Part 7
Die +Schilluk+ dagegen stehen unter einem König. Er, seine Kinder, Enkelkinder und Urenkel stellen die Aristokratie dar; über vier Menschenalter hinaus wird königliche Abstammung nicht anerkannt. Für den König sorgt man in jeder Weise und behandelt ihn mit größter Hochachtung. Früher durfte er nicht einmal in den Krieg ziehen, und auch jetzt noch bewegt er sich nie ohne eine Leibgarde von etwa zwölf bis zwanzig Mann, die gut bewaffnet und jederzeit bereit sind, seinem leisesten Wunsch zu gehorchen. Sein Wort ist Gesetz, und die Geldstrafen, die er verhängt, werden aus guten Gründen schleunigst bezahlt. Zeugnis für den großen Einfluß, den er auf sein Volk ausübt, legt die Tatsache ab, daß der stattliche Hügel, auf dem sein Wohnhaus (Abb. 100) steht, trotz der den Schilluk angeborenen Trägheit mit größter Eile und ohne Widerspruch aufgeführt wurde. -- Sobald sich an den Königen Spuren schlechter Gesundheit oder hohes Alter bemerkbar machen, fürchtet man, daß dadurch Unglück, wie Mißlingen der Ernte, allgemeine Krankheit, Schwäche des Viehs, über das Volk hereinbrechen könnte. Denn je älter und gebrechlicher ein König wird, um so mehr büßt auch der Geist seines Ahnen an Rüstigkeit ein, und man fürchtet, daß hieraus allgemeines Unglück entstehen könne. Daher tötet man den König, bevor er zu alt wird; sein Geist kann dann sofort auf eine andere, jüngere Persönlichkeit übergehen. Zu diesem Zwecke wurde in früheren Zeiten der König in eine besonders dazu hergerichtete Hütte gebracht, mit ihm eine heiratsfähige Jungfrau (man sagt eine der Töchter seines Bruders), auf deren Schoß er sein Haupt legte; darauf wurde der Eingang zur Hütte fest verschlossen und das Paar dem Hunger und Durst preisgegeben. Einige Monate später öffnete man die Hütte wieder, sammelte die Überreste der beiden in einem Fell und begrub sie in einem besonderen Grabe. Über diesem erstand eine neue Hütte, und diese wurde zu einem Götterschrein. Dieser Brauch soll vor ungefähr fünf Menschenaltern abgekommen sein, wie man sagt wegen der Qualen, die ein König erdulden mußte; dieser, der seine Gefährtin um ein paar Tage überlebte, gab der draußen versammelten Menge den Auftrag, sie dürften unter keinen Umständen seinen Nachfolger auf diese qualvolle Weise so langsam sterben lassen. Eine öffentliche Verkündigung vom Tode eines Königs scheint nicht stattgefunden zu haben; man ließ die Kunde davon ganz allmählich sich verbreiten. Während der so entstehenden Übergangszeit entschieden die mächtigsten Häuptlinge alle kleineren Angelegenheiten, während sie die wichtigeren dem neuen König vorbehielten, der von den Häuptlingen gewählt wurde. -- Die Königswahl ist von zahlreichen Förmlichkeiten begleitet. Der neue König wird zunächst in ein Dorf in der Nähe der Hauptstadt Faschoda geleitet, während sich andere Häuptlinge an die nördlichen Grenzen des Reiches begeben und den Priestern eines Schreines im Akurwadorfe mitteilen, sie möchten den heiligen vierbeinigen Schemel und den Nyakang, ein roh geformtes Bildnis des Ahnherrn der Könige, haben. Wenn der Nyakang die Wahl des neuen Fürsten nicht billigt, dann wird nach dem Glauben der Schilluk sein Bildnis so schwer, daß man es nicht von dem Schrein wegnehmen kann. Ist er aber damit einverstanden, dann ziehen die Leute mit dem Schemel und dem Bildnis ab. Sobald sie bei ihrer Rückkehr mit dem neuen König und seinem Gefolge zusammentreffen, entspinnt sich ein Scheinkampf, der für jene stets glücklich abläuft. Darauf begleiten sie den König nach Faschoda. Hier wird der heilige Gegenstand, der Nyakang, in den dortigen Schrein getragen, bald darauf aber wieder herausgebracht und auf dem heiligen Schemel vor dem Eingange niedergesetzt. Der neuerwählte König hält ein Bein des Nyakang, ein vornehmer Häuptling das andere. Ein Ochse wird geschlachtet, doch genießen nur ein paar Auserwählte von seinem Fleisch. Der Nyakang wird schließlich wieder in den Schrein zurückgebracht, der König hochgehoben und auf den Schemel gesetzt; hier bleibt er eine Zeitlang sitzen, manchmal bis Sonnenuntergang, worauf man ihn zu drei neuen, für ihn besonders erbauten Hütten führt. Hier muß er drei Tage lang verharren, erst dann geleitet man ihn in aller Ruhe zu seinem königlichen Wohnort in Faschoda. Nachdem noch einmal ein Ochse getötet und verspeist worden ist, darf der König endlich zum ersten Male öffentlich erscheinen. Die drei neuen Hütten werden zerstört und ihre Bestandteile in den Fluß geworfen.
