Part 10
»Mutter, das Kind! Und ich war schon gebrüht und gebeizt durch sieben Studentensemester in Freiburg und Darmstadt und das Pionierjahr in Mainz, das auch nicht lauter Katechismusunterricht war. Ich beschönige dir nichts, Mutter. Ich war wie vom Teufel besessen an dem Abend, und wohl daher um so mehr, als mir der Barthelmeß und sein Weib so widrig waren -- und da geschah’s.«
»Was geschah?«
»Daß der Vater auf die Steuerbank stieg und ein Hoch auf das heiße Leben ausbringen wollt’. Und dann stand sein Arm in der Luft. Und seine Augen wurden leer und sahen doch mehr als wir. Aber der Arm stand immer noch steil in der Luft. Wie ein Warnungszeichen: Halt, Martin! Keinen Schritt weiter! Hier geht’s ins Wasser! Und dann versank er rücklings.«
Martin Opterbergs Augen suchten die jungen Wasser des Rheins. Als sähe er das Bild wiederkehren und käme nicht los. Frau Christiane blickte auf ihres Buben wirres Blondhaar und sprach nicht eine Silbe.
»Mutter, da hat mich das Grausen gepackt. Und ich meinte, auch ich sähe mehr als bisher. Oder es war mir doch später so, als hätt’ ich’s gemeint. Denn zunächst wußte ich, und der Christoph mit mir, nichts anderes als: hinein in die Flut und den Vater geholt. Und das glückte denn auch. Ja, Mutter, so war’s. Und nun wirst du verstehen, daß ich fern fort möcht’ und nichts als Studium und Arbeit haben, um das Gleichgewicht wiederzufinden.«
Ganz sacht streichelte Frau Christiane ihrem Buben die Schulter.
»Es war ein Unglücksfall, Martin. Ein schwerer und fürchterlicher gewiß. Aus dem heißesten Leben in den kältesten Tod -- das erzeugt Schreckbilder in jedem, der’s mit ansehen muß, und legt an seine eigenen irdischen Gedanken plötzlich Riesenmaßstäb’ an. Es war der schwere Wein und die seit Tagen überfüllten Adern. Da kam es zum Schlagfluß. Jedem anderen wär’s geschehen.«
»Den steilen Arm redest du nicht hinweg,« murmelte Martin Opterberg.
»Ich will’s auch nicht, Martin. Es soll ein jähes Erwachen und Überblicken gewesen sein. Und wenn es ein Warnzeichen gewesen wär’. Das Blut des Vaters ging oft rascher und unbändiger, als zu Zeiten gut war, und wenn’s ihm selber Freude schaffte, so schuf es den anderen oft Herzeleid, ohne daß er’s recht ahnte in seiner Fröhlichkeit. Gut, nimm’s als ein Warnzeichen, mein Bub. Aber vergiß nicht: du bist aus dem Blut von Vater _und Mutter_ entstanden. Und die Mutter bringt nicht nur das Kind zur Welt, sie speist es all sein Lebenlang mit ihren besten Säften und Kräften, wie die Quelle, die wir in eurer Kinderzeit hoch droben im Gletscher fanden, unaufhörlich den jungen Rhein speist, und flöß’ er noch weiter als durch Deutschland und Holland ins Meer.«
»Mutter,« sagte Martin Opterberg, nahm ihre Hand von seiner Schulter und legte sie sich an die Augen, »ich spür’, daß du da bist.«
»Spür du auch ruhig den Vater. Nur zur rechten Zeit muß es sein.«
»Sag noch ein Wort dazu, Mutter.«
Da ging ein heimliches Lächeln über Frau Christianes Züge, das der Sohn nicht sah und das sie ganz aus ihrem Alltag und Werktag entrückte.
