Die Juden von Zirndorf

Part 12

Chapter 123,881 wordsPublic domain

Isidor Rosenau kam „auf einen Sprung“ und wurde sehr lau begrüßt. Er, der bisweilen kleine, atheistische Anwandlungen verspürte, begann einen etwas gedehnten Vortrag über Widersprüche in der Bibel zu halten. Er hatte da irgend etwas irgendwo aufgeschnappt und glaubte damit die ganze Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft gebracht zu haben. „Wenn Adam und Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren und Abel ging hin und nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht allein!“ So rief er begeistert und brachte noch ein Vierteldutzend ähnlicher Dinge aus der Tiefe seiner Erkenntnis ans Licht.

Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren Stolz und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen: „Junger Mann, die Schrift is nit geschrieben, daß se wird gelesen mit die leiblichen Augen, sondern mit die geistigen. Sie soll nicht werden studiert, sondern sie soll werden getrunken wie Wein. Sie hat Symbole, daß wir können messen daran unser eigenes Leben. Un wir sollen nicht messen daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.“

Agathon fühlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem Greis und küßte ihm rasch und errötend die Hand.

Doktor Schreigemut kam, den man für Frau Jette bestellt hatte. Er war gewiß eine merkwürdige Art Doktor. Er brachte eine Gemütlichkeit zum Krankenlager mit, als sei der Tod eine eitle Illusion, eine Schrulle, und sein weinrotes Gesicht glänzte, als ob Kranksein den erstrebenswertesten Zustand bedeute. Er sagte, daß „so weit“ alles in Ordnung wäre, nur dürfe man nichts „übertreiben“, müsse fleißig lüften, Fleischsuppe kochen und hier sei eine harmlose „Pillule“. Darauf verbreitete sich der Mann eingehend über die politische Lage, über den neuen Besitzer der Ziegelei, kniff Mirjam in die Wange und schob befriedigt ab, um sich zu dem unterbrochnen Tarock in die gläserne Burg zu begeben. Darauf gab Isidor Rosenau noch einige sehr fascinierende Witze über das Wetter im allgemeinen zum besten; es lachte aber außer ihm selbst nur der kleine Pausback am Fenster, der damit Isidor einen unermeßlichen Dienst zu erweisen glaubte. Es läutete draußen und ein Bauer verlangte Tabak zu kaufen. Elkan Geyer rief ziemlich energisch hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug die Thüre zu, gleich darauf ging er aber hinaus. Agathon wußte, daß er in die Küche ging, um Kathrin zu bitten, daß sie den Tabak verkaufe.

Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben langsam, sind bloß ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der heraufsteigenden Nacht, und die Nacht nimmt sie dann auf den starken Arm wie die Mutter ein Kind nimmt und es einlullt mit hingesummten Liedern. Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer für Gedalja in stand setzen; für die nächsten Wochen war ihm eine elende Kammer zwischen Hof und Hühnerstall überlassen worden. Dann ging er spazieren. Über seinem Thun und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Sein Weg führte ihn an das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und winkte ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere Schwester machten Besuche. Es war ein hübsches Zimmer, in das Agathon trat. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes und hatte einen villenartigen Charakter.

„Ich freue mich, daß du gekommen bist,“ sagte Monika sanft; sie hatte eine Puppe in der Hand, die sie schon seit zehn Jahren besaß, wie sie sagte. „Aber das ist dumm von mir, nicht?“ fragte sie, indem sie sich niederbeugte und nach einem Blick von ihm haschte. Sie erschien Agathon anders als am Morgen: weicher und fast furchtsam. Nun brachte sie ein Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre Stimme zu hören, die rein und hell dahinfloß, ein ungetrübter Strom. Die Stimme machte gleichsam alles heiter um ihn, und er hatte ein unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit und Freude in sich, ein Verlangen, das täglich wuchs und ungestümer wurde. So kam es ihm vor, daß in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und Sonnigste stehe, das je ein menschliches Ohr vernommen und daß man sie nur zu verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlöst zu sein.

Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: „So, jetzt wollen wir uns unterhalten. Jeder erzählt dem andern, was er überhaupt weiß.“

Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es auch. Denn Agathon war still und Monika auch. Wer konnte denn da reden, wenn es draußen dämmerte! Der müde Himmel schien herunterzusinken, daß man es kaum merkte, und die Bäume weit im Osten bogen sich, verschwammen, wollten fast in die Erde fallen, bis man sie gar nicht mehr sehen konnte. Das Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wieder, stets matter und matter, wie Glas, das überhaucht wird. Agathon sah nur noch die zarten Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale Stirnlinie, zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden Kugeln strahlten und ein Kinn, das ihn an die Puppe von vorhin erinnerte. Widerspenstige Haare kräuselten sich im Nacken: ein Zeichen von Leidenschaft und spielender Anmut.

„Du sprichst ja gar nichts,“ flüsterte Monika befangen.

„Laß uns nicht sprechen,“ erwiderte Agathon mit bebender Stimme.

„Ja, was soll man auch sagen,“ gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und streichelte sie vorsichtig. „Warum zitterst du denn so, Agathon?“

Agathon sprang auf, ergriff seinen Hut und rannte fort, – hinaus, und ging erst wieder langsam, als er in der Hauptstraße des Dorfes war. Er lächelte voll Scham und Reue.

Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er vom Flur in den Hof, vom Hof in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkürlich aus dem Bedürfnis nach der Höhe. An ihrer Kammerthür stand Kathrin, mit nichts bekleidet, als mit einem Unterrock und einem Hemd. Ihr Haar war lose, ihre festen Schultern waren nackt wie auch die Hälfte der Brust. So stand sie vor der halboffenen Thür, schwankend beleuchtet von dem Kerzenlicht in der Kammer und lächelte halb blöde, halb begehrlich Agathon zu. Er war völlig erstarrt. Seine Zähne schlugen aneinander, er wollte nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich legte es sich wie eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so unerträglich heiß, daß er den ganzen Körper feucht werden fühlte. Mit einem dumpfen Schrei floh er.

Noch ganz besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja, kniete vor ihn nieder, nahm dessen Hand und flüsterte, wirr, bleich im Gesicht. Der Greis fragte und konnte zuerst nichts erfahren, doch bald bekam er auf Umwegen Klarheit. Er nickte ein paarmal wissend vor sich hin. „Setz dich her, mein Jung, und ich will dir sagen was for dein Herz un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich worn gestraft un hab gehabt zwaa Weiber nebbich un war keine Broche un kein Segen dabei. Das Weib is gut für die Stund, wenn se hat keine Sanftheit for den Mann. Sie mag sein e Chuchem, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag sein gottesfürchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, daß de kannst formen das Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Un wenn de hast eine große Begehr, dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist un dein Gemüt un du siehst Gespenster beim hellichten Tag. Laß d’r nit einjagen Angst durch die falschen Lehren: es is ka Unglück un ka Verbrechen, es is menschlich un du sollst bloß schweigen davon. Un wenn de eines Tags fühlst mehr un dein Herz werd sein voll Liebe, dann gehste hin und siehst, ob se gefällt deinen Sinnen. Un wenn se gefällt deinen Sinnen, gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste nit verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine Worte.“

Agathon war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als vorher. Es wurde Abend und er fühlte sich förmlich gefangen in einem verworrenen Knäuel von Rätseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der zur Küche führte und wo es stockfinster war. Er drückte sich krampfhaft an die Holzplatten der Rückwand und sah in das winzige Lämpchen, das auf dem Anricht in der Küche stand. Er hörte nahende Schritte, und erschrak wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende, gleichsam spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, spähende Gestalt Enoch Karkaus zum Vorschein. Er lispelte unhörbar, seine Augen stierten in die matt erhellte Küche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die Küche abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu, wo das Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, riß die Anrichteschublade auf, packte mit schlotternden Händen ein Messer und schnitt ein großes Stück Brot herab, immer angstvoll lauernd in die Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den Blechkorb vorsichtig zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, biß hungrig in das erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter. Das andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen, entfernte er sich wieder.

Agathon hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das inbrünstige Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her Freude zu bringen. Freude! Als er aufsah und sich entfernen wollte, erblickte er seinen Vater, der unbeweglich vor ihm stand und die Hand schwer auf seine Schulter legte.

Siebentes Kapitel

Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete, mußte sie zum Brunnen, und als sie zurückkam, waren Sema und Wendelin verschwunden. Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre im Grund zarte und stolze Natur nahe legten. Ihre Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht, was ihr teuer war. Als Stefan Gudstikker spät nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn, wo er herumgestreunt sei.

