Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt
Part 10
Nicht nur in dem köstlichen Rausche der hingebenden Liebe liegt und leuchtet es, -- -- für mich ruht es weit mehr in dem Lächeln, das auf dem ernsten Antlitz meines Gatten erstanden ist, seit wir vereint sind.
»Der düstere Eik«, »der grimmige Eik!« Es paßt gar nicht mehr auf ihn.
So nannten sie ihn in Bremen und auch hier in seiner Heimat sind es seine Übernamen.
Er hat mir schon in unserer Brautzeit bekannt, daß der Jähzorn ein Erbteil der Eiks sei und daß seine Vorfahren ihn ganz besonders belastet hätten, aber er schreckte mich nicht mit diesem Geständnis.
»Jähzornige sind immer auch gut,« gab ich ihm zur Antwort und er küßte mich dafür.
Freilich ist seine Güte nicht augenfällig, -- seine Augen schauen dreuend unter dichten, schwarzen Brauen hervor, sein Mund ist herb geschlossen und kein Bart verdeckt den verächtlichen Zug, der um die Winkel liegt.
»Wo hast du die Welt so verachten gelernt?« fragte ich ihn sinnend-neckend und strich mit meiner Hand sacht über die beiden Fältchen, die seinen schönen, großen Mund mit den eisenfesten, blitzenden Zähnen leicht herabziehen.
Eine feine Röte stieg in sein Gesicht.
Dann aber blitzten seine dunklen Augen mich an, sein dürstender Mund lag auf dem meinen, und wir tranken aus dem Becher der Seligkeit.
»Ich liebe die Welt, seit sie dich trägt,« flüsterte er mir zu. --
»Seit zwanzig Jahren?« fragte ich zweifelnd. »Wann kam denn das Verachten?«
»So lieb’ ich die Welt, seit du mein eigen bist!«
»Also _immer_!« rief ich jubelnd und schmiegte mich an sein Herz.
Den 22. Mai.
Eifersüchtig bin ich. Wer hätte das gedacht! Ich am wenigsten von mir selbst.
Ich hatte es ja nie gespürt, -- wie sollte ich auch? Er liebte mich, er wählte mich, und aus den Wonnen eines kurzen Brautstandes, in welchem er nur für mich und ich für ihn lebte und webte, holte er mich in den Eichenborn, in das stille, düstere Haus seiner Väter.
Und hier auf einmal tritt das Gorgonenhaupt des grüngeäugten Scheusals vor mich hin.
Ich kann es nicht bannen, ich kann es nicht nehmen, fassen und unschädlich machen. Es ist ein Schmerz, der immer mit mir geht. Es ist klein und unvornehm von mir. Denn ich habe keinen Grund zur Eifersucht. Und mir schwebt auch keine bestimmte Person, keine Frau, kein Mädchen vor, -- mir ist, als sei ich eifersüchtig auf alles, was den Einzigen von mir fern halten könnte, auf seinen Beruf, -- -- ja auf die Luft, die er fern von mir atmet. Es ist ein so öder Gemeinplatz: »Eifersucht ist Mangel an Vertrauen.« Und dieser Gemeinplatz lügt.
Eifersucht ist Liebe, höchste Liebe. Und Eifersucht ist Angst. --
Auf die Stunden, die uns in der Brautnacht trennten, bin ich nie wieder zurückgekommen.
Er war so blaß und verstört, mein armer Liebster, als er heimkehrte zu seinem jungen, wartenden Weib.
»Ist er tot?« fragte ich.
»Ja, Liebste.«
»War er es wert, daß du mir fern bliebst?«
»Ja, Liebste.«
Das war unsere Unterredung.
Im August.
Heute führte uns der Weg nach dem kleinen, alten Friedhof. Man kommt zuerst an das Mausoleum mit untermauertem Grund, in welchem seit Jahrhunderten die Eiks von Eichen schlafen.
