Part 13
Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts. Ein säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann sah er im Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem verwahrlosten Vorhang. Die Tische starrten von verschütteten Getränken und Speiseresten. Die Stühle lagen teils auf der Erde, teils standen sie auf einem Haufen; einer stand auf dem Tisch. In einer Nische standen die Ruine eines Billards und die Ruine eines Klaviers. Eine sehr verblühte Dame brachte Bojesen das Verlangte. Sie fand sich veranlaßt, zu erklären, daß die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das Publikum sich schlecht betragen habe. Eine Dienstmagd, drei Soldaten, ein Fuhrmann und ein Schauspieler aus Preußen seien hinausgeworfen worden. Bojesen lachte leise, fast lautlos. Er sah in die Höhe, in irgend eine sonnige Ferne und murmelte: „Geliebt und verloren.“ Er dachte, wenn einer der ehrwürdigen Kollegen ihn hier sähe, wäre noch mehr verloren. So saß er vielleicht eine Stunde lang, ohne sich zu rühren, ohne etwas Planhaftes zu denken. Da schob sich der Vorhang des Podiums zur Seite, und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten Schultern guckte heraus. Dieses Gesicht war leuchtend bleich, mit einer niederen Stirn, mit Augen von einem ruhigen, leidenschaftlichen Feuer, mit einem trotzigen Mund. „Holla Luisina! Es lebe das Proletariat!“ rief eine Stimme im Hintergrund, eine heisere, aber jugendliche Stimme. Bojesen blickte hin, sah jedoch niemand. Das junge Mädchen nickte lächelnd zurück, sah Bojesen flüchtig an und verschwand. Bojesen vergaß niemals den Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn angeschaut. Wieder saß er lange, ohne zu wissen, was er thun oder denken sollte. Dann stand er auf, ging zum Podium, schlug den Vorhang zurück, und sah eine sehr armselige Bühne vor sich, mit zerrissenen Coulissen an der Seite. In einer Ecke saß Luisina und lächelte ihn spöttisch an, als er auf sie zukam. „Sie wollen wohl spionieren? O ich fürchte mich nicht. Thun Sie es nur. Sie sehen auch nicht aus, als ob Sie verstünden, weshalb Sie in der Welt herumlaufen. Nun, weshalb kommen Sie? Ich kenne zwar Ihren Namen nicht, aber Ihr Gesicht, – hierzuland giebt es nur zwei Arten von Gesichtern, müde und stupide. Nun, was wollen Sie?“
„Es lebe die Anarchie!“ rief die exaltierte Stimme wieder. „Morgenröte! Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der kommende Messias der Freude!“
„Hören Sie? Das ist der Glühende,“ sagte Luisina, Bojesen zunickend. „Hat es nicht etwas Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte, dies Lachen hatte etwas Schrilles, wie wenn Glasscheiben klirren. Sie bog sich dabei vor, und blieb so lange gebeugt, als sie lachte. Dann wurde sie wieder ernst, drohend und verächtlich ernst. „Ja“, sagte sie mit dem Wesen einer Frau, die ihre Worte fast als zu wertvoll erachtet, um gesprochen zu werden, „ich bin aus der Art geschlagen, ungeraten. Ich lebe nun das Leben, wie ich es will, auf eigene Faust, auf eigene Thaler, mit der Erlaubnis zu jauchzen, wenn ich will, zu lieben, wenn ich will und wen ich will, aber das ist unmoralisch. Ist es nicht unmoralisch, Sie gelehrter Herr? Sie sehen nämlich aus wie ein Pfund Zahlen.“
„Ich bin der tanzende Stern des Chaos!“ erschallte die Stimme des Glühenden, und eine fette Stimme brummte befriedigt bravo.
Bojesen hatte sich an eine Coulisse gelehnt und sah sie mit halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. „Glauben Sie an Zufälle?“ fragte er endlich. „Nun, ich bin hier hereingekommen, mit dem Bewußtsein, daß ich Ihnen begegnen würde. Meine Seele wußte davon. Nein, ich kenne Sie nicht, wer Sie auch sein mögen, ich will Sie nicht kennen. Nur wünschte ich einen andern Rahmen für dies Bild. Denn es ist ein Bild, – nun ja, was sag ich, Sie spotten meiner. Mit Recht.“
„Ach!“ Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen war etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, daß Bojesen mit Angst auf jedes ihrer Worte, jede ihrer Gebärden harrte. Sie kam auf ihn zu, lauernd wie ein Tiger, bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den seinen und sagte: „Kommen Sie, um den müden Mann zu spielen? Auf diesem Theater, wo man nur tanzt und lacht und singt? Wo man eure Welt vergißt? Schlecht haben Sie die Zeit gewählt, Verehrtester; ich empfehle mich gehorsamst.“ Damit ging sie graziös und schnell.
Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor gleichsam sich selbst in der Nacht. Er zählte die Laternen in den Straßen. Dann stand er auf der Brücke und starrte in den Fluß und dachte nach, woher all das Wasser kam, wohin es ging; warum fließt es in weiten Streifen und Falten dahin, nicht glatt wie ein Glas? Was rauscht es leise, was schlägt es an den steinernen Pfeiler?
Es fließt der Fluß und stehet nicht Und Gott ist und vergehet nicht
murmelte er vor sich hin. Er suchte ein Gasthaus auf, irgend ein kleines in einer kleinen Gasse, wo er in einem harten Bett, in einer feuchten Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von irgend einem Bild gepeinigt, das die wachen Glieder zittern ließ, bis der Leib unwillig zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster.
Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau daheim. Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er ihrer vergessen hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen näßte und emporstieg zum Himmel, um selber während des Tages Himmel zu sein.
Im Laboratorium lärmten schon die Schüler. Bei seinem Eintritt wurde es still, und die Schüler erhoben sich. Die Bänke waren amphitheatralisch aufgebaut, Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden. Auf dem langen Tisch standen und lagen Retorten, Brennapparate, Röhren, Schmelztiegel, Drahtnetze, Flaschen und Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte ernst: „Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer. Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat.“ Gnädig nickend verschwand er.
Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch herrschte. Auf dem Heft stand: Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer. Bojesen blätterte bis zu dem letzten, vom Rektor signierten Thema: Was soll uns die Schule sein? und las zuerst ziemlich gleichgültig. Die Schrift war schlecht, schattenhaft, fieberhaft; die Buchstaben schienen aufeinander loszustürzen, schienen besinnungslos hinzutaumeln, dann schien ein H oder ein I plötzlich steif zu stehen, Halt zu gebieten, aber nichts konnte die allgemeine Flucht und Verwirrung hemmen. Bojesen las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, dann errötend, dann erblassend, und als er am Schluß angelangt war, stützte er den Kopf in die Hand, nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers noch einmal zu lesen, bedächtiger und immer mehr verwundert, welch klare und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden hatte.
Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Thor zum Leben aufmachen. Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig. Sie sollte uns zu tüchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu lieben, den künftigen Beruf, die Menschen, die großen Männer der Vergangenheit, die großen Ideen, die Freude an der Freundschaft, an der Natur. Sie sollten uns überlegen sein. Sie sollten uns liebevoll entgegenkommen, damit wir froh würden. Aber ist das alles wahr? Bereitet uns die Schule für den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir vielleicht was wir werden _sollen_, aber das ist kein Beruf. Die Schule speichert nur Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in unserer Seele nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben. Niemals werden wir ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr Schuld und ich muß euch anklagen. Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schüler und bloß um das, was sie gelernt haben? Warum bleiben wir wie Stopfgänse, die ihr ausschimpft, wenn sie nicht immerfort fressen wollen? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn, statt ihn zu lieben? Ihr seid die Feinde der Schüler, darum spionieren sie nach euren Schwächen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch statt wie ein Mensch. Alles was ihr sagt, ist euch so leblos geworden wie ein Brett, weil es euch langweilt. Warum seid ihr so hochmütig? seht auf uns herunter von einem Turm, daß wir ganz klein sind? zu hochmütig sogar, um uns über das Allerwichtigste im Leben aufzuklären? Warum eröffnet ihr uns nicht das Geheimnis der Geburt? Warum thut das die Schule nicht, trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner bliebe dann die Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie lauter Schmutz daraus und kichern, blinzeln, erröten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen sogar die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige Heimlichkeiten. Ist das nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine Ehrfurcht; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas Klebrig-Unanständiges. Sie treiben Dinge, an die man nicht denken darf, ohne ganz verrückt zu werden. Warum bemerken das die Lehrer nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum? Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt? Niemals können eure Schüler glückliche Menschen werden, und daran seid ihr Schuld mit eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, muß erst euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er dann Festigkeit erlangen. Aber glücklich wird er nie. Thut mit mir, was ihr wollt, es ist mir gleich. Was ich geschrieben habe, mußte ich schreiben und jetzt ist mir leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im Innern hat mir befohlen.
Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war etwas aufgewühlt in ihm, dessen er sich schämte: der Neid um diesen großen und ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschüttert, daß er den Raum, in dem er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im Treppenhaus läutete die Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schüler zu entlassen. Dann schritt er selbst hinaus, durch die Korridore, trat an das hohe Fenster und sah in den Hof hinab, der auf allen Seiten von Mauern und Häusern eingeschlossen war. Er sah ins Gewühl der Knaben, die mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts von Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit. Ja er sah es mit seinen eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Sträflings, dem die Kette gelockert wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten am Sonntag, wenn er Heimat und Heimweh und Kaserne vergißt. Das war keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit, _diese_ Jugend da mit den umränderten Augen und hervorstehenden Backenknochen, dem cynischen, brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen, den häßlichen Bewegungen und dem lichtlosen Blick. Das war eine vergängliche Sorte von Menschen, er sah es selbst.
Und als er weiterging, erblickte er Agathon, an einen Pfeiler gelehnt, allein. Als jener den Lehrer gewahrte, wandte er sich und ging langsam in das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm, (der Saal war leer) und machte die Thüre zu. Agathon wurde leichenblaß und schloß wie im Schmerz die Augen. Bojesen nahm seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons Schulter und sah ihn durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über Agathons Haar, schmeichelnd und liebkosend, und niemals zuvor oder nachher hatte dieser ein solches Glücksgefühl gehabt, so unirdisch, grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens lag vor ihm wie ein leicht lösbares Rätsel, dies Haus, diese Schulbänke schienen mit Glück verbrämt. Er verstand seinen Lehrer; er wußte, was die Berührung seiner Hand zu bedeuten hatte.
Eine Viertelstunde später wurde Agathon zum Rektor gerufen.
Achtes Kapitel
Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen, fünfeckigen Raum versammelt. Alle hatten ein ernstes und feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das von Leuten, die sich ihres Amtes und ihrer Verantwortung völlig bewußt sind. Sie starrten Agathon an mit höhnischen oder mit vorwurfsvollen oder mit hochmütigen oder mit verwunderten Augen. Der jüdische Kantor Kronacher machte ein so finsteres und empörtes Gesicht, daß man ihn gar nicht ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fühlen.
Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den kalten, grausamen Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons. „Wie sind Sie dazu gekommen, Geyer, diesen äh, – sagen wir impertinenten Artikel zu schreiben, dieses Pamphlet, wenn ich mich so ausdrücken darf?“
Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit erhöhter Stimme fort: „Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die schuldige Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu verletzen? Ich glaube, meine Herren, wir haben hier einen Fall von geradezu typischer Bosheit vor uns. Dieser junge Mensch, der da vor Ihnen steht, befindet sich auf einer Bahn, die dahin führt, wohin sie führen muß. Er ist das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau, auf dem unsere Schuljugend steht, und ich sage Ihnen, in einem solchen Falle muß mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden; ein solcher Fall muß geradezu exemplarisch bestraft werden.“
Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme ließ den Raum erbeben; Agathon war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Häuser der Stadt.
Wiederum wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu, zu schweigen. Er selbst fuhr fort: „Ich gestehe, daß mir ein ähnlicher Fall von sittlicher Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist, und, hoffen wir zur Ehre unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen wird. Geyer, wann haben Sie Ihr niedriges Skriptum verfaßt?“
„Gestern, Herr Rektor.“
„Lauter!“
Agathon schwieg.
„Lauter.“
„Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.“
„Gemeinheit!“ murmelte Doktor Rosenblatt.
„In welcher Absicht?“ fragte der Rektor, fast berstend vor Wut.
„In der Absicht, die Schüler glücklicher zu machen, besser.“
„Das ist eine infame Lüge!“ Der Rektor schrie wie außer sich.
„Es ist wahr,“ erwiderte Agathon ruhig.
„Kreatur!“ knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine wahrhaft zermalmende Bedeutung hatte.
Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen. Er trat vor, kreuzte die Arme über der Brust, beugte sich zurück und den Oberkörper beständig schaukelnd, sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: „Wer bist du? Hast du den Namen des Herrn Zebaoth vergessen? Hast du die Ehre deines frommen Vaters vergessen? Bist du beschnitten zum Zeichen des Bundes, oder bist du’s nicht? Bist du dir nicht selbst zur Last? Bist du Jude oder bist du’s nicht? Ich habe gesprochen, Amen.“ Somit trat er wieder auf seinen Platz, nahm seine Dose und schnupfte bedachtsam und befriedigt.
