Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt

Part 11

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Acht Tage warteten die vier Verbündeten in Spannung und Sorge auf die Antwort, und dann kam nur ein kurzer, wehmütig-stiller Brief von Bertolds Mutter zurück:

»Mein Junge! Wenn es dein Beruf ist, Sonne zu geben, so teilst du ihn mit den andern Menschen. Wir sind alle dazu in die Welt geschickt, diese kalte Erde zu durchsonnen. Tut dies ein Jeder auch nur mit dem kleinen Teil, dem heiligen Heimatfleckchen, auf welches Gott ihn gestellt hat, so wird schon viel Wärme geschaffen. Laß uns Deinem Großvater Sonne geben, mein Junge! Dein Wunsch, schon jetzt die Geige als Beruf in die Hand zu nehmen, würde tiefer Schatten für ihn sein. Ich komme bald zu dir! Gott behüte Dich!«

* * * * *

Bertold steckte den Brief ruhig in seine kleine Brieftasche, die er immer auf dem Herzen trug, und zu seinen beiden Freunden, welche mit erwartungsvollen Mienen das Lesen des Schriftstückes verfolgt hatten, sagte er nichts als »Nein«.

Dies tapfere »Nein« wurde von Brennstoff dem Musikdirektor überbracht, der sich darüber weidlich austobte. --

Dies Toben hinderte ihn aber nicht, mit feinstem Verständnis den Knaben weiter zu führen, ihm alles zu geben, was er selbst besaß an technischem Können und tiefer Auffassung, und so reifte Bertold Eik zum Künstler heran, ohne daß man in Schwarzhausen eine Ahnung davon hatte, ja ohne daß er selbst es wußte. Auf diese Weise gab er reiche Sonne in die Herzen der drei alten Hüter seiner Jugend, und seiner Mutter ernste Augen lernten das Lachen. Die Musik und die Natur, -- das waren Jung-Bertolds Zerstreuungen, beide gaben ihm Reichtümer und blieben doch selbst unerschöpflich reich und groß.

Die beiden alten Freunde führten ihn mit sorglichen Händen, auf daß Seele und Körper zugleich gediehen, und so kam es, daß gute Schulzeugnisse und schöne Prämien für Bertolds Wohlverhalten nach Schwarzhausen geschickt wurden, von denen aber nur der Großvater etwas erfuhr. Für die Schwarzhausener war und blieb Bertold der geheimnisvolle Tunichtgut und manchesmal des Abends, wenn die Bürger vor ihren Türen saßen und über das Wohl und Wehe der Stadt berieten, legten sie den Finger an die Nase und versuchten ein weises Gesicht zu machen: »Der alte Eik wird immer reicher. Aber ins Grab kann er nichts mitnehmen! Was wird aus dem vielen Gelde, dem großen Besitz und den Fabriken, wenn der schlechte Kerl, der junge Bertold, einmal alles bekommt?«

In den Ferien kam Bertold nicht nach dem Eichenborn und nicht nach Schwarzhausen. Sobald der Schulschluß da war, erschien sein Mütterchen und reiste mit ihm. Sie zeigte ihm das Thüringerland mit all seiner schlichten Schönheit, sie lehrte ihn die Heimat lieben und feste Wurzeln in ihr schlagen. Sie gab ihm hohe Vorbilder in guten, großen Menschen, die alle der Thüringer Mutterboden getragen und genährt, und stählte in ihm den Willen, diesen Großen nachzueifern. -- Die Bücher, von Rektor Tüllen und Brennstoff sorglich ausgewählt, wurden nicht mit auf Reisen genommen, -- Frau Franziska liebte nicht dies bequeme, elterliche Mittel, Störenfriede auf längere Zeit unschädlich zu machen, -- sie _erzählte_ dem Knaben. Durch scharfe, feine, kluge und gute Mutteraugen hindurch lernte er die Märchengestalten, die Helden der Sage und die Großen der Gegenwart, betrachten. Kehrte er dann in die Einsamkeit der großen Stadt und in die seines Studierstübchens zurück, im Herzen noch das Trennungsweh vom Mütterchen, dann holte er sich ein gutes Buch, schaute seine geliebten Helden mit geschärftem Verständnis und ließ sich von ihnen wieder zur Mutter führen. Für Bertold war ja sein Mütterchen der größte und liebste Held. Sie litt körperlich viel und sah oft leidend aus, aber sie klagte nie, sie litt seelisch unter dem gewiß oft harten Großvater und schien viele, ach so viele trübe Erinnerungen zu haben, aber immer erzählte sie Gutes und Liebes vom Eichenborn und seinen Bewohnern, so daß Bertolds Heimatliebe wachsen und erstarken konnte. Die Mutter predigte nicht langweilige Moral, sie _lebte_ alle ihre Ermahnungen und guten Worte selbst vor, -- wie hätte ihr Junge da nicht nachleben sollen? Und wie die Mutter so gehorsam gegen Gott war und sich beugte unter seinen Willen, so lernte Bertold nach diesem Vorbilde Gehorsam und straffe Selbstzucht. -- -- --

