Part 8
Weiter, weiter. Im jubilierenden Morgenerwachen, in sengender Sommersonne. Durch endlose Wälder, die dennoch viel zu klein, hinauf auf die steilen Höhen, die dennoch viel zu nieder. Jetzt führte Christoph Attermann, denn Martin Opterberg bildete mit der Freundin den Schluß. Nur an den Fingerspitzen hielten sie sich beim Wandern, und doch war ihm, als fühlte er die Freundin an der Brust. Der steile Blößling, der hohe Zinken, der Hochkopf -- Christoph Attermann rief die Berge aus, die sie im Auf und Ab erstiegen -- für Martin Opterberg waren sie nichts als Namen. Er sah nichts anderes als das eine Bild: das weiße Kleid in der blauen Sommernacht und die Mädchenwange kosend am Lautenhals. Und er hörte nichts als das eine, das letzte Lied.
»Theresel,« sagte er tiefaufatmend, als im leuchtenden Abendrot die erste Menschensiedlung zu ihren Füßen lag.
»Wie heißt der Ort?«
»Todtmoos.«
»Der Name macht traurig …«
Am nächsten Tage stiegen sie durch das wilde Wehratal zur Rheinebene hinab, und das Brausen der stürzenden Wasser, die durch Granit den Weg erkämpfen mußten, betäubte noch ihre Sinne, als sie sich dem Opterberghof näherten.
Da stand das weiße Haus auf dem Felsen, der auf blumenbunten, baumbeschatteten Gartenstufen zum jungen, hastenden Rheine führte, und auf der Schwelle stand Arnold Opterberg und schüttelte den jungen Männern die Hand und zog die Mädchen in seine Arme. Und Frau Christiane stand auf der Schwelle und tat aus den klaren Augen, die die Farbe des jungen Rheines hatten, einen Umblick über die Gesichter der Ankömmlinge, streckte die Hände aus zum Willkomm und verteilte die Schar der jungen Gäste auf Stuben und Kammern.
»Mutter,« sagte Christoph Attermann, als Frau Christiane zurückkehrte, »du hast einen unbestechlichen Blick. Welche gefällt dir am besten?«
»Das Mädchen mit der Laute, Christoph.«
Da lachte Christoph Attermann in sich hinein und war fröhlich die ganzen Ferien über.
6
Das junge Mannsvolk war über die Alpen, ins Land Italien. Herr Arnold Opterberg selber hatte den Plan entworfen und ihn durch Einschiebungen großer Fußreisen und Bevorzugung der einfachsten Schenken und Gasthäuser so billig zu gestalten gewußt, daß ihn auch die weniger bemittelten Studenten ohne geldliche Schwierigkeiten auszuführen vermochten. Es herrschte tosende Freude im Auslugzimmer des Giebelturms, als der Hausherr erklärte, die Leitung des Heereszuges selbst in die Hand nehmen, im übrigen aber Kamerad unter Kameraden sein zu wollen.
Fort waren sie wie die Zugvögel, obwohl es mitten in der Ernte war. Herr Arnold Opterberg hatte einen Grund gefunden, endlich aufs neue den Trieben seiner schweifenden Sehnsucht zu folgen, und da er als Lenker und Leiter der Jugend ging, der keine andere Zeit als die Ferienspanne zu Gebote stand, so fiel für ihn der Schein der Selbstsucht hinweg.
Frau Christiane nickte mit ruhigen Augen, stellte einen neuen Knecht ein und stand des Morgens um eine Stunde früher auf. Besser mehr Arbeit mit den Händen als mit dem Herzen, sagte sie sich in ihrer Lebenskunde. Und Unzufriedenheit in der Ehe ist Diebstahl am Maß unseres Lebens.
Und sie schuf den Ausgleich und legte von dem ihren zu, weil sie die reichere war.
Auch die Mädchen waren heimgeflattert in ihre Hausungen am Mittel- und Niederrhein. Ihrer drei nahmen ein Geheimnis mit sich, das den drei Freunden der Opterbergsbuben recht wohl bekannt schien. Nur Therese Baumgart war auf besonderen Wunsch Frau Christianes noch geblieben.