„Nein, ich bin kein Jude mehr,“ sagte Agathon mit seltsamem Lächeln, ohne die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte. Die Lehrer sahen auf: bestürzt und kopfschüttelnd. Bojesens Gesicht war weit niedergebeugt. Er hatte sich gesetzt; die blassen, schmalen Hände lagen regungslos auf den Knieen.
„Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und Gefährlichkeit, meine Herren,“ sagte der Rektor verächtlich. „Der Fall ist ganz e–xem–plarisch zu behandeln. Geyer kann abtreten.“
Agathon ging. Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank auf die Treppe. Er hörte eine leise aber feste Stimme in dem Raum, wo man Gericht über ihn hielt, – Bojesens Stimme. Lange redete diese Stimme, bis auf einmal der Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn Agathon je gehört. Gleich darauf öffnete sich die Thüre und Bojesen kam allein heraus. Er sah Agathon und bedeutete ihm, daß er ihm folge.
Als sie im Privatlaboratorium des Chemikers angelangt waren, verschloß Bojesen die Thüre. „Ich verstehe das, was Sie geschrieben haben,“ sagte er etwas gequält, „ich verstehe es vollkommen. Ich möchte nur wissen, wie Sie dazu gekommen sind?“
Agathon saß auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins Kohlenfeuer, wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten Glut. Dann fing er fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor den eigenen Worten: „Ich weiß eigentlich wirklich nicht. Aber es ist schon lange her, daß ich daran dachte. Ich dachte auch immer, viele Menschen könnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glück fehlt. Ich habe nie die jüdische Religion geliebt. Oft war mir, als müsse ich allen Juden ein Wort sagen, das sie befreien könnte. Aber das war alles viel mehr wie ein Traum, bis die Geschichte mit Sürich Sperling kam.“
„Und was war das?“
„Mein Vater fürchtete ihn so, daß er schon zitterte, wenn er seinen Namen hörte. Und alle Juden. Er kam mir vor, wie alles Böse zusammen, was den Juden jemals in diesem Land widerfahren ist. Er hatte einen Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn. Als wir einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem anderen Boot und stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins Wasser. Da dachte ich mir schon, es könne keine Sünde sein, ihn zu töten. Es wäre auch keine Sünde gewesen, den Nero zu töten. Abends mißhandelte er den Lämelche Erdmann, da ging ich hin und spie ihm ins Gesicht. Er schleppte mich in sein Zimmer, zog mich nackt aus, nahm Stricke und band mich an ein schwarzes Kreuz an der Wand, neben dem Jesus Christus hing. Dann schlug er mich und fügte mir Wunden zu, daß ich fühlte, wie mein Blut floß. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich weiß, daß Sie sehr verschwiegen sind und es tief in Ihre Seele schließen.“
Agathon schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit aufgerissenen Augen zu. Agathon fuhr fort, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. „Da sagte ich zu ihm: Sürich Sperling, das ist Ihr Tod. Da lachte er und sagte: „sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland gekreuzigt? Das ist eure Schuld. Deswegen sind wir lauter Schnapssäufer, weil er Mönche aus uns gemacht hat, Jesus von Nazareth. Er hat einen großen Sarg aus der Welt gemacht. Merk dir’s. Da ist meine Seele, da ist Sürich Sperlings Seele, da liegt sie. Stecht hinein Jud oder Christ.“ So sagte er, dann kam etwas, das will ich nie vergessen.
„Er nimmt eine Schüssel, dahinein hat er mein Blut fließen lassen, stellt sie zu Füßen des Heilands hin und sagt: „Da hast du dein Blut wieder. Bist du jetzt zufrieden?“ Da geht die Thür auf und Lämelche Erdmann kommt herein, setzt sich und lächelt und nickt. Er hat ein ganz anderes Gesicht als sonst. „O, Sürich Sperling,“ sagt er, „das ist eine Handlung voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer die Milde wird regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere Feinde, hassen, hassen! Der ewige Jud ist jetzt erlöst und du, Sürich Sperling, wirst werden der ewige Christ. Denn die Welt wird neu. Sie wird sich häuten gleich einer Schlange, so wahr ich Lämelche heiß. Dann wirst du sein der ewige Christ. Und du wirst sein verurteilt, zu trinken all das Blut, was geflossen ist durch christliche Feindesliebe.“ So sagte Lämelche; jedes Wort ist wie eingebrannt in meinem Gedächtnis. Dann lachte er und band mich los und Sürich Sperling saß auf dem Bettrand wie aus Stein. So war es.“
Bojesen sah lange Zeit auf die Straße, wo die Menschen gingen, einzeln oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei, der Traum eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es wünscht oder fürchtet. Er ging hin, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, richtete ihn mit einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und machte die Wahrnehmung, daß es die seltsamsten Augen waren, die er je gesehen: schwarz und tief, von einem mühlos lodernden, und doch verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn sie ihn anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne. Dann stand Agathon auf (er war etwas größer als Bojesen), und sein Gesicht hatte sich mit schrecklicher Blässe bedeckt. Er deutete vor sich hin, sank auf die Knie und blieb so einige Sekunden.
