Part 16
»Soll auch ich Teilhaberin werden?« fragte sie und sah ihm still in die Augen.
»Du brauchst es nicht erst zu werden. Du bist es. Seit du auf unseren Wanderungen unsere Teilhaberin warst. Aber du müßtest dein ärztliches Tätigkeitsfeld verlegen und hast es dir gerade erst so tapfer geschaffen.«
»Ich verlegte es nach Sibirien, wenn es hieß’, mit euch zusammenzubleiben. Wegen des Wiederaufbaus mach dir keine Sorgen. Mein Mut gibt nimmer nach.«
Da beugte sich Martin Opterberg über die Hand, die auf dem weißen Kinderbettchen lag, und führte sie andächtig an seine Lippen.
Sie aber hob mit der freien Hand sein Kinn empor und küßte ihn. Und das Kind lag zwischen ihnen und reckte nach ihnen die Ärmchen.
»Wie soll es heißen, Therese?«
»Linde soll es heißen. Einen lieberen Namen gibt es nicht.«
Die Männer gingen in Christoph Attermanns Arbeitsstube hinüber, und hier faßte Martin Opterberg den Pflegebruder an den Armen.
»Ich muß es dir noch sagen, Christoph, als meinem alten Bruder und meinem neuen Teilhaber, damit du in mir allzeit klarsiehst. Ohne die Mutter hätt’ ich’s nicht geschafft, und mir ist auch jetzt noch zuweilen, als ob ich’s nicht hinunterwürgen könnt’, wenn sie erst wieder heim ist. Nicht die betrogene Liebe. Das war eine Verwirrung der Sinne und eine Überrumpelung des Bluts. Aber den Betrug am anständigen Menschen und das Gefühl, das mich des Nachts am Atmen behindert und mir den Schweiß der Schmach und der Scham auf die Stirne treibt, das Gefühl: da laufen ein paar Menschen auf der Erde herum, die einen Hohn auf deinen Mannesstolz bedeuten, wenn sie grinsend vor dir auftauchen.«
»Martin, es wird übergehen. Wie die Schmach und Scham in Verachtung übergehen wird.«
»Das ist sie heute schon. Das tat sie schon längst. Aber es läßt mich nicht und rüttelt und schüttelt mich noch immer. Und wenn du’s nicht anders nennen willst als das beleidigte Herrenbewußtsein. Es ist und bleibt doch der Schmutz an meinen Kleidern.«
Da sagte Christoph Attermann in seiner ruhigen Art: »Ich helf’ dir, Martin, mit allem, was in mir ist. Wir haben ja doch gemeinsam Blut, Martin.«
Bei der feierlichen Taufhandlung hielten Linde Baumgart und Martin Opterberg den Täufling. Wenn Linde Baumgart ihm das Kind in die Arme legte, spürte Martin Opterberg den Strom mütterlicher Zärtlichkeit, der aus dem Mädchenkörper zu ihm herüberquoll. ›Der würde es ein Glück bedeuten, Mutter sein zu dürfen,‹ dachte er, und sie neigten zum Segen des Herrn miteinander die Häupter.
Was alles er mit seiner Nachbarin und Mitpatin bei Tisch geplaudert und besprochen hatte, das war ihm später kaum noch erinnerlich. Es mußte wohl vom Opterberghof gelautet haben, der ein reiches Erntejahr hinter sich hatte, oder von der Kinderzeit, oder von der Opterbergwerft, oder auch von den aufziehenden Wetterwolken in der Welt. Vielleicht gar von alledem zusammen. Eins aber blieb ihm in der Erinnerung: daß er neben einem urgesunden und reinen, lebensfrohen und willensstarken Menschenkinde geweilt habe, mit dem er während der Tafel auf Frau Thereses Geheiß Brüderschaft gemacht hatte.
