Die Schwestern Hellwege

Part 9

Chapter 93,779 wordsPublic domain

»Sehen Sie, liebes Kind, neulich hatte ich einen Brief von Ihrem Vormund. Er schrieb, Sie seien nun hier, und ich möchte mich in Erinnerung an Ihren seligen Vater Ihrer ein wenig annehmen, nun, Sie wissen ja, daß Sie bei uns wie zu Hause sein sollen, ja, und da schrieb er auch von Ihrer Schwester Marianne. Die ganze Familie war mit dieser Verlobung erst nicht einverstanden, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob es nur Demut und Selbstverleugnung war, was Ihre Schwester bewogen hat, den Antrag dieses einfachen Mannes anzunehmen; aber ich möchte glauben, daß beides in ihr mitgesprochen hat, als sie den Entschluß faßte, ihm fürs Leben zu folgen. Nun sind die beiden so glücklich geworden. Muß man da nicht von Gottes Fügung sprechen, die alles besser gemacht hat, als die Familie es je für möglich gehalten hätte, die schon jetzt für die demütige Ergebung in seinen Willen reichen Lohn schenkt?« Julie wurde rot und dachte an die Tage, die jener Verlobung vorausgegangen waren; sie fühlte sich plötzlich verantwortlich für Marianne, nicht gerade, weil sie ihre Schwester war, sondern aus jenem Solidaritätsempfinden heraus, das das ganze Geschlecht verbindet. Eine Art von Scham erwachte in ihr, daß hier ein Mann daranging, etwas aufzudecken, was für die Frau immer keusch und unberührt bleiben sollte; und dann fühlte sie eine ärgerliche Gereiztheit, wie täppisch doch diese Hände wären, wie pfiffig und plump der Versuch, an dieser simplen Verlobungsgeschichte beweisen zu wollen, wie Gottes Gerechtigkeit die Entsagung belohne.

»Meine Schwester hatte ihn einfach lieb!« sagte sie schroff.

»Ist die eheliche Liebe kein Geschenk Gottes?«

»Und weil sie ihn lieb hat, kann von Entsagung nicht die Rede sein!«

»Nun, -- die Verhältnisse, in die sie gekommen ist, sind doch wohl recht einfach,« meinte der Professor behaglich. »Es wird manche Träne gekostet haben, sich dahinein zu gewöhnen, fürliebzunehmen mit einem niedrigen Hause, mit der Einsamkeit des Landlebens, den bescheidenen Freuden eines Dorfschullehrers ...«

»Sie hätte es doch anders haben können!« meinte der Doktor, »und darum erscheint es mir als ein Zeichen von Demut, daß sie ...«

»Wenn man jemand lieb hat, muß man alles für ihn tun können, nicht aus Demut, nicht aus Entsagung, sondern aus Liebe. Das ist nicht weiter gut oder groß, sondern natürlich und selbstverständlich!«

»Nun ja, gewiß,« stimmte der Doktor bei.

Julie war verstimmt. Das Gespräch erschien ihr plötzlich unnötig. Sie war mit der Absicht hergekommen, von diesen Menschen etwas zu lernen, und fand sich enttäuscht. Sie hatte sich selbst aus dem Spiele lassen, nur Neues aufnehmen, irgendeine Feinheit verstehen, eine scharfgezeichnete Linie sehen, andersgeartete Anschauungen hören wollen. Davon war hier nichts zu finden. Dies war weder friedlicher Meinungsaustausch noch ehrlicher Kampf. Vielmehr nichts anderes, als rechthaberisches Gezänk, wie etwa Kinder sich um ihre Spielsachen streiten. Da wurden Worte falsch gedeutet, Begriffe verschoben, jeder saß trotzig ernst auf seinem Stuhl und dachte nicht daran, dem andern entgegenzukommen, und dazu diese ölige, versalzene Milde, wie eine schlecht zubereitete Mayonnaisensauce! Und was das schlimmste war: sie selbst wurde von diesem Ton angesteckt, sie blieb nicht bei der Sache, suchte nach spitzen Entgegnungen und fühlte sich klein und häßlich.

Der Doktor wollte einlenken.

