Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt
Part 15
Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil das langgestreckte, düstere Haus niemals Gäste sah, niemals Fremde hineinließ. Und weil Dienstbotenklatsch keinen Nährboden hatte, denn die Schar der Dienenden im Eichenborn war altbewährt und wurde im Todesfall immer nur durch erprobte und empfohlene Verwandte des Verstorbenen ersetzt.
Die neue Zeit schritt rings um den Eichenborn und Bertold Eik ~junior~ tat ihr weit die Pforten der Fabrikräume auf und setzte sie auf den Ehrenplatz. -- Was zum Wohle der Arbeiter geschehen konnte, das wurde in den Eikschen Fabriken eingeführt; alle neuen Erfindungen im Betriebe der Schutzeinrichtungen fanden einen warmen, tätigen Förderer in dem jungen Besitzer. Aber die neue Zeit kam nicht nach dem Eichenborn selbst; sie mußte Halt machen vor dem mächtigen schmiedeeisernen Portal, das jeden Abend mit wuchtigem Schlüssel verwahrt wurde, und sie durfte sich nicht einmal erlauben, den uralten Klopfer durch den kleinen, weißen, elektrischen Knopf zu ersetzen.
Der Fürst des Landes war durch Schwarzhausen gereist und hatte dem Städtchen dadurch ungeheure Kosten, Mühe und Aufregung bereitet. Und wenn wirklich, wie man sagt, der Grad der Kultur eines Volkes nach dem Verbrauch der Seife abgemessen wird, so stand Schwarzhausen durchaus auf der Höhe.
Aber der Fürst fuhr mit dem ernstesten Gesicht durch all die Reinlichkeit und Kultur, selbst der Anblick der jungen und alten Ehrenjungfrauen vermochte sein Antlitz nicht zu erhellen, trotzdem die alten schon seinen Vater und Großvater begrüßt hatten.
Ohne Aufenthalt begab er sich nach den Eikschen Fabriken, wo er alles auf das eingehendste besichtigte. Und der Abend fand den Landesherrn nicht auf dem Honoratiorenball in der Thüringertanne, wo verschiedene Hände und Knopflöcher bereit waren, Segen zu empfangen, sondern er fand ihn im Gartenhause des Parkes Eichenborn, und das Gesellschaftstempelchen sah zum erstenmal wieder fürstliche Gäste, wie in längst vergangenen Glanztagen.
Schwarzhausen hatte Ursache, wieder den Kopf zu schütteln. Denn der als streng moralisch bekannte Fürst machte auch der geheimnisvollen Liebsten des jungen Bertold seinen ehrenden Besuch, ja er nahm sogar das »Pfand der Liebe«, die Frucht des unerhörten, lichtscheuen Verhältnisses mit nach der Residenz, damit die musikalische Ausbildung durch berühmte Hände erfolge.
Die neue Schwarzhausener »Schmach«, welche Bertold Eik den sittenstrengen Mitbürgern angetan hatte, war ein vierzehnjähriger Knabe, der in Eichenborn vom Rektor Tüllen unterrichtet wurde, wie denn überhaupt Tüllen und Brennstoff auf Wunsch der Eiks sich dauernd in Eichenborn niederließen.
Der »Sohn« von Bertold Eik ~junior~ wurde Fritz Bach genannt, und trotzdem sich der Fürst zu der unerhörten Heimlichkeit hergab, die sich im Gartenhause des Eikschen Parkes abspielte, und trotzdem überall wachthabende Eichenborner Garde auf Posten gestellt war, hatte doch ein Schwarzhausener Schlingel Gelegenheit, sich in einem Tannenwipfel einzunisten; er erzählte dem atemlos lauschenden Städtchen, daß der Fürst neben »_der_« gesessen. Er habe ihr sogar eigenhändig einen Schemel gebracht. Bertold Eik ~junior~ habe Geige gespielt, worauf der Fürst ihn _umarmt und geküßt habe_. Das gleiche habe darauf plötzlich »Fritz Bach« getan und Bertold Eik habe darüber herzhaft gelacht, worauf der Fürst laut und deutlich gesagt habe: »Mein lieber Eik, auch ohne Ihr Geigenspiel, schon durch Ihr Lachen allein wären Sie der musikalischste Mensch unter der Sonne!«
Man konnte sich nur denken, daß der Fürst schon »alt« wurde und deshalb solche -- (mit tiefem Bückling wurde es gesagt) -- _Ungereimtheiten_ vorbrachte. -- Außerdem hatten sich Durchlaucht ja nie die Mühe gegeben, sich zu überzeugen, wie seine übrigen Landeskinder lachten, so z. B. ganz besonders laut die Tochter des Bürgermeisters, wenn sie keinen Heuschnupfen hatte.
