Part 6
Endlich erreichte die Karawane den Wald, – nach vier Stunden. Ein Fußgänger hätte den vierten Teil dieser Zeit nötig gehabt. In sanfter Steigung sollte es nun bergan gehen, aber vorher wurde eine Stunde Rast gehalten. Der Wald war finster. Damals glich er noch sehr den Urwäldern der Vorzeit. Es war so dunkel, wie es zu vorgeschrittener Dämmerungszeit im freien Feld ist, die Zweige trieften vom Regen, der Boden war ganz schwarz und schlammig. Ein eigentümlich klirrendes oder raschelndes Geräusch ging wie eine Welle durch den ganzen Wald. Zwischen den Stämmen in der Tiefe lagerte aufdringlich die Nacht und die Nadeln und das Laub am Boden waren naß und schlüpfrig. Bisweilen war der ferne Schrei eines Wildes vernehmbar oder ein Geräusch gleich dem Schlagen einer Axt. Der Himmel war verschwunden, auch die Ebene war nicht mehr zu sehen, und Regenschleier und Nebelschleier machten den Pfad zu einem unsicheren Bilde. Ein Vogel flog auf und huschte scheu und hastig ins tiefere Gehölz, in den tieferen Frieden des Waldes. Über dem sumpfigen Grund lag eine schwere Starrheit, etwas Gelähmtes. Wie fern fühlten sich alle schon der Heimat, ihren Gärten, ihren Häusern, dem Bereich ihrer Kinderspiele, dem Schauplatz ihrer Sorgen. Rahel lehnte, mit einem dicken Wolltuch geschützt, an einer Buche. Wohl war sie stumpf und müde, doch fühlte sie etwas in sich, das sie merklich von allen unterschied; sie fühlte sich edler und besser, gleichsam geweiht durch die vergangene Leidenschaft. Auch empfand sie schaudernd das junge Leben in sich, täglich mehr, täglich erschreckender, und doch war es so märchenhaft und unglaubwürdig, dies zu tragen, daß die Seele stark wurde und sich aufrichtete, als sei sie selbst etwas Körperliches. Sie trug die Zukunft im Schoß, ein neues Geschlecht, Kämpfer später Zeiten.
Das Zeichen zum Aufbruch wurde gegeben. Es ging zur Höhe, wo die Veste stand, von wo man ins Thal der Regnitz gelangen konnte. Männer und Weiber waren ausgestiegen und schleppten sich zu Fuß. Viele der Kärrner, die für schweres Geld gemietet worden waren, weil die meisten jüdischen jungen Leute nicht mit Pferden zu hantieren verstanden, und die an der nächsten Grenze durch andere abgelöst werden mußten, machten schon bissige und feindselige Bemerkungen. Viele Frauen trugen ihre Kinder auf dem Rücken, in Tücher eingehüllt. Wie langsam und mühevoll ging es hinan! Das Geschrei der Fuhrleute erfüllte die Luft, die Zigeuner heulten durcheinander, daß es rings wiederhallte wie in einem Kessel, und als einmal eine Wildsau über den Weg rannte, kreischten die furchtsamen Weiber durchdringend auf, und auch viele Männer wurden blaß und starrten fassungslos vor sich hin. In halber Höhe begannen die Steinbrüche, die nach dem großen Frieden von Nürnberger Bürgern gekauft und ausgebeutet worden waren. Jetzt galt es, Gestrüpp und überhängende Äste aus dem Weg zu räumen, und man mußte vorsichtig sein, damit kein Rad dem Abgrund eines Steinbruchs zu nahe kam. Drunten lagerte schwarzes Wasser, und es schien brunnentief zu sein. Der Regen bildete enge Ringe und der Himmel sah hinein und spiegelte sich darin mit düsterer Stirn. Schutt und Geröll und unbehauene Steine lagen umher; allenthalben gab es Löcher und tückische Schluchten, und das Heidekraut wuchs an den Hängen und die Brennessel. Wie große Ruinen waren diese Brüche, wie die zerstörten Häuser von Riesen, und sie hatten dazu etwas so frisch Verlassenes, daß man oft aus einem Abgrund den ungeheuren Leib des Bewohners auftauchen zu sehen glaubte.
