Die Juden von Zirndorf

Part 14

Chapter 143,916 wordsPublic domain

„Ach Agathon, ich mag dich so gern leiden,“ sagte Monika erglühend. „Du bist so still und so gut, und alles, was du sagst, ist so warm! Ich glaube, dich könnte ich nicht weinen sehen.“

„Ich hab auch noch nie geweint,“ erwiderte Agathon, den Kopf senkend.

Monika nahm seine bebende Hand und küßte sie. Dann gingen sie weiter wie zwei Schlafwandler, bis sie sich trennten.

Auch im Dorf sah Agathon viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses überschritt, überfiel ihn ein stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm einige Zeit hindurch allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos anstarrte, klärte sie ihn auf: „Ich bin zur Pflege Ihrer Mutter da, junger Herr. Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema!“ herrschte sie den Knaben an, der zu ihr reden wollte. Spöttisch lächelnd zog sie, Frau Hellmut, ihren Knaben hinter sich in die Küche.

Als Agathon ins Zimmer kam, sah er zunächst seine beiden Geschwister, die wie Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten. Elkan Geyer starrte mit roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie aus einer Betäubung und rang stumm die Hände. Enoch saß schweigend am Ofen. Agathon wollte nicht fragen. Voll Besorgnis schritt er die Stufen hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten und fand seine Mutter allein. Sie lächelte ihm zu. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften Gelb. Sie lächelte so matt und gezwungen, daß Agathon nach einer geflüsterten Frage, die Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer Augenlider beantwortete, wieder hinausging.

Mit einer blauen Schürze, mit schmutzigen Händen kam Bärman Schrot, – geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ängstlichen Bewegungen hinter sich: der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf dem Fuß. Sie kamen herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster mit aufgestreiften Ärmeln, beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit gerötet waren, und der Schmied schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines Stuhls, daß sie krachend brach. Mit schrillen Schreien flüchteten die zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und gleich darauf erschien Frau Jette selbst im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche gleich und mußte sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie von seinen Ersparnissen, die ihm gestohlen seien, und er werde dafür sorgen, daß in drei Tagen kein Jud mehr im Dorf sei, dafür werde er sorgen, man könne sich darauf verlassen. Er würgte die Worte nur so hervor. Der Schmied heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind um sich, wollte seine zweitausend Mark haben, oder er haue das Haus zusammen vom Dach bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an, ihm nicht, das sei wahr. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich die Menschen, drückten die Gesichter an die Fensterscheiben, drängten sich in den Flur, standen unter der Thüre, und endlich entschlossen sich ein paar ältere Männer, den zwei Wütenden zuzureden und sie langsam und durch Übermacht hinauszuschieben. Sie thaten es jedoch sichtlich mit Widerwillen, nur aus einem gewissen Mitleid mit dem entsetzlichen Bild dieser Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres Krankenzimmers stand, hinter sich zwei bleiche, zitternde Kinder.

Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agathon die Thür und sah seinen Vater prüfend an, der ganz in sich zusammengesunken, mit blauen Lippen auf jener Ruine von Stuhl hockte und ein Gebet murmelte. Enoch Karkau sagte nichts; seine Züge waren unbewegt. Er ging hinauf, brachte seine Tochter ins Bett zurück, puffte die Kinder die Stufen hinunter und stellte sich dann wieder mit dem Rücken gegen den Ofen.

Es klopfte an die Thüre, erst leiser, dann stärker. Agathon fragte, wer da sei; Gedalja sei da. Dann ging Agathon hinaus, schloß den Laden ab, rief der Magd, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der Frau Hellmut, die sich mit Kathrin eingeschlossen hatte, antwortete, sie mache nicht auf. Sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen Zuständen. Nach einigem Verhandeln war sie indes doch zu bewegen.