Irgend einen Haken besaß natürlich die ganze Geschichte; denn trotzdem der Fürst öfters »unerhört gemütlich« zu den Eiks kam und Bertold Eik ~junior~ der Lieblingsgast des fürstlichen Residenzschlosses wurde, nannte sich noch niemand der Eiks »Kommerzienrat« und nicht die geringste Ordensdekoration wurde von ihnen getragen. --
Es war gut, daß das Schicksal dem Städtchen Ersatz gab und es an einem anderen Schwarzhauser Kinde Freude erleben ließ. Das war die Frau Liselotte von Windemuth, die nun als junge, ehrbare Witwe des Oberleutnants in ihr Vaterhaus eingezogen war. Daß die achtundzwanzigjährige Frau keinen Verkehr suchte, sondern nur der Erziehung ihres Töchterchens lebte, daß sie weder Kaffees, noch Abendgesellschaften mitmachte, sondern sich der Pflege der Musik hingab, war freilich nicht nachahmenswert, aber sie war ja ein Mensch und Fehler haben _die_ alle. Die Schwarzhausener rechneten sich selbst nicht eigentlich in die Kategorie des ~homo sapiens Linné~, sie waren eben etwas Besonderes, waren »Fürstlich Schwarzhausensch«.
Frau von Windemuth hätte wohl eigentlich bei ihrer Jugend noch nicht so allein leben sollen, aber sie war nicht zu bewegen, der verstorbenen Base Juliane eine würdige Nachfolgerin zu geben, und setzte allen Anzapfungen dieser Art ein Lächeln entgegen, von dem man nicht recht wußte, ob man es lieblich oder spöttisch nennen dürfe.
Wunderschön war jedenfalls die junge Witwe, und um einen Blick aus den stahlblauen Augen zu erhaschen, ging, fuhr und ritt die Schwarzhausener Männlichkeit mit besonderer Vorliebe durch die Straße, wo sie wohnte, und der Verkehr in diesem Stadtteil hob sich, ohne daß Frau Liselotte selbst eine Ahnung hatte. Einige hochangesehene, ernsthafte Bewerber waren über die Schwelle des Windemuthhauses geschritten, aber die junge Frau zeigte keine Bereitwilligkeit, ihr eigenes Ansehen und ihre Ernsthaftigkeit zu teilen. --
So mußte man sich damit begnügen, manchmal beim Sonnenuntergang vor dem Zaun des parkartigen, dicht verwachsenen Gartens zu stehen und nach dem geöffneten Fenster des ersten Stockwerkes zu spähen, »bis die Liebliche sich zeigte«.
Aber sie zeigte sich nie.
Nur die wunderbar weiche Altstimme drang zu den Lauschenden, ein Klang wie aus anderen Welten: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar -- -- --«
* * * * *
Das kleine sechsjährige Wesen, das man im Windemuthsgarten spielen sah, hatte den Unternehmungsgeist der Mutter geerbt. Es stieg über den Windemuthzaun in Nachbargärten und sprach mit den Inhabern wie ein alter Verstandskasten. Es lernte stundenweise ernsthaft sein Abc und teilte ein Herzchen voll Liebe mit Blumen, Vögeln, Puppen, Mutti und dem lieben Gott.
