Deutsche Humoristen, 7. Band (von 8)
Part 7
»Geselle Jost, diese und jene Arbeit ist nicht getan; merk' auf den Lehrjungen, der feiert, weil du plauderst. Auf mein Gewerk muß ich sehen, daß meine Habe nicht schwinde. Wie sollte ich arme Witib mein Leben fristen, wenn ich nicht darüber wachte, daß alles von statten gehe und daß die Kundschaften zufrieden seien, wiederkommen, wenn sie gegangen sind, und Braun- und Weißbrot der Rebenbäckerin loben! Dabei wird die Habe gemehrt und ich darf mich sehen lassen. Wer hilfe mir sonst! Eine alleinstehende Frau muß in allem zwiefach fürsorglich sein, auf daß die Wirtschaft nicht den Krebsgang wandle. Dazu gehört aber, daß die Knechte ihren Fleiß daran legen, die Arbeit zu fördern!«
»Meisterin,« frug Jost darauf, »müßt Ihr denn immer allein stehen?«
Und sein hübsches Gesicht ward noch lebendiger als zuvor.
Rasch erwiderte sie: »Habe ich dir darüber Rechenschaft abzulegen, ob ich allein stehen mag oder nicht? Soll ich dich etwa um Rat fragen, mit wem ich zur Kirche gehen und zu wem ich mich fügen soll! Du gütiger Heiland, mit den Hauswirten hat es auch nicht lauter Trost, wie ich an meinem Herrn Mennhart erfahren habe, der noch keiner von den schlechtesten war und den Gott selig ruhen lasse! Da muß denn eine Frau vorsichtig sein und nichts übereilen!«
»Meisterin, wenn aber einer käme, der das Handwerk auf fremdem Boden schon gegrüßt hat; der zwar noch kein Altgeselle, aber es bald werden kann; leidlich jung und frisch, aus ehrsamem einheimischem Hause, dessen Vater ein gut Stück Geld in seine Hände zu legen vermöchte, um die Wirtschaft zu mehren; einer, der Euch holden Mut trägt: was würdet Ihr einem solchen zur Antwort geben?«
Da lachte sie hell auf und sprach: »Das weiß ich nicht. Müßte mir ihn wohl eher genau ansehen.«
»Und dann --?«
»Dann möchte ich sagen: Kommt morgen wieder!«
»Und wenn er morgen wiederkäme?«
»Dann wollte ich ihm sagen: Kommt so lange morgen, bis ich Euch sage: Morgen ist heute.«
»Das will ich mir merken,« sagte Jost Seydlin mit zarter Stimme.
Sie aber sprach mit köstlich hellem Lachen: »Geh', geh', Geselle. An die Arbeit. In die Backstube! Da magst du dich erkühlen. Das sei dein Lohn, weil du so mit mir redest.«
Und Jost Seydlin ging von dannen und war rot vor Freude, weil das Auge der Frau ihm zugeglänzt hatte. Er verstand sich auch darunter alles Gute und war mit sich zufrieden. Er dachte sich: »Du bist auf fremder Erde gewandert, Jost, und dir ward sauer und süß bekannt; warum sollst du nicht darauf denken, dir den eigenen Hausstand zu gründen mit einer Frau, deren junger, stolzer Leib noch wie magdlich blüht? Das laß dir gesagt sein, Jost.«
Und er machte einen Freudensprung, als er in die Backstube trat. Dort lag ihm ob zu schaffen, wie es einem ehrlichen Gesellen in seinem Gewerke geziemte: das Brot nach gutem Gewichte kräftig und nahrsam reifen zu lassen, denn der Altgeselle Heinrich war diesmal abwesend und in die Mühle nach Leuzendorf gegangen; weshalb Jost zu allem sehen, überall Hand anlegen und alles überwachen mußte. Dabei war sein Sinnen so wohlgemut und wonnesam in die Zukunft gerichtet, daß er seines Werkes zur Stunde weniger sorglich achtete, als es sonst geschehen wäre.
Das wurde denn am nächsten Tage in unerfreulicher Weise ruchbar. Denn als an einem Wochenmarkttage standen auf dem Platze vor der städtischen Schranne die Bäcker in den Brotbänken und hielten feil. Auch Frau Walburga waltete mit dem Lehrjungen Cyprian, der ihr zur Hand ging, ihres Gewerkes und des Verkaufes.
