Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt

Part 9

Chapter 93,677 wordsPublic domain

Frau Doktor Hempel ging direkt von der Kaffeeschlacht heim und in die Studierstube ihres Gatten, während Frau Pfarrer noch einige Schwerkranke besuchte, um »ins Gleichgewicht zu kommen«, wie sie meinte.

Doktor Hempel war noch auf Praxis, aber seine Frau nahm sich gar nicht Zeit, sich bis zu seiner Ankunft ihres seidenen Kleides zu entledigen und sich’s hausfraulich bequem zu machen, -- ja sie setzte sich nicht einmal, -- sie war zu aufgeregt dazu. Wie der förmlichste Besuch wartete sie in Hut und Mantel auf ihren Mann, und auf ihrem offenen, energischen Gesicht lag ein Ausdruck von Zorn und Trauer.

Da kam Doktor Hempel schon über den Platz in heftigen Schritten, er grüßte die ihm Begegnenden nur mit einem Handwink und zerstreuter Miene, und die Schwarzhausener sahen ihm nach und tuschelten miteinander. Er kam ja vom Eichenborn. --

Als Doktor Hempel in sein Zimmer trat, kam ihm seine Frau entgegen und forschte angstvoll in seinen Augen.

»Nun?«

»Es geht zu Ende. --«

»O der _arme_ Junge!« rief sie aus, »der arme Junge!«

Der Doktor war zu seinem Schreibtisch gegangen, um die eingetroffene Post nachzusehen, jetzt drehte er sich schroff um.

»So ein Unsinn! Was hat der Junge damit zu tun? Das heißt, ja -- -- natürlich, -- _etwas_ schon, -- aber was will das besagen? Für den Arzt gar nichts.«

»Aber für die Schwarzhausener,« fiel seine Gattin erregt ein und erzählte ihm alles, was das Kaffeekränzchen an Gift entwickelt hatte.

»Verdammte Klatschweiber!« fluchte Doktor Hempel. -- »Jawohl, ich höre sie ordentlich reden: ›Der allgemein verehrte Herr Baldamus!‹ So’n Kerl! Pfui Teufel! Jetzt kann ich ja noch schimpfen. Du bist ja meine liebe, dienstlich vereidigte Alte. Und wenn er erst tot ist, dann halte ich’s mit dem Wort: ›~De mortuis nil nisi bene~‹.«

»Wird er wirklich sterben?« fragte sie bang.

Er nickte ernst. »Ich bitte dich, -- zuckerkrank in diesem Alter, außerdem verseucht bis oben hin, -- herzleidend, -- -- nun ist eine Fußwunde aufgebrochen und -- der heftig blutende Biß dazu -- -- --«

»Sie werden alle, alle dem letzteren die Schuld geben,« meinte Frau Doktor Hempel traurig.

»Aber das ist Unsinn, -- verrückter Blödsinn,« fuhr der Doktor auf. »Unsere verehrten Mitbürger sind Hornochsen, besonders aber die Ehehälften. Ein paar vernünftige Kerle hielten heute Kriegsrat mit mir, der Postverwalter und der Apotheker. Den Rektor Tüllen wollten wir mit zuziehen, um dann dem alten Eik vorsichtig beizubringen, daß es das beste wäre, den Jungen erst mal aus Seh- und Hörweite der lieben Schwarzhausener zu bringen. Aber siehe da, der Alte war schon von selbst so weitsichtig gewesen, -- die Übersiedlung des Bertold ~junior~ nach E. war schon beschlossene Sache. Herr von Eik ~senior~ ist vernünftiger als alle Schwarzhausener zusammen.«

Doktor Hempel schüttelte sich.

»Gib mir’n Kognak, liebe Alte! Brrr! Ich muß gleich nachher wieder hinüber. Jetzt ist der Pfarrer dort. Aber dem wohnten auch ›zwei Seelen, ach, in seiner Brust‹, -- -- ich möchte nicht die Beichte des Herrn Baldamus abhören -- -- --.« Und der Doktor schüttelte sich noch einmal.

