Die Buben der Frau Opterberg

Part 19

Chapter 193,607 wordsPublic domain

»Gut, daß nun die letzte Abrechnung aufgestellt wird. Die Schlußrechnung. In der Heimat fangen sie an, Schwierigkeiten zu machen. Aber in Frankreich machen sie schon längst Schwierigkeiten, und in England soll’s auch nicht zart hergehen. Hingegen soll die Stimmung in unserem Heer, vom Chor der ewig Unzufriedenen abgesehen, eine freudig erregte sein. Sie sind ja wohl der beste Augen- und Ohrenzeuge gewesen, Hauptmann Opterberg. Erzählen Sie mal.«

Martin Opterberg riß sich bei dem Anruf zusammen. Der Kaiser hatte eine Frage an ihn gestellt. Und plötzlich ward ihm, als heischte da vor ihm nicht ein kronentragender Mensch eine beistimmende Antwort, als befragte ihn das Vaterland, versinnbildlicht durch ein Fürstenantlitz.

Das Vaterland aber heischte keine höfische Antwort -- es heischte die Wahrheit.

»Die Leute sind über menschliches Berechnen hinaus im vierten Jahre im Feld, Euer Majestät. Sie haben trotz der begeisternden Siege viel Hartes und Schweres in der langen Zeit erfahren. Die gelichteten Kameradenreihen, eigene Verwundungen und Krankheiten aller Art, dazu wohl auch trübe Nachrichten von daheim, Tod der Nächsten, Zusammenbruch der Geschäfte. Ich möchte sagen: die freudige Erregung ist mehr die Sehnsucht, bald heimzukommen.«

Der Kaiser sah ihn starr an.

»Das klingt ja fast, als ob da allerhand geheime Machenschaften am Werke wären, den Leuten den Aufschwung zu verleiden?«

»Gewiß, Euer Majestät, auch geheime Machenschaften sind am Werk, obschon sie längst nicht mehr so ganz geheim betrieben werden. Die Sendboten der unzufriedenen Parteien im Reich sitzen schon in jeder Kompanie und halten ihre Winkelversammlungen ab. Wer schimpft und hetzt, hat allzeit den größten Zulauf.«

»Die Sozialisten, Herr Hauptmann? So weit sollte man die schon vorgelassen haben?«

»Euer Majestät, es ist nicht die sozialistische Weltanschauung allein. Es sind zwei gleich starke Strömungen, die im Heere fluten. Die eine ist die sozialistische, die von der großen Völkerversöhnung durch die Gemeinschaftsziele der Arbeiterklassen schwärmt und den Krieg als eine Art Börsenspiel der Geld- und Machtklassen hinstellen möchte. Die andere ist eine wütend judenfeindliche, die die Verlängerung des Krieges, die Anhäufung der Kriegsgewinne durch die überzahlten Heereslieferungen, Bewucherung und Schiebertum daheim, kurz alles, was sie als ihre eigene und die Not des Vaterlandes ansieht, dieser einen Rasse zuschiebt, die doch nur eins vom Hundert der deutschen Bevölkerung ausmacht.«

Der Kaiser schüttelte den Kopf.

»Das geht mir nicht ein. Sozialismus und Antisemitismus sind doch immer entgegengesetzter Natur gewesen.«

»Im Felde denkt man nicht so scharf darüber nach, Euer Majestät. Im Grunde trifft man sich in dem einen Gedanken, möglichst bald nach Hause zu gelangen und klare Bahn zu schaffen.«

»Klare Bahn?«

»Euer Majestät, drei und einhalb Jahr Krieg in ödem Feindesland machen aus Helden Menschen mit menschlichen Gebrechen. Wenn sie in der Schlacht stehen, kämpfen sie um ihr Leben.«

Des Kaisers Blick wurde hart und abweisend.

»Ich denke: um die Ehre des Vaterlandes! -- -- Mein werter Herr Hauptmann, da stehen mir doch gottlob angenehmere Berichte zur Verfügung als der Ihre.«

Martin Opterberg spürte, wie ihm alles Blut zu Herzen trat.