Der Brotschreiber, Meister Niclas, kam und prüfte das Gewicht alles ausgestellten Gebäckes nach Satzung auf der Wage und tat auch so mit dem Brote der Rebenbäckerin. Da zog er seine Brauen plötzlich empor; er nahm einen zweiten Laib und fand das nämliche wie vorher; er nahm einen dritten Laib und das Ergebnis blieb das gleiche, worauf er verkündete:
»Nach Inhaltung und Ordnung der Brottafel allhiesiger Stadt Graz wird das Gewicht eures Brotes, Frau Walburga Mennhartin, als ungenügend und zu gering befunden; denn es fehlen satzungsgemäße sieben Lot auf das Pfund; weshalb erstlich der Preis von vier Pfennigen auf die Hälfte herabzusetzen ist und Ihr, Frau Walburga Mennhartin, sodann der herkömmlichen Buße verfallen seid.«
Damit ging er und die Rebenbäckerin blieb bestürzt zurück. Ihr war der Markt verdorben und sie dachte, daß sie entgelten müsse, was Spruch und Forderung der Altmänner von ihr heischen würden. Da litt es sie nicht länger zu verweilen, sie verließ den Markt und ging in das Haus des Zunftmeisters, Adam Grasweins. Dieser hatte schon durch den Brotschreiber von dem Ereignis vernommen und mochte gerne ein strenges Antlitz zeigen, jedoch gelang ihm dies der jungen Rebenbäckerin gegenüber nicht gänzlich, als er sie bestürzt in die Stube treten sah. So sprach er denn freundlich:
»Ei, Frau Walburga, Ihr bringt mir böse Mär. Wahrlich, Ihr habt Euch nicht guter Dinge beflissen, als Ihr Euer Brot mit unechtem Gewichte zu Markte brachtet. Da müßt Ihr Buße leisten, wie es die Satzung heischt. Und ist es mir leid, weil es Euch betrifft, eine junge, ehrsame Witib, so vermag ich Euch doch nicht zu helfen. Setzt Euch hieher, liebe Frau!«
Und sie erwiderte: »Meister Graswein, ich habe bisher immer mein Gewerk in Ehren geführt und noch weiß ich nicht, welch böser Zufall dies zuwege gebracht hat, einen meiner Knechte also zu betören, daß er des rechten Maßes und Gewichtes vergessen hat. Nun sagt mir, was soll die Sühne sein?«
»Die Sühne, Frau Walburga! Ei, Ihr müßt ein Bad in der Mur nehmen, weil Ihr so hübsch seid.«
»Ach, Herr Vater, wollt Ihr grobe Wolle spinnen?«
»Mit nichten, Fraue. Mit Euch wäre nur klare Seide zu spinnen. Doch bin ich alt und nicht ledigen Standes; es kommt mir denn nicht mehr zu, um Euch zu freien, was ich wohl noch täte, wenn es anders wäre. Doch der Spruch, der die Sühne bestimmt, lautet: Welcher immer aus der Bäckerinnung Brot mit unrechtem Gewichte in die Bänke bringt, der soll gebüßt werden damit, daß sein Leib in das Wasser der Mur getaucht werde einmalig, ohne daß es ihm weiter zum Schaden gereiche. -- Das ist altes Recht, und niemand wird vermögen, Euch davon zu lösen. Nun, werdet nicht herb, liebe Fraue! Ihr wählt Euch einen Stellvertreter, einen Mann, der die Sühne auf sich nimmt, einen Eurer Knechte, der mit seinem Leibe für Euch einsteht. Dann ist es wohl Zeit, daß Ihr ihm den Dienst lohnet, wer es immer sei. Denn er hat auf sich genommen, was nur Euer eigener Hauswirt, wenn er noch lebte, um Recht erduldet hätte. Ist Euch ein solcher Geselle ansonst mit guten Sitten zu Gesichte gestanden und ist er für die Meisterschaft reif, so mögt Ihr ihm wohl Holdes gönnen und mit ihm in gegebener Zeit zur Kirche gehen. Denn seht, die Altmänner rügen es schon lange, daß noch immer um Euretwillen ein Sitz an der Zunftlade leer steht, weil Ihr bis nun Euch kein neues Ehehaupt gewählt habt und keinen Mann, der Euch Meister sei, mit dem Ihr auch Euer Leben in Ehren sänftlich vertreiben könntet. Und so Ihr jemandem Gunst erweisen wolltet, lieblich als es Frauenart ist, das würde Euch von jedem guten Manne freudiglich gedankt werden. Habt Ihr doch zwei Gesellen aus ehrsamen Bürgerhäusern in Eurem Gewerke, die auch Vaterserbe zu erwarten haben: der eine aus Leibnitz, der andere aus Eibiswald; wer von diesen beiden die Sühne auf sich nimmt, der hat Eure Sache vertreten, und sein Haupt hat für Euren Leib gegolten. Darum, liebe Tochter, tu' dich deiner Sorgen ab und gib der Satzung und der Ehe ihren Lauf.«
Also tröstete sie Meister Graswein, und sie schied von ihm sinnend und ging in ihr Haus.
