Part 11
Und wieder war Martin Opterberg in die Welt, in die es ihn, wie einst seinen Vater, zog. Doch wanderte er nicht wie Herr Arnold mit schwärmenden Augen und müßigen Händen, er wanderte mit klarforschenden Blicken und arbeitsregen Armen, und nach Jahresfrist setzte er von Rotterdam über den Kanal nach England, und wieder nach Jahresfrist von England über den Atlantischen Ozean nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Seine Briefe an Mutter und Freund wurden mehr und mehr wie Berichte eines Handelskonsuls, und waren sie zwischen den beiden ausgetauscht, so schickte sie Christoph Attermann, der den Strombau zu Laufenburg nun auch schon seit mehr als einem Jahr mit dem Bau von Brücken und Werftanlagen in dem großen niederrheinischen Werk vertauscht hatte, an Therese Baumgart, die als Ärztin an einer badischen Kinderheilanstalt wirkte. Die kleine Linde aber war, zum Jungmädchen erblüht, nun ganz das Abbild der Schwester geworden, nur heiterer und zugreifender, denn sie lebte als Hilfe und Hausgenossin an Frau Christianes Seite.
Im Sommer des vierten Jahres landete Martin Opterberg in Bremen. Von Köln aus nahm er den Rheindampfer, und als er durch den taghellen Sommerabend die gesegneten Ufer des Rheingaus entlang fuhr und die Namen der Weinstädte von den Tafeln der Haltestellen las, überkam den in Arbeit Gehärteten eine so weiche und sehnsüchtige Stimmung, daß er seinen Reiseplan änderte und beim nächsten alten Städtlein den Dampfer verließ. Hier mußten, dem letzten Briefe Sabines nach, jetzt die Barthelmeßleute hausen. Es zog ihn, das Mädchen zu sehen und ihm einen Gruß zu bieten.
Der Professor war zu einem Abendtrünklein, und die Frau war gegangen, um ihn abzuholen, erläuterte ein knapp der Schule entwachsenes Dienstmädchen, das ihn eintreten ließ. Das Fräulein wolle sie suchen gehen. Martin Opterberg schaute sich im Zimmer um. Es war in einer Unordnung, als ob man es morgen wieder zu verlassen gedächte. Er lenkte den Blick ab. Die Tür war gegangen. Und auf huschenden Füßen kam es herein, ein vollerblühtes Geschöpf, dem die schwarzen Locken um die Stirn und die weißen Gewänder um die Glieder flogen, warf sich an seine Brust, umstrickte ihn in den Armen, küßte ihn mit stürmischen, wilden und weichen, tollmachenden Küssen.
»Martin, mein Martin! Lang hast du mich warten lassen! Vergangen bin ich schier! Nun bist du gekommen, und ich vergeb’ dir, verzeih’ dir und hätt’ noch hundert Jahr auf dich gewartet. Aber gut ist’s, daß du gekommen bist um all der vielen Sehnsucht willen.«
»Mädchen! Sabine! Reiß dich zusammen, Kind!«
»Weshalb soll ich mich zusammenreißen? Du siehst es ja nur allein, und vor dir darf ich sein, wie ich bin. Vor dir hab’ ich kein Geheimnis, auch kein Mädchengeheimnis. Du hast es mir ja entlockt, damals schon, an dem Abend zu Rüdesheim, als ich noch ein halbes Kind war und du mich warten hießest!«
»Tat ich das? Mir sind an dem ereignisvollen Abend die Sinne durcheinandergeraten.«
»Grüble nicht mehr. Es ist ja alles gut. Und nun schau auch du mich einmal an, Martin.«
»Du bist geworden, was du zu werden versprachst. Wie eine der fremden wildduftenden Blüten, die ich zuweilen im Rankengeflecht des Urwalds fand. Aber Haar und Kleid sind zerzaust, Sabine.«
»O du Schulmeisterlein! Ich schwamm im Rhein, als mich die Kleine rief, und da bin ich in die Kleider geschlüpft, wie’s kam, und hab’ die Haare flattern lassen, wie sie wollten, nur um eine Minute früher bei dir zu sein. Oder hätt’st du eine Fischblütige lieber gemocht, die erst zur Haarkünstlerin und zur Kammerzofe gewandelt wär’? Ich weiß es nicht, und wußt’ nur das eine: Ich muß zu ihm, wie ich geh’ und steh’, und jede Minute ist mir geschenkt.«
Und der Langentwöhnte spürte den weichen Frauenkörper und spürte den wilden Zauber der Stunde, und er schloß die Augen und küßte wie ein Verdursteter die Lippen, die die seinen suchten.