Innerlich unendlich reich kehrte Frau Franziska immer heim und ließ ihren Knaben gewachsen und reifer zurück. --

Trotz alledem behaupteten die Mitschüler in E.: »Der Eik hat was zu verbergen«.

Der Jähzorn war’s, den er verbarg, der ihn noch oft peinigte und quälte, den er doch Mütterchen zulieb als erstes bezwingen wollte.

Viele Anfechtungen hatte er durch ihn noch zu bestehen, und besonders bei rohen Handlungen seiner Mitschüler, bei Tierquälereien und häßlichen Lügen geriet er noch immer außer sich.

Und die tägliche Übung der Selbstüberwindung nahm ihm viel Kraft fort, er blieb schmal und mager, und trotz sorgsamer Pflege schauten seine großen, dunklen Augen ernst und viel zu düster aus seinem jungen Gesicht.

Aber Bertolds Körper war sehnig dabei, nicht schlaff, et turnte gut und gern und hob große Lasten ohne besondere Anstrengung. --

»_Der Eik hat was zu verbergen._«

Dies war das einzige, was von allen Dingen, die Bertold tat oder versäumte, nach Schwarzhausen gelangte, und es wurde in allen Kaffeegesellschaften erzählt, besprochen, weise belächelt und als bestehende und längst bekannte Tatsache angesehen.

Und er hatte in Wahrheit etwas zu verbergen, drei Dinge: Den Jähzorn, Puppe Emmy und einen Brief, einen langen, einzigen Brief der früheren Gespielin, die er nun sechs Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das Papier mit der festen Kinderhandschrift war nicht mehr ganz sauber, es war ja schon mehrere Wochen alt und vielfach von Bertold selbst aufgeplättet worden, wenn er es verknüllt unter seinem Kopfkissen hervorgezogen hatte. Die gute Hauswirtin, welche ihre fünf möblierten Zimmer noch nie so vorteilhaft vermietet hatte, wie diesmal an die beiden ruhigen Herren Lehrer und den braven, stillen, blassen Zögling, wußte schon immer Bescheid, wenn der Junge mit seinem immer dunkler werdenden Papier in ihre Küche kam: »Wenn ich bitten dürfte um ein Plätteisen!« Die brave Frau glaubte freilich, es sei mindestens ein wertvolles Dokument, das der »Jungherr« nicht von sich ließ, und hatte sich eine ganze Legende selbst gedichtet um dieses Papier, Testament oder unersetzliche Urkunde.

