Die Juden von Zirndorf

Part 3

Chapter 33,615 wordsPublic domain

Als Rahel dies vernahm, erwachte sie aus ihrer langen Apathie. In ihr war nur ein Gedanke: daß sie fort sollte aus dem Land, wo der Geliebte wohnte; denn in ihrer heißen und erregten Phantasie war ein Gerücht schon einem Geschehnis gleich. Mit glühenden Augen eilte sie auf die Gassen; niemand beachtete sie heute. Viele schienen in einer Tollheit befangen, wie eine Schar Verschmachtender, denen man feurigen Wein gegeben hat. Kein Ritus wurde mehr beachtet, weder das Abend-, noch das Morgenminjan, weder der Socher, noch der Bund der Beschneidung. Über den Lilienplatz lief ein junger Mensch mit nacktem Oberkörper; er hatte sich auf die Brust die Worte gemalt: wir empfahen was unsere Thaten wert sind; wir leiden Pein in heißen Flammen. Der Schmuel, der Richter der Gemeinde, ein Mann von siebzig Jahren, der Tag und Nacht den Talmud studiert, hatte sich im Schulhof bis an den Hals in Erde eingegraben, und sein Leib war beinahe erstarrt. In hebräischen Worten schrie er leidenschaftlich das Lob des Messias und viele Menschen standen bleich und andächtig um ihn her. Rahel eilte hinaus zum Schießanger, wo noch von der Kirchweih die Wagen der Zigeuner standen, und dann lief sie hinüber zum Schwedenstein, wo sie kraftlos ins Gras sank. Sie hörte die Zigeuner schreien in ihrem Rotwälsch und sah sie gestikulieren, trotz des Nebels, der über der Landschaft lag. Der Schulklopfer und der Totengräber liefen an der Kapelle vorbei, aber sie nahm es nicht wahr. Ihr war zu Mut, als läge sie schon tagelang hier, ohne Sinn für die Flucht der Zeit und als müsse sie noch tagelang und wochenlang hier kauern, unfähig zu begreifen, was in ihr vorging. Der Himmel bedeckte sich mit Wolken und ein feiner Perlenregen fiel. Eine dieser Wolken, die heraufzogen vom Vestner-Wald, hatte die Gestalt und die Züge des jungen Studenten, den sie liebte. Sie sah es genau: die Wolke trug einen schwarzen Bart, der zierlich um Kinn und Wangen stand und kokett zugespitzt war. Sie sah auch den kleinen Mund und die kleine Nase und die unsteten Augen. Und dann stand er plötzlich bei ihr, Thomas Peter Hummel, und ihr war, als könne sie seine Hand fassen. Er sprach ihr zu, fein und schnell und geschickt und wenn er überzeugte, war es nicht in dem, was er sagte, sondern in seiner Stimme, in seiner gewandten, schlangenhaften Art, in seiner heiteren Geschwätzigkeit. Er wählte seine Worte wie ein scharfer Politiker und spielte taschenspielerhaft mit Gefühlen. Aber wie es in der Welt geht, sie liebte ihn.

Ein Mann und ein Weib kamen vom Anger her. Ihr gemächlicher Schritt zeigte, daß sie den Regen nicht achteten. Rahel erkannte Zacharias Naar und jenes schlanke Mädchen, das sie bei den Schaustellungen am Schießanger gesehen hatte. Sie war schön. Man muß die Augen zumachen, wenn man sie sieht, dachte Rahel. Sie war blaß und krank, wie verzehrt von einer geheimen Sehnsucht. Jede Linie an ihrem Körper hatte etwas Leidendes und die Form ihres Mundes verriet Geduld und Lieblichkeit. Dennoch war etwas an ihr, das all dies Lügen strafte, vielleicht in der Heftigkeit und dem Trotz ihrer Augen. Bald verschwanden sie an der Biegung des Wiesenwegs. Rahel blickte starr in die leise dämmernde Landschaft hinein und war froh, daß sie nicht gesehen worden war. Sie fühlte nicht Kraft genug, wieder nach Hause zu gehen und fürchtete, die einbrechende Nacht könne sie noch immer hier finden. Sie erschien sich ausgestoßen und verfolgt; verurteilt, für sich allein Schmach, Bedrückung, Ruhelosigkeit und Heimatlosigkeit zu ertragen; sie wollte nicht mehr heimkehren. Sie haßte Vater und Mutter, haßte die bleichen, gebetseifrigen, jüdischen Männer, ihre gefräßigen, schwatzhaften Weiber, die altklugen Knaben, die frühreifen Mädchen, die kindischen, fanatischen Greise: alle schienen ihr verächtlich und unrein. Doch wohin sollte sie gehen, wenn nicht nach Hause; sie dachte, endlos ist die Welt und für ein Judenmädchen giebt es kein Erbarmen und keine Unterkunft. Jeder Christenknecht, selbst ein Räuber darf sie stoßen mit seinen Füßen. Schließlich stechen sie dir gar noch die Augen aus, wenn sie es für gut finden, und dann mußt du verhungern. Sie glaubte nicht an diesen Messias, sie verachtete seine Prophezeiungen, vielleicht nur deshalb, weil es ihr gelungen war, durch einen plumpen Betrug alle, die um sie herum waren, völlig zu täuschen.

