Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt

Part 13

Chapter 133,602 wordsPublic domain

Er lächelte dankbar, schlummerte dann ein Weilchen und schlug wieder die Augen auf. »Wenn ich bitten dürft -- -- mit schuldigem Respekt, -- daß man den Herrn von Eichen weckt, -- möcht gern die starke Hand noch drücken und mich dann still bei Seite rücken. -- Und Brennstoff -- -- und den Rektor Tüllen -- wird man mir wohl den Wunsch erfüllen? Ich möchte sie beide noch mal sehn -- -- und kann dann ruhig -- -- nach Hause gehn.«

Er sprach abgerissen, leise und langsam, aber Franziska hörte deutlich jedes Wort und nickte ihm gewährend zu. »Sie werden alle bald da sein, mein guter Teichmann, soll ich auch Frau Thereschen holen?«

Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich glaube nicht, daß ihr das frommt; sie braucht die Ruh für das, was kommt, -- -- sie würde jammern auch und klagen, -- ich kann das jetzt nicht gut vertragen« -- -- Teichmann schlummerte wieder und Frau Franziska verließ sacht das Zimmer. Es währte nicht lange, und sie standen alle um ihn, die seine Treue im Leben besessen und sie fühlten, daß etwas Gutes von ihnen wegschritt. Die rechte Hand reichte der Sterbende dem Rektor Tüllen und die Linke Frau Franziska. Zwischen ihm und dem alten Lehrer bildete das längst verstorbene Ännchen das Bindeglied, aber der Tochter seines alten Herrn schlug sein Herz unmittelbar entgegen.

Am Fußende ragte die hohe ungebeugte Gestalt des alten Eik, und zu Häupten des Bettes mühte sich Kantor Brennstoff vergebens, einer heftigen Bewegung Herr zu werden. --

»Will mir mein Herr ein gutes Sprüchlein sagen?« fragte Teichmann mühsam. »Ich muß den letzten Gang nun wagen und aus dem Eichenhause ziehn -- -- -- Den Pfarrer möcht’ ich nicht bemüh’n -- --«

Der alte Eik trat rasch näher, -- er legte seine große Hand auf die des Kranken: »Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über Weniges getreu gewesen, ich will dich über Vieles setzen, gehe ein zu deines Herren Frieden!« -- --

Das war ein wunderschönes Lächeln, das jetzt auf dem Antlitz des alten Dieners lag. Das Sprüchlein war wohl mitten in sein treues Herz hineingesprochen worden und hatte ihm den Trost gegeben, nach dem er verlangte. Deshalb suchten seine müden Augen nun nicht mehr die umstehenden Menschen, sondern richteten sich in weite, lichte Fernen -- -- --

»Brennstoff, ich sehe den Großen, ich sehe Beethoven« sagte er laut und dann mühte sich seine sterbende Stimme, eine Melodie zu formen, aber es war nur mehr eine zersprungene Glocke, die ihm heimläutete, -- heim. Nur die Worte konnte man deutlich verstehen:

»Fahr wohl, du goldene Sonne -- -- --«

* * * * *

Dem Schnitter Tod schien es in dem kleinen, freundlichen Schwarzhausen wohl zu behagen, er kümmerte sich nicht um Hygiene und nicht um die Ärzte, er rief: Arzt, hilf dir selber, und winkte Doktor Hempel. Dieser sträubte sich zuerst mächtig, er war ein kräftiger, willensstarker Mann und unermüdlich in dieser schweren Zeit auf dem Posten gewesen. Vielleicht zu sorglos und unermüdlich.

Als er den Totenschein für Hieronymus Teichmann ausstellte, sprach Doktor Hempel noch eindringlich mit Frau Franziska, daß sie sich schonen und hinlegen müsse, sie sähe erbärmlich aus von ihren angreifenden Nachtwachen, und die Schwarzhausener hätten es den Kuckuck nicht verdient, daß sie sich aufopfere.

