Part 15
Auf der Bühne erschienen in einem matten, grünen Licht vier Männer mit düstergrünen Gewändern, so enganschließend, daß sie wie nackt aussahen, grünen Gesichtern und begannen ein phantastisches, unheimliches, aufregendes Spiel. Wie Fische im Wasser, so bewegten sie sich in der Luft; ihre Füße schienen des festen Grundes nicht zu bedürfen, ihre Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz gebunden. Bald schienen sie alle ein einziger Leib zu sein, der sich in entsetzlichen Krümmungen wand, bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich, wurde von unsichtbaren Händen in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die Bretter zurück. Bald waren sie wie eine Meute von Hunden, denen der Jäger aus der Ferne pfeift, bald glichen sie Würmern und krochen auf unbegreifliche Art an den Seidenwänden empor, alles blitzschnell, fischhaft, dämonisch. Jeder sah zu, als ob sich ein spannendes Drama entwickeln würde. Als Bojesen den Blick abwandte, sah er in geringer Entfernung, im Dämmerlicht fast unmerklich, Luisina. Sie schien ihn lange beobachtet zu haben. Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann nach der Thüre, als sie sah, daß er ihr folgen würde. Sie hatte einen Pelzmantel um den Körper gelegt und ein blaues, seidenes Tuch um den Kopf und ihre großen Augen sahen mit einem ungewissen, zitternden Glanz, aber doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne. Draußen sprach sie kein Wort; sondern stumm forderte sie Bojesen auf mit ihr zu gehen. So wanderte er schweigend an ihrer Seite weiter.
Welch eine Nacht ist das! dachte Bojesen. Es herrschte nicht eigentlich Dunkelheit und auch nicht Helligkeit, – eine jener seltsamen Herbstnächte, in denen sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben scheint. Es fehlen auch jene Stimmen, jenes unklare, unbestimmte Geräusch, das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des Tages ist. Der Wind hatte sich gelegt. Der Mond, eine unvollendete Scheibe lag in einem graugelb geschimmerten Flaum von Wolken. Er sah ganz verquollen aus, wie Farbe auf feinem Fliespapier. Das Leben war von den Straßen wie fortgeblasen. Die Häuser mit den dunklen Fenstern und den weißen Gardinen sahen aus, als ob sie schliefen; Bojesen konnte die Straße entlang blicken bis an die Grenzen des Horizonts, und diese lange, unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes.
Luisina schritt rasch dahin, hastig atmend, offenbar noch mit ihren Entschlüssen ringend. Bojesen folgte ihr, mehr gezogen durch die intime Macht, die sie auf ihn ausübte, als freiwillig. An einem einzelnen und sehr vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie endlich Halt, drückte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen Knopf und ging dann die teppichbelegte Steintreppe empor, hastig, atemlos. Aus einer Thüre kam ein junges Mädchen, dessen Gesicht alsbald das größte Erstaunen ausdrückte. „Jeanette!“ rief sie aus. „Ist Nieberding zu Hause?“ fragte Jeanette-Luisina bebend. – „Nein, Edward ist noch nicht da“, entgegnete das Mädchen bestürzt und schüchtern und blickte furchtsam auf Bojesen, der nichts zu sagen, ja nicht einmal sich zu bewegen wußte.
„Ach Cornely!“ rief Jeanette und faßte mit beiden Händen nach der dargebotenen Hand des Mädchens.
„Was, meine Gute? Komm doch herein. Willst du warten auf Edward? Es ist alles so sonderbar, was du thust“, sagte Cornely mit ihrer leisen, kindlichen und zutraulichen Stimme. Sie hatte stets ein schwaches und undeutbares Lächeln auf den Lippen; aber hätte man ein Tuch über den Mund gebreitet, so wäre auf dem übrigen Gesicht ein Ausdruck von Schwermut, mehr wie von Schwermut geblieben. Sie machte den Eindruck eines Geschöpfs, das durch irgend eine Situation vollständig betäubt ist und sich nur bestrebt, ihre Gedanken geheim zu halten. Ihr Haar war von einem dunklen Gelb, wie es etwa das Stroh hat, wenn es lange in Scheunen gelegen und verstaubt ist. Ihr Gesicht war von Sommersprossen bedeckt; ihre vollen Lippen waren trocken und aufgesprungen und erinnerten in der Farbe an ein Stück verwaschenen roten Kattuns.