„Ich habs vorausgesehen,“ sagte Gedalja, beständig nickend, während er redete. „Werd ihn Gott beglücken dafor. Sin user fufzig Leit im Dorf, die so um all ihr Geld kommen, Juden un Gojim. Werd wachsen das Risches, daß mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sei Kind, nebbich. Is as wie e Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt dennoch in ihrer Farb. Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich abgeschunden ’s ganze Leben, hast gesammelt en übrigen Heller für die Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste Mensch, den ich kenn, aber Mark haste kaans in die Knochen. Da sitzte jetz un starrst. Zu was? Bin ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch nötig hat for sein Alter. Sitz ich da un starr? Ball is es aus, das Töpfche Leben, ausgeleert un ausgeschütt, nachher gitts nix mehr zum Starren.“

Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle erschraken. „Enoch Karkau!“ rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen nicht von dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas. Pavlovsky war noch nicht zu Ende, als Elkan Geyer von seinem Sitz auf die Erde sank und, wie ein Wurm sich windend, hilflos zu schluchzen begann. Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab. Seine Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu heulen; Frau Hellmut kam in diesem Augenblick herein und schrie laut auf, Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige Sekunden förmlich gebrochen. „Mutter“, murmelte Agathon verstört, als er vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm. Er sah hinaus auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht; er sah den grauen, wolkenvollen Himmel und die Häuser, die unbeweglich standen und wunderte sich, daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herrlichkeit bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben; der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und Menschen mit großen, verwunderten, wässerigen Augen.

Gedalja, der sich zusammengekrümmt hatte, daß sein Kinn die Kniee berührte, richtete sich plötzlich straff empor und rief: „Hab ichs nicht gesehen kommen? Elkan, hab ichs nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht gesagt, der Zugrundrichter werd kommen über ihn? Nu is geschändet die Kille un Haus un Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner Gutthat, Enoch. Was is Vernunft, daß se könnt bestehn vorm schlechten Gemüt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d’r habn deine grauen Haare gegeben un mußt hinwandeln in Nefehre, in Sünd und Schand. O Enoch, Enoch, hättste gehabt Erbarmen mit Andere, hätteste aach gehabt Erbarmen mit dir selber.“

Der Gendarm führte Enoch ab. Agathon sah, daß er keine Miene verzog. Etwas Starkes lag in seinem Wesen, das die Furcht nicht kannte.

Die Dämmerung brach herein. Agathon mochte nicht zu bleiben. Er ging auf die Straße und wollte gegen den Wald hinauf, als er Gudstikker begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm einen Brief, mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen. Agathon erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend einmal erlebt, daß ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem vergangenen Leben ... Oder war es ein Traum?

Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim rötlichen Schein des armseligen Lichtes: „Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von mir forderst. Ich bin keine freie Frau, kein freies Mädchen. Ich bin nicht geboren, daß ich so hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine Liebe ist in mir und will nicht vergessen, dich nie vergessen. Doch muß ich dich lassen, denn ich kann nicht, was du willst. Ich weiß nicht, welches Leben noch vor mir liegt, aber kann es nicht sein, daß das Kind, dessen Seele noch in meinem Leib schläft, mich deshalb anklagen würde? Das ist wahr und drum Adieu. Glaube mir. Deine Jette Pohl.“

Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte: „Meine Mutter?“

Gudstikker nickte und erwiderte: „An meinen Vater.“

„Und warum zeigen Sie mir das!“ rief Agathon voll Kummer.

„Warum? Das weiß ich selbst nicht. Ich mußte wohl. Jetzt können Sie sehen, wie das Leben ist. Wie ein Schauspiel geht alles. Ein Kobold hält uns an einem Faden und läßt uns genau so weit tanzen, als er will.“

Agathon hörte das nicht. Er sah verloren in die breite Mauer der aufgeschichteten Ziegelsteine, die sich für seine Blicke öffnete wie ein Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte zurückschauen ließ. Das war seine Mutter! Und wozu hatte sie das Leben gemacht! Hatte seine Mutter das empfinden können? Und wo war es nun hingeschwunden, das alles, wohin? Er begriff es nicht.

