Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt
Part 12
»Höflich? Zu Liselotte? _Höflich???_« fragte Bertold verblüfft. Er hätte am liebsten den ganzen Tag immerfort gestaunt und hätte es für das einzig Richtige gehalten, mit diesem kleinen, süßen Mädchen gar kein einzig Wort zu reden, es nur immer anzusehen und zu bewundern. Höflichkeit war für irdische Menschen, aber nicht für den ersten Engel, der zum Eichenborn herniedergestiegen war.
Tief enttäuscht schritt Liselotte heim.
Ihr Hinüberlaufen in den Eichenborn war ganz impulsiv gewesen. Sie hatte den Jugendfreund sofort erkannt, als sie aus der Kirche trat. Er saß neben seiner Mutter im Eikschen Viktoriawagen mit den stadtbekannten schönen Apfelschimmeln, und die festen hellen Koffer mit den leuchtenden Messingbeschlägen schienen vom Kutschbock herunter zu lachen: »Bertold kommt wieder.« Und nun war er _so_ wiedergekommen.
So düster und ungesellig wie nur je. Steif und fremd hatte er dagestanden, -- oh und sie hätten sich doch eine Menge zu erzählen gehabt! Liselotte dachte gar nicht entfernt mehr daran, daß sie ja ursprünglich das »Karnickelchen« gewesen war, sie tobte sich rechtschaffen aus und arbeitete sich in einen tiefen Groll gegen den »Unnahbaren« hinein.
Wäre sie doch nur nicht zuerst in den Eichenborn gegangen!
Hätte sie doch lieber erst Vetter Hans ins Vertrauen gezogen!
Neun Trennungsjahre hatten doch wohl eine zu tiefe Kluft gerissen, und ihr lebhaftes Temperament hatte diese zu rasch überbrücken wollen. Nie, nie würde sie wieder ungebeten den Eichenborn aufsuchen, nie!
Und sie, Liselotte Windemuth, glaubte nun auch, was sich alle von Bertold erzählten: Düster und greulich und hochmütig war er und -- -- --
So kam es, daß, als Bertold sich in seinen Träumen recht eng mit der Jugendgespielin verknüpft fühlte, er in Wirklichkeit weit -- weit ab von ihr weilte. --
Haus Eichenborn versank nach Bertolds Abgang zur Universität noch ein wenig mehr in Dornröschenschlaf.
Von außen und in einzelnen Teilen auch von innen, hätte man es mit Recht für ein verwunschenes Schloß halten können, besonders, wenn man Fräulein Adelgundes graue Gestalt am Spinnrade erblickte, oder wenn man die alte Dame vor Beethovens Spinettchen sitzen sah, das unter dem weichen Anschlag ihrer runzeligen Hände zitternde Klänge hinaussandte durch das rosen- und efeuumrankte Fenster in den stillen verwachsenen Park.
»Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Adelaide -- --«
Und von Beethoven, dem alten Meister, war es der Spielenden nur ein kurzer Gedankensprung zu dem lieben Jungen, dem die Musik eine Kapelle und Beethoven der Heilige darin dünkte. Tante Adelgunde hatte es dem Knaben nie vergessen, daß er sich einst nicht würdig genug befunden hatte, die Tasten auf dem Spinett zu berühren, das Beethovens Hände gemeistert.
Mit klaren Augen und scharfen Ohren, zu denen sich ein junges, warmes Herz gesellte, verfolgte die beinahe Neunzigjährige den Lebenslauf des Großneffen.