»Ich fürchte, daß man Euer Majestät falsch unterrichtet hat.« …

Der Kaiser sah ihn groß an. Dann wendete er den Kopf und sah in die nebelverhangene Landschaft hinaus. Die Maschine des Kraftwagens sang und sauste. Im Wagen fiel kein Wort mehr.

Eine halbe Stunde später, und der Kaiser wies auf ein Wärterhaus am Wege.

»Anhalten.«

Der Generaladjutant gab den Befehl zum Führersitz hinauf. Mit dem kaiserlichen Wagen hielten die anderen. Der Kaiser schritt in das Wärterhaus und wärmte sich den Rücken am Kamin. Er winkte die Herren seines Gefolges zu sich heran und plauderte mit ihnen, während der Leibjäger ein paar belegte Brote und je einen Becher Wein darreichte. Zwei-, dreimal glitten die Augen des Kaisers blitzschnell zu dem Hauptmann hinüber, der still und gesammelt abseits stand und seinen Becher leerte, und musterten das tiefgebräunte Gesicht.

Der Leibjäger begann, die geleerten Becher einzupacken. Der Kaiser hob den Kopf.

»Der Hauptmann Opterberg bekommt zum zweitenmal eingeschenkt. Er ist vom Rhein.«

Martin Opterberg verbeugte sich und leerte den Becher noch einmal.

Der Kaiser hatte sich für seine Zigarette Feuer geben lassen. Die Herren durften rauchen.

»Wärmen Sie sich weiter. Ich muß draußen ein paar Schritte tun, um die Beine nicht einschlafen zu lassen. Hauptmann Opterberg -- Sie können mich begleiten.«

»Zu Befehl, Euer Majestät.«

Langsam ging der Kaiser ein paar Schritte die Landstraße entlang. Wieder flog sein Blick über das zusammengefaßte Gesicht des Hauptmanns.

»Mein lieber Opterberg, hören Sie einmal gut zu, ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Damit Sie verstehen, daß ich Sie vorhin nicht kränken wollte --«

»Nein, Euer Majestät …!«

»-- daß ich Sie vorhin nicht kränken wollte durch ein Mißtrauen in Ihre Person, sondern daß ich bei meinem ersten Hineinblicken in die öffentliche Welt ein allgemeines Mißtrauen sozusagen als Weggepäck mitbekam. Weshalb ich’s gerade Ihnen erzählen muß, weiß ich nicht. Aber ich tu’s.

»Also ich war noch ein Junge und sollte erst im nächsten Jahre öffentlich auf dem Hofball erscheinen. Aber nichtöffentlich zuzuschauen, war mir erlaubt worden. Mein Vater hatte mir seinen ihm sehr innig befreundeten Generaladjutanten als Führer und Erklärer beigegeben. Ich fragte, und er antwortete:

»›General Soundso.‹ -- ›Ah, der berühmte Sieger von Siebzig?‹ -- ›Na schon. Stoppt ooch die eigene Matratze.‹ Das heißt aus dem Berlinischen übersetzt: er handelt aus selbstsüchtigen Beweggründen.

»›Staatsminister Soundso.‹ -- ›Ah, der politische Steuermann?‹ -- ›Stoppt ooch, stoppt ooch.‹ … ›Der Professor Soundso.‹ -- ›Ah, der gottbegnadete Maler?‹ -- ›Stoppt ooch, stoppt ooch.‹ -- Nach wem ich auch in jugendlicher Begeisterung fragte: er stopfte in seine eigene Matratze hinein.«

Der Kaiser warf sein Zigarettenende fort. Seine Blicke tasteten an den nebelverhangenen Fernen.

»Sehen Sie, mein lieber Opterberg, so wurde ich für meine erste Berührung mit der Öffentlichkeit und ihren Menschen vorbereitet. Und nun bitten Sie mir meine Herren heraus. Wir wollen fahren.« -- -- --

Die Arbeiten im Generalstab des Feldheeres hatten den Punkt erreicht, an dem der Treibriemen auf das Schwungrad aufgelegt werden konnte. Die Regimenter waren durch die Ersatzbataillone aus der Heimat aufgefüllt, Waffen, Munitionslager, Verpflegungswesen, Feldlazarette vervollständigt und auf den leisesten Anruf geregelt. Bei Tag und bei Nacht, unablässig und doch kühl und sicher hatte das Hirn der Generalstabsmänner unter der ungeheueren Spannung gearbeitet.

