Die Buben der Frau Opterberg

Part 17

Chapter 173,499 wordsPublic domain

Wo war dieser stille, dieser liebesstarke, dieser ruheausgießende Abend? Hundertmal griff Martin Opterberg, griff Christoph Attermann nach der flatternden Erinnerung, um ein Fetzchen davon auf die fieberhaft pochende Stirn, auf das schwerarbeitende Herz zu legen. Ein Befehl -- eine Meldung -- fort war sie -- nur die Gegenwart bestand -- nur die Aufgabe dicht vor den Augen, dicht vor den Fäusten -- vorwärts -- vorwärts! Gab es überhaupt noch eine Zeitrechnung? Hatte es jemals eine Zeit gegeben, die vor dieser lag, die sich auffraß wie Vater Kronos seine Kinder? Würde es jemals eine andere geben als diese atemlos schlingende, der Tage, Wochen und Monate wie Körner im Wirbelsturm waren? Durch einen Fluß Frankreichs arbeitete sich Martin Opterberg mit seiner Pionierkompanie. Hinein in das Feuer, hinauf auf die Ufer. Stützpunkte, Stützpunkte für den Brückenschlag, auf den Zehntausende harrten! Durch die Drahtverhaue eines belgischen Forts glitt Christoph Attermann mit den scherenbewaffneten Seinen. Hinein in die Stacheln, hindurch durch das Blut. Bahn frei, Bahn frei für die stürmenden Brüder! Spracht ihr nicht von Frankreich? Spracht ihr nicht von Belgien? Wo habt ihr euren Verstand gelassen, ihr Vorwärtstaumelnden? Das sind russische Sümpfe, in denen ihr bis an die Achseln steckt, um in den schwappenden, schnappenden Brei kettenrasselnde Pfosten einzurammen für schwimmende Maschinengewehrnester. Rußland? Mensch, du karrst wohl deine Briefsachen mit der vorsintflutlichen Thurn- und Taxischen Postkutsche herum? Die Kompanie Opterberg zeigt den Österreichern in den Karpathen, wie man durch ein paar vorgetragene Sprengminen Massenhimmelfahrten veranstalten kann, und die Kompanie Attermann besorgt’s den Serben oder jagt zur Stund’ mit Türken und Bulgaren im Lande Mazedonien herum. Vorwärts -- vorwärts! Vielleicht triffst du einen alten Juden, der den Opterberg und den Attermann schon in Palästina ankommen sah!

Wenn die Pflegebrüder, oft durch Meilen voneinander getrennt, naß, schmutzstarrend und verwildert irgendwo bei blutiger Arbeit waren, irgendwo im dumpfen Unterstand lagen, war ihnen nicht, als _erlebten_ sie ein Märchen, war ihnen nur, als klängen die Töne des _Vor_lebens wie unfaßbare, unbegreifliche Kindermärchen an ihr Ohr. Hatte es in Wirklichkeit eine Frau Christiane, eine Therese Attermann und die andere gegeben, die ihr so ähnlich sah wie aus lachender Mädchenzeit? Wann war das gewesen? Wo konnte das gewesen sein? Ha -- jetzt. Dort sind sie. Hier, dicht am Herzen, an den Lippen. -- Was ist? Was willst du, Mann? Der Feind? Der -- Feind --? Auf, Pioniere! Pioniere, auf! In den Graben! Über die Brustwehr! Laßt die Minen flattern! Schmeißt ihnen die Handgranaten an die Schädel! Haut sie mit dem Schanzzeug heraus! Drauf, Jungens, drauf und dem Hauptmann nach! Ah, du Hund -- du oder ich …

Erst hatte Martin Opterberg, hatte Christoph Attermann, hatten die Tausende, die Millionen von Männern geglaubt, nur während des Vormarsches, der Schlachten, der Verfolgungen jagte die Zeit. Im Grabenkrieg war es nicht anders. Nicht doch. Sie jagte nicht. Aber sie kaute und malmte die Stunden unterschiedslos eine hinter der anderen, schluckte sie, nahm ein Maul voll neuer, kaute, malmte, schluckte, unterschiedslos … Da ließ man das Nachrechnen, und es war eine Woche, ein Monat, ein Jahr, und hätte gestern und vorgestern sein können, morgen oder übermorgen.