Seine Briefe aus Bonn waren stärkender Wein und heilkräftige Arzeneien für sie; Frau Franziska mußte ihr jede Epistel des Fernen bringen und ihr vorlesen, dann wurde sie abends vor dem üblichen Schachspiel dem Bruder noch einmal laut verlesen, hierauf nahm Tante Adelgunde den Brief mit in ihr Schlafgemach und plauderte noch mit Frau Therese Teichmann, während diese ihr kleine Handreichungen verrichtete, über den Studenten, der beiden so sehr ans Herz gewachsen war. Die Ferien führten Bertold nur auf kurze Tage in den Eichenborn, die übrige Zeit dagegen hinaus in Gottes weite Welt. Und auch hier war wieder seine Mutter sein treuer Reisekamerad, der mit so feinem Verständnis dem Jüngeren sich anpaßte. Frau Franziska hatte auch an manchem Kommers, sowie an einigen Ausflügen teilgenommen und die Kommilitonen verehrten die schöne, ernste, jugendliche Mutter des Eik und achteten das enge, innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. --
Freundschaften wurden geschlossen und begeisterte Berichte hierüber von Bertold heimgesandt, die die Vortrefflichkeit des Erkorenen in begeisterten Worten schilderten, nie aber spielte irgend eines der schönen, lebhaften, übermütigen, rheinischen Mädchen eine bedeutendere Rolle in Bertolds Leben, so scharf auch Frau Franziska beobachtete, wenn sie ihn in Bonn besuchte, und so aufmerksam sie auch zwischen den Zeilen seiner Briefe las.
Trotzdem munkelten alle Schwarzhausener Bürger von einem tollen Liebeshandel, als Bertold ein Säbelduell mit einem blutjungen Husarenoffizier austrug.
Bertold lag sehr lange in der Klinik, und dann hatte er eine tiefe Narbe über der Stirn von der dunkeln »Tolle« bis zur kühngezeichneten, dichten Augenbraue des linken Auges ... das war wieder einmal etwas für das Städtchen.
Dieses letzte hatte ja noch gefehlt zur Charakteristik des bösen Buben: »~cherchez la femme~!« Noch so jung -- und schon _so_ Etwas.
Was dies Etwas gewesen war, wußte man nicht genau, aber man redete doch laut und zischelte leise über das schwarzhaarige, junge Ding in Bonn am Rhein, das den jungen Eik betört, um derentwillen der Zweikampf mit dem Offizier stattgefunden hatte.
Auch Base Juliane verfehlte nicht, den interessanten Fall dem Professor Windemuth mitzuteilen und Liselottes Gesicht überflog jedesmal eine brennende Röte, wenn sie den Namen des Jugendgespielen nennen hörte, beinahe immer mit einem Zusatz, von denen noch der mildeste war: »Kind, den jungen Eik guck’ nur nie wieder über’n Weg an. Wie _der_ sich aufführt! Wenn wir noch nicht genau wußten, _wer_ der schlechte Kerl in Eichenborn ist, jetzt wissen wir’s.«
Professor Windemuth schüttelte in ehrlichem Bedauern den Kopf. »Schade, schade um den Jungen! Ein begabter Mensch! Ein hübscher Kerl! Ein musikalisches Genie, und nun will er sich zum Raufbold auswachsen? Schade um die nutzlos vergeudete Kraft!«
Liselotte war und blieb ein wunderliches Ding. Sie vergoß sogar heimliche Tränen über den Bertold Eik, trotzige Tränen, über deren Ursprung sie sich gar nicht klar wurde. Sie führte auch immer noch gelegentliche Selbstgespräche, was sie bei Base Juliane erst recht in den Geruch einer »überspannten Lise« brachte, und da Puppe Emmy schon so lange tot und verschwunden war, hielt sie Zwiesprache mit Bäumen und Blumen und irgendeiner unsichtbaren Person, zu welcher sie ehrlich sagte: »Pfui schäm’ dich, Bertold!«
Als Bertold nach der Verwundung übersiedlungsfähig war, holte ihn Frau Franziska nach dem Eichenborn, um ihn gesund zu pflegen. Noch ein anderes Geschöpf kam ebenfalls zur Pflege nach Eichenborn, ein unglaublich häßlicher Pudel, der genau so verklebt und verbunden war wie der junge Herr von Eik, und von dem man munkelte, daß er dem »jungen, reizenden Ding vom Theater« gehört habe.
