Die Schwestern Hellwege

Part 10

Chapter 103,815 wordsPublic domain

XXIII

Liebe Julie!

Ich wollte Dir schon lange schreiben, seit drei Wochen nehme ich es mir jeden Morgen vor, aber ich bin nie dazu gekommen. Ich bin in der letzten Zeit zu manchem nicht gekommen. Es gibt so viele alte Dinge nachzusehen. Und dann ist der Garten ...! Es dauert so lange, bis man alle Wege gegangen ist. Alle diese Blumen, diese vielen Blumen, die es jetzt gibt. Auf dem Rasenplatz hinten haben wir das eine Beet verändert. Die Rosen wollten nicht mehr weiterkommen. Nun stehen da Begonien. Sehr rote, die den Rasen eigentlich blaß machen. Der große alte Birnbaum, links vom Hause, hat so viele Birnen gehabt wie noch niemals; wir haben ihn stützen müssen. Das sah dann abends so aus, als stünde da jemand. Sehr unheimlich! Ich mußte oft nachts drei- oder viermal wieder aufstehen, um nachzusehen, ob da wirklich niemand war. Schlafen tue ich überhaupt nicht sehr gut. Diese Birnen also: da ist nun niemand, der sie aufißt. Soll ich Dir vielleicht welche schicken? Die jungen Mädchen essen sie vielleicht gern. Abends rumort es jetzt immer furchtbar auf dem Boden. Die Marder haben Junge gekriegt, und das schreit wie kleine Kinder. Die Nächte sind lauter als die Tage.

Auf Mamas Grab bin ich auch viel. Die Blumen wachsen nicht ordentlich. Einmal standen da Heliotropen, die wurden dürr; dann setzte ich Verbenen ein; auch die standen nur einen Tag; denn mir fiel ein, daß Mama sie nie hat leiden mögen. Nun habe ich Geranien gepflanzt; das sieht lustig aus, beinahe komisch für einen Kirchhof. Ich gehe alle Tage hinüber und begieße die Blumen. Es scheint ein sehr trockener Herbst zu werden. Wenn nur nicht so viele Menschen da wären. Gesche kocht den ganzen Tag Saft; das tut sie nun schon seit dem Juni, von der Erdbeerenzeit an. Die Katze hat sehr gealtert. Sie liegt den ganzen Tag in der Sonne und surrt. Das sehe ich mir gern an. Evelyn schickte vorgestern eine große Kiste mit Weintrauben. Das sind doch andere Trauben als hier bei uns; sie schmeckten so schön. Es geht ihr sehr gut, und sie bekommt viel zu sehen. Sie lernt auch Menschen kennen.

Marianne wird Weihnachten ein kleines Kind bekommen. Ich gehe manchmal zur Nortorf; sie macht so hübsche winzige Sachen für das Kind. Zwischen unsern alten Kindersachen hab’ ich auch gekramt. Da lag noch meine große Wachspuppe. Großmamas Korbsammlung hatte ich auch ganz vergessen. Wie viele Stücke das sind! Diese feingeflochtenen italienischen, und die mit dem seidenen Futter! Ich ordne sie alle nach der Größe.

Gestern kam ein Brief von Onkel Wilhelm; er hat viel Interesse für Euch! Er beunruhigt sich etwas über den jungen Mann, mit dem Du in das Museum gehst. Aber ich denke, wenn Du ihn bei Stockmanns kennengelernt hast ...!

Kommst Du zu Weihnachten nach Hause? Zum Herbstreinemachen haben wir auch Dein Zimmer wieder in Ordnung gebracht. Wie viele tote Fliegen da waren, auf den Fensterbänken und auf der Diele; es waren mindestens zwei Hände voll. In den Strümpfen, die Du mir schicktest, waren viele Löcher. Das Seidenzeug habe ich gefunden. Es ist schön weich und glänzend. Aber lasse es ja auf Futter arbeiten; es ist sonst ein so unheimlich kaltes Gefühl auf der Haut.