Dann saßen sie im Salon, bei dunklem Licht, das durch gelbrote Seidenschirme schimmerte und in den Ecken förmlich zu verfließen schien, als ob es hinstrebte zu der allgemeinen Nacht draußen.
„Ich habe diesen Herrn mitgebracht, Cornely, – es ist Herr –“
„Bojesen.“
„Ja; Herr Bojesen hatte also die Güte, mich zu begleiten, weil ich nicht allein gehen konnte, zweitens weil er ein Freund von mir ist und dabei sein muß bei dem, was ich jetzt vorhabe.“
Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung. Er konnte sich dem vibrierenden Wesen des jungen Weibes nicht eine Sekunde lang entziehen. Er dachte wieder an sein eignes Weib, die, er wußte es, zu Hause in kurzen Zwischenräumen zur Treppe lief, mit der kleinen Lampe hinunterleuchtete, von jedem Schritt auf der Gasse aufgescheucht wurde wie ein Vögelchen und auf ihn wartete, wartete.
Als Jeanette den Mantel abwarf, weil es ihr zu heiß wurde, stand sie da in ihrem Theaterkostüm, sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflügel blähten sich seltsam. Cornely stieß einen leisen Schrei aus und faltete die Hände.
„Wie lange willst du noch so bleiben, meine arme, kleine Cornely?“ sagte Jeanette. „Soll ich recht behalten von damals her, als ich dich beim Pfänderspiel zur alten Jungfer machte?“ Etwas Triumphierendes lag in ihrem Gesicht. Das Kostüm schillerte zauberhaft im matten Lampenlicht.
„Selbstüberwindung ist die größte Freiheit,“ erwiderte die Bleiche mit ihrem sanften Lächeln.
Die Hausthüre wurde zugeworfen, schlürfende Schritte wurden laut, und Bojesen glaubte eine heiße, zitternde Erregung in Jeanette mitzufühlen. Ein junger Mann trat ins Zimmer und blieb wie versteinert stehen, weiß wie Leinwand. Er war schlank, groß und bartlos, hatte dicke Lippen und eine dicke Nase, tiefliegende, etwas gerötete Augen und einen eigenen Zug von Adel und Feinheit im Gesicht. Das feinste waren seine Hände. Sie waren lang, zartlinig wie ein gotischer Bogen und bewegungslos: müde Hände. Cornely schlich geräuschlos und etwas bestürzt davon, als er kam.
„Du bist erstaunt, wie ich sehe,“ flüsterte Jeanette. „Aber willst du dich nicht erholen? Dieser Herr hier darf dich nicht stören. Ich will, daß er bleibt, und ich will, daß du so bist, als ob er nicht da wäre. Verstehst du?“
Edward Nieberding senkte den Kopf und ließ sich in ein Fauteuil fallen. „Rede! Was willst du? Ich begreife nichts von alledem.“
„Wie solltest du auch das begreifen!“ erwiderte Jeanette leidenschaftlich erregt. „Wie könnte ich das vermuten! Du, der eher begreift, was auf dem Mond vorgeht, als in der Seele einer Frau! Du! Bist du es nicht, der das erfunden hat von der keuschen Liebe? Der das alles gepachtet hat, diese eisigen Dinge von Resignation und kühler Anbetung und von der unsinnlichen Macht des Schönen oder wie du es nennst? Rede du! Rede! Hast du mich nicht irre gemacht an allem was strahlt in dieser Welt und was warm ist?“
„Verschone mich, Jeanette! Wie thöricht von dir! Warum in der Gegenwart eines Fremden? Was thust du!“
„Ich will es dir sagen. Hier ist ein Mann. Ich glaube, Bojesen, Sie sind ein Mann. Ich frage Sie nun, – und dazu sind Sie hier, daß Sie mir auf Ihr Gewissen antworten, denn Sie sehen ehrlich aus, – ich frage Sie nun: kann ein Mann ein Weib lieben, wenn er sie bittet, gehe fort von mir, gehe weit fort, denn dann wird meine Liebe zu dir immer größer und mein Gefühl reiner –? Der sie bittet, küsse mich nicht, denn sonst begehre ich dich und das würde meine Liebe verringern –? Ich will von dir träumen, genau so redet er, ich will träumen, wie du bei Mondschein am Seeufer wandelst, weit von mir, wie du den Elfen gleichst, die ungesehen um dich huschen, – dann liebe ich dich wild, unfaßbar. Was sagen Sie dazu? Oder nein, antworten Sie noch nicht, erst dies –“
„Jeanette!“
„Still! Dies: was sagen Sie dazu, wenn ein Mann sagt, erst dann werde ich eine Frau wahrhaft lieben, wenn Sie einen Andern geheiratet hat und von diesem Andern ein Kind gehabt hat –? Und nicht genug mit diesen Worten, – der mich hinschickt, und mir rät, den andern zu nehmen, der mich bethörte, mich alles vergessen läßt, was ich mir schuldig wäre! Was sagen Sie dazu, Herr? Nun? urteilen Sie! Schweigen Sie nicht, sonst war es überflüssig, daß Sie kamen.“
Eine lange Pause entstand.