Stahlblaue Augen schauten aus rosigem Gesicht lachend und zeitweise wiederum ernsthaft prüfend. Flimmernde Goldlöckchen umrahmten eine feine Stirn und unter dem geraden Näschen plauderte ein nicht allzukleiner Mund mit Mausezähnchen und etlichen Zahnlücken. --
Die Puppen des quecksilbrigen Wesens liebten weite, gefährliche Spazierfahrten in der »Kajüte«, wie der uralte Puppenwagen genannt wurde; und manche hatte schon ihr Dasein eingebüßt bei den verwegenen Ausflügen und lag begraben im Garten. Etliche waren Krüppel für Lebenszeit und dadurch ganz besonders verhätschelte Lieblinge.
Frau Liselotte erlaubte ihrem Kinde Selbständigkeit.
Automobile und elektrische Bahnen gab es nicht in Schwarzhausen; kläffenden, knurrenden Hunden trat das kleine Mädchen furchtlos entgegen und der Begriff des Bösen und Schlechten ging ihm überhaupt ab, so daß es mürrische und garstige Leute einfach fragte: »Was fehlt dir?«
Vor dem lauschigen, verwachsenen Eingang zum Eichenborn, darinnen die Quelle murmelte, war die Kleine wohl manchmal mit ihrem Puppenwagen stehen geblieben und hatte in das tiefe Grün des Parkes hineingestaunt. Denn es erbte die Eigenart der Mutter, allüberall Melodien zu hören, und im Eichenborn schienen wundersüße Klänge in der Luft zu hängen. Aus der Quelle tönten sie, aus dem Gründickicht quollen sie hervor und dort unten, wo sich das silberne Band der wilden Gera schlängelte und das dunkle Gartenhaus stand, schienen sich die Weisen zu einer geheimnisvollen Symphonie zu verdichten. --
Schon oft wollte das kleine Persönchen all dieses näher ergründen, aber »Mutti« hatte es immer vor dem Eichenborn besonders eilig gehabt und das Kind rasch vorbeigeführt.
So lebte in der Kleinen das unbewußte Gefühl, daß der Eichenborn verbotenes Gebiet sei.
Wenn aber das Schicksal es gerade vor dem Eichenborn erlaubte, daß die Lieblingspuppe heftiges Nasenbluten bekam und abgewaschen werden mußte, dann konnte man natürlich ohne Bedenken hineingehen, und ebenso mußte es jedermann als berechtigt ansehen, daß man die Schwerleidende nach dem Abwaschen noch ein wenig in dem stillen Parke umherfuhr.
Also die kleine Diplomatin.
Sie schritt mit Trippelschrittchen den Melodien nach und machte mit erhobenem Zeigefinger ihre zwei Puppen auf die immer lauter werdenden Klänge aufmerksam. Vor dem Gartenhause hob sie unter Ächzen und Seufzen den schweren Puppenwagen über die Schwelle und schob ihn und sich selbst durch die Tür in die große, altväterisch möblierte Diele. Da saß ein steinaltes Mütterchen am Spinnrade.
»Um Verzeihung --« begann die Kleine mit tiefem Knix, »sind Sie vielleicht Frau Holle?«
Sie nannte sonst noch alle Menschen »du«, aber bei Personen aus dem Märchenlande mußte eine höfliche Ausnahme gemacht werden.
»Komm her zu mir,« rief ein verstaubtes, heiseres Stimmchen, aber die Kleine wehrte ab. »Danke, danke, ich muß rasch zu Mutti, aber vorher möchte ich ›das da‹ sehen.«
Ohne Zögern klinkte sie das Nebengemach auf, und »das da« stand vor ihr und starrte mit Schrecken und Entzücken in das liebe Kindergesicht.
»Liselotte!« rief der große dunkle Mann, der die Geige im Arm hielt, aus welcher die märchenhaften Klänge gekommen waren.
Ein grauer Papagei, der im Bauer am Fenster saß, fing plötzlich an, sich wild und heftig im Ringe zu schaukeln.
»Liselotte! Bertold!« krächzte er.