Oben lag auch Mutters Brautschleier; er riecht nach Orangenblüten und Spinnen. Ich habe ihn zwischen meine Wäsche gelegt. Übrigens hat es diesen Sommer mehr Spinnen gegeben als jemals. Warum magst Du sie eigentlich nicht leiden?

Früher schrieb ich Briefe schneller. Jetzt habe ich beinahe den ganzen Abend dazu gebraucht.

Erst hat Teetje mich am Fenster erschreckt. Und dann kam die Sonne noch einmal durch, obgleich es schon längst über ihre Zeit war.

Jetzt regnet es. Vor lauter Rauschen kann man nichts hören. Wenn sich irgendwo jemand versteckt hat, hinter dem Wandschirm, hinter der Gardine, unter dem Sofa, draußen vor der Tür, überall kann ja jemand sein! aber man hört nichts vor Rauschen ...

Deine getreue Schwester

Agnes Elisabeth.

XXIV

Die neue Sittlichkeit der Ehe, die sich schon zuzeiten träumerisch geregt hat und nun vielleicht beginnt, zum Bewußtsein zu erwachen, braucht Menschen, die sich darauf verstehen, die Seele zu suchen.

Natürlich muß man einmal damit aufhören, von den Freuden des Junggesellenlebens und den Pflichten der Ehe in einem Atemzuge zu sprechen. Man muß zu der Einsicht kommen, daß eine Ehe, die nicht mehr bedeutet als den Abschluß toller Jugendstreiche und das Hineintappen in die Behäbigkeit des eigenen Heims, von vornherein mit einer Lüge anfängt.

Natürlich muß man sich darüber klar werden, daß die Frau kein Haustier ist und auch kein Spielzeug.

Man wird guttun, auch auf den Stolz zu verzichten, mit dem manche sich einer treuen, ein wenig zärtlichen Kameradschaft rühmen. Diese ist nur ein Übergang.

Mann und Frau sollen endlich einmal Ehrfurcht voreinander fühlen, ein scheues und doch inniges Verlangen nach des anderen Seele.

Dazu ist freilich nötig, daß ein jedes erst die eigene Seele findet.

Man findet sie nicht, wo heute Menschen ihr Innerstes zu finden glauben.

In die Tiefe muß man hinabsteigen, muß lauschen, ob aus den Abgründen die Stimme der Seele ruft. Wir müssen auf Entdeckung ausgehen und dürfen keine Mühe scheuen.

Ein wenig Mut ist vonnöten, und die Bürde der Begriffe wird man lieber oben lassen.

Nur wer sich selbst gefunden hat, darf hoffen, auch des anderen Seele zu finden. Denn nur dann versteht sich einer auf das Suchen.

Eines solchen Mannes Sehnsucht wird sein, der Geliebten immer nur das Beste seines Wesens zu geben.

Eine solche Frau wird dem Geliebten nicht nur die Mutter seines Kindes, sondern die Ergänzung seines Wesens sein, die seine Kraft zum Leben bringt.

Solche tiefe, im letzten nur geahnte Verbindung zweier Wesen ist die Wurzel der neuen Sittlichkeit. Sie verachtet die Gedankenlosigkeit, mit der heute Menschenseelen in Ehen zertreten werden, sie lehrt eine Nächstenliebe, die Ehrfurcht heißt.

Sie hält die Seele des Menschen für wertvoller als Geist oder Körper, sie wendet sich gegen jede Vergewaltigung, die man heute noch gute Sitte zu nennen wagt.

Sie gibt keine Zwangsgesetze: mögen die einen in einer Ehe leben, die sich äußerlich von der heutigen nicht unterscheidet; mögen die anderen, die um die zarte Blume ihrer Liebe Sorge tragen und den Frost des Alltags fürchten, wieder auseinandergehen.

Sie kennt nur ein Gesetz: sich selbst und seine Liebe heilighalten.

* * * * *

So waren Peter Owens Anschauungen über die Ehe, und so war seine Liebe zu Julie.