»Fast ist sie mir noch lieber als das Theresel, weil ihre Fröhlichkeit nicht wartet, sondern so aus dem innersten Herzen herausbricht wie ein Gebot Gottes,« meinte Frau Christiane anderen Tags auf der Heimfahrt, als sie mit dem Sohne allein im Abteil saß. Martin Opterberg aber nahm ihren Kopf wie den eines Kindes, bettete ihn an seine Brust und klopfte ihr die Wange.
»Ja, ja, ja -- ich weiß schon.«
Da war Frau Christiane zum ersten Male sichtbarlich empört, weil sie sich von ihrem Bub auf der ersten Dummheit hatte ertappen lassen. --
Martin Opterberg betrieb den Eintritt Christoph Attermanns und die Überführung des Attermannschen Haushaltes mit unermüdlichem Eifer.
Die Zeichen der Zeit wollten ihm nicht gefallen, und Mutter und Sohn führten kaum noch ein anderes Gespräch.
»Seit wir in Marokko so laut mit dem Säbel gerasselt und uns so leise empfohlen haben, beginnt die Welt das Lied von unserer Unüberwindlichkeit für einen schönen Eigengesang zu halten,« äußerte Martin Opterberg ernst. »Und wer im Auslande gelebt und dort aufmerksam in die deutschen und in die fremden Volks- und Gesellschaftskreise hineingehorcht hat, muß mit Bedauern feststellen, daß wir uns trotz unserer Begabung, unseres Fleißes und unseres Reichtums immer noch nach Form und Ton wie emporgekommene Kleinkrämer benehmen. Es gibt auch eine Weltkinderstube. Aber wir haben die eigene nicht einmal gründlich durchgemacht.«
»Glaubst du an einen Krieg, Martin?«
»So sicher, wie ich im Menschen an Neid und Habgier glaube.«
»Und du stimmst ihm zu?«
»Kein vernünftiger Mensch stimmt einem Kriege zu, der zu vermeiden ist. Ist er aber nicht zu vermeiden und geht es um unseres Volkes Sein oder Nichtsein, so muß er mit allem, was in deutschen Herzen, Hirnen und Fäusten steckt, geschlagen werden, und ein Verbrecher am Volkstum wäre, wer den Augenblick verzögerte und uns die Sturmflut über den Kopf kommen ließe. Denn sie werden nicht fein säuberlich umgehen mit dem Knaben Absalom.«
»Der Absalom war nicht der bravste Knabe, Martin, und arg üppig geworden.«
»Unter uns gesagt, Mutter: das trifft auch auf uns zu. Auf ganze Volksklassen, Christen und Juden. Es ist uns mehr als ein Menschenalter zu leicht geworden und zu gut ergangen, und so hat der Geist des Materialismus bei uns Einzug halten können, der dem reindeutschen Wesen innerlich fremd war. Wir Deutschen brauchen den Druck, um unsere Muskeln hart zu halten, die Gefahren, um sie immer wieder zu überwinden, die Arbeit, um den Genuß am Festefeiern nicht zu verlieren. Nicht das öde Geldmachen um jeden Preis und die blöde Schlemmerei, die bei allen Völkern und zu allen Zeiten zur Geilheit im Leben und in der Kunst führt. Geilheit ist Aufsaugung der gesunden Säfte, Mutter, das weißt du aus Garten und Feld am besten, und ich weiß es von den Menschenklassen, die die tonangebenden heißen, weil sie den _falschen_ Ton angeben. Die Vergeilung wuchert wie Schierling durch das Land, und wenn uns der Krieg von dieser Pest befreit und uns wieder zur Gesundung des Volkskörpers führt, so ist er selbst mit Blut nicht zu teuer bezahlt.«
Frau Christiane grübelte den Worten nach.