Martin Opterberg war zum Führer des Pionierbataillons ernannt worden, in dem er vordem eine Kompanie angeführt hatte. Die Verantwortung wuchs, aber auch das Glücksgefühl des Mannes, zu einer größeren Aufgabe berufen zu sein. Er hatte sich von Vorgesetzten und Kameraden im Generalstab verabschiedet und bestieg den Kraftwagen, der ihn in die angewiesene Stellung bringen sollte, als ihm noch ein Brief aus der Heimat zugereicht wurde. Er las ihn während der langen Fahrt und las ihn zu verschiedenen Stunden mit derselben tiefen Heiterkeit des Gemütes.

»Lieber Freund Martin,« schrieb Linde Baumgart, »Deine Drahtnachricht, daß Du als Bataillonsführer an die Front zurückkehrst, ist eingetroffen und hat uns nicht überrascht. Jeder Mann, jede Frau an ihren Platz. Da mußtest Du bei den ersten sein -- und bei den vordersten. Denn diesmal geht es nicht um einen neuen Sieg, diesmal geht es um Erfüllung oder Vernichtung. Das ist mir ganz klar und nur den Menschen im Lande nicht, die euch als ihren lebendigen Stacheldraht betrachten, eigenst dazu da, um ihre Geschäftemacherei sorglich zu beschirmen, und nicht etwa schreien, wenn _ihr_ einmal verliert, sondern nur, wenn _sie_ dabei verlieren. Diesem rührend gemeinen Indentaghineinleben steht euer Indentaghineinsterben gegenüber. Du aber sollst unberührt durch beides hindurchschreiten in den kommenden Tag. Dafür bete ich, so gut ich das versteh’.

»Weißt Du, Freund Martin, ich betracht’s doch schon halt als ein Glück, daß Du aus der Hofluft herausbist. Ich hab’ zwar den Hofknix ein gut Dutzendmal versucht, aber das Niederducken liegt mir nicht so als das Hinauflangen, und so will ich Dir lieber zur Begrüßung um den Hals fallen, wenn Du heimkommst, ob’s schicklich ist oder nicht.

»Mutter Christianes Regiment auf dem fernen Opterberghof ist wohltuend für Mensch und Tier. Die Leute sagen: sie hat eine glückliche Hand. Aber nein, das ist es nicht. Sie hat den klaren und heiteren Geist, der das Mögliche sieht und mit voller Liebeskraft erfaßt, statt über den eigenen Schatten springen zu wollen. Das gibt ihr dies wunderbare Gefühl der Zulänglichkeit für diese Welt und die Erlaubnis, das Leben trotz allem immer noch schöner zu finden als das Sterben. Sie hat mich Jahre lang in die Schule genommen, und dazumal ließ mich mein höchster Mädchenehrgeiz wünschen: ich möcht’ Martin Opterbergs Mutter sein.

»Die Attermanns sind ein wenig heruntergearbeitet, aber es macht ihnen nichts aus. Der Christoph ist zwar nicht mehr felddienstfähig geworden nach dem schweren Schuß, aber auf der Werft steht er seinen Mann für zehn, und Du wirst Deine Freude haben, zu sehen, wie sein unermüdlich fleißiges und unermüdlich gütiges Wesen erstarkend auf Meister und Arbeiter wirkt. Ich hab’ nun wieder Kleider angelegt und bin die Werftkanzlei. Schwester Therese sehen wir nur am Abend. Sie bringt dem Vaterland das Opfer ihrer ganzen Person, indem sie ihm aus den blutigen Opfern des Krieges neue Söhne rettet. Die Laute hat sie mir überantwortet und ihre Lieblingslieder. Ich sing’ sie ihr, wenn wir zwei Schwestern zusammenhocken, und schaff’ ihr Freud’. Denn ohne die Menschenfreud’, sagt Schwester Therese, wär’ alles Leben und Streben kalt und blind, und die Menschenfreud’ macht selbst das kleinste Dasein lebenswert. So hab’ ich meinen Posten auf der Werft und daheim und werd’ nicht von ihm weichen, es komme, was da will.

