Part 11
»Gewiß, ich verstehe, Sie wundern sich, daß mein Johannes Ihnen dies alles nicht selbst sagt. Er dachte, es würde Ihnen zu plötzlich kommen, zu unerwartet. Sie werden ihm für dieses Zartgefühl gewiß nur dankbar sein.« Der Professor stand auf und blieb vor ihr stehen. »Ich weiß ja, Ihre Anschauungen haben sich noch nicht zu der Klarheit durchgerungen, deren wir für das Leben bedürfen. Noch bauen Sie zu sehr auf eigene Kraft, meine liebe Julie! Darum schickt der Herr Ihnen eine treue Hand, an der Sie sich festhalten sollen, um gemeinsam den Weg zum himmlischen Vaterhause zu suchen. Nicht wahr, Sie werden diese Hand mit Freude und Demut ergreifen? Meine liebe Julie, darf ich ihm die Antwort bringen, daß Sie die Seine werden wollen?«
Der schwarze Rock kam näher und näher auf sie zu ...
Sie konnte keine Worte finden.
»Herr Professor, es tut ... Es tut mir ... So leid tut es mir ... Aber ich habe ihn nicht lieb! Nein, ich habe ihn ~gewiß~ nicht lieb!«
»Ich begreife, es kommt Ihnen zu überraschend! Sie sagen, Sie haben ihn nicht lieb ...«
Julie schüttelte heftig den Kopf. Ein Gefühl von Widerwillen schlug plötzlich über ihr zusammen. Die stickige Luft, die rosa Blumen, seine wohlmeinend überlegene Stimme verursachten ihr Unbehagen.
»Sie sagen, Sie haben ihn nicht lieb?! Die Liebe wird kommen, mein Kind, wenn Sie nur in Demut darauf warten!« Seine Güte begann gereizt zu werden.
»Bei andern mag das sein. Von mir aber weiß ich genau, daß ich ihn niemals liebhaben werde.« Er machte noch einen Versuch.
»Bedenken Sie, was Sie von sich weisen! Sie stehen allein in der Welt. So, wie Sie sind, wie Sie alles Freie, Moderne lieben, liegt die Gefahr nahe, daß Sie sich verlieren und vom rechten Wege abkommen. Sie kennen das Leben nicht! Sie wissen nicht, was Sie jetzt ausschlagen! Sie brauchen eine Stütze, und Johannes möchte Ihnen diese Stütze sein. Er würde Ihnen ...«
Julie stand auf.
»Ich liebe ihn nicht, und ich weiß, daß auch nicht das geringste Verstehen zwischen uns ist!«
Nun wurde er ängstlich um seine Mission.
»Nein, so dürfen Sie nicht gehen! Johannes muß selbst ...«
»Bitte, Herr Professor! Er kann nichts daran ändern. Ich danke Ihnen, daß Sie es gut mit mir gemeint haben!«
Damit war sie aus der Tür.
Sie hörte noch, daß der Professor ihr folgte, aber er ging ins Zimmer nebenan.
Julie fuhr in ihre Jacke, setzte den Hut auf, fand irgendwo ihre Handschuhe und riß den Schirm aus dem Ständer. Schon kam des Professors Stimme der Tür wieder ganz nahe, auch Johannes schien zu sprechen. Sie riß die Tür auf und flog die Treppe hinunter. Hinter ihr wurden Schritte hörbar, Johannes, der etwas Heftiges sagte ... Nun war sie draußen.
Sie ging schnell. Die Menschen bogen ihr aus, so schnell ging sie. Plötzlich fing sie mitten auf der Straße zu weinen an.
Wie konnte man so allein sein! So ganz verlassen! Es kam ihr vor, als ob alles, was sie sich an Anschauungen erkämpft hatte, sie im Stich ließe, als ob ihre innere Unabhängigkeit ein Traum sei, der der Wirklichkeit nicht standgehalten hätte. Sie suchte nach Gedanken, an die sie sich hätte klammern können; aber woran sie auch dachte, alles war gleichgültig, alles erfüllte sie mit Widerwillen. Was sie umgab, erschien ihr häßlich; die Straße war schmutzig, die Schaufenster aufdringlich erleuchtet, die Menschen rücksichtslos, der Himmel ein grauer Dunst. Ein kahles Gefühl von Heimatlosigkeit, ein Frost, der gleichsam von innen kam, das war alles, was sie empfand.