* * * * *

Am nächsten Abend war alles vorüber. -- -- --

Der junge Bertold konnte sich später, als er zwischen seinen beiden treuen Begleitern im Arbeitszimmer zu E. saß, nur weniger Einzelheiten erinnern, so rasch war alles gegangen. Aber die wenigen Einzelheiten saßen um so fester, teils weil sie so schrecklich und traurig und teils, weil sie so wunderlich süß waren.

Der Abschied von seinem Mütterchen, das war das Herbste an dem Ganzen und der Knabe konnte nicht einmal darüber weinen. Denn in seinem tiefen Empfinden und frühreifen Nachdenken meinte er, er müsse all seine eigenen Tränen noch für sein Mütterchen aufheben, die sonst am Ende mit heißen, trockenen, brennenden Augen dasäße, -- soviel weinte Mütterchen jetzt.

Aber Bertold wußte wenigstens seit seiner Abreise, daß Mütterchen nicht über ihn selbst weine, über seinen greulichen Jähzorn und seine unheilvolle Tat, sondern hauptsächlich über die schlimmen Menschen, die ihn dazu gebracht und nun so häßlich und verstockt und richtend dastanden.

Auch der letzten Unterredung mit dem Großvater erinnerte er sich. Man konnte dies Beisammensein wohl eigentlich nicht »Unterredung« nennen, es war mehr ein Kampf gewesen. Wer war der Unterliegende darin? Der junge Bertold wußte es nicht. Vielleicht war er es selbst, denn man hatte ihn ja nach E. geschafft, und hier mußte er nun bleiben, -- ohne Mütterchen. Aber in den Augen des harten Großvaters hatte etwas gelegen, -- Bertold wußte es nicht sicher zu deuten, etwas Müdes, etwas, das den jungen Enkel beinahe veranlaßt hatte, zu sagen: »Stütz’ dich auf mich, Großvater, ich bin stärker als du!« War man aber unterlegen, wenn man sich so stark fühlte? --

»Wir müssen den Jungen auf andere Gedanken bringen,« meinte Rektor Tüllen und sah sorgenvoll auf Bertold Eik. »So sieht doch kein Kind aus! Kein Zehnjähriger! Lieber Brennstoff, wir haben eine schwere Verantwortung!«

»Das weiß ich, Rektor! Aber ich glaube, dies verträumte Hinstarren hat einen Grund, der uns keine Sorge zu machen braucht. Er denkt an Beethoven! Welch ein Umschwung seiner Verhältnisse! Aus der Wüste des musik- und geigen-, kurz des tonlosen Daseins, plötzlich in eine Oase des ungestörten Harmoniegenusses versetzt zu werden, muß ja etwas Überwältigendes haben.«

Aber Rektor Tüllen teilte nicht die Ansicht des poetischen Brennstoffs, und sein Antlitz blieb sorgenvoll.

Bertold aber sann weiter, und wie er alle Erlebnisse in seine Herz- oder Gehirnkämmerchen verteilte, trat ein gespannter, frühreifer Ausdruck auf sein schmales Jungengesicht.

Wie sie alle entsetzt gewesen waren im Eichenborn, als der Onkel Baldamus starb. Und er selbst, Bertold, hatte nur _einen_ Gedanken gehabt und ihn auch gleich ausgesprochen: »Mütterchen, nun kann er dich nicht mehr quälen!«

»Still, o still!« hatte die Mutter erwidert, aber in ihrem ganzen Wesen lag doch etwas wie aufatmende Zustimmung. O Bertold sah viel, -- sah mehr, als andere sahen. Und sein Ohr war scharf, schärfer als das der anderen, hätte es sonst wohl den halberstickten Hilferuf vernommen, der damals aus Mütterchens Zimmer kam? Wie der Wind war er aus seinem Bette gesprungen und von dort gleich durchs Fenster auf das platte Dach, und von dort hatte er durch das offene Balkonfenster in Mütterchens Zimmer geschaut. Sie hatte noch Licht gehabt, -- mitten in der Nacht. Armes Mütterchen, gewiß las sie wieder stundenlang in des verstorbenen Vaters Briefen -- -- --

Aber das Licht stand nicht an ihrem Bett -- das flackerte auf dem Ofensims nahe der Tür und -- Mütterchen rang mit jemand -- rang mit Onkel Baldamus.

