Die Juden von Zirndorf

Part 5

Chapter 53,728 wordsPublic domain

Und alles versank allmählich in der Dämmerung. Er ging heimwärts. Die dumpfe, gleichsam drohende Geschäftigkeit, die überall herrschte und die immer mehr anschwoll, erweckte eine unbestimmte Angst in ihm. Bei einer Gartenthür lag ein Stein und dort ließ er sich ermüdet nieder. Samson Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei Wagen vollbepackt und saßen nun zwischen leeren Wänden. Auch David Tischbeck und Samuel Schrenz und Hutzel Davidla und Löw Wassertrüdinger und Moses Käsbauer und Maier Wolf: alle waren sie schon fertig und bereit, das Land der Pegnitz für immer zu verlassen. Der Knabe fühlte gleichsam eine Reihe schwerer Schicksale voraus, darum war er so traurig; dann kam wieder dies Sagenhafte, das alle Vorgänge um ihn unwirklich machte, so daß er um ein jedes Ding riesengroße Blumen emporschießen sah, oder eine schmerzlich schöne Musik erscholl von irgendwoher und zog unaufhörlich durch die kümmerlichen Gassen des Judenviertels.

Der Knabe blickte empor und sah Rahel Nathan mit plumpen, aber hastigen Schritten daherkommen. Sie wollte vorbei, aber Benjamin rief sie an. Da fuhr sie zusammen, winkte mit beiden Armen ab und wollte schnell weitergehen, – gegen die Häuser der Christen hinüber. Dann besann sie sich wieder eines anderen und setzte sich neben den Knaben auf den Stein. „Morgen soll es fortgehen, weißt du das, Junge?“ fragte sie. Sie konnte das R nicht gut aussprechen und das gab ihrer Stimme etwas Rührendes. Rahel erwiderte nichts auf seine Antwort. Es war, als ob sie sich ganz in sich selbst verkröche. Der Knabe sah, daß sie mit ihren Händen das Gesicht bedeckt hatte, und die Ellbogen waren durch das niedere Sitzen tief in den Schoß vergraben. Es fiel ihm ein, daß es im Gesetz verboten sei, so niedrig zu sitzen; nur die Leidtragenden dürfen es um ihre Verstorbenen. Da stand er rasch auf. Aber ehe er sich dessen versah, hatte ihn das junge Mädchen heftig bei den Armen gepackt, zog ihn an sich, nahm dann seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und drückte die glühendheißen trockenen Lippen leidenschaftlich auf des Knaben Mund. Benjamin glaubte zu versinken, auf seiner Stirn perlte feiner Schweiß, der ihn gleich Nadeln förmlich verwundete. Und er hörte Rahels Herz wie einen dumpfen Hammer pochen, die Wärme ihres Körpers strömte auf ihn über, die Flut ihrer Haare umhüllte seinen Kopf. Und nun fielen nasse Tropfen auf seine Wangen nieder, und erst durch das laute Schluchzen des jungen Mädchens kam er darauf, daß es wohl Thränen sein mußten. Auf einmal stand sie auf, stieß den Knaben rauh von sich und eilte davon. Gleich darauf aber kam sie wieder. Ihre Stimme war ruhig, und sie schämte sich offenbar allzusehr, um sich zu dem Knaben niederzubeugen. „Sag nichts, wo ich hingeh’,“ stammelte sie, „der liebe Gott wird dir’s lohnen.“