Er war von Beruf Maler und traf Julie im Hause des Professors Stockmann, bei dem er auf Grund einer Familienempfehlung -- seine Tante hatte den Generalsuperintendenten gekannt -- verkehrte. In der abgestandenen Atmosphäre des Stockmannschen Hauses hatte es nur weniger Worte bedurft, um beide fühlen zu lassen, daß etwas Gemeinsames sie verband. Bei einem Gespräche, in dem der Professor erklärt hatte, die moderne Kunst liege im argen, und Julie sich vergeblich mühte, die Kunst gegen den Angriff des Doktors Johannes zu verteidigen, hatte Peter Owen schweigend in seiner Ecke gesessen, und erst als der Professor dem Streite mit geringschätziger Milde ein Ende machte, hatte er gesagt:

»Wir werden trotzdem weitermalen!«

Diese Worte waren soviel wie ein Handschlag, und Julie war ihm dankbar, daß er nicht Partei ergriffen hatte.

Nach einiger Zeit hatten sie sich in einer Kunstausstellung wiedergesehen. Natürlich hatten sie von Heide und Moor gesprochen. Und dann waren sie auf ihre Heimat gekommen. Da hatte sie von dem Sonnenschimmer ihres Hauses erzählt und er von der ernsten Herbheit Jütlands. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit war bewußter geworden. Als sie sich trennten, hatte er versprochen, ihr Bücher zu schicken, und die waren am nächsten Tage bei ihr abgegeben worden. Als Julie sie sah, hatte sie die Empfindung seines Blicks, seiner kühlen graublauen Augen.

Peter Owen war an demselben Tage abgereist. -- Er erfuhr während der nächsten Wochen, daß er Julie liebte, und als er Anfang Dezember zurückkehrte, geschah es, weil er nicht anders konnte. Julie hatte seine Bücher gelesen und hatte auf ihn gewartet, mit einer festlichen Freude. Doch als sie wochenlang nichts von ihm hörte, wurde sie traurig, und eines Tages dachte sie über den Grund dieser Traurigkeit nach.

Es schien ihr plötzlich ein weites Stück Wegs, bis sie mit ihrem ganzen Empfinden in diese Traurigkeit hineinkam. Wie hatte sie nur so lange nicht nachsehen können! Das war ihr fremd an ihr selbst.

Aber diese Traurigkeit war so weich, die Farben waren dunkel und seidentief, mit einem Unterton von Gold; man konnte sich hinlegen und weinen und weinen. Aber schien sich da nicht doch ein Lachen zu verstecken, ein sonnenstrahlendes Lachen? Sie probierte dieses Lachen, und sie lachte in der seidentiefen Farbe ihrer Traurigkeit. Da freilich schwindelte ihr; es begann ein Zittern, dann kam ein Drehen und Wirbeln, -- es tollte vor ihren Augen, bis sie nicht mehr wußte, wo sie war, und mit den Händen in die Luft griff, sich festzuhalten. Als sie die Augen wieder aufschlug, fand sie sich hoch oben in kühler Luft und fühlte nichts anderes als diese Luft zwischen den Lippen, und daß ihre Hand etwas umspannte. Es war nur eins von seinen Büchern, woran sie sich klammerte, aber da wußte sie, daß sie Peter Owen liebte.

Nach einigen Tagen traf sie ihn, nachmittags, als schon Dämmerung in den Straßen lag. Er ging auf der anderen Seite und wurde ihrer nicht gewahr.

Julie zögerte keinen Augenblick, sie ging hinüber und begrüßte ihn.

»Wie gut, daß Sie endlich da sind!«

Er sah sie einen Augenblick fest an.

»Ja, ich glaube auch; es ist gut!«

Und dann gingen sie schweigend. Die Menschen strichen an ihnen vorüber wie Schatten, der Lärm quoll aus den Straßen wie aus Fernen, die ihr Schweigen nur tieften. Ganz sicher gingen sie, als wäre es nie anders gewesen. Aber sie sprachen kein Wort. Nur Julie lachte. Sie mußte lachen. Und Peter Owen sah sie an und verstand sie.

Bis sie oben an seinem Atelier waren.