„Ich weiß was Sie denken,“ sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an banalen Weisheiten fort: „Es giebt nur zwei Wege für einen Menschen, – in die Berge, oder ins Thal. Droben ist er allein, im Thal wird er gewöhnlich. Ach das ist auch falsch. Worte! Ich bin jetzt Ziegeleiverwalter, Aufseher oder dergleichen.“ Er lachte bissig. „Wissen Sie, daß die Untersuchung über den Mord vorerst eingestellt ist? Man hat absolut keine Spur. Ja, die Herren da oben sind schlau. Einmal hatten sie sogar den armen Lämelche Erdmann in Verdacht. Dann auch Ihren Vater.“

„Was –?“

„Ja. Das ist nicht minder komisch. Er ist sogar verhört worden. Wissen Sie das nicht? Irgendwer hat mir gesagt, daß er seitdem von Furcht gepeinigt würde. Er ängstigt sich vor allen Gedanken, die er früher einmal gegen Sürich Sperling hatte.“

„Mein Vater? Das sagen Sie wirklich? Und das ist wahr?“

„Wahr.“

„Nein nein, das ist nicht möglich.“

„Weshalb regen Sie sich auf? Ich kenne da einen Fall, er ist ziemlich sonderbar. In einer Familie kam ein Ring abhanden. Ich kenne die Familie, es sind Juden. Ein Verwandter, den ich auch kenne, Edward Nieberding, war zu Gast. Als nun alle den goldnen Ring suchten, wurde Nieberding völlig gelähmt. Denn er war vorher allein in jenem Zimmer gewesen, wo der Ring gelegen war. Beachten Sie wohl, es konnte nicht der Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen, er ist ja selbst ein reicher Mensch, aber er suchte gar nicht mit, damit man nicht glaube, er suche nur deshalb, um zu zeigen, daß er den Ring nicht habe. Er wähnte sich beargwohnt, und er bildete sich schließlich so fest ein, jeder vermute ihn als den Dieb, daß er fürchtete, man könne den Ring in seiner Tasche finden, wenn man ihn nur durchsuchte. Er hat mir später alles erzählt. Schließlich ergab es sich, daß die kleine Katze den Ring fortgeschleppt hatte. Aber Sie sehen daraus, wie verwickelt das alles ist. Unsere Seele, sie glaubt oft nicht, was die Hand thut.“

Als Agathon dem Haus zuschritt, sah er auf einmal den Sema Hellmut neben sich gehen. Er sah dessen große, fragende Augen auf sich gerichtet mit einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe. Der Knabe sah aus, als sei er bekümmert über sein Unvermögen, die trübe Stimmung Agathons zu verscheuchen. Es war etwas selten Reines und Anbetendes in jenem flüchtigen Blick, der auch die Bitte auszudrücken schien: Darf ich mit dir gehn?

„Kennst du Wendelin?“ fragte Sema unter dem Zwang, etwas zu sagen, was ihn nicht als dumm erscheinen ließ. „Es ist ein guter Kerl. Er hat keine Mutter und keinen Vater und gar, gar kein Geld.“

Agathon schwieg. Er wunderte und freute sich über das bedürftige Anschmiegen des Knaben. Aber er dachte daran nur halb. Der andere Teil seines Nachdenkens war der Ringgeschichte gewidmet, seinem Vater, seiner Mutter, dem Schicksal, das über ihm hing wie die Wolken und das alles dunkel machte, gleichwie die sich mehrende Finsternis des Abends von den Wolken auszufließen schien.

„Du bist schön, Agathon,“ sagte Sema unsicher und schwieg betrübt, als er keine Antwort bekam.

Daheim fand Agathon alles friedlich, – von einem unheilvollen Frieden erfüllt. Müßig wandelte er in den Garten. Ein kalter und feuchter Wind ging. Er hörte es rascheln wie vom Graben eines Spatens. Plötzlich sah er seinen Vater im Garten schaufeln. Er keuchte dabei und grub ruhelos, bald hier, bald dort, – ein Schatzgräber. Es war unheimlich anzusehen. „Was thust du, Vater?“ fragte er.

Elkan ließ den Spaten sinken, stützte sich darauf und Agathon sah trotz der Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten. „Du bist jetzt so alt, um alles zu verstehen, Agathon. Gott hat seine Hand abgezogen von uns und sein Antlitz verhüllt. Aber wir dürfen nicht murren. Gepriesen seist du, Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst.“ Elkan betete ein Lobgebet.