Dort kam ihr Jost mit der Miene eines armen Sünders entgegen. Als sie seiner ansichtig wurde, sprach sie zornig:
»Was hast du mir angetan, böser Knecht? Ei, fürwahr, du hast gestern zuviel des süßen Weines getrunken, und da ist dir ein solcher Rauch und Nebel davon erwachsen, daß du Maß und Gewicht nicht mehr unterscheiden konntest.«
»Besänftigt Euer Gemüt, Meisterin,« erwiderte Jost demütig. »Ich weiß von keinem andern süßen Weine, als daß ich Euch zu tief in die hellen Augen geblickt habe, und davon ist mir allerdings eine solche Wirrnis im Haupte erwachsen, daß ich des rechten Gewichtes verfehlt habe. Auch hat vielleicht die Katze am Backtroge gerochen, was alleweil Unheil bringt, wie Ihr wißt, obgleich ich dem Lehrjungen Cyprian aufgetragen, der Katzenwache zu pflegen.«
»Schweig mir davon, böser Schalk, und rede dich nicht auf die Katze aus. Was du getan hast, das ist mir zum Schaden geschehen. Und soll ich etwa schuld sein, daß du keine Augen im Kopfe hast?«
»Meisterin, eben weil ich Augen im Kopfe habe, die von Eurer Holdseligkeit zu sehr erfüllt wurden, habe ich nicht klar gesehen.«
»Höre, Geselle! dieses Werkes, mich unnützerweile anzublicken, sollst du ledig stehen und dich deiner redlichen Arbeit annehmen. Ach, ich armes Weib, nun soll ich ihn gar verblendet haben, daß er Übles schaffe!«
»Nein, Meisterin, Ihr könnt nur zu gutem Schaffen anregen.«
»Schweig still und bring mich nicht noch mehr auf! Deine sanfte Rede achte ich keine Bohne wert, wenn du kein getreuer Knecht bist, der für die Ehre der Wirtschaft sorgt. Was soll nun daraus werden? Kennst du die Sühne, die auf unrechtes Brotgewicht steht?«
»Ich kenne sie, Meisterin; es ist die Bäckerschupfe. Doch nehme ich die Strafe willig auf mich und gehe für Euch gerne ins Wasser, der ich für Euch lieber durchs Feuer ginge. Was ist auch in dieser Sommerzeit schlimmes um ein Bad in der Mur? ich lasse mich gerne da hineinschnellen, und lachen die Leute, so lache ich mit. Weiß ich doch, daß Euch damit alles wieder ins gleiche gebracht wird, was durch dieses mein leidiges Versehen verschuldet wurde.«
»So? Du willst die Strafe für mich auf deinen Leib nehmen?«
»Das ist mir eben und recht, Meisterin.«
»Das mag nicht sein, Jost. Du könntest dich im Wasser erkälten, denn du bist ein überaus zierlicher Geselle. Mir wäre leid um dich. Das muß Heinrich Harer, der Altgeselle, tun, nicht du.«
»Aber, Meisterin, wenn ich mich der Sühne mit Herzenslust unterwinde um Euretwillen und um meines eigenen Fehles willen, was habt Ihr dawider? Ich bitte Euch, so Ihr mir Gunst erweisen wollt, einem, der Euch immerdar getreulich zu dienen hofft, -- so laßt mich tun, wie ich gesagt habe.«
»Nein, das mag nicht sein, Jost. Um dich wär' mir bange, daß du dich zu rasch erkühlen könntest. Heinrich ist härter als du, und mag sich dem billig unterwerfen. Laß es dir gesagt sein und widerrede mir in nichts, soll ich dir fürder gut sein.«
Und ihre hellen Augen lachten ihn an, ob freundlich, ob spöttisch, daß wußte er nicht zu deuten; doch war er zufrieden mit sich.
