Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt

Part 14

Chapter 143,682 wordsPublic domain

»Ihr Scharfblick ehrt Sie,« lachte der Maler. »Diese _beiden_ närrischen Zwickel, wie Sie sich auszudrücken belieben, sind eigentlich _Eins_, sind die Achse, um die wir uns hier drehen, sind der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, sind Jonathan für unsern David Malcroix, sind Marquis Posa für unsern Don Carlos Malcroix, sind Pylades für unsern Orest Malcroix, sind unsere einzige Hoffnung, daß der Held heute abend doch noch erscheint, sind _Brennstoff und Tüllen_.«

»Herr Ober, bringen Sie sofort ein Glas eiskaltes Wasser und eine Stirnkompresse für diesen Herrn, wenn irgend möglich noch Leibumschlag und Wadenwickel,« rief der Doktor.

»Lieber Doktor, Sie scheinen uns hier alle etwas für geistesgestört zu halten,« wehrte lachend der Maler.

»Ich sprach bis jetzt nur mit _Ihnen_,« neckte der andere, »und halte da allerdings eine Ableitung vom Gehirn für geboten. Haben Sie Erbarmen und erzählen Sie mir meinetwegen auf deutsch, französisch, spanisch, italienisch, russisch, Volapükisch und Esperanto’sch von diesem Malcroix, -- aber nüchtern -- nüchtern!«

»Ich bin so nüchtern wie ein Kalb vor seiner Geburt,« versicherte der Maler. »Wie Sie sehen, ehren wir Bertold Malcroix noch auf andere Art, indem wir in den kargen Stunden des Zusammenseins mit ihm den Alkohol meiden.«

»Sind Sie verrückt?« entfuhr es dem andern.

»Ich glaube nicht.« Der Maler wurde ernst. »Malcroix hat vor Jahren im betrunkenen Zustand irgend eine schwere Tat begangen -- als halber Knabe allerdings, man weiß gar nichts Genaues, erzählt sich aber die tollsten Geschichten von ihm, und besonders in seiner Vaterstadt Schwarzhausen, berühmt durch Porzellan, viertausend und eine Seele stark, gilt Malcroix als gänzlich schwarzes, verlorenes Schaf. -- Jedenfalls ist er völliger Abstinent, weil er einen angeborenen, furchtbaren, schier grotesken Jähzorn meistern will, und -- alle Achtung vor ihm -- wir helfen ihm stillschweigend dabei, wenigstens solange wir ihn erwarten und mit ihm zusammen sind.«

»Soll ich heute den ganzen Abend Element in einer Trockenbatterie spielen?« fragte der Gast kläglich. -- »Was trinkt denn euer großer Geiger? Zu Beethoven und Bach paßt doch kein Himbeersaft?«

»_Muß_ denn immer ges... trunken werden?«

Der Doktor seufzte. »Es wäre nichts für mich, _nur_ am Busen der heiligen Cäcilie zu saugen, besonders da diese Dame älteren Semestern angehört, ich ziehe Pilsener vor -- -- --«

»Sie sind wohl nicht musikalisch, Doktor? -- --«

»Ich weiß nicht. Als zweijähriger holder Knabe sollte ich in der Kindersymphonie von Haydn mitwirken, war aber noch nicht stubenrein und vergaß mich. Es war mein erstes und letztes Auftreten, aber ich getraue mich doch, das Gebet einer Jungfrau vom Radetzkymarsch zu unterscheiden.«

»Malcroix! Hurra! Malcroix! Evviva! Malcroix!«

Der Maler war, jegliche Gastfreundschaft schnöde vergessend, aufgesprungen und zur Tür geeilt, durch welche ein reckenhafter Hüne eintrat. Es entstand ein völliger Tumult.

»Malcroix, evviva! Malcroix willkommen! Malcroix hoch!«

»Sie sind verrückt -- und alles ohne Alkohol,« murmelte der Doktor, der still an seinem Platze geblieben war.

Aber dann erhob er sich ebenfalls rasch und über sich selbst erstaunt, denn sein Malerfreund führte ihm den Helden des Abends zu.