Es ward Abend. Dicke Pfützen von Regenwasser standen in den Höhlungen des Weges, oder im Weggraben, und die Räder fuhren hinein, und das Wasser spritzte hoch auf. Erstaunlich war es und zugleich unheimlich, daß noch keiner an eine Umkehr dachte, da sie doch nur Peinigungen und Mühsale vor sich sahen. Sie blickten unerschüttert hinaus in diese mysteriösen Weiten, und es war eine dumpfe Ergebung, die sie so hinwandeln hieß, verstummt vor dem unhörbaren Gebot dieses Hüters in der Ferne. Wühlten Zweifel in ihrer Seele? Waren sie zu müde, mit ihren Zweifeln sich abzufinden? Zu stoisch oder zu sklavisch, den Willen jener Idee zu brechen? Zu feige, um sich bloßzustellen durch Ahnungen? Wer kann es wissen. Ein geduldiger Fatalismus war über sie gekommen. Als es dunkler und dunkler wurde, erhob sich ein ungestümer Sturm. Die Stämme erzitterten, viele Pechfackeln verlöschten und die Funken flogen beängstigend gegen die Kronen der Bäume.
Auf einmal, es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein, erschallten von vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale. Der ganze Wagenzug stand fast mit einem Ruck still. Ein furchtbares Schweigen, eine wahre Totenstille entstand im Nu. Alle wußten, was nun kommen würde, und sie waren so feig, daß sie förmlich zusammenschrumpften vor Angst. Da oder dort, in einer Lücke des Gehölzes erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen Bürgersoldaten, beleuchtet von den Fackeln, die sie am Bug des Pferdes befestigt hatten. Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den matten Zug der Auswanderer; sie verachteten die kriegerische Aufgabe, die ihnen zu teil geworden war. Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte: zu den Waffen, zu den Waffen! Es war ein heiserer Schrei, halb erstickt durch die Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts. Da krachte schon eine Flinte, schwer und donnernd; der greise Rabbi Elieser sank, ohne einen Laut von sich zu geben, ins schwammige Erdreich, und sein altes Blut floß ungehemmt dahin und mischte sich mit dem Regen. Jetzt wurden die Gemüter aufgerüttelt. Sie fühlten, daß es nicht nur die Freiheit war, die sie jetzt erringen sollten; hier stand der Jude vor dem Christen, Glaube gegen Glaube. Viele waren plötzlich wie betrunken. Sie stürzten zu den Wagen, packten, was sie gerade fanden: ein Küchengerät, einen Strick, eine Latte, einen Eisenstab, einen Besen, eine Flasche, ein altes ehernes Thürschloß, Lenkriemen für die Pferde, Steine, Stöcke und Baumäste, das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen geübter Landsknechte. Nur zehn oder zwölf hatten Flinten aufzufinden vermocht, aber da sie nicht mit der Hantierung vertraut waren, ergriffen sie sie vorn am Lauf und schwangen die Kolben drohend in der Luft. Doch schon knallten die Nürnberger von allen Seiten ihre Gewehre los und ein Knabe und zwei Frauen folgten dem armen Elieser in den Tod. Die Weiber begannen ein herzzerreißendes Weinen; das Schluchzen muß tief in den Schoß der Erde gedrungen sein, denn noch heute hört man es zur Nachtzeit in den Wäldern dorten. Die Zigeuner allein verstanden zu schießen, aber sie hatten kein Ziel, denn die Pferde der Angreifer waren überaus unruhig und sprangen förmlich gequält von Baum zu Baum, während sie im Fackelfeuer ihre eignen Schatten vor sich tanzen sahen. Viele alte Männer hockten mit fanatisch glänzenden Augen im Wagen, wo die heilige Schrift sich befand, küßten die Schrift mit bebenden Lippen und beteten ein Schemenesre und sangen Psalmen. Die Kinder verkrochen sich unter die Räder und waren gänzlich betäubt vor Schreck. Einer der Angreifer schrie auf seinem bockenden Gaul etwas von Ergeben und Umkehren, aber seine Worte verhallten, worauf er Befehl zu neuem Feuern gab. Nun mußten Boruchs Klöß und Wolf Bieresel an den finstern Tod glauben und fielen hin und streckten sich aus zu jenem langen und gefürchteten Frieden. Die Verzweiflung erschafft sich eine wilde Soldateska. Mit ihren grotesken Waffen liefen die Juden auf ihre grausamen Feinde