Sie aber dachte: »Wer gibt mir einen gesunden Rat, wie ich Heinrich Harer dazu gewinnen möchte, daß er mir gehorsam sei?«
Und als dieser aus der Mühle heimkam, rief sie ihn freundlich in ihre Stube und hieß ihn, sich nahe zu ihr setzen, weil sie um eine wichtige Sache mit ihm Rat zu pflegen hätte. Sie teilte ihm zuvor das Ereignis haarklein mit, um zu sehen, wie er sich dazu verhalten würde.
Heinrich sprach: »Das ist uns ein Schade und ein Spott. Wie konnte sich Jost also vergessen? Was hat ihm so kläglich den Sinn verwirrt?«
»Was ihm den Sinn verwirrt hat, Heinrich, wie soll ich das wissen? Doch ist geschehen, was nicht zu ändern ist. Aber wenn du mir hilfst, so habe ich nimmer Sorge um mein Leben. Du sollst dich für mein Haus und Gewerke der Sühne unterziehen, und alles wird wieder eben sein wie vorher.«
»Ich? Was sagt Ihr? Das soll Jost tun. Wer kann mich des verübten Fehlers zeihen?«
»Niemand. Aber wenn du die Strafe um meinetwillen auf dich nimmst, so bist du mein Stellvertreter und gibst mir in meiner Bekümmernis ganze Freude, Heinrich.«
»Meisterin, wie könnt Ihr verlangen, daß ich ins Wasser geschnellt werde um etwas, was ich nicht begangen habe, und daß ich dann in törichter Weise umhergehen soll? Das wäre mir leid.«
»Heinrich, mir liegt es am Herzen, daß ich kein Leid an dir sehe; aber auch du sollst mich aus meiner Kümmernis erretten und mein Gewerk wieder frei machen dadurch, daß du dich fügest. Laß dich den Spott der Leute geringe achten; du bleibst nach wie vorher ehrlich und hast meinen Dank gewonnen.«
»Nein, Meisterin.«
Da seufzte sie und sprach:
»Ach, ich armes Weib, wie freundlos und verlassen stehe ich in der Welt, und niemand nimmt sich meiner an.«
Und eine Träne blinkte in ihrem Auge.
Da ward Heinrich bewegt und sagte:
»Meisterin, Ihr tut mir unrecht!«
»Nein; da hast du meine Hand, ich will nichts von dir begehren, was dir unmöglich dünkt zu erfüllen.«
Sie reichte ihm die Hand, die sie lind in die seine schmiegte, und in ihrem blauen Auge blinkte noch immer die Träne, als sie sich bekümmert gegen ihn neigte, und er vermeinte das warme Blut ihres jungen Leibes gegen sich rauschen zu hören; doch war es nur sein eigener Herzschlag, der rascher ging. Und da geschah es, daß er plötzlich einen leisen, feinen Duft einatmete, der ihm überaus köstlich schien; der kam aus dem verschlossenen Kasten, in welchen Frau Walburga die Vase gestellt hatte, die Heinrich vom Meister Spittler, dem Deutschherren, bekommen hatte. Ohne daß er wußte woher, stieg es wie eine bezaubernde Zufriedenheit in seinem Herzen auf; sein dunkler Blick, der noch immer nach der Träne in der Meisterin Auge sah, erglänzte wärmer, und er dachte:
»Wer mag ihr widerstehen, so sie bekümmert ist und holdselig wie nie vorher! Sie wirrt mir beinahe den Sinn.«
Und er sprach: »Meisterin, sei es Torheit oder nicht: ich will tun, was Ihr mich heißet.«
Da dankte sie ihm mit Lächeln und freundlichen Worten:
»Wohlan, du treuer Knecht, du hast es um mich verdient, daß ich dich immer in Ehren halte. Nun geh an deine Arbeit! ich will es dem Meister Graswein vermelden, daß du als mein Stellvertreter die Buße auf dich nimmst.«
Heinrich ging, und als er aus dem Bereiche des jungen Weibes gekommen war, sprach er: »Du hast dich in einen törichten Handel eingelassen, Geselle; aber wer war noch nie ein Tor, so ihn ein Weib dazu machen wollte? Das hörte ich immer sagen und habe es nun an mir selber erfahren.«
Und er war wieder unzufrieden; denn das Gefäß der Zufriedenheit besaß Frau Walburga.