Draußen polterte der Professor, der mit seiner Gattin heimkehrte. Er stand im Türrahmen und klatschte in heller Verwunderung die Hände zusammen, obschon das kleine Dienstmädchen ihn hatte holen und benachrichtigen müssen. »Der Martin! Mein junger Freund Martin! Der Sohn meines unvergeßlichen Arnold Opterberg.«
»Vater,« stieß Frau Bathelmeß atemlos hervor. »Was haben die Kinder?«
»Ja,« wiederholte der Professor staunend, »was habt ihr denn, Kinder?«
»Unsere Verlobungsstunde haben wir!« rief Sabine Barthelmeß und wühlte ihren Kopf an des Erkämpften Brust.
»Meine drei Söhne,« sagte der Professor mit feuchtgewordenem Auge, »haben mich verlassen und sich selbständig gemacht mit meinen besten Gaben. Wenn ich auch stolz auf sie bin -- das Verlassenwerden tut weh. Nun aber hab’ ich einen neuen Sohn, der treu bleiben wird.«
Martin Opterberg schritt über die Straße. Er ging zum Gasthof, um sich umzukleiden, und hatte versprochen, in einer Stunde zurück zu sein. Die Sinne liefen ihm wirr durcheinander, und er fand den Faden nicht. Nur einen wildsüßen Duft spürte er auf den Lippen, an den Händen.
»Dies heiße Mädchen also,« sagte er mit einem tiefen Atemzug. »Es sei. Ich hab’ die weichen Arme so nötig nach der harten Fron.« Und mit einem Willensentschluß trat er in das Postamt ein und gab eine dringende Drahtung an Christoph Attermann auf.
Christoph Attermann traf schon am Mittag mit dem Schnellzug ein. Die Brüder standen Hand in Hand, und beider Hände waren hart geworden. Sie sahen sich in die Augen, und keiner fragte nach der vierjährigen Trennung den anderen nach dem Ergehen.
»Mußte es sein, Martin?«
»Ich denk’, es ist recht so.«
»Ich bin nicht du, und du bist nicht ich. Wenn du sie für die Rechte hältst, wünsch’ ich dir Glück und Frieden.«
»Ende der Woche wollen wir die Mutter überraschen. Es kam mir ja selbst überraschend, Christoph, denn gar so schnell hatte ich mich noch nicht hergeben wollen. Doch das ist nun so mit der Liebe,« lächelte er ins Weite. »Sobald die Sabine ihre Reisekleider hergerichtet hat, fahren wir auf den Opterberghof. Willst du sie begrüßen?«
»Wenn sie nichts von meinem Kommen weiß, möcht’ ich, wie sich’s gebührt, der Mutter den Vorrang lassen.«
»Gut. Und du willst schon am Nachmittag zurück?«
»Ich hab’ noch im Badischen zu tun.«
Am späten Abend verließ Christoph Attermann auf einer kleinen Schwarzwaldhaltestelle den Zug. Er stieg durch den harzduftenden Tannenforst bergan und fand den weißen Bau der Kinderheilstätte. Auf sein Befragen führte man ihn zum Wohnzimmer der Ärztin ~Dr.~ Therese Baumgart.
Im frischen weißen Kittel stand Therese Baumgart, schlank und geruhig, und in ihrer braunen Haarkrone spielten die Abendlichter. Jetzt aber schrak sie auf. Sie hatte den Besucher erkannt. »Herrgott, Christoph, was führt dich so jäh daher?«
»Verzeih mir, Theresel, daß ich dich erschreckt hab’. Aber ich mußt’ zu dir und dich fragen.«
»Was fragen, Christoph, das gar so wichtig wär’?«
»Ob du nicht meine Frau sein möchtest, Theresel? Oder es werden könnt’st, wenn du -- frei bist?«
Sie stand regungslos und schaute ihn an.