»Das alles sollst Du wissen, Freund Martin, damit Du nach Deiner Mutter Art klaren und heiteren Geistes auf Deinen Platz marschierst. Du bist bei uns, und wir sind bei Dir. Da kann uns nichts geschehen. So sei gegrüßt von Deiner Freundin Linde.«

Als Martin Opterberg den Brief zum letzten Male gelesen hatte, fuhr er bei der Division vor. Der Standort seines Bataillons wurde ihm benannt. In selber Stunde noch machte er sich zu Fuß auf den Weg und traf am Abend auf seine alte Kompanie, bei der er sich als Bataillonsführer einrichtete. Hundert rissige und schwielige Hände streckten sich ihm entgegen. Er drückte sie der Reihe nach und fühlte, daß nur Liebe Liebe zeugt.

Kerntruppe war’s.

Gelernte Männer und kein unreifes Volk. Schiffer, Handwerker, Meister und Gesellen. Leute vom Rheinstrom, um den es ging.

»Verdammt dicke Luft, Herr Hauptmann.«

»Deshalb hat man uns hierhergeschickt und keine Frauensleut’.«

»Das stimmt wie’s As auf der Baßgeig’.« -- --

Martin Opterberg stand auf seinem Posten. Nie vergaß er den Tag und die Stunde des über die Erdenmasse nach den Wolken langenden Angriffbeginns. Totenstille -- lähmend -- hirnzerpressend. Das Springen des Sekundenzeigers. Und auf den nächsten Sprung hin wie die losgelassene Hölle -- das Gebrüll von dreitausend deutschen Geschützen, kreischend, fauchend, johlend und rasend, Luft und Leben zerreißend und verschlingend.

»Antreten! Antreten! Zum Sturmangriff!«

Einen Alb stießen die Männer von der Brust. Ein Stöhnen ging durch die Reihen. Erlösung …

Und wieder hatte die Zeit die Atemlosigkeit des Vormarsches. Atemloser noch. Überstürzender. Alles Denken verwischend. Die Stellung des Feindes! Nehmen -- nehmen um jeden Preis! Liegt schon hinter uns. Was jetzt? Die nächste! Und wiederum die nächste! Haben wir … haben wir. Da setzt sich der Feind! Minenwerfer vor! Ein paar Tonnen Eisen in die Grabennester! Hei, das spritzt! Jagt ihn -- jagt ihn! … Der Atem langt nicht mehr … Er langt!!

Und er langte durch die Tage, durch die Wochen. Er langte für das wütende Drauflos, für das schäumende Ringen, für das blutige Siegen. Er langte noch für den kurzen, bleiernen Schlaf in den Schlammfeldern und Granatlöchern. Er langte für das stürmende Vorwärts -- für das langsame Rückwärts langte er nicht mehr.

Zurück! Wechselndes Schlachtenglück! Eine neue eiserne Linie ziehen … Neue Kräfte sammeln …

Neue Kräfte! Zum Teufel waren die alten. Eine neue eiserne Linie! Das ging nun schon vier Jahre fast so.

Finster und keuchend schoben sich die Heeressäulen über das wüste Siegergebiet zurück. Kein Halm, kein Haus. Grinsende Trümmerleere. Flüche knarrten. Verwünschungen. Spottreden sprangen auf und liefen wie giftige Lauge.

»Schämt euch Kerls -- Cohns Aktien fallen.«

»Nehmt Rücksicht auf Schiebers -- das Pack sitzt in der Sommerfrische.«

»Die Regierung ist laufen gegangen -- da sollen _wir_ nicht?«

»Die Juden verkaufen uns mit Haut und Haar!«

»Nicht die Juden: die Junker! Sie fürchten sich.«

»Ob Jud’ oder Junker -- wartet, wenn wir heimkommen!«

Und die Gegenwogen der Feinde stürmten heran. Amerikas frischgesandtes Millionenheer an der Spitze. Kehrt, und die Wogen aufgefangen! Und die abgehetzten, ausgemergelten Truppen ließen Hader und Spott, wurden noch einmal zu Helden, warfen ihre hageren Körper den vollsaftigen, kraftgenährten Burschen entgegen, flackernden Auges, Schaum vor dem Mund.