Sie aber ging zu Meister Graswein und teilte ihm mit, daß Heinrich Harer ihr Stellvertreter sei. Das lobte der Zunftmeister und hielt Heinrich für den rechten Mann, Haus und Ehre zu behüten, welche letztere nach vollzogener Sühne wieder hergestellt sein werde. Weil Heinrich sich mit gutem Willen ihres Dienstes bisher immer beflissen habe, so sei er es wert, Gunst von ihr zu empfangen. »Und ist er erst dein trauter Ehewirt, so wird er noch deine Habe mehren, liebe Tochter, obzwar dein Anwesen schon jetzt stattlich ist und du des guten Ackers vor dem Tore und des Weingartens am Rosenberge nicht entbehrst, wie ich weiß. Das sei dir auch herzlich gegönnt, daß du dich wieder mit einem guten Meister deines Lebens freuen magst, denn dir jungem Weibe ziemt solches gar lieblich, wenn auch deine Wange noch mehr erröten wird, als wie jetzt, da ich dieses in Ehren sage.«
»Aber, Vater Graswein,« sprach sie, »wie denkt Ihr gleich so vieles! Behüte mich Gott, daß ich etwas übereilen sollte, was noch lange nicht so nötig ist, als Ihr meint. Habe ich gesagt, daß mein Knecht Heinrich mir so zu Gesichte steht, daß ich nicht an ihm vorbeiblicken könnte? Ach, da müßte ich verunehrt sein, und mein guter Ruf wäre geschmälert! Das sollt Ihr nicht denken, Meister Graswein.«
»Nun, nun, Tochter!« begütigte er sie; »das wird sich alles zur Zeit fügen, und ich gedenke bald fröhlich zu sein, nämlich, wenn du Hochzeit hältst.«
»Das wird noch lange nicht sein,« sagte sie und lächelte dem Altmanne freundlich zu, der ihr auch bedeutungsvoll zunickte, und so schieden sie.
Heinrich aber wartete mißmutig auf den Tag, der ihm von den Zunftältesten, die zur Frist Morgensprache an der Lade hielten, mit Spruch und Forderung bestimmt wurde, für die Verletzung der Brottafel in herkömmlicher Weise zu büßen. Es war der St. Jakobstag, und zwar zur Zeit des Sonnenunterganges, da die Bäckerknechte, die an ihm das Urteil vollstrecken sollten, Feierabend hatten.
Zur bestimmten Zeit bewegte sich denn der Zug mit dem armen Sünder in der Mitte, von einem großen Haufen Volkes geleitet, vom Zunfthause im Sacke aus durch das innere und äußere Murtor bis zur Brücke und schwenkte nach rechts in den Wehrgang ab, der zwischen Strom und Ringmauer lag. Dort war der Schneller errichtet, in dessen Korb sich herkömmlicherweise der notdürftig bekleidete Büßer setzen mußte, um in die Mur geschnellt zu werden. Dann wartete seiner ein Nachen im Wasser, um ihn herauszufischen; und darauf kam der allerspöttlichste Schluß der peinlichen Handlung, indem der getauchte Sünder durch die Gasse der johlenden Volksmenge heimrennen mußte, um sich zu trocknen.
In solcher Weise begann denn auch jetzt das Schauspiel und nahm seinen Verlauf.