„Wenn ich nun reden muß, und wenn dies alles vorgefallen ist,“ sagte Bojesen langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen, nervösen Züge des jungen Mannes, „dann ist es erstaunlich, aber doch zu erklären. Es liegt in der Zeit. Ich wette, Herr Nieberding, Sie können den Anblick eines nackten Menschen nicht ertragen? Ich nehme auch an, daß Sie nie trinken, nie spielen, nicht mit Kindern spielen können? Ich bin ja nicht als Arzt hier, aber weil ich nun doch in dieser Lage bin, will ich sagen, was ich denke. Ja, es liegt in der Zeit. Mit welchem Wort Sie es nennen wollen, ist gleichgültig. Es ist all dies Mystische und Schwächliche, das über uns gekommen ist wie eine Krankheit, daß wir nicht mehr wissen, was Kraft oder Rohheit oder wahrhafte Scham oder Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Nieberding, wie? Ich weiß es, ich hatte auch schon einiges über Sie gehört. Nun, Ihr Volk ist es, das uns dies Geschenk gemacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen bauendes Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern Sie lieben die Liebe, nicht mehr die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung, sondern das Quälerische, Zerstörende, Erniedrigende, alles was Sie zum Märtyrer macht. Glauben Sie mir, glauben Sie einem der viel erfahren und vielleicht ein wenig gedacht hat, es giebt viele von Ihrer Art. Es sind Flagellanten, unsere Flagellanten, und der Gott, vor dem sie sich geißeln, ist dieses wohlbekannte Ich, diese Phrase von der Individualität, vor der jetzt alles auf den Knieen rutscht. Und wenn ich sage, die Juden sind Schuld, so ist das keine gedankenlose Anschuldigung von mir. Nicht jene alten Juden, die noch fromm sind, sie sind entweder ehrwürdig oder komisch; nein die neuen, die sogenannten modernen Juden, die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Überkultur des Jahrhunderts, sie sind es, die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und ihrer geistigen Schärfe kommen, und ein Pseudochristentum aufrichten mit Gefühlskasteiungen, fleckenloser Liebe und dergleichen. Ich weiß es nur zu gut, es ist ein altes Erbe Ihres Volks. Auch Christus war ja ein Jude.“
Nieberding erhob sich, schwankend und zitternd trat er auf Bojesen zu und flüsterte: „Herr –!“
Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg.
„Ich habe ihn geliebt,“ sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor sich hin. „Weißt du, wozu ich nun geworden bin?“ fragte sie laut und fest.
Edward Nieberding, der am Fenster gestanden und unbeweglich hinausgesehen hatte, wandte sich um und sagte: „Jeanette, du hast niemals eine Schätzung gehabt für das edle Gestein und für seltene Menschen. Aber daß du zu solchen Mitteln greifen mußt! Ich denke, das war unnötig. Ich denke, das ist alles zu theatralisch. Seine einleuchtenden Erläuterungen mag sich dieser Herr für den Hörsaal sparen. Mag ich sein, was ich will, ein Flagellant oder ein Bacchus, damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt, du hattest gegen meine Gefühle gewisse Pflichten, mehr will ich nicht sagen. Du durftest nicht kommen und mir ein Schauspiel vorspielen. Ich trinke das Leben aus den Tiefen, wo andere Leute nur Finsternis gewahren, ich finde Genüsse, wo andere nur Narrheiten sehen, – gut, laß mich so sein. Geh’ jetzt fort, wenn du barmherzig bist, und laß mich allein. Ich werde dich lieben bis ich sterbe.“
Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt. Nun ging sie hin, legte ihren Mund auf den seinen, und so blieben sie, in diesem traumhaften Kuß, minutenlang. „Und nun leb wohl,“ sagte Jeanette, „wer weiß, wo wir uns wieder finden.“
„Im Kot oder bei den Sternen,“ entgegnete Nieberding, trübe lächelnd. Er stieß ein wenig mit der Zunge an, was seinen Worten oft etwas Herzliches und Kindliches gab.