Einer wäre dagewesen, der hätte ihr helfen können. Manche lassen sich auch helfen und werfen ihren Kummer weg. Das aber konnte Julie nicht. Es war ihr unmöglich, Peter Owen auch nur mit einem Wunsche zu streifen.
So kam sie nach Hause. Auf dem Korridor tobte Weihnachtsferientrubel. Thea Allenbach, kokett angezogen, lief mit einer Reisetasche und zwei Pappschachteln hin und her, die Liecke band sich vor dem Spiegel ihren Schleier um, und nun erschien auch Fräulein Meusel. Sie war in gehobener Stimmung, denn sie freute sich auf ein paar ruhige Tage. Den Tee könnten sie doch noch zusammen trinken, bis zu ihrem Zuge hätten sie noch Zeit genug!
»Gott, meine Theosophie habe ich vergessen,« schrie Thea.
»Wo sind nur wieder meine Gummischuhe!« beklagte sich die Liecke.
»Sie kommen doch auch, Fräulein Hellwege?« fragte Fräulein Meusel. »Wir haben unsern kleinen Baum schon angesteckt.«
Aber Julie wollte nicht. Nein, das konnte sie nicht.
»Verzeihen Sie, Fräulein Meusel, ich habe solches Kopfweh!«
»Ja, ja, mit der Liebe!« kam es aus der Ecke, wo die Gummischuhe gesucht wurden.
»Na adieu, fröhliches Fest!« rief Thea.
»Danke schön! Viel Vergnügen zu Hause,« entgegnete Julie und ging in ihr Zimmer.
»Grüßen Sie Ihren blonden Freund von mir,« kam es hinter ihr her.
Im Zimmer war es dunkel. Nur an der Decke blinzelten die Lichter der Straße. Ihre Hand streifte einen Stuhl, sie stieß ihn heftig zurück. Was war denn geschehen? Sie wollte doch gewiß nichts Absonderliches vom Leben, nichts Außergewöhnliches. Sie wußte doch, daß Heiraten so vor sich ging, daß der Antrag kam und alles Weitere sich mit geschäftsmäßiger Feierlichkeit abspielte. Unter anderen Bedingungen, meinte sie, hätte ihr dies alles auch nicht weh getan.
Aber, daß es so gekommen war! Daß dieser alte Mann, den sie geachtet hatte, sie mit seinem Sohne zusammenbringen wollte, ganz gleich, ob sie ihn liebte oder nicht, daß er sich ihr Alleinstehen in der Welt zunutze machte, sich ihrer Schwachheit und Zaghaftigkeit bedienen wollte, um sie zu dieser Ehe zu überreden, das traf sie. Nicht nur ihren Stolz. Oh, demütigend war es wohl, aber es kam ihr auch unsittlich vor. Ihr Schamgefühl litt.
Sie war oft bei Stockmanns gewesen und hatte sich mit Johannes beinahe freundschaftlich gestanden. Vieles an ihm gefiel ihr; erst neulich hatte er ihr gesagt, er wolle bei dem Vater wohnen bleiben, er fühle sich innerlich dazu verpflichtet; das hatte sie für ihn eingenommen. Mit dem Professor hatte es zwar immer erregte Auseinandersetzungen gegeben; aber Achtung vor seinen Anschauungen war stets in ihren Worten gewesen. Sie hatte von diesen Menschen lernen wollen und hatte auch nach dem ersten mißlungenen Versuche nicht die Mühe gescheut, es wieder und nochmals zu tun. Hatten Stockmanns nicht einmal so viel von ihr kennengelernt, daß sie sich einen Begriff davon hätten machen können, wie sie über die Ehe dächte. Ohne Liebe ...!
Lange saß Julie und grübelte darüber, wie dieses hatte kommen können. Es mußte schon spät sein, als sie durch ein Klopfen aufgeschreckt wurde. Das Mädchen kam; dieser Brief sei abgegeben worden. Ob sie die Lampe bringen solle? -- Ja, wenn sie so freundlich sein wolle.