Heinrich setzte sich in den Korb, versuchte zu lächeln und blickte finster. Die Stange des Schnellers stand schräg über den Strom geneigt; die Seile, welche in den Rollen gingen, wurden angezogen und der Büßer schwebte hinan; dann ließen die Knechte die Seile plötzlich fahren und der Korb mit dem Insassen wurde dermaßen in die Flut geschnellt, daß die Woge darüber hinwegrauschte und kein Haar am Kopfe des Büßers sichtbar blieb.
Alsogleich begannen sie den Korb wieder emporzuwinden, der Nachen war bereit, um den Getauchten aufzunehmen; aber da war das Unerhörte geschehen: ein Schrei des Staunens und des Entsetzens erhob sich, denn der Korb war leer. Hatte der Darinsitzende sich nicht an den beiden Henkeln festgehalten, oder geschah es durch andere Ursache, genug, die Woge hatte ihn mitgerissen, er war fortgespült worden: Heinrich Harer war verschwunden.
Die Sonne war hinter dem Frauenkogel untergegangen, der Strom floß halb im Dämmer, halb im Lichte des Abends dahin, und wie auch alle spähen mochten, kein menschlicher Leib war fernab in der Flut zu erblicken. Ausrufe des Bedauerns und der Klage erhoben sich laut und lauter: »Er ist tot! er ist dahin, der wackere Heinrich ist verschwunden. Die Mur trägt seinen toten Leib nach Wildon hinab!« Nur einige besonnene Männer meinten, daß Heinrich unter dem Wasser davongeschwommen sei.
Dieses glaubte auch Jost Seydlin, dem es bekannt war, daß sein Geselle trefflich schwimmen und auch eine beträchtliche Strecke unter dem Wasser den Atem an sich halten konnte, wie er es gesehen hatte, wenn jener in Leuzendorf an der Mühle zu baden pflegte. Freilich schien ihm die Sache nicht geheuer, denn er dachte: Heinrich ist stark, aber die Mur ist doch stärker; und da er sich die Schuld an dem ganzen Ereignis zumessen mußte, so ward sein Herz bedrückt. Doch entschlug er sich wieder bald der Sorge, indem er allen, die umherstanden, sagte: »Sorgt nicht! Heinrich, der kühne Geselle, geht nicht unter. Das hat er mit freiem Willen getan, um nicht gebadet wie eine Maus unter dem Spotte des Volkes heimrennen zu müssen. Das glaubt mir!«
In gleicher Weise suchte Jost Frau Walburga zu beruhigen, die tödlich erschrocken war, als sie zu Hause das Ereignis vernommen hatte, und zunächst in Klagen ausbrach, dann Jost des ganzen Handels zu beschuldigen anfing, so daß er zerknirscht von dannen schlich, jedoch zwischen den Zähnen immer noch murmelte: »Ich verwette meinen Kopf, daß Heinrich heil davongekommen ist.«
Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, die Bürger der Stadt hatten den Fall sattsam besprochen und dann ihre Haustüren geschlossen und sich zur Ruhe begeben. Frau Walburga jedoch konnte keinen Schlaf finden; sie saß einsam in ihrer Stube und klagte und rang mit Angst und Hoffnung. Es war dunkel um sie; kaum sandte von außen der halbe Mond etwas Licht herein, der gegen Westen am Himmel stand, und dunkel war ihr Herz und kaum von halber Hoffnung durchleuchtet.
Sie dachte: »Seh' ich Heinrich noch einmal in meinem Leben wieder, so will ich ihm alles Gute, was ich vermag, erweisen, ich armes Weib! Ist es aber, daß er gestorben ist, dann will ich keine Freude mehr im Leben haben. Hilf mir, heilige Walburga, mit deiner Fürsprache, und ich will dein Andenken mit zwei der schönsten Wachskerzen minnen, die Meister Sebald, der Lebzelter, in seinem Laden hat! Auch will ich an der Kirchtüre den Armen durch drei Wochen teilen, so viel ihrer dort stehen, das gelobe ich dir!«
Da tönte ein leiser Laut durch die dunkle Stube: »Frau Walburga!«
Sie schrak zusammen, so daß ihr Busen sich ungestüm hob und senkte, und sie lauschte ängstlich.