„Du weißt, ich streune nicht, Mutter,“ entgegnete er mit blitzenden Augen, den Kopf hoch aufrichtend.

„Ja, ich weiß es,“ entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf seine staubbedeckten Stiefel.

„Wo sind die Knaben?“

„Fort.“

„Wie. Fort –?“

„Ich habe sie heimgeschickt.“

„Was heißt das? Du weißt doch, daß ich sie nötig hatte? Daß ich den interessanten, psychologischen Fall untersuchen wollte?“

„Es ist nicht nötig, daß du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen Ideen. Darüber bist du Herr.“

Gudstikker atmete schwer. „Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr,“ preßte er endlich hervor, nahm seinen Hut und stürzte fort. Sie lächelte gutmütig hinter ihm her, öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach.

Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er über eine halbe Stunde saß, um sich Haar und Bart verschönen zu lassen, und bei Anbruch der Dämmerung erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte.

„Sie haben mich fast geschlagen,“ waren Käthes erste Worte. „Ich sei heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.“

„So.“ Er nahm heftig ihren Arm und schritt weiter.

„Nein, nein,“ wehrte sie angstvoll. „Nicht hingehen jetzt. Du darfst nicht aufbrausen.“

„Ich schlag alles kurz und klein.“

„Nein! bitte, nicht!“

Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung.

„Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei deinem Genie! Warum ist alles so traurig in der Welt!“

„Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich habe ein großes Werk vor! Du wirst sehen.“

„Ich glaube ja so gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ist ein Jahr.“

„Nur Geduld. Du wirst sehen. Glaubst du, daß ihr ein Abendessen für mich übrig habt?“

„Willst du kommen? Wirklich? Wie herrlich!“

„Mach nur um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede! Das macht mich nervös! Ich hasse alle Ausrufezeichen!“

„Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.“

„Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen Menschen, Agathon Geyer, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, – na, du müßtest ihn sehen. Er sieht aus, wie, es klingt läppisch, aber ich muß es sagen, ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken. Nun, das ist verrückt. Man muß nicht Litteratur reden, wenn man’s vermeiden kann. Was die Hauptsache ist, unter den Papieren meines Vaters hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet. Sie war noch Mädchen damals. Schön, gescheit, liebenswürdig vielleicht. Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen. Dasselbe was in Agathons Augen liegt. Manchmal möchte man seine Hand nehmen und ihn versichern, daß man glücklich ist. Aber du schläfst ja?“

„Nein, ich bin nur sehr müde.“

Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war sehr liebenswürdig gegen Familie Estrich. Er küßte seine künftige Schwiegermutter auf die Stirn, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen Lieder zur Guitarre, Volkslieder, die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd. Um elf Uhr ging er. Auf der Straße wurde sein Gesicht plötzlich finster, herb und verzerrt. Er schlug sich an die Stirn, sprach zu sich selbst und lachte kurz auf.

Er suchte ein Café auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat, erhielt sein Gesicht wieder den gleichmäßigen, aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck. Er begrüßte Erich Bojesen, den Lehrer, und setzte sich zu ihm an den Tisch, rieb sich fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann, deren Verlauf er soeben beigewohnt hätte. „Also wie geht es Ihnen, lieber Bojesen?“ fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände. „Gut?“

„Ja. Sie sind sehr aufgelegt, scheint mir.“

„Sehr aufgelegt, das ist wahr; man kann schon sagen froh.“ Er lachte herzlich, denn er hielt dafür, daß dies „man kann schon sagen“ eine witzige Wendung sei. „Aber Ihnen? Sie sind immer allein. Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen.“

„Nun, das ist so Gelehrten-Art,“ erwiderte Bojesen mit einer sanften Selbstironie. „Ich muß Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier, sie liegen nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes daran; etwas gänzlich, wie soll ich sagen, Zerstörtes, nein Stillstehendes, Sumpfiges.“

Es war unbegreiflich, aber eine Thatsache, daß alle Menschen mit denen Gudstikker in Berührung kam, ihm alsbald ihr Herz eröffneten und sich mitteilten wie Kinder.