»Alles, was aus Liebe geschieht, steht jenseits von Gut und Böse.«

Da lachte Julie. Und mit diesem Lachen hatte sie ihre gute Laune wiedergefunden.

Martha hatte während der Unterhaltung schweigsam in einer Ecke gesessen. Wovon Julie sprach, das hatte sie wohl schon manchmal gelesen, aber noch niemals aussprechen hören. Sie hatte Ähnliches auch schon gedacht, aber noch nicht den Mut gehabt, davon zu reden. So lauschte sie ängstlich und begeistert auf Julies Stimme, mit der leidenschaftlichen Erregung der schwachen Seele, die nur in ihrer Phantasie den Kampf wagt und Triumphe feiert.

Julie verstand sich nicht auf solche Wesen; sonst hätte sie eine dankbare Wärme und den fast flehenden Ausdruck einer Bitte empfunden, als Martha ihr beim Weggehen sagte:

»Kommen Sie recht, recht bald wieder!«

Doktor Johannes begleitete Julie nach Hause. Das ließ er sich nicht nehmen, den ganzen Abend hatte er sich darauf gefreut. Nicht eigentlich gefreut, aber er hatte darauf gewartet, als müsse er sich verteidigen oder sie wenigstens über sich aufklären, als dürfe er es unter keinen Umständen zulassen, daß sie mit diesem, wie er meinte, unfertigen Eindruck Von ihm wegginge. Oh, es wäre im Grunde natürlich ganz gleichgültig, was andere Menschen über ihn dächten; man mochte ihn getrost verurteilen. Johannes liebte es, sich ein wenig als Märtyrer zu fühlen. Er wußte ja genau, daß er richtig handelte, wenn er mit kindlicher Ehrfurcht seine Anschauungen vor dem Vater verbarg. Aber, nun ja, er hätte doch gern mit Julie darüber gesprochen. Er redete sich vor, sie würde ihn verstehen, vielleicht bemitleiden oder gar bewundern.

Als sie um die Straßenecke bogen, fing er an: »Sie waren vielleicht erstaunt, daß ich meinem Vater gegenüber mit meiner Meinung etwas zurückgehalten habe. Meine Situation zu Hause ist nicht ganz einfach. Meines Vaters Anschauungen sind streng orthodox. Für ihn als Professor der Dogmatik besteht ja auch geradezu die Notwendigkeit, seine Stellung zu religiösen und ethischen Fragen genau zu präzisieren.«

Es freute ihn, wie klar er sich ausdrückte. Die Worte klangen rund von den Häuserwänden zurück. Seine Schritte waren fest und bewußt. Es schien, als wolle die Stille der Straße seiner Energie noch besonderen Nachdruck verleihen.

Julie betrachtete ihn. Aber ehe er fortfahren konnte, sagte sie etwas, wovon ihr erst in diesem Augenblick einfiel, daß sie während des ganzen Abends den Wunsch gehabt hatte, es auszusprechen. »Ich finde, Sie haben keinen Mut!«

Das hatte der Doktor freilich nicht erwartet. Aber gleichzeitig empfand er merkwürdigerweise ganz deutlich, daß nur dieses über sein Verhalten gesagt werden konnte. Er suchte nach einer Entgegnung: Kindesliebe, väterliche Autorität ...! Doch plötzlich hatte er den Wunsch, sie möchte weiterreden. Er fühlte eine ferne Möglichkeit von Freiheit.

»Sie haben doch das Recht, Ihre Meinung zu vertreten. Wollen Sie Ihren Vater täuschen? Das glaube ich nicht. Oder wollen Sie aus Ehrfurcht vor ihm schweigen? Ich wäre traurig, wenn mein Kind nicht mehr von mir gelernt hätte, als zu schweigen oder Beifall zu klatschen, wenn ich rede. Und ich denke es mir den glücklichsten Augenblick, wenn mein Kind mir zum ersten Male aus Überlegung widerspräche.«

Johannes hatte eine peinliche Empfindung. Daß sie von ihren Kindern sprach, war ihm unangenehm. Er hätte sie sich weiblicher gedacht.

»Jedenfalls kann ich mir nicht denken, daß man dabei glücklich sein kann,« fuhr Julie fort.