Oh -- jetzt in der Ruhe kam die Erinnerung wieder klar über Bertold, -- damals ging alles so furchtbar schnell. Der Jähzorn war über ihm zusammengeschlagen, als er sein Mütterchen in Gefahr sah. Als ihm die volle Besinnung wieder kam, da hatte ihn Onkel Baldamus schon vor den Großvater geschleppt, und da sollte er angesichts des heftig blutenden Baldamus Eik gezüchtigt werden. Warum hatte Großvater es nicht getan?

Mütterchen hatte sich zwischen ihn und Großvater geworfen und ihn verteidigt, -- o wie seltsam hatte Mütterchen ausgesehn! Viel weißer und starrer und seltsamer, als damals, da man Bertolds Vater tot ins Haus brachte.

Und Onkel Baldamus hatte auf einen gebietenden Wink des Großvaters das Zimmer verlassen müssen, und Bertold hatte ihn nicht wieder gesehen.

Dann schlich man auf leichten Sohlen durch den Eichenborn, denn Onkel Baldamus war todkrank. Und auf alle seine, Bertolds, Fragen an das Mütterchen: »Ist er von dem kleinen Biß krank, Mütterchen? Der so blutete? Bin ich schuld? Was wollte er dir tun?« da hatte die Liebste immer nur geantwortet: »Still, o still! Nicht fragen, mein Liebling!« Und sie hatte ihn auf die Augen geküßt, daß er sie schließen mußte und seiner Mutter blasses Antlitz nicht mehr sah. --

Dann waren seine Koffer gepackt worden, und Frau Thereschen Teichmann hatte Betten verschnürt, und sein ganzes Jungenzimmer war auf einen Wagen geladen worden und stand nun hier in der fremden Stadt E.

Wenigstens hatte man ihn nicht allein ziehen lassen.

Zwei so gute, treue Freunde, Mütterchens Freunde, waren mit ihm gegangen. Und sie sahen ihn nicht mit häßlichen, beobachtenden Augen an, wie alle die andern Leute in Schwarzhausen, sie redeten lind auf ihn ein, daß er nicht schuld sei an Herrn Baldamus’ Tode -- -- sie waren gut, -- gut. --

Und noch jemand war gut. Ein kleines, blondlockiges Mädchen, das er, Bertold Eik, bestohlen hatte. Ja, es nützte gar nichts, daß er sich vor sich selbst entschuldigt hatte: »ich habe sie ja _gefunden_,« oder, »es ist ja _nur_ Puppe Emmy ohne Kopf,« er war doch ein ganz abscheulicher Junge, er war wirklich ein »schlechter Kerl«.

Aber er hätte Puppe Emmy um die Welt nicht herausgeben können, -- etwas _mußte_ er sich aus dem Eichenborn hinüber retten in die fremde Stadt.

Und nun, -- als er am Bahnhof in Schwarzhausen mit seinen beiden Beschützern aus dem Eikschen Wagen gestiegen war, hatte sich im Gedränge der Reisenden die Liselotte an ihn gedrängt, -- gute Liselotte! -- und hatte ihm hastig und sprudelnd zugeraunt: »Ich darf ja nicht mit dir reden, -- aber ich tu’s, weil du doch so weit fortgehst. Da -- nimm! Es ist mein Bild. Steck’s ja nicht ins Verbrecheralbum, sonst schimpft die Base Juliane. Dies hat mir der Photograph geschenkt, -- weil’s verdorben war, -- ich habe gewackelt, es kam gerade Musik vorbei. Ade, ade, ade!«

Oh, Bertold wußte noch Wort für Wort. Dann war sie davon gesprungen, aber ihr Händchen hatte ihm wohl zehnmal noch zugewinkt, und er selbst war wie angewurzelt auf einer Stelle stehen geblieben, bis ihn Rektor Tüllen aus seiner Versunkenheit rüttelte.

