Part 18
»Ist das so schwer? Liegt das so weltenweit ab? Schau dich einmal um, Freund. In den Berliner Kriegsgesellschaften sitzen die Unabkömmlichen zu Tausenden, junge, wohlgenährte, hochgestiegene Männer. Aber man sagt, das sei eine geschlossene Religionsgemeinschaft, wie früher die Gescherten. Und wenn schon. Könnte man die Herrschaften, die sich drei Jahre gemästet haben, nicht einmal gründlich auskämmen und gegen uns austauschen? Die Schippe werden sie so gut halten können, wie wir die Feder. Ah, es ist ein Haß in uns auf diese feiste Drückebergerbande, der einmal furchtbar zum Ausbruch kommen wird. Weiter! Weiter! Fragt die alten, krummen Arbeiter bei uns. Die Arbeiterjugend steckt man mit einem Majorsgehalt in die Munitionsfabriken, und die Alten dürfen für eine Groschenlöhnung schippen. Ist für die Alten dort kein Platz? Wär’ nicht von vornherein dort ihr Platz gewesen? Wenn die Jungen aus den Fabriken und dem Großgeldverdienen herausgezogen und in die Feldregimenter gesteckt werden, pfeifen sie auf den Dienst für eine Erbsensuppe und verseuchen mit ihren Aufwiegelungen die Kompanien. Alsdann: Prosit.«
Er stürzte funkelnden Auges den Wein herunter und schlug die Mütze auf den Tisch.
»Haltung, Tillmann. Von meinem ehemaligen Fuchsmajor verlang’ ich mehr Haltung. Es ist leider Gott’s manches richtig, was du sagst, wenn auch durch erklärlichen Zorn verzerrt. Aber bedenk, Mann, die ganze Welt ist uns über den Kopf gekommen, und so sind uns mancherlei Dinge in der Eile auch über den Kopf gewachsen.«
»Wen’s trifft, der hat’s, Opterberg. Und der hört von allem nur das Nein.«
»Tillmann,« sagte Christoph Attermann begütigend, »was macht die schöne Klarenbachin, dein liebreich Gemahl? Ich weihe ihr dies Glas.«
»Tu’s nicht!« fuhr der Grimmige auf und fiel ihm in den Arm. »Sie ist imstand und verwandelt dir aus der Entfernung den Wein in Rattengift. Als ich mit meinem Feldkrätzchen auf dem Kopf das eine und einzige Mal auf Urlaub kam, wollt’ mich dies Götterweib in der Gesindestube essen lassen. Mein Schwager aber, der Grüters, der als Hauptmann dem Generalstab des Feldheeres zugeteilt ist, breite, weithinleuchtende Streifen, fast wie ein echter Generalstäbler, an den Hosen trägt und in Volksaufklärung arbeitet, durfte mit ihr in offenem Landauer durch die Straßen Düsseldorfs spazieren fahren.«
Er trank die Flasche leer und stand auf. »Gehabt euch wohl. Ein ander Mal. Ich muß an die Luft.«
Martin Opterberg und Christoph Attermann schauten ihm nach.
»Drei Jahre, Martin. Es muß zu End’ gehen. Es ist die höchste Zeit.«
»Christoph,« sagte Martin Opterberg, »daß wir’s trotz dem und alledem so lange ausgehalten haben, das zeigt doch erst, welch eine unverwüstliche Urkraft in unserem deutschen Volke liegt. Hier die richtige Erziehung mit der rechten Liebe angesetzt, und wir sind das erste Volk der Welt. Jetzt müssen wir durch die Vorschule …«
Ein paar Wochen darauf ging Christoph Attermann mit einem längeren Erholungsurlaub in die Heimat ab. Martin Opterberg wurde, bis zur Wiederverwendbarkeit in der Front, zur Dienstleistung in den Generalstab des Feldheeres befohlen.
»Sag den Frauen, Christoph, nun käm’ ich auch bald. Es drängt alles zur letzten Entscheidung. Und vergiß nicht: Wie’s auch kommt -- wir sind in der Vorschule.«
12
Zwei Erlebnisse waren es vor all den tausenden, die sich in Martin Opterbergs Seele gruben, deren Bilder er mit sich nahm als Lehre, Mahnung und Maß. Sie machten seine Seele ehrfürchtig, sie erschütterten sein Herz und führten ihn durch ihre Bildkraft dem Höchsten im Leben zu, dem menschlichen Gleichgewicht.
