Die Juden von Zirndorf

Part 4

Chapter 43,785 wordsPublic domain

In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden. Überall standen aufgeregte Leute. Von Ottensoos, Schnaittach, Unterfarrnbach und Hüttenbach waren die Juden hereingekommen. Niemand wußte, wie sich das Gerücht so schnell verbreitet hatte, zu Fürth habe sich Außerordentliches auf dem Gottesacker begeben, schier jede Stunde sei unerschöpflich an neuen Geschehnissen. Zwei Juden, Samuel Ermreuther und Nachman Sandel Mahler, markgräfischer Schulklopfer, hatten große kostbare Teppiche auf der Straße ausgebreitet und sie mit Blumen bestreut: Rosen, Levkojen, Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer vornehmen Gärtnerei. Guirlanden hingen an den Fenstern, und goldene und silberne Leuchter standen auf den Simsen, ein wunderlicher Gegensatz zu den alten, halbverfallenen Häusern. Höher und höher, sturmflutgleich, stieg der Aufruhr der Gemüter. Da war ein kluger und vielgereister Jude, namens David Tischbeck, ein Bruderssohn des Wolf Bieresel; er erzählte, daß überall in deutschen, österreichischen, italienischen und spanischen Landen so ein wüster Taumel, so eine entsetzliche Verwirrung herrsche, daß niemand wisse, ob nicht sein Nachbar, sein Weib oder sein Kind in Wahnsinn verfallen sei. Es war, als sei die Luft selbst zu schwerem, betäubendem Wein geworden, und wer da atmete, wurde auch trunken. Keiner behielt Besonnenheit und Könige begannen für ihren Thron zu zittern.

Im ersten Schein des Frührots ging Zacharias Naar am Haus des Ober-Rabbi vorbei, wo noch die Lichter brannten. Erstickte, gequälte Rufe, wilde Schreie, leidenschaftliche Gebete, schmerzliches Stöhnen drangen heraus. Naar ging versonnen seinen Weg weiter, hinaus gegen Westen, wo die Häuser bald im Morgendunst verschwanden. Der hagere Mann mit seinem spitzen, düten-, oder kegelförmigen Hut, der nach der Vorschrift jener Zeit orangegelb mit weißem Rand war, schritt unter den tiefhängenden Ästen der Bäume dahin und die gelbgewordenen Blätter gerieten in leise Bewegung, wenn der Judenhut sie streifte. Zacharias Naar ließ sich unter einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot. Die Ebene schien sich zu recken und zu dehnen, und der Schlaf flog auf von ihr in Gestalt der Raben und Krähen. Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift aus dem Gewand und mit träumerisch zaudernden Fingern formte er Buchstaben und Worte immer bestimmter und rascher. „Mein Mund ist schwer wie der Mund eines Mörders. Mein Geist schreit nach dir. Der blasse Morgen drückt deine zitternden Lider zu, da du kommst. Du liegst schon schlafen, und ich küsse im grünlichen Schein der Nachtwende dein Gewand. Kraft, Kühnheit, Stolz und Genugthuung sind nichts mehr vor dir. Soll ich lächelnd an den kommenden Tag denken, wenn du enteilst? Die Liebe schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag. Was ist im Himmel und auf Erden, außer der Liebe, Leib der Leiber und Schoß aller Schoße! Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir. Ich gehe durch die Dämmerung, wo die Wetter schlummern, in die jahrlose Einsamkeit der großen Ewigkeiten hinab. Ich gehe, Gott zu suchen.“ Hastig fuhr der Stift wieder über das Geschriebene und machte es unleserlich. Dann wischte Naar alles mit feuchten Gräsern wieder aus und schaute mit bitterem Mund hinaus ins Land, über dem die Sonne kam. Zum zweitenmal nahm er den Stift und schrieb bedächtig, bei jedem Zug den Stift gleichsam in die Tafel eingrabend: „Ist ein Gott in diesem leeren All? Ich will ihm schreien, ich will ihm die Glut meiner Seele opfern. Ist ein Gott, daß er die Unbill räche, die Kränkung des Stolzes, daß er den Höfling demütige? Ist ein barmherziger Vater, der das Feuer stillt, wenn es des Armen Dach beleckt? Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt, dem frierenden Hund eine Hütte giebt? Ich rufe dich, Ewiger und deine Welten verneinen dich, deine Sonnen verleugnen dich. Ich suchte dich und nirgends fand ich dich. Die Himmel sind echolos, wenn ich dich rufe, schweigend starren die Wälder. Allein bin ich gegangen im Angesicht der schweren Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und meines Kummers Kleid; breit ist das Meer und tief, und maßlos dehnen sich die Himmel, aber du bist nicht. Jahrtausende verschwinden wie ein Lächeln und wer gut ist verdirbt und die Falschen und Treulosen werden zu Propheten. Aber laß es laufen, das Volk, laß es springen zu den Kammern des Todes. Wo bist du Gott? Bist du, wo das Jahr zeitlos ist, und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname? Bist du, wo die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt? Bist du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten verschlafen? Ach wo lauf ich hin? Der Himmel ist nur in mir. Wo ist Raum für meine Seele?“

