam ihre Heiligkeit; daher dürfen sie weder von Frauen noch von Kindern gesehen werden.

Außer den Zeremonien, die der Verehrung des Totems und der Verkörperung der heiligen Mythen dienen sollen, kennen verschiedene Stämme noch eine Reihe anderer Zeremonien, die ganz anderer Natur sind. Als Beispiel von solchen diene die +Feuerzeremonie+ der Warramunga, die indessen mit der gelegentlich der Jünglingsweihen stattfindenden und oben geschilderten nicht identisch ist. Sie geht darauf hinaus, daß alle Beteiligten die zwischen ihnen bestehenden Streitigkeiten beilegen. Ein Augenzeuge schreibt, daß die Zeremonie an einem Abend damit einsetzte, daß, nachdem sich die Männer um einige kleinere Feuer gruppiert hatten, ein komisches Intermezzo sich abspielte. Einige sprangen zunächst auf, stürmten mit erhobenen Waffen wütend umher, schrien laut und gebärdeten sich ganz unsinnig; hierauf begann man mit Neckereien, einer machte über den anderen höhnische Bemerkungen, suchte ihn auch direkt zu beleidigen, nahm ihm seine Waffen fort und versteckte sie im Busch; die jüngeren Leute nahmen den älteren die Speisen weg, eine unter anderen Umständen ganz unerhörte Beleidigung -- über alles amüsierten sich die Anwesenden köstlich. Darauf setzte der Tanz ein, an dem die Teilnehmer sich so grotesk wie möglich benahmen, auch die Frauen wirkten dabei mit, die vordem den Vorgängen nur von weitem zugesehen hatten. Diese Belustigungen dauerten bis gegen Mitternacht. Am nächsten Morgen bemalten sich die Männer mit Ocker und führten eine ganz drollige Pantomime auf; die Hände hinten am Kopfe haltend, tanzten sie zunächst in der Richtung des Lagers der Frauen zu, wenn sie sich ihm näherten, gingen sie bald auf den Händen, bald auf den Knien vorwärts (Abb. 222), kehrten aber vor dem Lager um und in das ihrige zurück. Hierauf zogen sich die Männer, einige alte Leute ausgenommen, in den Busch zurück und blieben hier eine Woche. Wichtig ist bei diesem Akte der Zeremonie, daß die jungen Männer die Frauen nicht sehen durften. Nach der Rückkehr der Männer aus dem Walde begannen die Vorbereitungen für die eigentliche Feuerzeremonie, die unter anderem in der Anfertigung mächtiger Fackeln aus Zweigen (Abb. 223) und in der Errichtung einer etwa sechs Meter hohen, mit rotem Ocker bemalten und an der Spitze mit einem Busch Zweige geschmückten Stange zwischen dem Männer- und Frauenlager bestanden. Die eigentliche Feuerzeremonie spielte sich nachts ab. Die sie darstellenden Männer bestrichen sich dazu von Kopf bis zu Fuß mit rotem Lehm und darüber mit einer dicken Schicht weißen Pfeifentons und nahmen die Fackeln in die Hand. Dann ging einer zum Angriff über, indem er mit seiner Fackel wie mit einem vorgestreckten Spieß in die Menschengruppe hineinstürmte, in der sich einer der Männer befand, mit dem er im letzten Jahre einen heftigen Streit gehabt hatte. Man wehrte hier den Angriff mit Keulen und Speeren ab. Damit war das Zeichen zu einem allgemeinen Durcheinander gegeben. Beide Parteien stürmten nun aufeinander los, die brennenden Fackeln sausten dabei auf Kopf und Rumpf nieder und die glühenden Kohlenreste stoben auseinander. Die Frauen standen klagend daneben und senkten brennende Zweige, um, wie sie behaupteten, dadurch zu verhindern, daß die Männer sich ernstlich verletzten. Die lodernde Glut, der mächtige Qualm, im Gegensatz dazu die weiß angestrichenen Körper, der mächtige Lärm, alles dieses machte den Eindruck einer recht wilden rohen Szene. Endlich wurden die Fackeln auf die Erde geschleudert und ihre Flammen gelöscht.

Bei der Beschreibung der Zeremonien erwähnten wir bereits verschiedentlich heilige Gegenstände, vor allem das Schwirrholz, das besonders bei den Jünglingsweihen eine wichtige Rolle spielt. Denn bei dieser Gelegenheit erfahren die Knaben zum ersten Male, daß jene geheimnisvollen Töne, die einem überirdischen Wesen zugeschrieben werden und oft genug ihnen großen Schrecken einflößten, durch diesen unscheinbaren Gegenstand hervorgerufen werden. Wir sprachen auch bereits von dem +Tschuringa+ (Abb. 203), das dem eigentlichen Schwirrholz in der Form wohl gleicht, aber kein Loch für die Schnur besitzt, also nicht geschwungen werden kann. Der Name für diesen Gegenstand stammt aus der Aruntasprache und bedeutet „heilig“. Es ist oft mit eingeritzten Mustern schön verziert. Die Stämme von Mittel- und Westaustralien verwenden das Tschuringa nur bei ihren heiligen Handlungen, vor allem sind die Gebräuche, die damit im Zusammenhange stehen, bei den Arunta hoch entwickelt. Hier besitzt jede Person, Mann, Weib und Kind, sein eigenes Tschuringa, mit dem ein jedes verbunden ist; die Frauen und Kinder aber dürfen das ihrige nicht zu Gesicht bekommen. Alle Tschuringa, die einer Totemgruppe angehören, werden an einem besonderen Ort aufbewahrt. Dieser gilt ebenfalls für heilig; ein Jäger zum Beispiel würde auf der Jagd nach einem Känguruh, wenn er sich solchen Aufbewahrungsorten näherte, ihm nicht weiter nachstellen, sondern davon Abstand nehmen. Während der Zeremonien werden diese Tschuringa, die sonst wie ein großer Schatz ängstlich gehütet werden, hervorgeholt, betrachtet und befühlt; dabei sprechen die Eingeborenen nur im Flüsterton und betragen sich höchst feierlich. Aus Höflichkeit pflegt eine Totemgruppe einer anderen wohl ihr Tschuringa zu leihen, sie erhält es dann unter vielen feierlichen Zeremonien wieder zurück (Abb. 225).

Ein anderer heiliger Gegenstand, auf den schon hingewiesen wurde, ist das +Waninga+. In seiner einfachsten Form besteht es aus zwei in der Mitte in Gestalt eines Kreuzes zusammengebundenen Stöcken, auf welches Haar- oder Pelzsträhnen webartig gewickelt sind. Bald wird es in der Hand (Abb. 224), bald auf dem Kopfe (Abb. 227) getragen. Im westlichen Australien weist dieser Gegenstand entwickeltere Formen auf. In dem in Abbildung 227 dargestellten Falle sind fünf kleine Waninga zu einem einzigen Ganzen zusammengefügt. Die Bedeutung des Waninga, das ebenso wie das Schwirrholz und das Tschuringa weder Frauen noch Kinder erblicken dürfen, ist eine dunkle. Bei manchen Zeremonien soll es nach Aussage der Eingeborenen das Totem darstellen, mit dem sie in Zusammenhang steht, also eine Ratte oder eine Schlange. In Westaustralien scheint das Waninga eine ähnliche Rolle wie die Masken Melanesiens und anderer Länder zu spielen. Solche kommen übrigens auch im äußersten Norden von Queensland vor, offenbar liegt hier ein Einfluß von Neuguinea her vor, mit dem Australien durch die Inseln der Torresstraße in Verbindung steht (Abb. 226).