Bertold war ziemlich matt von Stubenluft und Blutverlust, er konnte wohl schon auf Stunden aufstehen, aber er streckte sich noch immer mit ganz besonderem Wohlgefühl in seinem Bette aus; vielleicht war ihm auch der Anblick seiner sorgsamen Pflegerin, Mütterchen genannt, ein ganz besonders lieber, den er auszukosten wünschte. Er brauchte nicht mehr so streng mit Gesprächen und Aufregungen verschont zu werden, sondern konnte schon wieder einen Puff vertragen und dieser Puff war ihm auch von Tante Adelgunde nicht vorenthalten worden.
»Schlachtergesellen sind vom Eichenborn seiner Lebtage nicht zu seinesgleichen gerechnet worden«, hatte sie mit ihrer feinen, dünnen, alten Stimme zu Bertold gesagt. »Und ihr Raufbolde habt euch wie Schlachtergesellen verhackstümmelt. Schäm’ dich! Der liebe Gott hatte dich als hübschen Jungen erschaffen, jetzt gibt dir kein einigermaßen hübsches Mädel je wieder einen Kuß.«
Wahrhaftig, der Junge konnte noch lachen, -- nicht mal verlegen, sondern frisch, frei, frohmütig, so, wie nur er es verstand, echt aus dem Herzen heraus. »Wieder? sagst du? Wieder? Tante Adelgunde? Meiner Seel’, ich hab’ noch nie einen Kuß von einem Mädel gekriegt.«
Ganz ehrlich klang es, aber er brauchte doch nicht so krebsrot und verlegen hinterher zu werden, -- es war also geschwindelt und Tante Adelgunde verließ ärgerlich und aufgeregt den Kranken.
Frau Franziska hantierte ruhig und ernst im Krankenzimmer und bereitete alles für die Nacht vor, die Bertold nun nicht mehr mit einem gelernten Wärter, sondern nur noch unter Obhut von Hieronymus Teichmann zubrachte, der im Nebenzimmer sein Lager aufgeschlagen hatte.
Bertold betrachtete sein Mütterchen mit einem humorvollen Lächeln.
»Wie schlecht du dich verstellen kannst, Liebstes«, meinte er leise und ergriff ihre Hand, die ein Glas frischen Wassers auf das Nachttischchen setzte. »Deine Augen fragen den ganzen Tag und ebenso dein Mund, trotzdem er nur das Notwendigste mit deinem bösen Buben spricht. Soll ich nun jetzt antworten, Mütterchen?«
Frau Franziska beugte sich über ihren Sohn, sah ihm ein Weilchen in die Augen und küßte ihn dann auf die Stirn.
»Hast du es _doch_ gemerkt, du Siebengescheidter?« lachte sie leise und verlegen auf, während helle Röte über ihr Gesicht flog. »Schön und gut, ich erwarte deine Beichte. Aber gleich eins sage ich dir vorher.« Frau Franziska reckte sich hoch auf. »Ich glaube _nichts_ von dem Unsinn, den die Schwarzhauser über dich verbreiten und ich werde dir selbst nicht glauben, wenn du mir jetzt etwa tolles Zeug vorreden willst. _Mein_ Junge bist du und ich bin dein treuer Kamerad. Unbesonnen und jähzornig kannst du handeln, aber nicht niedrig oder unritterlich, es ist einfach nicht möglich -- und auch mit dem Mädel -- ich glaub’s nicht, -- mein Bub ist höchstens in _mich_ verliebt, -- gelt, Bertold?«
Ein wahres Leuchten zog über des jungen Burschen Gesicht. »Gibt es nun wohl noch _eine_ solche Mutter?« lachte er glücklich. »Wie du mich kennst, deinen wilden Jungen! Komm her, Altchen, ganz nahe zu mir.«
Er zog die Mutter auf die Bettkante, wo sie sich möglichst bequem hinsetzte und schmiegte sich in ihren Arm. »Also nur neugierig ist meine kleine alte Dame?« fragte er zärtlich, -- »kein bißchen mißtrauisch, trotz Schwarzhausen und angrenzender Raubstaaten? Aber ehe ich dir mein kurzes, gar nicht sehr interessantes Erlebnis schildere, muß ich erst von dir hören, wie rabenschwarz man mich in unserer lieben Vaterstadt anstreicht.«
Frau Franziska erzählte ruhig und sachlich. Es wurde ihr nicht ganz leicht, denn die Schwarzhausener waren hart und bös mit ihrem Jungen verfahren, und sie vermochte es nicht über sich, vor Bertold das ganze Gewebe von Häßlichkeiten auszubreiten. Immerhin blieb noch ein großer Teil unguter Verleumdungen übrig und Bertold mußte erst ein paar Mal rasch und heftig aufatmen und tapfer tausend Bitterkeiten hinunterschlucken, ehe er antworten konnte.