Auf einem Grabengang zuckte es Martin Opterberg durch den Sinn, und er nahm den Gedanken mit, während er die Stellung besichtigte. Wirklich --? Waren das schon zwei Jahre seit dem letzten friedlichen Tag daheim? Seit jenem stillen, liebesstarken, ruheausgießenden Abend? Da standen die Jünglinge und Männer, zerlumpt, verschmutzt, mit den Heldenaugen im hagergewordenen Gesicht, und taten ihre Pflicht, taten sie in diesen verfluchten Maulwurfsgängen und Erdlöchern hundertmal mehr noch als im frischen Drauflossturm tollkühnen Vormarsches, obschon die Begeisterung zu allen Teufeln gegangen war in dieser Menschenunwürdigkeit. Aber das eiserne Bewußtsein hielt sie aufrecht: du oder ich! Bei wenigen war es mehr noch als der dumpfe, tierische Grimm: Hund, du hast mir das Leben versaut. Erst kommst _du_!

Martin Opterberg tastete sich an seinem Gedanken Schritt für Schritt zurück. Zwei Jahre weit. Da zogen diese Jünglinge und Männer, stark und vollwangig, in strahlendem Waffenkleid über den Rhein, den sie in brausendem Gesang zu schirmen schwuren, und sie stürmten mit begeistertem Gesang in die unbekannte Schlacht, in das unbekannte Grauen, in all das Unbekannte auf Schritt und Tritt. Und als es ihnen mälig bekannt geworden war, da taten es plötzlich die wilden Lieder nicht mehr allein, da griffen die Menschen über sich und tasteten und suchten nach dem Göttlichen, dem sie sich blindlings anvertrauen konnten in Leibes- und Seelennot. Und ein Protestant kramte aus seinem Tornister ein Neues Testament hervor und begann darin zu blättern, und gleich waren es Hunderte, waren es Tausende von Büchern Reih’ auf, Reih’ ab in aller Händen, und des stillen Lesens war kein Ende. Und ein Katholik zog seinen Rosenkranz aus dem Brustlatz und hing ihn griffbereit an sein Gewehrschloß, und gleich war es ein ganzer Rosengarten Reih’ auf, Reih’ ab, und der stummen Zwiesprach’ war kein Ende. Martin Opterberg sah das Bild, er sah es auf dem Marsch bei Tag und am Lagerfeuer in der Nacht, und er sah die gewaltige Glaubenswoge noch durch die unterirdischen Gräben der ersten Stellungskämpfe ziehen, sah das Testament auf der Brustwehr und den Rosenkranz am Bajonett. »Gott, Gott!« hatte es durch die Gräben gerauscht und »Jesus, Maria!« Und die Granaten kamen angeheult und schlugen einen Trupp frisch angekommener Knaben zu Knochensplittern, ein Minenwerfer krachte nieder und stopfte zerfetzten Familienvätern hastend die Erde ihres eigenen Grabes in den Hals, eine giftverseuchte Gaswolke wälzte sich heran und erstickte wahllos Jung und Alt. Und kein Heldentum half und kein Gebet. Gott ließ das feige Würgen zu, und kein Heiland hob sichtbarlich die Hände und keine Schmerzensmutter. Aber die wundersüchtigen Menschen hoben die Hände und zerwühlten ihr Haar und zerkratzten ihr Angesicht, bis der Firnis des Christentums heruntersprang und das alte Heidentum zum Vorschein kam, das Heidentum, das seine Götzen schmähte und prügelte, wenn sie keine Wunder taten. Martin Opterberg hatte sich an seinen Gedanken zurückgetastet bis zu dem Tag, an dem die Rosenkränze und Neuen Testamente wie ein Kehrichthaufen in den Gräben lagen und ein Raunen lief und blieb und schwoll: Es gibt keinen Herrgott. Verdammtes Ammenmärchen.