»Ich bin frei, Christoph. Der, den du meinst, ist überstanden. Nicht, als ob ich ihm die Freundestreue gebrochen hätt’. Ich vermöcht’ noch heut’ für ihn zu sterben, aber gemeinsam leben mit ihm, das könnt’ ich nicht mehr. So armselig verlassen bin ich mir vorgekommen vor mir selber.«
»War ein bindend Wort zwischen euch?«
»Nein, Christoph, und es trifft ihn kein Vorwurf. Ein Gutenachtkuß einmal auf dem Herzogenhorn und ein Abschiedskuß nach einer traumhaft schönen Feldbergfahrt auf Schneeschuhen durch den Neuschnee, als er zum anderen Morgen von Freiburg auf immer schied -- und von mir.«
»Theresel, du hast einmal gesagt, ich sei auch von Frau Christianes Blut. Vertraust du dich mir an? Ich hab’ keine großen Schätze, aber ich hab’ viel Dankbarkeit.«
Therese Baumgart reichte ihm die Hände.
»Ich wußt’ ja, Christoph, daß du mich einmal holen kommen würdest. Und das schuf mir so viel frohe Ruh’.«
Als am nächsten Morgen Christoph Attermann aus dem Städtchen zu ihr wiederkehrte, brachte er ihr die feingestochenen Verlobungskarten. »Ich fand einen Lithographen vor und ließ gleich ein paar Dutzend herrichten. Eine ist schon fort an Frau Christiane, eine ans Lindele und eine an Martin.«
»Was treibt dich denn nur plötzlich so,« fragte sie, »du lieber Mann?«
›Nun ist sie Braut vor der anderen‹, dachte Christoph Attermann. ›Jetzt trifft es sie nicht mehr.‹
8
Martin Opterberg hielt die schmale Karte in der Hand, die in schlichtem Steindruck die Verlobung Christoph Attermanns mit Therese Baumgart meldete. Er wandte sie um und suchte nach einem handschriftlichen Wort. Es war nichts für ihn hinzugefügt.
Und mit einem Male spürte er, wie ihm eine Blutwelle langsam in die Stirne kroch.
So beharrlich hielt er die Augen auf die Karte gerichtet, als buchstabiere er Wort für Wort. Und zwischen den Zeilen tauchten andere auf, die unsichtbar geblieben waren und jetzt zu ihm redeten. Er hörte es wohl -- Christoph Attermann sprach zu ihm: »Ich habe gewartet und gewartet, Martin, weil ich glaubte, der Edelstein gehöre dir. Nun aber habe ich ihn schnell geborgen, bevor fremde Füße über ihn dahingehen.«
Die Blutwelle stieg. Er wollte sie niederhalten, und sie stieg doch. »Ich bin ein verlobter Mann,« sprach er zu sich selber, »und werde in Kürze ein Weib haben. Weshalb sollte ich anderen Menschen nicht ein Glück gönnen, das ich mir genommen habe, ohne die anderen zu befragen?«
Einen Augenblick preßte er die Lippen zusammen. Vor zwei Tagen erst hatte er Christoph Attermann gerufen, um den Bruder und Freund als ersten in die neue Stunde seines Lebens einzuweihen. War Christoph Attermann zu dieser Zeit schon mit Therese Baumgart im Einverständnis gewesen? Fort, fort mit der schlecht passenden Eifersuchtregung. Wahrhaftig, wenn etwas nicht am Platze war, so war es eine solche. Eine Scham war am Platz, und weil er sie unausgesprochen in tiefster Tiefe verspürte, bäumte sich der Groll in ihm auf wie in selbstherrlichen Knaben, die einen Verweis fürchten. Hier war der Verweis. Und war er der Knabe?
Er strich sich über die Augen und gewann sich wieder. Plötzlich sah er ganz klar. Plötzlich erkannte er die Beweggründe Christoph Attermanns in aller Schärfe. Christoph Attermann hatte der Freundin der Jugend eine ritterliche Genugtuung bereitet.
