Die Buben der Frau Opterberg

Part 9

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»Narr du. Hast du schon einmal für Geld gearbeitet und arbeiten müssen? Oder haben dir Vater und Mutter das Tischlein des Lebens gedeckt? Bevor du nicht den ersten selbstverdienten Taler auf den Tisch legst, würd’ ich an deiner Stell’ kein Wörtlein über den Gelderwerb sagen. Denn er kann auch heilig sein, Martin, und ein Durchgangstor zum rechten Glücklichwerden und Glücklichmachen bilden. Denk mir zuliebe nur einmal an die kleine Linde, mein Schwesterchen, und wie ich dem Lindele wohl mit meinen Rieseneinnahmen zu einem Königtum verhelfen werd’.«

Martin Opterberg reichte ihr beim letzten Bergan die Hand und hielt sie eine Zeitlang in der seinen.

»Ich hab’ so dahergered’t, Theresel. Die Jugend macht mir halt immer noch so warm, daß ich fast mein’, ich dürft’ sie nimmer und nimmer auslassen. Und nun gar noch vorzeitig Schluß machen, wie die Freunde zu Freiburg? Ach, du verstehst mich schon.«

»Bist halt immer noch das Sturmherz?«

»Es stammt vom Vater, Therese. Von der Mutter hab’ ich die heiße Arbeitsfreud’, die der Vater nimmer besaß. Hoffentlich wird’s ein Ausgleich.«

»Der Martin ist ganz einfach überarbeitet,« erklärte Christoph Attermann ruhig, »darüber helfen selbst die schönsten Wörter, die ihr tauscht, nicht hinweg. Er ist seit der Bubenzeit an die freie Natur gewöhnt, und wenn du ihm ein Arzneilein verschreiben willst, das _ihm_ hilft und auch _dir_, so schreib zuweilen im Brief: Wir wollen nächsten Sonntag durch den Odenwald rennen oder die Bergstraß’ entlang durch die Weindörfer.«

»Christoph, wenn Mutter Christiane wüßt’, daß du schon wieder der Medizinwissenschaft ins Handwerk pfuschst! Aber ich will das Rezeptlein schreiben.«

»Still,« bat Martin Opterberg und zog ehrfürchtig den Hut vom Kopf. Sie hatten im Gespräch die Elisabethpforte durchschritten, die gesprengte Bastei, den Stückgarten durchquert, waren über die Burggrabenbrücke und durch den vierkantigen großen Wartturm gelangt und standen im Schloßhof, im Märchenhof der Wunder und Träume.

»Mein Gott,« stieß Martin Opterberg hervor, »ist das möglich …«

Und die anderen taten wie er und gingen über den moosbedeckten Hof, den die rotleuchtenden Sandsteinbauten wie ein Prachtgeschmeid von Schlössern und Burgen umgaben, auf Zehenspitzen einher, als fürchteten sie, aus den zerborstenen Mauernischen ein Elflein aus dem Sommermittagschlummer aufzustören oder den großen Pan selber.

»Muß man wirklich wissen,« sagte Martin Opterberg leise, »daß das eine rosenrote Wunder der Otto-Heinrichsbau geheißen ist und das andere der Friedrichsbau? Und daß das dritte Wunder der gläserne Saalbau genannt ward und das vierte der Frauenzimmerbau und das fünfte der Ruprechtbau und was sonst noch immer? Fragt man im Märchen nach Nam’ und Art? Da heißt es: es war einmal ein Königssohn, der auszog an den Hof einer Prinzessin, und die war so schön … Und hier schauen uralte deutsche Kaiser und Könige, Kurfürsten und Pfalzgrafen aus den Fenstern und blinzeln in die pralle Sonne und wohl auch ein wenig nach dem Frauenzimmerbau. Kinder, und wenn mir jetzt einer daherkäm’ und würd’ mir Sprüche machen von Gotik und Frührenaissance oder gar von köstlicher bengalischer Beleuchtung, ich tät’ den Lästerlichen wegen Gottesdienstschändung hinunter befördern bis in den Neckar.«