»Ein glücklicher Krieg, Martin. Ein unglücklicher würde das Unkraut über die Halme wuchern lassen.«
»Mutter,« sagte Martin Opterberg, »da sei Gott und die deutsche Urkraft vor, daß es ein unglücklicher wird. Träfe es aber zu, was du für diesen Fall aussprichst, so wäre es ein Beweis, daß wir trotz aller unserer Errungenschaften die vornehmste noch nicht gefunden hätten, die allein die Achtung der Welt herausfordert. Ich meine die Würde eines großen Volkes, die sich gerade in Leid und Unglück als wurzelecht erweisen muß. Das Familienbewußtsein des ganzen deutschen Volkes mein’ ich, Mutter.« -- --
Die Schwalben waren fort vom Niederrhein, und auch Frau Christiane rüstete zum Heimflug. Denn ein paarmal schon hatte Martin Opterberg die Mutter gefragt, ob denn die Kraft des Lindele allein der Fülle der Herbstarbeit gewachsen wäre und ob sie nicht Schaden leiden würde. Da wußte Frau Christiane die Gedanken des Sohnes im rechten Gleis, und sie hütete sich, eine zweite Dummheit zu begehen.
In der ersten Oktoberwoche reiste sie heim. Attermanns waren eingetroffen.
Das erste war, als sie ihr Nest eingerichtet hatten, daß der Frau Doktor ärztliches Schild an der Türe angeschlagen wurde.
Darauf hatte Martin Opterberg gewartet. Er läutete die Arztglocke und trat ins Sprechzimmer.
»Du bist’s?« fragte Frau Therese und trat ihm mit ausgestreckten Händen entgegen. »Ich hoff’, du bist gesund?«
»Therese,« sagte Martin Opterberg, »ich hab’ dir die Gebühr für die erste ärztliche Behandlung in Freiburg noch nicht entrichtet und bin dir schmählich mit dem Wickelverband durchgegangen. Meine Werksleute wollen aber eine solche Unanständigkeit nicht leiden und haben gefordert, dich als Werksärztin zu sehen, für sich und ihre Familien. Ich entgeh’ dir also nicht, weder mit der Gebühr, noch mit Herz und Gliedern.«
Therese Attermann hob das Haupt. Das Sonnenkrönlein funkelte in ihrem Haar, wie es in dem Braunhaar der Therese Baumgart gefunkelt hatte.
»Gut,« sagte sie. »Ich fühle dir von Zeit zu Zeit den Puls. Du stehst nun unter meiner Botmäßigkeit.«
Und dann fiel sie ihm in mädchenhafter Freude um den Hals.
11
Das Werk war vollbeschäftigt. Um die Kräfte zu keiner Stunde feiern zu lassen, war auf Christoph Attermanns Betreiben eine Werft für Umbauten und Ausbesserungen angegliedert worden, die von den rheinischen Reedern stark in Anspruch genommen wurde. Da gab es Arbeit in Fülle, und die Meister und Gesellen bis zum letzten Lehrjungen fragten längst nicht mehr nach der Länge des Arbeitstages, sondern spornten sich fröhlich an, denn jeder Schlag des Hammers und jeder Feilenstrich erhöhte ihren Anteil am Gewinn und brachte ihnen die Arbeit ihrer Hände näher.
Um die Osterzeit versammelten Martin Opterberg und Christoph Attermann die Vertrauensmänner des Werkes in ihrem gesonderten Arbeitsraum. Die Männer saßen um den großen Zeichentisch und blickten mit erwartungsvollen Augen auf Martin Opterberg, der sich erhoben hatte.
»Liebe Mitarbeiter,« sagte er und entfaltete vor sich eine Anzahl von Papierbogen, »die Stunde, in der uns der Lohn für unser gemeinsames Schaffen winkt und die ich euch zugesagt hatte als Dank für eure treue Mithilfe und darüber hinaus als Staffel zu einer, will’s Gott, bald immer mehr sich steigernden Lebenshaltung, ist zum erstenmal gekommen. Der Jahresabschluß liegt fertig vor. Hier ist er. Wir haben unter uns lediglich mit dem Reingewinn zu tun, den ich in zwei Hälften teile. Die eine Hälfte weise ich meinen Mitarbeitern zu als besondere Gewinnzulage zu ihren Arbeitslöhnen. Unsere Werft ist noch zu jung, und wir stehen erst am Anfang. Aber wenn wir so fleißig weiterschaffen und vor allem so vertrauensvoll Hand in Hand marschieren, daß jeder im anderen seinen Freund und Helfer sieht, werden wir nicht nur das Werk auf die gewollte Höhe bringen, sondern auch jede einzelne Familie. Ich bitte Sie, den Jahresabschluß einzusehen.«
Der Wortführer der Vertrauensmänner nahm die Papiere entgegen.