zu und fürchteten weder Sterben noch Wunden. Sie sahen nicht mehr, sie waren wie im Rausch, sie schrieen hebräische Worte und ihre wunderliche Kleidung gab ihnen etwas Gespensterhaftes. Ein Teil stürzte zu Boden über Knorren und Wurzeln, denn das Erdreich war glatt und schlüpfrig, die nassen Zweige schlugen ihnen ins Gesicht und dann lagen sie da und wälzten sich in konvulsivischen Zuckungen. Nichts mehr schien zu helfen, eine blutige Nacht schien im Nahen zu sein, da gellte plötzlich eine wie toll kreischende Stimme: Feuer! der Wald brennt! Und: der Wald brennt! der Wald brennt! lief es weiter in der Kette. Die Tannenstämme am zweiten Steinbruch waren wie von innen erleuchtet durch eine dicke gleichmäßige Glut. In der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor, ruhig und blendend. Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen, die nassen Blätter glänzten, das nasse Moos. Bis in den Grund der Steinbrüche leuchtete der Brand. Schlängelnde Flammen spiegelten sich jäh im nachtschwarzen Moorwasser. Aufsteigend und aufsteigend wie aus einem unerschöpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der Feuersbrunst. Das feuchte Holz prasselte und knatterte, die Flammen leckten gierig von Baum zu Baum, angetrieben durch den sausenden Sturm, der von den Feldern herauffegte. Es wurde drückend heiß; als ob sie aus den Wolken hervorgetreten wären, erschienen die Ruinen der Schwedenveste zwischen den Feuern. Schrei auf Schrei erschallte, Schreie gräßlicher Angst, wie sie der Wald niemals vorher und niemals nachher vernommen hat. Die Gäule der Landsknechte heulten mit jenen Tönen, die stundenweit ins Land dringen, und rannten unaufhaltsam den Abhang hinunter durch Gestrüpp und über Felsen. Ein junger Reiter, der Sohn des Nürnberger Stadtschreibers, blieb mit seinen langen Haaren an einem Ast hängen, während das tolle Roß weitersauste zur Tiefe. Hilflos, mit stets schwächer werdenden Rufen hing er wie einst Absalom und mußte die Flammen heranschleichen sehen und ihn belecken bei lebendigem Leib. Unter den Juden war die Verwirrung so groß geworden, daß viele geradewegs in das Feuer hineinflüchten wollten; die mit Pferden bespannten Wagen rollten hinter den entsetzt fliehenden Tieren davon und wurden halb zerschmettert; schmerzliches Stöhnen drang aus allen Ecken und die Zigeuner machten sich den Wirrwarr zu nutze und stahlen selbst jetzt noch, was ihnen unter die Faust kam. In der größten Ratlosigkeit erschien Zacharias Naar. Er stellte sich vor die Fliehenden, erhob die Arme und vermochte ihren Lauf zu hemmen. Er führte sie so sicher durch die Flammen, als ob ihm diese aus Ehrfurcht den Durchzug frei gäben und alle folgten ihm wie Lämmer dem Hirten, und ruhig zogen die Fuhrleute die Wagen nach.
Im Wagen des Maier Knöcker lag ein neugeborenes Wesen auf der bloßen Diele. Rahel, durch die Häufung von Schrecknissen erschüttert, war mit einer Frühgeburt niedergekommen. Sie lag regungslos in der Ecke auf nacktem Stroh, während draußen der große Tumult wie Laute aus einer fernen Welt, wie durch Mauern zu ihr kam. Sie wußte kaum, wie sie es hatte ertragen können, und doch war ihr jetzt so gut. Sie hörte, wie die beiden Ochsen vor dem Gefährt gutmütig blökten; ihr dünkte, sie sei wieder bei ihrer alten Tante in Rot, wie vor zwei Jahren. Ein feiner Lichtschein, der stärker und stärker wurde, fiel in den Raum, aber auch das vermehrte ihr Wohlbehagen. Es war ihr, als stünde der Geliebte neben ihrem Lager und streichle sie, und sie sah einen alten, gepreßten Lederdeckel vor sich schweben, den sie oft in seiner Wohnung gesehen hatte, und der etwas Fremdes und Liebliches, etwas Märchenhaftes an sich hatte. Er hatte sie oft zum Heiland bekehren wollen, aber was war ihr der Heiland und was war ihr selbst der Gott ihrer Väter neben der bitteren und leidenschaftlichen Liebe, die sie empfunden! In ihr sang und klang es stolz von alten Liedern mit einem süßen, hallenden Kehrreim, da der Abend im Mai kommt und die Blüten zart umhaucht und die stille Nacht von Liebe schwer ist.