Martin Opterberg meldete sich im Generalstab des Feldheeres beim Ersten Generalquartiermeister. Helm auf und umgeschnallt stand er in dem langen Flur, auf den die Vielheit der Türen mündete, vor dem Zimmer des Generals Ludendorff und wartete. Es war ein Kommen und Gehen von höheren Offizieren, die barhaupt und ohne Degen, wie sie von ihrem Arbeitstisch aufgesprungen waren, herbeieilten, um eine Aufklärung zu geben, einen Befehl entgegen zu nehmen, und dennoch blieb die lautlose Stille, in der man das Summen einer späten Fliege als Geräusch empfand. Hinter dieser Türe arbeitete ein Mann, der schier übermenschliche Bürde trug und sie mit Hergabe des letzten Nervs bewältigte, in dessen Hirn die Millionenheere Deutschlands auf allen Kriegsschauplätzen, die Heere der Verbündeten und die Heere der ganzen feindlichen Welt marschierten und das man dennoch immer neuen Belastungsproben aussetzte, selbst aus der Heimat heraus und in Staats- und Wirtschaftsangelegenheiten.
Das ging Martin Opterberg durch den Sinn, während er vor der geräuschlos auf- und zuklappenden Türe verharrte. War dieser Mann so groß an Geist -- oder war Deutschland so klein an Geistern, daß man alle Wünsche und Hoffnungen auf dieses Einen Schultern lud?
Und mit einem Male wechselten die Bilder vor dem seelischen Auge Martin Opterbergs. Er sah die Hunderttausende von Neuen Testamenten in den Händen der Lesenden, er sah die Hunderttausende von Rosenkränzen am Gewehrschloß der Betenden -- er schaute die Inbrunst -- er hörte ihr Stöhnen im Ohr -- und er sah Testamente und Rosenkränze auf den Kehrichthaufen fliegen und vernahm Wutgebrüll und Gotteslästerung.
Das war, als das Schicksalsrad anders herum ging -- --
»Herr Hauptmann Opterberg …«
Martin Opterberg riß sich zu dienstlicher Haltung zusammen. Er trat ein. Die Tür sank geräuschlos hinter ihm ins Schloß.
Ein leeres, dämmeriges Gemach. Ganz hinten am letzten Eckfenster, alles Tageslicht auf sich vereinend, ein Mann am Schreibtisch, groß, stark, mit einem Bauernschädel.
Der Mann erhob sich, durchschritt in Eile das langgestreckte Zimmer und nahm dem Meldenden die Hand vom Helm.
»Hauptmann Opterberg. Ich weiß. Sollen hier ein paar Monate arbeiten, um nicht vorzeitig draufzugehen. Offiziere wie Sie brauchen wir heute nötiger denn je. Führer, denen die Leute blindlings folgen. Herzlich willkommen hier.«
»Allergehorsamsten Dank, Euer Exzellenz.«
»Keine Worte, lieber Opterberg. Der Dank ist auf unserer Seite. Viermal verwundet und immer wieder vornweg. Ihre Leistungen sind mir allesamt bekannt. Sie dürfen stolz darauf sein.«
Martin Opterberg stand unbeweglich. Auge in Auge mit dem überlasteten Mann, der dennoch auch von ihm wußte …
»Nun wollen Sie sich wohl beim Feldmarschall melden? Sie sollen ihn sehen. Der Feldmarschall wünscht es selbst. In einer Stunde beim Mittagessen in seinem Hause. Dort hat er Atempause. Auf Wiedersehen.«
Martin Opterberg spürte den kurzen, festen Druck der Hand. Und während er Kehrt machte, sah er den Überlasteten in Eile durch das Zimmer zurückschreiten. Als er beim Hinaustreten einen Blick zurückwarf, saß der General in seinen Papieren vergraben am Schreibtisch. Und alles Tageslicht lag auf dem mächtigen Bauernschädel.