Doktor Hempel war überhaupt verdrießlich und heftig aufgebracht gegen die ganze Welt, die einen schiefen Gang ginge, gegen die Seuche insbesondere, die so tat, als hätte es nie die bewährten und berühmten Hempelschen Reinigungskuren gegeben, und welche über Kurellasches Brustpulver, Zitwersamen und Brennersches Pflaster einfach hinwegschritt.

Ganz besonders aber war er aufgebracht gegen Schwarzhausen, welches noch hinter dem Monde zurück war und von _absichtlicher_ Brunnenvergiftung »gärte und märte«.

»Und Sie müssen die Ohren steif halten, meine liebe Frau Fränzchen, und sich für Ihren Bertold schonen und tapfer aufbewahren, denn der braucht Sie wie das liebe Brot. Er hat nicht viel Freunde in Schwarzhausen und die wenigen sind alt. Und das Heer seiner Feinde sieht scharf nach ihm hin, der später doch einmal so eine Art Vater von ihnen sein soll und doch ist es so kurzsichtig von den Einwohnern, nicht den Segen zu erkennen, der vom Eichenborn für Schwarzhausen ausgeht. Darum hüten Sie als Mutter Bertolds guten Engel, -- und der sind Sie selbst. -- Und nun Gott befohlen! Mir ist heute selbst gar nicht »extra«, -- ich werde mir jetzt einen Aromatique genehmigen und dann zu den Porzellinern gehn, -- die sterben reineweg wie die Fliegen, weil sie alle Zwetschenbäume gepachtet haben und »nichts umkommen« lassen wollen, das verbohrte Volk -- -- --«

Aber Doktor Hempel ging nicht zu den Porzellinern und nahm auch keinen Aromatique. Es war immer seine Art gewesen, sich hinter diesem köstlichen Dietendorfer Schnabus tüchtig zu schütteln, aber diesmal schüttelte es ihn selber vorher und er mußte sich ins Bett legen.

Und weil er selbst sein Wort nicht hielt, glaubte auch Frau Franziska ihm nicht gehorchen zu müssen. --

* * * * *

Bertold Eik saß unter fröhlichen Kumpanen auf der Kneipe, als man ihm den Eilbrief von seinem Großvater brachte.

Schon den ganzen Abend hatte man Bertold seiner großen Schweigsamkeit halber geneckt und ihn auf »tiefsten Dalles« oder »höchste Verliebtheit« taxiert; er konnte einer unerklärlichen Bangigkeit nicht Herr werden.

Sein Großvater schrieb sonst nie an ihn, alle Nachrichten, auch die geschäftlichen, gingen ihm durch seine Mutter oder durch den Prokuristen der Firma Eik zu, -- der Eilbrief übte einen seltsamen Bann, -- er spornte nicht zur Eile, er lähmte alles Denken und Fühlen und nur mechanisch betrieb Bertold seine Abreise, die noch in derselben Nacht erfolgte.

Grau und trübe der Himmel über Schwarzhausen, grau und trübe die ganze Stimmung in den Straßen, grau und düster das langgestreckte Herrenhaus der Eik von Eichen.

Bertold fröstelte, als er heimkehrte in das Haus seiner Väter. Selbst die Gesichter der Menschen, die ihm in der Herrgottsfrühe begegneten, waren ihm grau erschienen, und sie waren es wohl auch wirklich, -- vor Sorgen, vor Angst, weil die Seuche nicht schwinden wollte aus Thüringer Landen.

Und noch etwas starrte dem jungen Studenten aus den Augen seiner Landsleute in grauer Öde entgegen, -- tiefe Abneigung gegen ihn und seine Heimkehr.

Er hatte in ruhig ernstem Gruß den Hut gezogen, als er rasch durch die morgenstillen Straßen schritt und hatte den wenigen Kindern freundlich zugenickt, die sich an den Fenstern zeigten. Aber sein Gruß war nicht erwidert worden, und die Kinder hatten sich eilig und scheu zurückgezogen.