Und wenn es keinen Herrgott gab -- wer hatte die Gewalt? Wer hatte sie auf Erden?

Ein Einzelner? Eine Handvoll Gekrönter oder Besternter?

Wer vollzog sie im Feld? Die Führer? Die Masse vollzog sie, die Masse, und sie würde sie einst weiter vollziehen, vom Gespensterglauben erlöst, auf eigene Faust, einst, einst …

Damals hatte es begonnen, in den Tagen des grausigen Sterbens, das in seiner platten Gemeinheit den Gläubigen traf wie den Ungläubigen, den Helden wie den Feigling, als schlüge eine riesengroße Fliegenklatsche alles zu Brei. Damals hatte es begonnen, und als es begonnen hatte, war es schon überall, in der Kreidechampagne und in den Pripetsümpfen, in den Karpathenschluchten und über den Balkan hin.

Noch schwebte und knisterte es. Noch war das Deutschbewußtsein: Du oder ich! das Mannesbewußtsein und Pflichtenbewußtsein das stärkere.

Trotz aller Sendboten, die heimlich durch die Reihen schlichen …

Martin Opterberg brach die Gedankenreihe ab. Zum zweitenmal machte er den Grabengang. Diesmal von Mann zu Mann. Und er sah ihnen in die tiefliegenden Augen, in die ausgemergelten Gesichter, und sah ihnen durch die schmutzsteifen, zerflickten Röcke in die heimwehkranken Herzen, die nach der Liebe ihrer Weiber schrien und nach den wildwachsenden Kindern bangten. Und sah über alle ihre stummen Qualen hoch hinaus ihr Heldentum.

Er streckte dem ersten die Hände hin. Eine rissige, borkige Faust, durch das Kriegshandwerk ungeschlacht geworden wie eine Bärentatze, senkte sich hinein. Er streckte sie dem zweiten, dem dritten hin. Sie krochen aus den Erdlöchern und drängten sich mit leuchtenden Augen um ihn. Ein bißchen Liebe, und die Seelen waren gewonnen. Ein bißchen von der Liebe, mit der sie selbst einstmals hinausgezogen waren in die zeitlosen Jahre.

»Es läßt sich immer noch ertragen, Herr Hauptmann.«

»Herr Hauptmann beißen ja auch die Zähne zusammen und schonen sich am allerwenigsten.«

»Herr Hauptmann, wir schaffen’s.«

Liebe! Liebe! Je größer die Not, desto größer die Liebessorge! _Väter_ mußten die Führer sein, Väter und Brüder in eins, dann waren sie die geborenen Vorgesetzten. Aber die meisten der väterlichen Führer, die ihren Schlaf opferten für ein paar Schlummerstunden ihrer Anvertrauten und ihr Leben wagten für das Leben ihrer Kinder, waren weggeschossen, und die Jungen, die an ihrer Stelle den Befehl führten, befahlen allzuoft den anderen und nicht sich selbst. Der Neid sprang auf, und mit dem Neid die üble Nachrede. Die nagte an dem Ansehen und fütterte die Unwilligkeit.

Zweimal hatte Martin Opterberg einen Brustschuß bekommen und war nach sechs Wochen wieder auf den Beinen und bei seiner Kompanie. Beim drittenmal hatte es schwere Brandwunden gesetzt, als seine Leute beim nächtlichen Minenbohren auf eine feindliche Gegenmine gestoßen waren und er sich mit den bloßen Händen auf die sprühende Zündschnur geworfen hatte. Das viertemal traf’s ihn am stärksten. Ein Granatsplitter fuhr ihm in den Schenkel, und die breite, eitrige Fleischwunde hielt ihn lange im Lazarett zurück. Hier, im Lazarett der Etappe, traf er nach längerer Trennung Christoph Attermann wieder.

Sie lagen in der Abteilung für Offiziere und sorgten, daß sie im selben Gelaß Bett an Bett kamen.