Den Jähzorn und Puppe Emmy kannten seine beiden Erzieher, aber diesen Brief kannte nur Liselotte, der liebe Gott und er, Bertold: »Lieber Bertold, ich soll fort in Pension, weil Base Juliane nicht mehr mit mir fertig werden kann. Sie kann schon, aber die Schwarzhausener wollen es. Es geht mir nun wie Dir, und deshalb schreibe ich Ihnen. -- Ich soll nämlich ›Sie‹ zu Dir sagen, sagt die Gouvernante, und ich hatte es wieder vergessen. Nämlich ich habe eine Gouvernante, und wir sind nun fünf Frauenzimmer und nur der eine Papa. Die Gouvernante sagt, Du würdest jetzt auch im Gymnasium ›Sie‹ genannt mit fünfzehn Jahren und Sie müßten jetzt auch ›Sie‹ zu mir sagen. Ich hoffe, daß Du das nie tun wirst, ich würde es gemein finden. Wie siehst Du jetzt aus? Es ist schon wieder vor acht Tagen ein neues Bild von mir gemacht worden, und ich hätte es Ihnen gern geschickt, aber die Gouvernante sagt, es wäre der Gipfel der Pöbelhaftigkeit, wenn ein Mädchen einem Jungen ein Bild von sich schenkte. -- Du siehst daraus, daß sie überhaupt sehr viel sagt. Aber ich will nichts über sie sagen, denn es soll edle und wohltätige Gouvernanten geben, meine ist es noch nicht. Lieber Bertold, wenn Sie es keinem Menschen und sonst auch niemand wieder erzählen, dann möchte ich es Dir allein kund tun, daß ich meine alte Puppe Emmy nicht wiedergefunden habe. Ich habe viele Jahre so gespielt, als ob sie von Zigeunern geraubt wäre, weil sie so schön und gut war. Aber es ist mir ein Rätsel. Dein Großvater ist ja auch eigentlich kein Zigeuner. -- Ich mochte ihn auch beinahe immer so gern wie Dich, aber wir kommen nie mehr zusammen. Niemand hier versteht meinen Schmerz. Und nun soll ich in Pension, -- von meinem Väterchen fort, und kein Mensch beschützt mich, sondern Papa steckt sich Watte in die Ohren, wenn ich tobe, und die Base und die Gouvernante blasen in ein und dasselbe Horn. Die Gouvernante will nämlich ihre letzten Nerven noch in Ruhe genießen, so ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Wir haben immer sehr schöne Ferien gehabt und der Hans von Windemuth, -- nein, ich glaube -- ich darf Dir nichts darüber schreiben, denn sie sind alle noch genau so böse wie vor sechs Jahren auf Dich und höchstens noch mehr. Aber Hans’ Wunden von Dir sehen schneidig aus, wie’n Korpsstudent.

Und indem ich noch zum Schluß mit einer Kusine zusammen in die Pension komme, bleibe ich Deine

Liselotte Windemuth.

P.S. Es ist niemand gestorben in Schwarzhausen, und ich weiß meine neue Adresse nicht richtig, und ich grüße Dich! --«

O gewiß, es war nur ein dummer Brief eines kleinen Mädchens, aber er war so ganz aus der echten Liselotte heraus geschrieben. Mit diesem Briefe in der Hand träumte sich Bertold in die kargen Freudenstunden seiner Kindheit zurück, und all das Trübe und Häßliche versank in den äußersten Winkel des Erinnerns.

* * * * *

Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus, jahrein das hübsche, schmucke Städtchen, dessen äußere Schäden sofort von einem aufmerksamen Magistrat ausgebessert wurden. Und innere Schäden wurden überhaupt selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen müssen und auch dann nur, wenn er sich allsonntäglich in der Stadtkirche die Predigt des alten Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom Balken und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und von den neunundneunzig Gerechten gar so oft wiederkehrte. Aber Fremde setzten sich nicht in die Stadtkirche, sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern empor, und die Einheimischen hörten die Predigt, weil die gute Sitte es wollte, und bezogen die Pharisäer nicht auf sich. Denn es war ja des Pfarrers Beruf, von der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes, hatte ruhige Nächte, führte eine gute Küche und erhielt sich jung. Irgend ein moderner Leichtfuß war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und hatte im großen Saale des Gasthauses zur Thüringer Edeltanne viel hohe Worte von Luftkurort und Sanatorium geredet und sich erboten, Bohrungen auf Solequellen vorzunehmen, aber er war bald wieder mit »dickem Kopfe« abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe Zahlen vor den Augen und Ohren der Zuhörer aufgebaut hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien und Lärmen, sondern einfach nieder_geschwiegen_. Erst nachher hielt noch der wohllöbliche Magistrat eine Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Worten sofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten, daß sie auch ohne Solbäder gesund seien und daß sie wohlhabend genug wären, um keine Sommerfremden zu brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über den Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen war, und worin er der Stadt einen bedeutenden Zuschuß anbot, falls die Bohrungen vorgenommen würden, kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief zu den Akten. --