Nachsinnend betrat Martin Opterberg die Straße. Aber ein Gefühl blieb das stärkste. Er kam von einem Einsamen. Er kam von einem Arbeitsriesen, der in Sekunden denken mußte, handeln, vollbringen, und der seine Worte auf Sekundenkürze zusammendrängen mußte.
Und doch: was hatte der General ihm in den wenigen Augenblicken nicht alles gesagt. Nein, nicht das Lob. »Führer sind nötiger denn je, denen die Leute blindlings folgen.« Also sammelte er sich zum Entscheidungskampf. Zur letzten Schlacht, in der es blindlings voran gehen mußte, sollte Deutschland bestehen … Und von Hindenburg hatte er gesprochen, dem Feldmarschall. Dies ehrfürchtig-stolze »Sie sollen ihn sehen« schwang noch in Martin Opterbergs Seele nach. Mit diesem tiefen Unterton vermochte nur ein Mann zu sprechen, der das Hinaufschauen nicht verlernt hatte. »Dort hat er Atempause.« So spricht ein Mitarbeiter vom Meister.
Und plötzlich rann es Martin Opterberg den Rücken hinab … Gleich wirst du vor dem Schlachtenmeister stehen, vor dem Ehrwürdigen und Verehrungswürdigen.
Er horchte in sich hinein. Nein, da war keine Spur von Angst. Da war nur Freude, jubelnde Freude.
»Opterberg? Bist du’s oder bist du’s nicht? Menschenskind, du überrennst ja den Vertreter einer hohen Generalstabsabteilung!«
»Grüters,« sagte Opterberg und hielt an. »Wenn ich dein Hiersein nicht schon von deinem Schwager Tillmann wüßte, hätt’ ich dich doch an den funkelnagelneuen Beinkleidern erkannt.«
Grüters beklopfte mit einer Reitgerte die gutsitzenden langen Hosen.
»Du irrst, wenn du damit meinst, daß Kleider Leute machen. Der Generalstab des deutschen Heeres ist verdammt helle, mein Junge, und versteht sich auf die Ausmusterung. Mit Hohlköpfen ist hier nischt zu wollen, aber rein garnischt. Und was führt dich wackeren Feldsoldaten in diese geistige Luftschicht?«
»Nichts als eine einstweilige Versetzung in diesen selben Generalstab.«
»Du -- --?« fragte Grüters und starrte den einstigen Verbindungsbruder sprachlos an. »Du machst wohl Witze? Nee -- ernsthaft? Wieso denn? Das weißt du nicht? Das ist ja eine rätselhafte Geschichte. Immerhin,« er reichte Opterberg die Hand, »wenn du eine Hilfe nötig hast -- ich stehe dir in meinen knappen Mußestunden gern zur Seite.«
»Verbindlichen Dank, Grüters.«
»Und wo soll’s jetzt hin? Komm mit, ich stell’ dich beim Mittagessen gleich vor.«
»Leider heute unmöglich, Grüters. Der Feldmarschall hat mich zu Tisch befohlen.«
»Vater Hindenburg? Bist du bei Sinnen? Du, hör mal, hier gibt’s keinen Studentenulk.«
»Es ist so, Grüters, und ich kann’s nicht ändern. Befehl ist Befehl. Und General Ludendorff hat ihn mir soeben persönlich ausgesprochen.«
»Bei dem warst du auch? -- Ja, was ich sagen wollte,« und Grüters legte seinen Arm in den des Jugendkameraden, »es ist dir doch recht, daß ich dich ein paar Schritte begleite? Ich bin gerade dienstfrei. Habe eine gewaltige Arbeitsleistung hinter mir und eine noch gewaltigere vor mir. Richtig, ich sprach dir noch nicht davon. Aufklärung im Heer. Gegen den Geist, den die grundstürzenden Linksparteien aus der Heimat bis in die vordersten Linien tragen möchten. Das vermag nur ein Mann, der kaiserlich bis in die Knochen ist. Dazu gehört die ganze Wucht und Unerschrockenheit der Überzeugungstreue. Mein Gott, Opterberg, das sind ja Jahre, daß wir unsere Gedanken nicht tauschen konnten. Der ganze Krieg liegt dazwischen. So etwas sollte unter Männern derselben Anschauungsweise nicht vorkommen dürfen. Also wir sind die Alten, Mann.«
Arm in Arm mit Opterberg auf- und abschreitend, plauderte er. Liebenswürdig, ein wenig hochmütig, stets die eigene Person im Auge.