In der Rosengaß stand ein kleines grünangestrichenes Haus, wo heute die jüdische Waisenschul ist. Darin wohnte Thomas Peter Hummel, der christliche Studiosus. Rahel tastete sich mühsam durch die Finsternis des Flurs. Und es fiel ihr plötzlich, sie wußte nicht warum, ein Vers aus dem Talmud Taanit ein: Und ich mache allen ihren Jubel still, ihre Feste, Monden und Sabbate. Heiserer Gesang scholl aus einem Raum im Hintergrund, dann kam ein wüstes Lärmen und Durcheinanderreden, Gläserklirren und Zurufe und auf einmal war es wieder ganz still. Eine weiche, schmiegsame Mittelstimme begann ein Lied zu singen, und Rahel kannte die Stimme, die so verführerisch war und von der sie meinte, daß niemand ihr widerstehen könne. Es war eine Stimme, von der man träumen konnte, nächtelang. „Es ist ein’ Ros’ entsprungen aus einer großen Zahl“ sang er, – ein altes Lied voll Trauer und pochender Sehnsucht. Wer es sang, mußte gewiß um der Liebe willen leiden. Es war etwa so, wie wenn ein Vogel gefangen sitzt, von dem man weiß, daß er nur durch Freiheit leben kann, und er sitzt in einem schmalen Käfig und flattert sich die Flügel wund. Das Lied mochte wohl schon lange zu Ende sein, aber Rahel stand immer noch regungslos da, und ein schmaler Lichtstreifen aus der Thürspalte fiel auf ihre Stirn. Plötzlich wurde die Thür aufgerissen und lachend, in der einen Hand den Weinkrug, mit der andern der Schar von Studenten am Tische in der übertriebenen Lustigkeit, die ihm eigen war, zuwinkend, trat Thomas Peter Hummel heraus. Das Zimmer war von Rauch erfüllt, denn die jungen Leute saßen alle mit Pfeifen im Mund und pafften fleißig drauf los. Hummel schloß die Thür wieder und setzte mit einem Feuerstein ein Öllicht in Brand, um in den Keller zu gehen. Als er sich mit dem Lämpchen in der Hand umdrehte, gewahrte er Rahel. Er erbleichte und konnte nichts reden. Sein kleiner Mund kniff sich zusammen, seine Pupillen erweiterten sich wie bei einer Katze, und endlich stieß er einen dumpfen, fragenden Laut hervor. „Wir gehn fort von hier,“ murmelte Rahel, und ihr Kinn sank gegen die Brust. Der Student lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor und sagte, in eine Stube könne er sie nicht führen; sie sollte mit ihm in den Keller kommen. Darauf lief er zurück, erfand schnell eine Ausrede bei den zechenden Kameraden, um länger ausbleiben zu können, und Rahel folgte ihm in den feuchten Keller hinab. Hummel ließ sie auf ein leeres Fäßchen setzen, nahm ihre Hand und sprach sehr schön zu ihr. Das war seine Kunst, schön zu sprechen. Da vergaß er sich selbst und den andern, ja sogar den Zweck seiner Rede vergaß er, wußte hundert Gründe oder Dinge, an die kein Mensch dachte oder denken konnte, geriet vom zehnten ins zwanzigste und von da noch weiter, unterbrach niemals den freien Fluß seiner Rede, setzte, wo es anging ein gelehrtes Citat statt eigener Meinung, oder brachte füglich eine lehrreiche Geschichte von spannender Erfindung an, kurz, er wußte das Wort so vollkommen zu gebrauchen, daß er es in knapper Zeit vermochte, ein großes Unglück ganz winzig erscheinen zu lassen, und war im ganzen ein glänzendes Beispiel für den Ausspruch des alten Cicero über die Beredsamkeit. Dabei war seine Stimme leise und berückend, eindringlich und gleichsam erziehend. Seine Gesten waren rund und gefällig, gemessen und wohlwollend, besonders, wenn er Daumen und Zeigefinger mit den Spitzen zusammendrückte und dann den Arm pendelartig auf- und abbewegte. So war er wirklich die verkörperte Liebe und Uneigennützigkeit, und alles, was er sagte, hatte Klang und Vernunft, sozusagen Hut und Schuh, und er vermochte einen Menschen zu trösten, daß er all seine Schmerzen vergaß und sich so vollgeredet fand, als habe er am Tisch des Großmoguls die köstlichsten Speisen gespeist.