Als er fertig war, zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm und streute die Trümmer in alle Winde. Dann erhob er sich und ging den Häusern zu.

Im Schindelhof begegnete ihm ein Zug jüdischer Männer und Frauen mit Kerzen in den Händen. Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin, unter dem ein Knabe und ein Mädchen trippelten, beide noch Kinder. Sie sollten einander vermählt werden, denn es war der Glaube jener Zeit, dadurch den Rest der noch ungeborenen Seelen in die Leiblichkeit eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum Eintreffen des Gottesreiches zu beseitigen. Die Kinder, deren Name Benjamin und Eva war hielten sich fest an den Händen, und ihre Augen standen voll Thränen; wenn sie sich einander anschauten, so geschah es immer gleichzeitig, und sie lächelten dabei ein wenig schwermütig wie solche Kinder, denen eine Strafe bevorsteht, der sie nicht entrinnen können und die sie auch nicht verdient haben. „Warum sie nur Kerzen tragen,“ sagte der kleine Benjamin. – „Das gehört zum Heiraten“ erwiderte Eva. „Ich bin übrigens froh,“ fügte sie sinnend hinzu, „ich habe mir schon lange gewünscht, zu heiraten; alle sind sie so abscheulich zu mir.“ – „Alle Mädchen und Buben werden verheiratet,“ flüsterte der Knabe zurück. „Im Schulhof warten sie auf uns.“ – Plötzlich bedeckte sich Evas Gesicht mit einer glühenden Röte. Die feine Noemi kam mit ihrer Freundin völlig nackt die Gasse einhergelaufen und trotz der frischen Herbstmorgenluft schienen ihre Körper heiß zu sein von Tanz und Ausschweifungen. Wie besinnungslos, doch graziös wie Gazellen liefen sie dahin und in jeder Bewegung war etwas Überschwengliches und in jedem Laut den sie von sich gaben, etwas Bacchantisches. Die kleine Eva wußte sich nicht zu helfen vor Scham, und in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals des Knaben, und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen.

Der sonderbare Brautzug kam in ein buntes Gewühle. Über den Gärtnerplatz ging eine Kinderprozession und jedes Kind trug einen schweren Teller südländischer Früchte, oder Schalen mit Wein oder Backwerk. Das war für die Hungrigen bestimmt, im Namen des Messias. In diesen Tagen des Wahnsinns ging auch kein Christ im weiten Umkreis seinen Geschäften nach, und keiner, wie mächtig er auch sein mochte, versuchte den leidenschaftlichen Brand, der unter dem verachteten und verhaßten Judenvolke ausgebrochen war, zu dämpfen, oder gar zu verspotten. Hebräische Melodien klangen aus vielen Häusern und belebten die Seelen der Zagen und Blutlosen. Fremde Musikanten kamen des Wegs, (es wußte niemand woher), und spielten auf Instrumenten, die man vorher gar nicht gesehen. Alles war zauberisch, überirdisch, aufregend und bestürzend.

Unerhörtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof. Dort nahm ein junges und schönes Mädchen die symbolische Handlung vor, deren Deutung war, daß auch die Tiere eingehen sollten in das messianische Reich. Die Ceremonie geschah mit einem mächtigen Hunde und das junge Mädchen sang dabei wilde Lieder, oder sie schrie verzückt auf. Alle die dabei standen, waren wohl entsetzt oder erschüttert oder verwundert, aber sie empfanden es doch als einen religiösen Vorgang von tiefer Feier. Mit bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen. In der Synagoge blies man das Schofar, und es klang wie ein einsamer Weckruf hinein in alle Gassen, hinweg über alle Häuser, – wie ein Ruf aus den dunklen Tiefen der Kabbala. Eine Krone auf dem Haar, kam Zirle einher, mit einem Gefolge wie eine wahrhafte Königin. Wer sie sah, wurde völlig gebannt und glaubte an sie, wie an den neuen Erlöser selbst. Ein junger Christ, Namens Wagenseil, der Sohn des Pfarrers, folgte ihr wie behext auf Tritt und Schritt. Schließlich sang er das Lob des Sabbatai fast in dichterischen Worten und Zirle erhörte ihn, noch ehe der Tag zur Neige ging. Ihr Wesen war ohne Schüchternheit; sie hatte etwas Glänzendes in jeder Gebärde. Die Männer verloren alle Vernunft, wenn sie vor ihnen stand, und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein unwiderstehliches Gepräge. Sie kam zu den Fastenden und Betenden und richtete sie auf. Denn manche wälzten sich ja tagelang wie Würmer auf der Erde, enthielten sich jeglicher Nahrung, oder sie hockten regungslos in den feuchten Winkeln unterirdischer Gewölbe, hatten Visionen, „strahlende Nächte“, wie sie sagten, fromme Gesichte, widerstanden so allen Verlockungen des Satans und erfüllten zur Nachtzeit die Luft mit ihren Klageliedern. Ohne zu erlahmen studierten sie alle Bücher der Kabbala, alle Seiten des Talmud nach neuen und wunderbaren Deutungen; ihre Weiber, wenn sie nicht zu den Orgien gingen, ergaben sich oft einem grenzenlosen Fanatismus, stellten sich auf den Markt unter viele Leute und predigten, wie weiland Peter von Amiens mit hinreißender Beredsamkeit, stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutzlosen Versündigungen auf und fluchten den Christen mit bitteren Flüchen. Die Kinder, waren sie auch noch so klein, wurden sich selbst überlassen, viele Säuglinge schrieen umsonst nach der Mutterbrust und starben bald. Hunger und Überfluß, Prunk und Erbärmlichkeit reichten sich die Hände. Es fand kein regelmäßiger Gottesdienst mehr statt, und wenn man gemeinsam vor dem Altar betete, war es einer Schändung des alten Gottes gleich. Zigeuner zogen herum und vermehrten das Unheimliche und die Verwirrung. Der Papst und der Kaiser schickten wie in alle Städte, auch hierher Beamte und Abgesandte, die unverrichteter Sache wieder abziehen mußten. Die freie Stadt Nürnberg schickte einen Hauptmann mit fünfzig Reitern, aber den Hauptmann und seine Reiter sah man noch am selben Abend wüst johlend durch die Gassen taumeln. Am Fluß oben, gegen Buch zu, wohnte ein ehrwürdiger christlicher Mann von bedeutender Gelehrsamkeit. Er kannte gründlich die klassischen Sprachen und befaßte sich auch mit Astrologie und Alchymie. Viele Leute behaupteten, er habe den Stein der Weisen längst gefunden und ihn für einen unermeßlichen Schatz an den Großtürken abgegeben. Nun, er wurde befragt, was er von all dem Sturm und Aufruhr halte, und da sagte er: „Der Jüd ist ein tolles Tier. So ihr ihn aus dem Käfig laßt, frißt er euch auf mit Stumpf und Stiel. So er aber im Käfig ist, ist er zahm wie ein Hund. Viel Verstand hat der Jüd und er ist wie ein Blindschleich. So du ihn entzweihackst, kriechen zwei Blindschleichen hinweg.“