»Ich will es dir gewiß sagen, Martin, obschon du es selber weißt, wenn du im Frühjahr und Sommer über die Wiesen hinblickst. Da siehst du die Bienen unermüdlich hin und wider surren und Honig in die Zellen tragen, und da siehst du die farbenfrohen Schmetterlinge wie geflügelte Blumen durch die Sonne schweifen und von den Blüten nur den Honig trinken, ohne ihn zu sammeln, und sie entzücken dich doch. Was uns aber in den stillen Stunden entzückt, das sollen wir in den lauten nicht schmähen.«
Martin Opterberg stand auf. Jetzt erst seit dem Wiedersehen kam es Frau Christiane zum Bewußtsein, wie groß und männlich er geworden war.
»Ich danke dir, Mutter. Und ich habe dich ganz genau verstanden. Jetzt, da wir uns das Beste gesagt haben, wollen wir’s auch kurz mit dem Abschied machen. Das Semester hat schon begonnen. Morgen fahre ich nach Berlin.«
»Und der Christoph?«
»Der Christoph will auf die Hochschul’ nach Aachen. Für ihn ist der technische Hochbetrieb im Rheinland das Beste. Wir haben’s besprochen, Mutter, und es muß jeder einmal allein sein.«
»Wirst du deiner alten Freundin Therese Baumgart vorher noch ein Lebewohl bieten?« fragte Frau Christiane, als frage sie leichthin.
»Der Therese? Die nur wie ein Geist hier erschien und wie ein Geist verschwand? Wenn ich einen Strich ziehen will, darf ich keine Lücke zum Ein- und Ausschlüpfen lassen.«
»Also auch die Barthelmeßleute siehst du nimmer?«
»Um die Sabine ist mir’s leid,« sagte Martin Opterberg und schaute über die Mutter hinweg. »Sie war die erste und einzige, die mich in meiner Not aufsuchte und mehr als den üblichen Händedruck für mich fand. Aber es ist schon besser, ich lass’ es auch hier mit dem Wiedersehen ein paar Jahre anstehen.«
»Nein,« sagte sich Frau Christiane, »er ist doch noch ein Bub, denn es ist noch verletzte Eitelkeit in ihm und eifersüchtig Abwägen.«
Dann gingen sie und stiegen aus des Vaters Sehnsuchtsstube hinab und saßen noch lange bei Christoph Attermann auf der Bank …
In der Adventszeit kam Therese Baumgart angereist. Von Heidelberg hatte sie bei Frau Christiane angefragt, ob sie kommen dürfe, und nun lag sie mit ganz bleichem Gesicht an Frau Christianes Brust.
»Warst du krank, daß du so weiß ausschaust?«
»Es ist nur die Freud’.«
»Dann wollt’ ich, ich säh’ dich nie anders. Aber ein bißl rosa anmalen darf ich dich doch? Gelt?«
»Komm’ ich auch nicht störend so nah’ vor der Weihnachtszeit? Sie werden mich gewiß auslachen, wenn ich’s sag’, und sich in der Still’ denken: Eine Ärztin will das werden, die so empfindsam ist? Aber es hat mich hergestoßen, weil ich wußt’, die Buben sind fern und die Frau Christiane haust zum ersten Male allein zum Fest.«
»Und da willst du mich wohl gar auf dein Studentenstübchen holen kommen, Liebchen?«
»Ah,« lachte Therese Baumgart, über den Gedanken belustigt, »das hätt’ ich mir allein gar nicht auszudenken gewagt. Aber hierbleiben möcht’ ich, wenn ich darf, bis über den Weihnachtsabend, und am ersten Feiertag nach Karlsruhe reisen zum Lindele.«
»Das Lindele feiert wohl im Stift seine Weihnachten?«
»Ja, aber ich darf es besuchen und mit ihm spazieren laufen und Schlittschuh fahren, so oft ich will. Ich miet’ mir immer ein Ferienstübchen in Karlsruhe.«
»Jetzt geht’s zu Tisch,« gebot Frau Christiane, »und des Morgens wird ausgeschlafen bis in den hellen Tag, denn auf die Felder können wir nicht, oder nur mit Schneeschuhen. Schenk den Tee ein, Kind. Und reich mir die Sahne. Ich will mich einmal recht von dir verhätscheln lassen.«
Allerlei Handreichungen ließ sich Frau Christiane tun und erfand täglich neue, um das Mädchen im Glauben zu halten, es sei ihr eine große Hilfe, während sie doch von Morgen bis Abend insgeheim an ihm herumsorgte, striegelte und fütterte, bis die Mädchenwangen sich röteten und die Augen den alten Glanz hatten.