Die +Bari+ sind in Gruppen eingeteilt, jede von ihnen besitzt einen Häuptling, der als das Oberhaupt in gemeinsamen Angelegenheiten anerkannt wird. Er ist gleichzeitig auch Regenmacher und erfreut sich großen Ansehens, solange ihm der Glaube entgegengebracht wird, daß er imstande sei, den Regen zur rechten Zeit herbeizuführen. Gelingt ihm dies aber nicht, so besteht oder bestand wenigstens früher für ihn die Möglichkeit, daß er umgebracht wurde. Die Regenmacher legen ihre Dörfer stets auf den Abhängen von ziemlich hohen Hügeln an, damit sie den Regen leichter anziehen können, denn erfahrungsgemäß schlägt sich die Feuchtigkeit aus den Wolken am ersten auf Bergen nieder. Zu Anfang dieses Jahrhunderts stand im Ruf eines Hauptregenmachers ein gewisser Ledju; ihm wurden auch noch andere Fähigkeiten zugesprochen: so glaubte man von ihm, er könne veranlassen, daß Frauen reichen Kindersegen bekämen, sobald er ein kurzes Spiel mit einem kleinen Eisenstab über ihnen vollzog. Diesen Stab bewegte er unter Zaubergemurmel über ihren Köpfen, wobei die Steine in den Kugeln an seinem Ende klapperten.
Zur Vollziehung der +Regenzeremonie+ werden von den Bari hauptsächlich ausgehöhlte Gneisblöcke benutzt, die mit einem der unter den Negern üblichen Wetzsteine Ähnlichkeit haben. Sie werden in einer kleinen Umfriedigung aufgestellt; jeder von ihnen enthält in Aushöhlungen zwei bis acht Stücke Bergkristall oder Granit von Kegel- oder Kreisform. In der Nähe der Steine steht eine größere Anzahl irdener Töpfe; schließlich werden über die hohlen Steine noch viele Eisenstäbe von verschiedener Größe und Form gelegt (Abb. 99). Die Bitte um Regen wird dem Regenmacher für gewöhnlich durch das Dorfoberhaupt und einige Dorfälteste vorgetragen; dazu bringen sie ein Geschenk mit in Gestalt von Hühnern, Schafen oder Ziegen, je nach den vorhandenen Mitteln. Eines oder mehrere dieser Tiere werden getötet und gemeinsam verzehrt, wobei die Regenmacher den Löwenanteil erhalten. Nach der Mahlzeit begeben sich die Hilfsregenmacher zur Umfriedigung, entfernen die Eisenstäbe und lehnen sie gegen eine darüber ausgespannte Schnur. Darauf waschen sie die kleinen Steine und Kristalle mit Wasser aus den Töpfen und legen sie wieder in die ausgehöhlten Steine. Jeder Gehilfe hat seine eigenen Steine, die seiner besonderen Obhut unterstellt und ihm mit Namen bekannt sind; gewöhnlich sind dies Namen früherer Regenmacher. Jetzt findet sich der Hauptregenmacher ein mit einem kleinen Topf voll Fett oder Pflanzenöl. Nachdem er niedergehockt ist, gießt er sich etwas davon in die Hände, reibt die Flächen gegen einander, nimmt die Kristalle und kleinen Steine nacheinander aus ihren Löchern und reibt sie mit Öl ein, indem er singt oder etwas vor sich hin murmelt; dies ist die Bitte um Regen für die Ernte. Er ergreift auch einen der Eisenstäbe, deutet damit in die Richtung der Regenwolke, die er anziehen möchte, und bewegt die Arme auf und nieder, wodurch er die Wolke auf sich niederzuziehen vermeint. Will sie nicht kommen, dann nimmt er den Stab wie ein Krieger, stampft damit mehrmals auf den Boden, macht heftige Gebärden und stößt mit lauter Stimme seltsame Worte aus. Die Eingeborenen setzen sehr großes Vertrauen in das Können des Regenmachers während der Regenzeit. Gelingt es ihm aber nicht, es zu rechtfertigen, dann ist unter Umständen sein Leben bedroht und er kann genötigt sein, die Gegend zu verlassen. Die Regensteine werden als etwas Heiliges angesehen und vererben sich von Geschlecht zu Geschlecht. Jeder Regenmacher besitzt auch einen geweihten Speer, der in einer besonderen Hütte aufbewahrt, aber nur herausgenommen wird, wenn ein Bündnis geschlossen werden soll. Bevor er wieder in sein Heim zurückgeführt wird, muß ein Opfer dargebracht werden. -- Bei den Nuba Kordofans, die ähnliche Maßnahmen zur Erzeugung von Regen kennen, wird dieser Speer aus seinem Aufbewahrungsort herausgenommen, um das Tier zu töten, das bei der Feierlichkeit geopfert werden soll.