Julie nahm den Brief, und jetzt zum ersten Male dachte sie an Peter Owen. Ja, o ja! Sie konnte es kaum erwarten, daß Licht käme. Sie streichelte den Brief, riß ihn auf und ging ans Fenster; vielleicht könnte sie ihn bei dem Lichte der Laternen lesen. Aber es war nichts zu erkennen. Endlich kam die Lampe. Sie setzte sich an den Tisch und nahm den Bogen vor die Augen.
»Mein sehr verehrtes, gnädiges Fräulein!« las sie. Sie drehte das Blatt heftig um. »Johannes Stockmann!« -- Einen Augenblick dachte sie daran, den Brief zu einem Knäuel zu ballen; den wollte sie auf die Straße werfen oder ins Feuer oder in den Papierkorb. Doch dann hob sie müde die Hände und las:
»Mein Vater hat mir soeben das Ergebnis seiner Unterredung mit Ihnen mitgeteilt. Ich bin dadurch schmerzlicher betroffen, als Sie wahrscheinlich ahnen werden. Wenn ich mit diesen Zeilen nochmals zu Ihnen komme, so geschieht es nicht in der Hoffnung, doch noch eine günstige Antwort auf meine Frage von Ihnen zu erlangen, sondern um ein Mißverständnis aufzuklären, das mich Ihnen in einem falschen Lichte hat erscheinen lassen. Als ich meinem Vater mitteilte, daß ich Sie um Ihre Hand bitten wolle, stand er meiner Bitte um seine Einwilligung nicht so freundlich gegenüber. Er äußerte Bedenken, die sich insonderheit auf Ihre freieren Anschauungen bezogen. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, aus der ich schließlich nur dadurch als Sieger hervorging, daß ich meinem Vater sagte, Sie würden, wenn Sie erst meine Frau wären, unter seinem und meinem Einfluß gewiß wieder auf den rechten Weg kommen. Dieses Argument leuchtete ihm ein. Er wollte sich jedoch nicht nehmen lassen, selbst als erster mit Ihnen darüber zu reden. Weil ich hoffte, daß Sie für seine väterliche Sorgfalt das rechte Verständnis haben würden, fügte ich mich. Ich will Ihnen offen alles sagen. Daß ich Sie sehr lieb habe, brauche ich nicht zu betonen; Sie werden aus den Zugeständnissen, die ich meinem Vater gemacht habe, um seine Einwilligung zu erlangen, erkennen, ~wie~ lieb ich Sie haben muß. Aber noch etwas anderes muß ich Ihnen sagen. Gerade durch Sie hoffte ich mich von den drückenden Fesseln frei zu machen. Mit Ihnen wollte ich ein neues Leben anfangen. Sie sollten es mich lehren. Das war die sehnende Hoffnung, die ich auf Sie setzte, die große Lebensfrage, die Sie entscheiden sollten.
Nun haben Sie anders beschlossen. Ich werde lernen müssen, mich damit abzufinden. Aber Sie sollen später nicht an mich zurückdenken als an einen, der den Kampf nicht wagen wollte. Deshalb habe ich Ihnen diese Zeilen geschrieben.
Sie werden mir wohl nichts zu antworten haben; jedenfalls wissen Sie nun alles.
Ihr Johannes Stockmann.«
Julie legte den Brief aus der Hand.
Aber plötzlich zerriß sie den Brief und krampfte die Hände ineinander. Dann sank sie auf die weiße Decke ihres Bettes und schluchzte.
Sie sehnte sich nach Peter.
XXVII
Sie sehnte sich nach Peter, die ganze Nacht hindurch, bis der Morgen kam. Da wußte sie, daß sie zu ihm gehen mußte. Mit einem Male war dieser Gedanke da. Und er veränderte alles.