Wie im Traum war er in den Zug eingestiegen und hierher gefahren. Zu tiefst in seinem Reisekoffer ruhte Puppe Emmy, er hatte sie gleich hervorgeholt und unter sein Kopfkissen gelegt, dort hatte sie Rektor Tüllen gefunden.

Aber Bertold verriet mit keinem Wort, woher das kleine, unförmige Bündel stammte, und man ließ es ihm stillschweigend.

Jetzt holte er es plötzlich sacht hervor und legte es vor sich auf den Tisch. Und aus der Brusttasche holte er das Bildchen der Jugendgespielin, legte es daneben und betrachtete es aufmerksam. Ja, Liselotte hatte wohl gewackelt. Er nickte dem Bildchen ernsthaft zu und fand es ganz in der Ordnung, daß es _zwei_ Köpfe zeigte, denn Puppe Emmy hatte ja _gar_ keinen. Und plötzlich raffte er Puppe und Bild an sich und legte seinen schwarzen Lockenkopf fest -- fest darauf.

»Er weint,« sagte Rektor Tüllen leise und winkte dem Organisten.

Dann war der Junge allein mit seinem tiefen, tiefen Heimweh. --

* * * * *

In Schwarzhausen waren alle Fenster der kleinen und großen Häuser besetzt, die an der Hauptstraße standen. Es lohnte sich wohl, heute einmal alles stehn und liegen zu lassen und nur zu schauen. -- Was nicht an den Fenstern stand, das kam aus den Nebenstraßen herangeschritten und stellte sich dicht an die Häuser in langen Reihen. Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm und die größeren an der Hand. Wo ein Prellstein an der Ecke stand, hob man eine kleine Person hinauf und besonders wagehalsige Buben saßen sogar in den Bäumen.

Herr Baldamus Eik von Eichen wurde zu Grabe getragen. --

Das war draußen auf dem neuen Friedhof für ihn ausgeschaufelt, wo es noch recht kahl und unwirtlich aussah; aber er hatte es verschmäht, als der »Frömmsten und Gerechtesten einer« in das Erbbegräbnis der Eiks aufgenommen zu werden, wo gar zu viel wilde Gesellen drin moderten und sogar ein paar heidnische Urnen standen; denn drei seiner Vettern hatten sich in Gotha verbrennen lassen und der alte Eik hatte bereits dieselbe Bestimmung getroffen, wenn er einmal mit Tode abgehen würde. Aber das heutige Begräbnis war wirklich etwas für Herz und Gemüt. Dieser prachtvolle, gelbe, silberbeschlagene Eichensarg, der beinahe verschwand unter Lorbeer und Rosen, die Träger nebenher bis an die Nasen in teuren Krepp gewickelt und mit Zitronen in den Händen, die Kirchenjungen in schwarzen Mäntelchen, die Stadtkapelle mit Hofmusikus Kniller an der Spitze, dessen rote Nase heute das einzig Leuchtende in dem schwarzen Zuge darstellte. Und die ungeheure Menge Leidtragender! Und die stattliche, unabsehbare Reihe leerer Staatswagen hinterher, deren Kutscher sämtlich florumhüllte Peitschen trugen.

Man mußte selbst als unbeteiligter Zuschauer herzbrechend weinen, denn so ungeheure Liebe und Verehrung für den hochangesehenen Toten können und müssen überwältigen -- -- --

Hinter dem Sarge fährt ein einzelner Wagen und nach diesem kommen erst die Verwandten, die Geschäftsfreunde und Angestellten der Eikschen Fabrik, dann die lange Reihe der Arbeiter, der »Porzelliner«. Der einzelne Wagen ist die alte Staatskarosse der Eiks und in ihr sitzt Bertold Eik von Eichen ~senior~. -- »Ganz allein,« raunt man sich zu, »Franziska Malcroix geleitet den Pflegebruder nicht zur letzten Ruhestätte.«

»Das kann sie doch gar nicht. Wo ihr Junge, der schlechte Kerl, dran schuld ist.«

»Weiß man das denn so genau? Er war doch immer leidend, der Herr Baldamus, und sah aus wie Braunbier und -- -- --«