Die +religiösen Verhältnisse+ der nilotischen Stämme sind im vorstehenden bereits gestreift worden. Es wäre darüber etwa noch folgendes nachzutragen. Die Dinka gelten für sehr religiös. Sie beten ein höchstes Wesen an unter der Bezeichnung Dengdit, das ist „großer Regen“, oder auch Nyalich, das ist „der in der Höhe“, außerdem aber eine ganze Schar von Ahnengeistern, die sie Jok nennen. Dengdit aber gilt für den obersten Gott, den Schöpfer und Erhalter der Dinge im Weltall; er ist es auch, der Regen sendet aus dem „Regenort“, wo seine besondere Heimat liegt. In den gewöhnlichen Lagen des täglichen Lebens werden jedoch die Jok häufiger angerufen als Dengdit.
Unter den Dinka steht das +Totemwesen+ in großer Blüte. Jeder Stamm zerfällt in eine Anzahl Klane, von denen wieder jeder sein bestimmtes Totemtier, manchmal auch eine bestimmte Totempflanze besitzt. Der Klan sieht in dem Totemtier seinen Ahn, das heißt er leitet seine Abstammung von einem Menschen ab, der als Zwillingsbruder des Tieres geboren wurde. Kein Mann darf sein Totemtier verletzen, muß ihm vielmehr die höchste Ehrerbietung entgegenbringen. Wenngleich die Kinder das Totem ihres Vaters übernehmen, so achten sie doch das ihrer Mutter nicht minder hoch, und dies noch mehrere Menschenalter hindurch. So würde ein Mann, dessen Großmutter väterlicherseits eine giftige Schlange als Totemtier besaß, falls er sähe, daß jemand eine Schlange aus dieser Gattung tötete, diese aus Achtung begraben, denn sie ist der Jok (Geist) der Mutter seines Vaters. Ferner wird ein Mann niemals das Totemtier seiner Frau, und umgekehrt nie eine Frau das ihres Mannes verzehren. Über die Entstehung der Toteme sind mancherlei Geschichten im Umlauf. Die Schlangenmenschen erzählen, daß früher einmal eine Schlange in die Hütte eines Mannes gekommen sei und dort ihre Jungen zur Welt gebracht, darauf den Besitzer der Hütte angeredet und ihm gesagt habe, er dürfe weder sie noch ihre Brut verletzen und müsse, falls von anderer Seite ein Tier ihrer Art getötet würde, wie beim Tode eines Verwandten ein Trauerband aus einem Palmenblatt um sein Haupt binden. Ein anderer Mann vom Schlangentotem berichtete, daß er, wenn er einer Schlange im Walde begegnete, ihr als Zeichen der Freundschaft Staub auf den Rücken streuen würde; damit würde er die Schlange versöhnen, im Falle sie ihm böse gesinnt wäre. Sollte sie sich aber nicht besänftigen lassen und ihn etwa beißen, dann würden beide, er und die Schlange, sterben. Umgekehrt: sollte die Schlange einen Mann mit einem anderen Totem beißen, dann würde dieser wohl davon sterben, die Schlange aber am Leben bleiben. Ein Mann aus dem Löwenklan behauptete allen Ernstes, daß ihm von seiten dieses Tieres keinerlei Gefahr drohe, daß er ungestraft im Freien schlafen könne, während die Leute anderer Klane ihre Hütten vor den Angriffen der Löwen schützen müßten. Sollte ein Löwe infolge eines Splitters in der Pfote oder eines Knochens im Halse Schmerzen empfinden, dann würde er die