Deutlich vernahm sie noch einmal den Ruf: »Frau Walburga!« und er tönte vom Fenster her.
Sie raffte sich auf und schritt hoffend und zagend dahin und siehe! draußen schmiegte sich ein Antlitz ans Gitter, und zwischen den Blumenstöcken hindurch erkannte sie im Dämmerlichte der Nacht Heinrich, der an dem Weinrebenstocke an der Giebelseite des Hauses emporgeklettert war und sie mit Namen anrief.
Sie frug ihn mit unterdrücktem Jauchzen freudiglich: »Heinrich, bist du es?«
»Ich bin's,« flüsterte er, »die Haustüre ist verschlossen, öffnet mir, Meisterin.«
»Warte,« flüsterte auch sie, »ich komme hinab. Ach, es sieht dich wohl niemand vor meinem Fenster?«
»Die Rebenblätter verbergen mich, Meisterin,« antwortete er.
»Laß dich wieder hinab, Heinrich, ich komme gleich.«
Sie zündete ein Lämpchen an, nahm den Hausschlüssel von der Wand und ging leise auf den Zehen die Stiege hinunter, barg das Flämmchen mit der Hand und öffnete die Türe. Er kam herein und sie verschloß wieder die Haustüre, faßte ihn bei der Hand und sprach: »Komm, daß dich niemand sehe!«
Das Gesinde schlief schon, nur aus dem hintern Gebäude, wo die Backstube lag, drang ein Lichtschein in den Hausflur und sie führte ihn hinauf in ihre Stube. Dort angelangt, stellte sie das Lämpchen auf den Tisch und sprach: »Du hast dich in dem Murwasser erkältet, Heinrich.«
Sie öffnete rasch eine Spinde und gab ihm ein Kleid, das einst Herr Mennhart getragen hatte, und gebot ihm, sich darein zu hüllen, daß er sich erwärme, während sie sich abwandte.
Heinrich tat nach ihrem Geheiße, und dann kehrte sie ihm ihr ängstliches und doch lachendes Antlitz zu und sprach: »Ach, wie hab' ich mich um dich gesorgt! Wie warst du so verwegen, dem Strom zu trauen! Doch es hat dir nicht geschadet, du lebst und bist da. Wie war ich bekümmert! Ich hätte in meinem ganzen Leben keine frohe Stunde mehr gehabt, wenn dir etwas zugestoßen wäre! Du Armer, hast mein Gebot erfüllt und nur ich wäre schuld an deinem Untergange gewesen! Aber nun ist's gut, und ich will es Gott und allen Heiligen herzinniglich danken, daß dir kein Unheil widerfahren ist. Wie hast du es nur angestellt, böser Knecht, mich so zu verwirren und auch alle Leute, die nichts mehr von dir sahen, als du ins Wasser geschnellt wurdest. Man erzählte mir's.«
»Hätte ich mich sollen dem Spott des Volkes aussetzen und nach Hause rennen? dann wäre ich zeitlebens in törichter Weise umhergegangen. Nein, ich schwamm unter dem Wasser, solange ich es vermochte, und als ich wieder auftauchte, war ich auf einer dämmerigen Stelle des Stromes angelangt, wo man mich nicht sehen konnte. Dann hab' ich mich nach links in den Stadtgraben hinein gewendet; denn ich habe gewußt, daß dort am südlichen Wehrturm ein Wasserpförtchen ist, welches in Friedenszeiten immer offen steht und durch das man leichtlich hereingelangen kann. Dort hab' ich mich nahe der Mauer so lange im Schilfe geborgen, bis die Nacht gekommen ist, daß mich niemand sehen konnte, und dann schlich ich mich behutsam hindurch und bin hierher gekommen, wie Ihr seht, Meisterin.«
»So verwegen warst du, Heinrich! Und das kalte Gebirgswasser! Wie leicht hättest du dich für dein Leben verkälten können! Und deine Hände sind noch starr und kalt; ich will sie dir mit meinen eigenen wärmen. Nein, laß nur! Du hast es um mich verdient. Doch warte, so wird es besser sein.«