Schreinermeister Hellwig muß verstummen, denn man dreht ihm entrüstet den Rücken. Es spricht ja auch nur der Ärger aus ihm, weil der Sarg nicht bei ihm bestellt ist, sondern in der Residenz. Im übrigen wollen sich die Schwarzhausener auch nicht ihren Prügeljungen nehmen lassen. »Na überhaupt der junge Bertold Malcroix! Ein Glück, daß man ihn los war, -- der hätte noch mal die Stadt an allen vier Ecken angezündet.« --

* * * * *

Die Glocken läuten, und der Zug zieht langsam zum Kirchhof -- -- --

Im Eichenborn ist es auch still und leer. Sie sind alle zum Begräbnis mit Ausnahme des alten Fräuleins Adelgunde, der Frau Franziska und Hieronymus Teichmann. Der letztere hat einen Augenblick am Fenster gestanden und hinabgeschaut auf die vielen Kränze und Blumen und hinausgehorcht auf das mächtig tönende Geläute, und ein bitteres Lächeln hat dabei auf seinem Antlitz gelegen. --

Tante Adelgunde sitzt in ihrem großen, weiten, behaglichen Zimmer, aber nicht auf dem Fenstertritt, wo das Spinnrad steht, sondern weit ab vom Lichte in einem der großen, tiefen Sessel. --

Sie will den langen, ehrenden Leichenzug nicht sehen und nicht den blumenüberdeckten Sarg, sie will auch die Staatskarosse der Eiks nicht sehen, worin der einsame Mann sitzt, der allzeit so aufrecht ging ...

Wie eigen mag ihm zumute sein, daß er jetzt in dem langsam fahrenden Wagen drüber nachsinnt, wie blind die Menschen doch sind.

Fräulein Adelgunde will auch die Musik nicht hören, die so aufdringlich laut mit Pauken, Drommeten und Schalmeien verkündigt: »Horcht alle auf! Hier wird etwas ganz Besonderes zu Grabe getragen, der Gerechtesten einer ...«

Sie liest laut aus der großen, alten Familienbibel, die in ihrem Schoße ruht: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich tönendes Erz oder klingende Schelle«, und sie meint, solch tönendes Erz und solch klingende Schelle sei allzeit der Baldamus gewesen und seine Leichenmusik das Sinnbild seines Lebens.

Aber Tante Adelgunde liest auch in der Bibel: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet«, und ihr Haupt neigt sich tiefer herab auf das Buch der Bücher, und sie betet zum erstenmal seit dem Tode des Neffen: »Herr, nimm ihn gnädig in dein himmlisch Reich!«

Auch Frau Franziska sitzt allein und auch sie liest, -- aber nicht in der Bibel. Ein kleines Lederbuch liegt in ihrer Hand, abgegriffen und viel benutzt. Vergilbte Blätter bilden seinen Inhalt, und sie sind bedeckt mit den feinen Schriftzügen einer Frauenhand.

Dieses Buch hatte Baldamus Eik ihr vermacht.

Sie war, -- der Schmach nicht mehr denkend, die er ihr hatte antun wollen, -- in sein Sterbezimmer geeilt, da man ihr sagte, der Kranke versuche unablässig ihren Namen zu formen, er könne nicht leben und nicht sterben, wie es scheine, ohne daß er sie noch einmal gesehen.

Als sie zu ihm trat, war ein Lächeln über sein Antlitz gegangen, -- ein fürchterliches Lächeln, vor dem ihr graute.

Aber sie hatte sich selbst gescholten und war zu ihm getreten. Und weil sie das Nahen des Todes spürte, beugte sie sich tief über den Kranken und sagte laut: »Ich will vergessen und verzeihen.«

Da war wieder das fürchterliche Lächeln gekommen, und die matte Hand hatte sich gehoben und nach dem Schreibtisch gezeigt. Dort lag das Buch, umwunden mit Seidenband und mit dem großen Wappen der Eiks versiegelt. Die Aufschrift lautete: »Mein Vermächtnis für Franziska Malcroix, geb. Eik von Eichen.«

Erst als sie das Buch in Händen hielt und sich ihm so zeigte, -- da wurde er ruhig und legte sich zum Schlafe hin, aus dem er nicht wieder erwachte. Und auf seinem toten, starren Gesicht lag der Ausdruck gesättigten Behagens.