Vor einem Bilde stand sie. Die letzten Lichter des Abends griffen nach ihr, und sie hielt stille. Eine gespannte Klarheit war in ihrem Empfinden. Sie fühlte alles, was um sie herum in halber Dunkelheit träumte: die Bronze drüben in der Ecke, die Staffelei, den niedrigen Tisch; sie fühlte, daß Peter Owen am Fenster stand, und daß viele Schritte zwischen ihnen lagen. Aber noch etwas anderes war in ihr, etwas Sicheres, etwas, von dem sie, ohne zu fragen, wußte, daß es kommen mußte, so gewiß, als hätte sie darum gearbeitet, und dieses sei nun das Ziel. Und dann kam sie sich auch so zu Hause vor.

Peter Owen wartete.

Er lehnte am Fenster und sah zu ihr hinüber. Gedanken kamen und gingen. Dann blieb nur der eine, daß sie da war.

Eine Erinnerung an seine Mutter streifte ihn. Dann war plötzlich eine Kindersehnsucht da: wenn der Mantel der Dämmerung über die Felder schleppte, wenn sachte die Sterne kamen, dann hatte er seine Hände oft voll Sehnsucht ausgestreckt ...

Er trat leise zu ihr und küßte sie.

XXV

Sie waren täglich beisammen. Sie nahmen die Tage mit Lächeln und gaben einander, soviel sie nur geben konnten.

Zuerst war es seine Kunst, die sie mit leisem Finger berührte. Und Farben kamen, die er noch nicht gekannt hatte. Man machte seinen Bildern den Vorwurf, sie seien zu blaß. Diese Blässe war auch vorhanden, als der Ausdruck eines allzu feinen Farbenempfindens. Es wurde anders. Julie hatte gewiß die Augen für seine Töne, aber sie brachte ihn dahin, die brausende Musik satter Farben zu lieben.

Erfuhren sie hierbei, wie ihrer beider Empfinden sich ergänzte, so bemerkten sie an Büchern, über die sie sprachen, an Erlebnissen und Gedanken, die sie einander erzählten, manche Ähnlichkeit ihrer Anschauungen. Bei ihm waren sie fest, kühl leuchtend, bei ihr alles ein wenig weicher. So schritten sie durch neues Land und fanden Schönheiten.

Sie waren im Irrtum, wenn sie glaubten, daß sie sich ihren Weg selbständig suchten. Ihre Liebe ging ihnen voraus, sie folgten nur, träumend, ohne die Augen aufzuschlagen. -- Manchmal glaubten sie zu wissen, daß es ein Ziel gab; aber wenn sie daran dachten, waren sie froh, in einer Wirklichkeit zu sein, die noch weit davon entfernt war. Sie kam nicht jeden Tag zu ihm; aber wenn sie kam, war es meist am dämmernden Nachmittag. Sie liebte es, an seinem geräumigen Backsteinkamin zu sitzen und zuzusehen, wie er den Tee machte.

Es hatte ihn belustigt, daß sie niemals auf den Gedanken gekommen war, es ihm abzunehmen. Es gab viele Dinge an ihr, über die er sich wunderte.

Man wußte niemals, was sie tun oder sagen würde. So konnte sie ungeniert sein, daß er sich oft wunderte. War ihr eine Haarnadel in den Halsausschnitt des Kleides gefallen, so konnte sie ruhig lächelnd hinunterfassen, um sie wieder heraufzuholen.

Sie sprach mit ihm über alles, über Dinge, die sie vielleicht nackt vor ihm auszogen. Er meinte, ihre Haut berühren zu können. Aber die Art, ~wie~ sie sprach, ließ ihn dann nur etwas Kühles an seinen Händen fühlen; nie, daß eine zitternde Schwüle über ihn gekommen wäre.

Dabei war sie weiblich, oft sogar frauenhaft. Und immer war sie neu, immer eine andere.

Nun war auch ~er~ gezwungen, sich zu geben, wie er war.