»Armes Mütterchen!« sagte er zuerst nur. Dann legte sich ein altmachender, verächtlicher Zug auf sein offenes Knabengesicht, so daß Frau Franziska sacht glättend mit der Hand über seine Stirn strich. Gerade diesen Zug mochte sie am wenigsten an ihm sehen, er tat ihr mehr weh, als irgend sonst etwas.
»Es ist eigentlich schade, daß die Leute ihre Phantasie an eine so kleine, unbedeutende Tatsache hängen,« meinte er spöttisch. »Du wirst lachen, mein Liebes, wenn du siehst, was für ein harmloses Mäuslein der kreisende Berg zur Welt bringt.«
»Je weniger es ist, desto lieber ist’s der Mutter von Bertold Eik,« erwiderte sie einfach, »erzähle mir alles.«
Nun ja, der Jähzorn war wieder einmal mit ihm durchgegangen, aber Mütterchen würde sich wahrscheinlich auch nicht beherrscht haben in solch unwürdiger Sachlage.
Bertold schmiegte sich wie ein Kind behaglich in den Mutterarm:
»Ein schöner, sonniger Morgen war’s,« erzählte er, »und ich wollte mir einen kleinen Brummschädel wegbringen durch rasches, kräftiges Zuschreiten. In der Nähe vom Münsterplatz, ich nicke immer gern dem Beethoven erst mal zu, ehe ich an mein Tagewerk gehe. -- Da höre ich ein Jammergeschrei und Jammergeheul gleichzeitig von Mensch und Vieh und finde ein scheues, sich bäumendes Pferd, an dem ein Pudel unaufhörlich schnappend in die Höhe springt, und finde meine kleine ~filia hospitalis~ -- Mutterle, du kennst ja die schwarze Gretel -- die hat die Leine verloren, an der sie den Pudel halten soll, und wie sie mich sieht, schreit sie wie besessen »Herr von Eik, Herr von Eik!« und fällt mir beinahe um den Hals. Helfen konnte ich gar nichts, der Offizier brachte sein Pferd selbst zur Ruhe, sprang ab und übergab es seinem Burschen, der hinter ihm ritt.
Aber nun nahm er den Pudel vor, der ja wohl auch Prügel verdient hatte, aber -- -- -- brrr!« Bertold schüttelte sich. »Na Mutterle, du weißt ja, was für ein sieches, krüppeliges Jammergestell aus dem Pudel Fidelio geworden ist -- -- ich riß ihn dem Leutnant aus den Fäusten -- -- es war nicht schön, Mütterchen -- -- ja -- so kams.«
»Ihr wurdet handgreiflich?« fragte Frau Franziska leise.
»Was heißt da handgreiflich -- Mutterchen -- zwei neunzehnjährige Kerle, denen beiden der Jähzorn im Nacken sitzt. Am andern Tag war das Duell -- ich habe für mein Leben den scheußlichen Schmiß weg, der mir noch genug Kopfschmerzen machen wird, und dem Leutnant von Senz habe ich die Nase gespalten -- -- Tante Adelgunde hat ganz recht: ›Schlachtergesellen!‹«
»Du böser Wilder!« Frau Franziska strich sanft über die rote Narbe; »du wirst dich nun umlegen und ganz ruhig schlafen viele Stunden lang, damit das Fieber nicht wiederkommt.«
»I, das ist ja schon da, Mütterchen,« lächelte Bertold matt, »und da schadet es nichts, wenn ich dir noch rasch sage, daß die schwarze Gretel mir den zerschlagenen, geschundenen Pudel samt seinen gebrochenen Rippen schenkte, weil sie meinte, ich hätte ihr und ihm das Leben gerettet -- -- --«
»Schlaf, mein Junge!«
Frau Franziska erhob sich und verließ sacht das Zimmer. Vor der Tür lag Fidelio. Trotz seiner Schmerzen schleppte sich der kluge, häßliche Hund immer wieder in die Nähe Bertolds, und Franziska ließ den Pudel gewähren, dessen Tage trotz guter Pflege gezählt waren -- man hatte dem armen Tier gar so bös mitgespielt.