Franziska hatte das Büchlein in ihr Zimmer mitgenommen und das Siegel dort gelöst.

Und wie sie sah, daß der Umschlag ein Buch enthielt, das ihrer eigenen Mutter gehört hatte, als sie die geliebten Schriftzüge erblickte von der treuen Hand, die schon so lange moderte, -- da war das Verzeihen für die Schuld des Toten bewußt in sie gekommen, -- er hat mir Gutes tun wollen, er wollte sühnen, indem er mir als letzte Gabe das Liebste reichte, was es für mich geben konnte.

Und sie hatte gelesen, was die teure Mutter in dem kleinen Buche niedergelegt -- -- --

Aber das Haupt der Medusa konnte nicht schrecklicher blicken, als dies kleine Buch mit den zarten Schriftzügen; und langsam, langsam erstarrte das Herz der Lesenden. --

Eichenborn, den 17. Mai ...

»Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.«

Das war unser Trauspruch.

»Und nun frage ich dich, Carola Dannenstein, willst du diesen gegenwärtigen Bertold Eik von Eichen lieben und ehren, und ihm treu sein, bis der Tod euch scheidet?«

»Ja!« rief ich hell und freudig, »ja!«

Die Schwarzhausener haben darüber gelacht und getuschelt, es ist nicht Sitte hier, daß eine Braut so laut das »Ja« herausjubelt, man darf es schon auf der ersten Kirchenbank nicht verstehen. Nur der Bräutigam darf es laut sagen.

Was kümmert’s mich? Ich komme aus der freien Reichsstadt Bremen und -- wenn mein Herz »ja« jubelt, dann tut mein Mund es freudig kund.

Wie gern hätte ich mich in Bremen trauen lassen, in derselben alten, lieben Kirche, da ich getauft und konfirmiert wurde, -- aber mir lebt niemand mehr dort, -- so ganz verwaist bin ich. Da bin ich vom Hause meiner Schwiegereltern in das meines Gatten getreten, -- es ist ja im Grunde ein und dasselbe, -- der schöne Eichenborn. Aber der Flügel, da ich mit meinem Bertold hausen soll, ist hell und licht, -- -- die Zimmer der andern sind umschattet von hohen, dichten Eichen.

»So ganz verwaist bin ich?« Lieber Herrgott, vergib mir dies Wort, da mich doch der Eine, der Einzige, der Herzliebste heute an sein reiches Herz genommen hat, das vor mir noch keine geliebt, und das mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester sein will. -- Nein, ich bin wahrlich nicht verwaist.

Frau Therese Teichmann, die runde, stattliche Frau unseres Dieners und Faktotums, hat mir geholfen, den Brautstaat abzulegen und mir das Strumpfband gelöst, -- eine alte, uralte Sitte im Hause Eichenborn. Bertold und ich wollten nicht in die Welt hinaus fahren, sondern die ersten, seligen Stunden des Vereintseins in unsern vier Wänden genießen.

Jetzt umfängt mich das traute Wohnzimmer mit lauter lieben, alten Möbeln aus meinem Vaterhause, dem alten Bremer Patrizierheim. Nebenan liegt der ungeheure Saal, weit und dämmrig tut er sich auf und die vergoldete Stukkatur seiner Decke leuchtet matt zu mir herüber. Prunkvoll ist er eingerichtet, -- die Eiks sind ein reiches Geschlecht. -- An den Saal reiht sich Zimmer an Zimmer, ich habe sie alle an Bertolds Hand durchschritten.

Nur das eine nicht, das neben diesem, meinem Wohnzimmer liegt. -- Aber heimlich, ganz heimlich hab’ ich hineingesehen, -- dort stehen zwei ungeheure Riesenbetten, und schneeiges Linnen bauscht sich in ihnen unter rotleuchtenden, seidenen Decken. Eine herzbeklemmende, süße Angst befällt mich, wenn ich an das Stübchen denke -- -- -- Herzliebster! Herzliebster! Herzliebster!