»Wo hat’s dich, Christophel?«

»Bauchschuß. Hört sich grauenhafter an, als es ist. Meine braven Leut’ haben sich auf meine Arme und Beine niedergehockt, daß ich mich nicht herumwerfen und verbluten konnt’. Und nicht einen Schluck zu trinken und keine Krume zu essen haben sie zugelassen. Das hatten sie einmal vom Stabsarzt vernommen. Zwei Tag’ und zwei Nächte haben sie in der Mordschlacht bei mir gehockt und acht auf mich gegeben. Als ich in einer Zeltbahn ins Lazarett getragen wurde, sagte der Generaloberarzt: ›Gerettet durch Ihre Leute‹!«

»Liebe erzeugt Liebe, Christoph. Du brauchst mir rein gar nichts mehr zu erzählen.«

Täglich flatterte ein Brieflein aus der Heimat ins Krankenzimmer. Therese Attermann schrieb voll tiefer Mütterlichkeit. Der Generaloberarzt hatte der jungen Kollegin einen ausführlichen Bericht über die Art der Verwundung und die fortschreitende Heilung erstattet und die Ärztin in ihr vollkommen beruhigen können. So waren ihre Briefe allein von der tiefinnerlichen Zärtlichkeit getragen, die ihrem Wesen eigen war.

»Ich hab’ dich lieb, seit ich es dir das erstemal sagte, und so weißt du es für alle Zeiten.«

Martin Opterberg las den Satz, reichte den Brief mit einem Händedruck dem Freunde zurück und lag ganz still.

»Martin --«

»Ja, Christoph?«

»Ich muß dir ein Geständnis ablegen, Martin. Heut’, da wir wie zwei matte Fliegen auf der Decke liegen, läßt es sich leichter sagen und anhören. Ich habe einmal einen furchtbaren Zorn auf dich gehabt, Martin. Das war, als du mich der -- der Sabine Barthelmeß wegen ins Rheingau kommen ließest. Damals meint’ ich, ich müßt’ mich zeitlebens von dir trennen, und ich fuhr zum Theresel und bot ihr meine Hand, um sie über das, was du tatst, so hinauszuheben, daß es nicht an sie konnte. Und dann kam es ganz anders. Als sie mein Weib geworden war, Martin, da wurd’ ich erst gewahr, was für einen großen, übergroßen, ganz unverdienten Schatz ich gehoben hatte, und wie dieser Schatz nur deshalb so überreich geworden war, weil er sich immer nur für dich veredelt und fast ein Dutzend Jahr’ lang Zins und Zinseszins hinzugenommen hatte. Schau, Martin, damals wurd’s mir klar, daß du im Unglück gehandelt hattest und nicht in der Untreue, und daß ich, wie schon früher, so jetzt, auf deinem Erbe saß und so voll tiefer Dankbarkeit gegen mein glückhaft Geschick zu sein hätt’, daß ich es durch nichts wettmachen könnte als durch brüderliche Liebe.«

»Schweig, Christoph. Es ist gut so und besser.«

»Laß mich nur reden. Es tut _mir_ wohl, und ich möcht’, daß es _dir_ wohl tät’. Einmal war’s nah an mich herangetreten, dir eine Arbeit abzunehmen, wie sie nur ein Bruder abzunehmen vermag, der schweigend versteht und schweigend handelt. Aber für mein schwerfälliges Blut ging alles zu rasch, und du hattest das Urteil schon in der Tasche, eh’ ich mich von der geschehenen Tat erholt hatte. Schau, Martin, damals hätt’ ich mein halb Leben drum gegeben, wenn ich das schleimige Krötenzeug in deinem Haus an deiner Statt hätt’ unter die Peitsche nehmen können.«

Martin Opterberg lag ganz still. Aber an den unregelmäßigen Atemzügen hörte der Bruder, wie es in ihm würgte.