Bei Peter war sie schon oft gewesen, daran war nichts Neues, jetzt aber schien es ihr doch ganz anders. Als geschehe es heute zum ersten Male mit Bewußtsein, mit einem Empfinden, das bisher geträumt hatte, heute aber jede Schönheit tausendfältig nehmen würde, mit allem Jubel ihres Glückes. Wie eine Kinder-Weihnachtsfreude wartete es in ihr. Sie kam sich vor wie eine, die am Vormittag, als die Mutter aus der Weihnachtsstube kam, scheu und sehnsüchtig durch die halboffene Tür hineingeblickt hatte. Da stand der Baum, groß und dunkel, und auf dem Tisch lagen viele Dinge. So seltsam sah das alles aus, als ob es schliefe. Aber sie wußte, daß es am Abend anders sein würde. Ein Glanz, der durch die Tür bräche, Wogen von Licht, die aus einer leuchtenden Mitte herniederfluteten und das Zimmer bis in seine dunkelsten Ecken füllten, unzählige Lichtpünktchen, die sich leise wiegten oder strahlend stillestünden.
Noch immer war es Vormittag. Stunden müßten gehen, bis es dunkel würde.
Sie saß am Fenster, hatte ihre Uhr vor sich hingelegt und sah auf die Straße. Oder in den Himmel oder ins Zimmer zurück. Der Zeiger rückte so langsam.
Zwei Pakete wurden für sie gebracht, Weihnachtspakete.
Das eine kam von Evelyn. Nelken und Veilchen waren darin, ein Duft von stillen Gärten und blauem Himmel. Lange saß Julie davor. Dann öffnete sie das andere Paket. Eine rote Juchten-Schreibmappe von Marianne, feine Taschentücher und eine Bernsteinkette von Agnes Elisabeth. Sie legte es beiseite. Eigentlich berührte sie dies alles nur wenig. Kaum, daß sie sich über den Bernstein freute, den sie sich früher einmal so gewünscht hatte! Sie dachte an die Schwestern; aber sie machte sich nicht die Mühe, sich vorzustellen, wo sie heute abend sein würden. So weit von ihr waren sie, der räumliche Abstand erschien klein gegen die graue Strecke innerer Entferntheit.
Wieder sah sie auf die Straße oder in den Himmel oder ins Zimmer zurück. Die Zeit wollte nichts von Eile wissen, trödelte eine Viertelstunde, schlürfte weiter, schien ganze Minuten lang stillzustehen und kam mühselig zum Mittag. Die Blumen dufteten stärker, ein blasser Fleck auf der Fensterbank erzählte ein wenig von Sonne. Langsam ging es in den Nachmittag hinein.
Als die Schatten in den Ecken zu flüstern begannen, wurde aus der Freude ein Bangen. Ganz unbestimmt war es, wußte nicht, was es eigentlich wollte. Sie schloß die Augen, ihre Hände fielen in den Schoß. Ein weiches Flimmern ging durch ihren Körper, ein laues Gefühl, unter dem sie stillhielt und kein Glied rühren mochte. Dergleichen kannte Julie noch nicht; sie wäre zu andern Zeiten darüber erschrocken gewesen, hätte nicht eher geruht, als bis sie gefunden hätte, woher es käme. Aber auch ihre Empfindungen lagen mit halbgeschlossenen Augen unter einem Schleier verhängten Lichts.
Eine lange Zeit verging. Es war dunkel, als Julie aufschrak. Oben an der Decke blinzelten wieder die Laternenlichter, gerade wie gestern abend, und sie kam sich vor, als sei es noch gestern und sie habe diesen Tag nur geträumt. Sie sah nach der Uhr. Es war zwanzig Minuten vor sechs. Da sprang sie auf. Um fünf Uhr hatte sie bei ihm sein wollen. Er wartete schon. Sie mußte eilen. Hut und Jacke, einen großen Strauß von Evelyns Veilchen, -- und fort war sie.
Draußen auf der Straße begann es schon weihnachtsstill zu werden. Große Flocken segelten herunter und zergingen auf den Steinen. Die Luft war, als ob es tauen wollte.
Julie ging schnell. Nach kaum zehn Minuten stand sie vor seinem Hause. Sie wollte eintreten, aber plötzlich kehrte sie um und ging weiter. Als ob sie Angst hätte!
Sie ging die Straße zu Ende, bog in die nächste Seitenstraße, lief immer weiter, wie im Traum, und konnte ihr banges Gefühl nicht los werden. Fast eine Stunde irrte sie so umher und wußte kaum noch, wo sie war.