Holpernd rollte der Wagen gleich den andern unter der Leitung von Zacharias Naar ins Thal. Wortlos kniete Maier Knöcker vor dem Neugeborenen und achtete nicht das durchdringende Quietschen des Wurms. Er war völlig zusammengebogen, der Nathan, und schien nur noch ein Haufen von Kleidern. Er hatte die Fäuste geballt wie zum Schlag und bisweilen zitterte er am ganzen Körper. Das Wesen, das vor ihm sich wand, war ein Knabe. Sonst vermochte er nichts mehr zu denken. In seinem Innern war ein Loch und um ihn herum war es kalt und finster. Ihm gegenüber saß sein Weib. Sie hatte Hilfe geleistet bei der Geburt. Sie war durch nichts bewegt worden. Es schien, als könne sie durch nichts mehr in der Welt überrascht werden, nicht durch Reichtum und Kleinodien, nicht durch Schmerzen und die Wandlungen des blinden Schicksals.
Die Bauern standen auf den Feldern und sahen hinauf in die brennende Höhe und in den glühenden Himmel. Scheu wichen sie zurück vor den Juden, die sich langsam zu sammeln begannen. Aus allen Richtungen kamen die Verstreuten und fanden sich mit Freudenrufen ein. Für die Nacht wurde ein Lager bereitet; die Zigeuner, deren Hilfe jetzt nötig gewesen wäre, waren spurlos verschwunden. Zacharias Naar stand sinnend an einem Ginsterstrauch und lächelte trüb seinem Werk zu: dem brennenden Wald.
Noch in der Nacht kam eine große Menge von Bauern, mit Sensen, Beilen und Knüppeln bewaffnet und sie konnten nur mit Mühe und unter großen Opfern an Gold und Silber auf friedlichem Weg zum Abzug bestimmt werden. Der Rest der Nacht verlief ruhig; aber am Mittag des nächsten Tages wollte man aufbrechen und den Marsch beschleunigen, um den Feindseligkeiten der Nürnberger zu entgehen und sich zum Weiterzug in den Schutz der Markgrafen von Onolzbach zu begeben. Der Vormittag sollte der Bestattung der Toten gewidmet werden. Das Kind des Wolf Batsch und die Frau des Samuel Ermreuther waren in der Eile im Wald liegen geblieben und ihre Leichen waren verbrannt. Die Familie des Elieser war die ganze Nacht wach geblieben, war an der Leiche des Greises gesessen, während die Frauen an den Sterbekleidern näheten. Auch in den andern Wagen, in denen es Verstorbene gab, blieb das Licht brennen zu den aufrichtigen Thränen der Trauernden. Oft klang der Schrei des Wildes aus der Höhe des Waldes herab, wo sich das Feuer beruhigt hatte; über der Ruine lag eine schwere Rauchkrone, und die noch glimmenden Stämme leuchteten herrlich in die weite Ebene hinein.
Der Morgen kam mit dichtem, regungslosem Nebel. Die Gräber waren rasch gegraben, denn das geschieht bei den Juden mit Hingebung, weil sie alles für ein gutes Werk ansehen, was für einen Verstorbenen geschieht. Die Weiber mußten in der Behausung bleiben, sie durften nicht mitgehen bei Begräbnissen, außer den nächsten Blutsverwandtinnen, und denen durfte sich während dieser Zeit kein Mann nähern, weil es hieß, der Engel des Todes tanze mit dem bloßen Schwert vor den Weibern her. Bevor der Körper in den Sarg gebettet wurde, begoß man ihn dreimal mit Wasser, und ein alter Chronist sagt schon, daß dies etwas anderes bedeute, als eine äußerliche Reinigung. Feierlich erklingen dazu die Worte des Propheten: ich will rein Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet von eurer Unreinigkeit, und von all euren Götzen will ich euch reinigen. Und als die Begießung geschehen, faßte der Chassan den Körper bei der großen Zehe an und kündigte ihn der Gesellschaft der Menschen völlig auf. Dann wurde der Leichnam mit weißen Kleidern angethan, sein Haupt wurde mit dem Tallis bedeckt und also angekleidet wurde er in den Sarg gelegt. Die Zizis, die nicht vergessen werden durften, sahen ein Stück aus dem Sarg hervor. Und weil die Juden alle Erde außer der Erde Kanaans für unrein achten, so bedeckten sie die Augen des Toten mit einer weißen Erde, die aus dem heiligen Land sein soll, und auf die Erde legten sie zerbrochene Scherben von Töpfen. Und dann wurde der Sarg zum Grab getragen, und es war üblich, ihn auf diesem Weg dreimal niederzusetzen. Und jeder Freund warf drei Schaufeln Erde in das Grab, und der nächste Blutsverwandte zerriß seine Kleider. Der Totengräber nahm dabei ein Messer verkehrt in die Hand und schnitt oben einen Riß in das Kleid dieses Leidtragenden, der dann den Riß mit der Hand vollendete.