„Vater,“ sagte Agathon „ich kann nicht mehr in die Schule und darf es auch nicht. Ich werde davon gejagt, obwohl es recht und gut war, was ich gethan habe.“

Elkan Geyer warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun. Nach einem langen, schweren Schweigen ging er mit suchenden Schritten ins Haus. Agathon blieb, nahm seine Mütze ab und gab das Haar den Winden preis. Die Nacht öffnete sich ihm mit einer Reihe schwüler Wunder, unvorhanden für fremde Augen. Er glaubte in einem Tempel zu sein, doch erkannte er den Gott nicht.

Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und erklärte sanft, daß man nichts „übereilen“ müsse. Es sei alles beim Alten und hier sei eine „Pillule“. Doch war sein Gesicht sorgenvoller als sonst. Agathon sah die Augen Semas beständig auf sich gerichtet; sie folgten jeder seiner Bewegungen.

„Gepriesen seist du Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst,“ murmelte Elkan.

„Die Welt ist gar groß und hat viele Sterne und viele Erden, Elkan,“ sagte Gedalja. „Worum soll er nit vergessen an den Gedalja, nit vergessen an den Elkan? Elkan is brav, ich waaß, aber worum soll er nit vergessen an die Braven, wenn er hat so viel zu bessern an die Sünder? Wenn de tot bist, waaßt de nix dervon und denkst in deiner Sterbestund, du hast gelebt e großes Leben, e reiches Leben un nit e Elkanleben. E Chillik! Gehängt is gehängt, mit’n Strick oder mit’n Goldfaden hat mei seliger Onkel g’sagt. E weiser Mann.“

Agathon schlief nicht in der Nacht. Seine Seele war heiter, und erregt sah er in die Finsternis. Er hatte ein Gefühl, wie oft, wenn er ein Geschenk erwarten konnte und ungeduldig war, es zu sehen. Die Nacht war unbewegt, nur selten gestört durch das Heulen eines Hundes. Als es drei Uhr schlug, kam der Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum. Mit diesen Strahlen wurden die Figuren in Agathons Sinnen lebendiger und verklärter. Sie brachten ihm Reichtümer, von denen er nicht begriff, daß er sie je hatte entbehren können, er fühlte sich wachsen und es war, als hörte er einen Ruf über die Felder hinhallen, der ihm galt: lang und eindringlich.

Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geyer. Er verlangte den Weglohn und trollte ins nächste Wirtshaus. Elkan setzte sich an den Tisch und las. Kaum war er damit zu Ende, als er aufschrie wie ein Gefolterter. Gedalja ging zu ihm, aber Elkan ließ sich nicht halten, sein Gesicht wurde plötzlich blaurot, er fiel über Agathon her, preßte die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt, wenn nicht ein furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht hätte. „Aus meinem Haus, du Christ!“ röchelte er und stieg schwer und schwankend die Stufen zum Schlafgemach hinauf, begleitet von der händeringenden Frau Hellmut.

Gedalja strich Agathons Haar langsam und nachdenklich mit der Hand. „Was haste gethan?“ murmelte er. „Der sanfte Mann, der sanfte Elkan is geworden e wildes Tier. Die Welt is nimmer ganz. Es is was los in der Welt un mer stehn da wie die hilflosen Kinder, user.“ Er nickte; Agathon lehnte die Stirn an seine Schulter.

„Zum Doktor! Zum Doktor!“ kreischte die Pflegerin und rannte selbst fort. Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte: „Sie stirbt. Schemaa Jisroel adonai elohim adonai echot.“ Seine Augen waren glanzlos, die Arme hingen schlaff.