Rahel erhob sich also, reichte dem Studiosus die Hand und ging wieder, gerade als oben das ungeduldige Fußgetrampel der andern Studenten hörbar wurde. Sie ging in die Nacht hinaus. Sie erinnerte sich auch dunkel, daß Thomas Peter ihr empfohlen hatte, die Juden zu warnen, es sei etwas im Werk; aber das ließ sie kühl. Sie fühlte sich wie das tote Werkzeug in einer fremden, mächtigen Hand. Sie dachte an den Geliebten, von dem sie eben auf so seltsame Weise ewigen Abschied genommen, und sogleich zog ein Schauer ihr die Brust zusammen und ihr Herz lag wie Blei im Körper. Jenes Haus, das so Teures für sie beherbergt hatte, konnte nimmer ihre Träume verschönen. Stand doch schon über seinem Eingang ein roher Landsknechtspruch, neu hingemalt:

Wer so fährt wie ich, fährt boeß. Meines Vaters Guett hab’ ich versoffen, Bis auff einen alten Filzhuett. Der leit da. Den ofen wer ich aach ball versaufen.

Die Nacht war kalt und finster. Die Wolken am Himmel hatten in ihrem gelben Leuchten und ihren kargen Umrissen etwas Wesenhaftes und Persönliches. Vor manchen Hausthüren der Christen standen Männer im Schein düsterer Lichter und berieten offenbar über die Vorgänge im Judenviertel. Sie schienen besorgt, denn wie auch dies Volk verhaßt bei ihnen war, so beleidigten doch all diese Dinge ihr Herrischkeitsgefühl, und sie glaubten es nicht zugeben zu dürfen, daß sich der Knecht so leichterdings frei mache und davonziehe. Freilich, die zu Wucherzins Verpflichteten rieben sich insgeheim die Hände und beglückwünschten sich zu den so mühelos errungenen Kapitalien.

Rahel wagte sich nicht heim. Sie wußte nicht, was sie davon abhielt, aber ihre Seele verging förmlich in dieser Furcht. Sie wanderte dahin, ohne über ein Ziel nachzudenken. Sie lebte völlig in einer dunklen Innenwelt und die Blicke, die sie in die erleuchteten Fenster der Wohnungen warf, hatten etwas Irres. Wie so oft, ging sie in das Haus des frommen Elieser Rappaport, der ihr Verwandter war. Die ganze Familie saß um den großen Tisch herum, sonst waren die Wände ganz kahl, die Schränke fortgeschafft, Geschirr, Betten, Wäsche und Gewänder. So war es unheimlich zu sehen, wie die Menschen um das trübe, rauchende Licht herumhockten, mit blassen, erwartungsvollen Gesichtern oder mit milden Gesichtern, in denen gleichsam nur noch eine entfernte, eine fliehende Sehnsucht, ein schüchternes Hoffen leuchtete, und wie sie dem Vorlesen des Elieser lauschten. Und draußen fuhr der Wind herum, und überall klimperte es und klirrte es und oft blökten ängstliche Rinder oder wieherten die Pferde.