»Martin, es mußte einmal ausgesprochen werden. Es läg’ sonst immer wie Leichen zwischen uns.«

»Leichen? Das nennst du Leichen? Scheintote sind’s, Christoph, die zu jeder Zeit die Augen aufschlagen und mich angrinsen können, und jedes neue Glück, das ich mir schaffen möcht’, hämisch begeifern und hinterrücks aushöhnen können. Ah, Christoph, das gibt mir keine Ruh’ im Leben und im Sterben, daß ich das Gesindel nicht niedergeschlagen und ausgelöscht hab’ für mich und alle Menschen, die ich liebe.«

»Martin, das ist überreizt, das ist übertrieben …«

»Möglich. Wenn man jahrelang mutterseelenallein da draußen im Dreck gelegen hat, arbeitet die Phantasie. Da hab’ ich mir oft ausgemalt: Gott geb’ die beiden zum zweiten Mal als Verbrecher vor meine Klinge. Damit ich sauber würd’.«

Da schwieg auch Christoph Attermann. Und er suchte in seinem Hirn und suchte nach einem anderen Bild.

»Das Lindele hat dir geschrieben. Darf ich wissen, was?«

»Hier, lies.«

»Es strengt mich zu sehr an. Erzähl mir lieber.«

Ungern kam Martin Opterberg dem Wunsche nach. Nur stockend berichtete er zu Anfang. Dann aber nahm’s ihn selber gefangen, und er wurde wärmer und redete sich zum Schluß in eine große Freudigkeit hinein. »Sie schreibt von der Werft, und daß das Werk sich aus sich selbst unterhält durch die Fülle von Ausbesserungsarbeiten an Schiffen rheinauf und rheinab. Und daß die alten Meister und grauköpfigen Arbeiter wie die Jünglinge zimmern, hämmern und nieten, und daß von den Werksfamilien, deren Männer im Felde stehen und weiter den Lohn beziehen, die Frauen und Kinder in Hos’ und Schurz mitschaffen auf dem Werftplatz, um den anderen das Brot nicht zu schmälern, und wie sie selber, die Linde, unter den Frauen mittät’ in Hos’ und Schurz, wenn’s gerad keine Schreibarbeit gäb’, um nicht wie ein Dämchen hintanzustehen.«

»Das muß sie köstlich kleiden, Martin. Denn sie ist wie ein Tännlein so schön und grad gewachsen.«

Martin Opterberg lachte vor sich hin. Das war kein krankes Lachen. Es kam aus der Gesundung und verlangte nach der Gesundheit. »Schwestern sind’s und einander ähnlich, wie selten zwei. Du mußt es drum wissen, Christoph. Aber auch von der anderen Schwester schreibt sie und hebt das Theresel in den höchsten Himmel: Sprechstunde, Krankenbesuche landaus, landein auf dem Motorrad, Ersatzlazarett, wiederum Sprechstunde, Lazarett, Krankenbesuche und Geburtshilfen bis spät in die Nacht, und vier Stunden Schlaf, wenn’s hoch kommt.«

Christoph Attermann lag mit seligen Augen. Er wußte ja das alles und wußte viel mehr. Dreimal war er auf Urlaub daheim gewesen und hatte in Haus und Werk nach dem Rechten gesehen, sehen wollen -- denn die Frauen hatten schon um alles gesorgt.

»Unsere Frauen,« sagte er. »Man möcht’ sie ein Jahr lang abbusseln, wenn sie stillhielten.«

»Und die Mutter hält den Opterberghof im Schwung, Christoph. Die Hälfte an Arbeitskräften und das Doppelte an Leistungen. Ich sah sie im Herbst mit der Sense in der Ernte. Arme wie Mannesarme, und die Waden, sagt sie, seien schon gar nicht zum ansehen. Die Sechzigjährige ist wie eine Hünin an Leib und Seele.«

»Willst du nicht auch einmal an den Niederrhein, Martin?«

»Später. Heut ist die Verteilung schon die rechte. Der eine zu Frau und Kindern, der andere zur Mutter.«

»Und die Linde?« wollte Christoph Attermann fragen. Aber er unterdrückte es und fingerte einen Marsch auf die Bettspreize.