Niemals stand die Anarchie drohender über den Völkern, als zu dieser Zeit der Dämonie und der Ekstase. Als die Nachricht eintraf, die Juden von Frankfurt, von Worms und Mainz rüsteten sich zum Aufbruch nach Zion, entstand eine Erregung, die mit einer langen, inbrünstigen Andacht zu vergleichen war. Alle Sehnsucht hatte nun ein Ziel bekommen, und jeder wußte: auch ich werde dem Rufe des Propheten folgen.

An demselben Tage, dem Tage Allerseelen, lag Rahel in dumpfer Apathie auf einem Diwan und starrte gleichgültig durch das Fenster in den Abendhimmel. Das Haus war leer, die Schritte mochten darin nachhallen, und die Dielen knisterten oft von selbst. Rahel hatte die Mutter schon seit zwei Tagen nicht gesehen, und auch der Vater war seit dem Morgen fort gewesen. Niemand hatte sich in der letzten Zeit um sie gekümmert, und keine der jüdischen Frauen kam mehr, um stundenlang bei ihr zu sitzen. Aber darüber dachte sie nicht nach. Sie war froh, daß wieder die Nacht kam, wo man nicht so viel sehen mußte, und wo man vielleicht auch schlafen konnte.

Als es dunkel war, kam Maier Nathan nach Hause. Sein Wesen war verstört, und fortwährend brach er in kurzes meckerndes Lachen aus. Beim Schein eines Öllichts zählte er sein Geld nach und vergrub später einen Kasten mit Perlen und Schmucksachen im Hofe neben dem Brunnen. Erhitzt von der Arbeit, schnaufend und pustend kam er zurück und setzte sich neben seine Tochter hin, das Kinn auf den Griff des Spatens gestützt. Er seufzte, fuhr mit den Fingern in die Haare, schnitt Grimassen, sprang endlich auf, warf den Spaten heftig von sich, focht mit den Armen in der Luft umher und brach in ein glucksendes Weinen aus. Rahel rührte sich nicht. Sie war daran gewöhnt, seit Zirle gekommen war. „Schadai, Schadai voller Gnade!“ rief der Knöcker aus. „Ich hab die himmlische Stimme gehört, ich hab se doch ganz sicher gehört mit meinen Ohren. Der liebe Gott soll mich strafen, aber mein Rahelchen ist doch keine Hur!“ Er kniete vor Rahel hin, strich mit der Hand über ihr Haar und stammelte: „Du bist doch mein Rahelchen, mein gutes Jeleth, mein Engelchen. Mise meschinne über die Narren, daß se an die falsche Braut glauben. Sterben sollen se den Tod durch Aussatz.“ Und er erhob sich und rannte wie gepeitscht davon.

Die Nacht war schwer und stürmisch. Wilde Winde kamen von Süden, und draußen in der Ebene gurgelte es wie in einem Strudel. Der Mond grinste bisweilen fahl durch geborstene Wolken, und es war, als ob er selbst sie zerrissen hätte und sie nun aufgelöst dahinjagte, über die Flächen des Firmaments. Gegen Mitternacht kam ein Herbstgewitter. Flatternde, schwere, graue lichtsaugende Nebel fielen nieder, und die Blitze fuhren hinein mit einem süß-gelben Leuchten. Rahel sah zu, und ihr wurde bitter in der Kehle vor Grauen. Hinter dem Haus geriet der Hühnerstall in Aufruhr. Alles gackerte und gluckste durcheinander, und der Hahn krähte schmetternd; in der Ferne heulten die Hunde.