Selbst die geliebten Thüringer Berge hatten eine Nebelkappe aufgesetzt, die sie verhinderte, freundlich, heimatlich, vertraut auf den Heimkehrenden zu blicken und die sonst so silberne Gera schien allen Glanz verloren zu haben und schlich grau und langsam dahin.

Einmal mußte doch wieder alles hell und licht werden, mußte doch dieses öde Grau verschwinden, dachte Bertold, und suchte durch junge, hoffnungsfrohe Gedanken die unerklärliche Bangigkeit zu verscheuchen, welche sich um sein warmes, junges Herz legte.

Einmal? Gleich! Jetzt! -- sobald er die Mutter an seine Brust drückte, an seine junge, kraftvolle Brust, nach welcher sich die liebe Kranke sehnte, wie der Großvater ihm geschrieben. Schien nicht die Sonne schon ein wenig in das Nebelgrau des Morgens, da er so innig an die Mutter dachte und sein Herz ihm selbst schon voraus flog zu ihr? Er würde nicht wieder die Heimat verlassen, die liebe Heimat, die für ihn gleichbedeutend war mit seiner Mutter Herz. Nie wieder! Er würde von nun an immer zu ihren Füßen sitzen, und herrliche, trauliche Abende sollten kommen nach des Tages Last und Mühe, frohe Feste nach sauren Wochen. -- Liebe sollte den Eichenborn durchsonnen.

Der Großvater empfing den Enkel am Portal des Hauses -- war denn heute alles so anders? Das hatte der gestrenge, alte Herr noch nie getan. Die Förmlichkeit der ersten Begrüßung durch sämtliche Dienerschaft war bisher immer streng innegehalten worden.

Und noch etwas verwunderte Bertold und erschreckte ihn zugleich:

Die gebeugte, müde Haltung des Großvaters, die ungewohnte Milde in seinem strengen Gesicht.

»Grüß Gott, Großvater!«

»Lieber Bertold -- -- --«

Ihre Hände lagen mit festem Druck ineinander, dann lief der Jüngere mit eiligen Schritten durch die Diele, die Treppen hinauf, daß er nichts versäume, nicht _eine_ heilige Minute, die er bei der Mutter sein konnte. Er hörte hinter sich den Großvater rufen, -- vielleicht sollte er auf ihn warten, bis der alte Herr mit seinen wuchtigen, langsamen Schritten ihn begleitete, aber das war ja sonst auch nie geschehen, immer hatte er seine Mutter allein begrüßt. Beinahe lächelte der Student ein wenig, daß er so knabenhaft ungestüm und trotzig dem Großvater entlief. Und nun kam noch die braune Tür mit den blitzenden Messingbeschlägen, die den Sohn noch trennte von der lieben Kranken. Wenn er als Knabe Sehnsucht nach der Mutter empfand, dann stand diese braune Tür vor seinem geistigen Auge, und es war ihm, als brauche er nur die Klinke niederzudrücken, um sofort wieder daheim zu sein.

Sacht, sacht! -- die Mutter könnte schlafen, könnte erschrecken. Aber eine Mutter erschrickt nicht, wenn der Einzige heimkehrt -- sie muß ihn ja lange schon erwartet haben, sie hat sich gebangt nach ihm, so schrieb der Großvater.

»Mütterchen!«

Nein, eine Mutter stört der heimkehrende Sohn nie -- besonders nicht, wenn sie so fest schlummert wie Mütterchen Franziska -- -- aber trotz des tiefen Schlafes hat sie das liebe Lächeln auf ihrem Antlitz für ihn, für ihren Einzigen.

»Mutter! _Mutter!_«

Nie wieder vergißt der Eichenborn diesen Ton. Denn das Weh einer Welt liegt in ihm. Und er wird noch tagelang und nächtelang nichts anderes hören, als diesen Ruf.

Mutter! Mutter!

Die junge Seele drinnen ist aus den Fugen. Kleiner, großer, törichter Bertold! Glaubtest du, ein Mutterherz sei so heilig und hehr, daß niemand daran rühren könne; sei so lebendig, so liebeübervoll, daß es nie verstumme? Daß es klopfen müsse in alle Ewigkeiten?