Und vergessen war aller Spott, alle Kritik, alles Nörgeln, vergessen das Vorhaben, recht ruhig und objektiv zu urteilen, sich nicht planlos mitreißen zu lassen vom allgemeinen Taumel.

Es ging wirklich ein Zauber von diesem Hünen aus, der Zauber eines Sonntagskindes. Was für kluge, ernste, tiefe, gute, leuchtende Augen dieser Künstler hatte, was war er für ein bildschöner Kerl mit dem dunklen Lockenhaar, das doch so gar nicht romantisch flatterte, sondern einfach und schlicht gescheitelt die hohe sein gemeißelte Stirn umrahmte. Und wie er lachte! Dies Lachen kennzeichnete ihn schon als Liebling der Musen, -- das war Musik, die auch den unmusikalischsten Menschen bezaubern mußte.

Und wie dieser Malcroix seine Mitmenschen um Haupteslänge überragte, so war sein ganzes Wesen eher väterlich zu nennen, trotzdem er kaum dreißig Jahre zählen konnte.

»Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde,« sagte Bertold Malcroix herzlich und schüttelte dem Gast die Hand. »Wenn Sie erlauben, setze ich mich nachher ein Weilchen still zu Ihnen, augenblicklich« -- er deutete lachend auf die aufgeregten Verehrer ringsum -- »habe ich noch keinen eigenen Willen.«

»Ein prächtiger Mann, ein lieber Kerl, ein Vollmensch!« Immer wieder sagte es sich der fremde Gast an diesem Abend, je länger er Malcroix beobachtete, wie er der gefeierte Mittelpunkt eines erlesenen Kreises war, ohne auch nur ein einziges Mal unbescheiden, protzig oder nervös-launenhaft zu sein. Dieser Malcroix besaß die »Höflichkeit des Herzens, der Liebe verwandt, aus der die Höflichkeit des äußeren Betragens entspringt«.

»Nicht wahr, Sie gehören ihm auch?« fragte scherzhaft-ernst der Maler, als er wieder allein bei seinem Gaste saß, während Bertolds hohe Gestalt bald hier, bald da unter neuen Gruppen auftauchte.

»Er muß ein treuer Freund und guter Lebenskamerad sein,« meinte der Doktor sinnend, ohne direkt zu antworten -- »ist er verheiratet?«

»Nein. -- Auch über diesen Fall berichtet Frau Fama ganze Legenden.«

»Um Gottes willen, sagen Sie mir nicht, daß dieser Mann Herzensbrecher oder Weiberfeind ist,« rief der Doktor. »Beides würde mir wie ein platter, trivialer Berg zu einem Meisterbilde sein.«

»Malcroix ist auch keins von beiden nach meiner festen Überzeugung, aber -- wie gesagt, ein wahrer Rattenkönig von Legenden heftet sich an seine Person. Man kann sich ja schwer vorstellen, daß dieser Vollmensch ein Erzengel Gabriel ist, wie einige behaupten, -- ich kann darüber gar nicht urteilen, denn er spricht selten über Frauen und niemals über ›Weiber‹. Mit klugen Frauen plaudert er in derselben Weise wie mit gescheiten Männern und mit Gänsen scherzt er gutmütig, ohne sich lange bei ihnen aufzuhalten.«

»Ich kann mir nicht denken, daß ihm irgend eine Frau widerstehen könnte,« meinte der Doktor, »und doch sieht er so gar nicht aus, als läge ihm etwas daran, oder als hätte er sich vergeudet -- vielleicht ist er irgendwo gebunden -- -- --«

Der Maler nickte.

»Man sagt es. Und ich selbst habe meine Beobachtungen gemacht. Er tritt in keiner Stadt Deutschlands auf, ohne irgend ein geheimnisvolles Landhaus in der Nähe zu mieten, wo er dann wohnt und auch hier hat er in einer Tiergartenvilla sein Domizil aufgeschlagen -- nicht allein. Aber das geheimnisvolle Wesen, das ihn begleitet, ist dicht verschleiert und er selbst trägt es in den Wagen hinein und aus dem Wagen heraus. Er mietet eine versteckte Loge, wo es seinem Spiel lauschen kann und -- --«