Die Kleine erschrak und machte einen tiefen Knix.
»Woher weiß er es?« fragte sie neugierig und schmiegte sich an den Mann.
»Was meinst du, du liebes Kind? Heißt du nicht Liselotte?«
Bertold Eiks Hand strich sacht und zärtlich über das blonde Gelock.
»Nein, ich heiße Elfi. Aber die beiden hier.«
Sie schlug die Wagendecke zurück und hob zwei Puppenkinder hoch, das eine im Steckkissen mit verbundener Nase, das andere in schwarzen Samthöschen: »Liselotte und Bertold«.
»Liselotte! Bertold!« schrie der Papagei.
»Siehst du, er weiß es,« triumphierte Elfi, »woher weiß er es?«
»Das war immer so,« murmelte der große Mann, dann legte er mit raschem Griff die Geige in den Kasten, hob die federleichte Elfi hoch, was die Kleine zu jubelndem Lachen veranlaßte, und drückte sie stürmisch an seine Brust.
»Du hast mich wohl lieb?« fragte sie erstaunt-zutraulich, und ihre Ärmchen legten sich weich und herzlich um seinen Hals.
Dann zog sie ein verknülltes, nasses Taschentüchlein, mit dem sie vorhin die Puppe abgewaschen, aus dem perlengestickten Margaretentäschchen und wischte damit dem fremden Mann über das Gesicht.
Denn er hatte Wasser in den Augen und immer mehr Tränen kamen noch, trotzdem ihm die Elfi so mütterlich-zärtlich zusprach, genau so, wie es ihre eigene Mutti bei ihr selbst tat: »Nicht weinen, -- nicht doch -- es ist ja gar kein Grund da!«
Plötzlich lachte er herzlich und glücklich, was sehr hübsch klang, und sie durfte mit ihren kleinen Fingerchen die Saiten der Geige zupfen und nach Herzenslust mit ihrem neuen Freunde plaudern. Sie erzählte von Mutti und vom Windemuthhaus und dem großen Garten, und daß Großvater und Großmutter und auch der Papa im Himmel seien und daß Mutti oft weine.
Unglaublich rasch verflog die Zeit, denn der ernste Mann und das holde Kind hatten sich gar so viel zu erzählen, und als endlich Elfi mit dem Puppenwagen heimfuhr, lag zutiefst auf seinem Boden ein graues, närrisches Bündel und Klein-Elfi und Bertold von Eik hatten ein wundersüßes, großes Geheimnis miteinander.
* * * * *
Frau Liselotte schritt in ihrem Garten auf und ab; er war so dicht verwachsen, daß er sie vor jedem Späherauge schützte, und das war gut und verständig von seinen dichten Zweigen. Denn in den lieben Garten des Vaterhauses trug Frau Liselotte viel heimlichen Kummer; all die vertrauten Stellen darin kannten ihr Leid, wußten, wie schwer sie an der Ehe mit Hans von Windemuth getragen hatte, und wie sie geistig beinahe verhungert war an seiner Seite. Sie war auf Wunsch des Arztes nach dem plötzlichen Tode des Gatten auf Reisen gegangen, aber Mutterliebe trieb sie wieder, seßhaft zu werden, weil Klein-Elfi nicht die Unruhe vertrug. Frau Liselotte hatte sich eine Villa im Tiergarten gemietet, um ihre Stimme in Berlin noch weiter auszubilden, aber sie litt unter dem Tanz um das goldene Kalb, der begann, als man erfuhr, daß die schöne Gesangschülerin der Königlichen Hochschule reich und frei war.
Ernst und unnahbar wurde sie und -- einsam.
Dann kam der Konzertabend in der Singakademie, an dem sie Bertold Eik zum ersten Male wiedersah.
Wiedersah als großen, unerreichten Künstler.
Und das Kinderherz in ihr flog ihm entgegen und alles Trennende schien zu versinken, aber sie hörte, daß er jäh die Künstlerlaufbahn abgebrochen habe und die großen Besitzungen der Eiks übernehmen werde. Sie hörte, daß seine schwere einstige Kopfwunde ihm immer noch zu schaffen machte, und man verhehlte ihr nicht die häßlichen Einzelheiten ihrer Entstehung.