»Laßt sie nicht durch! Sie wollen an den Rhein! Hört ihr’s -- an den Rhein! Hund -- du oder ich!«

Schon war das Etappengebiet Kampfgebiet. »Wo bleibt die Verpflegung? Wo sind die Fettwämse? Ausgekratzt ist die Bande! Sie sagt, sie kann’s Schießen nicht hören! Aber mit dem Maulwerk klappern kann sie, wenn’s eine Schweinerei auszuhecken gibt. Die Vaterlandsverteidiger, die!«

Irgendwoher schrie eine Stimme: »Recht haben sie! Macht’s ihnen nach und rettet eure Knochen! Zu Haus ist nötiger, dreinzuschlagen, als hier!« Und ein Brausen ging durch das Heer wie kämpfende Fluten.

Und das Brausen wurde zum Wirbelwind, als die Kunde von Waffenstillstandsverhandlungen durch die Reihen flog. »Jeder Schuß Pulver ist umsonst! Es geht zu End’! Wer sich noch einer Kugel aussetzen wollt’, müßt’ verrückt im Kopfe sein!«

Da griffen die Franzosen in Massen an. Da kühlten sie ihr Mütchen an den hirnlos Gewordenen, von denen sie vier Jahre lang in hundert Stürmen und Schlachten zusammengehauen worden waren. Da warfen ganze Bataillone, ganze Regimenter die Waffen zu Boden und gingen über, ließen sich wie Herden aus der Schlacht in die Gefangenschaft führen. Leben, leben, leben …

Martin Opterberg stand mit seinem Bataillon in der kämpfenden Nachhut. Er war mit ihm zu einem wildfeuernden Artillerieregiment geraten. In seinem pulverschwarzen Gesicht glühten die Augen wie Flammen. Mit heiserer Stimme schrie er über den Lärm.

»Schließt euch zusammen, Pioniere! Das wär’ der erste Pionier, der überlief’! Gebt’s ihnen, Leute! Auch der Franzmann hat nur ein Leben! Zur Hilfe den Braven von der Artillerie!«

Und mit keuchender Brust, mit verbrannten Händen halfen die Pioniere den zusammengeschossenen Artilleristen laden und feuern, laden und feuern -- bis die Nacht kam und sie die Geschütze zurückziehen konnten.

Der Herbst war in den Winter umgeschlagen. Im Novembersturm brach das kaiserliche Deutschland über der Wurzel ab. Das Volk hatte die Regierung in die Hand genommen, und der Kaiser war auf Drängen der ratgebenden Generale über die nahe Grenze nach Holland gefahren. ›Armer Verlassener‹, dachte Martin Opterberg, als die Kunde der sich überstürzenden Geschehnisse verzerrt und begeifert durch die Heerestrümmer lief, ›deine Generale kennen die Seele des Kriegs, aber nicht die Volksseele. Nun erst bist du ganz verlassen …‹

Unter der Peitsche der Waffenstillstandsbedingungen wälzte sich das Heer dem Rheine zu. Angstgejagt, nicht rechtzeitig mehr über den Strom zu gelangen, in die Freiheit, in die Heimat. Nur die Kampftruppen, die Nachhut, folgten langsam.

Am 10. Dezember des Jahres 1918 setzte Martin Opterberg mit dem Rest seiner Pioniere als die Letzten über den Rhein. Es war unterhalb Düsseldorfs.

Er sprang aus dem Kahn und stand, während die anderen Kähne landeten, mit starrem Weh in den Augen am Ufer des entheiligten Vaterlandsstromes. Die Seinen scharten sich um ihn. Es war ein Abschied.

Ein Trupp jugendlicher Burschen aus der Fabrikgegend stob heran. Sie schrien und fuchtelten mit den Armen.

»Die Kokarden von den Mützen! Die Waffen her! Wird’s bald?«

Das war der Heimatgruß.

Ein langer, angetrunkener Bursch sprang den Hauptmann an und griff in seine Achselstücke.