Überall sah sie jetzt Christbäume glänzen, hörte auch hier und da ein Weihnachtslied und kam sich wie das arme Kind vor, von dem sie bei Stockmanns einmal in einem Traktätchen gelesen hatte. Und plötzlich war eine Sehnsucht da, dieselbe Sehnsucht nach Lichtern und Weihnachtsduft, wie bei dem armen Kinde, und dann kam eine andere, die sie wohl kannte, seit gestern abend. Da wollte sie umkehren. Aber die Straße, in der sie war, erschien ihr mit einem Male bekannt, und plötzlich sah sie sich wieder vor seinem Hause.
Sie ging hinein.
Im Wohnzimmer saß er, in einem Mahagonisessel. Auf dem Schreibtisch standen zwei Messingleuchter mit dicken Wachskerzen, die still herunterbrannten, als sei hier eine Kirche. Auf dem Tisch wartete der Tee, der aber schon kalt war; vor zwei Stunden hatte Peter ihn bereitet, er hatte nichts davon getrunken, sondern mit ihm gewartet, bis halb sechs, bis sechs und dann noch eine Zeit, von der er nicht mehr wußte, wie lang sie gewesen war.
»Der Tee ist kalt geworden!«
»Du bist böse?«
»Hm!«
»Wirklich? Es ist Weihnachten, du!«
»Du bist wohl bei Stockmanns gewesen?«
»Komm, das wollen wir lassen!« Sie küßte ihn auf die Stirn, setzte sich ihm gegenüber und roch an den Veilchen.
Peter nahm seine Pfeife heraus.
»Du erlaubst?«
Sie nickte.
Er setzte die Pfeife in Brand. An ihre Torfbauern mußte Julie denken, so hielt er die Pfeife im Mund. Sah er nicht aus, wie ein ungezogener Junge, mit seinem kindlichen Ausdruck um den Mund, den grauen Augen, die manchmal hellblau leuchteten, wie wenn ein Wind über blaues Wasser geht? Kokettierte nicht ein kleines verschmitztes Lächeln aus diesen Augen, in kurzen, flackernden Blicken?
Plötzlich fing er an, mit halben Sätzen zu sprechen, wie einer tut, der die Pfeife im Munde hat.
»Hör’ mal, Julie, ich habe mir etwas überlegt.«
Ein paar blaue Wolken qualmten auf. »Es ist wohl besser, ich schreibe an deinen Vormund und bitte ihn in aller Form um deine Hand.«
Julie saß ganz still. Sie betrachtete eine Kerze, die schief gebrannt war und ihr Wachs langsam träufeln ließ.
»Wir sind dann richtig verlobt, vor aller Welt verlobt, und den Ansprüchen der Gesellschaft ist Genüge getan. Es ist natürlich eine Äußerlichkeit, eine törichte Form, aber man muß sie eben mitmachen. Es hat keinen Zweck, sich auszuschließen!«
Julie schwieg noch immer. Nun war die Wachssträhne auf dem Messing gelandet.
»Wir können dann bald heiraten, wir sehen uns zusammen die Welt an, später leben wir hier oder auf dem Lande.«
Von Julie kam kein Laut. Sie saß tief im Schatten. Er konnte nur sehen, daß ihre Handflächen vor dem Gesicht lagen. Er merkte, daß sie weinte. Es war kein Schluchzen, auch keine Tränen. Wie ein blasser Duft kam es zu ihm herüber. In diesem Dufte sonnte sich sein Lächeln.
»Wir werden dann alles miteinander teilen. Natürlich ohne übertriebene Rücksichten; jeder kann seine eigenen Wege gehen. Du arbeitest, ich male. Du bist mein Kamerad, mit dem ich über alles sprechen kann. Du kennst auch meine Freunde noch gar nicht,« dabei hatte er ihr vor acht Tagen gesagt, daß er nur einen alten Schulfreund oben in Holstein habe. »Von denen wirst du mancherlei Anregung haben. Wir werden ein Haus machen, viele Menschen sehen, vergnügt und glücklich nebeneinander durchs Leben gehen.«
Julies Hände sanken von ihrem Gesicht; ihre Augen sahen unbewegt in das Kerzenlicht.
»Das sind katholische Kirchenkerzen,« sagte Peter. Dann lachte er.