„Kein Wunder,“ sagte Gudstikker, „wie leben wir auch. Wir haben ja gar kein Nationalgefühl mehr. Man kann nicht sagen, daß hier die Juden in der Herrschaft sind, nein, man kann es nur rätselhaft finden, wenn man einen Christen findet in der ganzen Provinz, ich meine einen anständig gekleideten, der den Kopf auf eigene Rechnung zu tragen wagt.“

„Ach, das meine ich eigentlich nicht,“ entgegnete Bojesen leicht errötend. „Es ist freilich ein Kardinalthema. Die Juden bringen ja das ganze geistige Leben in eine wogende Bewegung. Überall sind sie gleichsam die Kohlensäure des öffentlichen Lebens, wenn der Vergleich geht (er lächelte). Sehen Sie doch um sich, die ganze Presse liegt in ihren Händen; ich will nicht erörtern, ob das ein Unglück ist oder nicht. Natürlich haben sie auch den Handel inne, aber, was die Hauptsache ist, auch die Litteratur. Alles andere ist kein Unglück, sehen Sie. Die Presse bedarf des jüdischen Geistes, ja, da mögen Sie den Kopf schütteln, sie braucht diese scharfen, eindringlichen Reagentien, dieser Gewandtheit und Schlüpfrigkeit, mit einem Wort, der Kohlensäure. Der Handel, – nun, wo ist die Quelle des großen industriellen Aufschwungs, der großen Kapitalswerke? Davon will ich gar nicht reden. Aber die Kunst, sehen Sie, das ist ein schmerzliches Thema.“

„Ich verstehe. Sie haben Recht; sie machen uns zu vielseitig.“

„Vielleicht. Aber das ist es nicht. O, wie viel habe ich nachgedacht darüber.“ Der Ton des jungen Lehrers wurde plötzlich innig. „Nein, das ist es nicht. Sehen Sie sich um, früher hatten die Juden genug zu thun, sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Aber nun nahmen sie Teil an der reichen und feinen Kultur, die sie selbst mitschaffen halfen, und infolgedessen wuchsen sie in die Kunst hinein. Es war eine notwendige, unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen Sie überall jüdische Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Was sie schaffen, wohlverstanden, ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten, das ist keine Frage mehr; das hat auch mit der Kunst, wie ich sie meine, nichts zu thun. Von den heutigen will ich reden. Sie sind Künstler, echte Künstler, daran ist nicht zu zweifeln. Aber sie richten uns zu Grunde. Sehen Sie, das sag ich Ihnen aus meiner Seele heraus: sie richten uns zu Grunde. Alles was wir erworben haben, lang und mühselig, damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das _haben_ sie und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe Sache schon lachend in ihre Tasche. Es fließt ihnen so zu, sie haben keinerlei Kampf damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es liegt, daß sie uns überall das Brot wegnehmen: sie haben keine Tiefe. Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine Lüge. Sie kommen ja aus dem Schoß eines wunderbaren Volkes. Urteilen Sie selbst, welche Verfolgungen! welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm krümmt sich dieser Volkskörper durch die Zeiten, unerschöpflich an Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist alles, was ich sagen kann, und das ist wichtiger als alles andere. Sie ersetzen es unbewußt mit dem Schein von Wahrheit, dem Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalität, die sich als Naivetät giebt und mit grüblerischer Wehmut nach den Gründen der Dinge schreit. Ich schwöre Ihnen, mein Lieber, das ist eines von diesen Dingen, die das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die „Judenfrage“, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müssen die Juden fort und tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache, arm und still! Religion! Was kann uns das heute sein! Nichts. Sie sollen sich ein Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über sich setzen wie in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mähen und ihre Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien oder wo. Nicht bei uns mehr! Nein, nicht bei uns! Sonst geht der Verfall weiter und weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre, abgesehen davon, daß es gar nicht gekommen wäre und die germanischen Völker sich einen Gott nach _ihrem_ Blut geschaffen hätten.“

Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört und vermochte nichts zu sagen. Bojesen lächelte schwermütig. „Aber ich bin ganz abgeschweift von meinem Thema,“ bemerkte er mit einer Miene, die gleichsam um Verzeihung bat, für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. „Ich meinte, wie man hier lebt, darin sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird man entweder zum Fanatiker oder zum zufriedenen Dummkopf. Und man kann nicht Einfluß haben auf die Jugend, nein, das ist unmöglich, sehen Sie. Es klingt erstaunlich, aber es ist so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine Jugend! Sie hat nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man macht sie noch ärmer dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch davon darf ich gar nicht reden.“

„Sie haben wohl viel Schlimmes hinter sich?“ fragte Gudstikker, der sich völlig bewußt war, eine banale Frage zu thun. Aber er empfand deutlich, daß ihm dieser Mann heute nichts geheimhalten würde, daß er sich förmlich betäubte durch das Mitteilenkönnen, und daß er sich jedem Fremden ebenso eröffnet hätte.