Auch seine geheimnisvolle Begleiterin sah sie und hörte von ihr, aber nichts von alledem drang in das Stillste und Tiefste ihres Herzens, das dem Jugendfreunde seit Urbeginn gehörte.
Und als die Sehnsucht nach der Thüringer Heimat sie packte und schüttelte, daß sie meinte in der fremden Großstadt verzagen zu müssen, da ließ sie die Pforten ihres Vaterhauses öffnen, ließ Licht und Luft und Sonne durch die unverhüllten Fenster einziehen und duckte sich mit ihrem Kinde in das stille, sonnenwarme Nest. --
Heute an dem Sommernachmittag, der sich schon sacht mit dem Abend grüßte, wartete Frau Liselotte auf Elfi, die ihren Gesundheitsspaziergang mit den Puppen etwas gar zu lange ausdehnte, so daß die Mutter schon ein paarmal in Sorge über den Gartenzaun gelugt hatte.
Nun setzte sie sich in die Geisblattlaube und die sonst immer fleißigen Hände, die am liebsten jedes Stück, dessen der Liebling bedurfte, selbst nähten, lagen gefaltet auf der kühlen Platte des alten Steintisches.
Allgemach kam ein süßes Träumen über sie und der Kopf sank auf die verschlungenen Hände.
»Gewiß weint Mutti wieder,« meinte Elfi zu sich selbst, die ganz leise durch das Gartenpförtchen über den weichen Rasen herangefahren war. Ein glückliches Lachen überzog das Schelmengesicht und wechselte mit einem rührend sorglichen Ausdruck.
Was hatte der große, gute Herr im Eichenborn ihr zugeflüstert?
»Wenn deine Mutti wieder weint, dann leg ihr dies Bündelchen in den Schoß; gib acht, sie wird dann froh.« -- --
Und Elfis Herzchen pochte in Erwartung, das graue Bündel wanderte aus dem Puppenwagen auf den alten Steintisch und berührte die gefalteten Hände der Ruhenden. Langsam und verträumt hob Frau Liselotte den blonden Kopf und kichernd schlüpfte Klein-Elfi, sich versteckend, hinter einen dichten Fliederbusch.
Von dort aus sah sie, daß Mutti gar nicht geweint, vielleicht nur ein wenig geschlafen hatte, aber nun lag der Trost doch einmal neben ihr und -- -- --
* * * * *
O was hatte Elfi da angerichtet!
Sie sah, wie das Bündel mit stürmischen Küssen bedeckt wurde, wieder und immer wieder, und die Mutti rief einen Namen dabei, den Elfi nicht verstand; was sie aber wohl verstand, war, daß Mutti _nun_ weinte, -- weinte, wie Elfi es nie gesehen, herzbrechend und bitterlich. --
Also hatte der Herr vom Eichenborn unrecht gehabt und sehr, sehr bös gehandelt, daß er der Mutti solchen Kummer mit dem greulichen Bündel verursachte, und Elfi war sofort entschlossen, es ihm zu sagen, gleich jetzt -- sofort.
Die flinken Beinchen legten den kurzen Weg unglaublich rasch zurück und Bertold von Eik war sehr erstaunt, seine kleine, neue Freundin sobald schon wieder zu sehen. Der Plaudermund Elfis strömte über von raschen, zornigen Vorwürfen und sie verhehlte ihm gar nichts von dem jähen Leid, das über Mutti beim Anblick des grauen Bündels gekommen war.
Noch viel zorniger aber wurde ihr Herzchen, als sie den großen Herrn lachen sah, ganz strahlend und herzlich lachen, und sie wehrte sich mit Händen und Fäustchen, als er sie stürmisch lieb haben wollte, und fing nun selbst an, kläglich zu weinen.