Wenn die Gutsherrin in frühester Morgenfrühe die Fensterläden ihres Schlafzimmers öffnete, stand das Mädchen schon im Hof und winkte ihr den Guten-Morgengruß.
»Du sollst ausschlafen, Kind. Die Ferien sollen Kräftesammler sein.«
»Das Sprichwort lehrt: ›Sieben Stunden sind der Ruh -- die achte fällt dem Faulen zu.‹ Von Neun bis Vier lag ich in den Federn. Macht sieben Stunden. Ich bin frisch wie ein Fisch.«
»Lauf in den Stall und trink einen Liter Milch warm von der Kuh, ich komme.«
Den ganzen Tag blieb ihr das Mädchen zur Seite und griff zu, wo es zuzugreifen gab. Am Nachmittag saß es über seinen wissenschaftlichen Büchern, und nach Feierabend hockte es plaudernd neben Frau Christiane auf der Gartenbank, von der sich der Blick auf die strudelnden Wasser des jungen Rheins erschloß, oder spielte auch wohl auf eine Bitte der Hausherrin alte Liedweisen auf der Laute, zu der die beiden Frauen zweistimmig die verträumten Worte sangen.
»Erzähl mir ein weiteres von Daheim, Theresel. Ich lausch’ dir gern, und wenn der Rhein die Musik dazu macht, so ist das auch ein Lied.«
Sie hatte das Mädchen von dem Tage an »Du« genannt, an dem die drei Freundinnen die Heimfahrt angetreten hatten. Mit diesem Du schuf sie der Zurückbleibenden zart und still den Heimplatz.
Das empfand das Mädchen tief.
»Ein weiteres soll ich erzählen? Von den Eltern berichtete ich schon, daß sie als rechte Bürgersleute in Karlsruhe lebten und starben. Außer mir war noch eine Nachzüglerin im Nest, mein um zehn Jahre jüngeres Schwesterchen Linde, und da die Eltern erst in gesetzten Jahren geheiratet und kein übergroßes Vermögen erworben hatten, so erzogen sie mich, wie man einen Sohn erzieht, der rechtzeitig als seiner kleinen Schwester Beschützer auftreten kann. Also durfte ich mit achtzehn Jahren meine Reifeprüfung ablegen und zur Universität gehen. Doch das haben die Eltern nicht mehr erlebt. Die starben im Jahre vorher. Eins starb so geschwind dem andern nach, daß es gleich die Probe auf meine Widerstandskraft galt und auf die Berechtigung, trotz alledem das Studium aufzunehmen.«
»Und das Schwesterchen? Die kleine Linde?«
»Die Linde,« sagte Therese Baumgart mit einem warmen Ton, »die Linde zählt jetzt acht Jahre und ist im Schülerinnenstift zu Karlsruhe. Sie ist frisch und gesund und vertraut auf die große Schwester, daß sie fleißig studiere und ihr eine frohe Zukunft schaffe. Bis sie eingesegnet wird, muß ich als Frauenärztin meinen sicheren Wirkungskreis gefunden haben. Dann hol’ ich sie zu mir in der Zeit ihrer schönsten und stärksten Entwicklungsfähigkeit und kann ihr mit den selbsterworbenen Mitteln die Wege ebnen helfen.«
»Und wenn die Therese Baumgart inzwischen einen Mann gefunden hat?« fragte Frau Christiane.
»Glauben Sie denn, er wird’s mir verwehren, wenn ich selbst verdiene?« fragte sie ängstlich zurück.
»Du lieb, unschuldig Närrchen,« lachte Frau Christiane und huschelte den braunen Mädchenkopf an ihre Brust. »Also denken tust du doch daran, an die Lieb’ und die Ehe, trotz Doktorhut und Heilberuf? Brauchst dich nicht verlegen zu ducken, Kind. Aufrecht stehen und selber seinen Mann stellen im Leben, ist notwendig und zumal für uns Frauen, die nicht wissen, wie’s kommen kann auch nach dem glücklichsten Rausch, und wie sich der Herr Gemahl im Taglicht entwickelt. Schau her, meine Händ’. Sie haben das Arbeiten gelernt vor der Ehe, und es war gut so, denn sie sind nicht zarter geworden im Lauf der Ehejahre. Oder soll ich ein golden Krönchen legen um meines lieben Herrn Arnold Opterberg Stirn? Mir ist doch, als glichen deine Augen den meinen?«
Da löste sich der braune Mädchenkopf von der Frauenbrust und beugte sich in den Schoß Frau Christianes und schmiegte die Wange auf die kräftigen Hände.