»Ist wahrscheinlich eifersüchtig wie ein Türke, und das Weib ist schön -- -- item, dieser Malcroix versteht’s. Wird er heute abend noch spielen?«

»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Neulich kamen wir -- es war in Amsterdam -- ganz unverhofft zu so einem Genuß. Da stritt er sich mit einem Kritiker herum, wurde wütend, riß die Geige aus dem Kasten und überzeugte den Kerl mit der _Tat_, so daß dieser windelweich wurde.«

In diesem Augenblick trat eine kleine Stille im Saale ein, irgend jemand, der von draußen hereingekommen war, erzählte eine Geschichte, die sehr belacht wurde. Dann wurde die Unterhaltung wieder lebhaft und allgemein.

»Wo ist er denn?« hörte man Bertold Malcroix fragen.

»Immer noch vor der Tür.«

»Er soll hereinkommen.«

»Aber er ist sehr schmutzig.«

Malcroix winkte ungeduldig mit der Hand.

»Was ist denn los?« fragten einige neugierig, die nichts Genaues von dem Vorgang hören und sehen konnten.

»Nichts Besonderes,« war die Antwort. »Ein zerlumpter Bengel steht vor der Hoteltür und will durchaus den ›großen Malcroix‹ sehen. Er ist der Sohn eines verstorbenen Musikers, lebt bei fremden, harten Leuten und sieht jammervoll aus. Jetzt läßt ihn der Künstler holen.«

Man erhob sich von den Sitzen und spähte neugierig nach der Tür.

Nach einer Weile ging diese auf und ein ungefähr zwölfjähriger Junge kam hereingestolpert, -- er war offenbar geblendet von dem vielen Licht. Seine Jacke war zerrissen und verknüllt, so als hätten viele grobe Hände ihn daran herumgeschüttelt, auch der Junge selbst sah aus, als sei er öfters mit Mutter Erde in allzu dichte, unsanfte Berührung gekommen. --

Bertold hob das Kinn des Knaben leicht in die Höhe und sah ihm in das zitternde, verweinte Gesicht.

»Nun, mein Junge, -- du wolltest mich sehen? Ich bin Malcroix.«

Und der fremde Junge sah.

Nicht wie Neugierde blickt, die sich mit Verständnislosigkeit paart, es war auch nicht Liebe, mit der der blasse Knabe den großen Künstler betrachtete, es war wie Durst.

Durst nach etwas Hohem, Herrlichem, das nie bis heute in sein armes Leben getreten war.

Und die Umstehenden schauten wieder auf die beiden und sie vermochten nicht einmal zu lächeln, so rührend war die Versunkenheit des Jungen.

»Wie heißt du?«

»Fritz Bach.«

»Du hast einen Wunsch an mich?«

»Ich habe den Herrn spielen hören -- heute im Konzert, aber ich wußte nicht, ob ein Mensch spielte -- -- --«

»Was redest du da. Wo warst du? Im Saal drinnen? Erzähl ordentlich.«

»Hinter dem Vorhang auf der Bühne steckte ich. Die Frau, bei der ich bin« -- der Junge schüttelte sich -- »ist Garderobefrau, der Mann hat auch eine Anstellung da. Ich habe schon viele Musik gehört. Gestern hatten sie mich so geschlagen, weil ich den Herrn geigen hören wollte, daß ich mich nur noch hinter den Vorhang stecken konnte; ich meinte, ich müßte sterben. Und als der Herr geigte, glaubte ich, ich wär’ tot, und es wär’ schon ein Engel -- -- --«

Die Umstehenden sahen sich an.

Das war eine andere Sprache, als die gewohnten Huldigungen, die man dem begnadeten Künstler darbrachte, und dabei dies selbstvergessene Anschauen --

»Sprich weiter.«

»Dann wurde ich ohnmächtig, denn man fand mich, und dann wurde ich wieder geschlagen -- es ist immer so -- aber ich _mußte_ Sie noch einmal sehen.«

»Du liebst die Musik sehr, Fritz Bach?«

»Ohhh!«

Nun lächelten doch die Umstehenden, der Ausruf kam zu rasch und urwüchsig heraus.

»Spielst du selbst?«

Der Junge nickte.