„Schlimmes? Nein. Es ist so gewöhnlich. Es ist eigentlich zu gewöhnlich, um viel Aufhebens davon zu machen. Mein Vater war reich und hat mich enterbt, weil ich zur Wissenschaft ging. Ich sollte Soldat werden. Nun, dann hat mich die Wissenschaft verstoßen, und da bin ich Lehrer geworden. Ich hätte schon ausgeharrt, aber da traf mich das Unglück, daß ich mich verliebte. Und jetzt kann ich gern den Bankrott meines Lebens erklären. Die Frauen wollen nicht mitthun, wenn der Mann nach den Sternen klettert. Die Toilette kann ja dabei Schaden leiden.“

Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um. Der Raum leerte sich; die Kellner säuberten die Tische, die Lichter wurden zum Teil verlöscht, die weißen Marmorplatten starrten seltsam heraus aus den dunklen Teilen des Saales. Die Uhr schien stillzustehn; die Zeit schien stillzustehn.

„Und nun wundern Sie sich jedenfalls, daß ich hier sitze,“ begann Lehrer Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme, „und nicht daheim bei dieser Frau, in die ich mich verliebt habe –? Nicht wahr, Sie wundern sich? Jeden Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner sublimen Gedanken, denen ich Audienz gebe. Dann mögen sie zusehen, was sie anfangen. Aber ich weiß nicht, welcher Geist uns immer noch mit der Ehe foltert, uns, die wir mit frischgewaschenen Manschetten ins zwanzigste Jahrhundert treten sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin ich ja bereit zu glauben, vielleicht noch ein Jahr länger, aber dann! Ach sagen Sie mir, lieber Freund, was soll man thun mit einer Frau, die so schön ist, wie sie jung ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Körper? Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die schönen Dinge alle heißen, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber vereinigen, wie es die Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch eine Zeitkrankheit, eine Frauenkrankheit, aber was soll man thun mit einem solchen Weib? Man kann ihr nichts mehr geben, nichts. Sie wird uns zum Stein!“

Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz.

„Ja,“ fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich selbst zu zerfleischen, fort, „wenn sonst etwas wäre. Ich wünsche Ihnen niemals, Lehrer zu sein. Was sind das für Herren, auf deren Freundschaft man da angewiesen ist! Davon will ich schon gar nicht reden. Nein, lassen Sie mich aufhören zu reden, erzählen _Sie_ mir etwas. Ich werde Ihnen dankbar dafür sein.“

Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agathon Geyer kenne, und Bojesen bejahte. Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein, wie alle. Er meine, Talent im höheren Sinn, so daß das Bewußtsein eines Zieles dabei sei, ein um der Sache willen Schaffen. Das könne er bei keinem Schüler finden, die die ganze Schule als eine Art Strafarbeit oder Hindernisrennen betrachten. „Aber das kommt von oben und geht durch bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein Evangelium glänzt, der ist gebrandmarkt. Drei Stützen hat die Schule heutzutage: Religion, Patriotismus und Strafzettel. Nun malen Sie sich das aus.“

Die beiden Männer zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel auf der Straße. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker und ging heim, – in dasselbe Haus, das er nie mehr hatte betreten wollen.

Bojesen empfand jenes Grauen vor den eignen vier Wänden, das den energielosen Naturen oft eigen ist, und er fürchtete die stumme Sprache seiner Bücher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich, der allmählich zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Händen festhaltend, schritt er langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element. Er achtete nicht des Weges, den er schritt, er war froh, allein zu sein, er hatte eine jener Stimmungen, in denen man ganz einsam zu sein glaubt auf dem Erdball. In einem bergigen Viertel am Fluß kam Bojesen an ein Haus, dessen erleuchtete Fenster mit den Worten: „Zum siebenten Himmel“ geschmückt waren. An der Thüre hing ein pomphaftes Plakat, das halb zerfetzt war vom Wind.