Hütte des Mannes aufsuchen und sich durch Brüllen bemerkbar machen, um von seinen Qualen Befreiung zu finden. Andere Klane erkennen das Krokodil, den Elefanten, die Hyäne, den Fuchs, das Nilpferd und so weiter als Totem an und berichten über die Art, wie sie zu ihren Totemen gekommen sind, ähnliche Geschichten, wie wir sie oben von den Schlangen hörten. Auch Pflanzentoteme scheinen vorhanden zu sein, diese aber kommen seltener vor und haben weniger Bedeutung. Es gibt auch einen Klan, der den Fluß als sein Totem betrachtet. Als Erklärung hierfür erzählen seine Anhänger folgende Sage. Ein schönes junges Mädchen sei vor langer Zeit vom Wasser ans Ufer gebracht worden. Einige Männer, die dies beobachteten, wollten es ins Dorf bringen; sobald sie es aber anzurühren versuchten, wurde das Mädchen flüssig wie Wasser und verschwand im Flusse; es nahm auch ein Kalb mit. Dieser Klan führt alljährlich, wenn die Regenzeit vorüber ist, eine Kuh mit ihrem Kalb und einen Ochsen zum Fluß, tötet den letzteren am Ufer und wirft ihn samt der lebenden Kuh und dem Kalb als Opfergabe in den Fluß.
Trotz der großen Ehrfurcht, die den Totemtieren von den Dinka erwiesen wird, kann man nicht behaupten, daß sie solche regelrecht anbeten. Es scheint, daß man die Totemtiere vielfach mit den Ahnengeistern, den Jok, zusammenwirft, deren Kultus besonders entwickelt ist. Daher mag es kommen, daß man den Totemtieren gelegentlich wohl auch Opfer darbringt. In einem Dorfe befindet sich ein Schrein, der aus dem Stamm eines kleinen Baumes angefertigt und in die Erde geschlagen ist; ein Stück Wirbelsäule und die Hörner einer Ziege hängen an seinen Ästestümpfen, desgleichen ein paar Enden Tau und mehrere kleine Kürbisse, während Knochenreste vom Nilpferd am Fuß des Stammes aufgestapelt liegen. Dieser Schrein ist nach Seligmann folgendermaßen entstanden. Als vor ungefähr vier Jahren die Kinder des Dorfoberhauptes erkrankten und nicht besser wurden, erschien nach einigen Monaten der Geist des Ahnen, der die Krankheit gesandt hatte, einem Manne im Traum und forderte eine Ziege. Dieser trug dem Vater auf, er solle einen Pfosten einschlagen und einen fetten Ziegenbock opfern. Der Stamm wurde hergerichtet und ein Loch gegraben, darauf die Ziege geschlachtet und das Blut wie auch der Inhalt des Darmes in das Loch geschüttet, darauf der Pfosten in dasselbe hineingestampft. Das Fleisch der Ziege aß man, ihre Knochen mit Ausnahme der Wirbelsäule und der Hörner, die man an dem Stamme aufhängte, zerbrach man und warf sie zusammen mit einem eisernen Armband in den Fluß, weil der Vater des Ahnen, der die betreffende Krankheit geschickt hatte, der Zwillingsbruder eines bestimmten Fisches war; damit sollte er beschwichtigt werden. Nachdem noch Fleischstücke in die vier Himmelsrichtungen geworfen worden waren, wurden solche auch auf die Erde vor den Baumstamm gelegt und folgendes Gebet gesprochen: „O mein Großvater, ich habe dir ein Opfer gebracht; laß meine Kinder nicht länger krank sein.“
Eine besondere Art von Götterschrein pflegt eine Dinkawitwe zu Ehren und zur Versöhnung ihres Gatten aufzustellen. In die Erde werden ein paar Ochsenhörner eingepflanzt und über der Stelle ein kleiner runder Erdhügel geformt, aus dem die Hörner hervorragen; für gewöhnlich steckt man noch einen Stock oder einen jungen Schößling in den Hügel, hängt an den Hörnern auch wohl einen Viehstrick auf. Die Ochsen dazu stellen die Söhne; wie sie auch den Schrein selbst für die Mutter herrichten.