»Weil Sie’s der Ordnung wegen wünschen, Herr Doktor Opterberg,« sagte er. »Nötig wär’s nicht gewesen. Erstens, weil’s Ihr freier Wille ist, und zweitens, weil wir Ihnen ohne was Schriftliches aufs Wort glauben. Wenn Sie gestatten, Herr Doktor Opterberg: das ist ja gerad der springende Punkt: daß Sie an unsere Arbeitsfreudigkeit glauben und uns als freie Männer am Werk schaffen lassen, und daß wir an Ihr soziales Empfinden und Ihr Gerechtigkeitsgefühl glauben, das nur freie Männer sehen will. Das ist uns eine mächtige Freude, Herr Doktor Opterberg, und Sie können’s am Singen und Witzereißen hören, wenn Sie über den Werftplatz gehen. Das finden Sie nicht so leicht wieder. Und ob der Abschluß nun mal hart und nun mal weich, mal fett und mal mager ausfällt: Herr Doktor Opterberg, es ist Verlaß aufeinander, und darauf könnten Sie das Abendmahl auf katholisch und auf evangelisch nehmen, lassen Ihnen die Werksangestellten sagen. Unseren besten Dank, Herr Doktor Opterberg.« --
Im Juni kehrte Martin Opterberg von einer längeren Auslandsreise zurück. Er kam am Abend und begab sich sofort in das Attermannsche Haus. Christoph Attermann befand sich auf der Werft, und Therese war an ein Krankenbett gerufen worden. So setzte er sich zu den Kindern, ließ sein Patenkind Linde auf den Knien reiten und den kleinen Christian mit seinem Besuchshut Kreisel spielen, bis die junge Doktorin als erste heimkehrte. Sie stand in der Tür und schaute ihm zu.
»Grüß Gott, Martin!«
»Ah, sieh da! Grüß Gott, Therese! Fröhlich schaust du drein, und die Kinder sind vergnügt wie die Heuschrecken. Willst du mir nicht eins ablassen von deinem Reichtum?«
»Eins ist zu wenig, und zwei kann ich nicht missen. Wär’ ich du, Martin, so schafft’ ich mir selber den Segen herein.«
»Ja,« meinte er, hob das aufjauchzende Kind hoch zur Zimmerdecke und setzte das strampelnde in seinem Rollstühlchen nieder, »wenn der Storch die kleinen Kinder noch aus dem Wiesenteich fischte und durch den Schornstein fallen ließ’. So billig tut er’s nicht mehr.«
»Ich mein’, der Martin _Opterberg_ wird’s nicht so billig tun.«
Martin Opterberg sah die Jugendfreundin an. »Fühlst du mir den Puls, Theresel?«
»Ja, Martin. Weil mir gar so viel an dir gelegen ist.«
»Nur an mir? Das lohnte nicht.«
»Es lohnte mir sogar ein zweites Menschenkind, an dem mir gelegen wäre.«
Christoph Attermann kam heim. Mit lauter Freude begrüßte er den Bruder und Freund. Dann schaute er ihm prüfend in die Augen.