Sie dachte an die kleine ~filia hospitalis~, die ihre Nelken und Geranienstöcke am Fenster plünderte, damals als der Bertold in die Klinik kam -- die Mutter mußte ihm jede Blüte mitgeben. So ein gutes, kleines, dankbares Ding! Und aus dem mageren, verwachsenen Persönchen, das im Theater in dem Garderoberaum mithalf, weil es zu schwerer Arbeit zu schwach war, hatten die Schwarzhausener ein »üppiges, tolles, schwarzes Theaterfräulein« herausphantasiert!
Gottlob, daß es Phantasie war. Sie tat ja weh, doch das würde vorübergehen -- ihr Junge gehörte noch ihr, der Mutter, und das war für das Mutterherz die Hauptsache. --
Der Großvater sah Bertold erst, als er sich schon wieder zur Abreise nach der »Universität« rüstete. Diesmal setzte er sich selbst die Gänsefüßchen in Gedanken vor das Wort. Denn er mußte erst einmal drei Monate auf eine andere Art studieren, aber auch sein Mütterchen vermied das Wort »Festung« und sprach immer nur von der Universität Bonn.
Nun hatte Bertold sich noch durch Teichmann in einer kleinen Privatangelegenheit beim alten Herrn melden lassen und das Gespräch zwischen Großvater und Enkel war sonderbar genug.
»Ich hatte dir deinen Wechsel schon durch deine Mutter zustellen lassen« -- empfing Eik ~senior~ den Enkel.
»Es bedarf nicht noch eines besonderen Dankes, Bertold. Was wünschest du sonst?«
»Die Erlaubnis, meinen Hund Fidelio im Park beerdigen zu dürfen, Großvater.«
»Deinen Hund? Ist es der schauderhafte Pudel, den du aus Bonn herschlepptest?«
»Jawohl, Großvater.«
»Man sagt -- -- hm -- er hätte einem Frauenzimmer gehört? Ist’s so?«
»Ja Großvater.«
»Die dir wert war? Du fängst früh an, Bertold, ich wünschte, du ließest dir zu derartigen Sachen noch Zeit.«
»Mir war das Mädchen fast unbekannt. Ein armes, verwachsens Geschöpf, älter als ich -- --«
»Du sprichst die Wahrheit? -- --«
Diesmal folgte als Antwort nur ein fester Blick.
»Also wieder einmal Schwarzhausener Geträtsch?«
»Ja Großvater.«
Laut und bitter lachte der Alte auf. --
»Bertold, dein Weg wird wahrscheinlich noch rauher, als der meine es war. Verstehst du das, mein Junge?« Es war das erste Mal, daß eine so gütige Bezeichnung erfolgte und Bertold empfand es mit dankbarer Freude. »Du hast das unglückliche Temperament der Eiks, daneben aber noch einen ganz unvernünftigen Idealismus, der dir -- hm -- wohl von anderer Seite vererbt ist.«
Herr von Eik ~senior~ schritt jetzt im Zimmer auf und ab, man sah, daß ihm die Trennung vom Enkel zu schaffen machte.
»Sich für ein unbekanntes, häßliches Weib aus dem Volke zersäbeln und außerdem drei Monate aufbrummen zu lassen, ist der Gipfel der Dummheit; auch für das Hundewrack, das du mit herschlepptest, fehlt mir das Verständnis, obwohl wir Eiks alle Ursache haben, die stumme Kreatur der schwatzenden, hechelnden, verleumderischen, hetzenden vorzuziehen. Deinen Begräbnisplatz für das Vieh sollst du haben, komm mit.«
Bald darauf standen Großvater und Enkel vor dem Gesellschaftstempelchen im Park, und Bertold sah sich nach einem geeigneten Platze um. Das tote Tier lag, in ein Leinentuch geschlagen, unter der Tannengruppe; Bertold hatte Schaufel, Hacke und Rechen mitgenommen.