Und ein anderes Mal bat Frau Christiane: »Erzähl mir, wie du meine Buben kennen gelernt hast. Sie waren wohl recht keck und großherrlich, weil sie die frischen Narben trugen?«
»Der Christoph trug noch keine, und der Martin seine erste.«
»Also war’s der Martin, der Sonne, Mond und Sterne begehrte. Ein Riß in der Haut, und sie dünken sich Helden und Abenteurer. Früher tat’s ein Loch in der Hose. Aber mich freut’s bei rechten Buben, und du kannst mir ruhig erzählen.«
Das Mädchen lächelte der Frau in die Augen.
»Er war gewiß nicht schlimm und keck. Nur so ganz mannbar hat er sich gefühlt durch seinen ersten Sieg auf der Mensur und darum auch so -- so siegesgewiß. Das stand ihm gut, und sein Benehmen zeigte gleich, daß er eine gute und geliebte Mutter hatte.«
»Schmeichlerin. Weshalb sagst du mir das?«
»Weil es nicht von mir stammt, sondern vom Christoph Attermann. Und der brauchte noch ganz andere Ausdrück’ und schmeichelte doch auch nicht.«
»Nicht bös sein, Kind. Ich hör’s ja gern und wär’ keine Frau, wenn ich’s leugnen wollt’. Aber versteh mich auch darin recht: eine Schmeichelei kann eine Anerkennung sein, die den anderen schmücken soll, oder nur ein schönes Wort, mit dem sich der Redner selber aufputzen möcht’. Dafür muß die rechte Frau ein Ohr haben. Nun, und von euch wollt’ ich’s hören und hab’ es gehört. Also du warst bei Christoph Attermann.«
»Bei Christoph Attermann?« verwunderte sich das Mädchen. »Ja doch, ich nannte ihn, als ich von des Martins frischer Fröhlichkeit sprach, mit der er im Kolleg gleich zu mir redete. Er saß neben mir, und sein Verbändlein war gerutscht.«
»Sieh an. Medizinische Kollegs besucht der Bub, der ins Ingenieurfach will? Doch das müßt ihr ja wohl besser verstehen, und seinen Wissensdurst soll der Mensch stillen.«
Überrot saß Therese Baumgart und wußte nicht, wohin mit dem Blick.
»Der Christoph Attermann besuchte doch auch die medizinischen Kollegs,« stammelte sie.
»Ei, nun ist es wieder der Christoph. Ich dächt’, der raufte sich inzwischen mit dem Säbel?«
»Gerauft hat er sich wahrhaftig nicht,« verteidigte ihn das Mädchen. »Er hat, und gewiß gegen meinen Willen, einem Studenten die Mütz’ abgeschlagen, als er mir unhöflich wurd’, und nach den studentischen Bestimmungen mußt’ er mit der Waffe einstehen. Aber der Martin hat ihm so herrlich sekundiert, daß er den anderen die Zech’ bezahlen ließ.«
»Mein Gott, nun ist es wieder der Martin,« sagte Frau Christiane kopfschüttelnd und erhob sich. Und als sich die Therese Baumgart mit ihr erhob, ganz kopflos geworden von den schnellen und blanken Einwürfen, nahm Frau Christiane sie mit einer mütterlichen Bewegung fest in den Arm. »Ich freu’ mich, daß sie dir alle beide gefallen. Hab’ ich sie doch beide aufgezogen wie Söhne und Brüder. Der eine ist treu und fest wie Gold, und der andere heiß wie eine Flamme, aber wie eine lautere Flamme, die auch einmal ein Herdfeuer gibt. Schenk du beiden deine Freundschaft, und wenn du einmal irre wirst an einem von beiden oder dich selber ein Zweifel plagt, so ruf mich, Theresel, oder komm selber angereist. Eine Mutter versteht alles; ich mein’ eine rechte Frau und Mutter und keine gluckende Henne. Gelt, und das Lindele, das bringst du mir auch einmal zum Anschaun.«