»Jetzt wird’s wohl Zeit, daß du zum Feldmarschall hineingehst. Weidmannsheil! Vielleicht freut’s ihn, von unserer alten Freundschaft zu vernehmen. Jedenfalls kann’s nicht schaden, wenn du mich bei passender Gelegenheit mit einem Wort erwähnst; ich meine die rastlose Aufklärungsarbeit da vorn. Soll ich meine Frau von dir grüßen? Ich schreib’ ihr heute.«
Martin Opterberg trat ins Haus. Er behielt den Helm auf und den Degen umgeschnallt.
Der Adjutant kam ihm entgegen, und die Herren nannten ihre Namen.
»Der Herr Feldmarschall läßt bitten, abzulegen. Er nimmt Ihre dienstliche Meldung als geschehen an und ersucht Herrn Hauptmann, sich lediglich als seinen Gast zu fühlen. Bitte in dieses Zimmer.«
Nur wenige Offiziere standen wartend und plaudernd in dem kleinen Empfangszimmer, des Feldmarschalls allernächste Mitarbeiter, soweit sie abkömmlich waren. Der Adjutant stellte den Hauptmann Opterberg vor. Ein paar Namen wurden gemurmelt, ein paar Hände streckten sich aus, und Martin Opterberg fühlte sich auf eine ruhige und selbstverständliche Weise ins Gespräch gezogen. Er war Offizier und Hindenburgs Gast. Das genügte den Herren.
Unwillkürlich reckte sich Martin Opterberg auf. Die Innentür wurde geöffnet, und ein Riese an Wuchs mit einem eckig behauenen Kopf, in dem sich Rune an Rune drängte, graues, kurzgeschorenes Haar über der breitvorgelagerten Faltenstirn, den dicken, eisgrauen Schnurrbart bis über die Mundwinkel vorgezogen, kam, die Hände in den Taschen seiner Litewka vergraben, gemütlich ins Zimmer geschlendert. Der Feldmarschall hatte Atempause.
Kein Zug entging Martin Opterberg in diesem ungewöhnlichen Gesicht. Wie aus einem prachtvollen Marmorblock herausgehauen, ohne erst vorher sorglich in Ton geformt und geglättet gewesen zu sein, so wirkte dieser Kopf. Die Augen waren tief eingelegt. Wie ein Bildhauer wohl, um das Leben zu erhöhen, kostbare Edelsteine in den Marmor senkt. Eines alles verstehenden Herzens Güte spiegelten sie wieder, aber auf ihrem Grunde glomm ein Schein, sichtbar nur dem Forscher, der des Alters spottete und von den Feuerbränden einer Jünglingsseele sprach.
Der Feldmarschall nickte seinen Tischgenossen zu, winkte dem Adjutanten, der zur Vorstellung des Hauptmanns herbeisprang, ab und reichte dem Gast die Hand, die er aus der Litewkatasche zog.
»Der Hauptmann Opterberg wird schon wissen, wer ich bin,« sagte er mit einer knorrigen Baßstimme, die tief aus seinem Körper zu kommen schien, »und ich werde doch wohl wissen, wen ich mir als Gast eingeladen habe. Freue mich, Sie zu sehen, Herr Hauptmann. Ja, mein lieber Kamerad, wär’ ich noch in Ihrem Alter, ich möcht’ schon lieber mit dem Kolben dreinwettern als jetzt mit dem Federhalter. Was haben Sie studiert?«
»Ingenieurwesen und Volkswirtschaft, Herr Feldmarschall. Ich baue am Niederrhein Schiffe.«
»Ah! … Viel im Ausland gewesen?«
»Längere Jahre in England und Amerika.«
»Das ist gut. Dann sagen Sie mir doch einmal -- Entschuldigung, da meldet die Ordonnanz, daß wir essen können. Ist Ludendorff da? Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt. Dann müssen Sie mir schon gestatten, daß ich Sie zu Ihrem Platze führe. Ich bin nämlich mein eigener Oberhofmarschall.«
Er schob die Hand unter des Gastes Arm und leitete ihn durch die Innentür in das kleine Speisezimmer. Wie ein schlank Studentenfüchslein erschien sich der hochgewachsene Opterberg neben dem breitbrüstigen Riesen.