An der Treppe stand Cornely. Sie stieß einen dumpfen Schrei aus, als sie Jeanette fest anblickte. „Was war es?“ fragte sie hastig, mit einem scheuen Seitenblick auf Bojesen.
Jeanette schüttelte den Kopf; ihre Augen standen voll Thränen. Deshalb lächelte sie in einem wunderlichen, frauenhaften Trotz. „Du weißt alles, was geschehen ist, gute Cornely. Du ahnst es. Du weißt, was mein Vater gethan hat, daß er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat. Siehst du, Cornely, arme, ich habe eine so komische Moral in mir, bei der du staunst. Was ihr Niedrigkeit nennt, nenne ich vielleicht Ehre, und was dir die Selbstüberwindung ist, ist mir die Feigheit und Furcht. So sind einmal die Menschen. Gute Nacht, Liebe.“
Bojesen folgte ihr und ihm war, wie wenn er durch die Luft hinschwebte, wie wenn nichts mehr an der Erde wäre, was ihn festhalten könnte.
„Bojesen,“ sagte das junge Mädchen, als sie das Thor hinter sich geschlossen hatten, und nahm seine Hand, „in dieser Stunde sind Sie ein guter Freund von mir geworden.“
Es schneite. Große Flocken fielen hernieder, die alsbald hinschmolzen im Schein der Laternen. Es war ein friedliches Fallen, ein lautloses und märchenhaftes Herabgleiten der schimmernden, zitternden Krystalle. Einige Zeit gingen beide schweigend. Plötzlich sagte Jeanette, indem sie ihre Schritte hemmte: „Wissen Sie, woran ich denke? An die Dämonen von heute abend. Ich denke mir, so ist die Welt, so sind die Menschen; ein zielloses Hin- und Hergleiten, so daß es einen beängstigt, daß man fürchtet, jeder muß den Hals brechen und jeder wird doch wieder durch den andern getragen und beschützt. Und dann das, was ich nicht so recht ausdrücken kann; es ist vielleicht dies Spielen auf die Wirkung oder so ... Meinen Sie nicht, daß wir lauter solche grüne Dämonen sind?“
„Ja, eigentlich ist das ganze Leben bloß ein Symbol, und wir können nichts anderes thun, als alles, was uns zustößt, symbolisch zu betrachten. Darum sind auch die Dichter am größten, die das Leben möglichst vereinfachen.“
Wieder entstand ein Schweigen. „Ach, die Dichter,“ sagte Jeanette dann nachdenklich und traurig. „Sehn Sie, ich habe so viele kennen gelernt von den berühmten, denn ich war mit meinem Vater in Berlin und in andern großen Städten und mein Vater war ganz versessen auf die berühmten Leute. Da hab ich Dichter kennen gelernt und manchen, bei dem mir vorher wirklich das Herz geklopft hat. Aber wie schrecklich bin ich immer enttäuscht worden! Ich habe mich nur immer gefragt: du lieber Gott, wie konnten diese Leute das oder das schreiben. Sie hatten doch so große Gedanken und so große Gefühle in ihren Büchern und waren nun Menschen, vor denen man auch nicht _so_ viel Ehrfurcht haben konnte. Und Ehrfurcht will ich haben vor einem wirklichen Dichter, ob er jung oder alt ist. Lachen Sie mich nur aus. Aber diese Leute hatten alle so nachlässige Gesichter, so unneugierig, was sie sagten, waren so vorbereitet und sie liebten es so sehr, geistreich zu sein oder auch vornehm zu schweigen. O nein, ich hasse die Dichter.“
Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen. Alles was sie sagte, kann gar nicht so wiedergegeben werden, weil der warme Laut fehlt, das Eindringliche, Natürliche und Graziöse ihres Wesens.
„Sie wundern sich ein wenig über mich,“ fuhr sie fort und schlug den Mantel fröstelnd zusammen. „Ich auch. Ich habe stets geglaubt, wahnsinnig zu werden bei dem Gedanken, daß ich vielleicht auch eine von diesen Jüdinnen sein könnte, – ja, schauen Sie nur, – die mit zwanzig anfangen, fett zu werden, heiraten, französische Romane lesen, Kinder bekommen, Migräne haben und immer fetter und dümmer werden. Nein so bin ich nicht. Es hat große Jüdinnen gegeben und ich habe mein Vorbild. Später, später einmal sollen Sie es erfahren. Auch ich bin ein Symbol.“ Der junge Mann sah sie lächeln. Er fragte, ob sie nicht seinen Arm nehmen wolle und wo er sie hinführen solle.