* * * * *
Und Herbst ward’s, und der Winter kam über Freiburg, und mannshoch lag der Schnee auf den Schwarzwaldbergen. In der Burschenschaft hatten sich die Fünf, die so sommerselig durch den Schwarzwald zum jungen Rhein gezogen waren und so freudetrunken über die Alpen ins Land Italien, die Tillmann, Grüters, Broich und die Opterbergsbuben, trotz aller Verschiedenheiten des Wesens enger aneinander angeschlossen, weil sie von denselben fröhlichen Erinnerungen zehrten. Nicht weniger aber für die Gegenwart, weil der gleiche kleine Mädchenkreis sie anzog: Therese Baumgart und ihre Kameradinnen. Manche Wege noch waren sie mit ihnen gemeinsam gewandert, wenn Vorlesungen und Anatomiesaal die eifrigen Schülerinnen freiließ, und als die Schneemeldungen vom Feldberg und seinen Brüdern kamen, da war der erste Samstag recht, um über den Sonntag hinaus in die Berge zu fahren, die Schneeschuhe auf dem Rücken und die lernbegierigen Mädchen zur Seite.
Beschuht mit derbem Rindsleder, in dickgestrickten Jacken und flauschigen Wadenstrümpfen, die Wollmütze über das Haar gezogen und den Schal um die Schultern, glichen sich die Mädchen zum Verwechseln, und es konnte nicht ausbleiben, daß ihnen ihre Begleiter öfter als sonst unter das Mützlein blicken mußten, um festzustellen, mit wem sie sprachen. Das war Martin Opterbergs liebstes Spiel, und er übte reihum manche kleine Zärtlichkeit, um sich mit einem jähen Erschrecken zu entschuldigen, er habe eine andere gemeint. Die rheinischen Mädchen aber, selber viel zu glücksfröhlich, ließen sich den Übermut des hübschen und immer sprühenden Burschen ohne viel Aufhebens gefallen, da er doch überdies der beste Freund ihrer lieben Freunde war, und die Freunde selbst, die Tillmann, Grüters und Broich, nahmen sein lustiges Wildern, das immer in den Grenzen des Knabentollens blieb, als eine schickliche Gelegenheit, besonders warm für ihre Schützlinge einzutreten und sichernd den Arm um ihre Schultern zu ziehen. Nur Therese Baumgart blickte die ersten Male verwundert auf, wenn ein kleiner Aufschrei dartat, daß Martin Opterbergs Hand wieder einmal versehentlich unter das Kinnlein einer ihrer Kameradinnen gegriffen hatte. Dann aber nahm auch sie es als unschuldige Schneebahnfreiheit und lustigen Winterspuk.
So wurde das schwerfällige Hinaufstapfen auf die Bergeshöhen zu einer gleich großen Köstlichkeit wie das selige Hinabgleiten in die schneeverwehten Weiten, das sausende, brausende Sturmfliegen die steileren Hänge hinab, das atemversetzende Hinüberschwingen von Halde zu Halde und das jubelnde Sichwiederfinden im fernen Talgrund. Oft hieß es eine Schleife fahren, um einer im Schnee versinkenden Gestalt wieder auf Füße und Schneeschuhe zu helfen. Dafür wurden hohe Belohnungen oder derbe Strafen zugesichert, je, ob es ein Mägdlein oder ein Bürschlein war. Und in den großen Schutzhütten, in denen es von sportliebendem Jungvolk wimmelte, gab es nach heißem Erbsenbrei zu Lautenklang und Zitterschlag Tanz und Gesang vor dem lodernden Kamin, bis die Mitternachtsstunde die Nimmermüden zur Strohrast rief.