»Hier sitzen Sie. Neben mir. Hoffentlich haben Sie einen tüchtigen Hunger.«
Die Herren verbeugten sich kurz nach rechts und links und nahmen den Löffel.
Es gab eine dampfende Kartoffelsuppe mit kleingeschnittenem Rindfleisch darin.
»Schmeckt sie so gut wie aus der Feldküche, Herr Hauptmann?«
»Das kann ich wohl sagen.«
»Na, dann darf ich Ihnen wohl einen guten Rat geben. Nehmen Sie noch einen zweiten Teller voll. Es gibt weiter nichts. Höchstens noch einen Eierkuchen.«
Das kam wohlwollend und väterlich. Und während die Teller frisch gefüllt wurden, spürte Martin Opterberg des Feldmarschalls prüfendes Auge.
»Was ich vorhin fragen wollte, Hauptmann Opterberg. Sie waren lange in Amerika. Sie sehen mir nicht danach aus, als ob Sie in einem fremden Land mit geschlossenen Augen leben. Was würde wohl Amerika getan haben, wenn es wie Deutschland gezwungen gewesen wäre, bis auf die Knaben und Greise auf Jahre hinaus fast seine sämtlichen Männer ins Feld zu schicken? Sagen Sie mal Ihre Meinung.«
»Es würde vor allen Dingen jeden Unterschied zwischen Heer und Heimat aufgehoben haben, Herr Feldmarschall.«
»Ich wittere was. Aber erklären Sie sich deutlicher.«
»Amerika würde in der Lage Deutschlands sofort für die Dauer des Krieges jede weitere Kapitalbildung untersagt und jeden Bürger auf Sold gesetzt haben. Keiner hätte den Krieg für sich ausbeuten können, keiner der Daheimgebliebenen einen Pfennig mehr verdienen können als die im Felde Stehenden. Sie hätten ganz einfach in den Fabriken und in der Landwirtschaft ihrer Soldatenpflicht gegenüber dem Vaterland genügen müssen, das sozusagen eine einzige Heeresetappe gebildet hätte.«
Der Feldmarschall legte ihm die schwere Hand auf die Schulter. »Weiter, weiter.«
»Weiter wäre wohl nichts, Herr Feldmarschall. Der Amerikaner treibt Wirklichkeitspolitik und macht Nägel mit Köpfen.«
»Und wir?«
Mit flammenden Augen schaute Martin Opterberg zu dem greisen Helden auf.
»Ein Wort von Ihnen, Herr Feldmarschall, wenn’s sein muß, ein Machtwort --«
Er hielt inne. Eine Röte lief über seine Stirn. »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Feldmarschall, daß ich wagte --«
»Unsinn. In dieser Erholungspause darf jeder reden, wie’s ihm ums Herz ist. Das wäre noch schöner.« In den zusammengekniffenen Augen sprühte es auf. »Ja -- wenn ich in Berlin etwas zu sagen hätte, was ich aber _nicht_ habe: ich würde Nacht für Nacht eine Streife durch die lustigen Kaffeehäuser und ähnliche Örtlichkeiten veranstalten lassen und alle die feisten Herrlein, die sich dort groß tun, es nicht mit zwei Männern, aber mit zwei Frauenzimmern aufzunehmen, herausholen und am anderen Morgen in die Munitionsfabriken stecken.«
Ein grimmiges Lachen der Verachtung flog um seinen Mund.
»Nicht in das Feldheer. Nicht unter meine Braven. Diese schwammigen Blutegel, die sich am Kriege vollsaugen und, wenn’s hart um hart geht, uns mit irrsinnigem Friedensgeheul in den Rücken fallen, um nur ja mit ihrem Raub nicht unter die Räder zu kommen. Dann schimpfen sich diese Kerle ›Pazifisten‹. Achten Sie auf das Fremdwort. Die deutsche Sprache schämt sich, ein Wort dafür herauszurücken.«
Die Teller waren geleert, das Glas Wein ausgetrunken. Ein Zigarrenkistchen machte die Runde, und ein jeder langte zu. Der Feldmarschall tat tiefe Züge. In seinen Augen lag wieder die Vatergüte.