»Nein, nein, ich bin auch nicht glücklich,« stotterte Johannes. »Wie ich Ihnen schon sagte: meine Situation ...«

»Übrigens wäre es verständlich, wenn Sie wirklich schweigen ~wollten~. Die natürliche Empfindung der Innigkeit, die Eltern und Kinder verbindet, macht es uns, den Kindern, eigentlich unmöglich, die Eltern belehren zu wollen. Aber wie einer es ertragen kann, schweigen zu ~müssen~, seine Persönlichkeit unterdrückt zu sehen, das kann ich nicht begreifen.«

Sie gingen eine Weile nebeneinander her, ohne etwas zu sagen. Johannes hatte sich diese Unterhaltung anders gedacht. Er war nicht zufrieden. Aber er mochte sie nicht abbrechen. In der Nachtluft ging es sich so behaglich, und eigentlich hörte er es gern, wenn sie über ihn sprach. Seine Gedanken waren vielleicht schon gar nicht mehr bei der Sache, und nur, um irgendetwas zu entgegnen, fragte er:

»Wie soll man anders handeln?«

»Indem man seine persönliche Freiheit behauptet.«

»Wie denken Sie sich das? Soll ich den häuslichen Frieden stören? Soll ich widersprechen?«

»Nein!« Julie schüttelte den Kopf. Sie dachte nach; sie überlegte ganz ernsthaft, wie dem Doktor geholfen werden könnte. Sie wurde sich gar nicht bewußt, daß sie zum ersten Male einem erwachsenen Menschen nach eigener Überlegung einen Rat geben wollte, und daß es eigentlich ein etwas komischer Fall sei, einem jungen Privatdozenten Verhaltungsmaßregeln darüber zu erteilen, wie er sich seine Selbständigkeit bewahren solle. Plötzlich fragte sie unvermittelt: »Wohnen Sie bei Ihrem Vater?«

Natürlich, das täte er. Warum sollte er auswärts wohnen?

»Nun ja, damit würde ich anfangen. Ich würde mir zwei Zimmer mieten, in einer ganz anderen Gegend von Berlin, die würde ich mir nach meinem Geschmack einrichten, mit Bildern, Vasen und Blumen; dann hat man doch erst mal ein richtiges Zuhause, wo man bei sich selbst ist. Und dort müssen Sie so leben, wie es Ihren Anschauungen entspricht. Und ...«

Sie brach plötzlich ab. Sie wunderte sich mit einem Male, daß sie so eindringlich zu ihm gesprochen hatte.

Johannes war in einer weichen Erregung. Sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Wenn er allein wohnte, durfte ihm keiner dreinreden; dann war er Herr in seinem Hause.

So dachte er. Aber fühlte er nicht auch etwas Warmes, Unbekanntes? Erregte es ihn nicht, daß da eine neben ihm ging, daß das ungewisse Licht der Laternen ein feines Profil zeichnete, das wieder erlosch, wenn sie vorüber waren, daß seidige Haare leise zitterten, und wenn der Abendwind sie aufhob, das Weiß einer Schläfe schimmerte?

»Und dann?« fragte er nach einer Weile.

»Das müssen Sie selbst ausfindig machen!« sagte sie und lachte kurz. Wie war er hilflos! Das belustigte sie wieder. Aber sie wollte sehen, was daraus wurde.

»Wenn es so weit ist, können wir ja weiterberaten,« meinte sie vergnügt.

Nun waren sie vor dem Hause angelangt, und sie gab ihm die Hand. Er war unschlüssig, ob er ihr danken müsse, oder ob er sie fragen könne, wann sie wiederkäme. Aber das war nun zu spät, denn die Tür fiel schon ins Schloß.

Er ging langsam den Weg zurück und beschäftigte sich mit dem Plan, eine Junggesellenwohnung zu beziehen. Aber es war etwas in der Luft, was seine Gedanken immer wieder aufstörte und zu ganz fernliegenden Dingen gehen ließ. Er erinnerte sich der Buden seiner Freunde, der Plüschmöbel, der Koffer in der Ecke; dann fiel ihm ein, daß er da manchmal Besuch angetroffen hatte, Damenbesuch, ein kicherndes Lachen lag ihm plötzlich im Ohr; dann flirrten allerhand Worte an ihm vorüber, von goldener Studentenfreiheit, und er dachte mit einem Male, daß er solche Erlebnisse nie gehabt hatte.