So fand der junge Bertold Eik von Eichen ein ganz unverändertes Bild, als er nach neun Jahren zum erstenmal seine Heimat wieder betrat.

Nur er selbst war anders geworden. Hochgewachsen und gut gebaut, überragte er seine Altersgenossen weitaus. Das zielbewußte Arbeiten, das Vertiefen in gute Musik und das anstrengende Üben hatten ihm etwas Vergeistigtes gegeben, das gut zu seinem scharf geschnittenen Gesicht paßte. Von Traumseligkeit war nicht mehr viel zu entdecken in seinen dunklen Augen, -- etwas nachdenklich konnten sie blicken, waren aber sonst scharf und sogar ein wenig spöttisch. Frau Franziska hatte leicht ihre kühlen, weißen Hände auf diese Augen gelegt bei der ersten Begrüßung.

»Was ist denn _da_ hineingekommen?« fragte sie forschend.

»Nun, -- was sieht mein Mütterchen darin?«

»Zuerst mich selbst, Gott Lob und Dank!« meinte die Mutter, »aber dann noch tausend Teufelchen.«

Da war das alte, echte Knabenlachen erklungen, das sie so sehr liebte, und welches sie gleich beruhigte.

»Mütterchen, kam dir Schwarzhausen nicht heute etwas wie eine Humoreske vor?«

Sie hatte wohl dasselbe gedacht, aber doch schmerzte sie der Ausspruch aus seinem Munde. »Sahst du nichts anderes in deiner Heimat?« fragte sie mit leisem Vorwurf.

»Mütterchen, ich sah zuerst nur _dich_,« entgegnete er frohmütig und umschlang sie mit beiden Armen, »du wirst bei jedem Wiedersehen schöner!«

Frau Franziska lachte nun doch ein wenig. »Und was sahst du dann, du Schelm?«

»Unser _altes_ Schwarzhausen! Das aussah, als hätte man es vor neun Jahren in eine Spielzeugschachtel gelegt, den Deckel fest draufgedrückt, damit kein Staub darauf falle, und es nun herausgeholt frisch und neu zu Ehren des Herrn Abiturienten Bertold Eik.«

»War es ein gutes Examen, Bertold?«

»Ja, Mütterchen! Nicht mit Befreiung vom Mündlichen. Weißt du, das litten Johann Sebastian Bach und der alte Musikdirektor nicht; beide wollten mir die Chaconne einverleiben, die ich vor Meister Joachim spielen soll, ehe ich nach Bonn gehe. Im übrigen war ich ja nie ein Musterbub’ und hab’ mich auch in Mathematik und Geschichte elend verhauen. Da hieß es denn: ›Antreten zum Mündlichen‹. Aber oberfein war’s. Da konnte man erst zeigen, was man ~intus~ hatte. Wir kreuzten nicht schlecht die Klingen, die Herren Schulmonarchen und wir sieben.«

»Sind alle durchgekommen?«

»Freilich, Mütterchen! Wir gaben ihnen aber Nüsse zu knacken!«

Frau Franziska lachte. »Oder sie euch, mein Junge.«

»~Ergo~, es war famos.«

»Und wie nahmen die Lehrer deinen Entschluß auf, später dem Eichenborn vorzustehen?«