Am Tage vor dem Heiligen Abend fuhr Frau Christiane mit der Bahn nach Freiburg, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu tun. Aber am Basler Bahnhof stieg sie in den Schnellzug nach Karlsruhe, und als sie in der Nacht heimkehrte, durfte Therese Baumgart nicht durch den Türspalt spähen. »Das Christkindchen ist im Haus,« neckte Frau Christiane und blieb auch den nächsten Tag geheimnisvoll, bis in der Dämmerstunde das silberne Klingeln durchs Haus lief, das alle Gutsangehörigen zur Bescherung lud.
Auch auf Therese Baumgarts Platz lagen vielerlei Gaben der Liebe, und das Mädchen, das seit Jahren gewohnt war, sich seinen Weihnachtstisch selber zu decken, bedankte sich in größter Glücksverwirrung.
»Ei,« sagte Frau Christiane, »du hast mir durch dein Kommen und Meingedenken ein so groß Geschenk gemacht, daß es mit der Handvoll Sächelchen doch arg gering vergolten wär’. Dazu bedurft’ es nicht eigens der gestrigen Fahrt. Das Hauptgeschenk harrt unter dem Tisch. Knie dich einmal nieder, Kind.«
Therese Baumgart kniete nieder und lüftete das weiße Tafeltuch, das bis zum Boden niederhing. Und dann fuhr ihr Oberkörper mit einem Ruck unter das weiße Tafeltuch, und aus dem Zelt hervor drangen Worte des Entzückens, der Fröhlichkeit und Seligkeit, aber nicht einstimmig, sondern zweistimmig, und unter dem Gabentisch kroch ein zwölfjährig Mädchen hervor, ein getreues Abbild der Therese Baumgart, nur rascher und lustiger in Wesen und Augen, und nun war auch Therese Baumgart auf den Füßen, starrte Frau Christiane wie eine Erscheinung an, erwachte und schlang ihr stürmisch die Arme um den Hals.
»Hab’ ich’s Rechte getroffen, Theresel? Ich mein’ fast, es schmeckt noch besser als ein Paket Basler Leckerli.«
»Jetzt versteh’ ich den Christoph Attermann,« murmelte die Glückliche am Halse der Frau.
Das Lindele hatte Ferien erhalten bis nach dem Dreikönigstag. Frau Christiane hatte sie ihr ausgewirkt. Und vierzehn volle Ferientage kam kein Buch und keinerlei Arbeit in Therese Baumgarts Hände und nur das im Haus und Gutshof herumjubilierende Schwesterchen. Das hatte Frau Christiane zur Bedingung gemacht.
»Red mir nicht von Dankbarkeit,« sagte die geruhige Frau, der das klare, gelbe Haar den Schein der vollen Sommerherrlichkeit verlieh. »Mir hat die kleine Linde zum mindesten so wohlgetan wie dir. Gerad in meiner Ehe hat ein Mädelchen gefehlt. Die Buben kann man aufrecht erziehen, aber nicht huscheln und kuscheln, wenn’s einem mal heiß in die Kehle steigen will. Weißt, Theresel, ein Mädelchen, das ist immer schon wie eine kleine Mitschwester, und nun bring mir das Lindele jede Ferien.«
Der Handschlag, den Therese Baumgart darauf leisten mußte, wurde die kommenden Jahre getreulich eingelöst.