Rahel setzte sich in eine Ecke des Raumes, wo ein Balken aus der Wand hervortrat. Keiner achtete auf sie, denn man war es fast gewohnt, sie auf leisen Sohlen hereinschleichen und nach einer halben Stunde verschwinden zu sehen. Elieser las aus dem Buch Simchas Chamefesch, der „Seelenfreude“, welches zu Frankfurt und zu Sulzbach deutsch gedruckt worden war. Mit bebender Stimme las der alte Mann die Parabel, die von der Stärke des Glaubens handelt. „Einer hat drei gute Freund; einer is sein Leibfreund, der ander is aach ein guter Freund, un der dritter, den hat er vor gar nix geacht. Urbizling schickt der Melech, der König, ein Boten nach den Mensch, er soll geschwind zum Melech kommen. Der Mensch derschreckt sehr, denkt, was muß das bedeuten, als der Melech nach mer schickt und fercht sich sehr, un geht zu sein Leibfreund, er soll mit ihn gehn zum Melech, der will aber nit mit ihn gehn. Da geht er zu den andern Freund, er soll mit ihn gehn zum Melech, da spricht er, ich will dich begleiten bis an dem Schloß, aber weiter will ich nit gehn. Da geht er zu den dritten Freund, den er vor gar nix geacht hat. Da spricht er, ich will mit dir gehn zum Melech un will dich beschermen. Un is mit ihm gangen zum Melech un hat ihm beschermt. Aso aach die drei Freund; einer das is Geld, der ander, das is sein Weib un Kind, der dritt Freund, den er vor nix hat gehalten, das is die Thora, die Gebote, die guten Thaten, das acht der Mensch vor nix. Der Melech das is Got, der Bote das is der Tod, den schickt Got urbizling, soll dem Menschen seine Seel nehmen. Der beste Freund das is das Geld, das bleibt derheim, wenn er gleich noch aso viel hat kann er doch nix mitnehmen. Der ander Freund das is sein Weib un Kinder, gehn mit ihn bis ans Grab, schreien un weinen, kennen ihm nit helfen. Der dritt Freund den acht der Mensch vor nix, der geht mit zum Melech.“

Die Stimme verklang wie in einer Höhle. Es befand sich aber noch ein Rabe im Zimmer, der von Obadja Änsel aufgezogen worden war, und der stets eine sehr sonderbare Redensart seines Herrn wiederholte. Er saß auf einer Stange, duckte sich und krächzte seinen Spruch in die gelehrtesten Diskurse hinein. Rahel sah den Vogel beständig an, denn ihr war, als sei ein menschliches Wesen in ihm verborgen, ja sie dachte: so ist mein ganzes Volk wie dieser Rabe. Doppelt schwarz und doppelt unruhig sah er aus im Gegensatz zu den glutgeröteten Gesichtern am Tisch; mitten im Dunkel saßen alle in einem Lichtkreis wie auf einer Insel in einem Ozean von Finsternis.

Gebete und Fasten füllten allenthalben diese Nacht aus. Es gab freilich manche, die wieder zaghaft geworden waren, und manche, die am liebsten zurückgeblieben wären, aber zu ihnen kam Zacharias Naar. Es war, als ob er die Schwächlinge und Feiglinge am Blick zu erkennen vermochte. Es war erstaunlich, wenn er zu ihnen sprach und sie folgsam wurden wie Hunde, wenn er seine Augen auf sie heftete und in geheimnisvoller Weise ihre Entschlüsse formte wie Thon.

Der Zug der wandernden Juden nahm nicht ab. Die Erregung in Deutschland wurde immer stärker. Im Osten häuften sich die Ereignisse in verwirrender Art. Es kam die Kunde, Sabbatai sei zum Sultan der Türkei zu Gast geladen worden und reise nun in Begleitung seiner zwölf Jünger und einer großen Schar von gelehrten Talmudisten zu Schiffe nach Salonichi. Eine ganze Flottille von Smyrnaer Schiffen sei in seinem Gefolge, Ehefrauen hätten ihre Männer verlassen um seinetwillen, Mütter ihre Kinder, Jungfrauen und Knaben das elterliche Heim. Gold und Geschmeide flösse ihm zu wie aus unerschöpflichen Bornen, und die Khalifen der Bucharei und die Fürsten Afghanistans und die Rajahs von Indien schickten Perlen und Geschmeide, schickten Gesandte, schickten Speisen für seine Festmahle, Gewänder von Purpur und Seide und Sammet. Dergleichen war wie ein Rausch für das ganze Judenvolk der Erde. Ihre Erwartung hielt kaum Schritt mit ihrer Freude, eine sinnlose Vergötterung für den Menschengott erfüllte sie und der Jude, der so leicht der Raserei in jeglicher Gestalt zugänglich ist, vergaß dabei sein irdisches Gut und alle irdischen Dinge. Engel bliesen auf Sturmschalmeien und der alte, finstere Gott der Juden, der Moses erhoben und Pharao gezüchtigt hatte, kam selbst, um dem Messias entgegenzuschreiten. Darum war es kein Wunder, wenn Zirle sich alsbald zu ungeahnter Höhe emporgerissen fand. Ihre Seele, im Beginn dieser Mission ein wenig fremd, entflammte sich im Angesicht des wunderbaren Mysteriums. Ihr Wesen war nicht keusch, wer ihr gefiel, dem ergab sie sich, oft mehr aus Mitleid als aus Begierde, denn sie sah die Männer vor sich zerschmelzen wie Wachs. Dennoch blickte sie mit Schauern hinüber in jenes heilige Land, wo der Sohn des Himmels ihrer harrte, der so schön sein sollte, daß niemand ihn anzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Sie empfing auf rätselhafte Art Briefe von ihm, deren Inhalt ihrem Träumen und ihrem Wachen einen unabsehbaren Kreis von Glückseligkeit verlieh.