»Mütterchen, -- der prächtige Doktor Gabriel war eigentlich der einzige, der so mit mir drüber sprach, wie es nottat. Im ganzen finde ich’s ja nett, daß es in E. noch so patriarchalisch zugeht und die Tyrannen der Schulbank so gemütlich mit den Mulis zusammenkommen, -- aber nur Doktor Gabriel sprach mir ernstlich zu, bevor ich zur Universität gehe, noch mal vor den Großvater zu treten, ihn zu bitten: ›Laß mich Musiker werden!‹ Und dabei das stramme und doch gütige Wort: ›Kopf hoch, Eik!‹ Das tat mir wohler, als die Moralpauke über das vierte Gebot, die mir Doktor Mops und die Schildkröte hielten. Ebenso gaben der Patagonier, der Gesprächsgegenstand und der Schreibkrampf noch ihren Senf dazu. Ach, und mir nützt das so gar nichts!«

Bertold sah mit einem Male sehr bekümmert aus. »Ich weiß nicht, Mütterchen, ob du mich verstehst, wie mir zumute ist, so abseits zu stehen, wenn die andern mit tausend Masten segeln.«

»Hat Doktor Gabriel keinen Spitznamen?« fragte Frau Franziska, sehr beflissen, Bertolds Gedanken von seinem letzten schmerzlichen Ausruf fortzulenken.

»Freilich, Mütterchen, -- Erzengel heißt er, und -- und er möchte so gern mit Großvater sprechen -- --«

»Bertold! Wenn du ihm und uns doch das ersparen könntest! Kannst du dem Großvater nicht wenigstens deinen guten, ehrlichen Willen zeigen?«

»Mütterchen, ich _habe_ hierin keinen guten ehrlichen Willen. Sieh’, ich würde ja gern die Universität beziehen, wenn ich Arzt werden dürfte. Lieber als alles aber ist mir die Musik. Darf ich weder Arzt noch Musiker werden, dann ist mein Platz auf Eichenborn, wo junge Kräfte unbedingt nötig sind. Für Frau Musika und für Eichenborn sind die zwei Universitätsjahre vergeudete Zeit.«

»Und für dich?«

»Für mich auch, -- -- das heißt -- -- Mütterchen, -- ich habe nun mal kein Verständnis für Familienüberlieferungen, die einen so dingfest machen, wie mich jetzt eben.« Bertold lief im großen Zimmer auf und ab, genau wie es der Großvater tat, wenn er erregt war.

»_Mein_ Junge!« -- Frau Franziska streckte ihm bittend die Hände entgegen, und er hielt in seinem Sturmschritt inne. »Gott weiß, ob ich dich verstehe. Aber, -- was wir haben und sind, verdanken wir deinem Großvater. Ich -- -- ich -- sieh’, Bertold, -- ich wüßte gar nicht, wo wir die Mittel zum Studium hernehmen sollten, wenn wir uns gegen meinen Vater vertrotzten.«

»Das verstehe ich nun wieder nicht,« fiel Bertold erregt ein. »Soviel ich weiß, war deine Mutter doch, wie alle Dannenbergs, sehr reich, -- -- hat denn mein Vater alles -- -- ich meine -- -- --«

Frau Franziska war sehr blaß geworden. »Das war ein Irrtum, Bertold, Mutter war nicht reich, nicht einmal wohlhabend, -- -- ich bin ganz arm -- --«

Bertold schüttelte den Kopf und seufzte. »Der ganze Eichenborn ist ein Geheimnis,« meinte er sinnend. »Es müßte schön sein, Mütterchen, wenn man einmal alles wüßte und Unrecht von Recht sondern könnte. Und dann allen Menschen klar in die Augen sehen. Manchmal habe ich schon gedacht -- -- es klebe unrecht Gut --«

»Bertold! Nein, nein! Sieh’ auf deine Worte! Wenn dich der Großvater hörte!« Franziska zog ihren Sohn neben sich auf das niedrige Sofa. Da hatte sie oft mit ihm gesessen, als er noch ein kleiner Junge war, -- Bertold liebte das alte Möbel mit seinen vielen Erinnerungen. »Nein, mein Junge, -- unser Eichenborn trägt kein unrecht Gut. -- Viel, viel Schuld und Fehle anderer Art wohl -- -- verjährte Geschichten, aber die sollen meines Bertolds Augen nicht verdunkeln.« Sie küßte ihn, und er atmete erleichtert auf.