Rahel war müde. Was da draußen vorging in der Welt, sie kümmerte sich nicht darum. An nichts glaubte sie, mitten in einem Haufen von Wahnsinnigen blieb sie ruhig und nachdenklich. Doch hatte sie Furcht vor der Zukunft. Sie dachte: wenn sie alles erfahren, werden sie mich steinigen. Und was soll aus dem Kind werden? dachte sie. Gegen zwei Uhr, das Gewitter hatte sich verzogen, rief das Schofar die Juden in den Tempelhof. Zacharias Naar verlas einen Brief des Sabbatai an seine Braut Zirle, die er Zilla nannte. Es war ein feuriges und sinnlich überschwengliches Liebesgedicht, und es hieß zum Schluß, daß er sie samt ihrem Volk, den Lebenden und denen, welche von den Toten auferstehen würden am siebzehnten Tag des Monats Tamuz zu Salonichi empfangen würde. Darauf stellte Zacharias Naar drei Fragen an die schweigende Gemeinde: Ob sie mit Gut und Blut sich dem Messias ergeben wollten? ob sie die Mühen und Beschwerden der langen Wanderung nicht scheuen wollten? ob sie ohne Murren und Weigern die Göttlichkeit der Messiasbraut anerkennen und ihren Befehlen folgen wollten? Ein leises, bebendes Ja aus vielen hundert Kehlen antwortete. Dann trat Zirle in die Mitte des Kreises, hob ihre Arme verzückt zum Himmel, und ein leidenschaftlich erregtes Gebet ließ alle, die herumstanden, heiß werden vor Sehnsucht und Begierde nach dem Neuen, Großen, Wundervollen, das für sie bereit war. Noch wußten sie nichts, das ihnen Sicherheit gab, aber mehr war es, zu glauben und in zügelloser Begeisterung dem Kommenden zuzuleben. Jauchzend wollten sie ein Land verlassen, das nur Verachtung und unmenschliche Grausamkeit für sie gehabt hatte. Es schien leicht, alles hinter sich zu werfen, wenn im Osten die guten Triften der ererbten Wohnsitze lockten, wenn ein königlicher Prophet sie zum unverbrüchlichen Bunde rief. Das hier war kein Vaterland für sie und konnte es niemals werden, wie sich auch die Zeiten wandeln mochten.

Die Ältesten der Gemeinde erklärten sich zum Aufbruch bereit; noch am kommenden Tag sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden. Als man auseinandergehen wollte, sprang Maier Knöcker, der Nathan plötzlich schreiend auf Zirle zu, packte sie bei den Haaren und riß sie zu Boden. Die andern Juden, entsetzt und empört, hätten ihn sicherlich in Stücke zerrissen, wenn nicht sein Weib, die Thelsela und die tugendsame Treinla, des Rabbi Man Ehewirtin, sich über ihn geworfen und flehentlich um sein Leben gebeten hätten.

Düster, gleich fernem Brandschein, zeigte sich der erste Streifen des Morgenrots und hoch oben in der Luft zogen Vögel mit kurzen, zirpenden Schreien dahin.