* * * * *
Die Jahre aber gingen ihren Gang und brachten Aussaat und Ernte trotz Frost und Hagelwetter und Hoffnungen und Erfüllungen den Menschen trotz mancher verwehten Frühlingsblume, wie es der stete Lauf des Lebens, der über Erschütterungen lächelnd dahingeht, bedingt. Die Opterbergsbuben blieben an der Arbeit und schlugen sich zu Männern durch, leichter oder schwerer, je nach Art und Veranlagung, und Frau Christiane schrieb im Monat jedem einen Brief. Nicht mehr. »Man muß den Menschenkindern Zeit lassen, einander etwas Erfreuliches zu berichten,« pflegte sie zu sagen, »sonst quält sich Häcksel aus den Köpfen, und der ist gut für die Gäul’.«
Martin Opterberg war noch nicht wieder heimgekehrt. Er wollte einen Studienabschluß haben, und die Ferien verbrachte er, wenn er nicht gerade eines Winters zum Besuch der Theater und Konzerte Berlins bedurfte, auf Reisen, die ihn oft bis hinauf in das industriereiche Schweden und in das holzbestandene Norwegen führten. Seiner Mutter schrieb er freundliche Sohnesbriefe, aus denen Frau Christiane mit sicherem Auge das herauslas, was nicht darinnen stand: die immer noch nicht gebändigte Unrast und die Enttäuschung an den errungenen Freuden der Welt.
»Gut so, denn dazwischen liegt der Ausgleich,« sagte Frau Christiane und bündelte den Brief zu den übrigen.
Christoph Attermann kam in festen Abständen. Er sah nach dem Ergehen der Mutter, erzählte kurz und klar von seinen Fortschritten und den Hemmungen, die es noch zu überwinden gebe, und hockte dann schweigsam lauschend an ihrer Seite wie in Kindheitstagen. Seine Züge waren fest und seine Bewegungen sicherer geworden, seitdem er ohne Martin Opterberg hauste und den Weg allein unter die Füße nahm. Das sah Frau Christiane auf den ersten Blick, und was sie von Stund an mit ihm besprach, betraf ihn allein und nicht mehr die Buben zusammen.
»Mutter,« sagte dann Christoph Attermann beim Abschied, »ob ich komme oder geh’, ich spür’ immerdar die Kraft deines Gleichnisses von der Rheinquelle und den ins Weite strömenden Wassern. Und ich spür’ die Kraft des Nimmer-Zugrundegehenkönnens, solang die Quelle fließt.«
»Ich weiß schon von der Therese Baumgart, was für gewählte Reden du über mich führst.«
Auch die Therese Baumgart suchte Christoph Attermann in festen Abständen auf. Sie stand jetzt in Staatsexamen und Doktorprüfung und freute sich wie ein Kind, wenn das vertraute Gesicht des Jugendkameraden in ihren Nöten vor ihr erschien.
Und es gab keine Angst und keinen Zwiespalt des Prüflings, den der gesunde Sinn des Freundes nicht ausgeräumt und ausgeglichen hätte.
»Wenn ich die Augen schließ’, mein’ ich, ich hör’ Frau Christiane reden, und sie hat doch diesen ihren zweiten Sohn gar nicht geboren.«
»Doch, doch. Die Seele.« -- --
Therese Baumgart hatte für die letzten Semester die Universität in Bonn gewählt. Das war für den Freund, der noch in Aachen verblieben war, bequem zu erreichen. Und wenn er kam und das Wetter günstig war, holte er sie zu einem Marsch in das stille Siebengebirge oder auf die Höhe des Rolandsbogens, und unter ihnen rauschte der Strom um die Inseln Nonnenwert und Grafenwert und ergoß sich durch das letzte Bergtor, all seinen Zauber noch einmal zum berauschendsten Schönheitsbild zusammenfassend, beruhigt und kraftvoll in das Land der Arbeit.
»Abschied von der Jugend,« sagte Therese Baumgart sinnend.