»Du warst nicht mehr auf die Werft hinaus? Aber das Abendessen wird dir nicht geschenkt. Nachher mögen wir uns bis in die Nacht besprechen.«
»Du kannst teilnehmen, Therese,« sagte Martin Opterberg, als sie sich vom Abendtisch erhoben und ins Arbeitszimmer hinübergingen. »Die Frau soll immerdar klar sehen wie der Mann. Und ein Spielzeug hast du nie sein mögen.«
»Nein, Martin. Ich halt’s mit dem Verantwortungsgefühl.«
»Erzähl,« bat Christoph Attermann, als sie in den rohrgeflochtenen Sesseln niedersaßen. »Es ist wie eine plötzliche Windstille im geschäftlichen Leben, und ich schätz’, du hast das Wetterglas draußen nicht aus dem Aug’ gelassen.«
»Du hast recht empfunden, Christoph. Vor der Tür steht der Krieg.«
Sie schwiegen alle drei, blickten mit zusammengezogenen Brauen in den Schoß und hoben die Köpfe.
»Du wirst es nicht bei dem einen Wort belassen wollen, Martin.«
Martin Opterberg ließ den Blick zum Fenster hinauswandern.
»Ihr möchtet hören: ein glücklicher Krieg oder ein unglücklicher Krieg.« … Sein Blick kehrte zurück, sammelte sich und wurde hart. »Und ich mein’, wir sollten diese Frage gar nicht erst stellen, wir sollten aufstehen, das ganze Land wie eine einzige Eidgenossenschaft, keine andere Partei im Kopf als ›Deutschland‹ und keine andere Religion im Herzen als wiederum ›Deutschland‹. Denn es wird nicht um Zepter und Kronen, nicht um Gewinn und Verlust gehen, es wird ganz einfach um dieses Deutschland gehen, das erwürgt werden soll, um die hungrigen Wölfe zu füttern. Darüber muß sich der letzte Mann, die letzte Frau im Lande klar sein.«
Therese Attermann sah ihn an.
»Sag mir, warum gerade Deutschland …?«
»Ich könnte dir antworten, Therese: es ist sein Geschick von altersher. Weil es die schlechtesten Grenzen in Europa hat. Weil es um Lebens- oder Sterbenswillen immer gezwungen war, das Schwert locker zu halten. Weil es seit der Völkerwanderung von den Fremdstämmen überflutet wurde und ihm jeder Krieg, den es bis auf den heutigen Tag um Zurückgewinnung von Licht, Luft und Raum führen mußte, als ein unerhörter Frevel ausgelegt wurde. Ach, Therese, es wären noch viele ›weil‹ anzubringen, und Deutschland als Kriegsschauplatz aller Völker und aller Jahrhunderte bestätigt, was ich sage. Aber sein Geschick hat zuletzt ein jeder in der Hand, um es zu wandeln.«
»Und wir haben es gewandelt, als wir das neue deutsche Reich schufen,« sagte Christoph Attermann.
»Ja, da haben wir es äußerlich gewandelt. Nicht innerlich. Alle unsere aufgestauten Kräfte haben wir losgelassen, als wir endlich eine Macht geworden waren, und wie eine frische Sturzflut ging es über die dürrgewordene Welt. Es war weiß Gott ein herzerfreuender Anblick, als das Teutonentum auf dem Platz erschien und auf allen Märkten der Erde Bewegung in die Massen brachte. Der Erfolg war unser, wär’ unser gewesen, hätten wir ihn nur ein klein wenig anders auszumünzen verstanden als nur in Geld, Geld und wieder Geld. Es kann etwas Wunderbares sein um das Geldverdienen, wenn man das gewonnene immer wieder ausstreut wie Regen auf die durstende Flur, wie Sonne auf den hungernden Acker. Werben muß es um Glück und Schönheit und Freude, um die Fortentwicklung des ganzen Volkes diesseits und jenseits der Meere und um die Hochachtung und den Dank der fremden Völker. Wir aber haben mehr oder minder das Geld nur hereingeholt, um es nach Urgroßmutterweise in den Strumpf zu stecken und den Strumpf fest zuzubinden und uns großspurig darauf zu setzen: ›Seht, was für ein Kerl bin ich!‹ Das Deutschtum schreien wir in alle Welt hinaus, aber _für_ das Deutschtum in aller Welt haben wir keinen Groschen, und unsere Reichsboten rufen Zetermordio, wenn ein klarblickender Vernunftmensch Summen dafür einzustellen wünscht wie für Kohlenstationen und Kolonien, und erschweren den Auslanddeutschen sogar die Reichszugehörigkeit, statt sie stolz und stark zu machen. Seht, dieses unser Emporkömmlingstum, das wir so wenig veredlen, macht uns verhaßt bei Freund und Feind. Unser deutsches Wesen ist krank daran geworden. Es ist unser schlimmster Feind in der Welt und daheim.«
Die Drei saßen eine Weile schweigend. Sie schauten der Wahrheit ernst ins Gesicht.