Als Maier Knöcker nach Haus kam, fand er seine Tochter schlafend. Aber es bedurfte nur einer leisen Berührung und sie erwachte. Ihr Blick war scheu, verstört und furchtsam. „Gebenscht, ich hab se zugericht,“ sagte der Nathan mit stumpfsinnigem Frohlocken. „Unbeschrien ich hab’r die Haare ausgerissen, der falschen Braut.“ Er sah seine Tochter lange durchdringend an, schüttelte bekümmert den Kopf und fragte dann die Thelsela, wie lang es noch dauern könne bis zu Rahels Niederkunft. Geistesabwesend erwiderte das arme Weib, sie wisse das nicht; jedenfalls aber noch vier bis sechs Wochen. Gegen Mittag kam der Ober-Rabbi mit finsterem Gesicht und fünf Älteste begleiteten ihn. In harten Worten stellte er den Knöcker zur Rede und gab schließlich Zweifel darüber zu erkennen, daß Maier Nathan wirklich eine himmlische Stimme gehört habe. Aber der Knöcker wurde darüber ganz fassungslos. Sein leidenschaftlicher Protest und die schwermütige Bestätigung der Thatsache durch die Thelsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Chaim Rappaport meinte in seiner wohlwollenden Art, man könne ja doch das Ende der Schwangerschaft abwarten; auch sei es nicht ausgeschlossen, daß dem Messias zwei Bräute bestimmt seien, obwohl der Zacharias Naar ein Gegner dieser Ansicht sei.

Wenn Maier Knöcker sich auf den Gassen blicken ließ, sah er sich mit Mißtrauen beobachtet, und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem Weg. Nur die erregte, ameisenhafte Geschäftigkeit, die überall herrschte, schützte ihn vor Schlimmerem. Doch hatte er nirgends Rast. Ein wühlender Schmerz über die untergeordneten Zustände bedrückte ihn. Er suchte nach der Reihe seine Schuldner auf und keifte überall und drohte mit dem Landrichter. Dann eilte er wieder schnellen Laufs nach Hause, in die Kammern, zu seinen Kostbarkeiten und Pfandpapieren; seine übermäßig dicke und weit hervorstehende Unterlippe bewegte sich mechanisch in gehässigen Lauten. Da er sich so verachtet fand, nahm die Liebe zu den Schätzen zu, wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in die Mission seiner Tochter, und mit zorniger Ungeduld erwartete er die Ankunft der gottgeweihten Enkelin, überzeugt, daß es dabei an himmlischen und weit erkennbaren Zeichen nicht fehlen werde.

Änsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des 4. November tuschelnd unter einem Hausthor und gaben ihren Sorgen Ausdruck über die Vernachlässigung jeglichen Gottesdienstes. Es gab kein Mincha mehr, kein Schachreth, kein Maarith, wie die Gebete der Tageszeiten heißen. „Wenn es sich zuträgt, daß viele trinken werden,“ sagte Hutzel Davidla zitternd und seine Mausaugen schauten glitzernd gegen Himmel, „dann hat es unser Herrgott gewollt.“ Davidla gebrauchte das Wort ‚trinken‘ und meinte damit den Tod, denn die Juden redeten ungern vom Sterben, und schon im Talmud Ketuboth steht diese Redensart vom Trinken. Ein alter Chronist, der zu Fürth lebte, schreibt: Man frage nicht, warum sich dieses Volk allezeit so sehr für dem Tod entsetzet? Dies macht es, sie wissen nicht, wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen. Das Sterben der Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben. Alle, alle müssen mit Entsetzen für den Dingen, die da kommen, aus der Welt scheiden.

Laubhüttenende, das Fest, das seit Jahrhunderten den süßen Zauber der Idylle über das jüdische Leben gebreitet hatte, war unbeachtet herangekommen und sah mitten hinein in den Taumel und Wirrwarr der kommenden großen Wanderung. Breite Lastwagen, die von Bauern draußen oder von Christen im Markt selbst erkauft worden waren, rumpelten ununterbrochen vor die Häuser der Juden. Die streitenden Stimmen der Fuhrleute mengten sich mit dem Gekeife der Weiber; Pferde, Esel und Rinder wurden mit vielem Lärm erhandelt; die Gassen lagen voll von zerbrochenem Hausrat, leeren Kisten, Kleiderfetzen und Leinwandfetzen, Stroh, Pergamenten und Spänen. Wenn Christen vorbeikamen, hatten sie ein finsteres und drohendes Gesicht und sahen aus, als ob sie die Mittel überlegten, um all diese Anstalten zu nichte zu machen.