Als sie ihre ersten Gehversuche machten, wurde ein Infanterieoffizier eingeliefert, dem die rechte Hand über dem Gelenk weggeschossen war. In dem blassen, mit Schlägernarben geschmückten Gesicht erkannten sie ihren alten Verbindungsbruder Broich, aus Freiburger Tagen, den Freund und Wandergefährten, der von der Juristerei zur Düsseldorfer Industrie übergegangen war, um schneller seiner geliebten Hilde Falkenroth Gatte und Betreuer sein zu können. Nun lag der Wackere als Einhänder im Verband, und die Freunde saßen manche Stunde an seinem Bett.

»Fürs Ersatzbataillon reicht’s noch,« sagte Broich in seiner knappen, soldatischen Art. »Ich kann den Säbel in die Linke nehmen, wenn ich den Nachschub daheim einexerzier’.«

»Wie geht’s Frau und Kindern?«

»Erträglich. Sie leben von meiner Hauptmannslöhnung. Die Stelle konnte auf so lange Jahre nicht für mich offen gehalten werden.«

Kein Wort der Klage. Nichts als Vaterlandspflicht. --

Martin Opterberg und Christoph Attermann humpelten am Stock durch den Etappenort. »Er ist mir von den Freunden immer der liebste gewesen, der Broich,« begann Christoph Attermann nach einer Weile des Wanderns. »Er hat bei eiserner Willenskraft die innere, die seelische Vornehmheit, die nicht angelernt werden kann und nicht vom Wetter abhängig ist. Da kann’s noch so hageldicht kommen, der Broich bleibt ohne einen Groschen der wahre Edelmann.«

Und dann mußten sie beide aus vollem Halse lachen.

Sie waren, ohne es zu wollen, bis zum Etappenstabskasino gewandert und hatten, da es die Stunde der Mahlzeit war, in aller Unschuld des Frontsoldaten angefragt, ob sie mithalten könnten. Ernst und verweisend waren sie in ihren zerschabten und verblichenen Röcken vom Verpflegungsoffizier gemustert worden.

»Darf ich ganz gehorsamst fragen, von wem die Herren eingeladen sind?«

»Wir kommen aus allereigenstem Antrieb. Unsere Nase lud uns ein und unser Magen.«

»Bitte ganz gehorsamst: zweite Straße links, Speiseanstalt für durchreisende Offiziere. Hier speist der Etappenstab.«

Da lachten die beiden, daß ihnen alle im Mord und Brand der Schlachten erworbenen Ehrenkreuze auf Brust und Herzgrube tanzten.

»Dürfte ich ganz gehorsamst um eine Ihrer abgelegten schönen Hosen bitten?« fragte Martin Opterberg mit einer tiefen Verneigung, und all die alten Schlägernarben funkelten vor Vergnügen in seinem Gesicht.

»Und ich ganz gehorsamst um ein Paar Ihrer schönen Lackschuhe?« fügte mit derselben tiefen Verneigung Christoph Attermann hinzu, und auf der Wetterseite auch seines Gesichtes glühten die purpurnen Ehrenröslein vor Lust.

»Martin, Martin,« klagte er, als sie vergnüglich weiterpilgerten, »ich fürchte, ich fürchte, wir sind in den Augen dieses Cid Kampeador der Etappenstabsküche zu höchst gemeinen Kriegsknechten herabgesunken. Dieser Rittmeister zu Fuß hielt uns für Schnorranten, die die Aufschrift über dieser feinen Krippe nicht lesen können: ›Nur für Herrschaften!‹«

»Drei Jahre Krieg, Christoph! Drei Jahre nur unter Männern. Und noch dazu in der Etappe, in der nicht der tägliche Sturm der Geschehnisse die Kameradschaften auf Tod und Leben vereinigt. Da tritt der Naturtrieb zutage. Eifersucht, Neid --«

»Futterneid, Martin. Man soll ihnen nicht in den Kochtopf gucken.«

»Geh, schäm dich, Christophel. Der Herr Rittmeister wünschten nur gehorsamst aus eitel Herzensgüte dir nicht das Wasser im Maule zusammenlaufen zu lassen. Und seine ›Speiseanstalt für durchreisende Offiziere‹ mag vollends der Teufel holen. Ich halt’s mit der Gulaschkanone. Da dampft eine auf dem Platz. Mein Gott, diese zusammengewürfelte Gesellschaft stellt ein ›Armierungsbataillon‹ dar. Können wir mithalten, Mann?«