Sie nahm den Arm. „Wohin? Ach, irgend wohin. Nein, fragen Sie nicht wohin, jetzt. Sagen Sie mir eins, Bojesen. Sind Sie nicht ein wenig Dichter?“
„Ich? Nein, ganz und gar nicht. Ich bin ein Mann der Wissenschaft.“
„Das sagen Sie so pedantisch. Ich denke, man kann dadurch ein so stolzer Dichter werden, – so daß man zu stolz ist, um zu schreiben.“
„Welch ein schönes Wort sprechen Sie da aus!“ rief Bojesen.
Sie waren an einer Allee. Beschneite Bäume, beschneite Wege blickten ihnen entgegen. Hinter einem halbzerstörten Staket lagen Steine in großem Wirrsal, Mörtelbehälter, Schaufeln, aufgeschichtete Ziegel und dahinter war der unfertige Bau mit öden, schwarzen Fensterhöhlen. Daneben war ein Haus schon fertig gebaut, aber es war noch unbewohnt. Im Erdgeschoß brannte einer jener Trockenöfen, die bei feuchter Jahreszeit tagelang in den Räumen der Neubauten aufgestellt werden. Eine düstere Röte ging von dort aus, strahlte durch die Fensterscheiben, fiel auf die blätterlosen Sträucher und Bäume bis über die Straße. Der Raum selbst erschien wie das Innere eines Kamins. Die beiden gingen an den Fenstern vorbei, guckten neugierig hinein, und sie sahen vier Knaben um den Glühofen kauern und mit den geröteten Gesichtern emporschauen zu einem jungen Menschen, der mit dem Rücken gegen das Fenster stand und zu ihnen redete. „Agathon Geyer!“ flüsterte Bojesen erschrocken und aufs höchste erstaunt und Jeanette stieß einen leisen Schrei aus. Bojesen hatte ihn sofort erkannt an Gestalt und Bewegung. Als Agathon ein wenig seitwärts trat, konnten sie beide sein Profil sehen; gedankenvoll und entschlossen sah er ins Feuer. Die Knaben schienen ganz versunken zu sein, schienen Agathons Worte zu trinken, und es lag etwas Gläubiges und Ergebenes in ihren Gesichtern, vom ältesten, der etwa sechzehn Jahr alt war und die Kappe der Waisenhauszöglinge trug, bis zum jüngsten, der etwa dreizehn Jahre alt war.
„Wir wollen gehen,“ sagte Bojesen leise, „es ist kalt.“ Jeanette riß sich los und sagte im Weitergehen langsam: „Hat er nicht etwas von einem jungen Christus?“
„Ja, es ist etwas Außerordentliches in ihm. Aber Sie kennen ihn?“
Jeanette nickte. Sie blieb stehen, schaute hilflos umher und schien nachzusinnen. „Wohin? wohin?“ murmelte sie beklommen.
In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Mantel vermummte Gestalt vorüber. Nur die Augen waren sichtbar, die boshaft funkelnd denen Bojesens begegneten. Bojesen kannte diese Augen und wußte, was er von der Begegnung zu halten habe. Er lächelte resigniert.
Jeanette eilte rasch weiter und Bojesen hatte Mühe, ihr zu folgen. Bald standen sie vor dem „siebenten Himmel“. Sie traten ein; schwüler Dunst schlug ihnen entgegen. Sie sahen ein wüstes Durcheinander im Schein der heruntergebrannten Lichter. Barbin schlief auf dem Billard; die Brünhilde schlief auf der Erde, die jungen Männer in Tricot schliefen auf dem Podium, Liebespaare saßen flüsternd oder stumpfsinnig in finstern Ecken, der Glühende allein war noch völlig wach. Er hockte an der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen, die Stirn leicht und nachlässig in die geründete Hand gestützt, den Blick verloren, mit stillem Triumph in der Ferne weilen lassend. Eine Schnapsflasche stand vor ihm auf dem Boden.
„Was sinnst du, Liebling der Götter?“ fragte Jeanette, seine Schulter leicht mit den Fingern berührend.