»Sag’ mir, Julie,« fragte er sie einmal, »warum machst du ein so seltsames Gesicht, wenn ich dich küsse? -- Ich tue es doch, weil ich dich liebhabe!«

»Glaubst du, ich hätte dich nicht lieb? -- Ich habe dich lieb, mit aller Hoffnung, mit allem! Aber siehst du, da ist etwas zwischen dir und mir, etwas Feines, Gläsernes, das mich ganz von dir trennt, wodurch ich dich aber so gut sehen kann, alles an dir sehen kann, jede Linie. Das gehört zu mir! So etwas war immer bei mir. Aber sieh, wenn ich dich küsse, muß ich ohne dies kommen. Und dann bin ich nicht mehr ich selbst! Ich bin jetzt so glücklich. -- Ich will jetzt nichts anderes!«

»Wenn du einmal etwas anderes willst, Julie, wirst du es mir dann sagen?«

»Oh, das wirst du schon merken!« -- Sie lachte.

»Und wenn ich einmal mehr will, als ich jetzt habe ...«

Diese Dinge waren es, vor denen Peter Owen haltmachte. So sehr er sich anstrengte, konnte er sich doch nicht darüber klar werden, ob sie die Gedanken, von denen zu sprechen sie nie müde wurde, auch in die Wirklichkeit ihres Lebens hineintragen würde.

»Du mußt Kinder furchtbar gern haben!« sagte sie einmal. »Diese Jungens!« Sie hielt eine Lithographie an ihre kurzsichtigen Augen. »Wie wundervoll muß es sein, Kinder zu haben!«

»Meinst du?« -- Er wußte in diesem Augenblick nicht, was für ein Gesicht er machte.

Sie sah ihn ruhig an und entwickelte ihm ganz genau, wie sie ihre Kinder erziehen würde.

Er liebte es übrigens, daß sie kurzsichtig war. Wenn sie zusammen spazierengingen, stützte er sie bei jedem Straßenübergang. Dann war sie von ihm abhängig. Dieses Gefühl hatte er selten bei ihr. Er liebte es, wenn ihre Hände auf dem Tisch herumtasteten und nach einem Gegenstande suchten. Dann war sie ganz hilflos, so daß er die Empfindung hatte, sie würde ihn nie verlassen können.

»Ich habe noch nie dein Schlafzimmer gesehen,« sagte Julie eines Tages. »Komm, ich will es gern sehen!«

Er schlug den Vorhang zurück und ließ sie eintreten.

»Das ist hübsch!« sagte sie und atmete erleichtert auf.

Er sah von der Tür aus, wie kindlich ihre Linien sich auf dem blassen Winterhimmel zeichneten.

»Weißt du eigentlich, wie hübsch du bist, Julie?«

»So genau, wie du es von dir weißt!«

Sie drehte sich um, und zwischen ihren Lippen kam ein ganz klein wenig eine unartige Kinderzunge heraus.

»Peter ...!«

»Und dieses ist dein Bett!?« Sie schlug die Decke ein bißchen zurück und legte ihren Kopf leise auf sein Kissen.

Er stand in der Tür und rührte sich nicht.

»Komm, Peter! Lege einmal deinen Kopf hier neben mich!«

Er kam. Als sein Kopf neben dem ihren lag, war es ganz still in ihm.

Sie wußten nicht, wie lange sie so gelegen hatten. Da kam Julie mit einem weichen kleinen Lachen in die Höhe.

»Siehst du, wenn du heute nacht hier liegst, wirst du denken, daß ich ebenso wie jetzt bei dir bin. Dann mußt du sogar deine Arme ganz fest um mich legen!«

Sie strich noch einmal mit der Hand über das Kissen; dann gingen sie hinüber.

* * * * *

Es war Schnee gefallen, und Julie ging mit Peter Owen durch den Tiergarten. Er erzählte ihr vom Winter zu Hause, von seiner Mutter, von seinen alten Träumen. Aber Julie war heute Freude, nur Freude. Sie freute sich, daß der Schnee unter ihren Füßen knirschte, daß Peter neben ihr ging, daß sie jung war, und daß es Entsetzen geben würde, wenn Stockmanns sie mit ihm zusammen sähen.