Christoph Attermann war wie ein mächtiger Berghund. Er sicherte in kühnem Vorlauf die Bahn, hielt zurück, um die ungeübten Mädchen vorüberbrausen zu lassen, war als Erster zur Stelle, um hilfreiche Hand zu bieten, und ließ dennoch keine Sekunde das Auge von Therese Baumgart, an deren Schneeschuhen er die kleinste Unregelmäßigkeit erblickte, ordnete und heilte.
»Ihr Wintervergnügen ist durch mich nur halb,« klagte das Mädchen.
»Wenn das Ihre durch mich nur ein ganzes wird,« lachte der Wetterfeste.
»Sie sind ein Mensch, dem man sich blindlings anvertrauen kann,« sagte das Mädchen und reichte ihm die Hand.
»Tun Sie das nur zu jeder Stund’. Sie mag hell oder dunkel sein, Fräulein Therese.« --
Es war im März, und Neuschnee auf den Bergen. Wenige Tage noch, und das Wintersemester schloß ab, und der Abschied war da von Freiburg, der lieben, alten Stadt. Wie auf Sturmflügeln kam Martin Opterberg auf Schneeschuhen vom Feldberg daher, und Therese Baumgart war mit ihm, weil es den Abschiedstag galt, den er sich auserbeten hatte. Durch die schneeverhängten Tanneneinsamkeiten fuhren sie dahin wie die wilde Jagd, und die Zottelbartriesen der Wälder schraken aus dem Schlummer, und es war, als flögen sie im Sprunge zurück, wo die jungen Menschenkinder mit einem Lustschrei vorüberbrausten.
»So dahinfliegen in alle Unendlichkeit!« schrie Martin Opterberg. »Das ist Leben!«
»Ja! Ja! Ja!« scholl es ihm nach.
Die Wälder des ›Notschrei‹ nahmen sie auf. Sekundenlang gedachte das Mädchen des bedrückenden Namens. Aber das Jauchzen des Jünglings riß sie darüber hinweg, und da breitete sich die Halde, und das Haldenwirtshaus winkte.
Auf der Kaminbank hockten sie dicht bei einander und ließen sich durchwärmen von der Glut der harzigen Kloben und dem roten Glühwein, den ihnen der Wirt mit Späßen kredenzte. Und als sie wiederum die Schneeschuhe angeriemt hatten und mit erfrischten Kräften die Tafel des Schauinsland erreicht war, fiel jäh die Nacht herein.
»Was tun wir jetzt?« fragte das Mädchen.
»Wir machen Licht!« rief der Begleiter. »Fackelträger vor für die Königin!«
Zwei handliche Pechfackeln wählte er aus seinem Rückenbündel, entzündete ein paar Kienspäne und stieß die Fackeln in die Glut. Da flammten sie lichterloh auf und warfen ihren wilden Schein über das schweigende, weiße Schneegefilde und die erhitzten Gesichter der beiden Menschenkinder. In jeder Hand schwang Martin Opterberg eine Fackel, daß das Schneeland wie ein königlicher Purpurmantel flammte.
»Bahn frei für die Märchenkönigin!« schmetterte er in das widerhallende Tal, hob die Fackeln hoch über den Kopf und brauste, das Mädchen in seiner feurigen Spur, die Hänge hinab.
Von der letzten Höhe glitten sie in die Niederungen der Menschen. Nebeneinander fuhren sie jetzt, und die Fackeln waren bis auf den Stumpf niedergebrannt. Martin Opterberg schleuderte sie zur Erde, daß ein Funkenregen um ihre Köpfe flog.
Den Arm streckte er aus und riß die auf den Schneeschuhen Schwankende an sich.
»Mädchen, Mädchen, hast du mich lieb? Hast du mich lieb, Mädchen?«
»Ja, Martin, ich hab’ dich lieb. Ja, Martin …«
Er küßte ihr die Wangen, die Augen und den Mund. Und dann nahm sie sein Gesicht in ihre beiden Hände und blickte lange hinein. Als müsse sie sich jeden Zug, so wie er war, einprägen für immer.
Die Schneeschuhe wurden gelöst und aufgepackt. Durch die Vordörfer ging es nach Freiburg hinein.