Ein großer und mächtiger Ahnengeist ist Lerpiu; er soll bereits seit acht Menschenaltern in dem jedesmaligen Regenmacher sich verkörpert haben und augenblicklich von Biyordit, dem Regenmacher des Vorstammes, Besitz ergriffen haben. Man betet ihn in einer Hütte an, die seinen Heiligenschrein vorstellt (Abb. 102). In ihr bewahrt man einen besonders heiligen Speer auf, und draußen am Pfosten vor ihr hat man die Hörner vieler Ochsen, die dem Lerpiu geopfert wurden, aufgehängt; hinter der Hütte endlich steht noch ein geweihter Strauch, in dem die Jok während der großen Zeremonie des Regenmachens verweilen sollen. Diese Zeremonie, die im Frühjahr, ein paar Tage nach Neumond, abgehalten wird, besteht in einem Opfer an Lerpiu, damit dieser Dengdit bewege, Regen zu senden. Zwei Ochsen werden morgens zum Schrein geführt, worauf Biyordit sie an die Pfosten bindet und sämtliche Männer, Frauen, Knaben und Mädchen unter Trommelbegleitung um den Schrein herumtanzen. Nach einiger Zeit verlassen ihn alle mit Ausnahme der alten Leute. Biyordit spießt die Ochsen auf und schneidet ihnen die Kehle durch; während das Opfer zubereitet wird, singen die alten Leute: „Lerpiu, unser Vorfahr, wir haben dir ein Opfer gebracht; sei so gut und laß Regen fallen.“ Das Blut des einen Tieres wird in einem Kürbis aufgefangen, gekocht und von den angesehenen alten Männern des Klans genossen. Etwas von dem Fleisch, das mit sehr viel Fett gekocht wurde, bleibt ein paar Monate in der Nähe des heiligen Busches für die Jok übrig und wird schließlich von denjenigen aufgezehrt, die kein eigenes Vieh besitzen. Das Fleisch des anderen Ochsen wird sofort ganz verzehrt; seine Knochen werden fortgeworfen, die Hörner aber zu denen, die bereits den Pfosten zieren, hinzugefügt.
Bei den Schilluk erfreut sich großer Verehrung Nyakang, wie wir bereits hörten. Nyakang war ihr erster König, ein halbgöttliches Wesen, insofern er wohl Gestalt und sonstige Eigenschaften eines Menschen hatte, aber niemals starb, sondern verschwand und als Geist in seinen Nachkommen, den Königen, die ihm folgten, weiterlebt. Seit seinem Fortgang spielt er die Vermittlerrolle zwischen den Menschen und dem höchsten Gotte Jüok, der als gestaltlos und unsichtbar sich überall befindet, die Menschen erschaffen hat und für die Ordnung im ganzen Weltall sorgt. Dieser steht so hoch, daß er nur durch Nyakang, seinen Vertreter, mit Bitten angegangen werden kann. Dem Nyakang werden Opfer dargebracht, auf daß er den Gott Jüok bestimme, er möge den Menschen Regen und andere Wohltaten senden.