Da wurde er ernst und redete gute, liebe Worte und sie legte vertrauensvoll ihre kleine Rechte in die seine und er ließ sich von ihr leiten bis ins Windemuthhaus.
Dort ließ sie aber die große Hand nicht los, sondern gemeinsam schritten die beiden durch das Portal des Windemuthhauses und hinaus in den Garten.
Erst vor der Geisblattlaube löste sich Elfis Händchen aus der Hand des Freundes, und sie stieß ihn ein wenig unsanft hinein. »Da!« sagte sie nur --
* * * * *
Und der große ernste Herr von Eichenborn mußte seine böse Tat wohl sehr bereuen, denn er lag vor Mutti auf den Knien und küßte immer wieder ihre beiden Hände und diese Hände legten sich auf seinen Kopf und schlangen sich um seinen Hals und Mutti, die gute Mutti, schien ihm auch verziehen zu haben, denn sie küßte ihn ja und sah unbeschreiblich glückselig aus.
Da umfing Klein-Elfi beide liebe Menschen mit ihren weichen Kinderarmen.
* * * * *
An Tante Adelgundes hundertstem Geburtstag führte Bertold Eik von Eichen seine Liselotte heim. -- Eine hundertjährige Bürgerin hatte Schwarzhausen seit seiner Begründung noch nicht aufzuweisen gehabt. --
Die Schwarzhausener waren sehr stolz.
Nirgends in der Welt passierten so seltsame Dinge, wie in ihrem Städtchen, und es hatte den Anschein, als ob der liebe Gott die Schwarzhausener ganz besonders liebte und ehrte.
Denn daß die liebe, gute Liselotte Windemuth, die so viel für die Armen der Stadt tat, den Bertold Eik heiratete und damit den einzigen schlechten Kerl, den Schwarzhausen aufzuweisen hatte, zur Besserung vorbereitete, das wollten sie ihr nie vergessen, ja manchem dämmerte es in seinem Pharisäerherzen, daß Herr Bertold Eik von Eichen es doch am Ende verdiente, ein Schwarzhausener Bürger zu sein.
Und mehr kann der Leser wohl von Schwarzhausen nicht verlangen.
* * * * *
»Du willst meinem Enkel das Glück bringen?« fragte Eik ~senior~ die junge, blonde, schöne Frau.
Es war am Abend ihres Hochzeitstages.
»Ich will ihm die _Heimat_ geben,« antwortete Liselotte schlicht.
Da schloß der alte grimme Eik sie in seine Arme, und er fühlte seherisch, daß das heilige Feuer in diesen beiden Menschenkindern wohl imstande sein würde, das Gold, welches im Eichenborn verborgen lag, von allen Schlacken zu läutern.
Vom Großvater fort schritten Bertold und Liselotte in Tante Adelgundes Gemächer.
Und das Geburtstagskind segnete sie und gab ihnen die silberbeschlagene Bibel, aus der sie noch eben gelesen: »Und wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der _Liebe_ nicht, so wäre ich tönendes Erz und klingende Schelle -- --«
Denn sie ist die Größeste -- -- --!
Fräulein Adelgunde blickte aus hellen Augen dem schönen Paare nach -- es schritt Hand in Hand über den Hof des Herrenhauses und dann stand es vom hellen Mondlicht beschienen im gegenüberliegenden Turmzimmer, dem Brautgemach, von dem man weithin schauen konnte über die geliebten Thüringer Berge.
Ein Rauschen ging durch die Edeltannen, wie eine ernste Mahnung, und ihr herbes Duften war wie stilles Grüßen in dieser heiligen Nacht.
»_Heimat ist Glück_,« murmelte die Hundertjährige.
Ende.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange Folgen von Gedankenstrichen wurden gekürzt. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Gedankensprünge wurden einheitlich dargestellt.
Korrekturen:
S. 64: auf Jungen → auf ihren Jungen sah bekümmert auf {ihren} Jungen
S. 65: Eikens → Eichens zerstörende Erbteil der Eik von {Eichens}
S. 78: Vater doch → Vater hat doch dein Vater {hat} doch auch