Er bog um die Ecke; da stand noch wie vorhin die verschlafene Droschke. Hier hatte Julie von dem Kinde gesprochen. Und nun fühlte er wieder etwas Warmes, als ginge sie neben ihm, er empfand etwas Körperliches.

Doch als er dann die Tür des väterlichen Hauses aufschloß, war nichts von allem mehr da; er klinkte auf, tastete sich hinein, so gewohnheitsmäßig, als käme er aus dem theologischen Seminar.

Julie fand in ihrem Zimmer einen Brief von Marianne vor. Es war ein Bericht über die Hochzeitsreise und ihr warmes Nest, in das sie nun mit Lukas eingezogen sei. Es fehlte nicht an einigen Stellen, die frauenhaft erfahren klingen sollten. Zu anderen Zeiten würde Julie sich darüber mokiert haben. Aber jetzt mußte sie plötzlich und ohne jede Veranlassung an Johannes Stockmann denken.

Julie zerriß den Brief, ohne ihn zu Ende zu lesen, und warf die Stücke in den Papierkorb. Dann griff sie nach einem Buche ...

Doch nein! Sie legte es wieder fort und begnügte sich damit, an Agnes Elisabeth zu schreiben und ihr eine scharfe Schilderung von dem nußbaumpolierten Ton in der Familie Stockmann zu geben.

XXI

Um diese Zeit fingen sie im Dorfe an, über Agnes Elisabeth zu sprechen.

Es war nicht der gewöhnliche Klatsch, der von Haus zu Haus geht, sich an den Ofen niederläßt, sich behaglich breit macht und wichtig tut, als könne er allein die Unterhaltung führen, bis er langweilig wird, weil er keine neuen Geschichten mehr zu erzählen weiß, und schließlich in einer Ecke stehenbleibt und vergessen wird.

Über Fräulein Hellwege sprach man in anderer Art.

Irgendwo einmal waren ein paar Worte gefallen, sie sei zuzeiten so wunderlich. Keiner hatte diese Worte aufgehoben, sie waren im Staube des Alltags liegen geblieben. Aber unter dem Staub mochte doch fruchtbarer Boden gewesen sein, der Bauern bedächtige Zweifelsucht, ein unbewußter Argwohn gegen alles, was außerhalb des Verständnisses ihres Standes lag.

Als die warmen Tage mit den lichten Abenden vorüber waren und zum ersten Male des Morgens Reif über den Wiesen schimmerte, da war ein Flüstern aufgewacht, und keiner wußte, von wannen es gekommen war. Es war da, wisperte hier ein Weilchen, glitt an den Zäunen entlang, raschelte drüben am andern Ende des Dorfs ...

Sie sei wunderlich geworden. Tagelang gehe sie durch Haus und Garten, ohne ein Wort zu sprechen, mit dem nämlichen blassen Gesicht. Einige hatten sie des nachts in einem langen, weißen Kleide gesehen; vor der Laube stehe sie und rühre kein Glied, sagten welche, und andere erzählten, sie sei ganz langsam durch die Tannenallee gegangen, hinauf und hinunter, und wieder hinauf und hinunter, bis die Kirchenuhr drei geschlagen habe. Der Pastor traf sie auf dem Kirchhofe; da kniete sie vor dem Grabe ihrer Mutter, und es war ihr gleichgültig, ob einer an ihr vorüberkam, sie kniete und betete; oder sie pflanzte Blumen auf dem Hügel, am nächsten Morgen aber riß sie die Blüten ab und zerbrach die Stengel. Einmal war sie verschwunden, irgendwo in der Heide oder im Moor mochte sie sein, und erst am Abend des zweiten Tages kehrte sie heim und trug Blumen im Haar.

Solche Dinge flüsterte man, weder aus Neugierde, noch aus Teilnahme; es war nichts anderes, als der einfache Vorgang, daß etwas herumkam, und daß nun alle darum wußten.