»Und die Händ’ sollen sie lassen vom Wiederaufbau,« setzte Christoph Attermann hinzu. »Wie’s der Wahnsinn der Franzosen nach dem Dreißigjährigen Krieg im Raubüberfall zersprengt hat, so muß es erhalten bleiben. Ein Wahrzeichen: auch unter Trümmern sterben wir nicht.«

»Nun ist die Reih’ des Gebets an Therese Baumgart.«

»Ich denk’ wie ihr,« meinte das Mädchen aus seinem Sinnen, »und ich denk’ hinzu: Nur, wo unsere schönsten Gedanken und Erinnerungen aus den zerbrochenen Säulen und Bildwerken das alte Wunder neugestalten und ausschmücken dürfen, wird es ein Märchen. Und Märchen machen glücklich. Ich kann sie lesen, wann ich will, und immer mir das meine daraus lesen.«

»Du hast das Rechte getroffen,« sagte Martin Opterberg. »Unsere Märchenschlösser müssen wir uns selber bauen und selber bevölkern können. Das trifft der gescheiteste Baumeister nicht. Hier zwischen Moos, Efeu und Heckenrosen in den Trümmern liegen, ein Mädchen im Arm, und wortlos, wortlos die versunkene Welt beschwören, bis sich die Zinnen heben, Fahnen von den Zinnen wallen, weiße Frauenarme von den Marmoraltanen winken und goldengerüstete Ritter zu unserem Verstecke sprengen, um uns einzuholen in feierlichem Zuge.«

»Es gibt ein noch schöneres Plätzchen, um hinunterzulauschen in die Vergangenheit. Kommt,« bat Therese Baumgart, »ich führe euch. Hoch oben im Wald ist’s gelegen.«

Kaum einen Seitenblick schenkten sie dem Keller mit dem Heidelberger Faß und dem Säuferzwerg Perkeo. »Das ist der Jahrmarktsgroschen für den Herrn Gevatter, dem es derber kommen muß als Elfenzauber,« riefen sie sich lachend zu, stiegen den Waldweg hinauf zur Molkenkur, träumten ein Stündlein mit weitgeöffneten Augen im Grase, als läge unter ihnen die waldgebettete, efeuumsponnene Ruinenwelt auf einem anderen, fremden Stern, und stiegen noch einmal bis zur Höhe des Königstuhles und sahen nichts mehr zu Füßen als ein grünwogendes Wäldermeer.

Im Abendschein ruderten sie auf dem Neckar. Es waren viel Boote draußen mit buntbemützten Studenten und andere mit den schönen Jungmädchen der Stadt. Von hüben und drüben warf man sich Rosen in den Kahn, und als Martin Opterberg einen wilden Bergjauchzer tat, reckten sich die weißen Hälslein nach ihm, und es gab einen Rosenregen über seinem Haupt. Da lachte er aus vollem Herzen und breitete den Spenderinnen die Arme entgegen.

Der letzte Zug erst entführte die Freunde nach Darmstadt, und doch war der Tag nicht ausgeschöpft. Das empfanden sie, weil sie sich wortarm im Abteil gegenüber saßen.

»Morgen hab’ ich einen heißen Arbeitstag,« sagte kurz vor der Ankunft Martin Opterberg.

»Ich nicht minder, Martin, und das Theresel kaum anders.«

»Fandst du nicht, Christoph, daß sich die Therese Baumgart verändert hat? Es ist ein Zug Hausbackenes in sie hineingeraten.«

»Ich fand nur einen vertieften Frauenernst, wie ihn die vertieftere Erkenntnis vom Leben mit sich bringt. Als wir noch Buben waren, sagte die Mutter einmal: ›Seht darauf, daß euch immer das richtige Zeitalter zu Gesichte steht.‹ Das war auf den Professor Barthelmeß gemünzt. Du weißt ja, der sich immer auf den goldenen Jugendleichtsinn herausspielte und die Seinen schmarotzen und borgen ließ. Die Therese Baumgart hat heute das Gesicht, das ihr ansteht.«