Mutter! Mutter!

Störe den heiligen Schlaf nicht, Bertold! Jammere nicht so wild! Es ist umsonst, du weckst sie nicht. Du bist ein zwanzigjähriger Knabe und da sind zwei Gewaltige, die leben seit Urbeginn, und sie sind wider dich.

Der Tod und -- der ihn rief.

Weine dich gesund.

Denn du brauchst Kraft, dir jetzt deinen Kinderglauben zu retten. -- Du kanntest sie ja bis in ihre innersten Gedanken, deine Einzige.

Du weißt, daß sie ihren Mutterberuf als heilige Mission auffaßte, an deren Erfüllung sie sich selbst hingab.

Nach ihrem unerschütterlichen Glauben warst du ihr von Gott gegeben -- würde Gott dich auch wieder von ihr fordern: »Wo ist dein Kind? Wie erzogst du es? Was können seine Mitwanderer und Weggenossen von ihm erwarten? Warst du würdig, eine Mutter zu sein?« --

Weine dich gesund, Bertold!

Denn du sollst jetzt einen einsamen Weg gehen, sollst aus dir selbst heraus etwas Tüchtiges werden, ohne Mutterwort und Mutterrat, sollst eine Persönlichkeit werden.

Kraft brauchst du, um Gottes Fragen an deine Mutter zu beantworten. -- -- --

* * * * *

Dicht hinter dem Sarge von Frau Franziska schritten Großvater und Enkel.

Die Augen des alten Herrn streiften besorgt das Antlitz des jungen Mannes an seiner Seite.

Es war wie versteint in Schmerz.

Die Schwarzhausener fanden erst lange Zeit nach dem Begräbnis die richtigen Worte, das Wesen des Bertold Eik zu zeichnen, -- während der ganzen Zeremonie war er ihnen unheimlich und unverständlich.

»Bertold! Aber Bertold!«

Der alte Herr von Eichen nahm die Hand des Enkels und hielt sie fest. Er wußte nicht, weshalb? -- er hatte das unbestimmte Gefühl, der junge, verstörte Mensch an seiner Seite könne irgendeine kopflose Handlung begehen.

Aber Bertold dachte gar nicht daran. Er hatte die Augen nicht zu Boden gesenkt, wie es eigentlich die ehrbare, altväterische Trauersitte vorschrieb, sondern hatte sie, weit aufgeschlagen, in Fernen gerichtet.

Wo war die Mutter?

Sein übermüdetes Herz klopfte flatternd und schmerzhaft in seiner Brust. Er sah und hörte nichts, was um ihn vorging, vernahm nichts von den herzlichen Worten des Predigers und hob die schlaffe, herniederhängende Hand nicht, als man sie teilnehmend drücken wollte.

So schritt er wieder aus der Kirchhofspforte heraus und die Karosse der Eiks nahm ihn auf und führte ihn zurück in den verödeten Eichenborn.

Er saß bei Großtante Adelgunde und die Neunzigjährige klagte mit feinem, verstaubtem Stimmlein, daß der Herrgott sie vergessen habe und alle die Jungen vor ihr fort hole.

Er hörte es, aber er faßte nicht den Sinn ihrer Worte. Er hörte auch den Großvater sprechen und raten mit ernster, gütiger Stimme und sprach selbst zustimmende Worte.

Seine Koffer standen wieder gepackt und ein Auslandspaß war ausgefertigt.

Nach Paris würde er gehen, nach London und New York, er würde Holland und Belgien bereisen und alle Plätze besuchen, an denen Haus Eik von Eichen angesehen und berühmt war.

Aber er würde nicht die braune Tür wieder öffnen, die nahe, ganz nahe an seinem eigenen Zimmer lag, die Tür, hinter welcher das leere Bett stand und all die lieben Sachen lagen, die seine Mutter getragen.

Den Schlüssel zu dieser Tür barg er auf seiner Brust.

Der Vollmond stand am abendlichen Himmel und sah auf den rastlos Wandernden, der noch einmal im Parke von Eichenborn alle Plätzchen aufsuchte, die er als Kind geliebt.