»Es gibt nur eins, mein lieber Hauptmann Opterberg, und das ist die Pflicht. Die Pflicht vor dem Vaterland, vor sich selber und dem Herrgott. Wie die unsere lautet, das sollten wir nachgerade wissen, oder wir müßten diesen unerbittlichen Vernichtungskrieg gegen Deutschland immer noch für eine Kirmeßrauferei halten, die mit einem gefüllten Maßkrug abgebrochen werden kann. Aushalten bis auf den letzten Mann, den letzten Hauch, und lieber in Seligkeit sterben als unselig weiter leben.«
Er stand auf und reckte seine Riesengestalt in den Schultern.
»Wollte doch diese Einsicht Gemeingut des ganzen Heimatvolkes werden. Eine eigene Brotrinde kauen, ist immer noch besser als fremde Peitschenhiebe zum Frühstück. Erfüllen wir unsere Pflicht. Zu nichts anderem sind wir hier. Gesegnete Mahlzeit, meine Herren.«
Er reichte die Linke dem Gast, die Rechte dem General Ludendorff, der eilig und schweigend gegessen hatte. Die Atempause war vorüber. --
Wenige Wochen erst saß Martin Opterberg an seinem schmalen Arbeitstisch, der auf vier fichtenen Füßen stand, als das zweite Erlebnis an ihn herantrat. Der Kaiser, der nach kurzer Abwesenheit im Großen Hauptquartier wieder eingetroffen war, wünschte einen Bericht über die Stimmung im Heere. Seine Umgebung hatte ihm von dem seit kurzem im Generalstab beschäftigten Hauptmann gesprochen, der mit Auszeichnung auf allen Kriegsschauplätzen gekämpft habe und vom Generalfeldmarschall Hindenburg zu einer Mittagsmahlzeit zugezogen worden sei. Der Kaiser ließ den Hauptmann zu sich befehlen.
Es war an einem frühen Wintermorgen, als Martin Opterberg die Einfahrt zu dem Landhause betrat, das den Kaiser und sein Gefolge beherbergte. Ein paar Kraftwagen waren vorgefahren. Der Leibjäger stand harrend am Schlage des ersten.
Die Tür des Hauses öffnete sich. Der Generaladjutant trat heraus, schritt über den knarrenden Kies und nahm die Meldung des Hauptmanns Opterberg entgegen.
»Warten Sie hier. Seine Majestät werden sogleich erscheinen. Sie fahren mit.«
Vier Herren kamen über den Vorhof und traten hinzu. Die Vorstellung wurde rasch vollzogen. Martin Opterberg erfuhr, daß er den Hofmarschall, den Leibarzt, einen Flügeladjutanten und den Hauptmann des kaiserlichen Kraftwagenparks vor sich sah. Die Herren plauderten untereinander von Dingen, die ihm nicht geläufig waren. Er wartete schweigend.
Der Leibjäger reckte das Kinn.
Die Unterhaltung brach ab. Auf der Freitreppe stand der Kaiser.
Er stand in Helm und Mantel, die Hände auf den Degenknauf gestützt, und schaute in die langsam sich hebende Wintersonne. Haar und Schnurrbart schimmerten eisgrau. Das Gesicht war mager und an den Backenknochen eingefallen. Jetzt wandte er die Augen. Sie waren leuchtend wie Knabenaugen.
Martin Opterberg war es, als hätte er einen Betenden gesehen.
Der Generaladjutant eilte hastig zu seinem Herrn. Er erstattete Meldung und winkte mit der Hand Martin Opterberg herbei.
»Der Hauptmann Opterberg, den Euer Majestät zu sehen wünschten.«
Martin Opterberg stand wie aus Bronze, die Hand am Helm.
Des Kaisers Auge lag prüfend auf dem Offizier. Dann streckte er ihm mit einer raschen Bewegung die Hand hin.
