Deutsche Humoristen, 7. Band (von 8)

Part 6

Chapter 63,856 wordsPublic domain

»Weiß schon, weiß schon,« sagte der Inspektor, »Sie kriegen schon Ihre fünf Monat.«

Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte fröhlich durch das Herzogtum Neuburg.

Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III. sah, lächelte er ihm verständnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen, ihn den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit dem Rindvieh war nicht ernst gemeint.

Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, mit dem mein Freund Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die Wintersnot hinweggeholfen hat.

Ist das nicht hart?

Wilhelm Fischer-Graz:

Die Rebenbäckerin

Die alte Poetenstadt Graz beherbergt in unsern Tagen das Dichterquartett Rosegger, +Wilhelm Fischer+, Ertl, Decsey. Fischer ist der Romantiker unter den vieren, ein feiner und bedachtsamer Sinnierer, der durch alle Jahrhunderte deutscher +Vergangenheit+ wandelt, um sich ein wenig fremd und unbehaglich an der Schwelle unserer Zeit wiederzufinden. Seine Dichtung fließt aus zwei Quellen: einer lyrischen und einer philosophischen. Beide durchdringen und vereinen sich zu einer »Poetenphilosophie«, die dem Gedanken lebendige Form und Seele gibt. So anmutvoll und innig Fischer die Dinge der Natur und des Menschenherzens zu schildern weiß, so stehen sie doch nie artistisch für sich, sondern immer unter der höheren Einsicht ihrer eigentlichen Bedeutung: »Es ist der Vorzug höherer Naturen, daß sie die Welt mit allen ihren Einzelheiten immer symbolisch sehen.« Diese Einsicht aber ist Fischers unerschütterlicher Glaube an das ursprünglich +Gute im Menschen+, ist Ehrfurcht und Andacht vor der Gottestat der Schöpfung, ist -- mit einem Romantitel Fischers zu reden -- »+die Freude am Licht+«. Ja, Licht, viel Licht ist in seinen Büchern: Licht, Wärme -- Sonne. Sie wärmen innerlich und beglücken, mögen sie nun von alten Sitten, von Kindern, Märchen oder Gedanken erzählen. Aber freilich: die Jahre des Naturalismus waren Fischers nach innen gekehrter Art nicht gewogen; erst als die Gemüter aus der Dürre des nackt Gegenständlichen wieder nach tieferer Erquickung verlangten, besann man sich auf den Grazer Stadtbibliothekar und Stadtpoeten und griff froh erstaunt nach seinen neuen und älteren Büchern als nach dem lange vermißten Labetrunk. Viele, viele Jahre hat der Dichter (der am 18. April 1849 zu Tschakathurn in Ungarn geboren wurde) darauf warten müssen.

L. Adelt.

Die Rebenbäckerin.

Frau Walburga, Meisterin ihres Hauses und eine jugendliche Witwe, war nicht ganz so schlank wie die Reben, die sich an ihrem Fenster emporrankten, aber sie war blond, rosig, rundlich und ein hübsches Weib. Sie hieß auch die Rebenbäckerin, und nahrhaftes braunes und weißes Gebäck ging aus Stube und Laden hervor, die Käufer anzulocken und die Nachbarschaft zu versorgen. Sie wohnte in der alten Stadt Graz, nahe der südlichen Ringmauer und lebte unbeengt und ungekränkt, es sei denn, daß ihr die Ermahnung der Zunftmeister, sich baldigst wieder zu verehelichen, zuweilen Sorge schuf. Jedoch erkannte sie es selber als billig und ordnungsgemäß, daß die ehrsame Bäckerinnung wieder vervollständigt werde und daß sie, Frau Walburga, sich ein Haupt und einen Meister in nicht zu ferner Zeit erwählen müsse. Zwar besaß sie einen Altgesellen, der Heinrich Harer hieß und ihres Gewerkes redlich und emsig pflog, und der ihr nicht übler dünkte als ein anderer Mann, von dem es im Hinblick auf das Weib heißt: er soll dein Herr und Meister sein. Allein dieser Geselle hatte unterschiedliche sonderbare Eigenschaften, so daß sie sich nicht entschließen konnte, ihn zu einem vertrauteren Umgange zu ermuntern. Denn er mochte weder seine eigenen Guttaten ins rechte Licht setzen, noch die Vorzüge anderer nach Gebühr würdigen und war infolgedessen unfreundlicher, als es sich in der Nähe eines jungen Weibes geziemte, das von der Zunftobrigkeit verhalten wurde, sich nach einem passenden Ehewirte umzusehen. Und da sie es als den Brauch ihres Geschlechtes erkannte, dem Manne ein begehrtes Glück zu spenden, und dieses Gesellen Herz nicht gläubig genug schien für die Offenbarung eines solchen: so blieb sie die Meisterin und er der Knecht. Sie zuckte die Achsel, wenn sie seiner in der einsamsten Stunde gedachte, und schüttelte den Gedanken an ihn wieder ab. Das Gewerke jedoch gewann unter seiner Obhut eine günstige Ausbreitung, und dessen war sie wohl zufrieden.