»Herunter mit den Herrenzeichen! Willst du wohl klein werden, du Leuteschinder?«

Martin Opterberg hatte sich von seiner Überraschung erholt. Er hob die Faust und schlug sie dem Angreifer zwischen die Augen, daß er taumelte und sich erbrach. »Reibt ihnen den Hintern mit Pulver ein, sie haben mit dem Gesicht noch keins gerochen!« wüteten die Heimkehrer, schlugen mit den Ruderstangen drein und jagten die Grußbringer in alle Himmelsrichtungen.

»Nun schleicht euch heim, ihr treuen, tapferen Männer, schleicht euch in die Heimat hinein, die todkrank ist,« sagte Martin Opterberg und schüttelte immer wieder die rissigen, borkigen Hände. »Wir sehen uns wieder. Wir sind nicht nur mit dem Mund und im billigen Sonnenschein Kameraden gewesen. Wir gehören fürs Leben zusammen. Eure Wohnorte weiß ich, und ihr wißt den meinen. Grüßt Frau und Kinder von dem Mann, der keinen Dank an euch für groß genug hält.«

Drei Hurras schrien die heiseren Kehlen für ihren Hauptmann in die rheinischen Dezembernebel …

Im Fußmarsch erreichte Martin Opterberg in später Nacht seinen Wohnort. Schmutzbedeckt, in altem, zerrissenem Soldatenmantel, den Schirm der Mütze in das hagere Gesicht gezogen. Wie ein Nachtwandler ging er an dem eigenen Hause vorüber, das mit geschlossenen Läden im Dunkel lag, und gelangte zum Hause der Attermanns. In einem Zimmer brannte noch ein Licht. Er drückte auf den Knopf der Klingelleitung und sah, wie nach Sekundenstille jäh das Licht im Treppenhaus aufflammte. Dann wurde die Türe aufgerissen, und er schwankte ins Haus.

»Da bin ich, Linde Baumgart.«

Sie stand vor dem Müden, Schmutzbedeckten, in einem weißen Gewand, das sie in der Hast übergeworfen hatte, und alles an ihr atmete die frische Reinheit, die Gesundheit und Schönheit des jugendlichen Weibes.

Jetzt aber schaute sie ihn entgeistert an.

Und er starrte sie an wie eine Erscheinung aus fernen Erinnerungswelten.

Ein Funke sprang in seinem Auge auf, wie im Auge Hungernder und Dürstender, die eine Schale voller Früchte sehen. »Da bin ich, Linde Baumgart,« wiederholte er, trat auf sie zu, griff mit den Händen in ihre Schultern, riß ihren Leib an sich und bedeckte ihr Gesicht mit seinen wilden Küssen. Die Glieder schmerzten sie unter seinem harten Griff.

»Gib mir die Arme frei,« bat sie atemlos.

»Wozu die Arme?«

»Damit ich sie dir um den Hals legen kann, wie ich es dir versprochen hab’. So -- so -- so … Nun sei ganz ruhig, Martin Opterberg.«

Ein Aufschluchzen kam von der Treppenstiege. Dort stand Therese Attermann, und Christoph Attermann führte sie mit feuchten Augen dem Heimgekehrten zu.

»Zwei Schwestern heißen dich zur Nacht willkommen, Martin, und ein Bruder. Glücks genug im neuen Deutschland.«

13

Zwei Tage und zwei Nächte hatte Martin Opterberg in tiefer Erschöpfung gelegen. Ein paarmal war er aufgefahren, mitten aus seinem bleiernen Schlaf heraus, hatte wirren Auges um sich getastet, das weiche Bett gefühlt und an seinem Körper das linnene Hemd, und sich vergebens zu besinnen versucht. Wo lag er mit seinen todmüden Leuten? In Nordfrankreich? Dort kam man nicht in die Betten. In Belgien irgendwo? Sie hatten die aufgeregten Städte umgehen müssen und auf den Feldern rings um die Lagerfeuer gelegen. Also wohl gar auf deutschem Boden schon, in der Eifel? Aber in der Eifel trugen er und seine Pioniere längst kein Hemd mehr auf dem Leib. Das trugen sie längst schon in seinen letzten Fetzen um die wunden Füße gewickelt. Er lallte die Namen seiner Vertrautesten und horchte stumpf auf Antwort. Er starrte mit schlafschweren Augen nach den verhängten Fenstern. In seinem müden Hirn tauchte ein Bild auf: eine Mädchengestalt -- so weiß, so leuchtend an Gliedern und Gewand. Ja, doch, das hatte den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht, daß es noch solch eine blitzblanke Sauberkeit an Menschen und Dingen gab. Und einmal -- einmal hatte er ein Mädchen in weiß gekannt, das schmiegte die Wange verträumt an den Lautenhals und sang: ›Du bist die Ruh -- der Friede mild …!‹ -- Therese! -- Nein, nein, Therese war weinend hinzugetreten, und Christoph hatte sie an der Hand geführt. So war’s -- so war’s … Er lag im Attermannschen Hause. Er hatte Wein getrunken und sich gesättigt, hatte ein heißes Bad genommen und sich in ein schneeweiß Hemd gehüllt, in ein schneeweiß Bett gelegt. Schlafen … schlafen … schlafen -- --