Auf einer Kiste saß sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den Beinchen hin und her. Er dachte: wo nur die Eva ist? Ihm war so unwohnlich. In das Haus des Maier Lambden sah er durch die hohlen Fensterlöcher hinein; er sah Kasten auf Kasten getürmt, sah die Weiber mit weißen Tüchern um den Kopf hin- und hereilen, wie sie die Schränke leerten und das Geschirr verpackten, und er hörte das Silberzeug klirren und den Lärm von Hammer und Meißel. Und daneben stand das Haus des Samuel Ermreuther. Der ließ von seinen Söhnen das Dach abtragen, denn nichts sollte den Gojim verbleiben von seinem Gut und Eigentum. Bei Itzig Genßhenker hatten sich viele junge Mädchen zusammengefunden und nähten emsig Wagendecken und Reisegewänder und sangen dazu alte Gesänge. Stunde für Stunde zogen arme Juden aus fremden Ortschaften durch die Hauptstraße, und in der frischen Glut ihrer Begeisterung vermochten sie nicht länger Rast zu machen, als es nötig ist, um ein Gebet zu sagen. Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen, mit ihrer jämmerlichen Habe, so schnell es ging.

Betrübt, mit trägen Schritten ging Benjamin an den Häusern entlang. Er blickte in die Gärten hinein, in denen alle Blüten verwelkt waren und alle Blätter den Boden bedeckten. Einmal sah er die kleine Eva über die Gasse eilen, und er stürzte jauchzend zu ihr hin. Aber das Kind, mit aufgestreiften Ärmeln und geröteten Wangen, schüttelte heftig den Kopf und sagte, sie habe zu viel zu thun, um plaudern zu können. Benjamin hatte Hunger, und weil man ihm daheim nicht zu essen gab, ging er hinaus an den Fluß, wo er Haselstauden wußte und wo er sich sättigen wollte. Er gehörte zu jenen Kindern, die stets im Märchen leben, und denen die Welt, wie sie ist, so wenig giebt, daß sie darin verkümmern müssen. So sah er durch seine melancholische Stimmung sich rings etwas Herrliches ereignen. Farbe, Glanz und Heldentum waren da, ihn zu entzücken und sein Herz in eine stürmische Bangnis zu versetzen. Er dachte mit klopfendem Herzen an das Land der Verheißung, wo es keine Christen gab und keinen bösen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein Spießrutenlaufen. Wie klar und furchtbar erinnerte er sich des Tages, wo sein Vater wegen einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war. Und seinen Oheim hatten sie aus Nürnberg hinausgepeitscht, weil er da übernachtet hatte. Und die Mutter erzählte, daß ihre Muhme als Hexe verbrannt worden war, obwohl sie eine fromme und sanfte Frau gewesen war. Dies alles machte ihn so ungeduldig, mächtig und stark zu sein.

Ein Jubelgesang scholl von den Häusern herüber. Er hörte eine Weile zu und fragte sich, warum eigentlich die Juden so verachtet seien. Doch dabei kam er zu keinem Schluß. Im Grunde schmerzte es ihn, von diesen Feldern fort zu müssen, wer weiß, wie weit. Es war so schön hier! Wie breit und ruhig lag das Land da! Ein grauer, glanzloser Nebel kroch über ferne Äcker und da drüben lag Nürnberg mit seiner kaiserlichen Burg, mit seinen starken Mauern, mit seinen schmalen, stolzen Türmen. Alle Häuser waren vielleicht aus Marmor gebaut, und die Stoffe und das viele Gold und die herrlichen Rosse, die Kampfspiele, der Jahrmarkt auf der Schüttinsel, der Metzgersprung, – wie bunt, wie wechselvoll, wie freudig und schimmernd das alles!