Bald waren die Bestattungen zu Ende. Die Sonne brach hervor aus den Nebeln, und leuchtend lag alles Land da. Langsam schritten die Leidtragenden zurück, und sie wuschen dreimal ihre Hände, weil sie sich mit dem Tod verunreinigt haben. Und manche rissen auch dreimal Gras aus, um es rückwärts hinter sich zu werfen.
Die Zurückkehrenden wurden mit der Nachricht empfangen, daß Maier Knöcker, der Nathan, gänzlich in Wahnsinn verfallen sei. Der Eindruck dieser Kunde war nicht tief, um so mehr, als Zacharias Naar vor dem Aufbruch in Worten von eindringlicher Kraft den Mut und die Zuversicht schwellte wie der Sturm das schlaffe Segel. Sie vergaßen Not und Mühen wieder und weihten sich gänzlich dem Glauben an die große Zukunft, an die Macht und Unumstößlichkeit all dieses Langgehofften, Langentbehrten. In solchen Stimmungen des Vertrauens wirkte jede Herbstzeitlose, die blaß und kümmerlich aus den Feldern grüßte, als ein Freudezeichen, jeder frühe Sonnenstrahl hatte etwas Berauschendes, Liebenswürdiges und Ergreifendes an sich. Der eine Mensch macht den andern gut und froh; es ist ein stummes Zureden unter ihnen, ein wortloses Sichbestärken. Es ist, als ob das Unglück sie nun geweiht hätte zum Dienst des Rechtes, zum Dienst des Glücks, und wenn einer ein fallendes Meteor in der Nacht gewahrt, ist es ihm eine Glücksbürgschaft für Tage, für Wochen. Es giebt Perioden in der Geschichte der Menschen, die etwas Nervöses und Zuckendes an sich haben, ein Hintaumeln von der Schlucht zur Höhe, ein bewußtloses Berauschtsein; da wachsen dann Menschen, die etwas von der erschreckenden Empfindlichkeit junger und feuriger Pferde haben, und denen ein seltsamer Morgentraum die Begeisterung zu großen Thaten verleihen kann. Denn an sich giebt es keine Freuden und giebt es keine Erlösungen in diesem wunderlichen Labyrinth von Schicksalen, in dem wir leben.
Mit gutem Mut zogen die Juden im Schein der Herbstsonne gegen das Thal der Rednitz hinunter. Drei Wagen, – die des Obadja Änsel, des Hutzel Davidla, des Simon Fränkel, – waren schon früher aufgebrochen und bildeten gleichsam die Vorhut. Sie fuhren nicht mehr so langsam wie am vorhergehenden Tag. Die weißen Wagendecken leuchteten freundlich in der Landschaft, der Wald stand in seinem matten Grün wie eine niedere Wand am Horizont, der Himmel war klar und rein und lichtbegossen, und das Licht strömte verschwenderisch über die Gefilde. Drüben, weit drüben, lag die alte Kadozburg und auf der andern Seite, noch weiter, kaum noch als zarte Silhouette erkennbar, das Kaiserschloß von Nürnberg.