»Hier!« rief der Großvater rasch und lebhaft und bezeichnete seinem Enkel die Stelle, wo dieser graben sollte. Bertold war es froh ums Herz, wie seit langer Zeit nicht. Er fühlte zum erstenmal bewußt, daß er dem alten Eik verwandt war und die Zukunft, in der er mit dem Großvater gemeinsam arbeiten sollte, sah ihn nicht mehr so fremd und kalt an. Mit jedem Spatenstich, den er tat, wurde es ihm freier ums Herz; es war ihm, als seien in dem verhüllten Bündel alle seine und Mütterchens Sorgen verborgen, die er nun für immer verscharren wollte.
Vielleicht bewegten den alten Eik ähnliche Gedanken, er erschien dem Enkel aufgeräumt und munter wie nie zuvor. Mit Interesse verfolgte er das Ausschaufeln der Grube, half dann dem Enkel die Last hineinzusenken und setzte sich beschaulich auf die Bank des Tempelchens. Als Bertold die Öffnung zuschaufelte, fiel ihm etwas auf.
»Großvater«, rief er lebhaft, »hier daneben ist noch ein Grab, -- da liegt gewiß schon ein vierbeiniger Eichenborner Hausgenosse.«
Wie sonderbar doch der Großvater war! Er lachte mit einem Male rauh und schallend auf und schaute den Enkel belustigt mit wetterleuchtenden Augen an.
»Nein Bertold, da ruht eine _Staatsdame_«, rief er zurück, und dann sah ihn Bertold mit wuchtigen Tritten nach dem Herrenhause schreiten.
Kopfschüttelnd blieb der Enkel zurück.
* * * * *
Schwarzhausen schwelgte in der Behaglichkeit des Rechthabens. Es war alles bis auf das I-Tüpfelchen eingetroffen, was man seit zehn Jahren vorhergesagt.
Bertold Eik taugte wirklich nichts. Der Ehrenhandel, den er in Bonn ausgefochten hatte, mußte etwas ganz Unsauberes gewesen sein, denn der Student saß im _Gefängnis_.
Man wußte nicht recht, sollte man empört sein über dies Vorkommnis, das eine der angesehensten Schwarzhauser Familien betraf, oder sollte man das Behagen überwiegen lassen, daß endlich einmal etwas Richtiges in Schwarzhausen passierte. -- Es half nichts, daß ~Dr.~ Hempel und Pfarrer Klingenreuter jedem, der es hören wollte, das Wort »Festung« in die Ohren schrie, die lieben Mitbürger wurden dadurch weder gescheidter noch wohlwollender. Und als irgendeiner von den »ganz Klugen« aus Fritz Reuters »Festungstid« nachwies, daß in den Kasematten hauptsächlich »Königsmörder« untergebracht würden, wurden die Mutmaßungen immer geheimnisvoller und belastender für den Übeltäter. Man brauchte auch nur Frau Franziska, die bedauernswerte Mutter anzusehen, um zu spüren, daß das nichtsnutzige Leben ihres Einzigen ihr beinahe das Herz brach. Wie sie aussah, -- so blaß, so erschöpft und hinfällig! Sie war doch noch jung und die Nachtwachen und Krankenbesuche, die sie seit einiger Zeit aufgenommen, konnten unmöglich solche Verheerungen in ihrem Körper anrichten. --
Man fing wirklich an, die »arme« Frau aufrichtig zu bedauern, die solch ein Kreuz zu tragen hatte, und den alten Herrn von Eik dazu, der seinen herrlichen Besitz einst solchen unwürdigen Händen überlassen mußte. Man sah jetzt Frau Franziska täglich.