»Also hab’ ich’s nicht. Darauf kommt’s hinaus.«

»Mir scheint eher, Martin, es macht dir augenblicklich noch keine Freud’, es zu haben. Denn auf die Dauer bist du ja viel zu stolz von der Mutter her, unter einer Maske herumzulaufen und nach Lärvchen auszuspähen, statt nach Gesichtern. Nein, nun laß mich meine Standred’ zu Ende halten, Bruderherz. Das Theresel kam dir blaß und schmächtig vor. Woran lag’s? Es war einer zuviel bei der Partie und hinderte das nähere Zuschauen. Das wollen wir schleunigst ändern.«

»Also mach du mit ihr die Fahrt durch die Bergstraß’ und laß mich daheim.«

»Ah,« sagte Christoph Attermann gedehnt. »So ist’s gemeint? Dann ist’s schon besser, wir drei bleiben noch eine ganze Weil’ beisammen.« -- --

Nur eine Fahrt machten sie zu dritt von der weinfrohen Bergstraße aus in den sagenrauschenden Odenwald. Als das Sommersemester sich neigte. Fast in der Mitte zwischen Heidelberg und Darmstadt, in dem uralten Städtlein Auerbach, dessen gewaltige Burg Karl der Große baute, trafen sie zusammen. Und gleich begann der Marsch in den grünwogenden Wald.

»Sieh dorthinaus,« bat Christoph Attermann die Gefährtin, »die Ruinen bildeten einmal das sagenhafte Kloster Lorch, in das sie die Leiche Siegfrieds trugen, als er hier im Odenwald erschlagen war. Und viel blutige Geschehnisse aus der Karolingerzeit drücken auf die Mauern.«

»Weshalb heißt es der Odenwald?« fragte die Gefährtin.

»Weil der Wald so öde war. Nichts als Bäume und seltsame Felsenmeere.«

»Nein,« sagte Martin Opterberg, »es war der Odinswald. Hierherum liegt ja auch die Burg Rodenstein, der Horst des ewig nach Wild und Wein jagenden Jägergrafen, von dem wir so manches Lied auf der Kneipe geschmettert haben. Was ist er anders als eine Auferstehung des wilden Jägers, und der wilde Jäger am Sturmhimmel ist der Germanengott Odin oder Wodan. Dies war der wilde Odinswald.«

»Ja,« nickte das Mädchen, »so wird es sein, denn der Berg, den wir ersteigen, führt auch einen Namen wie aus der Welt der Götter und Riesen. Der Melibokus!«

Durch den dunklen Buchenwald arbeiteten sie sich zum Gipfel und stürmten die Stiegen des Turmes hinauf, ohne sich umzuwenden. Einen Aufschrei taten sie wie aus einer Kehle, als sie auf der Plattform die Augen öffneten und nicht wußten, wohin zuerst mit dem Blick: Wälder, Berge, Burgen, Städte -- geliebtes Land am Rhein.

Der Taunus hüben in blauer Lieblichkeit, der Spessart drüben in rauher Herbheit.

Dort stieg der Donnersberg auf, Donars Opferstätte, und weiter, weiter der Schwarzwald, das Kinder- und Heimatland, von den Vogesen jenseits des Rheins überragt. Und dicht zu Füßen die blühende Kette der Städtlein und Weiler der sonnigen Bergstraße, die niederglitt in die schier unübersehbare Rheinebene. Und nun zeigten sie sich in fiebernder Freude die Dome und Türme, die wie Schwurfinger aus dem Rheintal ragten, und jeder Name war wie ein tiefes deutsches Glockenläuten: Worms--Speyer--Mainz.

»Laßt uns singen,« bat Christoph Attermann. Aber keiner sang.

Eine jugendliche Schwermut lag auf ihren Gemütern, die nach einer erlösenden Zärtlichkeit verlangte oder einer bannenden Umarmung. Und sie zogen nach stündiger Rast wortlos weiter und hinüber nach dem Felsberg und wortlos und mit schlagenden Herzen durch die ungeheuerliche Öde des Felsenmeeres, aus dem schon die Römer die Quadern zu ihren Bauten holten und Karl der Große die Riesenpfeiler zu seiner Pfalz in Ingelheim.

»Laßt uns eins singen,« bat Christoph Attermann noch einmal.

Da hob Martin Opterberg wie ein Trunkener das Rodenstein-Lied an.