Das war es. Es gab keine Vergessene oder gar Verschmähte, es gab eine Frau, die ihr ruhiges Glück der Welt künden konnte, bevor die Welt von dem seinen wußte.
Er nahm Hut und Stock, um das Barthelmeßhaus aufzusuchen. Und während er hinüberschritt, klang das Rauschen des Rheins zu seinen Füßen ihm nur fern, und ganz nah klang ihm das Rauschen des Schwarzwaldes, und es war das Herzogenhorn, und im Tiefblau des Sommerabends saß ein Mädchen in weißem Kleid und hielt, singend und träumend zugleich, die Wange an den bebänderten Lautenhals geschmiegt.
»Du bist die Ruh’, der Friede mild, Die Sehnsucht du und was sie stillt« -- -- --
»Ei,« grüßte im Hausflur Sabine Barthelmeß den in Gedanken Verlorenen, »hast du mir ein neues Gewand ausgedacht oder gar einen Schmuck zum feierlichen Verlobungstag auf dem Opterberghof?« Und sie schlang ihm die Arme um den Hals und küßte ihn weitoffenen Auges.
»Zieh ein weißes Kleid an und leg ein Lautenband um, Sabine. Mehr brauch’ ich nicht.«
»Herr Doktor, sein Sie munter,« rief das Mädchen und griff ihm übermütig links und rechts ins Haar. »Das ist ein Anzug für Sonntagswanderer und kleine Studentinnen, nicht für die stolze Braut Martin Opterbergs. Ach du, wie wirst du die Augen öffnen.«
»Zigeunerin,« sagte er lachend und nahm sie in die Arme, »macht nur der Krönungsmantel die Königin? Trägst du den Zauber nicht in dir selbst? Schließ die Koffer ab, damit wir zur Mutter fahren können. Auch Christoph Attermann hat sich verlobt.«
»Der Attermann?« fragte sie gedehnt. »Der bei euch das Gnadenbrot aß? Was hat er sich vorzudrängen und uns den ersten Platz zu nehmen?«
»Es ißt auf dem Opterberghof keiner das Gnadenbrot, der an meiner Mutter Brust getrunken hat, Sabine.«
»Mit einem Fräulein ~Dr. med.~ Therese Baumgart,« las Sabine Barthelmeß von der Karte ab. »Ach du armes Herrgöttel, ein verstudiert Altjüngferlein ohne Saft und Salz, wie es sich für des Christophs Langweiligkeit schickt. Komm endlich in die Stube. Es ist niemand im ganzen Haus, und ich will mich schön machen wie zur Hauptprob’ und alle Kleider anziehen, die ich mitnehm’ auf die Brautfahrt.«
»Die Therese Baumgart ist eine alte Jugendfreundin, Sabine.«
»Grad darum sollst du schaun, wie eine _junge_ Jugendfreundin ausschaut.«
»Und wenn ich dir die Gewänder zerdrück’, du Wilde?«
»So kaufst du mir neue und schönere.« -- --
* * * * *
Da lag das weiße Opterberghaus auf dem Felsen über dem jungen Rhein. Martin Opterberg führte seine strahlende Braut über die Schwelle und in den Empfangsraum. Mitten im Zimmer stand Frau Christiane und blickte mit großen, stillforschenden Augen auf die Eintretenden.
»Hier bring’ ich dir die Sabine, Mutter, die mein Weib und deine Tochter werden will.«
Ein paar Atemzüge stiegen in Frau Christianes Brust auf und nieder.
»Will sie das wirklich, so soll sie von Herzen willkommen sein. So, wie ich dich willkommen heiß’ nach der vierjährigen Trennung, Martin.«
Da ließ der Heimgekehrte die Hand der Braut los und umarmte ungestüm die Mutter.
»Du! Du! Nicht bös’ sein, daß ich nicht auf der kürzesten Straße zu dir lief. Aber da blühte eine Blume am Weg, daß ich nicht gleich weiterkonnt’, und nun hab’ ich sie gleich mitgebracht zu deiner und meiner Freud’.«
»Wenn’s deine Glücksblume ist, hast du recht getan,« sagte Frau Christiane und streckte der Harrenden die freie Hand entgegen, über die Sabine Barthelmeß tief sich beugte.