Rastlos kamen und gingen die Gedanken.

Er hatte ja die Heimat nicht wieder verlassen wollen -- -- nun hatte seine Heimat _ihn_ verlassen.

Drum ging er gern in die weite Welt.

In seiner wilden Verzweiflung hatte er nicht mehr an die offenkundige Abneigung der Schwarzhausener gedacht und auch ehe der tiefe Schmerz kam, hatte ihn seine Wahrnehmung nur stutzig, nicht grübeln gemacht.

Bertold war ja so jung, so gesund und so erfüllt von guten Gedanken für die Heimat, für Schwarzhausen und den Eichenborn.

Er würde den närrischen Leuten schon zeigen, daß er nicht nur jähzornig, sondern auch arbeitswütig war, und daß er gewissenhaft in seines Großvaters Fußstapfen treten wollte.

Das war _gewesen_. --

Waren es Jahre, die zwischen dem Tage seiner Ankunft und heute lagen? _Heute_ grübelte er, heute wurden ihm die vielen, unbeantworteten »Warum« zu einer unerträglichen Pein.

Aber der Duft der Thüringer Tannen, die so dicht den Tempel der Geselligkeit umstanden, und welche Bertold immer wieder auf schmalem Wege umschritt, übte eine wunderbare Macht. Dieser Duft umfaßte den jungen Menschen weich und stark zugleich -- wie Mutterarme.

Bertold lehnte seinen Kopf an die Rinde des nächststehenden Baumes und griff über sich in das Geäst, wie er als Knabe oft getan, um in kindischem Spiel zu fühlen, wie die spitzigen, braunen, welken Nadeln herunterfielen und sich in seinem dichten Haar versteckten.

Seitwärts von der Tanne auf dem weichen Erdboden wölbten sich zwei Hügel, ein großes und ein kleines Grab.

Da lag Fidelio, der häßliche, gute Hund und dort -- -- die Staatsdame. So hatte der Großvater ohne weitere Erklärung ihm gesagt.

Aus dem kleinen Erdhügel schimmerte im Mondlicht etwas Weißes hervor -- es mußte vor kurzem ein größeres Tier hier gewesen sein; vielleicht ein Hund aus der Fabrik, der durch Zäune und Wiesen herlief. Das kleine Grab war zerwühlt.

Bertold befühlte das weiß schimmernde Etwas mit seinem Stock und blieb daran hängen; als er den Stock hob, fiel die wenige Erde zur Seite und legte eine größere weiße Fläche frei, die Bertold, jetzt doch etwas neugierig geworden, mit der Hand betastete. Seidenstoff war es, rauh geworden von Erde und Nässe, aber an dem Seidenstoff hing ein kleiner, harter, runder Gegenstand. Immer mehr schüttelte Bertold den Kopf, denn er sah nun, daß er eine Puppe vor sich hatte, keine Emmy ohne Kopf, aber einen Kopf ohne Haare und nun fand er auch die abgelöste Perücke und einen dicht zusammengelegten Zettel. Der hatte so verborgen in den Kleiderfalten der Puppe gelegen, daß die Schrift sich gut gehalten hatte und er las die Buchstaben, von seines Großvaters Hand geschrieben, deutlich im hellen Mondlicht: »Diese Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.«

Ergründen konnte Bertold dieses Rätsel nicht, -- aber er wollte es auch gar nicht ergründen.

Er legte die Puppe wieder sorglich in die Grube hinein und holte noch mehr Erde, die er darauf schüttete und dann gleichmäßig fest trat.

Viel ruhiger wurde er durch diese seltsame Arbeit -- denn der wehe Schmerz um seine Mutter wurde abgelöst und abgelenkt durch ein warmes, herzliches Sehnen nach einem lebendigen Menschenkinde, nach einem lieben, rosig-weißen, trotzigen Mädchengesicht, nach einem Paar stahlblauer Augen -- -- nach dem herzlieben, närrischen Mütterchen der kopflosen Puppe Emmy und der begrabenen haarlosen Staatsdame.