Frau Franziska lehnte ihren Kopf an Bertolds Schulter. »Wie gern hülfe ich dir! Ich leide am meisten unter meiner Armut und -- daß ich meinem Einzigen nicht helfen kann.«

Bertold umschlang sie fest mit beiden Armen. »_Du_ sollst nicht leiden, Mütterchen,« rief er zärtlich und küßte sie knabenhaft stürmisch. Dann bettete er sie wieder sorglich an seine Brust und sah auf den lieben, schönen Kopf herunter. War es denn möglich, daß sich schon so viele weiße Fäden durch das dunkle Gelock zogen? Wie er seine Mutter liebte! Wie viel sie gelitten haben mußte! Durch ihn, Bertold, sollte ihr nur Freude und Gehorsam kommen, das war sein Entschluß.

»Jetzt sage ich zu _dir_: ›Mütterchen, Kopf hoch!‹« versuchte er zu scherzen. »Wir wollen nachher zum Großvater gehen und alles Nötige wegen Bonn besprechen. Vielleicht kommt ihm auch selbst der Gedanke, daß ich hier am nötigsten bin.«

Frau Franziska sah halb zweifelnd noch in das liebe, ehrliche Gesicht ihres Jungen. Aber darin war nur ein fester Entschluß und mannhafte Entsagung zu lesen. »_Mein_ Junge!«

»Mütterchen?«

Sie sahen sich beide wieder froh in die Augen und dachten nur daran, daß sie beisammen waren.

Nach einer langen Weile des Schweigens meinte Frau Franziska: »Sahst du die Liselotte Windemuth, als wir an der Kirche vorüberfuhren?«

»Ja, Mütterchen.«

»Sie ist groß geworden und sehr hübsch, Bertold. Das lange, schwarze Kleid veränderte sie heute etwas, und die Feierlichkeit der Konfirmation lag noch ganz auf ihrem Schelmengesicht.«

»Wie ist sie innerlich, Mütterchen?«

Die Frage klang seltsam, und ein Ton schwang mit -- Franziska hätte keine Frau sein müssen, um die Worte nicht sofort als etwas Besonderes aufzufassen. Sie hob den Kopf von der Schulter ihres Jungen und sah ihn prüfend an. Da wurde er rot bis unter den dunkeln Lockenschopf.

»Deine erste Liebe, Bertold,« neckte die Mutter zärtlich. »Wie sie sich entwickelt hat, die kleine Liselotte? Nun, wie ein Mädchen, das keine Mutter hat und sich immer im Kampf mit halbgebildeten Hausunken befindet. Wie ein Mädchen, das einen Vater hat, der in ihr den ersehnten Buben vermißt und sie mit Gelehrsamkeit vollpfropft, -- einen Knopf wird sie sich wohl nicht annähen können.«

»Mir schien, sie hatte heute alle Knöpfe am Kleidchen,« bemerkte Bertold mit leisem Humor, und die Mutter lächelte.

»Willst du damit sagen, daß sie sehr ›zugeknöpft‹ war?« neckte sie. »Aber ich will Liselotte nicht verkleinern, Bertold. Sie ist anders als die Schwarzhausener Mädchen, und das kann ihr ja nur zum Vorteil gereichen. Und aus der Pension, wo das arme Geschöpf sechs Jahre verbleiben mußte, ist sie verändert wiedergekommen.«

»Verbildet? Mütterchen?«

»Nein, im Gegenteil. Das ›_arm_‹ bezog sich auf die Tatsache, daß man so ein Mutterloses zu lange dem Vaterhause entfremdete. Aber dem alten Jüngferchen, das dem Institut vorstand, verdankt Liselotte viele unvergängliche Werte. ›Mütter werden _geboren_‹, sagt irgend ein Großer, und diese alte Jungfer war eine echte Mutter!«

»Woher weißt du das alles, Mütterchen?« Bertold drückte die Erzählende plötzlich zärtlich an sich, so als wäre der Ausspruch über jenes alte Jüngferchen überaus beglückend für ihn.