Im Lehrerhaus gab dies Anlaß zu einiger Verstimmung. Lukas Allm war voller Mitgefühl und hatte allerhand Pläne im Kopf, daß Agnes Elisabeth zu ihnen ins Haus ziehen solle, oder daß sie reisen solle, daß er an den Vormund schreiben oder einmal mit ihr selbst sprechen müsse.

Marianne hingegen fühlte sich bloßgestellt und grollte mit Agnes Elisabeth. Sie wollte nur um Gottes willen kein Familiengerede und meinte, dies alles sei ohne Belang.

»Man muß ihr nur Zeit lassen, dann wird sie schon von selbst darüber hinwegkommen,« sagte sie und fühlte sich dabei älter als die Schwester und mit allen inneren Erfahrungen einer verheirateten Frau ausgestattet.

Da Mariannes Meinung noch immer maßgebend war, blieb es bei Lukas’ guter Absicht. Auch wurden beider Gedanken bald nach einer anderen Richtung hin gelenkt, und diese Dinge traten in den Hintergrund.

Obwohl man erst im September stand, begannen sie nämlich mit einem Male von Weihnachten zu sprechen, und daß sie dann nicht mehr allein sein würden. Von nichts anderem sprachen sie. Lukas Allm hatte dabei jene weiche Freude, mit der Kinder an das Christfest denken, während in Marianne vielerlei Sorgen waren, Geschäftigkeit und Unruhe, wie es einer jungen Frau zukommt.

* * * * *

An einem jener späten Sommertage, die den Frieden eines schlummernden Kindes haben, just als die Sonne unterging, erfuhr auch Hinrich Teetje von den Gerüchten über Agnes Elisabeth. An dem Fenster der Gaststube stand er und trank sein Braunbier aus, als der Wirt vorsichtig zu ihm trat, den Tisch abwischte und mit verhaltener Stimme sagte:

»Die ist nun glücklich wunderlich geworden!«

Teetje stellte sein Glas hart auf den Tisch.

»Wer?«

»Die Älteste von Hellweges.« Und als der andere keine Miene verzog, kam es triumphierend hinterdrein: »Zwei Stunden ist sie heute wieder auf dem Kirchhof gewesen.«

»Unsinn!«

Darauf hatte der Wirt nur gewartet. Denn nun kam die ganze Geschichte, mit Anmerkungen, Erläuterungen und sämtlichen möglichen Lesarten. Teetje saß daneben und starrte nach dem Fenster, hinter dem rote Lichtschwaden dampften. Plötzlich lachte er laut, stand auf, legte sein Geld auf den Tisch und ging weg.

Er kam an Hellweges Haus vorüber. Es schwieg in dem schreckhaft bewußtlosen Licht, mit dem der Tag nach dem Kampf der ersten Dämmerung noch einmal die Augen öffnet, um zu sterben.

Mitten auf der Straße blieb er stehen, bis die Schatten der Nacht sich hoben und um ihn herumstanden. Da lächelte er, ein grausames Lächeln, und dann ging er nach Hause.

Zu derselben Stunde erhielt Agnes Elisabeth die Anzeige von Heinrich Craners Verlobung mit Fräulein Ellinor Grünhagen. Dabei fand sich ein Brief: ein paar Worte, daß er ihr doch niemals hätte geben können, was sie brauchte, daß sie ihm das freundliche Gedenken einer Schwester bewahren möge, und was in solchen Fällen sonst noch geschrieben zu werden pflegt.

Agnes Elisabeth las beides mit vollkommener Ruhe, wie die Mitteilung einer gleichgültigen Person. Der ihr das geschrieben hatte, war auch längst nicht mehr derselbe, der ihre Gedanken beherrscht hatte.

Als es dunkel geworden war, ging sie zu Marianne, um ihr ein Rezept zu bringen, um das sie gebeten hatte.