Einst ging sie am Haus des Knöckers vorbei und sah Rahel unter der Thüre sitzen. Etwas in dem Gesicht des Mädchens zog sie an, vielleicht die hilflosen Augen oder der hilflose Mund, der oft ein wenig geöffnet war. Zirle trat näher, stellte sich vor Rahel hin, nahm ihre Hand und drückte sie sanft. Rahel schüttelte befremdet den Kopf und lächelte störrisch. Aber plötzlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten: es war, wie wenn etwas in ihr zerbrochen wäre: sie fiel auf die Kniee und drückte ihr Gesicht schluchzend in den Schoß Zirles, die sich schmerzlich unzufrieden fand, um des Leidens des jungen Mädchens willen. Auf der Gasse stand Wagen an Wagen, vollbepackt zur langen, schweren Reise. Darin und in den Mienen der alten Männer, die so besorgt waren, und doch eine freudige Zuversicht erheuchelten, lag plötzlich etwas Erschütterndes für Zirle.

Der Maier Nathan wurde mit jedem Tag unruhiger, fragte seine Tochter, wann sie denn glaube, daß das Große sich ereignen würde, und holte den Rat der Frau Pesla, einer erfahrenen Wehmutter, ein, von der noch in alten Chroniken zu lesen ist: daß sie mit frühem Morgen jedesmal nach dem Tempel geeylet sei, daß sie viele Jahre weder Fleisch noch Wein genossen und ohne Betten auf der Erde lag. Wenn der Nathan sein Weib betrachtete, die sich einer stillen Schwermut so gänzlich ergeben hatte, daß sie oft stundenlang mit geschlossenen Augen kauerte, so wurde er recht bang in seiner Seele und seine letzte Zuflucht waren seine Kostbarkeiten. Auch that er alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und dies um so mehr, je stärker er die Verachtung empfand, mit der man ihm begegnete. So errichtete er in einer Nacht einen großen Scheiterhaufen hinter seinem Haus, setzte ihn in Brand und stand davor wie vor einem Altar und betete, als das Feuer lohend gegen Himmel stieg. Entsetzt kamen Männer herbeigelaufen, ihn zu fragen, was dies zu bedeuten habe. „Ich hab’ Flachs hineingeworfen.“ sagte der Nathan, doch kein Mensch konnte es verstehen. „Ich faste,“ fuhr er fort, „wegen eines bösen Traums, und Rabbi bar Mechasja sagt, Fasten ist dem Traum, wie Feuer dem Flachs.“ Alle schüttelten spöttisch die Köpfe und gingen. Die Gerüchte, die über Rahel umliefen, wurden häßlich und abenteuerlich und bald galt sie für unrein; und doch wanderte sie umher wie im Schlaf, dachte der Wochen, wo noch die Liebe ihren Gang verschönt hatte, wo keine Nacht saumselig genug war für den frischen Trunk des Glücks, wo die ganze Welt einem Eden glich, – das aber war vorbei.