Mein Ruf holt ihn nicht herbei, -- -- er ist fortgeholt worden zu einem Schwerkranken, zu einem Sterbenden.

Das war recht seltsam für mich, und Hieronymus Teichmann, der die Botschaft überbrachte, sah mich mit mitleidigem, ernstem Blicke an. Er wollte sich wohl überzeugen, wie tapfer oder untapfer ich sei an meinem Hochzeitstage.

Aber das liebe ich ja gerade so an meinem Bertold, daß er in dem großen, ihm unterstellten Getriebe _alles_ ist, Herr und Arbeiter, Freund, Bruder, Körper- und Seelenarzt. Und so trete ich willig zurück, da man ihn an ein Sterbebett ruft.

Ach, -- nicht nur das Ziel, auch der Weg dahin ist schön.

Könnte ich wohl dies kleine Buch mit meinen tiefinnersten Gedanken füllen, wenn mein Bertold neben mir säße?

Er würde mich stürmisch in seine urgewaltige Liebe reißen und mich ersticken mit seinen Küssen.

Es ist süß, darauf zu warten und in diesem kleinen Buch von ihm zu träumen. --

Eine Stunde später.

Die Nacht, die stille Mainacht ist hereingebrochen.

Vor dem geöffneten Fenster schluchzt klagend eine Nachtigall.

Frau Therese Teichmann hat mir die Lampe gebracht und nach meinen Befehlen gefragt.

Ich habe keine Befehle, ich habe nur den tiefen Wunsch, mein liebster Bräutigam möchte endlich bei mir sein, -- er zögert lange. -- Die Dienerin sah mich an, genau so seltsam ernst wie vorhin ihr Mann. Dann wollten wir beide scherzen, aber es gelang uns nicht.

Sacht strich sie mir über das Haar und die gefalteten Hände, die auf diesen Blättern ruhten. Sie hat etwas Mütterliches an sich, ich werde diese Dienerin sehr lieb haben.

»Eine ernste, stille Brautnacht!« meinte sie leise.

»So wird unser Leben hoffentlich um so froher,« rief ich dagegen, vielleicht lauter als nötig, -- ich hatte viel Bangigkeit zu verscheuchen.

»Gott walt’s!«

Zwei Stunden später.

Ich bin schon ein paarmal aus dem Schlafe aufgeschreckt, der mich im Sessel überfallen hatte. Alles ist so totenstill um mich. Ich wage nicht die Tür zu dem großen, gähnenden Saal zu schließen und wage nicht, jene zu öffnen, welche das heimliche Gemach, das liebe, traute auf der anderen Seite für mich verbirgt.

Soll ich mich allein niederlegen? Der Schlaf wird mich fliehen, wenn er auch jetzt in öder Stille versucht, meine Augen zu schließen.

Bertold! Bertold! Komm! Ach komm! Ist denn niemand bei dem fremden Sterbenden, der dich ablösen könnte? Das _Leben_ ruft dich, das süße, beglückende Leben. Dein junges Weib ruft dich und die Sehnsucht meines Herzens. Komm, ach komm zu mir!

Eine Stunde später.

Was ist dir jener Sterbende, Bertold? Warum findest du nicht ein paar karge Minuten Zeit, um zu mir zu eilen und mir ein liebes Wort zu sagen? Wie bin ich einsam!

Drei Stunden später.

Langsam dämmert der Morgen. Bleischwer liegt es in meinen Gliedern. Schon sendet die Sonne den ersten Schein über die dunklen Thüringer Berge, die von nun an meine Heimat sein sollen. -- Meine Heimat ist Bertold.

Weh, ich bin heimatlos -- -- --

Den 19. Mai.

Soll ich die ersten Blätter mit ihren Seufzern und Tränen herauslösen aus diesem kleinen Buch? -- -- Ich will sie darinnen lassen, -- sie sollen der Ring des Polykrates sein, die Opfergabe, den Göttern dargebracht.

Kann es nur so viel Glück auf dieser armen Erde geben?