Da sah der Hauptzug, wie seine Vorhut im Gelände stille hielt. Der Maier Lambden hielt die Hand über die Augen und sagte, er sehe eine Anzahl fremder Wagen, die aus einem Gehölz herausgefahren kämen, das sie bis jetzt bedeckt habe. Jetzt stiegen mehrere auf die Kutschböcke und sahen aufmerksam hinaus. Den meisten schlug das Herz in der Brust; denn sie fürchteten einen neuen Überfall. Der junge Wagenseil, der vortreffliche Augen hatte, sagte, es seien Leute, die eine ungewohnte und fremdländische Kleidung trügen; aber er hielte sie für Juden. Dann sagte er, Obadja Änsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane entgegen. Dann sahen alle, wie sie sich trafen, und wie sie kurze Zeit mit einander redeten. Und dann sahen sie, wie der Obadja Änsel die Arme ausbreitete wie ein Ertrinkender und dann hinfiel wie ein Stock. Und dann liefen zwei nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen auszubrechen und gebärdeten sich wie Verrückte. Zirle stand und schaute unablässig in die Ferne, wo diese Scenen sich ereigneten und plötzlich stieß sie einen markerschütternden Schrei aus, als ob sie alles durch die Lüfte vernommen hätte, und sank vom Wagen herab. Die vordersten Wagen kehrten um, kehrten zurück und in kurzer Zeit hatte sich ein lähmender, tötender Bann von wildem Schmerz um die vorher so wanderungslustigen Menschen gelegt.
Sabbatai Zewi war zum Islam übergetreten.
Der Prophet, der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene Himmelserscheinung, hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur das dunkle Bild des Geheimnisvollen und Rätselhaften hinterlassen. Wenn nicht seine außerordentliche Schönheit die Welt betrunken gemacht, so war es doch der Zauber seines Geistes, die Größe seiner Seele oder das Hinreißende seiner Worte. Oder wäre es nichts dergleichen gewesen? Es giebt Stimmen aus jener Zeit, die ihn dem Teufel gleich erachten oder einem schlechten Schauspieler oder einem Würfelspieler oder einem Lüsternen oder einem banalen Charlatan. Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen kennen? Oft ist die Geschichte wie ein dummes Frauenzimmer und läßt sich bethören von der Fabel und von der Fama und das ist gut, denn wie sollte der arme Nachgeborene die Fülle erdrückender Wahrheit ertragen, die sie ihm sonst nicht vorenthalten könnte? Der Grundpfeiler alles dessen, was besteht, ist die wohlthätige Lüge. Wenn in Polen ein Froschmensch zur Welt kommt und der Türke macht einen Gottmenschen daraus, so ist das nicht weniger wichtig, als die wahrhafte Mission eines Heilands.
Der fremde Zug, der den Weg der Fürther Juden so jäh gehemmt hatte, war ein kleiner Teil der Wiener Juden, die um diese Zeit von Kaiser Leopold des Landes verwiesen worden waren. Die Verzweiflung der Juden war groß und kann nicht in den herkömmlichen Worten beschrieben werden. Es war, wie wenn ein hoffnungsvoller Sohn plötzlich hinstirbt, auf den man alles gesetzt, von dem man alles erwartet, und der nun geht. Doch es war schlimmer. Es war mehr wie der Tod, schrecklicher wie der Tod, etwas, das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in einem grellen Bild zeigte. Die Juden sind ein starkes und störrisches Volk; doch sind sie nur groß, wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt, und sie sind nicht lange groß, denn sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigne Größe. Auch Sabbatai Zewi war ein Jude, vielleicht das klarste Bild des Juden, ein Stück Judenschicksal: Macht oder Sklaverei.
Viele zogen wieder nach Fürth zurück. Einige Familien der österreichischen Vertriebenen, die große Not litten, und furchtbare Entbehrungen hinter sich hatten, siedelten sich nebst einigen jungen Leuten aus Fürth in dem stillen Thale an. Bei ihnen blieb Thelsela, das Weib des blödsinnigen Maier Nathan, mit ihrer Tochter und ihrem Enkel, der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde, von dem in den folgenden Blättern die Rede ist. Die Thelsela war zu müde geworden, nach der stiefmütterlichen Heimat zurückzukehren, an der Seite der Christen zu leben und stets durch den Ort, wo sie gelitten, an die Reihe ihrer Leiden erinnert zu werden. Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drüben ein neues. Sie wollte nichts mehr vom Leben; sie war auch nicht die Frau, viele Worte um das Leben zu machen. Sie trug knechtisch und trug still. Sie war vernünftig geblieben, doch ihre Vernunft hatte etwas Dunkles, Bitteres und Lehrhaftes.
Jener Ort, der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach gegründet wurde, hieß zuerst Zionsdorf, welcher Name dann durch die einwandernden Christen in Zirndorf umgewandelt wurde. Er gedieh, die Felder um ihn herum waren fruchtbar und voll Segen und waren stets bereit, die anvertraute Saat zehnfach zurückzugeben. Schön ist dies Land und voll von unmittelbarer Poesie für den, den es geboren hat.