„Was haben Sie denn?“ fragte Bojesen bestürzt.
„Haben Sie nicht gesehen? Christus ging durch das Zimmer. Er winkte mir zu. Er hat Abschied von mir genommen. Adieu, Herr Bojesen.“
Als er fort war, ging der junge Lehrer erregt auf und ab.
Agathon wollte das Schulhaus verlassen und geriet in den Tumult der Schüler; der Unterricht war eben zu Ende. Im Nu war er umringt, Jubelrufe tönten ihm zu, hundert Hände streckten sich ihm entgegen, viele riefen: hoch Geyer! manche wollten ihn tragen und durch die Gassen im Triumphzug schleppen. Er sah begeisterte, leuchtende Augen und selbst die Blödesten und Hinterlistigsten wurden plötzlich ganz andere Menschen. Mit vieler Mühe gelang es Agathon, sich loszumachen, und er war verwundert über die Knaben.
Dann irrte er planlos durch die Gassen und kam endlich an den Palast des Baron Löwengard. Hausflur und Vestibül waren voll von Menschen, die sich aufgeregt gebärdeten, bleich waren und Aller Erregung hatte offenbar ein und dieselbe Ursache. Auch vor dem Haus stand eine Menge von Gaffenden, darunter viele Arbeiter mit drohender Miene. Agathon ging hinauf, fand den Gesellschaftssaal angefüllt mit schreienden Leuten, ging in die Küche, aber die Küche war leer und der Herd kalt. Im oberen Stockwerk war niemand zu sehen. Ungehindert konnte er durch alle Thüren, durch alle Räume wandern, aber diese Räume in ihrer schweren Pracht schienen ein Unglück zu verkünden, das rasch ihre Ordnung stören, ihren Frieden vernichten würde.
Bald machte er sich auf den Heimweg, ohne daß er all diese Dinge eines besonderen Nachdenkens gewürdigt hätte. Sie bereicherten nur seine Seele um das wunderliche Gefühl, daß etwas Entscheidendes in der Welt vorging und er selbst sei die Ursache und sei berufen, die Umwandlung herbeizuführen. Während des ganzen Weges, vorbei am Wald und an den Feldern hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem, Angenehmem, und wie wenn er einen lange vermißten Freund aufsuchte, schritt er gegen das Dorf hinab. Wirklich stand Monika Olifat am Weg und begrüßte ihn, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte. „Wie geht es dir, Agathon? Ach, warum bist du denn fortgerannt neulich? Du bist so eigen; dich kann ich gar nicht verstehen, Agathon. Wie das lautet: Agathon!“ sagte sie nachdenklich, lächelte kindlich froh und sah ihm in die Augen.
„Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute,“ entgegnete Agathon mit demselben innerlich frohen Lächeln.
„Bist du denn auch gut?“
„Nein. Ich weiß es jedenfalls nicht. Niemand kann es von sich wissen und wer es weiß, ist es nicht mehr.“
„Es nützt auch nichts, gut in der Welt zu sein,“ erwiderte das Mädchen, so klug es immer konnte. „Ich muß dir erzählen, erstens, daß ich eine neue Freundin habe, Käthe Estrich. Sie ist hübsch und sanft; ihre Eltern ziehen hierher. Sie haben die Ziegelei, hörst du die Maschinen rollen? Alles ist schon wieder in Gang.“
„Zweitens?“
„Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Er ist ein schöner Mann.“
„Stefan Gudstikker?“
„Du kennst ihn? Er hat mich erschreckt durch sein Wesen. Er hat mir ein Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine Stelle weiß ich noch:
Es ist so still, daß alle Wandrer staunen. Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet, Hört man die Elfen und die Blumen raunen. Die Wünsche schlafen und kein Feuer glühet, Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen; Die Welle ruht im Strom, kein Vogel fliehet.“
„Das ist schön!“ rief Agathon aus, blieb stehen und erblaßte. „Du hast es gelernt?“
„Nein, ich hab es so behalten. Aber ich fürchte mich vor ihm.“
„Weshalb fürchten?“