Deutsche Humoristen, 7. Band (von 8)
Part 8
Sie nahm ein lindes Tuch und rieb ihm die Pulse an beiden Handgelenken eifrig; dann trocknete sie ihm die noch immer feuchten Haare an den Schläfen und richtete bald Worte des Bedauerns, bald des Vorwurfes an ihn, so daß es Heinrich warm wurde.
»Meisterin, wie sorgt Ihr so traulich um mich!« sprach er. »Mir ist unter Euren linden Händen wärmer denn je geworden, und weil ich Euch so nahe in die Augen sehe, vermeine ich schier, der lichte Mai sei gekommen, der alle Herzen zur Freude bewegt. Ihr seid mir so nahe, daß ich Euch umfassen kann, und da ist mir's, als blühte die Stube um mich her.«
»Nein, laß mich, Heinrich. Und sieh, hier am Arme bist du verwundet, du hast dich verletzt!«
»Geritzt. Das bedeutet nichts.«
»Wie du das weißt! Nein, ich habe ganz nahe eine Heilsalbe im Almer, damit will ich deines Armes pflegen.«
Sie öffnete die Tür des Kastens und nahm, wie sie meinte, das Töpfchen mit der gewünschten Salbe heraus; aber in aller Eile versah sie sich, und es war ein anderes Gefäß, was sie in der Hand hielt. Und da geschah es, daß ihr dasselbe zu Boden fiel und alsbald in Scherben zerbrach. Ein wundersamer Duft erfüllte plötzlich die Stube.
»O weh!« klagte sie, »wie habe ich fehlgegriffen! Das ist das Riechtöpfchen, welches du, Heinrich, vom Meister Spittler bekommen hast, und nicht die Heilsalbe: das liegt nun in Scherben.«
Heinrich aber ward verwirrt und dachte: »Liegt nun meine Zufriedenheit in Scherben, so muß die Fraue sie mir wiedergeben. War es mir doch vorher, als blühte die Stube um mich her. Nun blüht es in der Tat plötzlich wie von tausend Rosen; solch köstlicher Geist war in der Vase verborgen, daß davon die Stube in einen Rosengarten verwandelt ist und ich wie trunken bin.«
Dann sprach er: »Meisterin, als mir der deutsche Herr das Töpflein geschenkt hat, da pries er es als gar wundersam. Es stammt aus grauen Zeiten und ward aus dem heiligen Lande hierher getragen. Aber zum Schatze soll es erst für dich werden, Heinrich -- so seine Worte -- durch das, was ich hineingeben will, nämlich etwas Geheimes und überaus Holdes. Und solange du es besitzest, wirst du zufrieden sein. Also war meine Zufriedenheit in dieser Vase verschlossen, die ist nun verloren. Jetzt steht aber die Sache so, daß der Geist, der darin verschlossen war, mein Herz trunken gemacht hat und unzufrieden, und nur wenn Euer Herz, Meisterin, sich zu mir in Liebe gesellt, kann ich wieder zufrieden werden. Und trunken wie ich bin, vermeine ich, daß sich das Glück zu mir gewendet hat, und ich will es festhalten und nimmer verlieren.«
Da vergaß er auf alles, begann das junge Weib zu trauten und wollte um sein Mannesrecht mit ihr dingen.
Sie aber entrang sich bald ihrer Schwäche, hielt ihn fern und faltete die Hände bittend:
»Nein, Herzensheinz! das sei dir verwehrt! Ich habe dich auch lieb, aber so deine Treue mir unverloren bleiben soll, darfst du nicht deinen Willen wider Gott vollbringen. Denn ich will früh und spät der Zucht und Ehren pflegen und nur, wenn wir zueinander gebunden sind durch das Wort des Priesters in der Kirche, dann will ich dich deiner Treue genießen lassen und dir Macht über mich geben. Denn dann steht es auch in meinem Willen, daß ich dir hold sei. Bis dahin aber bin ich dir fremd, Herzensheinz, und du sollst mir gehorchen, wenn du mich lieb hast. Dann will ich dir auch dereinst als dein Eheweib freudiglich Gehorsam leisten. Nun aber sollst du gehen, weil es nicht gut ist, daß wir länger beisammen bleiben.«
»Sei es denn!« sprach er leise. »Mein Wille und meine Zufriedenheit stehen bei dir, und darf ich um dich freien und bist du mein holdseliges Weib, so will ich Zeit meines Lebens der Unzufriedenheit widersagen.«
Und also schied er von ihr.
Da hatte die weise Frau Monika und auch Meister Graswein, der Altmann, doch recht behalten. Denn eine fröhliche Hochzeit ward am St. Martinstage gefeiert, als Meister Heinrich Harer mit seinem angetrauten Weibe aus der Pfarrkirche St. Egydi mit Festgeleite nach Hause kam. Das wird ein zufriedener Mann werden, dachte sich mancher. Am Abend tanzte auch Jost Seydlin fröhlich, und als er in die Nähe der jungen Ehefrau kam, sagte er: »Heut ist morgen, nicht wahr, Meisterin?«
»Ja, heut ist morgen und das ganze Leben.«
Jost aber dachte sich: »Ist's nicht die, so wird es wohl eine andere sein, die ich bekomme,« und war mit sich zufrieden.
Fußnoten
[1] merken.
[2] niedere Beamte.
[3] freu' dich nur.
[4] sobald.
[5] still.
[6] widerwärtigen Grobian.
[7] etwa.
[8] Ihr scheint euch.
[9] Vergnügen.
[10] auch so Einer.
[11] Rucksack.
[12] Mehlspeise aus Topfen.
[13] Herumstreichen.
[14] dummer.
[15] Eichhörnchen.
[16] Eile.
[17] Vorderdeck.
[18] Schiffszimmermann.
[19] Segelkammer, hier: Vorratskammer.
[20] Kriegsdienst.
[21] Zelte aufschlagen.
[22] trocken.
[23] unterdrückt zu lachen.
[24] Weidenstämme.
[25] Rechnung.
Als 41. Band der »Hausbücherei« ist erschienen:
Schelmuffskys
wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande
von
Christian Reuter
Mit einer Einleitung von ~Dr.~ +Gottlieb Fritz+ und Bildern von +Ludwig Berwald+
= Preis gebunden 1 Mark =
Die Prachtgestalt des Helden mit seiner Renommiersucht und grotesken Erfindungsgabe kann sich ruhig neben +Falstaff sehen lassen und übertrifft an komischer Kraft den Münchhausen um ein bedeutendes+.
Eins der lustigsten Bücher der Weltliteratur
... »Das alles ist so meisterhaft und lustig aufgebaut und garantiert so totsicher einige amüsante Stunden, daß man dem netten Buche die weiteste Verbreitung wünschen kann.«
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 116: pflag → pflog ihres Gewerkes redlich und emsig {pflog}