»Was kannst du?«

»Alles!!!«

Nun lachte Malcroix -- und das war auch schon Musik, es war sein altes liebes Knabenlachen.

»Sieh, mein Junge, -- das ist mehr, als irgend ein Mensch von sich sagen kann. Aber wenn du _Bach_ heißt, ist’s ja nicht so verwunderlich. Bei wem hast du gelernt?«

»Ich kann’s von mir selbst.«

»Hm.« Malcroix winkte seinen getreuen Brennstoff zu sich heran und raunte ihm etwas zu, worauf der alte Organist hinauseilte. Nicht lange darauf kam er mit Bertolds Geige wieder, die er ihm reichte.

Jetzt kam Leben in die Versammlung, ein lautloses, rasches, freudiges Verständigen, ein Zuraunen: »er wird spielen«; ein sachtes Hinsetzen und gespanntes Lauschen.

Der Künstler stimmte leicht, dann führte er den Knaben zu seinem eigenen bekränzten Sessel und drückte ihn sacht hinein. Malcroix setzte die Geige an -- --

Es war wohl ein erlesenes Programm heute abend gewesen und alle alten und neuen Meister hatten dem genialen Künstler ihre Stimmen verliehen, um mit ihnen die Zuhörer zu packen und hinzureißen, aber was Malcroix jetzt den Lauschern gab, das war mehr.

Sie saßen alle weltentrückt und Malcroix war es selbst. Der arme Junge in der schmutzigen, zerlumpten Kleidung, der im bekränzten Sessel kauerte, duckte sich immer mehr und kroch ganz in sich zusammen.

Denn der Reichtum war zu mächtig, der sich da auf ihn niederließ, und sein kleines, verzagtes, verstörtes Herz konnte ihn nicht bergen.

»_Fahr wohl, du goldne Sonne!_«

Aber die Sonne ging nicht fort, sie schritt im Gegenteil golden und groß in den Saal hinein. Alle ihre Strahlen verfingen sich in die braune Amati und der Künstler webte aus ihnen ein goldenes Netz, das alle umspann. --

Die Augen hingen an dem Geiger.

Was er ihnen sagte, war gewaltig.

Eine Predigt hielt die Geige, wie sie wuchtiger kaum je vernommen ward. -- Mußte man wirklich einen solchen Dornenweg des Entsagens gehen, wenn man zu dieser Höhe klimmen wollte?

Denn jene unter den Zuhörern, welchen Frau Musika zur Seherin wurde, tief Verschlossenes offenbarend, sie fühlten jetzt mit dem Künstler den Segen des Leides. Sie schritten mit ihm durch Höhen und Tiefen und sahen mit leidgeschärften Augen, daß blumenumstandene Wege sich in Sümpfe verirren und nur ein schmaler, rauher und einsamer Weg hinaufführt ins lichte Kinderland, ins Hochland.

Dann war der letzte Ton verklungen, aber es blieb still im Saal. Nach einem Weilchen hörte man ein wildes, wehes Weinen -- Fritz Bach sprang auf, schob ungestüm seinen Sessel zurück und umklammerte den Arm des Künstlers.

»_Nichts_ kann ich, _nichts_!« stöhnte er und lief hinaus, quer durch den ganzen Saal mit den vielen fremden Leuten, ohne Gruß, ohne Dank.

»Den hole ich mir wieder,« sagte Bertold sinnend.

Er schlug das seidene Tuch um die Amati und legte sie wieder in Brennstoffs Hände. Dieser sah besorgt in Bertolds Antlitz. Es war tiefblaß und nur die rote Narbe quer über der Stirn brannte wie ein feuriges Mal.

»Nur einmal gar nicht mehr an andere denken,« meinte der Organist, »ganz und völlig ausruhen, nicht wahr, Meister Bertold?« Es klang, als spräche eine gute, alte Mutter mit ihrem Sohne. --

»Gewiß, mein Alter, -- sei ganz ohne Sorgen.«

»Schmerzt die Narbe wieder?« fragte nun auch leise Rektor Tüllen. --

»Was soll ich’s hehlen? Ja, sie rumort etwas. --«

Die Umstehenden merkten kaum das Flüstern der drei. --

Nun der Bann des Schweigens gebrochen, waren sie alle völlig bei dem seltenen Genuß, den sie eben gehabt. -- Sie redeten und gestikulierten heftig, sie legten die Sonde der Kritik an einzelne Stellen, und gegensätzliche Meinungen prallten hart aneinander.