»Von Liselotte selbst. Wir treffen uns manchmal am Tempel der Geselligkeit unten im Park. Ich las diesen Namen in der Eikchronik. Es waren damals wohl andere Zeiten für die Eiks, -- jetzt könnte man ihn Tempel des Schweigens nennen.« Frau Franziska seufzte.

Sie löste sich leicht aus den Armen ihres Sohnes und strich sich Haar und Kleid glatt. Denn es hatte an die Tür geklopft; der junge Diener meldete irgendeinen Namen, und vor Mutter und Sohn stand gleich darauf eine hochgewachsene, schlanke Mädchengestalt.

»Ich wollte meinen Dank für die Blumen selbst bringen,« sagte Liselotte Windemuth.

Die Einleitung war nicht sonderlich geistreich oder verblüffend, aber Bertold wußte nicht ein Wörtchen zu entgegnen oder sich selbst mit irgendeiner passenden Redensart nach neun Jahren wieder vorzustellen. Er, der den Herren Examinatoren »Nüsse zu knacken« gegeben, stand blöde und stumm vor der Jugendgespielin.

Liselotte sah nicht gerade freundlich auf ihn hin. Sie hatte sich von den Gratulanten fortgestohlen und selbst dem amüsanten, strahlenden Leutnant Hans von Windemuth den Rücken gekehrt, um Bertold in der Heimat willkommen zu heißen. Er war ihr ja fremd geworden, aber es war so eine Art heißer Trotz gewesen gegen den moralischen Dünkel der Schwarzhausener, sich plötzlich zu den Eiks zu bekennen, gerade als man den heimgekehrten Bertold wieder einmal zwischen die Scheren nahm.

Und nun tat der einstige Freund nicht dergleichen, stand abseits mit seinem düstersten Gesicht und schaute sie an, als empfände er ihre Störung höchst lästig, ja als wollte er sie beinahe verschlingen. Von beidem war ein Körnchen Wahrheit vorhanden, -- dem Bertold war unglaublich beklommen zumute, und dabei fand er doch die erwachsene Liselotte mit dem Mozartzopf und den großen Schleifen so wunderniedlich, daß er sie nur immer und immer anschauen mußte. Es war ja die alte Liselotte, und sie war es auch wieder nicht. In die Augen des jungen sechzehnjährigen Menschenkindes war etwas getreten, ein Ausdruck, den sich der Achtzehnjährige nicht zu deuten wußte. Denn er sah beinahe wie »Hunger« aus, und wonach hätte die Liselotte wohl hungern sollen?

Sogar eine große Erbschaft hatten die Windemuths gemacht, und Liselotte plauderte sehr unbefangen über ihre veränderten Verhältnisse, daß sie nun mit dem Vater reisen wolle durch das In- und Ausland, erzählte auch, daß ihre Konfirmation eine Art von Familientag bedeute, denn durch die Erbschaft seien die adligen Windemuths arg benachteiligt worden, und da sollte nun ein Vergleich geschlossen werden.

Aber was sie auch plauderte, es riß Bertold nicht aus seinem schweigenden Anstarren, denn weit interessanter als die Erbschaft dünkten dem Jungen die blonden, eigensinnigen Löckchen, die sich so lieblich über der weißen Mädchenstirn krausten, und die trotzigen, stahlblauen Augen, in die richtig hineinzuschauen er sich doch nicht einmal getraute. -- Zwei Dinge, zwei sonst so sehr wichtige, waren überhaupt im Gespräche nicht berührt worden: die Geige -- und Puppe Emmy.

»Du warst nicht höflich zu Liselotte,« meinte Frau Franziska nachdenklich-vorwurfsvoll zu ihrem Jungen, als der Besuch sich entfernt hatte.