Julie stand auf und ging zu den Lichtern hin.
»Julie!«
Ein Zittern kam in den Heiligenschein, den die krausen Haare um ihren Kopf legten.
»Julie!«
»Ja ...?«
»Komm!«
»Nein, wenn du ~das~ willst, komme ich überhaupt nicht mehr zu dir! Wenn du glaubst, meine Liebe sei eine Allerweltsliebe ...«
Nun war es an ihm, still zu sein.
»Es ist mir gleich, was du von mir denkst, aber ich habe dich anders lieb, als daß ich dich danach heiraten werde! Gelübde tun, von denen ich nicht weiß, ob es nicht später ein Verbrechen ist, sie zu halten, alles, womit ich dich lieb habe, in Formen zwangen, zwischen denen es das ganze Leben bleiben soll, denen man immer nur Zugeständnisse machen muß, die einen erniedrigen, das Heiligste, was ich habe, im Alltag abnutzen ...! In deinem ›gastfreien Hause‹, und wenn ich für dich nicht ~mehr~ sein darf als dein Kamerad! Das würde nicht lange dauern. -- So bin ich, und wenn du mich so nicht haben willst ...«
Aus dem Lächeln in Peter Owens Gesicht war ein Strahlen geworden.
»Julie ...!«
Sie blickte sich um. Als sie sein Gesicht sah, machte sie ihre kleinen Schritte und kam auf ihn zugelaufen.
»Ich wollte es so gern einmal von dir hören!« sagte er.
Sie küßte ihn. O ja, sie küßte ihn.
Und nun wollten sie Weihnachten feiern.
Der Duft von ihrer Kindheit Tagen sollte im Zimmer dämmern, die wichtigen Geschichten sollten sich von neuem begeben, vom Versteckspielen im Hause der Großeltern, von den Windmühlenflügeln, die sie beinahe mitgenommen hätten, vom Hektor, der dann gestorben war. An ihren Kinderträumen wollten sie das Heute messen und konnten ihr Glück nicht anders sagen, als mit ihrem alten Kinderlachen.
Sie mußte die Augen zumachen, damit er die Leuchter hinaustragen und den Baum hereinbringen konnte. Damit sie nicht zu früh aufsehe, mußte sie bis hundert zählen; sie hörte aber schon bei fünfzig auf, und da stand vor ihr der kleine Baum mit allen seinen Lichtern.
Wie sie jubeln und lachen konnten! Um den Tisch herum liefen sie und sahen ihn von allen Seiten an und fanden, daß er von hier so lustig aussähe, aber von da noch lustiger. Julie wollte die Lichter recht genau betrachten, diese vergnügten Lichter, und kam zu nahe, daß ihr Haar schon ein wenig zu knistern anfing, er mußte sie wegziehen; da sie nun einmal in seinen Armen war, mußte er sie wohl küssen. Dann durfte er sie nicht stören, am Schreibtisch saß sie und malte ihre Verlobungsanzeige auf ein großes Stück Papier; die legte sie ihm unter den Baum und machte ein feierliches Gesicht, daß er dachte, es sei irgend etwas Liebes, was sie ihm aufgeschrieben hätte; nun war es dies. Und sie lachte ihn aus!
Geschenke hatten sie keine; was hätten sie sich auch noch schenken sollen?
»Ich dachte, du würdest mir eine Börse gehäkelt haben, Julie! Oder du hättest mir eine Brieftasche gestickt!«
»Ich ~habe~ ein Geschenk für dich, Peter,« sagte sie und wendete sich ein wenig ab. »Du weißt wohl nicht, was es sein könnte?«
»Nein!« kam es lächelnd zurück.
»Nicht?«
»Nein!«
Da drehte sie sich langsam um, der Heiligenschein der Weihnachtslichter war wieder über ihrem Haar.
»Mich!« sagte sie still.
Die Lichter, die bis jetzt geflackert und geschaukelt hatten, brannten nun ganz ruhig. Feierlich, wie es solchen Weihnachtslichtchen zukommt. Ganz sachte brannten sie herunter. Und dann erloschen sie eins nach dem anderen.
XXVIII
Es regnete.