Wieder wachte er auf, und eine sanfte Frauenhand stützte seinen Kopf, eine sanfte Frauenhand gab ihm aus einer Tasse starke Fleischbrühe zu trinken. Dann hatte er sich wieder in die Kissen gekuschelt wie als Bub auf dem Opterberghof, wenn es noch nicht ganz die Aufstehenszeit war zum Abmarsch in die Schule. Und beim nächsten kurzen Erwachen hatte es sich wiederholt: die Frauenhand, der stärkende Trunk, das wohlige Hinüberschlummern.

Jetzt aber stand er auf den Beinen, schüttelte die letzte lässige Müdigkeit von sich und zog die Fenstervorhänge beiseite. Draußen flockte ein weicher Schnee in der Luft. ›Adventsschnee‹, dachte er, und es rieselte ihm wie heimatliche Erinnerungen durch die Seele. Er öffnete einen Spalt weit die Fenster, daß die reine Winterluft einströmen konnte.

»Guten Morgen, Martin. Schon ausgeschlafen?«

»Schon?« wiederholte er und reichte dem eintretenden Freunde die Hand. »Es ist neun Uhr.«

Christoph Attermann beklopfte die Hand, als wäre es eine kleine Knabenhand, und schmunzelte behaglich.

»Aber es liegen zwei Tage und zwei Nächte dazwischen, alter Kamerad, denn die erste zählt nicht, weil wir dich erst gegen den Morgen hin zu Bett geschafft hatten.«

»Alle guten Geister! Ist das die Wahrheit?«

Christoph Attermann lachte über das ganze Gesicht.

»Darum hatt’ ich gedacht, du wolltest den Schlaf gleich bis zum Weihnachtsfest ausdehnen, und wunderte mich baß, als ich dich hier oben herumhantieren hört’. Weißt du, Martin, das Theresel war schon zur künstlichen Ernährung übergegangen. Ihretwegen hätt’st du die vierzehn Tag’ bis zum Fest ruhig durchschlafen können.«

»Das war also die Therese …? Ich komm’ doch mein Lebtag nicht aus ihrer Kur heraus. Aber jetzt möcht’ ich einen ganz anderen Kollegen vom Theresel sehen, Christoph, den Bartscherer. Ich schau’ aus wie unsere Vorfahren, als sie noch auf den Bäumen saßen und mit Kokosnüssen warfen.«

»Ich hab’ die ›Konkurrenz‹ schon benachrichtigen lassen. Dacht’ mir gleich, als ich hier hinaufstieg: jetzt wird der gesittete Mensch in ihm zum Durchbruch kommen, weil er Damen im Hause weiß. War bei mir nicht die Spur anders, Martinle.«

»Damen --?« fragte Martin Opterberg. »Ist die Linde gar bei euch?«

»Nun leg dich gleich wieder nieder und schlaf noch einmal aus. Busselst das Mädel ab, daß alle Farb’ herunter ist, und fragst so erstaunt, als ob’s der Buchhalter hätt’ gewesen sein können. O nein, mein Lieber, wenn die Linde auch den Buchhalter auf der Werft macht seit Jahr und Tag -- in der Nacht hast du sie für ein rechtschaffenes, sauberes Frauenzimmer genommen und sie zusammengedrückt, daß die Theres sie gleich in ärztliche Behandlung hat nehmen müssen.«

»Das tat die Freud’, Christoph.«