»Willst du sie ihm sein, Sabine, und immerdar bleiben?«
»Ach, Mutter, ich hab’ ja all die Jahre nur an ihn gedacht.«
»Deinen funkelnden Augen hat’s nichts geschadet, du, und arg verhärmt schaust du vom Kopf zur Zeh’ auch nicht aus,« scherzte Frau Christiane, aber ihre Augen blieben klar.
»Das ist ja mein Leid, Mutter, daß mir’s kein Mensch ansieht und daß ich in Sturm und Regen weiterblüh’ wie in der Sonne.«
»So halt’s auch fürderhin dabei, Kind, zugunsten des Martin.« Sie blickte zu ihrem Sohn hinüber. »Vor wenig Tagen hat mir der Christoph seine Verlobung angezeigt. Mit der Therese Baumgart. Das geht wieder einmal daher und einander auf den Fersen wie bei euren Staats- und Doktorprüfungen. Ei, was ist mit dir, Martin?«
»Die Therese ist hier? Sie ist mit dem Christoph gekommen?«
»Sie sitzt auf einem Schwarzwaldgipfel und heilt die kleinen Menschenkinder.«
»Mutter, du planst eine Überraschung. Ich hätt’ sie dir nicht verderben sollen. Gerad sah ich die Therese Baumgart durch den Garten gehen. Durch die Fenster sah ich sie.«
»Du bist durch die Welt gerannt, und die Jahre sind mit dir gerannt, ohne daß du es merktest, Martin. Das Theresel ist eine liebe und ernste Frau, und was dort im Garten wandelt, ist ihr Schwesterchen, das Lindele, und mein Hausschatz. Such dir dein Bubenzimmer, Martin. Ich zeig’ der Sabine unterdes ihre Unterkunft. Und in einer Viertelstund’ sind wir bei Tisch.«
Selbst Frau Christiane mußte sich gestehen, daß Sabine Barthelmeß ihre Sach’ verstand. Das lachsfarbene Kleid mit dem langen, schmalen Halsausschnitt, in dem Sabine zu Tisch erschien, stand in köstlichem Zusammenklang zu dem südländisch getönten Kopf und dem tiefdunklen Haar, das überall eine Locke vorschickte wie im Dunkel tastende Fragen. Die Vertraulichkeit aber, mit der das Mädchen sich gleich im Hauswesen bewegte und der Hausfrau in ihren Verrichtungen bei Tisch begegnete, empfand Frau Christianes weiblicher Sinn als eine leise Vordringlichkeit, die sie gern gemißt hätte.
»Laß dir gefallen, daß die Linde und ich dich bedienen,« sagte sie freundlich. »Du bist hier der Gast, den wir wohl zu versorgen gedenken, und es bleibt bei der Gewohnheit. Lindele, eine Tasse Tee wär’ mir lieb.«
Linde Baumgart hatte die Vorstellung bei Tisch mit einem mädchenhaften Knix erwidert. Nun saß sie still und aufmerksam lauschend in ihrer weißen Hemdbluse, die ein langes, grünes Schlipsband farbenfroh belebte, und nur zu Anfang blickte sie verwundert auf, wenn die fremde junge Dame sie bei Vornamen rief und ihr das »Du« gab, während sie doch schicklich mit Fräulein Barthelmeß erwiderte.
Auch Martin Opterberg empfand die Betonung der jungen Dame gegenüber dem jungen Mädchen bei Sabine als eine leichte Anmaßung, die er durch besonders höfliche Anreden zu verbessern trachtete.
»Ich habe Sie für Ihre Schwester Therese gehalten, mein gnädiges Fräulein. Die Mutter hat’s Ihnen wohl schon verraten. Sie sind ihr so gleich, als wären die langen Jahre zwischen heut und damals, als ich Ihre Schwester das erste Mal zu Freiburg sah, ausgewischt.«
Linde Baumgart sah ihn an, und eine mädchenhafte Röte lief ihr über die Wangen.