Sie war ganz Freude; der Sinn seiner Worte glitt an ihr vorüber, aber der stille Klang kam zu ihr hinein, zu allem Jubelnden, das in ihr war, und schuf einen Unterton von Wehmut, der Glück nur um so inniger macht. Alles, was an Empfindung in ihr war, streckte sich aus, alle Sehnsucht kam, nach Schönheiten zu suchen, sie war mitten im Leben und ~wollte~ leben!

Dann waren sie oben bei ihm.

»O Peter, wie glücklich ich bin!« sagte sie. »Du machst mich so glücklich!«

»Julie ...!« War es so weit, daß er fragen konnte?

Sie besann sich eine Weile. Dann ging sie zu ihm. Es war nur von einer Ecke des Zimmers bis zur anderen, und das Zimmer war nicht groß. Aber es war ihr, als ginge sie einen langen Weg, als ginge sie durch Säle, schimmernde Säle, die sie nicht kannte, und die doch immer da gewesen sein mußten und nur auf sie gewartet hatten.

Als sie endlich bei ihm war, tat sie die Hände auf seiner Brust zusammen und gab sich ganz in seine Arme.

Nun war das andere da. Und es brachte schon einen Schimmer von dem Lichte jener Stunde, in der sie ihm ganz gehören würde.

XXVI

Kurz vor Weihnachten erhielt Julie einen Brief von Professor Stockmann. Darin stand, er wolle sie gern in einer wichtigen Angelegenheit sprechen, ob sie noch vor dem Fest zu ihm kommen könne. Dann folgten noch ein paar geheimnisvolle Andeutungen, von der rechten Weihnachtsfreude, die auch in ihr Herz Einzug halten möge, daß wir in dieser begnadeten Zeit recht daran denken sollten, unseren Mitmenschen Liebe zu erweisen und deren Liebe in der rechten Demut hinzunehmen ...

Es war der 23. Dezember, ein kalter Tag mit klarer, starrer Luft, und Julie ging nun zu ihm. Gemächlich schritt sie zwischen den Tannenbäumen hindurch, die überall auf der breiten Straße standen.

Sie dachte nicht darüber nach, was der Professor von ihr wolle, ihre Gedanken waren bei Agnes Elisabeth. Es tat ihr mit einem Male leid, daß Agnes Elisabeth Weihnachten ganz allein sein würde. Wie gut, daß sie wenigstens Zeit zu einem langen Brief gefunden und ihr das Bild und die Bücher geschickt hatte. Einen Augenblick stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie nicht doch nach Hause fahren oder ihr wenigstens offen den Grund ihres Hierbleibens hätte sagen sollen. Aber ... Plötzlich hörte sie ihren Namen nennen. Sie blickte auf.

Heinrich Craner stand vor ihr, neben sich eine elegante junge Dame. Schade, daß die Farbe des Kostüms nicht zu dem Blau des Hutes paßte, stellte Julie fest.

»Ah, so fleißig, daß Sie selbst Weihnachten nicht nach Hause fahren? Darf ich Ihnen meine Braut vorstellen?«

Fräulein Grünhagen reichte Julie liebenswürdig die Hand.

Julie redete frisch mit den beiden. Es interessierte sie, einmal einem dieser Wesen gegenüberzustehen, die es fertigbringen, sich mit Spitzen, Chiffongewuschel, goldenen Täschchen und sonstigem Gebaumel zu behängen.

Ob er nun wieder nach Südafrika gehe?

Er wüßte es noch nicht. Jedenfalls solle im Mai die Hochzeit sein. Danach wollten sie nach Norwegen reisen. Um diese Zeit könne man anderswohin ja nicht gehen. Vielleicht bliebe er dann auch hier; man hätte ihm eine Stellung angeboten. Freilich die Unabhängigkeit dort unten ...!

Julie lächelte.

Fräulein Grünhagen schien für Afrika keine Neigung zu haben.

»Ich weiß nicht, ob meine Gesundheit das Klima verträgt; Professor Stengel meint ... Und dann: ohne jede Anregung, ohne Theater, Konzerte ...«

Julie dachte, wie oft Heinrich Craner wohl darüber geklagt haben mochte.

Bei der Gedächtniskirche trennten sie sich.