Die Brunnen auf den Straßen rauschten vom Abschiednehmen.
»Nun gehst du auf die Hochschule nach Darmstadt, Martin --«
»Geh du nach Heidelberg, Theresel. Du findest eine glänzende medizinische Fakultät, und ich finde dich leichter von Darmstadt aus.«
»Wollen sehen, ob’s glückt. Wenn du heimgehst, grüß die Mutter.«
»Leb wohl. Ich sag’ dir all meinen Dank.«
»Leb wohl, du --«
* * * * *
Sommer war es geworden und wieder Winter, seitdem Martin Opterberg und Christoph Attermann ins Hessische gezogen waren, um an der technischen Hochschule zu Darmstadt ihren Studien obzuliegen. Vom ersten Tage an nahm sie ihr erwähltes Fach gefangen, und der buchenbestandene Odenwald durfte lange locken, bevor er in den wenigen Mußestunden, die sich die Eifernden ließen, die heißen Arbeitsstirnen zu kühlen bekam. Wie ein Bergmann ging Christoph Attermann in seiner Arbeit Stollen für Stollen ab und wühlte sich unermüdlich durchs Gestein, während sich Martin Opterberg, sobald er die Unterlagen unter den Füßen spürte, mehr und mehr in die großen Zusammenhänge vertiefte, die die Wunder der Technik mit dem Hoch- und Ausbau des gesamten Wirtschaftslebens verband, und ihrer Herr und Meister zu werden versuchte. Da tat sich manche Lücke auf, der nicht lediglich mit dem Winkelmaß und der Logarithmentafel beizukommen war, und schon nach einem weiteren Jahr stand es ihm fest, daß er zur Abschließung seiner Studien noch ein paar Semester Volkswirtschaft an einer Universität hinzunehmen müsse. Aber das eilte ihm vorläufig nicht. Alle Säfte der Jugend stiegen in ihm auf, wie in einem jungen Baum, der nach allen Seiten seine Äste recken möchte und doch fürerst in die Höhe schießt.
Von Zeit zu Zeit traf ein Brieflein von Therese Baumgart, die nach Heidelberg übergesiedelt war, als Antwort auf einen fröhlichen Kartengruß ein. Darin berichtete das Mädchen gar ernsthaft von Studien, Übungen und ersten Fachprüfungen, die es leicht bestanden habe, von seinen weiteren wissenschaftlichen Plänen und ein wenig auch von seinem eingezogenen und doch glücklichen Leben auf der Studentenbude hoch oben in der Neckarstadt. Und nur zwischen den Zeilen zitterte zuweilen ein Wort: ›Denkst du noch an die sommerselige Schwarzwaldwanderung? Denkst du noch an die glührote Fackelfahrt durch Neuschnee und Nacht, von Berg zu Tal?‹ Dann schrieb Therese Baumgart wohl: »Wenn ich zur Erholung und Erfrischung ans Fenster tret’ und die Hand ausstreck’, so greif’ ich in ein Bäumlein des Odenwalds, und wenn du von deinem Fenster aus dasselbe tust, so greifst auch du in ein Bäumlein des Odenwalds, und das Blätterrauschen geht von Süd gen Nord und von Nord gen Süd im selben Wald. Ist das nicht, als schüttelten wir uns wie nur je die Hände?«
Kam ein Brieflein, so gab es Martin Opterberg auch Christoph Attermann zu lesen, und wenn der Freund nach Tagen fragte, ob dem Theresel auch geantwortet sei, und erfuhr, daß der Martin noch nichts zu berichten gewußt habe, so setzte er sich selber hin und füllte manchen Bogen mit der Beschreibung des gemeinsamen brüderlichen Lebens. So kam es, daß Therese Baumgart letzthin ihre Briefe an die beiden Freunde zusammen richten mußte, an den fleißigen Schreiber und an den fröhlichen Kartengrußsender.
Als die Freunde zum erstenmal nach Heidelberg gefahren waren, hatten sie das Theresel am Bahnhof kaum erkannt; so blaß und schlank war es von allem Studieren geworden. Aber die Wiedersehensfreude loderte mächtig in seinen Augen.