Am Samstag Kreszenz, den 28. November, sollte der Aufbruch stattfinden. Frühe des Morgens, lange, ehe der Osten sich rötete, versammelte sich die Gemeinde in der Synagoge. Die heilige Schrift wurde aus der Lade genommen und der Älteste trug sie mit gesenktem Kopf demütig und bleich hinaus, während die Kille, Mann hinter Mann betend folgte und der Schammes oder Schuldiener die Lichter verlöschte, die Thüre fest versperrte und den großen, hohlen Schlüssel an einem sicheren Ort neben der Klauß vergrub. Dann hörte man weinen hinter vielen Wänden: es galt den Abschied vom Ort der Fron und der Verachtung.

Unfern der Mauer des Gottesackers, da wo heute der Doggelesgarten steht, kamen die Wagen zusammen. Der Regen wälzte sich daher im grauenden Tag und der Sturmwind pfiff durch die Wagenzelte. Doppelt öde lagen die weiten Felder in der Dämmerung und die verlassenen Häuser drüben schienen zu rufen, ihre leeren Fenster hatten etwas Ziehendes und Warnendes. Frauen kreischten auf dem feuchten Plan, Hunde bellten, Kinder wimmerten, die Männer riefen nach ihren Angehörigen und die Rinder brüllten. Nicht am wenigsten machte sich der Rabe des Obadja Änsel in dem Tumult bemerkbar. Zigeuner gesellten sich dem Zug bei und sie wurden geduldet, weil sie als Wegweiser dienen konnten; ihre Weiber riefen sich ihr gellendes Rotwälsch durch den brausenden Wind zu und aus einem verschlossenen Zigeunerwagen tönte in seltsamer Unbekümmertheit eine Geige in langen Mollaccorden. Dann kam ein Bote und meldete, die freie Reichsstadt Nürnberg gebe den Durchzug durch ihr Gebiet nicht frei. Das nächste Ziel der Wanderung war daher die Schwedenveste im Süden und dann weiter Stein und Roßstall. Auch griff die Besorgnis um sich, die Nürnberger möchten Soldaten aufbieten und die Juden am Abzug verhindern. Vielen schien es, als ob Geschehnisse sich wiederholten von vieltausendjährigem Alter. Der Himmel gab ihnen recht; vor allen Plagen schien die Plage der Finsternis sich vorzudrängen. Der Tag war angebrochen und doch war es noch Nacht. Die Wege waren durchweicht und die Wagenräder standen tief im Kot. Zirle, der man eine Art vornehmer Karosse gegeben hatte, lehnte bleich, mit zuckenden Lippen im Rücksitz. Im strömenden Regen stand der junge Wagenseil vor dem Gefährt. Er war wie trunken von seiner Liebe. Unter großer Feierlichkeit hatte er gestern den christlichen Glauben abgeschworen und war zum Jünger des Messias geworden. Nun wollte er mit fortziehen, wollte getrost alle Bande der Heimat zerschneiden, nur um unverwandt in dies wundervolle Antlitz schauen zu können. Unbeachtenswert erschien es ihm, daß sie die Braut des Sabbatai war; darin war so viel Überirdisches und Unsinnliches, daß ihn nichts bei diesem Gedanken beunruhigte. Er wußte freilich nicht, daß er das Unglück für diese Gemeinde in der Hand trug. Die stille Gärung unter den Christen des Hofmarkts war vom alten Pfarrer Wagenseil zur offenen Flamme geschürt worden, und noch im Lauf des Tages entstand ein geschäftiges Einverständnis mit den Nürnbergischen zur raschen That. Nur die Furcht vor dem Gloriosen und Erhabenen, die in der Stimmung dieser Tage lag, hatte den feindseligen Arm gelähmt.