Während sie so sann und dabei in den westlichen Himmel sah, teilten sich dort die Wolken, und auf einmal warf die untergehende Sonne eine Flut schwefelgelben Lichtes über das ganze Firmament. Bäume, Steine, Wiesen, das Wasser, der Wald, die Häuser in der Ferne, die Kirchtürme, ja die Luft selbst schien ganz dick von diesem Gelb zu sein. Da lächelte Rahel und die Spannung ihrer Seele löste sich. Ein tiefer Frieden erfüllte sie, und sie schloß träumend die Augen.

Ein Bauer kam über das Feld geschritten, der seinen Kopf mit einem Sack verhüllt hatte. Er sah das Judenmädchen am Boden kauern und war so erschrocken durch den Anblick, den sie bot, daß er sich bekreuzigte und spornstreichs gegen die Häuser des Orts rannte. Eine Schar von Juden kam ihm entgegen, die zum Schwedenstein wollte, um das Grabmal des Joseph Gabriel, des Naphtali Sohn, mit Gewalt fortzunehmen, nachdem die Familie beim Schultheiß und beim Friedensrichter mit ihren Bitten abgewiesen worden war. Der Bauer aus Ronhof oder Poppenreut, dessen eines Auge erblindet war, machte den Juden die Mitteilung, daß er eine Hexe am Schwedenstein gesehen habe. Aber jene erkannten schon von weitem die Tochter des Knöckers, und einer lief zurück, um den Maier Nathan zu holen. Der Ronhofer Bauer hatte schnell erhorcht, daß die Juden den Schwedenstein berauben wollten; er schwang drohend den Arm, lief fort und alarmierte einen Hornmacher, einen Schneider, einen Goldplätter und zwei Metzger- oder Schlächterburschen, die in der Nähe des Schießangers ihre Verrichtung hatten. Als Maier Knöcker bleich und atemlos aus der Fischergasse kam, stürzten sich Hornschuch, der Kammacher und Federlein, der Schneider, voll Wut auf ihn, während ein paar ganz verdorrte alte Weiber aus dem Erdgeschoß eines grünen Hauses herauskeiften und ihren Haß gegen das Jüdengesindel nicht zu zügeln vermochten. Die andern Helden rannten mit dem Ronhofer Bauern zum Schwedenstein und freuten sich baß auf die bevorstehende Prügelei; im Laufen verteilten sie die Opfer unter sich und rechneten aus, daß jeder etwa drei Juden zum Prügeln bekommen würde.

Es war dunkel geworden: ein sanfter, milder Abend wider alle Erwartung. Die Sterne blinkten hervor unter den Wolkentüchern; auch der volle Mond stieg im Osten herauf, gerade über den Türmen Nürnbergs. Ein olivenfarbenes Licht ging von ihm aus, während im Westen das finstere Rot und das bronzene Gold allmählich verblaßten. Wer sich niederließ auf die Kniee oder sich platt auf den Leib legte und aufmerksam hineinsah in das weite ebene Land, konnte glauben, daß die Erde Atem schöpfe, wie ein Mensch, daß das melancholische Frankenland gleichsam die Brust der Erde sei, die sich auf und nieder bewegte in ruhigem Rhythmus.