»Ähnlich schau’ ich gewiß aus wie das Theresel, aber gleich bin ich ihr nicht. Da gehört mehr zu, als ich vermag. Doch wenn ich recht schön bitten dürft’: nennen Sie mich Fräulein Baumgart und nicht gnädiges Fräulein. Ich bitt’ Sie recht sehr.«
»So lassen Sie mich Ihr Wohl trinken, Fräulein Baumgart, wenn Sie mir freundlichst mein Weinglas füllen möchten. In Erinnerung an Ihre Schwester, die nun eine glückliche Braut ist und eine noch glücklichere Frau werden möge.«
Sabine Barthelmeß focht die feine Zurechtrückung nicht an.
Sie rief das junge Mädchen »Lindele«, wie sie es von Frau Christiane gehört hatte, und wandte das »Du« an, als habe sie ein unsicher Backfischlein zu begönnern.
›Es ist Barthelmeßsche Kinderstube‹, dachte Frau Christiane. ›Sie suchen die Menschen zu überrumpeln, um sie unter ihre Botmäßigkeit zu bekommen.‹ Und dann gab sie sich der Freude über die Heimkehr ihres Sohnes hin und, um ihm die Stunde zu schmücken, auch dem Vergnügen an der einschmeichelnden und wortreichen Art der Sabine Barthelmeß.
Eine Flasche französischen Champagners aus Herrn Arnolds Nachlaß kam auf den Tisch. Frau Christiane schenkte ihn selbst in die Kelche. Und sie trank Glück und Heil dem Brautpaar zu, das am Tische saß, und Glück und Heil dem Brautpaar, das in der Ferne weilte. »Ich darf es als Mutter sagen: die besten Mädchen landauf und landab sind mir für die Opterbergsbuben gut genug.«
Sabine Barthelmeß leerte im Übermut ein paarmal den Spitzkelch.
Der fürstliche Champagner flößte ihr geheime Hochachtung ein, und sie wünschte darzutun, als sei sie ihn wie ihr täglich Glas Brunnenwasser bei Tisch gewöhnt. Sie äußerte keinerlei Verwunderung noch irgendeinen schönen Dank an die spendende Mutter, aber unter dem Tisch griff sie Martin Opterbergs Hand und suchte sie zu zerpressen, daß er aufschreien möge, und als Frau Christiane sich seitwärts zu Linde Baumgart neigte, um ihr eine Weisung zu geben, griff sie schnell nach seinem Kopf und küßte ihn auf die Augen.
»Sabine,« flüsterte er ihr zu, »unsere Zärtlichkeiten gehen uns allein an.«
Aber sie ließ sich nicht lehren und trieb ihr Spiel weiter, im Glauben, vor den Frauen des Opterberghofes die überlegene und leutselige junge Weltdame zu spielen.
In der Nacht fuhr Frau Christiane aus dem Schlummer. Ihre Gedanken waren so wach, als hätten sie im Schlafe weitergearbeitet.
»Nein,« sagte sie vor sich hin, »sie mag eine gute Geliebte sein, niemals aber eine rechte Frau und Gattin.«
Den Rest der Nacht verbrachte sie aufrecht in den Kissen. So hatte sie in mancher Nacht gesessen, wenn sie über einen Weg für Herrn Arnold grübelte …
Als Sabine Barthelmeß im losen Morgenkleid und das Haar in einen großen Knoten gewunden zum Frühstück erschien, kam Frau Christiane mit Linde Baumgart schon aus den Wirtschaftsgärten.
»Ausgeschlafen, Stadtkind? Schön siehst du aus, als wolltest du gleich zum Ball.«
»Ich bin in das Fähnchen geschlüpft, weil ich mit Martin baden gehen möchte. Ich kenn’ die breite ruhige Stelle im Rhein von früher her noch, und ich freu’ mich auf die Erfrischung.«
»Hast du den Martin schon begrüßt? Er wird drunten auf der Rheinbank sitzen.«
Sabine Barthelmeß hatte sich schon in den Lehnstuhl geschmiegt und sich ein Honigbrötchen gestrichen. »Gelt, Lindele, du bist so lieb und holst mir den Ausreißer.«
Linde Baumgart nickte freundlich und ging. Unterwegs lächelte sie in sich hinein. Den Ausreißer! Als ob der allzu ernst gewordene Lebensringer Martin Opterberg, dem der Gedankenadel auf der Stirne stand, so ein kleines Schätzel wär’!