»Und wieder sprach der Rodenstein: Pelzkappenschwerenot! Hans Breuning, Stabstrompeter mein, Bist untreu oder tot?«

Erschrocken blickte Therese Baumgart auf den wild dahersingenden Freund. Der aber hob unbekümmert um die erschrockenen Augen mit Macht die zweite Strophe an:

»Er eilt, bis er gen Darmstadt kam, Kein Fahnden war geglückt; Da lacht er, als am schwarzen Lamm Durchs Fenster er geblickt:

Er lebt noch! … lebt noch und hebt noch! Doch frag’ mich keiner: wie? Wie kommt mein alter Flügelmann In solche Kompanie?!«

»Jawoll! In Darmstadt! Dort sitzt er! Unter den braven Schöppleinschlürfern, die um acht Uhr in die Federn kriechen! Naus da! ’naus aus dem Haus da! O Horn und Sporn und Zorn! O Rodenstein! O Maienwein! Noch bin ich nicht verlor’n! Christoph, daß du’s weißt, zum Oktober treten wir ein bei den Pionieren in Mainz, und gefällt’s dir in Darmstadt besser, so geh’ ich allein!«

»Einstweilen geht’s nach Jugenheim und von dort zur Bahn. Der Tag ist zu End’.«

Das war für lange Zeit das letzte Mal, daß sie miteinander wanderten. --

Ein Jahr lang dienten Martin Opterberg und Christoph Attermann bei den Mainzer Pionieren und fuhren den goldenen Rheingau stromauf und stromab. Heiß war der Dienst, heißer der Wein und am heißesten die braunen Mädchenaugen. Aber der Dienst ward geschafft, der Wein vertragen, und nach den Mädchenaugen fragte Christoph Attermann den Freund nicht mehr. Als sie übers Jahr, in der letzten Septemberwoche, das lustige Mainz verließen, hatten sie beide die Offiziersprüfung mit Auszeichnung bestanden. Herr Arnold Opterberg aber war zum Empfang nach Rüdesheim gekommen.

Herr Arnold Opterberg war grau geworden, aber unter dem künstlerisch wuschligen Grauhaar leuchtete weinfroh sein schmales Gesicht.

»Zwei Fliegen schlag’ ich hier mit einer Klappe,« rief er den stolzen Buben entgegen, die er vom Schiff holte und auf dem Laufsteg stürmisch umarmte. »Was sag’ ich? Zwei? Ein halbes Dutzend fast! Der Professor Barthelmeß ist hier mit Frau und Tochter, und die Weine haben wir geprobt zu Kloster Eberbach, Kiedrich und Eltville, zu Oestrich und Winkel und Geisenheim seit drei Tagen und Nächten! Herr Jesus, welche Tropfen! Der Barthelmeß hat’s gut. Der kommt, wo er arbeitet, von den Kirchen in die Keller. Das ist der alte Mönchsweg. Kinder, und heute wollen wir einen Rüdesheimer Abend feiern.«

»Wie geht’s der Mutter?«

»Königlich wie immer, Kinder. Aber nun kommt zu den Barthelmeß! Hinein in die Weinlaube!«

Der Professor war ein schwerbeleibter Mann geworden, aber die faltigen Säcklein unter den Augen rührten nicht von Tränen her. Mit dröhnender Stimme begrüßte er die Angekommenen, als sei er der Herr der Weinlaube, und rief seine Damen auf, das Willkommglas darzubringen. Quecksilbern wie vor Jahren kam die immer noch zierliche Frau Hadwiga dem Gebote nach und reichte unter einem Schwall von Worten Christoph Attermann das Glas, während Sabine im schwarzen Gelock stumm das Glas Martin Opterberg bot. Aber die Augen des zigeunerhaft schönen Geschöpfes, das sich wie eine Weide zu dem jäh Erstaunten bog, hefteten sich scheulos, bettelnd und heischend, an den aufflackernden Blick des Mannes.

»Wie alt bist du jetzt, Sabine?«

»Bald Siebzehn.«

»Ei, da hab’ ich mich verrannt mit dem ›Du‹.«

»Ich kann’s ja auch zu dir sagen.«

Das ging hastig von den Lippen.