Agathon richtete sich auf. Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem überirdischen Feuer erfüllt, das alle mit Bestürzung und Scheu gewahrten. Die heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ganz ruhig. Er ging ins Zimmer der Mutter, an Elkan vorbei, der sich zusammenduckte wie vor einem Pestkranken, und trat an das Lager der Kranken. Ihr Gesicht war gelb wie altes Pergament, – es war grausig. Ihre Augen blickten matt, leblos, stumpf, gleichsam den Tod suchend. Agathon sah nicht dies Bild. Er sah die jüngere Mutter, die entsagt hatte, geliebt, verloren hatte und nun unter der schweren Bürde der Tage erlegen war. Und dann war auch dies alles tot für Agathon. Er nahm ihre Hand und begegnete ihren Augen. Er legte seine Hand auf ihre verfallene Brust, gegen die das Herz verlöschend klopfte. Er wünschte, das Fenster möge offen sein und da öffnete es jemand, als ob es eine unsichtbare Hand wäre. Seine Brust war zum Springen voll, er wußte nicht ob vor Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen. „Werde gesund, Mutter, wache, Mutter, du bist nicht krank, du darfst nicht sterben.“ Er kannte seine Stimme nicht mehr, sie war ihm etwas Neues; die Kraft, die seinen Körper aufatmen ließ, sich aufrichten ließ als wäre eine unerhörte Last von ihm genommen, erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz. Und das Feuer schien in den Körper der Kranken überzuströmen; sie lächelte plötzlich unter seiner bebenden Hand, sie seufzte erleichtert auf, sie drückte mit den schwachen, fleischlosen Fingern seine Hand und rief seinen Namen. Und je länger er die erloschenen Züge ansah, je mehr belebten sie sich in einer geheimnisvollen Weise, – bis sie ganz frei, mild und hoffnungsvoll schienen. Und als der Arzt kam, hereingeleitet von der Pflegerin, richtete sie sich zu dessen Erstaunen empor, legte den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und ihren Kindern mit einem Lächeln zu, das eine eigene Mischung von Schalkhaftigkeit und Inbrunst war.

Neuntes Kapitel

Novemberstürme!

Bojesen schritt durch die leeren Gassen mit den flackernden Lichtern und der Umhang seines Mantels wehte hoch empor. Sein Hut flog vom Kopf, rollte hin über die Steine und blieb vor dem Eingang des „siebenten Himmels“ ruhig liegen, wie ein Pferd, das seine Station kennt. Bojesen hob ihn gemächlich auf und trat in das Lokal, das voll von Menschen war, meist sehr seltsamen Existenzen. Er nahm Platz, bestellte Bier und wandte bald keinen Blick mehr vom Podium, wo die Schaustellung stattfand. Über eine nächtige Landschaft schien ein kunstloser Mond, und ein Ritter wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen den Arm aus. Da öffneten sich die unglaubwürdigen Wolken und eine Erscheinung stand zwischen ihnen: Luisina. Der Ritter verzweifelte, diesem geliebten Bilde jemals nahe zu kommen, warf sich auf die Erde und gab vor, zu weinen. Da erhob sich ein Zauberer aus einer mangelhaft funktionierenden Versenkung, oder es war Satan selbst, wies ein Pergamentum vor und machte die Gebärde des Sichverschreibens. Das that der Ritter, darauf fiel die schöne Luisina aus den Wolken, die Nacht war beendet, das primitive Wasser und der komische Mond verschwunden und die Pantomime ward zum Bacchanal. Wilde Mädchen mit wilden Haaren stürzten auf die Scene und zerrten junge Männer hinter sich nach. In diesem köstlichsten Theater spielte das Publikum die Orgien, die man ihm vorspielte, selbst mit. Ein langhaariger Mensch, eine Art von Künstler, saß am Klavier und entlockte dem unwilligen Instrumente eine Folge von schrillen Harpeggien im Walzertempo. Der Glühende erschien mit emporgehobenen Armen und ekstatischen Begeisterungsausbrüchen, die Köchin kam und schrie, sie könne das Wasser zum Punsch nicht kochen, denn der Wind fahre stets in den Schlot und lösche das Feuer aus. „Nimm das Feuer meiner Brust, Aglaia!“ heulte der Glühende. „Kein Orkan des Universums vermag es zu löschen!“ Ein Mann mit glattem, langem Haupthaar war da, den man Barbin nannte und der sich sehr ängstlich gebärdete, obwohl er sehr laut den Übermütigen zu spielen versuchte. Sein Äußeres wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen, wie sie die Städte hervorbringen, eines jener unglücklichen Geschöpfe, für die die Zeit eine käufliche Dirne ist, da sie ihnen ohne Münze nichts giebt, womit sie ihr Leben verkürzen können. Dieser Barbin wandte sich sehr oft an den Glühenden, als flehe er ihn um seinen Schutz an, und er suchte dies durch ironische Worte zu bemänteln, die aber von dem tollen Jauchzen auf der Bühne verschlungen wurden. Luisina schien alle Ruhe und Besinnung verloren zu haben. Sie befahl dem Glühenden, sich zum Schemel ihrer Füße zu machen, und er legte sich platt auf die Erde. Die andern Mädchen tranken Wein in Strömen. „Wann wird denn nun der Böse seine Urkunde geltend machen?“ fragte Bojesen eine Brünhilde, die neben ihm saß, in einer männlichen Pose, das Schnapsglas in der Hand. Sie erwiderte: „Ja, das ist nichts für Pfaffen und Professoren hier im siebenten Himmel.“ Alsbald begann der Tanz mit Jubel und Singen und auf einmal war alles still. Einige Burschen in Tricots mit prachtvoll gebauten Körpern machten halsbrecherische Kunststücke. Barbin machte vergebliche Versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, bis es ihm gelang, den Pianisten vom Klavier zu vertreiben. Er setzte sich hin und spielte mit grotesken, schlangenhaften Windungen seines Körpers irgend eine tolle Phantasie.