»Begrüßung des Manneslebens, Therese. Oder auch des Frauenlebens. Das ist eins. Wer sagt dir, daß sich der Rhein nicht dafür so ganz besonders bräutlich schmückt.«
»Du magst Recht haben, Christoph, aber er tut es gewiß auch, um uns zu mahnen: Vergeßt die genossene Jugend nicht.«
»Nein, die vergessen wir nicht, und auch den dritten im Bunde nicht, der sich jetzt in Berlin herumquält.«
»Quält er sich --?«
Dann nahm Christoph Attermann wohl die Briefe Martin Opterbergs hervor und las, während sie auf einem einsamen Waldhügel lagerten und doch die Fülle rheinischen Lebens vor Augen, der Horchenden manche halbe Stunde, bis ihr alle Examensnöte klein erschienen.
* * * * *
»Im zweiten Jahre hause ich nun in dieser brausenden Stadt, die so reich ist und so arm. So reich an geistiger Schöpferkraft in Kunst und Wissenschaften, daß man nicht weiß, woher die Eimer nehmen, um zu schöpfen, und so arm hinwiederum an geistigem Lebensbedarf großer Menschenherden, daß oft ein Becherlein genügt, um ihn auszuschöpfen. Ich meine nicht die Bildungsbestrebungen des arbeitenden Volkes, das nach all den Schätzen hungert und dürstet, die die sich höher veranschlagenden Kreise meist nur wie Spielzeuge auf der Festtafel liegen haben, um sie bei guter Gelegenheit zum Ballspiel zu benutzen. Weshalb kein Ausgleich hier und keine Vertiefung dort, da die Quellen überreichlich springen? Es ist die Stadt der Unausgeglichenheiten, und ich stehe mit meiner eigenen mitten darin.« -- -- --
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»Einen ganzen Winter hab’ ich an Gesellschaften hingegeben. Ich wollte die Seele der höheren Menschheit kennen lernen, und war fast immer falsch am Ort. Die Seelen, die ich suchte, finden sich wohl nur auf den stillen Gelehrtenstuben und in den Arbeitsräumen der Handelsherren, der Erfinder und Insichgewendeten. Auch wohl in den alten preußischen Beamten- und Offiziersfamilien. Ich suchte das höhere Berlin auf, das sich so stolz und überheblich ›das ganze‹ nennt, und da ich ein guter Tänzer und kein schlechter Unterhalter bin, so habe ich rund ein halbes hundertmal den Frack getragen, und ein halbes hundertmal von Silber gespeist und den Sekt aus Kristallschalen getrunken, und ein halbes hundertmal dieselben Gesichter betrachtet. Denn das scheint mir eines der bemerkenswerten Kennzeichen dieses höheren Berlins, daß man wohl allabendlich in einem anderen Hause tafelt, aber immer mit demselben halben Hundert Menschen, die nur umgruppiert werden, damit dieselben Scherze nicht an dieselben Hörer gelangen. Stark ist die Börse vertreten, und der Schnitt mancher Gesichter weist östlich. Und nicht nur der Gesichtsschnitt. Es ist der Ton, der die Musik macht, und der Ton läßt -- wenigstens im Lichte _unserer_ Kinderstuben -- oft doch gar zu sehr zu wünschen übrig. Er ist nicht als unmöglich zu fassen -- er entgleitet -- und gleitet über Oberflächen -- und läßt Schaumblasen zurück. Darin sind Männer und Frauen geistesverwandt. Man spricht vom Theater, von der Kunst, von Politik und Wirtschaftsleben, Tollkühne auch von der Wissenschaft -- und endigt unweigerlich bei der Liebe. Der Rest ist ein Stelldichein.« -- -- --