Sie saßen dicht beieinander, und der Wein funkelte in den Gläsern und funkelte bald in den Augen. Wenn Martin Opterberg eine Bewegung machte, streifte er das schlanke Mädchenknie, wenn Sabine ihm das Glas hinhielt, streifte sie mit der Fingerspitze seine Hand. Ihre Augen hingen heimlich immerdar an den seinen, aber in der Heimlichkeit, die es ihn fühlen ließ und ihm das Blut durcheinander wirbelte, daß er nur noch das berückende Mädchen spürte und nichts mehr von der zigeunernden Barthelmeßtochter.

Und nun stiegen die Rheinlieder und die Weinlieder und die Liebeslieder im Gefolg zu dem mondscheinhellen Rheingauhimmel, und ein Händedrücken hob an, und die Alten wollten die Jüngsten sein. »Denn dies ist die letzte Zaubernacht am Rhein,« rief Herr Arnold Opterberg, »und wir wollen sie ausschlürfen bis zur Neige, bevor uns der Herbst verjagt!«

Eine Mondscheinfahrt schlug er vor. »Zum seligen Abschluß!« Und alle drängten sie jubelnd ihm nach an den Rhein. Und Arnold Opterberg sprang wie ein Jüngling als erster in den Kahn, stand hochaufgereckt auf der Steuerbank und schwang sein Glas dem Märchenzauber des Rheins zu. Der Arm stand in der Luft. Das Glas schlug klatschend aufs Wasser. Arnold Opterbergs Augen schlossen und öffneten sich. Standen weit auf, als sähen sie ins Unsichtbare. Und der Körper sank hintüber und wurde vom Rhein weggerissen.

»Ein Schlag! Ein Schlag!« schrie Professor Barthelmeß und umklammerte Frau und Tochter.

Das mondscheinhelle Wasser sprühte auf. Ohne eine Sekunde zu zögern, hatten sich Martin Opterberg und Christoph Attermann in die raschfließende Flut geworfen. Ein paar Worte riefen sie sich im Wasser zu. Kurz. Hart. Ihre Körper tauchten nieder. Wer im jungen Brauserhein das Schwimmen erlernt hatte, fürchtete die Strudel nicht. Unter Wasser schwammen sie und tauchten hoch, sicherten und tauchten nieder. Wieder lagen sie auf den Wellen und ruderten schwerfällig weitab an Land, eine Last zwischen sich.

Herr Arnold Opterberg hatte gefunden, was er sich erwünscht hatte: den seligen Abschluß, bevor der Herbst ihn verjagte. -- --

Die Leiche lag geborgen. In triefenden Kleidern stand Martin Opterberg im Zimmer seines Gasthofes, mit stieren Augen und kreisenden Gedanken, die um Hilfe riefen. Da öffnete sich die Tür, und ein Mädchen schlüpfte herein und warf sich ihm an die Brust.

»Martin! Martin! Ich mußt’ zu dir hin!«

»Du! du!« sagte er mit schlagenden Zähnen und preßte seine kälteschauernden Glieder in die wärmenden Arme. »Das vergesse ich dir nicht. Daß du in der Stund’ meiner Not gekommen bist.«

Schweren Schrittes trat Christoph Attermann ein. Sabine Barthelmeß huschte an ihm vorbei und durch die Tür. Ein Schluchzen schüttelte Christoph Attermanns Körper.

»Martin -- Martin -- nun hat der Rhein beide zu sich geholt -- deinen Vater und den meinen.« Und als er Martin Opterbergs qualvoll sich vordrängende Tränen sah, trat er auf ihn zu und wischte ihm so weich wie eine Mutter mit der Hand über die Augen.

7

Die Leiche Arnold Opterbergs war aus dem Rheingau heimgebracht worden an den jungen Rhein. Sohn und Pflegesohn hatten sie heimgeleitet. Und als sie angelangt waren an dem kleinen Dorfbahnhof, an dem ein vierrädriger, mit schwarzem Tuch behängter Gutswagen auf den Sarg harrte, gedachten sie beide wie in einem Atemzug der letzten Worte Arnold Opterbergs auf ihre Frage: wie geht es der Mutter?