Um den Gottesacker vor frevlerischen Händen zu sichern, wurde das Thor mit fünffachem heiligem Siegel verschlossen. Gegen acht Uhr wurde endlich, mitten in der größten Verwirrung durch ein dreimaliges Hornsignal das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Die Zigeuner hatten sich bereits an die mit Lebensmitteln gefüllten Wagen gemacht und rauften um Fleisch und Brot wie die Wölfe. Keiner verstand den andern im Tumult; Ermahnungen und Ermunterungen verhallten fruchtlos. In manchen Augen tauchte jene geheimnisvolle Verzweiflung auf, die durch einen unsicheren und brennenden Glanz den Schein von Mut erhält und sich durch rastlose Geschäftigkeit unkenntlich macht. Der Lärm und das Geschrei erscholl weit hinaus, scheuchte die Krähen aus den kahlen Feldern empor und die Peitschen der Kärrner schallten durchdringend bis an den Wald hinüber und klangen zurück als ein schüchternes, zitterndes Echo. Die Wolken sahen aus wie zerzauste Leinwand und der ganze Himmel war wie ein graues, schwankes Tuch. Am Kreuzweg nach Unterfarrnbach stießen die kleine Judengemeinde dieses Dorfes, sowie die von Ermreuth und Bocksdorf zu dem großen Hauptzug. Bald flatterten schlecht befestigte Zelttücher im Wind und allerlei leichte Gegenstände flogen in der Luft herum. Was half das Beten der Frommen und das fromme Deuten der Talmudisten? Was half der strenge Glaube und die sichere Begeisterung? Der finstere Judengott ließ offenbar nicht mit sich spaßen und streckte seine grausame Hand herab, daß sie wie eine Mauer vor jenen süßen und verlockenden Zielen stand, die eine morgenländische Phantasie heraufgezaubert hatte. Oft stand ein Gefährt fest im dicken Kot und fünfzig und mehr Männer mußten es unter Anspannung aller Kräfte mit den Schultern herausschieben. Ein Wagen diente als Betzelt, und in ihm war auch die heilige Lade in kostbarem Putz aufbewahrt. Der Ober-Rabbi und der Chassan und die Rumpeln und Wolf Batsch saßen herum und sangen Lieder des Sabbatai. Boruchs Klöß in seinem Wagen hielt sein Weib umschlungen; eine Art von Mittagessen, eine fettige Mehlspeise, stand in einer zinnernen Schüssel vor ihnen, aber sie aßen nicht, sondern sahen beide nur stumpfsinnig hinein in die erkaltende Speise. Dumpfe Schreie schallten in ihre erbärmliche Behausung; manche hatten ihre Hauskatzen mitgenommen, und die Tiere miauten unaufhörlich aus unauffindbaren Verstecken. Dann wurde wieder das Ächzen des Windes laut; an den spärlichen Baumalleen der Straße flogen die braunen, nassen Blätter in einem geisterhaften Tanz umher, und die Äste bogen sich knarrend und brachen doch nicht. Der Regen prasselte und trommelte auf die dünnen Dächer, die Achsen wimmerten gleichsam, an vielen Gespannen standen die Tiere störrisch still und waren nicht fortzubringen, man mochte sie quälen oder ihnen gütlich zureden. Die ganze Natur war aufgelöst in eine erdrückende Bangnis. Im Gefährt des Maier Knöcker war es ruhig, denn die Thelsela kauerte teilnahmslos in einem Winkel und in einem andern Winkel kauerte Rahel. Nur der Nathan selbst schien froh bewegt. Aus irgend einem Grund schien er sehr glücklich zu sein, rülpste beständig wie ein Narr, zwinkerte freundlich mit den Augen und fragte: „Rahelchen, wann kommt das güldene Mädchen? das himmlische Töchterchen?“ Seine Unterlippe war sicherlich noch dicker und unförmlicher geworden, und seine Augen waren hektisch gerötet.