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»Wir haben daheim des öfteren darüber gesprochen, daß die rheinische Menschheit nur allzugern über ihre Verhältnisse lebt. Im Lande des Weines macht es die Begeisterung, das heißere Blut, und bleibt verständlich und leichter verzeihlich. Hier in Berlin ist es kaltblütigste Berechnung, mehr zu scheinen und reicher zu erscheinen, als man ist, um der lieben Mitwelt Sand in die Augen zu streuen, um bessere politische oder Handelsgeschäfte zu machen, um den Heiratsmarkt für die Töchter günstiger zu gestalten oder sich für alle Fälle und Zwecke in empfehlender Erinnerung zu halten. Dieses fettige Leben frißt wie ein Ölfleck um sich und ergreift Familien, die _nicht_ über die notwendige Kaltblütigkeit verfügen und in dem Bestreben, gleichwertig geschätzt zu werden, die übertriebenste Gastlichkeit in gleicher Münze erwidern, schnell aber von Schulden und Unzuträglichkeiten aller Art aufgerieben und zu Tode gehetzt werden. Denn das ist ja das wirtschaftlich Gefahrdrohende bei solcher Lebensgestaltung, daß gerade der Nichtbesitzende den Wert des Geldes nicht mehr empfindet und zum Abenteurer wird, statt zum Werteschaffenden. Ich erblicke in der Ausbreitung solchen Wesens für unsere völkische Gesundheit eine weitaus schwerere Gefahr als -- sagen wir -- selbst in einem unglücklich endenden Krieg. Der verlorene Krieg geht an die Knochen; dies undeutsche Wesen aber geht durch die Knochen hindurch an die Seele.« -- -- --
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»Ich schrieb dir, lieber Christoph, in einem früheren Brief über das Hungern und Dürsten der Volksmassen nach gesteigerter Bildung. Auch diesen Heiligenschein vermag ich heute nicht mehr über die Häupter der Vielheit zu halten, denn es wird auch hier mit Wasser gekocht, und die Vielheit liefert nur den Brand dazu. Ich habe die Volksversammlungen durchzogen und den Reden der Volksführer gelauscht, und wenn ich später die aufrüttelnden und erhebenden Worte mit den Wirklichkeitstaten verglich, so blieb es ein Häuflein, das nach besserer Geisteszufuhr, und ein Haufe, der nach besserer Magenzufuhr schrie. Nicht etwa nur aus Nahrungsnot, was verständlich wäre, sondern weil die Mehrheit die höhere Bildungsstufe eben im reicher beschickten Kochherd erblickt, und das seit alters her und wohl bis zum Jüngsten Tag, sofern wir nicht allmiteinander Engel auf Erden werden. Diejenigen aber, die die Menge aufrufen, benutzen sie nur allzuoft, um sich von ihr in die Höhe tragen zu lassen und durch sie eine Stellung zu erlangen, mit dem Kopf durch die Wand hindurch, die sich ihnen aus Rassen- und Klassen-Kinderstubengründen entgegenzustellen scheint. Also auch hier neben manchem reinen Kämpfer und edlen Schwärmer viel unsaubere Kittel. Grüß mir unseren jungen Rhein und unser Jugendland in den Bergen.« -- -- --
Therese Baumgart blickte angestrengt in die Ferne. Ihre Hände lagen fest gefaltet im Schoß.
»Das klingt -- das klingt -- wie ein leidenschaftlich Suchen, Christoph, und wie ein herumirrend Glücksverlangen.«
»Das Blut des Vaters und das Blut der Mutter liegen noch im Kampf in ihm, Therese. Da setzt es noch Wunden, und Verwunderungen zum mindesten. Aber das Blut der Frau Christiane wird schon obsiegen, wenn’s auch ein bißl lang für unsere Begriffe währt. Glaub’s mir, Theresel, ich kenn’ es, das Blut.«
»Du hast es ja selber mit der Muttermilch getrunken,« antwortete sie und reichte ihm, aufatmend, die Hand.