Ach, bei solch einer Anhäufung von Särgen, da kann ich nie an Schlaf denken, sondern nur an Moder. Im grünen Wald oder im dichtverwachsenen, kleinen Totenhain, unter Efeu und Immergrün, umrauscht von alten Bäumen, da kann man schlafen. Vom Mausoleum ab führen die stillen moosbewachsenen Pfade nach den Gräbern der andern, die aber immer mit dem Hause Eik in irgendeiner Verbindung standen: Angestellte und Arbeiter der Fabrik, Gutsleute und ihre Kinder.
»Warum ruht ihr Eiks nicht hier?« fragte ich, »o wie es hier nach Rosen duftet und Jasmin, nach Jelängerjelieber und Jesuskraut. Die Zypresse im Erbbegräbnis schaut so streng und traurig.«
»Die Eiks sind ja auch ein strenges und trauriges Geschlecht,« meinte mein Liebster ernst. »Außerdem,« setzte er kurz auflachend hinzu, »wollen sie selbst im Tode noch etwas Besonderes sein und getrennt von den übrigen Sündern.«
»Da liegt auch ein Sünder!« rief ich lebhaft und zeigte auf ein ziemlich neues Grab, dem mein Bertold den Rücken kehrte. Dünne Grashälmchen wuchsen darauf, durch welche man die kahle Erde überall hervorblicken sah. Ein kleiner, düstergrauer Stein schmückte die Stelle, -- nein doch, er _schmückte_ sie nicht, er zeigte sie drohend dem Beschauer. »Gott sei mir Sünder gnädig!« stand mit großen, schwarzen Buchstaben auf dem Stein.
Mein Bertold hatte sich herumgedreht, und sein braunes Gesicht war blaß, als er die Worte las.
»Wie furchtbar!« stieß er hervor. »Wie konnte der Alte das tun!«
»Wer ist der Alte?« fragte ich.
Bertold biß sich auf die Lippen. Vielleicht war ihm der Ausruf nur so entschlüpft, doch entgegnete er ruhig: »Der alte Hörschel. Sein Kind -- -- -- es war ein Selbstmörder.«
»War es dein Freund?«
»Nein.«
Dann zog Bertold meinen Arm rasch und fest durch den seinen und schritt mit mir fort aus dem Reiche der Toten in unser lebendiges Heim. --
_Ein Jahr später._
Schwer habe ich gelitten. So schwer, daß ich nicht dazu kam, mein Wohnzimmer zu betreten, viel weniger, dies Buch aufzuschlagen.
Eine Fehlgeburt brachte mich nahe an jenes dunkle Tor, das zum Erbbegräbnis der Eiks führt.
Und nun eröffnen mir die Ärzte, daß ich nie mehr ein Kind zur Welt bringen würde -- -- --.
Warum legte Gott solche tiefe Muttersehnsucht in mein Herz? Warum gab er tausend und abertausend vornehmen Frauen Kinder, die doch von den Müttern vernachlässigt und den Dienstboten übergeben werden? Warum sandte er tausend und abertausend siechen, verderbten, armen, hungernden Müttern und Vätern dies Gottesgeschenk und versagt es gerade mir so grausam? Warum, warum? Verlorene Frage! Aber sie verläßt mich nicht, sie wird zum Hammer und schlägt immerfort auf mein armes Herz. Warum? Warum? All mein Kinderglaube, mein starker Glaube, zerbricht, ich hadre mit Gott und nenne ihn nicht mehr den Allgütigen, Allweisen, nur noch den Allmächtigen, der mein Glück in Trümmer schlug. -- -- --
_Ein Jahr später._
Wenn ich mein ganzes Leben lang so selten in diese Blätter schaue, -- dann wird das Büchlein hundert Jahre aushalten. Und wer trägt die Schuld, daß die gern plaudernde Carola Eik verstummt ist? Verstummt? Kommt ins Kinderstübchen und lauscht dem sprudelnden Quell der Worte und Lieder, die ich meinem Kleinchen darbringe.