Als man den Künstler zum Schiedsrichter nehmen wollte, war er mit den beiden Getreuen verschwunden.

Die letzteren schritten durch die Nacht, glückselig wie zwei Kinder über den wunderbaren Verlauf des Konzertes in Berlin, und auch darüber, daß das Ausland wieder hinter ihnen lag. Sie hätten sich ja nie dazu entschließen können, ihren jungen Meister Bertold allein ziehen zu lassen, -- aber die Heimat übte ihre uralte Macht, und die Heimat war auch den beiden nicht mehr nur Schwarzhausen, sondern Deutschland. Und morgen, -- morgen wollten alle drei nach Bayreuth -- sie wollten Parsifal hören, zum ersten oder zum wievielten Male, sie wußten es nie zu sagen.

Es war ihnen ein Gottesdienst, den sie nie versäumten, wenn er sich ihnen bot. --

Bertold Malcroix schritt durch den stillen Tiergarten, rasch und weit ausschreitend.

Es ging schon stark auf Mitternacht, aber er wußte, daß er in dem kleinen, verschwiegenen Gartenhaus immer willkommen war, und daß die einsame Bewohnerin noch weniger Schlaf brauchte, als er selbst.

Etwas Starkes, Seltsames bewegte ihn heute.

Nicht der Künstlerstolz über den brausenden Erfolg des Abends, auch nicht der Gedanke, daß er heute wieder das Steuer eines Lebensschiffleins geworden war, denn daß er Fritz Bach die Mittel zu einem ernsten Studium gewährte, stand bei ihm fest.

Es war etwas anderes. Er hatte eine Erscheinung gehabt, ein Erlebnis, das ihn nicht losließ, und das er heute abend in Vergessenheit hatte bringen wollen bei sich selbst. --

Er, Bertold Malcroix, der nie einen Menschen vom andern im gefüllten Saale unterschied, er, dessen Sehen im Fühlen unterging, sobald er die Geige im Arm hielt, er hatte heute abend diese seltsame Erscheinung.

Im Adagio von Beethoven war sie auf ihn zugetreten und hatte ihn mit Augen der Erinnerung angeschaut.

Und sie war nicht leblos, trotzdem das schwarze Gewand der Trauer sie umschloß, sie atmete und schaute aus stahlblauen, ernsten Sternen auf seine Geige. Nur auf diese, nicht auf den Mann.

So jäh war sein Erschrecken und das wunderlich süße Entzücken gewesen, als er sie sah, daß er im Spiel ganz leise stockte, und da war auch über das süße Gesicht der Liselotte ein Rot des Erschreckens gegangen.

Jetzt quälte er sich mit dem Gedanken an ihr Aussehen, an ihr verändertes, blasses, ernstes Gesicht, aus dem jedes Schelmenlachen gewichen war.

Kleine Liselotte, dachtest du dir das Leben einfacher?

Du warst so für die Sonne geschaffen, gab es dir Schatten? Zu viel Schatten? --

An diesem Abend hatte er nur für die junge, mädchenhafte Frau gespielt, die so düster in dem tiefen Schwarz unter all den strahlend geschmückten Menschen gesessen. Für ihre Augen hatte er gespielt, die einst so lachen konnten, für die schlanken Hände, die gefaltet in ihrem Schoß lagen, für den Heiligenschein, der in Gestalt von flimmernden Löckchen das liebe Gesicht umgab, für die _Seele_ der kleinen Liselotte Windemuth. Damit versank für ihn der große, helle Saal und alle Menschen dazu, und das stille Grasgärtchen des Rektors Tüllen stieg auf aus der Erinnerung. Nichts war auf dem Inselchen vorhanden, als die kleine Liselotte und er.