»Ich freue mich, Sie zu sehen. Haben sich ja so wild herumgeschlagen, daß kaum noch etwas an Ihnen heil ist. Geht’s bald wieder?«
Der Druck der kaiserlichen Rechten war eisern. Die Kraft des verstümmelten linken Armes hatte sich dem rechten mitgeteilt. Martin Opterberg ertrug unbeweglich den Druck.
»Jawohl, Euer Majestät. Ich bin wieder verwendungsfähig.«
»Hinter dem Schreibtisch oder hinter dem Feind her?«
»So Gott will, hinter dem Feind her, Euer Majestät.«
Der Kaiser nickte ihm zu und gab die Hand frei. Über die Schulter zurück befragte er den Generaladjutanten: »Können wir fahren?«
Der Leibjäger bot ihm die Hand zum Einstieg. Der Generaladjutant nahm zur Linken des Kaisers Platz und wies Martin Opterberg den Vordersitz an. Im zweiten Wagen saß das Gefolge, im dritten Jäger und Leibwache. Hinaus glitt es zum Tor und in die winterliche Landschaft hinein.
Des Kaisers Augen gingen lebhaft in die Runde.
»Ob wir nun bald ein anderes Bild zu sehen bekommen?«
»Der Marschall sagt ›ja‹, Euer Majestät.«
»Wenn’s Hindenburg sagt, ist es so gut wie geschehen.«
Er atmete tief auf, nahm den Helm ab und ließ sich die Mütze reichen.
»Und Sie wollen wieder mit dabei sein, Hauptmann Opterberg? Können Sie nicht genug kriegen?«
»Wenn der Feind genug hat, kehr’ ich gern heim, Euer Majestät.«
»Und diesmal _wird_ er genug kriegen. Er wird, er muß und soll. Es ist alles vorbereitet, glänzend vorbereitet. Diesmal fehlt nichts. Wir werden den Endsieg herbeiführen.«
»Jawohl, Euer Majestät.«
Der Kaiser sprach hastig weiter. Er sprach wie aus einem Drange heraus, eine bestätigende Stimme zu hören. Seine Gesichtszüge zogen sich zusammen. Seine Augen forschten.
›Dieser hier ist der Allereinsamste,‹ dachte Martin Opterberg. ›Während die anderen aus ihrer Einsamkeit Pläne und Taten gewinnen, muß er die seine abwartend in die Landschaft flüchten. Und mit ihr die Verantwortung für die Tugenden und Sünden eines Siebzigmillionenvolkes vor der ganzen Welt.‹
»Das vierte Kriegsjahr,« sprach der Kaiser lebhaft. »Und Jahr für Jahr hätten sie den Frieden haben können. Nicht doch -- erst muß die Welt ganz aus den Fugen gehen. Wenn ich an Rußland denke! Welch ein Zukunftsvolk war’s und ist es heut noch mit seinen unermeßlichen Menschen- und Bodenschätzen in all der Unberührtheit. Und Frankreich erst! Es schlägt sich, wie nur ein geborener Soldat sich schlagen kann.« Seine Augen öffneten sich groß und starrten lange ins Weite. Als suchten sie ein Bild und fänden Trümmer. »Das war einmal mein Traum,« sagte er nach einer Weile. »Rußland, Deutschland, Frankreich ein einziger Block. Die drei stärksten und tapfersten Mächte -- ein einziger, starrender Fels, an dem sich jede Kriegswoge der Welt im Entstehen hätte brechen müssen. -- Die Schildwacht des Erdballs -- und darum die heiligste Wacht des Friedenstempels.«
Staunend und ergriffen zugleich hatte Martin Opterberg den Worten des Kaisers gelauscht. Wer so zu träumen, wer so seinen Träumen Worte zu geben vermochte, heute noch, nach der grausamen Wachrüttelung und den rohen Faustschlägen der Umworbenen, der mußte in Wahrheit ein reiner Edelgeist sein oder ein Mensch, an dem alle Wirklichkeiten vorübergeleitet worden waren -- und immer noch wurden.
Eine heiße, wehe Liebe entbrannte in ihm zu dem vereinsamten Kronenträger.
Die Morgenfahrt ging weiter. An den schwarzen Wäldern vorüber, über eine weite Hochfläche, die nur verschleierte Fernblicke bot. Der Kaiser schien enttäuscht und kehrte bald zu seinem Gespräch zurück.