Meinem Kindchen? -- -- Muß man denn immer Unmögliches haben wollen? Immer wie unmündige, törichte Kinder nach den Sternen langen?
Mein Bertold wurde mein Arzt. Unter seinem guten, ernsten Zuspruch wurde ich ruhiger, wurde Trostgründen zugänglich, und er eröffnete mir das reiche Feld der Armen- und Krankenpflege, er schickte mich mit reichlichen Summen in die Wohltätigkeitsanstalten ringsum, damit ich mit eigenen Augen sähe, wo es not tut, mild und werktätig einzugreifen. So braucht der Liebesquell in meiner Brust nicht zu versiegen, täglich erneut er sich, und sein Reichtum wird größer, je mehr ich davon abgebe. --
Und als ich eines Abends zu ihm sagte, ganz leise in sein Ohr flüsterte: »Bertold, -- für ein süßes Kindchen hätte ich _doch_ noch Zeit bei all meiner Arbeit und vor allen Dingen, du großer Bertold brauchst so wenig Pflege, und ich habe solch einen Überschuß an Liebe in mir, -- -- es braucht doch nicht ein _eigen_ Kind zu sein -- -- --«
Da -- -- am andern Tag lag’s in dem blau seidenen, weiß verschleierten Himmelbettchen, so recht mitten in den Thüringer Landesfarben. -- Und es war ein süßes, holdes, zweijähriges Mägdelein, das mich zur Mutter begehrt, weil seine eigene, gute, treue Mutter tot ist. -- Es heißt Franziska.
_Ein halbes Jahr später._
Ei du kleine Franziska, -- wie schwingst du dein winziges Machtzepterchen über den Eichenborn. Alles ist dir untertan, vom Vater an bis herunter zum kleinsten Küchenmädchen und Stiefelwichsjungen.
Du hast auch gar zu liebe, blaue Augen, gar so ein feines Näschen, du siehst eigentlich aus, wie eine echte Eik von Eichen. Das macht unsere Pflegeelternliebe, die dich geboren hat, zu einem neuen Leben im Hause Eik. -- O ich könnte eifersüchtig werden, jetzt mehr denn je, ja jetzt sogar mit Berechtigung, denn mein Bertold liebt das Kind, -- beinahe hätte ich geschrieben: »über _alles_!«
Aber das wäre Sünde, das darf ich meinem Liebsten nicht antun.
Und es ist eigen, -- er kann nicht die zarteste Anspielung auf seine zärtliche Neigung zu Klein-Franziska vertragen. Er wird nicht heftig oder mürrisch oder abwehrend, -- er wird so tief ernst und traurig, daß mir das Wort, kaum dem Munde entflohn, schon leid tut und ich mir immer mehr vornehme, diesen Fehler meines Herzens zu bekämpfen. -- Eifersucht! Es ist ja auch zu häßlich, auf ein kleines, schönes, liebes Kind von zwei Jahren eifersüchtig zu sein. --
Manchmal meine ich, Franziska gehöre mir, und ich sei seine Mutter. Meine Phantasie arbeitet dann so stark, daß ich mich in die Schmerzen noch einmal hineinträume, die ich um mein totes Glück erlitt, und dann träume ich weiter, daß dies _tote_ Glück nur ein Traum sei, -- daß es in Wahrheit lebe und Franziska Eik heiße.
Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst du fühlen, daß ein andrer Schoß, als der meine, dich getragen -- -- _mein_ Kindchen bist du! -- -- --
_Ein halbes Jahr später._
Gestern sah ich die Großeltern von -- meinem Kindchen. Das ist doch ein seltsames Gefühl. Mir war mit einemmal das Fränzchen fremder geworden, -- Das sollte doch nicht sein. -- Es war auf dem Friedhof, wohin ich so gern gehe, weil er so tief verwachsen die heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch der Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks, und nach alter Familienüberlieferung pilgert an diesem Tage Herrschaft und Dienerschaft nach dem Mausoleum, um Blumen und Kränze niederzulegen. So auch gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen noch etwas zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei alte Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das mir von allen Gräbern am interessantesten dünkte, am Grabe des Selbstmörders: »Gott sei mir Sünder gnädig!«
Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe vorbeischritten, aber die beiden Alten erwiderten seinen Gruß nicht.
Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis niedergelegt, nahm Bertold einen anderen Weg, um heimzugelangen, mir aber war Klein-Franziska entwischt, die sich gern zwischen Eibenhecken versteckt, wenn wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof der liebste Spielplatz. -- --
Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die so ernsthaft und düster dreinschauen, als habe der Tod des Sohnes jede Sonne von der Erde fortgenommen. Das Kind plauderte lieblich und hielt die Alten bei den Händen, -- es ist ein rechtes Sonnenscheinchen und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund sei. Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann rang es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es gleicht Zug für Zug meiner Tochter, _aber es hat die Eikschen Augen_«.
»So sind _Sie_ die Großeltern?« fragte ich leise und befremdet, denn Bertold hatte mir gesagt, das Kind sei ohne Anhang, seit seine Mutter gestorben. Über den Nachsatz machte ich mir keine Gedanken, -- ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau, gern etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten ja auch wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die beiden und schritt tief nachdenklich nach Hause.
_Am nächsten Tage._
Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute wieder nach dem kleinen Friedhof. -- -- --
»Gott sei mir Sünder gnädig.«
Da waren die beiden Alten wieder, und mir war es, als winke mir der Mann. Ich hatte die Kleine wieder mitgebracht, -- sie weicht ja nicht von meiner Seite, wenn sie sieht, daß ich einen Ausgang habe, und ihre »Mutti« dünkt ihr alles -- -- --
Ich schritt auf das Grab zu und reichte beiden die Hand, als könne es nicht anders sein.
»Hören Sie nicht auf ihn!« raunte die alte Frau leise, »er soll nicht reden und darf es nicht. Wir leben jetzt schuldenfrei auf eigenem Grund und Boden, seit das Kind da ist, das vergißt er immer und ist undankbar.«
Und dabei vergaß die alte Frau, der jetzt, während sie Fränzchen anschaute, die helle Güte aus den Augen sprach, völlig, daß sie doch wohl auch nicht reden durfte. Mich fröstelte inmitten der warmen Sommersonne. Aber ich konnte mich nicht vom Platze rühren.
»Warum gaben Sie Ihrem Sohne solch’ einen traurigen Spruch?« fragte ich, um etwas zu sagen.
»Unserm Sohne? Hier liegt unsere Tochter, die Fränze, die Schande auf uns brachte.«
»Nicht Schande!« schluchzte die alte Frau, »sie war gut, -- so gut.«
»Ja _zu_ gut war sie!« lachte der Alte heiser und dann loderte es in seinen Augen auf und er trat vor mich hin und zeigte auf die kleine Franziska: »Hüten Sie das Mädchen! Es ist Zug um Zug mein Kind, aber es hat die Eikschen Augen! Hüten Sie es«. --
Das andere verlor sich im Murmeln, die Frau nahm den Arm des Mannes und zog ihn rasch vom Friedhof fort, sie weinte jetzt laut und bitterlich.
Und ich war wissend geworden!
O über jenen Augenblick, da mir so grausam die Augen geöffnet wurden!
Nun ist etwas zerrissen in mir, was sich nie wieder heilen läßt. --
O ich weiß, daß die Welt mich nicht verstehen wird. Es ist ja so etwas Alltägliches! Man kann darüber hinweggehen und lächeln. ›_Man_‹, aber nicht ›ich‹! Mir ist über dieser alltäglichen Geschichte das Herz gebrochen.
Als Bertold mich zum gemeinsamen Mittagsmahl aus meinem Zimmer abholte, da sah er, daß sein Glück zertrümmert am Boden lag.