„Auf daß sie ewig fern und heißbegehrt, Die Sterne, unerreichbar für mich bleiben. Wer seinen Idealen jemals naht, Kann sich getrost zu den Verlorenen schreiben.“
Jeanette lachte. „Solches Blech!“
Bojesen sah Jeanette an, die in großen Zügen Wein trank und sein Gesicht wurde finster.
Der Glühende stand auf und begann wieder zu recitieren:
„Und nun zieht der Tag mit seinem Morgenrot einher! Ach! so wilde Liebe hegen, das ist Sünde, Süß und schwer. Wenn ich doch auf einem Felsen stünde, Weit im Meer, Und erlöst von meinen Träumen wär’!“
Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu spielen. Jeanette erhob sich, faßte den Rock mit den Fingerspitzen beider Hände, so daß die seidnen Strümpfe sichtbar wurden, und tanzte: lächelnd, berückend. Bojesen stand auf, ging hinab vom Podium in die Dämmerung des übrigen Raumes, und stellte sich unter die Schläfer, betrachtete das jünglinghafte Gesicht Barbins, sah den aufgesperrten Mund des hageren Pianisten und die schnarchende Brünhilde. In ihm erwachte eine heiße Leidenschaft und das Menuett, wie er es jetzt vernahm, fast wie hinter Mauern, hätte ihn beinahe aufschluchzen lassen. Er glaubte kaum, daß ihn mit diesen Gefühlen der Erdboden würde tragen können, so schwer war seine Seele von ihnen.
Er wandte zufällig den Kopf nach rückwärts und sah Jeanette hinter sich stehen. Er war wie gelähmt. Sie blickte ihn verträumt und selbstvergessen an; ihre Augen waren jetzt von einem dunklen, undurchdringlichen Grün, und die roten Lippen gaben dem überaus bleichen Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt, etwas Vampyrhaftes. Langsam nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn fort, hinaus in den finstern Gang und weiter.
Zehntes Kapitel
Die strahlende Mittagssonne leuchtete, als Agathon von der Höhe herabstieg ins Dorf. Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bäume im Schnee, spärlich behangen mit braunroten Blättern. Weithin leuchtete die Schneedecke der Landschaft, und bisweilen lag ein dunkles, mürbes Blatt auf diesem Weiß gleich einem großen Blutstropfen. Wenn Agathon durchs Dorf ging, grüßten ihn viele Christen, – scheu, fast ehrerbietig. Rasch hatte sich die Kunde verbreitet, daß Frau Jette durch seine wunderbare Berührung gesundet war, und alle suchten in seinem Gesicht, an seinem Wesen nach einem äußeren Zeichen dieser inneren Kraft. Er fühlte sich Herr über diese Kraft, gehoben, emporgetragen; alles was rein in ihm war, hatte sich mit diesen Gefühlen vereinigt, und alles Düstere und Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie verbrauchtes Gewand. Er hatte ein altes Buch aufgefunden und fand darin die Geschichte des Sabbatai Zewi. Mit durstigen Augen las er sie. Wie wußte er gut zu scheiden unter dem Wahren und Erlogenen, dem Phantastischen und Tiefsinnigen! Wie sah er durch die Person des seltsamen Propheten in die Seelen der Menschen, die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen, nicht der beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters, sondern dem prunk- und goldstrotzenden Worthelden, dem Halboffenbarer, dem, der mit ihrer Begeisterung spielt und dann achtlos über ihre Leichen schreitet. Aber noch fehlte an allen diesen Dingen der innere Bezug auf sein eigenes Thun, und er fand sich in der Welt mit einer Binde vor den Augen, des gütigen Lösers harrend. Es war nichts von Prophetentum oder Prophetenwollen in ihm. Das reiche innere Leben verlieh seinen Zügen etwas Übermenschliches, dem schwer jemand zu widerstehen vermochte. Mehr als sonst waren seine Nächte belebt von schwülen Bildern: nackte Frauen, die ihn neckten, die ihn zu sich zogen, ihn umarmten, ihn verlachten. Wie oft sprang er auf vom Bett und trat ans Fenster, um durch die Kälte sein Blut zur Ruhe zu bringen. Wie oft schaute er bittend in den schwarzen Nachthimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete, daß das Gewölbe des Himmels sich zu einer freundlichen Vision öffne. Dann legte er sich wieder hin, und die Bilder kamen von Neuem, zudringlicher und feuriger. Dann suchte er seine Gedanken abzulenken, dachte an die Welt und an die Buntheit der Ereignisse in ihr, die nur wie ferner Marktlärm hereinklangen in das kleine Leben, das er selbst noch lebte.