»Aber selbstverständlich, Herr Hauptmann.«

»Mal zwei Kochgeschirre her. Was gibt’s Gutes heuer?«

»Erbsen mit Frankfurter Wurst. Aber nicht mit den Sporen klirren, Herr Hauptmann.«

»Hottehü?«

»Ich will nix gesagt haben. Aber es fehlt ein Gaul.«

»Na, wenn schon. Bei unseren germanischen Voreltern war’s der vornehmste Festtagsbraten.«

Ein Armierungssoldat schob sich heran. Unrasiert, mit durchlöcherten Schuhen, die schirmlose Mütze tief im Gesicht.

Als er vor den beiden Hauptleuten stand, nahm er mit einem Ruck stramme Haltung an.

»Tillmann! Tillmann! Alter Fuchsmajor! Kunstgelehrter! Heran an die Brust!«

Und der Unrasierte fiel den beiden schluchzend um den Hals.

»Na, na … Keine nasse Rührung, Alter. Gibt’s eine Kneipe hier am Ort? Bring uns zu deinem Häuptling. Wir bitten dich los für heute.«

Ein grauhaariger Offiziersstellvertreter meldete sich. Das Bataillon hatte Rasttag bis morgen. Der Armierungssoldat Tillmann war für den Rest des Tages beurlaubt.

Irgendwo stöberten sie eine Kneipe und einen französischen Landwein auf. »Dein Wohl, Tillmann. Unter Freunden schmeckt’s wie Nektar. Und nun spinn dein Garn herunter, Armierungssoldat.«

Der Kunstgelehrte knirschte mit den Zähnen.

»Sprecht das Wort nicht aus. Es bringt mich um den Verstand. Als ich mich vor zwanzig Jahren als Einjährig-Freiwilliger meldete, wurde ich nicht angenommen. Zu schwach auf der Brust oder zu platt auf den Füßen. Der Teufel mag’s wissen. Damals hätt’ ich mit Begeisterung gedient. Und siebzehn Jahre später, bei Kriegsausbruch, war die Brust apollinisch und die Füße aphrodisisch, und ich bildete mit vierhundert anderen ausgesiebten Ungedienten ein feines Armierungsbataillon. Ein Schießeisen vertraute man uns nicht an, aber eine dauerhafte Schippe und, als Beförderung, eine Hacke. So schippen wir Gräben und karren den Dreck. Zieh nicht deine Stirn in Falten, Opterberg. Ich weiß, daß geschippt und gekarrt werden muß und eine Soldatenehre gleich der anderen ist. Aber muß man just uns Schreibmenschen vom Dorfschreiber bis zum Universitätsprofessor unter die Schipper stecken, die keine sechs Hackenschläge hintereinander tun können, ohne die nächste Viertelstunde zu verschnaufen? Gut, ich seh’s deinem Gesicht an, du meinst, das lernt sich. Was sich aber nicht lernt, Freund und Hauptmann, das ist die Herabsetzung in die unterste Rangstufe und das Verfluchtsein, drin zu bleiben! Der gemeinste Frontsoldat, der gemeinste Etappensoldat kann sich durch seine Tüchtigkeit heraufarbeiten. Die jüngsten Dorfschulmeister laufen als Leutnants herum. Aber selbst für den größten Geistesriesen gibt’s im Armierungsbataillon keine Beförderung. Wir haben vor dem grünsten Jungen stramm zu stehen. Wir sind wie eine Maultierherde, ohne anderen Zukunftglauben, als daß wir stumpfsinnig unter Stumpfsinnigen abgerackert werden. Und eines Tages haben wir uns angepaßt, die einen aus Gewohnheit, die anderen durch Überredung, die dritten in ohnmächtigem Grimm, und die Heeresleitung wundert sich, woher die vielen Sozialisten kommen.«

»Wer über eine Sache schimpfen will,« sagte Martin Opterberg, »muß eine bessere an ihre Stelle zu setzen haben.«