Was man ursprünglich in edlem Zorn und Gerechtigkeitsgefühl für Haus Eichenborn vom Himmel erfleht, nämlich eine kleine, reinigende Sintflut, das kam mit einem Mal höchst unbegründet für ganz Schwarzhausen, der Typhus. Wie aber nicht anders zu erwarten, war auch hier die Quelle des Übels der Brunnen im Eichenborn, aus dem seit uralten Zeiten die Mägde aus der Stadt das Brunnenwasser holten. Man hätte doch vorsichtiger sein und von dem Augenblicke an, da Bertold Malcroix sich zum Taugenichts auswuchs, den Eichenborn überhaupt meiden sollen. Nun wurde er zum »~mal croix~« für ganz Schwarzhausen. Irgend ein Schlingel des Städtchens, der viele krumme Wege ging, Vogelnester ausnahm und reifes und unreifes Obst stahl, machte sich wichtig und erzählte, daß er nach der Krankheit des jungen Herrn Bertold und kurz vor dessen Abreise den alten Herrn mit seinem Enkel im Parke gesehen habe, wie sie ein großes, geheimnisvolles Bündel in die Erde vergraben. Man hätte dem als verlogen und diebisch bekannten Jungen sonst nicht die einfachste Mitteilung geglaubt, aber diese Nachricht schlug ein und zündete sofort. Der Erzähler wurde beinahe der Held des Tages und in der Parochialschule umstanden ihn die Schüler, auf der Straße die Bürger und seine Wahrnehmungen wurden andächtig aufgenommen. Natürlich schwoll sein Kamm und je öfter er die Geschichte erzählte, desto unheimlicher wurde der Inhalt des Bündels. Der Schauplatz des Begebnisses verschob sich immer mehr, bis er schließlich nahe der Quelle alles Übels, dicht vor dem verseuchten Brunnen lag. --
Es war nur Gerechtigkeit des Himmels, daß die Seuche als erstes Opfer den Hieronymus Teichmann forderte, ihn, der immer und ewig die Partei des schlechten Eiks genommen hatte und auch bei den letzten Munkeleien, die sich ja leider als nur zu wahr erwiesen, ganz aus dem Häuschen gekommen war. Nun hatte er’s, -- nun lag er in einer der Isolierbaracken und seine Stunden waren jedenfalls gezählt.
Daß diese Isolierbaracken und alle die Vergrößerungen und Neuanschaffungen im Krankenhause Geschenke des alten Herrn von Eik waren, erschien nicht mehr als billig und ebenso richtig war es gewesen, daß Frau Franziska sich tatkräftig der Kranken und ihrer Pflege annahm, um die Schuld des schlechten Sohnes etwas zu versühnen.
Der alte, brave Teichmann schickte sich wirklich zum Sterben _an_.
Und so ruhig war er darüber, und so wenig Macht hatten die Schmerzen über ihn, daß seine poetische Ader nicht versiegte, sondern bis zum letzten Atemzuge kräftig quoll. --
Sein gutes Auge leuchtete, als Frau Franziska zu ihm trat; doch gleich darauf erlosch der Glanz wieder, und bekümmert schaute er seinen Liebling an:
»Das Fräulein -- sollt an sich -- selber denken -- und mir nicht noch Zeit und Weile schenken,« flüsterte er zärtlich besorgt mit matter Stimme.
»So blaß sieht Fräulein Fränzchen aus, -- ich kann’s nicht sehn und nicht verstehn, vielleicht liegt es am Eichenhaus, daß Lust und Freuden dort vergehn -- --«
»Das mag wohl sein, alter lieber Hieronymus, aber davon wollen wir jetzt gar nicht sprechen, sondern nur sehen, wie wir dir Linderung bringen. Wie geht es Frau Thereschen? Ruht sie sich ein wenig?«
Er nickte matt.
»Sie hat sich Ruhe nie gegönnt, hat all ihr Lebtag nur geschafft, doch nun sie sieht, daß man uns trennt, da holt sie sich zum Schmerz die Kraft, -- ich bin ohn’ Sorgen allerwegen, -- kann ja mein Weib in Eiksche Hände legen.«
»Du Treuer! Frau Thereschen wird nie verlassen sein, wie du uns nicht verlassen hast in guten und bösen Tagen.«