Dann grüßte sie noch ein zweiter Geselle im Hause als Meisterin. Dieser war um einige Jahre jünger als Heinrich Harer, gehabte sich meistens wohlgemut, dankte dem lieben Herrgott für das Leben und alles holdselige, was darin sprießt, gar herzlich und schätzte demgemäß alles nach rechtem Verdienste; auch war er mit sich selber nicht unzufrieden. Er hieß Jost Seydlin.

Die beiden Gesellen hielten gute Kameradschaft miteinander, und Frau Walburga war auch damit wohl zufrieden.

Zuweilen dachte sie: »Wäre Jost, der wohlgemute Mann, mein Altgeselle, so würde sich +das+ leichter fügen, was ich einmal zu tun verhalten bin; denn er ist hellen Angesichts und klaren Gemütes und würde sich leichtlich zu mir finden, sobald ihm nur mein Auge ein wenig zusprechen wollte in aller Züchtigkeit und ihm sagen, daß seine Art mir nicht zuwider sei; aber so ist er es nicht, sondern Altgeselle ist Heinrich Harer, der weiß nicht zu schätzen, was ein braves Weib wert ist.«

Beide Gesellen waren von guter Herkunft und im Unterlande geboren, Bürgersöhne, deren sich keine rechtschaffene Frau zu schämen brauchte, um mit einem von ihnen nach abgelegtem Witwentuch im hellen Gewande jugendlich und rosig zur Kirche zu gehen. So schaltete Frau Walburga denn über beide und über alles andere Gesinde als Haupt im Hause und mußte noch zur Zeit vergessen, daß über des Weibes Leib des Mannes Haupt ragen soll.

Eines Tages ging sie eine weise Frau um Rat fragen. Diese wohnte im Davidgäßchen und war kundig eines tiefen Blickes in verborgene Dinge.

»Sag mir an, gute Frau,« sprach die Meisterin, »was du von meinen künftigen Tagen zu wissen vermagst. Was mir zu Troste geschehen kann, das will ich gerne von dir hören und dir's auch herzlich lohnen, wenn es zutrifft.«

»Komm wieder am dritten Tage,« sprach die weise Frau.

Und als sie wiedergekommen war, empfing sie den Bescheid: »Du wirst, ehe das Jahr sich neigt, mit einem Manne zur Kirche gehen.«

»Ein Mann! ist das alles?« lachte die Meisterin; »und wie beschaffen ist er, mit dem ich zur Kirche gehen soll?«

»Wie einer, der sich alles holden zu seiner lieben Ehefrauen versehen mag und ihr redlich vergilt, was sie ihm treulich gewährt: so daß du dich ihm unterschmiegen und dein Haupt an seiner Brust bergen kannst.«

»Das soll mir nicht zum Untroste geschehen, Frau Monika,« sprach die Meisterin mit Erröten, »wenn es in Züchten nach dem Gebote der heiligen Kirche über mich erfüllt wird. Aber welcher Gestalt hast du ihn gesehen? Ist er braun oder blond?«

»Ich habe sein Bildnis nur zu nächtiger Weile gesehen, und da war es nicht zu erkennen, ob ihm brauner oder blonder Bart um die Lippen sproßt; aber es ist ein stattlicher Mann, das kann ich dir höchlich beteuern. Laß dir damit Genüge sein.«

»Das will ich,« sprach die Meisterin, lohnte der weisen Frau und ging mit erleichtertem Herzen heim. Als sie über die Herrengasse schritt, kam ihr die Stadtwache mit Pfeifen und Trommeln entgegen, und es gab einen hellen und freudigen Schall. +Den+ nahm sie zur guten Vorbedeutung und lächelte, so daß ihr Antlitz überschienen ward und die Vorübergehenden sagten: »Seht, Frau Walburga, die Rebenbäckerin! Das ist ein junges Weib, das manchem Manne guten Mut geben könnte.«

Sie aber schritt weiter und dachte: »Wen erblicke ich zuerst, wenn ich ins Haus komme? Das will ich mir merken.«

Aber sie erblickte einen, bevor sie ins Haus kam. Denn vom Dache schien etwas Weißes herab, wie eine Gestalt, und als sie nahe gekommen war, blickte sie erstaunt hinan und rief: »Was tust du auf dem Dache, Geselle Heinrich?«

Er antwortete von oben her: »Eine Krähe rupfte das Gras zwischen den Schindeln aus, und einige morsche sind schon herabgefallen. Da rupfe ich das Gras selber aus und lege neue Schindeln an die Stelle von denen, die herabgefallen sind.«

»O du weiße Krähe!« sprach sie lachend, »wie du fürsorglich bist für mein Hausdach!«

Sie sah, wie sicher er sich auf seinem hohen Sitze gehabte, und dachte bei sich: »Herr Mennhart, mein seliger Ehewirt, hätte das Stücklein da oben nicht ausführen können, denn er keuchte schon, wenn er die Treppe hinanstieg, und die Leiter hätte ihn nicht getragen. Ich armes, junges Maidlein, als ich zu ihm mit dem Brautkranze kam, war er schon ungefüge. Nun habe ihn Gott selig!«

Sie ging ins Haus und da kam ihr Jost Seydlin entgegen, grüßte sie freundlich und sagte, daß er alles wohl verrichtet habe und daß das Gebäck schön geraten sei.