»Und nun glaubst du, die Wetter ziehen sich zusammen und der Krieg steht vor der Tür?« fragte Christoph Attermann.
»Die Zeichen sind untrüglich,« entgegnete Martin Opterberg. »Das Ausland gibt keine Aufträge mehr herein, noch nimmt es Bestellungen entgegen. Dafür besteht es auf beschleunigter Zahlung der noch offenen Posten. Es handelt offensichtlich nach Weisungen von oben. Nur für den deutschen Geschäftsmann gibt es keine Weisungen. Nur Wiegenlieder.«
»Was schlägst du für die Werft vor, Martin? Verkleinern?«
»Vergrößern!« rief Martin Opterberg und sprang vom Stuhl auf. »Vergrößern, so lang es noch Zeit ist. Das letzte Geld hineinstecken, um sie auszudehnen, soweit wir kaufen können. Theresel, schau mich nicht so entsetzt an, als hieltst du mich leibhaftig für einen Börsenspieler. Ein guter Haushalter denkt über den Tag hinaus, wenn von seinem Tun und Lassen das Schicksal von Hunderten von Angestellten, von Hunderten von Familien abhängig ist. Ich will Vorsorge treffen, daß sie, mag’s gerad oder schräg gehen, eine Scholle zum Hausen vorfinden und eine Arbeitsstätte, auf der sie schaffen können. Im Straßendreck gibt’s keine Wiedergeburt.«
»Martin,« warf Christoph Attermann ein, »die vergrößerte Werft wird vergrößerte Betriebskosten fordern. Woher die Summen nehmen, wenn wir alles ins Gelände stecken?«
»Woher? Nun, so gib acht. Während eines Krieges wird die Werft ruhen, so gut wie ruhen. Unsere Leute werden ins Feld müssen, wie wir ins Feld müssen. Bis auf die alten. Die Verbleibenden führen Umbauten und Ausbesserungsarbeiten an fremden Schiffen aus. Der Frachtdampfer aber, den wir auf eigene Rechnung bauen, bleibt liegen, bleibt als unser Grundstock liegen. Ob wir ihn nach Kriegsende verkaufen oder selber damit auf Fahrt gehen -- er wird uns bessere Betriebskosten hereinbringen als die Papierscheine, die nach jedem Krieg eine Entwertung finden. Wir aber erhalten Hunderten von Menschen den Zukunftglauben und die Lebensfreude.«
Therese Attermann trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
»Weshalb hast du mich vorhin verkannt, Martin, wo du doch weißt, daß wir eins sind?«
»Weil ich gerad dies Wort von dir hören wollt’, Therese. Ich hab’ zuweilen eine kleine Sehnsucht nach so einem lieben Frauenwort.«
Christoph Attermann aber saß bereits über dem Geländeplan, maß und rechnete. Wie Zahnräder packten seine und Martin Opterbergs Gedanken ineinander und wurden Ausführung. Das war seit der Bubenzeit, das war Frau Christianes Blut und Erziehung und nie anders geworden.
Am nächsten Morgen zogen sie die Vertrauensmänner und alten Meister heran. Es war die größte Stunde der jungen Werft, in der die Richtlinien festgelegt wurden für Krieg und Frieden, die Anteile der Führer und Mannen, die Arbeitsbedingungen für die Daheimbleibenden und die Lebensbedingungen für die Familien derer, die zu den Fahnen gerufen wurden.