»Ich würde mich freuen, Sie einmal bei meinen Eltern zu sehen!« Fräulein Grünhagen hob ihr Kleid auf und nickte Julie freundlich zu.

Julie bog in die Rankestraße ein. Ob Agnes Elisabeth ihn wirklich einmal liebgehabt hat? dachte sie.

Nun kam sie zu Stockmanns. Martha begrüßte sie im Korridor.

»Wie lange waren Sie nicht bei uns, Julie!« sagte sie mit einem ängstlichen Blick. »Vater ist in seinem Studierzimmer. Er wartet schon den ganzen Tag auf Sie! Hoffentlich kam Ihnen sein Brief nicht ungelegen!«

Julie war überrascht. Hatte Martha sich vielleicht verlobt? Sie war so weich, nahm ihr Hut und Jacke so zärtlich ab, sah sie ein paarmal verstohlen an ...

Martha öffnete ihr die Tür zu des Professors Zimmer und ließ sie allein eintreten. Hier war eine trockene Luft, die nach Plüsch und kalter Zigarrenasche roch.

Der Professor saß am Schreibtisch. Eigentlich ist sein Kopf beinahe schön, dachte Julie und freute sich der scharfen Profillinie, die im Fensterrahmen stand. Sie nahm sich vor, sehr freundlich zu ihm zu sein.

Er stand auf und drückte ihr die Hand.

»Wie schön, daß Sie doch noch kommen! Machen Sie sich’s gemütlich!« Er schob ihr einen Sessel zu.

Julie setzte sich. Sie hatte eine peinliche Erinnerung an ihren Konfirmationstag; ob diese aus der feierlichen Erwartung kam oder von dem Rosa der Alpenveilchen hinter den gelblichen Stores, wußte sie nicht.

Der Professor räusperte sich.

»Mein liebes Fräulein Julie!« begann er. »Ich habe es mir reiflich überlegt, ehe ich Sie bat, zu mir zu kommen. Ich weiß, daß in einem Falle, wie dem vorliegenden, am besten Frau zu Frau redet. Die meine ist ja nun leider schon seit vielen Jahren heimgegangen, und Ihre liebe Tante ...«

Julie durchfuhren mit einem Male allerhand wirre Gedanken: Marianne, die ihr Kind erwartete, Agnes Elisabeth, die so seltsam geschrieben hatte ... Oder sollte man von Peter Owen und ihr wissen?

»Ihre liebe Tante, die ihrer angegriffenen Gesundheit wegen im Süden weilt, wollte ich durch einen langen Brief nicht aufregen. Als Freund Ihres seligen Vaters und auch als Ihr väterlicher Freund glaube ich eine gewisse Berechtigung zu haben ...«

»Aber, Herr Professor, was ist denn geschehen?« fragte sie ungeduldig.

»Ich will mich kurz fassen.« Er räusperte sich von neuem. »Mein Sohn kam vor einigen Tagen zu mir, um mir ein Geständnis zu machen.« Er stockte einen Augenblick und hätte sich gern an Julies Erstaunen geweidet. »Das Geständnis seiner Liebe zu Ihnen, meine liebe Julie!« fuhr er bedeutungsvoll fort. Sie hielt die Augen gesenkt. »Es hat mich innig gefreut, daß nun auch mein Sohn, der so still und treu nur seiner Arbeit gelebt hat, die Liebe kennenlernt. Gerade zu dieser heiligen Advents- und Weihnachtszeit. Diese Liebe, die erst durch das Christentum in die Welt gekommen ist, die durch die christliche Ehe zu einer veredelnden Gemeinschaft wird. Nun hat der Herr sie Ihnen beiden zum Christgeschenk machen wollen!«

»Uns ...?«

»J--ja, -- ja, -- ja! Zum lieben Weihnachtsfest ist es ja besonders die Aufgabe der Frau, zu beglücken und Liebe zu spenden. Diesmal hat der Herr gerade Ihnen die Freude machen wollen, daß Sie einem Menschen Ihre ganze Liebe geben dürfen!«

»Aber, Herr Professor ...«