Marianne hieß sie mit ungewöhnlicher Feierlichkeit willkommen, brachte sie ins Wohnzimmer, schloß behutsam die Tür, griff nochmals nach der Klinke, trug die Lampe auf einen kleinen Tisch an der Wand, setzte sich neben Agnes Elisabeth und hatte etwas auf dem Herzen. Sie druckste eine Weile, und als Agnes Elisabeth endlich von dem Rezept anfing, kam es:

»Ich muß dir etwas sagen!«

Dann erfuhr Agnes Elisabeth unter Flüstern, daß Marianne um Weihnachten herum ein Kind erwarte. Es flossen Tränen, und Marianne war stolz auf sie. Denn neben echter Freude nahm doch das Gefühl der Wichtigkeit den größeren Platz in ihr ein. Auch war sie schon ganz von dem Egoismus der jungen Mutter beherrscht, die an nichts anderes denkt, als an ihr Kind.

Sie bezog es auf sich, als Agnes Elisabeth beide Hände vor ihr Gesicht legte und weinte; und Marianne freute sich dessen.

Aber Agnes Elisabeth weinte um anderes. Sie weinte, wie Kinder weinen, die sich verlaufen haben und nicht nach Hause finden können.

Zwar suchte Agnes Elisabeth schon lange nicht mehr nach einem Wege, erst jetzt aber wußte sie, daß sie sich verlaufen hatte und niemals mehr nach Hause finden würde.

XXII

Evelyn war nun mitten in der großen Welt.

Sehnte sie sich nicht zurück nach den feinen Tönen ihrer spielenden Träume, nach ihrer grünen Wiese, nach ihren Pfauen, nach ihrer kindlich-souveränen Verachtung? Gewiß nicht! Denn mit unbewußter Sicherheit und dem leichten Schritt fröhlichen Genießens ging sie durch alles Neue hindurch, nahm, wovon sie mochte, fand vielerlei und atmete und lachte. Was vergangen war, war noch bei ihr, aber nicht als eine wehmütige Erinnerung. Es war ein Teil von ihr geworden, ein Stück ihres lächelnden Selbsts, das ihre Augen heller machte. Es geschah nie, daß sie sich schmerzlich nach der Vergangenheit umgewendet hätte, ebensowenig, wie sie an die Zukunft dachte. Sie liebte weder die Erinnerungen an das Gestern, noch kleine Hoffnungen auf Morgen und Übermorgen. ~Heute~ lebte sie, und sie hatte genug zu tun, wollte sie alle Schönheiten zusammentragen, wie sie früher Blumen in ihren Schoß gesammelt hatte.

Während des Sommers waren sie im Schwarzwald gewesen, und als es kalt wurde, hatte der Arzt gesagt, Tante Sophie müßte nach dem Süden. Onkel Wilhelm konnte sie nicht begleiten, denn es lagen umfangreichere Aktenstücke auf seinem Schreibtische als je, Rena durfte ihre Stunden nicht versäumen, so war es selbstverständlich, daß Evelyn mit ihr ging.

In einer Villa dicht bei St. Raphaël wohnten die beiden, machten Spaziergänge, saßen im Sonnenschein auf ihrer Terrasse und abends vor dem Kaminfeuer, empfingen ab und zu Besuche, freuten sich, wenn sie wieder allein waren, und gaben einander gern die zarten Zeichen einer wachsenden Vertrautheit, die den Altersunterschied vergessen machten.

Es zeigte sich, daß auch Sophie Craner viel Schönheitssinn besaß, und daß Evelyns Träume eng mit verfeinerten Lebensbedürfnissen zusammenhingen, die Tante Sophies elegantem Luxus nicht allzu fern standen. Wenn es kein Kleid sein konnte aus Rosenblättern oder dem Atlas, der abends über stillen Wassergräben liegt, so tat es auch eine Toilette aus Seidenchiffon oder ein Hut aus Spiegelsammet. Das war kaum ein Schritt, und Evelyn hatte ihn bald getan.

Sie sprachen viel miteinander. Evelyn bekam dabei mehr zu hören, als Tante Sophie anfänglich hatte sagen wollen, und sie erwiderte solches Vertrauen durch eine feine Dankbarkeit. Oft schwiegen sie auch und empfanden den Rhythmus gleichartiger Stimmung. So bildete sich unbemerkt ein gegenseitiger Einfluß, der zwar ihr Wesen nicht änderte, aber gewisse Seiten an die Oberfläche brachte, die bisher in der Tiefe gewesen waren.