Doch stand ich ganz ruhig vor ihm, -- mir war’s, als sei ich gealtert um viele Jahre in den wenigen Stunden.
»Nicht deine _Schuld_ trennt uns,« sagte ich ihm mit beinahe tonloser Stimme, so daß er sein Haupt zu mir neigen mußte, um mich zu verstehen, »uns trennt deine _Lüge_!«
»Du willst von mir gehen?« fragte er heiser, und seine Augen, seine lieben, dunklen Augen sahen mich wie erloschen an.
»Nein, -- nicht von dir gehen, -- nicht äußerlich -- ich habe ja das Kind, -- ich will ihm weiter Mutter sein.«
Kein Wort wurde sonst zwischen uns gewechselt. Bertold ging aus dem Zimmer und ließ sein Pferd satteln. Dann ritt er stundenlang in der Weite herum, und als er wiederkam, sah ich, daß er nicht mehr der »aufrechte Eik« war.
Nun soll das Leben so weiter gehen. --
Das Vertrauen zum liebsten Menschen ist dahin und das Kind? -- -- Ich sehe an ihm nur immer die Eikschen Augen und sehe Zug um Zug das Antlitz des unglücklichen Mädchens, das mein Bertold verdarb. Wo soll ich die Kraft hernehmen, weiter zu leben? Wie ein Gralskelch leuchtete mein Glück, -- jetzt liegen die Scherben, ein billiger Tand, staubbedeckt zu meinen Füßen. -- -- --
Aber das Kind soll es nie erfahren. In jeder einsamen Stunde will ich mich stärken zu dem schweren Missionswerk, -- -- -- hilf mir, -- hilf mir, Allerbarmer, der du diese Last auf meine Schultern legtest.
* * * * *
Franziska Malcroix wußte nicht, wie lange sie gelesen hatte, -- waren es Stunden, waren es Jahre? Sie strich mit der Hand über das kleine Buch, das die liebste Mutter geschrieben, welche es auf Erden gegeben hatte. --
Dann schritt sie langsam, -- o so langsam die gewundene Treppe hinunter in ihres Vaters Zimmer.
Der alte Eik saß an dem wuchtigen Schreibtisch und schrieb und rechnete, aber mitten in die Belege seines Reichtums kam die Störung, und auf den Zahlen, die sich im letzten gesegneten Jahre wieder um eine Null vergrößert hatten, lag plötzlich das kleine Buch, das er einst vor so langen Jahren seiner jungen Braut geschenkt, damit sie ihre beiderseitigen, glückseligen Erlebnisse darin verewige. -- -- --
Er hatte das Büchlein zuerst wiedergesehen, damals als sein Weib starb. Von einem Eik konnte ja niemals Glück ausgehen, und so waren auch diese Blätter erfüllt von Leid, erfüllt von jener häßlichen Schuld und einzigen Lüge seines ehrenhaften Lebens. Er hatte das Buch am Todesabend seines Weibes gelesen und war von jenem Augenblicke an der düstere, grimme Eik geworden, der sich ganz in Schmerz und Bitterkeit versenkte und kaum noch seines Kindes achtete.
Aber die kleine Franziska trat mit sicherem Schritt in die Fußstapfen ihrer geliebten Mutter, deren Hinscheiden sie zuerst beinahe verzweifeln ließ.