»Königlich wie immer,« hatte Herr Arnold gerufen, und königlich wie immer stand Frau Christiane, kraftvoll und ruhevoll in ihrem schwarzen Trauerkleid anzuschaun, das strohgelbe Haar im Flechtenkranz unter den Florhut gelegt, in der Bahnhofhalle und begrüßte durch eine kurze und herzliche Umarmung ihre Buben.

Die Ruhe der Mutter ging im selben Augenblick auf die erschütterten Söhne über. Aufrecht und ernst standen sie in ihrer gebräunten Männlichkeit neben Frau Christiane Opterberg, die mit leisen und festen Worten die Gutsknechte anwies, den Sarg aus dem Wagen zu heben und mit Sorgfalt auf das mitgeführte Fuhrwerk zu tragen. Zwischen ihren Buben schreitend, folgte sie dem langsam dahinrollenden Gefährt auf der ackerumsäumten Landstraße. Keine Träne floß aus ihren klarblickenden Augen, kein Klagewort quoll ihr über die Lippen. Ihr Schmerz um den Toten in der schwarzen Lade war ihr zu heilig, um dem zusammengeströmten Volk ein Schauspiel zu bieten.

»Ich weiß genug aus eurem Telegramm und aus eurem Eilbotenschreiben,« sagte sie daheim und strich den Söhnen über den Kopf, »genug, um die Einkehr einer friedsameren Stund’ abzuwarten, in der ihr mir geruhiger als heut erzählen könnt und ich geruhiger zuzuhören vermag. Haltet eine stille Umschau im alten Heimathaus und legt euch frühzeitig schlafen. Ich seh’s euch an, daß ihr viel nachzuholen habt.«

Die beiden gingen, und Frau Christiane rief sie an der Türe an. Als sie sich umwandten, stand die Mutter hinter ihnen und zog mit einer starken Bewegung ihre Köpfe fest an ihre Brust. Und während sie erst den einen und dann den anderen küßte, murmelte sie: »Weil ihr euch nicht besonnen habt, euer lebendiges Leben an einen Toten im Strom zu wagen. Ihr beide -- ihr beide! Ihr habt ihn mir noch einmal geschenkt.«

Dann ging Frau Christiane aufrecht hinüber in die Kammer, um die letzte lange Aussprache zu halten mit ihrem Toten, den sie in seiner Mannesschöne heißer geliebt und in seinem leichten Sinn mehr und mütterlicher umsorgt und gestützt hatte, als es dem Lebenden je zum Bewußtsein gekommen war.

»Zu verzeihen haben wir uns nichts mehr, Arnold. Was den einen am anderen nicht gefreut haben mag -- wer will sagen, ob es nicht gerad des anderen stärkste Persönlichkeitswerte dargestellt hätt’ in einer anderen Zusammenstellung. Eins aber ist darüber hinaus als eine Restsumme geblieben, die ihre Zinsen trägt: das ist der Dank deines Weibes für dennoch viel Liebe, Güte und sonnige Fröhlichkeit, die du in mein Leben hineingetragen hast.«

Und die Nacht hindurch rief sie in ihren Gedanken alle die hellen Tage aus Brautzeit und Ehe wach und vergaß die dunklen -- --

Am nächsten Morgen wurde Herr Arnold Opterberg auf dem nahen Dorffriedhof zur endlichen Ruhe beigesetzt. Die Knechte und Mägde des Gutshofes umstanden das Grab, aus Dörfern und Städten waren die Teilnehmenden erschienen, und selbst aus der Schweiz war ein starker Zuzug erfolgt. Das freute Frau Christiane im Herzen für den, der unten im Grabesgrund lag und trotz seines unsteten Lebensdranges stark und mächtig genug gewesen war, über so viel Freundschaft zu gebieten.