Hoch atmete Bertold auf -- das Herz wurde ihm zu eng in der Brust.

Er mußte sie noch einmal sehen, die kleine Liselotte, seine Jugendfreundin, ehe er ins Ausland ging.

Wie hatte er sie nur vergessen können drei lange Tage!

Mutter, liebe Mutter!

Verzeihst du es deinem Jungen, wenn er das lachende Leben mit seinen tiefsten Gedanken verschwiegen grüßt?

Bertold schritt rasch aus dem Park. Im klaren Mondlicht schaute er noch einmal alles hell und schön und vertraut, jeden Baum, jeden Strauch, jede alte, seltsame, verwitterte Steinfigur. Im Grasgarten rauschte der Born, da erzählten sich die Eichen flüsternde Märchen, Märchen von Mutterliebe und Heimat, Märchen von Thüringer Edeltannen, von denen die schlankste und schönste und lieblichste die Liselotte Windemuth war.

Bertold hielt die Hand unter die murmelnde Quelle, und auch sie erzählte und rannte. Von einem jungen Burschen, der seine Mutter verlor und der in die weite Welt ging. Aber er würde wiederkommen, bald -- in einem Jahr oder in zweien, dann würde er in das hohe Giebelhaus treten dort in der nahen Straße und würde das schöne Haustöchterlein fragen und -- -- dann könnte es doch noch einmal sonnig werden im düstern Eichenborn.

Hinschritt er durch die stille Straße mit leuchtenden Augen, mit raschem Atem und jung -- junger Liebe.

Da lag es, das Windemuthhaus.

Aber nicht so still wie der trübe, ernste, schweigsame Eichenborn, aus dem man die letzte Freude hinausgetragen und in die Erde versenkt hatte.

Die schöne, warme, helle Sommermondnacht hatte die Bewohner des Hauses im Garten festgehalten.

Bertold unterschied ganz deutlich die einzelnen Personen: Base Juliane, den alten Herrn Professor und eine junge Dienstmagd, welche noch einige Blumen mit der Gießkanne tränkte.

Wie sah das alles so traut und heimelig aus.

Er trat in den Schatten der Geisblattlaube, die dicht am Straßenzaun lag. Seine Augen spähten und suchten.

Wo bleibt sie? Wo bist du, Liselotte? -- Sieh -- ich will Abschied nehmen.

Wie durch Gedankenübertragung schickte zu gleicher Zeit Professor Windemuth seine Augen suchend durch den Garten, und deutlich vernahm Bertold dessen behagliche Stimme: »Wo bist du Liselotte? Hans! Wo bleibt denn unser Brautpaar -- -- --?«

Furchtbar deutlich -- lächerlich deutlich.

Und furchtbar und lächerlich war doch auch das, was der unverantwortlich helle, abscheuliche Mond da beleuchtete, -- ein eng verschlungenes Paar, das den Weg heranschritt, Arm in Arm, Auge in Auge. -- Das weiße Kleid des Mädchens schimmerte zu Bertold hinüber und ebenso die blitzende Uniform des Leutnants Hans von Windemuth.

Lächerlich deutlich.

So lächerlich, daß man eben lachen mußte.

Gellend lachte Bertold auf -- -- daß das glückliche in sich versunkene Pärchen zusammenschreckte und der alte Herr eilends nach der Stelle hin lief, von welcher das unheimliche Lachen ausging.

Aber Bertold war schon geflohen, und immer noch lachte er, -- jähzornig, wütend, weh, verzweifelt.

Ein paar Schwarzhausener Burschen standen mit ihren Liebchen vor den Haustüren.

An ihnen vorbei stürmte Bertold, sie sahen sein seltsames Gebaren und deuteten es sich in hellem Entsetzen und Empörung über so viel Verworfenheit.