Als das Kind damals die tiefe, wortlose Trauer des Vaters gewahrte, raffte es sich auf, und tausend kleine Aufmerksamkeiten, welche die Verstorbene für den Gatten gehabt, die übernahm nun das Fränzchen mit einer sicheren Liebe, welche den grimmen Eik rührte und zugleich erstaunte. Ganz eng schlossen sich Vater und Tochter aneinander an, und der alte Eik hatte nur die eine Sorge, das Buch, das kleine Buch mit den feinen, zarten Schriftzügen, die doch so furchtbar beredt von seiner Schuld erzählten, vor dem jungen Mädchen zu verbergen. Jahrzehnte lang hatte es in der Schublade seines festen dunklen Schreibtisches geruht, zu dem niemand gelangte, als er allein. Und nun lag es plötzlich vor ihm, und seine Franziska stand so blaß und mit so wehen, anklagenden Blicken im Zimmer, wie einst sein Weib. --
»Wer gab dir das Buch, Franziska?«
»Baldamus Eik.«
Der alte Eik stöhnte auf. »Dieb!« -- murmelte er, »Dieb!« Und dann schüttelte ihn der Jähzorn, und wilde, schreckliche Worte und Flüche kamen aus seinem Munde.
»Was siehst du mich so an, Franziska? Was forderst du von mir? Deinen Namen? Deine Mutter? Deine Pflegemutter? -- Herrgott, ich habe nichts, -- nichts, -- ich bin arm, arm -- -- --«
Franziska sah ihn an, -- nicht anklagend, nicht scheu, nicht verachtend. Es wuchs etwas in ihr und blühte auf, etwas, das stärker war als die Schmach und Bitterkeit jener Minuten, da sie das Büchlein las -- -- ein tiefes, erbarmendes Mitleid mit dem armen Reichen vor ihr.
»Ich will nicht meine Mutter und nicht meinen Namen,« sprach sie leise, aber fest. »Ich will nur endlich meinen Bertold an dein Herz legen und dich bitten: ›Hab uns lieb‹!«
Da schlang der alte Mann beide Arme um sein Kind, und im schweren Weinen löste sich jahrelanges Leid.
* * * * *
Der junge Bertold Eik war fleißig.
Er lebte nicht gerade als Bücherwurm, aber er betrachtete es auch nicht als Vorrecht des Begabten, bummelig und nachlässig zu sein.
Für die Bezeichnung »Streber« und »Musterknabe« hatte er sein wohllautendes, klingendes Lachen, das ihm manchen Freund schuf. Aber es waren Schulfreunde, -- keine Lebensfreunde.
Es war etwas Knappes und Stolzes an ihm, das mit Unrecht von manchen Lehrern mit Hochmut bezeichnet wurde. Denn Bertold hatte nie lange bei dem Gedanken geweilt, daß er einem reichen und alten Geschlecht zugehöre, sondern weit eher darüber gegrübelt, warum er seines eigenen Vaters Namen nicht tragen dürfe. Und aus den vielen Bitterkeiten, die sein junges Leben schon aufzuweisen hatte, aus den unschuldig erlittenen Kränkungen entstand und wuchs ein ernster Stolz. Seine beiden Begleiter waren wie zwei gute Gluckhennen, die Entlein ausgebrütet haben und nun sorgenvoll am Ufer stehen. Aber es waren _verständige_ Gluckhennen, die es sofort einsahen, daß Bertold sich nicht zum Küchlein eigne, sondern unter allen Umständen schwimmen müsse.
Manch spottendes Wort fiel aus Schülermund über die beiden »Kindermädchen«, ohne deren Begleitung Bertold nie in den Freistunden zu sehen war, aber so lange der Spott harmlos blieb und sich mehr auf Bertold, als auf die beiden Getreuen bezog, lachte Bertold sein liebes Lachen und versöhnte die Spötter damit. Übelwollende aber banden nicht mit ihm an, denn der junge Eik hatte eine kräftige Faust, und viel Gras wuchs nicht mehr dort, wo er hinschlug.
Sein Geigenspiel aber war der Stolz aller.
Ganz unerwartet trat ein neuer Musikdirektor an die Spitze des Gesangvereins in E., und dieser war ein feinsinniger Geiger, der selbst einmal den glühenden Wunsch in sich getragen hatte, als ein heller Stern am Kunsthimmel zu glänzen, aber durch das harte »Muß« der Mittellosigkeit nach einer Brotstelle getrieben war.