Die Schollen waren niedergefallen. In langer Reihe zogen Nachbarn und Fremde an den Opterbergleuten vorüber und drückten ihnen die Hand. Schon sehnten sie das Ende der gleichförmigen, den Sinn immer mehr abstumpfenden Trauerbezeugungen herbei, als Frau Christiane auffuhr, weil ein fiebriges Lippenpaar sich auf ihre Hand gedrückt hatte, und Martin Opterberg schier fassungslos aufschluchzte, als er eine Sekunde lang eine eiskalte Mädchenhand in der seinen spürte. Durch Christoph Attermanns Augen aber ging ein Leuchten. Denn das schwarzgekleidete Mädchen, das auch ihm die Hand gedrückt hatte und nun im Schwarm der heimstrebenden Trauergäste auf der fernen Landstraße dahinschritt, war Therese Baumgart gewesen.

»Laßt sie,« sagte Frau Christiane. »Sie hat, was auf keinem Seminar der Welt zu erlernen ist; sie hat die Zurückhaltung der echt adligen Menschen, die reich machen, weil sie ohne Worte reden. Sie wird zur rechten Stunde wiederkommen.« --

Christoph Attermann war daheim in den Garten gegangen, der in Felsstufen zum brausenden Rheine fiel, und saß auf der alten Holzbank, den Blick auf den strömenden Wassern. Eine Woche war vergangen, seit sie Herrn Arnold Opterberg hinausgetragen hatten, und der Herbststurm pfiff über das schwarze Land. Fröstelnd saß er und doch in ruhigem Abwarten. Denn droben in Herrn Arnolds geliebtem Turmzimmer wußte er Martin mit Frau Christiane, und er hatte sie alleingelassen, um ihnen eine Aussprache unter vier Augen zu schaffen.

Martin Opterberg saß, die Arme aufgestützt, am offenen Giebelfenster. Die Herbstwinde hatten die Luft durchsichtig rein gefegt. Die Schwarzwaldberge rückten so nahe heran, daß man auf den Matten die Weiler zählen konnte, und die Alpen türmten sich in lastenden Ketten übereinander.

»Es treibt dich hinaus, und ich lob’ es,« sagte Frau Christiane und blickte, dicht neben ihm stehend, in die frostige Weite. »Gewiß hat dich die Dienstzeit bei den Pionieren in der werktätigen Ausübung deines Berufs geschult und gefördert, aber daß der Geist mehr zu lernen hat als die Hand, das versteh’ ich. Also nach Darmstadt geht’s nimmer?«

»Die fünf Semester dort genügen mir, Mutter. Wenn’s dir recht ist, geh’ ich nach Berlin; ich mein’ Charlottenburg. Ich wüßt’ mir nichts besseres zum Schaffen.«

»Du willst fort -- vom Rhein?«

»Mutter, ich muß das Bild erst aus meinem Kopf verloren haben.«

»Das -- vom Vater?«

Martin Opterberg nickte. Sein Blick haftete in den Fernen. Und unvermittelt erzählte er.

»Weißt, Mutter, als wir über den Rhein nach Rüdesheim kamen, der Christoph und ich, und der Vater uns erwartete und zum Barthelmeß brachte, da sahen wir’s ja gleich, daß die Herren drei Tag’ Rheingauer-Sonntag gemacht hatten, und die Nächt’ nicht zu rechnen. Aber der Vater hatte’s ja doch geübt seit der Düsseldorfer Jugendzeit an, und es tat ihm nichts und machte ihn nur sprühender und sieghafter, als wär’ er der Jüngste und ging’ erst drauf los, die Welt zu erobern. So gab ich nichts darum, und daß der Barthelmeß die Geberlaune des Vaters ausnutzte und immer noch edlere und heißere Sorten auftischen ließ, achtete ich auch nicht, denn die Sabine war ein wirklich schönes und liebenswertes Mädchen geworden, und es war dem Kind zu gönnen, daß es einmal etwas anderes vom Leben erfuhr als das Leben von Vater und Mutter.«

»Darum,« sagte Frau Christiane.

»Ja, darum, und weil es mir selber Spaß machte, zu sausen und zu brausen, und weil ich mein Blut spürte und nicht fragen und nur warm sein wollt’. Jetzt, nach zwei Wochen, weiß ich’s als gewiß, ich wär’ in der Nacht toller geworden als der Vater, und ich hätt’s mir am anderen Tag vielleicht nicht verzeihen können, denn ich hatt’ das Mädel schon ganz rappelköpfisch gemacht.«

»Ich denk’, das Mädel dich?«