So kam es, daß seine Geige heute jubelte und weinte und so inbrünstig warb um die Vergangenheit. Die reiche, volle Tonflut der braunen Amati wollte die Kluft ausfüllen, welche acht Jahre gerissen, wollte einen neuen Weg schaffen zur Heimat und zum Herzen der Jugendgespielin.

Jeder Akkord, jeder Klang, jedes leise Schwingen der Saiten sprach zu ihr und fragte sie und klagte mit jeder Frage sich selbst an: »Kleiner Kamerad, warum blieben wir nicht zusammen? Meine Liselotte, warum ließ ich dich mit einem andern ziehn? Du erfahrenes Mütterchen von Puppe Emmy, warum verstandest du an deinem Konfirmationstage den großen, unbeholfenen Jungen nicht, dem die Liebe zu dir über Kopf und Kragen schlug?«

Und gerade bei dieser eindringlichen Frage, welche die Geige an das Herz der blassen, jungen Frau tat, war eine Störung im Konzertsaal entstanden und Bertold hatte gesehen, wie Liselotte aufstand und den Saal verließ.

Wo war sie jetzt? Wie sollte er sie finden in dem großen, weiten Berlin?

Unter all diesen drängenden Erinnerungen war Bertold Malcroix an das kleine versteckte Gartenhaus gekommen, das sich efeuumsponnen seltsam verwunschen in der Großstadt mit ihren ragenden Prachtbauten ausnahm. Bertold schloß die Gartenpforte auf, die sich lautlos in den Angeln drehte, und schritt den hellen Kiesweg entlang nach dem Häuschen hin, dessen Fenster erleuchtet waren.

Noch ehe er die Glocke zog, öffnete sich die Haustür.

Frau Thereschen Teichmann stand knixend auf der Schwelle.

»Wie geht es der Kranken?« fragte der Ankommende, »hat sie sehr auf mich gewartet?«

»_Sehr!_ Sie ist aufgestanden und behauptet, ganz frisch zu sein. Denn es ist ein Eilbrief gekommen und sie will heim.«

»Heim? Es ist wohl nicht möglich!«

Bertold hatte rasch Hut und Mantel abgelegt und klopfte nun leise an die Tür des nächstliegenden Zimmers, deren Klinke er sacht herunterdrückte.

Und dann hielt der Hüne in den Armen ein feines, kleines, graues Persönchen und Tante Adelgundes verstaubtes Stimmlein schalt mit ihm.

»Du Langbleiber, du launischer Künstlerbub! Vergißt du mich ganz?«

Und als er besorgt nach ihrem Befinden fragte, wies sie ihn herrisch zurecht.

»Ich bin gesund, und ich will reisen. Bertold, wir müssen beide heim.«

Sie hielt ihm einen großen Brief hin und Bertold sah, wie ihre runzligen Hände zitterten. Und er selbst war blaß, nachdem er ihn gelesen; er mußte sich in einen der tiefen Sessel setzen.

Das alte, heisere Stimmlein schalt weiter.

»Gelt, das ist nun doch was anderes und Schwereres, sich zu entscheiden, wo deine Pflicht liegt, dummer Bub? Hier der Ruhm und die Welt, dort die verhaßte Arbeit.«

»Die Arbeit war mir nie verhaßt, Tante Adelgunde,« murmelte Bertold.

»Ach, -- versteh mich doch recht, ich versteh’ dich ja auch. Hier liebt und vergöttert dich alles und in dem fernsten Auslandsnest bist du heimischer als in Schwarzhausen. Dort wartet schwere, verantwortungsvolle Arbeit auf dich und ein verbitterter Greis, der jetzt -- -- --«

Das verwitterte Stimmchen schlug um und Bertold trat zu dem uralten Dämchen und umarmte es zärtlich. »Wann mag der Schlaganfall gekommen sein, Tante Adelgunde?«

»Gott mag’s wissen. Der alte Prokurist schreibt ja nichts drüber, aber du liest ja, daß der Großvater dringend nach dir verlangt -- -- --«

»In einer Stunde geht der Nachtzug, -- ich reise, Tante Adelgunde. Du kommst morgen nach mit Brennstoff und Tüllen und Frau Teichmann. Wirst du die Fahrt ertragen können?«