Plötzlich sah Bojesen sich gegenüber Luisina sitzen. „Nun, da sind Sie ja wieder“ redete sie ihn spöttisch an. „Was wissen Sie Neues? Eigentlich ist mir Ihr Anblick verhaßt. Warum sind Sie so finster, nachdenklich, schwermütig? Wer sind Sie? Was wollen Sie? Hier giebt es kein Amt für Sie. Höchstens eines. Wenn der Tag anbricht kommt nämlich der Teufel wieder, um mir meinen Ritter zu holen. Er kommt in Gestalt eines Polizisten. Das ist ein Amt für Sie.“

„Warum sagen Sie mir das alles?“

„Das will ich Ihnen erklären. Mir ist, als spräche ich in Ihrer Person zur ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Ich habe auch dazu gehört. Aber so ist es um unsere Zeit bestellt, daß wer sich freuen will, sich von ganzem Herzen ausleben will, all sein Heil und seine Seligkeit im Lachen sucht, daß der zu solchen Dingen kommt. Da wo sonst das Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist, da muß er sein Höchstes suchen und finden, denn überall sonst ist es zu anständig dazu. Und für ein Weib! Was soll ein armes Weib thun in eurem Kreis von schalen Vergnügungen, von ekeln und zehnmal wiedergekäuten Genüssen? Was soll sie thun, da sie erst anfängt, unter Menschen zu zählen, wenn sie heiratet. Was kann sie dafür, wenn sie in einer Welt lebt, wo jeder darauf stolz ist, wenn er ein wenig unglücklich ist? wo die Lebensfreude bei der Prostitution anfängt? Sagen Sie selbst! reden Sie doch! Ach, Sie haben ein Gesicht, dem ich eigentlich viel vertrauen könnte. Glauben Sie mir, nicht die Not allein ist Schuld an dem „Fall“, wie man es nennt, so vieler Menschen, sondern die Sehnsucht nach, – ja, wonach sag ich doch gleich, – die Sehnsucht nach, – es ist zu schwer, ich kann es nicht sagen.“

Sie schwieg. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah lächelnd hinein in den Taumel, der sich rings um sie gestaltete. Der Glühende sprach nur noch in Versen, Barbin hieb wie besessen auf das arme Instrument ein und gab seinem Körper stets einen erschreckenden Ruck, wenn er vom Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang. Viele tanzten, schnell und feurig, oder leise sich wiegend und träumerisch, allein oder zu zweien. Die Brünhilde neben Bojesen war selig, wie aufgelöst vor Weichheit und nippte gerührt von ihrem Glas. Auf einmal war in einem Nu das Podium leer, die Gaslichter zu halber Höhe herabgedreht; auf einmal war auch Barbin still und ließ die Hände auf den Tasten ruhen. Die Tanzenden hielten ein und flüsterten: „Die Dämonen“.