Sie fand den Gesuchten, wie es Frau Christiane vorhergesagt hatte, auf der Rheinbank, reichte ihm die Hand und richtete ihm ihre Bestellung aus.
»Wollen Sie nicht mit uns kommen, Fräulein Baumgart? Der Morgen ist so schön, das Wasser gewiß köstlich, und die Mutter wird Sie nicht entbehren.«
»Das wär’ mir leid, Herr Opterberg, wenn die Mutter mich so leicht entbehren möcht’. Es gibt mehr zu schaffen als sonst. Es sind hohe Gäste im Haus.«
»Rechnen Sie mich auch zu den Gästen?« fragte Martin Opterberg. ›Die Mutter‹ hatte sie gesagt. Es war ihm nicht entgangen.
»Sie sind der Sohn des Hauses, Herr Opterberg. Aber gerad’ darum sind Sie Ihrer Frau Mutter der liebste Gast, dem sie nichts als die Händ’ unter die Füße legen möcht’, weil er gar so selten daheim ist und immer nur auf der Weiterreise.«
Jetzt hatte sie ›Ihre Frau Mutter‹ gesagt und vor dem Sohn des Hauses bescheiden den Rückzug angetreten.
»Sie sind wohl meiner Mutter eine getreue Helferin geworden?«
»Ihre Frau Mutter mir! Nein, darüber kann man nicht sprechen. Dafür kann man einen Menschen wieder nur mit dem ganzen Menschen liebhaben. Nicht nur aus Dankbarkeit.«
»Ja, sie ist schon eine Prachtfrau …«
»Viel mehr, Herr Opterberg. Sie ist _die_ Prachtfrau. Wer das werden könnte in ihrer Schul’.«
Er lächelte über ihren mädchenhaften Eifer, und die Sonne stand noch auf seinem Gesicht, als er ins Zimmer trat und die Braut begrüßte.
»War es nicht arg selbstlos von mir, Martin, dir ein so hübsches Mädchen zum Morgengruß zu schicken?« fragte Sabine Barthelmeß lachend, während sie ihren Verlobten zwei-, dreimal auf den Mund küßte. »Dafür hast du die nächsten Stunden nur mir allein zu widmen. Auf, zum Rhein!«
»In dem Morgenkleidchen und dem wilden Haarknoten?«
»Beruhige dich, Liebster, ins Wasser geh’ ich nicht mit dem Kleidchen, o nein, und das Haar wird doch nur zerzaust beim Baden und wird erst würdig hergerichtet, wenn ich herauskomme und mich feierlich für den Tag anzieh’.«
»So komm, du Wilde. Es ist spät genug.«
In seinen Arm eingehängt, schlenderte sie durch die Wiesen, und wenn er sich während des Plauderns zu ihr hinabbog, küßte sie blitzschnell sein Ohr. Dann hatten sie den verschwiegenen Badestrand erreicht und suchten im dichten Weidengebüsch nach undurchsichtigen Umkleideplätzen.
»Du darfst ruhig zuschauen, Martin. Ich hab’ das Badegewand gleich untergezogen und brauch’ nur aus dem Kleid herauszuschlupfen. Also hilf mir heraus.«
Kein Mensch weit und breit. Kein anderer Laut in der Sommerhitze als das Murmeln des Uferwassers. Martin Opterberg strich ihr das Kleid von den Schultern und glaubte, ein fremdes Wesen aus sagenhaft-schwüler Wasserfrauenzeit zu sehen. Schlank und voll stand Sabine Barthelmeß im enganliegenden schwarzen Gespinst, das das elfenbeinfarbene Weiß der Glieder zum irrlichternden Leuchten brachte, und dehnte wohlig die Arme. »Rühr mich nur an, ich brenne nicht, ich bin kühl wie ein Trunk im Sommer.«