Da richtete sich das zusammengesunkene Körperchen auf. »Du fragst, wie dumme Buben fragen.« Das Stimmlein war jetzt fest und ernst. »Wenn man sich mit neunzig Jahren noch auf die Wanderschaft begibt, wie ich vor acht Jahren, dann muß etwas Großes, -- das Größeste uns treiben: die _Liebe_, du dummer Bertold Eik. Ich allein hatte dich lieb und ich wußte, daß man einen Eik nicht mit dem Haß und der Menschenverachtung in die Welt hinaus lassen darf. Aber nun hat dich deine Geige die Menschenliebe gelehrt und du brauchst mich nicht mehr. Bald bin ich hundert Jahr -- -- ich möchte in der _Heimat_ sterben.« -- --

* * * * *

Das alte Windemuthhaus hatte lange einsam gestanden.

Man wunderte sich in Schwarzhausen darüber, denn man hatte eine ausgeprägt praktische Veranlagung.

Das Grundstück mit dem schönen, geräumigen Wohnhaus und dem großen Park hatte hohen Wert, und mancher Schwarzhausener Bürger suchte es an sich zu bringen, aber ohne Erfolg.

Man sagte, die verwitwete Frau Oberleutnant von Windemuth wolle mit ihrem einzigen Kinde nach Schwarzhausen ziehen, um das Grab des Vaters pflegen zu können.

Aber es geschah nichts dergleichen, und die Einwohner der Stadt und Umwohner des Windemuthschen Grundstückes gewöhnten sich schließlich an die zugezogenen Fenster und freuten sich, daß der große Garten dem Stadtgärtner übergeben war, der ihn sorglich pflegte.

Durch das Ereignis der Übersiedlung des berühmten Malcroix nach Schwarzhausen wurde das Interesse für die Windemuths in den Hintergrund gedrängt.

Man konnte sich zuerst gar nicht darein finden, daß der verachtete Name mit einem Male so hoch in Ehren stand, daß viele Fremde nach Schwarzhausen kamen und die Unbequemlichkeit des Reisens auf der Nebenlinie und Klingelbahn nicht scheuten, nur um die Heimat des großen Geigers zu besuchen. --

Und nun, da der Sohn den befleckten Namen des Vaters wieder ehrlich gemacht, also daß jeder mit abgezogenem Hute davor stand, nun führte Bertold wieder den Namen »Eik von Eichen«. -- Er war und blieb eben »närrsch« und für die Schwarzhausener unverständlich. Und unverständlich blieb ihnen lange Zeit der ungeheure Aufschwung, den der Betrieb der Fabriken nahm, -- es war doch unmöglich, daß der »Musikant« sich solche Fach- und Sachkenntnis angeeignet hatte, die den Erfolg bedingten.

Bertold Eik schritt durch alle Neugierde, allen Spott und einen guten Teil Nichtachtung, die sich trotz der acht Jahre gut erhalten hatte, mit eherner Stirn hindurch.

Der alte Herr von Eik hatte sich wieder erholt, aber er überließ dem Enkel die volle Verwaltung aller Geschäfte, und dieser ehrte den Großvater als Senior und holte seinen Rat ein, kehrte jedoch mit eisernem Besen jeglichen zopfigen Schlendrian aus. Das schaffte ihm einige neue Feinde zu den vielen alten, aber es verschaffte ihm auch treue Anerkennung und der Erfolg war auf seiner Seite.

Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil niemand gebeten wurde, ihn von innen zu besehen; man munkelte von Lebenspülverchen, die darin nach einem Teufelsrezept verfertigt würden und zu tausendjährigem Dasein berechtigten. Irgendwo mußte ja immer noch die Tante Adelgunde leben, die man nie mehr sah; und doch brachte man nicht die Hundertjährige mit der geheimnisvollen Person in Verbindung, welche Bertold mit auf Reisen nahm und durch Heben und Tragen vor jeder unsanften Berührung schützte.

Es war doch weit interessanter, vom »schlechten Kerl« zu sprechen und sich alle seine schlimmen Taten ins Gedächtnis zurückzurufen, als in dem Herrn von Eichenborn einen ruhigen, arbeitsamen Staatsbürger zu sehen.