Der Himmel war eine qualmende Dunstmasse. In krisselnden Strichen kam das Wasser am Fenster vorbei, spritzte gegen die Scheiben und klatschte auf die Dächer; an den Scheiben flossen die Tropfen in Bächen, und die Dächer waren blank. Ab und zu fuhr ein Windstoß daher und preßte den Regen gegen eine Wand, daß es zischte und knatterte.
Dann sprangen Böen aus den Wolken, nahmen das Wasser und fuhren durch die Straßen, peitschten es vor sich hin und schleppten es hinter sich her, waren plötzlich verschwunden, und wieder tropfte es in der Dachrinne und klopfte an die Fenster.
»Bei solchem Wetter kommen viele Gedanken und Träume!« sagte Julie.
Sie saß an ihrem Platz in Peters Atelier, neben dem Mahagoni-Pulte, wo sie ein wenig vom Fenster sehen konnte und doch zwischen allen den lieben Dingen des Zimmers war.
Peter hockte in einem Sessel.
»Früher waren dieses meine liebsten Farben! Jetzt freilich ...«
Er schwieg. Er empfand, daß er von etwas anderem, etwas ganz Bestimmtem sprechen wollte. Aber er wußte nicht, was es war. Er schwieg und suchte danach.
Bis Julie es fand.
»Ich denke an etwas, woran ich schon oft gedacht habe seit Weihnachten.«
»Vielleicht ist es das, wonach ich suche?! Sag’ es mir, Julie!«
Sie schwieg.
Der Regen schlug gegen das Fenster. Schwaden zogen draußen vorüber. Julie sah hinaus. Nach einer Weile kam es leise:
»Ich wüßte gern, ob wir wohl ein Kind haben werden?!«
Peter sagte nichts. Aber dies war es, wovon er mit ihr sprechen wollte.
»Ich denke darüber nach,« fuhr er nach einer Weile fort, »ob das Kind uns wohl dankbar dafür sein wird, daß seine Eltern nicht verheiratet sind?«
Wie weich klangen ihre Worte! War es nicht, als ob die Linien ihres Gesichts, auf denen die Dämmerung halbe Lichter spielen ließ, jetzt in leisen Tönen zu ihm sprächen?
»Ich möchte wissen, Peter, ob ein Kind einem niemals Vorwürfe machen kann? Die Menschen sind noch nicht so weit, daß sie den Unterschied begreifen zwischen Kindern aus einer Vernunftheirat und solchen, die -- aus dem kommen, was zwischen uns ist. Die Menschen werden es einem solchen Kinde sehr schwer machen, glaube ich; das Kind wird vielleicht seine beste Kraft daran verschwenden müssen, nur über die Schwierigkeiten hinwegzukommen, die ihm die Eltern bereitet haben.«
Sie hatte ihre Hände gefaltet und sah zu Peter hinüber.
Er saß still in seiner Ecke. Er wußte, wie schwer es Julie sein mußte, an diese Dinge zu rühren, die sie früher so leicht hatte in ihre Hände nehmen können, weil sie noch nicht zu ihnen gehört hatten.
»Glaubst du nicht, daß die Erziehung das Kind davor schützen wird? Ich meine, durch sie müßte es innerlich frei werden, so daß es unbekümmert seinen Weg gehen kann ...!«
»Ja, Peter! Aber vielleicht wird das Kind auch anders denken. Es will sein Leben selbst bestimmen dürfen, ebenso unabhängig, wie wir es getan haben; frei soll es vor dem Leben stehen, soll gehen dürfen, wohin seine Überzeugung es drängt. Darf man seine Entscheidung beeinflussen?«
Peter nickte langsam.
»Glaubst du nicht, daß wir unserem Kinde ...?«
»Peter!« Sie sah ihn mit strahlendem Lächeln an.
»Ja, unserem Kinde! Glaubst du nicht, daß wir ihm alles Schöne zeigen werden, so daß es fühlen und begreifen wird, was unser Leben ausfüllt?«
»Ja, Peter, das werden wir! Aber dürfen wir auch diese Frage seines Lebens ~entscheiden~? Entscheiden, ohne es vorher zu fragen? Ich glaube es nicht!«
Peter schaute sie bewegt an.