Kaum waren die händelsüchtigen Burschen am Schwedenstein angekommen, als sie erstaunt und bestürzt stillstanden. Der Schelomo Schneiors, der Bürgermeister der Juden, hatte sich seiner Kleider entledigt, und mit einer kurzen Geißel, die fast wie eine Pritsche aussah, schlug er wütend auf seinen Körper los. Sein Gesicht war so verzerrt, daß es einen widerlichen Anblick bot, und seine dicken, blutroten Lippen schoben sich Gebete murmelnd hin und her. Sein Körper zuckte vor Schmerz, und die Rippen quollen förmlich heraus unter der magern, verwundeten Haut. Die andern Juden standen totenbleich rings um ihn her wie Scharwächter und beugten taktmäßig das Knie. Behrman der Levit rief mit einer Stimme, die schrill und unheimlich hinausscholl in den friedlichen Abend der Felder, eine kabbalistische Anrufung: Der König Messias wird erscheinen, und ein auf der Morgenseite befindlicher Stern wird sieben Sterne von der Mitternachtsseite verschlingen, und eine schwarze Feuersäule wird vom Himmel herabhangen sechzig Tage lang. Alsdann werden alle Völker zusammentreten gegen die Sprößlinge Jakobs, und eine große Finsternis wird in der Welt sein, fünfzehn Tage lang.

Mit einem irren Schrei stürzte Maier Nathan, den seine Feinde nun endlich losgelassen hatten, in den Kreis, ergriff Rahels Kopf mit beiden Händen, streichelte sie und fragte mit Todesangst in der Stimme, warum sie fort sei, ob sie krank sei, ob sie traurig sei. Rahel schüttelte nur den Kopf.

Der Schneider Federlein und der Hornmacher hatten ihren Mut eingebüßt und unverrichteter Sache zogen sie mit den andern davon; sie schickten den Ronhofer Bauern zu Herrn Pfarrer Wagenseil, damit er Bericht gebe und sie wegen des Schwedensteins keinerlei Verschulden treffe. Die beiden Schlächterburschen und der Goldplätter, die alle drei sehr gedrückt schienen, wünschten alsbald eine geruhsame Nacht und der Schneider und Herr Hornschuch gingen allein weiter. Am Gänsgraben kam ihnen ein Leiterwagen entgegen, dessen Fuhrmann dem Hornmacher bekannt war, und nun teilte jeder dem andern seine Gedanken mit. Der Fuhrmann wußte befremdliche Dinge zu sagen von Himmelszeichen und vom nahen Ende der Welt. Es sei gut, meinte er, daß man in Nürnberg keine Juden habe, denn dort seien die Bürgersleute noch halbwegs zu vernünftigen Dingen zu gebrauchen. Und er erzählte beiläufig, daß er am Juden-Bühel in Nürnberg einen großen Stein gesehen habe mit der Inschrift:

Der Stein ist nach den Juden blieben Als sie von Nürnberg wurden vertrieben In Wolfgang Eysen Haus, das ist wahr Im vierzehnhundertneunundneunzigsten Jahr.

Allmählich, wie der Mond höher stieg, wurden die Gassen mondhell. Herüber von den Wäldern der Veste wogten die schweren Dünste des Herbstes. Die Blätter der Bäume, ein wenig regenfeucht, schimmerten silbern und zitterten leise im Abendwind.

Fast alle Fenster in den Häusern waren erleuchtet. Die Juden schienen heute ein dreifaches Licht zu brennen, und die Christen hatten offenbar den unbestimmten Trieb, wachsam zu sein. Uralte Prophezeiungen schienen auf dem Wege der Erfüllung, und die Schwülnis, die vom Orient herkam, war viel drückender als einst vor sechzehnhundert Jahren, da man Jesus Christus gekreuzigt hatte.

Junge, jüdische Mädchen liefen in den Gassen umher, mit aufgelösten Haaren; manche hatten die Brust entblößt und ihre Augen glänzten wie von übermäßigem Weingenuß. Knaben saßen in Gruppen vor den Thüren und sangen Psalmen und Hymnen an den Messias. In den Zimmern hatten sich die Greise versammelt und gaben sich mit tiefer Inbrunst dem Studium der Kabbala hin. Da erhob sich z. B. in einem Haus am Kohlmarkt der neunzigjährige Chajim Chaim Rappaport und sprach: „Wäre er es nicht, der die Schmerzen von Israel über sich nähme, wahrlich kein Mensch wäre es zu erdulden imstande. Unsere Krankheiten wird er tragen und alle Übel und Schmerzen nimmt er ab von der Welt.“ Dann verkündete er, Sabbatai Zewi habe den vierbuchstabigen Gottesnamen auszusprechen gewagt und der Türke Murad Effendi sei dadurch bekehrt worden.