»Er muß betrunken gewesen sein, -- sonst könnte er nicht nachts -- durch die stillen, ehrbaren Straßen planlos rennen und lachen -- laut lachen am Abend des Tages, da man seine Mutter begrub.«

»O über den schlechten Kerl!«

Am nächsten Abend wußte man es in ganz Schwarzhausen, daß der Eichenborn nun wirklich verödet war.

Daß die großen Auslandskoffer gepackt im Zimmer des jungen Eik stünden, aber niemals abgeholt würden. Daß der alte, grimme Eik als ein einsamer Mann zurückgeblieben und sein Enkel geflohen war mit nichts als seiner Amatigeige -- -- -- um ein Musikant zu werden.

* * * * *

_Wird er kommen?_

Das war die brennende Frage des Abends.

Erregte Gruppen standen zusammen, Künstler und Kunstfreunde.

Der schlicht-vornehme kleine Saal harmonierte gut mit den Menschen, die sich darin versammelt hatten; er sah feierlich aus in seinem Weiß und Gold und Kerzenschimmer, feierlich mit dem strengen, grünen Lorbeerschmuck.

Und wie Feiertagsstimmung lag es auch über den Versammeltem trotz einiger erregter Lautsprecher.

_Wird er kommen?_

Meister Joachims Gestalt löste sich jetzt aus der einen Gruppe und winkte abwehrend und lächelnd zurück.

»Versprechen kann ich gar nichts. Sie kennen doch den Malcroix. Der läßt sich weder in Krieg noch in Frieden etwas abnötigen, was er nicht selbst hergeben will, und ob er sich heute Ihnen gibt -- --«

»Gehen Sie gleich jetzt zu ihm, Meister?« fragte ein blutjunges, blasses Bürschchen mit schwärmerischen Augen und blonder Künstlermähne.

»Ja, das tue ich. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn treffe. Und weiß nicht, ob ich meinen ehemaligen Schüler dann nicht für mich behalte. -- Kindskopf!!!« fuhr er gleich darauf den Frager an, dem wahrhaftig die Augen feucht wurden. »Närrisches Volk alle miteinander! Aber mir geht’s ja nicht um ein Haar besser. Herrgott, hat der Mensch gespielt! -- -- Guten Abend, meine Herrschaften!«

Man geleitete Meister Josef Joachim noch zur Tür und trat dann wieder zusammen, bildete neue Gruppen und behandelte doch nur das alte Thema: Bertold Malcroix und sein wunderbares Geigenspiel am heutigen Abend in der Singakademie.

Der Impresario ging mit lebhaften, kleinen Schritten von Gruppe zu Gruppe.

»Das war ein Erfolg!« Sein glatt rasiertes Gesicht glänzte und strahlte.

»Den halte ich noch fest -- der darf mir nicht schon wieder ins Ausland, mag es nach ihm kabeln, so viel es will. Summen zahlt dies Amerika -- -- Aber dem Malcroix ist das einerlei -- -- ich halte ihn fest -- --«

»Menschenkinder -- ich hatte euch Berliner für viel nüchterner gehalten,« meinte jetzt halblaut ein dunkler, geistvoll aussehender Herr, der mit einem bekannten Berliner Maler allein an einem der Marmortischchen saß. »Ihr treibt ja Götzendienst mit diesem Malcroix.«

Der Maler lachte.

»Nennen Sie es so. Aber in Ihrem Munde hat das Wort Götzendienst einen spöttischen Klang. Er ist jedoch von allen Völkern und Stämmen immer sehr ernst betrieben worden, und so halten wir es auch mit Malcroix. Daß Sie zum heutigen Konzert noch nicht in Berlin waren, sondern genau eine Viertelstunde nach Schluß anlangten, machen Sie mit dem Unglücksstern aus, der schon über Ihrer Wiege geschwebt haben muß.«

»Na, da haben wir’s! Stopp, alter Freund! Ehe Sie mir ganz aus dem Häuschen geraten: Wer sind die zwei närrischen Zwickel dort in ihren vorsintflutlichen Fräcken? Sie sehen aus, als seien sie aus der Biedermeierzeit stehen geblieben, um für sie Reklame zu machen.«