Und ihr Leben hier, losgelöst von heimatlicher Enge, in der Stille der kleinen Villa, den duftenden Garten und das unendliche Meer vor Augen, und etwas weiter entfernt, aber doch deutlich zu spüren, ein gewisses Parfüm des eleganten Badeorts, war recht geeignet, die neue Freundschaft zu befestigen.

Nun kam noch ein gemeinsames Erlebnis dazu.

Mr. Clavé war der jüngere Bruder von Sophie Craners Pensionsfreundin; er besaß ein hübsches Vermögen und hatte gestern um Evelyns Hand angehalten. Dem Antrage waren viele Besuche in der Villa »Celeste« vorangegangen. Abende mit Chopin und ein wenig Kaminmelancholie, Nachmittage, ganze Nachmittage, mit Tennis, Racket-Flirt und der guten Beleuchtung schräger Sonnenstrahlen, endlich sogar Morgenstunden, auf den Steinen am Wasser, wo es gluckste oder schäumte, wenn Tante Sophie noch ruhen mußte und Evelyn mit einem Buche dort unten saß und auf ihn wartete. Denn sie wartete auf ihn.

Die Liebesgeschichte verlief bei ihm nicht anders, als sie in solchen Fällen vor sich zu gehen pflegt. Und Evelyn machte es sehr viel Freude, dies mit anzusehen. Nicht, daß sie ihn ermutigt oder gar mit ihm gespielt hätte. Es tat ihr wohl, sich geliebt zu wissen, und sie zeigte ihm dies mit Behagen. In diesem Behagen ging sie richtig spazieren; sie dehnte sich, bewegte Hände und Füße und freute sich der weichen Luft, die um sie herum war. Alle die Zeichen, die er ihr von seiner Liebe gab, nahm sie mit Lächeln hin, wie Blumen, die er ihr brachte, dankte ihm auch und sagte mehr als einmal, daß dies sonnige Tage seien, die sie glücklich machten.

Aber nun hatte er den Fehler begangen, sie heiraten zu wollen. Darauf fand Evelyn nur die Antwort: »Wie schade!«

Daß er ihre Blumen unter der Ehe schützendem Glasdache vertrocknen lassen wollte, ernüchterte sie und machte ihr den ganzen Menschen mit einem Male alltäglich.

Tante Sophie erfuhr davon und hielt es für nötig, einige ernste Worte mit Evelyn zu reden. Aber eigentlich verstand Tante Sophie sie ganz gut, das wußte Evelyn auch, und schließlich lachten sie beide.

»Auf diese Weise bekommst du aber nie einen Mann,« sagte Tante Sophie.

»Ich will auch keinen,« behauptete Evelyn.

»Und wenn du einmal einen lieb hast?«

»Dann möchte ich ihn gerade deshalb nicht heiraten!«

Sophie Craner lachte.

Evelyns Mund ward zu einem weichen Lächeln. »Sieh mal: Liebe, das ist etwas so Feines; man sollte es gar nicht berühren. So, wie die Farben dort in den Wassertropfen; wenn ich das Wasser in die Hand nehme, ist keine mehr da. Es bleibt nur Wasser übrig; damit kann ich mich zur Not ein bißchen waschen, aber das ist auch alles.«

»Vielleicht hast du ihn so lieb, daß du wünschst, immer mit ihm zusammenzusein?«

Evelyn sah ein Weilchen vor sich hin. Dann wiegte sie ihr Haar.

»Vielleicht! Nun ja, dann werde ich ihn heiraten. Aber ich denke mir, die feinen Farben werden dann verdrängt; satte Farben kommen, die übermorgen nüchtern werden. Es ist traurig, sich nach etwas zu sehnen, was nicht wiederkehren kann.«

Tante Sophie neigte den Kopf.

»Und dann ...« Evelyns Nase zuckte.

Tante Sophie dachte, daß Evelyn vielleicht niemals heiraten würde.

Durch Evelyn aber ging eine kleine Wehmut. Wenn Mr. Clavé sie nicht hätte heiraten wollen, wäre vielleicht ...

Aber dann lachte sie. Denn das Wasser spritzte bis zu ihr herauf und schimmerte in tausend Farben.