Die Männer standen schweratmend und weiß vor Erregung.
»Herr Doktor Opterberg -- und Sie, Herr Attermann -- Sie können einem das Sterben leicht machen für das Vaterland -- aber das Leben noch leichter. Sie schmeißen nicht mit Redensarten um sich vom Volk der Brüder -- Sie _machen_ uns zu Brüdern -- und nun spüren wir erst recht das Vaterlandsband -- Herrgottnochmal!«
»Der Vertrag ist getätigt,« sagte Martin Opterberg. »Aber ihr sollt erst darüber sprechen, wenn wir ins Feld müssen, damit uns keine geschäftlichen Schwierigkeiten erwachsen.«
Da traten sie einzeln vor und reichten ihm und Christoph Attermann die Hand. Dann gingen sie mit langen, wiegenden Schritten an ihre Arbeit.
In selber Woche noch wurden die Gelände der Werft um das Doppelte vergrößert. Man schüttelte den Kopf über den Narren Opterberg, der sich in so schwierigen Zeitläufen zu Ankäufen entschloß, statt das Seine beisammen zu halten, und gab das Brachland billig.
Am Sonntag traf unangemeldet Frau Christiane ein. Sie brachte Linde Baumgart mit, und die Frauen standen in ihren Reisekleidern am Frühstückstisch, als Martin Opterberg das Zimmer betrat.
»Mutter --!« sagte er nur. Aber er sagte es knabenfroh.
Frau Christiane nahm hastig seinen Kopf und drückte ihn an ihre Brust.
»Bub -- mein Bub. Es geht auf den Abschied. Ich hab’s all’ die Tag’ gespürt. Da mußt’ ich her, und das Lindele mit. Und nun nimm auch sie in den Arm. Wir Frauen können’s alle beid’ vertragen.«
»Mutter --,« wiederholte Martin Opterberg nur. Und dann nahm er das Mädchen in den Arm und wußte nicht: war es sein Blut, das in ihm aufsprang und in seinem Ohre sang, oder war es das ihre?
»Wann wird es sein, Bub?«
»Ich denk’, schon in Tagen.«
»Dann muß ich morgen wieder heim auf den Hof. Ein jedes an seinen Platz. Und die Linde kann den Verbindungsoffizier machen.«
»Ich werd’ die Attermanns herüberrufen, Mutter.«
Christoph und Therese Attermann kamen eilig auf den Fernsprechanruf herbei. Die Schwestern traten sich mit zuckenden Lippen entgegen. Ihre Augen waren feucht. »Du -- Du!« stießen sie hervor und hielten sich in den Armen.
»Ihr beide sollt ja gar nicht Abschied nehmen,« sagte Frau Christiane, und ein Lächeln glitt um ihren Mund. »Die Buben gilt’s, ihr Mädchen.«
Keine Minute dieses Tages waren die fünf Menschen voneinander getrennt. Bis in die Nacht hinein saßen sie beieinander und besprachen die Pflichten, die einem jeden erwuchsen. Auf Therese Attermann fiel das schwerere Teil. Wenn die benachbarten Ärzte einberufen wurden, mußte sich ihre ärztliche Tätigkeit verdoppeln und verdreifachen. Dazu würde sie dem Namen nach als Geschäftsführerin der Werft bestellt werden. Dort und im Hause sollte die Schwester helfend eingreifen.
»Auf dem Opterberghof ist es nicht anders als hier und im ganzen Land,« setzte Frau Christiane hinzu. »Das Aufgebot geht an die Frauen wie an die Männer. Ich werd’ die Arbeit schaffen, wie ihr sie schaffen werdet, ihr Mädchen. Wenn unsere Buben heimkehren, wollen wir uns nicht schämen müssen, als wären wir Frauensleut’ nur zum Vergnügen auf der Welt.«
* * * * *