Im Hause des Ober-Rabbi hatten sich fünfzig Männer und Frauen zu einem Mahl versammelt. Je weiter der Abend vorschritt, je ungezügelter wurde der Freudenrausch, je heißer wurden die Köpfe vom Wein, vom Spiel, von Erregung seltsamer Art. Viele tanzten sinnlose Tänze in dem Betsaal des Ober-Rabbi und warfen die silbernen Becher in die Luft und viele, die später kamen, knieten hin und schrieen mit heiserer Stimme Gebete. Der Rabbi selbst war es, der zuerst die Kleider von sich warf und dann der jungen, schönen Esther Fränkel das Gewand vom Leibe zerrte. Ihre Lippen küßten sich, wie zwei Ertrinkende hielten sie sich umschlungen und nahezu nackt schwangen sie sich in einem orgiastischen Tanz umher. Andere folgten bald dem Beispiel; überall erhoben sich bleiche Gesichter von der Tafel, glühende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt der Erlösungen hinein und nackt zu sein schien als der Gottheit lautester Preis zu gelten: gerade wie wenn ein scheuer Sklave plötzlich die Freiheit empfängt und in wilder Zügellosigkeit sich selbst zerfleischt und seine eigene Habe zerstört. Männer, die schon an der Schwelle des Greisentums standen, gebärdeten sich wie Faune. Weiber mit grauen Haaren gaben sich einem Taumel hin, der ihnen selbst fremd und beklagenswert erscheinen mochte. Die Thelsela Knöcker trank fast ohne auszusetzen schweren Burgunderwein, lallte mit kindischer Stimme hebräische Worte von der Messiasbraut, bis sie besinnungslos zu Boden sank. Es waren junge Mädchen da, die sich einer tollen, rasenden Liebesgier überließen, gleichsam als wollten sie damit lange Jahre der Entbehrungen in ihrem Gedächtnis verwischen. Manche sahen aus wie Furien, die lechzend von Lust zu Lust wankten und schamlos hineinstürzten in finstere Laster. Geschrei, Ächzen und schrilles Johlen herrschte, eine scheußliche Musik, ausgeübt von fünf betrunkenen Spielleuten. Dazwischen erhob sich ein düsterer Gebetskanon, den drei oder vier Männer in einer dunkelen Ecke hersagten, oder ein fanatischer Schrei um Erlösung, der von einem fernen Haus in einer fernen Gasse erwidert wurde. Michel Chased, der Chassan, hatte die Gesetzrolle von der Schule geholt und tanzte damit umher wie mit einer Geliebten; er trieb eine lächerliche und furchtbare Unzucht mit ihr, und als er keuchend, die anderen gleichsam um Atem bettelnd, zu Ende war, bohrte er eine lange stählerne Nadel tief in den Oberarm, daß sein dunkelrotes Blut auf die Gesetzrolle und auf den Boden rann. Boruchs Klöß, Wolf Batsch und die Rumpeln knieten hin und leckten und schlürften winselnd das halbgeronnene Blut, indes der Chassan bleich und steif in die Arme seines Sohnes sank. Zwei junge Leute sahen für kurze Zeit den rotbärtigen Zacharias Naar durch den Raum gehen, beschwörend die Hände heben und wieder verschwinden. Ja, der alte Thurathara, dessen gerötete Augen stets wie aus einem dünnen Spalt hervorblinzten, behauptete, jener habe ein wunderschönes, blasses Kind auf den Armen getragen und lächelnd und heiter habe das goldlockige Geschöpf in das schreckliche Treiben geschaut. Der alte Seligman Schrenz wollte die Blöße seiner Tochter bedecken, wollte sie mit seinem Mantel umhüllen; aber jauchzend, mit halbgeöffneten Lippen lief die feine Noemi davon, warf sich in die Arme ihrer Freundin, der Schwester des Schulklopfers, und die beiden Mädchen küßten sich, warfen sich zu Boden und drückten ihre fieberheißen Körper dicht aneinander.

Und ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner Familie auf den Dielen; denn sie schliefen nicht mehr in Betten. Bei Tage hüllten sie sich in Tücher von grobem Stoff und hörten nicht auf, zu beten. Es gab Männer, die sich des Schlafes gänzlich enthielten und sich Tag und Nacht mit dem Studium des Gesetzes befaßten, denn durch die Tikkunim in der Mitternachtsstunde wurden die Sünden verwischt. Maier Wolf, genannt der Fünkler, und sein Bruder Samuel Fünkler gingen des Morgens bei dem kühlen Herbstwetter hinaus und badeten im Fluß, um ihren Leib zu reinigen. So stieg und stieg die Erregung der Gemüter, und es war bald ein gewöhnlicher Anblick, wenn einer nackend durch die Gassen taumelte und sich geißelte, bis sein Körper über und über mit Blut bedeckt war.

Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug, kam die Familie des Gabriel, des Naphtali Sohn auf dem Lilienplatz zusammen und vier junge Männer trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal. Es war eine Menge von Menschen dabei: Frauen und Kinder, die sich mit heiteren Tüchern geschmückt hatten und Freudengebete sangen. Auch viele Männer hatten sich eingefunden. Im langsamen, schmalen Zug schritten sie dem Gottesacker zu, an der Spitze die vier mit dem Stein, der mit goldbestickter Sammetschärpe umwunden war. Dazu lugte der Mond über das Dach der Michaeliskirche und es war, als müsse man überall erst die feinen Nebel zerreißen, bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht. Über dem Fluß, weit hinunter bis an ferne Waldgrenzen lag der Dunst, gleich einem weißen Gewölbe, oder wie die lange Säulenhalle eines Schlosses. Rote, dumpfe Flecken, wachte dort und da ein rätselhaftes Licht. Das Wasser rauschte in den Frieden, und nichts Bewegtes war zu sehen, außer den lichten, fast blendenden Wolken am Himmel und dem jüdischen Zug an der Straße.

Da sie sich den Mauern des Bes Chajim näherten, kam aus dem weitgeöffneten Thor ein Weib mit aufgelösten Haaren gelaufen und stammelte, oft unterbrochen durch staunende, erschreckte Ausrufe der Zuhörer, ein Geist schwebe über die Gräber und singe wunderbare Weisen und rufe: Messias, o Messias, o Sabbatai, Stern der Höhe! Alle blickten angestrengt hinüber. Der Gräberort lag ausgebreitet an einer Hügelsenkung und die zahllosen Grabsteine gaben ihm ein phantastisch zerklüftetes Aussehen. Darüber hinaus die nebelschimmernde Ebene, baumlos, häuserlos, einem Meer ähnlich, darin einsame Dörfer wie Toteninseln lagen.

Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist, überwanden ihre natürliche Furchtsamkeit und schritten ängstlich und zaudernd durch das Thor. Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang, immer spähend, zum Grab des Joseph Gabriel. Am mutigsten waren die Knaben; sie sangen ein Lied vom Stolze Zions, und ihre köstlichen frischen Stimmen erfüllten die Nacht gleichsam mit Heiterkeit.

Das Grab lag an der westlichen Mauer, die hart an den Schindanger der Christen stieß, und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet wurden. Deutlich war die alte Veste mit ihrem düstern Wald sichtbar und ein leiser, flötender Hornruf klang herein. Der Totengräber kam und Änsel Steinblaser trat als Vorbeter heraus, um die im Schulchan Aruch vorgeschriebenen Gebete zu sagen. Aber er fing nicht an; Minuten vergingen und weil die hinten Stehenden sein Gesicht nicht sehen konnten, drängten sie sich gierig vor. Einige verwünschten schon die Furcht vor den Christen, die sie veranlaßt hatte, die Ceremonie zur Nachtzeit vorzunehmen, und viele Weiber schlossen die Augen, um nichts sehen zu müssen. Als aber Obadia Änsel noch immer keinen Laut von sich gab, näherten sie sich ihm, so dicht sie konnten, und nun sahen sie, daß er mit aufgerissenen Augen und mit leichenfahlem Gesicht beständig nach einem Punkt starrte. Sie folgten seinem Blick und sahen eine weibliche Gestalt bei einem Weidenbusch mitten unter den Steinen stehen. Die Stille tödlichen Schreckens entstand, als ob alle auf einmal zu atmen aufgehört hätten; leise und eindringlich erscholl eine Mädchenstimme von dorther, – eine Melodie in einem fremden Rhythmus und einer fremden Sprache. Elkan Hirsch, der Totengräber und Rabbi Seligman in der Clauß waren die mutigsten, und da es doch eine menschliche Stimme war, die sie vernahmen, so folgten schließlich auch die anderen Männer, dann die Kinder und zuletzt die Frauen.

Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mädchen. Wer sie auch vorher bei den Zigeunern gesehen hatte, würde sie nicht wiedererkannt haben. Nur mit einem Hemd bekleidet stand sie da und schien doch nicht zu frieren. Wer sie so sah, mußte im Innern jedes Leiden mitfühlen, das sie bedrückte. Aber es war etwas listiges in ihrem Schmerz und etwas begehrliches in ihren klagenden Augen. Sie hatte eine lange, schmale Hand mit vielen Fältchen, mit überraschenden Bewegungen; oft scheint die ganze Seele in den Formen einer Frauenhand zu liegen.

„Ich habe nichts“, sagte das Mädchen, „ihr könnt mit mir thun, was ihr wollt. Laßt mich nur hier.“

„Vielleicht liegt deine Mutter begraben hier?“ forschte Elkan Fränkel. Ein junges Weib bot ihr einen schwarzen, englischen Shawl an, aber Zirle wies ihn schweigend zurück.

„Hört nur, was ich euch erzählen will“, flüsterte das Mädchen und flüchtige Schauer überliefen sie, während sich alle dicht herandrängten. „Ich bin im Kloster gewesen. Die Nonnen haben mich gelehrt, an Jesus Christus zu glauben. Was ich als Kind war, ist vergangen gewesen, denn das war in Polen, müßt ihr wissen. Ich denke jetzt so genau daran. Die Christen, so viel es gab im ganzen Land, sind hergefallen über uns, und die Gassen waren voll Blut. Unser weißes Tischzeug war voll Blut und die Betten. Mein Vater und meine Mutter und die zwei Brüder und die zwei Schwestern sind alle totgeschlagen worden. In der Nacht haben sie die Häuser verbrannt. Viele, viele Frauen und junge Mädchen haben sie in den Tempel gesperrt und haben Feuer daran gelegt. Ach was für ein Wimmern und Schreien! Und überall in Polen war es so. Ich habe mich versteckt in einem Stall, wo lauter Schweine und Schafe waren. Ich habe nimmer gewußt, ob es Tag oder Nacht war, habe Hunger gehabt und bin gelegen, wie viel Tage weiß ich nicht. Wie ich fort bin, barfuß, habe ich mich blutig gestoßen an den Steinen. Dann haben sie mich im Kloster aufgenommen. Die Zeit verging. Aber wenn ich auch Christengebete sagte, vergaß ich doch nichts. Es war immer, wie wenn ich meine Geschwister tot sähe. Auch den Garten sah ich und die Lichter beim Chanukafest und am Neujahrstag und wie wir an den Fluß gingen, um unsere Sünden ins Wasser zu werfen. Freilich war es immer wie ein Traum und wie ich eines Tages fort bin, weiß ich gar nicht und wie ich zu Zigeunern kam. Oft habe ich fremde Stimmen gehört, auch wenn ich ganz allein war in der Nacht. Ein Bräutigam wartet auf dich, rief es oft, er breitet seine Arme aus und erwartet dich. Er ist mehr noch wie Jesus Christus, er ist selbst Gott. Und eine andere Stimme rief mich Melliselde mit flutendem Haar, Kaiserstochter, Messiasbraut.

„Gestern, seht ihr, gestern kam mein Vater zu mir im Schlaf. Er sagte, Gott hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt. Du sollst ihm entgegengehen, denn er ist der Stern, der aufgegangen ist aus Jakob, wie es in der Bibel steht. Dann war ich den ganzen Tag darauf voll Angst und konnte nicht Ruhe finden. Und heute lag ich, da kam wieder der Geist meines Vaters und faßte mich mit seinen Händen an und trug mich hierher.“

Sie streifte das Hemd zurück und zeigte Nägelspuren an ihrem Leib, wo die Hand des Vaters sie gepackt hatte. Oberhalb der rechten Brust und an der linken Hüfte waren blutige Schrammen.

Ein langes Schweigen entstand. Eine sonderbare Scheu hielt sie ab, das junge Mädchen anzureden. Stille Schwärmerei, fanatische Gläubigkeit, geheimnisvolle Extase und die Taumel der Bacchanterei, das alles hatten sie gesehen oder gefühlt. Aber das offenbare Wunder, so dicht vor ihren Augen, machte sie verdutzt und voll Angst.

Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Thores auf und kam mit dumpfem, unruhigem Gemurmel näher. Am Leichenhaus zündeten sie Fackeln an, die einen blutigen Glanz über die Gesichter warfen, und deren Rauch die Mondscheibe verdüsterte. Von der Senkung des Hügels kam Zacharias Naar herauf, nahm Zirle bei der Hand und sagte laut und vernehmlich: „Führe sie, Tochter Zions! Alle, die da kommen, werden sich dir beugen.“