Die Schilluk scheinen auch zu glauben, daß die Geister der Abgeschiedenen überall gegenwärtig seien und manchmal ihren Hinterbliebenen im Traume erscheinen, um ihnen zu helfen und guten Rat zu erteilen. Jedoch darf man daraus nicht schließen, daß bei den Schilluk deswegen eine Totenverehrung bestehe. Ihre ganze Religion gipfelt eben nur in dem Kult des Nyakang, des halbgöttlichen Vorfahren der Könige. Diese Verehrung hat nun viele Schreine entstehen lassen (Abb. 101 u. 105). Nyakang besitzt deren nicht weniger als zehn, die alle Gräber heißen, obgleich man weiß, daß niemand darunter begraben liegt. Sie unterscheiden sich in ihrem Äußeren nicht von den Schreinen der anderen Schillukkönige, die wirkliche Grabstätten sind; an diesen, namentlich aber an den Schreinen des Nyakang werden Feierlichkeiten abgehalten.
Die Nuba (Abb. 104, 107 und 109) des nördlichen Kordofan haben bereits den Islam angenommen; die Hügelbewohner des südlichen Teiles dieser Provinz dagegen halten noch ziemlich an ihrer alten Religion fest. Trotzdem finden sich unter ihnen vielfach schon Gräber orthodoxer Scheiche oder heiliger Männer (Abb. 110). Es sind dies eirunde, mit Haferbrei bestrichene Steine, die man mit Opfergaben umgibt. Im übrigen haben die südlichen Nuba noch manche ihrer alten Gewohnheiten und abergläubischen Gebräuche bewahrt. So ruhen sich die Frauen auf ihrer Reise aus, indem sie sich an gewisse freiliegende Steinmassen anlehnen, die Soba genannt werden (Abb. 83), vielleicht nach der Königin Saba, die einst hier regiert haben soll, vielleicht auch in Erinnerung an Soba, die Hauptstadt des alten christlichen Königreichs Alloa, deren Überreste man noch an den Ufern des Blauen Nils, etwas südlich von Khartum, antrifft. Eine große Rolle im Leben dieser Nuba wie der Sudanneger überhaupt spielt der +Ringkampf+ (Abb. 111, 112, 113). Männer und Weiber liegen ihm ob, die ersteren etwa so lange, bis sie mehrere Kinder haben, die letzteren bis zu ihrer Verheiratung. Zu seiner Ausübung ist große Geschicklichkeit und Kraft erforderlich; die stärksten und besten Kämpfer erfreuen sich daher auch der Bewunderung des anderen Geschlechts. Die männlichen Wettkämpfer gehen nackt bis auf einen Gürtel, der mit Federbüscheln und Schafschwänzen behangen ist. Der Geschlagene muß einmal mit beiden Füßen zugleich in die Luft springen, der Sieger wird, von seinen Freunden umgeben, mit Holzasche besprengt und mit biegsamen Stöcken leicht geschlagen, angeblich um ihn dadurch zu kräftigen und Krankheit zu verhüten. Den Wettkämpfen der jungen Mädchen zuzusehen, ist den Jünglingen nicht gestattet; jedoch kommt es öfters vor, daß sie dies von einem Felsen oder einem Baume aus in einiger Entfernung tun. Die Siegerinnen finden natürlich die meiste Gunst in ihren Augen. Vor Beginn des Ringkampfes knien die Mädchen, nur mit einem Blättergürtel bekleidet, in zwei Reihen, das Gesicht einander zugekehrt, nieder. Eine alte Frau eröffnet den Kampf, indem sie aus jeder Reihe ein junges Mädchen vorführt, die nun regelrecht miteinander ringen. Jede von beiden schlingt die Hände um den Rücken der Gegnerin, verschränkt die Finger ineinander und versucht unter heftiger Anstrengung die andere zu Fall zu bringen. Die Niedergeworfene steht ohne ein Wort zu sagen auf und tritt in ihre Reihe zurück, die Siegerin dagegen wird von ihrer Partei mit lautem Geschrei begrüßt und mit Gesang und Tanz gefeiert. Tänze und Spiele sind überhaupt bei den Niloten sehr beliebt.
Über besondere Gewohnheiten der Nilotenfrauen (Abbild. 114 und 115) aus Anlaß von +Schwangerschaft+, +Niederkunft+ und +Wochenbett+ wissen wir so gut wie nichts. Die Nubaweiber in den südlichen Bergen Kordofans tragen auf dem Kopfe einen Stein (Abb. 106), um in andere Umstände zu kommen.