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Es kam eine Zeit, in der der Opterberghof von Depeschenboten überlaufen wurde. Wenn es zu irgendeiner Unzeit am Haustor läutete und die Hofhunde ein gellendes Gebell anhoben, fuhr schon Frau Christiane lächelnd mit der Hand in die Wirtschaftstasche am Gürtel, um ein blitzblank Dreimarkstück für den noch ungesehenen Einlaßbegehrer hervorzuzaubern, denn sie wußte alsbald, was er brachte. Als erste meldete Therese Baumgart ihr glücklich bestandenes Staatsexamen. Wenige Wochen darauf wiederum Therese Baumgart ihre mit »gut« bestandene Doktorprüfung. Martin Opterberg und Christoph Attermann stellten sich in Drahtnachrichten fast gleichzeitig der Mutter als Regierungsbaumeister vor. Und über eine kurze Spanne traf eine zweite Drahtung Martin Opterbergs ein, die die Erreichung des Doktorgrades an der Universität Berlin für eine glänzend bewertete volkswirtschaftliche Abhandlung anzeigte. Diesmal hätte Frau Christiane vor freudiger Überrumpelung fast den Botentaler vergessen.
In einer Herbstnacht kam Martin Opterberg unangemeldet heim. Sechsundzwanzig Jahre zählte er jetzt und trug das kühngeschnittene Gesicht des Vaters. In seltsamer Bewegung schloß ihn Frau Christiane in die Arme. Und der Sohn gewahrte zum ersten Male im Auge der lebenssicheren und selbstsicheren Frau eine Träne.
»Mein junger Herr ist heimgekehrt,« scherzte Frau Christiane die Erschütterung hinweg …
Martin Opterberg hatte sich mit Christoph Attermann ein Stelldichein bei der Mutter gegeben.
Christoph Attermann kam am anderen Tage, und nach Stunden schon war es, als seien sie nie getrennt gewesen, und nur eine keusche Mannesherbe blieb in ihren Empfindungen zwischen ihnen. Gleich groß gewachsen, standen sie auf festen Füßen nebeneinander, und Frau Christianes Augen wanderten in geheimer Freude von dem scharfgeschnittenen Kopfe des Sohnes zu dem offenen Antlitz des Pflegesohnes, dem der kurzgehaltene blonde Vollbart wohlanstand.
Die jungen Männer besprachen ihre Lebenspläne. Beide hatten sie schon vorgesorgt. Christoph Attermann wünschte sich auf den Gebieten des Tief- und Hochbaus zu betätigen und hatte für den Anfang eine Anstellung beim Bau der gewaltigen Wasserkraftstauwerke im benachbarten Laufenburg angenommen, die er später mit einer Stellung an einem großen niederrheinischen Brückenbauwerk zu vertauschen gedachte. Martin Opterberg ging nach Holland, England und Amerika, um vornehmlich im Flußschiffbau tätig zu sein und gleichzeitig die Handelsbeziehungen zu studieren. Auch er hatte sich bereits den ersten Arbeitsplatz gesichert.
»Die Lehrjahre sind überstanden,« sagte Martin Opterberg, »nun folgen nach altem Zunftbrauch die Wanderjahre, Mutter, bevor man sich als Meister seßhaft machen darf.«
Frau Christiane sprach nicht hinein. Das war das Mutterschicksal, daß man die Kinder in der besten Zeit hergeben mußte, um sie erst wieder zu haben, wenn’s zu Tale ging. Nein, keine Selbstsucht. Das Leben kennt nicht eine Mutter und nicht ein Kind, es springt von Geschlecht zu Geschlecht. Und Mutterselbstsucht ist wie ein Fluch.
Von der Rheininselstadt des heiligen Fridolin, dem Trompeterstädtchen Säckingen, bis nach den zischenden und strudelnden Stromschnellen im Felsenbett von Laufenburg streiften die beiden Brüder und Freunde noch einmal gemeinsam ihr Jugendland ab. Schon am zweiten Tage baten sie Frau Christiane, mitzuwandern. Das tat sie mit Freuden. --