Zu diesem Lieblingsschüler Meister Joachims kam nun Bertold Eik, und nicht nur in seine Hände nahm der Alte den Jungen, nein er zog ihn gleich in und an sein Herz.
»_Der_ soll das erreichen, was mir das Schicksal versagte,« rief er nach der Prüfung den beiden Getreuen zu, »das ist einer von Gottes Gnaden. Und er soll sein bißchen Geld zusammenhalten, damit es zum ernsten Studium ausreicht, und er soll sich nicht verplempern mit irgend einer Hanne oder Suse, sondern nur zur heiligen Cäcilie beten. Zwei Jahre will ich das Büblein lehren, was ich selbst kann, dann soll er mir nach Berlin.« --
Organist Brennstoff hörte dies alles mit wahrer Vaterwonne und nickte begeistert dem Musikdirektor zu, aber Rektor Tüllen setzte gleich einen Dämpfer auf die Geige, auf welcher so hochtönend musiziert wurde.
»Bertold Eik wird nach uralter Familienüberlieferung der Eichens zuerst sein Abiturium ablegen, dann zwei Jahre die Universität Bonn beziehen und darauf ins Ausland gehen. Nach seiner Rückkehr übernimmt er dann Eichenborn und die übrigen ausgedehnten Besitzungen der Eiks -- -- --«
»Amen!« schrie der aufgeregte Direktor. Er dachte aber nicht »amen«, sondern: »Der Teufel hole diese Familienüberlieferungen!« Mit beiden Händen fuhr er sich durch seine Künstlermähne. »Da schafft nun unser Herrgott mal was nach seinem Herzen, und bläst diesem Goldjungen einen besonders musikalischen Odem in die Nase, -- -- nützt alles nichts, die Familientradition verhunzt ihm sein Kunstwerk, -- ihm, dem großen Schöpfer. Es ist, um gleich aus den Stiefeln zu springen! Wenn der alte Banause von Großvater diesen Jungen durch’s Humanistische schleppt und ihn dann noch die besten Jahre verkneipen läßt, -- -- dann hätte er ihn gleich zu Anfang seines Daseins versaufen lassen sollen, -- wie’n jungen Hund. -- Denn der Junge verfehlt seinen Beruf, und sein Beruf ist: Sonne zu geben, Feuer zu entfachen in kalten Herzen, Himmelsfunken zu senden in das dürre Stroh der Verstandsköpfe. -- Alles muß brennen, leuchten, glühen, wenn ein wahrer Künstler von Gottes Gnaden geigt, alle Zuhörer müssen durch himmlisches Feuer geläutert werden und geheiligt, Frau Musika aufzunehmen.«
»Amen!« rief Brennstoff und meinte es nun wirklich so und drückte die Hände des Musikdirektors, der noch ganz wild um sich blickte.
An demselben Tage noch ging ein langer Brief an Frau Franziska Malcroix ab, der recht beweglich darstellte, wie es am besten wäre, den lieben Bertold entweder gleich zu Meister Joachim zu geben, oder ihn auf eine andere Schule zu tun, damit er in zwei Jahren, wenn auch keine humanistische, so doch eine andere abgeschlossene Bildung erhielte, die er später als Künstler auf seinen Reisen erweitern könne. Sie schrieben alle Vier. -- Der Musikdirektor herrisch in kategorischen Imperativen, denn hinter ihm stand die heilige Cäcilie mit göttlichen Forderungen; der Organist als Kenner der Verhältnisse in Eichenborn um eine Schattierung gedämpfter, aber immer noch beredt genug, um seinen Namen nicht zu verleugnen; Rektor Tüllen mit warmer Bitte, die vielleicht am eindringlichsten in ihrer Schlichtheit war. Bertold fügte nur eine kurze Nachschrift hinzu: »Liebes, liebes Mütterchen, es wäre schön, wenn Großvater und du ›_ja_‹ sagen möchtet. Aber nur, wenn du es richtig willst, mein Mütterchen!«