»Mädel, Mädel, hab deiner Schönheit acht,« rief Martin Opterberg und schwang des Mädchens Hände hin und her. »Das Stubenhocken schafft’s nimmer. Der Wald muß hinzu.«
»Hab deiner Gesundheit acht,« sagte Christoph Attermann und wußte nicht, wie ihm das »Du« über die Lippen gesprungen war, bekam einen flammenden Kopf und wollte sich entschuldigen.
Therese Baumgart lachte ihn aus.
»Laß gut sein, Christophel. Wenn ich in Gedanken mit dir red’, hab’ ich dich längst Du genannt.«
»So tu’s weiter und alle Zeit und schenk auch mir die Freud’.«
Sie nickten sich mit frohen Augen zu und gaben sich den Handschlag darauf. Martin Opterberg aber mahnte kräftig zum Aufstieg auf das Schloß, und die frischgebackene Heidelbergerin machte stolz die Führerin und leitete zuvörderst zur Universität, der uralten und ewig jungen Ruperto-Carola, die sie in begeisterten Worten pries und den Hörern als die älteste aller hohen Schulen Deutschlands einprägte, im Jahre 1386 vom Kurfürsten Ruprecht von der Pfalz begründet im Wettbewerb gegen die hohen Schulen von Prag und Wien.
»Mich drängt’s heut mehr nach dem großen Faß als nach dem Born der Weisheit, Theresel.«
»Folg mir nur brav, Martin. Wir kommen noch immer zu früh, denn das Faß ist leer bis auf den Grund.«
»So wüßt’ ich mir eine andere Quelle,« lachte er und schaute ihr auf den Mund.
Nun stiegen sie plaudernd den Schloßberg hinan, und während sie sich heimlich mit den Blicken maßen und einer im anderen sich selber suchte, ging Frage und Antwort eilig zwischen ihnen hin und her, und es war, als läge Freiburg jählings am Neckar.
»Der Broich war der fleißigste,« berichtete Therese Baumgart. »Sein juristisches Examen war ein gutes, und er arbeitet mit Macht auf den Assessor, um, wie ich glaub’, in die Industrie zu gehen und schneller einen Hausstand zu gründen, als es ihm sonst glücken könnte.«
»Einen Hausstand? Ist es denn so fest und richtig zwischen ihm und der Hilde Falkenroth?«
»Ich glaub’s, Martin. Die Hilde hat der Medizin entsagt und ist heim in den großen Gasthof ihres Vaters bei Koblenz, wo sie das Kochen und Wirtschaften übt.«
»Und die Klarenbachsmädchen machen’s ihr wohl nach?«
»Sie studieren und studieren nicht, just so, wie es ihre guten Freunde, die Herren Tillmann und Grüters tun. Der Tillmann verliert dabei ein wenig seinen Weg und denkt mehr an seine Elfriede als an seine Kunstgeschichte. Um ihn ist mir leid. Aber der Grüters weiß, was er will, und was er an Zeit mit der Gerda verliert, das holt er sicherlich des Nachts wieder bei, denn er wünscht dem reichen Industrieherrn Klarenbach als ernsthafter Bewerber unter die Augen zu treten.«
»Wie das alles nach dem Versorgungshafen drängt,« spottete Martin Opterberg und schüttelte sich. »Gerad, als ob die einzige Jugendzeit nicht das Beste bedeutete im Leben. Und nun sag noch eins zum Schluß: was macht denn das Theresel?«
Das Mädchen sah ihn mit Erstaunen an. Dann wurde ihr Blick ruhig.
»Das Theresel dankt für gütige Nachfrag’ und hofft, bald größere Verbänd’ anlegen zu dürfen als den ersten kleinen Wickel in Freiburg.«
»Das Theresel ist wohl arg stolz geworden als wohlbestallter Kandidat der Medizin?«
»Nicht gerad stolz, aber stetig in seinem Weg, weil’s keine Sterntaler mehr schneit, wenn der Mensch träumt, und nur, wenn er wacht.«
»Bist auch du mit auf der Jagd nach dem Mammon? Das scheint heut die Losung zu sein im lieben Vaterland.«