Sie lobte ihn und sprach: »Du tust allezeit, wie es einem guten Knechte geziemt, Jost!« und ging in ihre Stube. Dort sann sie darüber nach, wie es sich wohl fügen möchte; denn sie hatte Heinrich Harer zwar zuerst erblickt, aber nicht im Hause, und Jost Seydlin war ihr zwar im Hause begegnet, aber sie hatte ihn nicht zuerst gesehen. Das schuf ihr manches Bedenken den Tag hindurch, bis sie sich zur Ruhe legte. Da wollte sie acht haben auf das, was sie träumen werde, und entschlief mit einem kleinen Seufzer.

Am andern Morgen erwachte sie frisch und erzählte sich von ihrem Traume nicht viel; aber sie sah in ihrem Handspiegel, daß die Wange rot war, wie es sich für eine junge Frau geziemte. Dann ging sie hinab in ihrem dunklen Kleide, über welches die blonden Haare aus dem Kopfbunde hervorglänzten, rief Heinrich Harer und befahl ihm alles, was am Tage zu schaffen war. So sagte sie auch: »Geh' hinaus zu den Deutschherren am Leech und lege die Reitung[25] vor um das Brot, das wir ihnen die Zeit her geschickt haben. Sie wollen nämlich die Abrechnung für das vergangene Vierteljahr, und bringe das Geld heim. Aber von morgen an schickst du mehr hinaus als bisher, wie dieser Zettel hier besagt, denn sie sind zufrieden mit unserer Art und bestellen auch Weißgebäck für Herrentisch und Siechensaal.«

Darauf ging Heinrich in seine Kammer, legte die Rechnung und zog seine blaue Sonntagsjoppe an, strich sich das dunkle Haar zurecht und machte sich auf den Weg. Bald schritt er durch das südliche Stadttor hinaus und ließ sich die sonnige Luft um Stirn und Schläfen streichen. Wenig acht hatte er der Blumen, die aus dem Grase lugten; doch als er auf den grünen Anger kam, da war ein Teich und es flog ein Storch auf, der erregte seine Aufmerksamkeit. Und wie das schon kommt, spann er seine Gedanken fort, als er weiter schritt:

»Wer unter eigenem Dache sitzt, sprach er, hat es gut; er erfreut sich an Weib und Kindern, ist Stadtbürger und die Leute schenken ihm Achtung. Er legt seinen Fleiß daran, seine Habe redlich zu mehren, und sein Wort gilt viel in der Zunft, wenn er zu reden anhebt. Wird er alt, kann er eine Tochter aussteuern oder einen Sohn in die Fremde schicken, auf daß er sich die Welt mit eigenen Augen betrachte. Kommt dann die Zeit, so sagt er sich: ›Das ist ein gutes Tagewerk, wo das Leben mit Arbeit vollbracht ward. Auch hab' ich leidlich gut Gemach all meine Tage gehabt und meinen Leib mit Ehren gefristet. Das hat Gott immerdar für mich gewaltet, weil ich seines Rates in Demut gepflegt habe nach der Stimme des Gewissens!‹ Also möchte einer sagen und wäre zufrieden. Ich aber bin ein solcher Mann nicht, weil ich mir nicht getraue, an etwas mich herzlich zu freuen, aus Furcht, daß es nicht anhalten und allzu rasch verschwinden werde. Täusche ich mich jedoch darin, so will ich es meinem lieben Herrgott im Himmel immerdar danken.«

Und er blickte in den blauen Himmel hinauf und machte ein ernsthaft Gesicht, das gar finster aussah. Das bemerkte der Pförtner noch, als Heinrich am Leech angelangt war und in das Haus der Deutschherren schritt; denn jener sprach:

»Geselle, schenkst du mir einen guten Tag, so mache keine bösen Falten dazu. Du hast noch eine glatte Stirn; warte, bis die Zeit dir die Jahre, die du ihr schuldest, in Kerben einschneidet. Das wird sie getreulich tun, so dir wie mir, der ich alt bin. Doch ist mir ein fröhlich Antlitz willkommener denn eines, worüber der Schatten eines Raben geflogen ist.«

Da lächelte Heinrich ein wenig und erwiderte: »Bruder Stockald, Ihr seht mehr, als ich Euch zusprechen kann; denn ich bin ein fröhlicher Bursche, der immer sagt: Nimm's, wie du's findst. Und find' ich Euch wohlgemut, so verdrießt es mich nicht, das weiß Gott.«

Und er schritt hinein zum Kastner, legte seine Rechnung und empfing das Geld.

Als er wieder in den Hof kam, sah er durch das Gatter den Gartenmeister in den Beeten schaffen und Pflänzlinge einsetzen. Dieser rief ihn zu sich, und Heinrich ging in den Garten und gesellte sich auf eine Weile dem freundlichen Manne und sprach: »Bruder Pilgram, Ihr schafft rüstig!«

»Wie sollte ich nicht, Geselle Heinrich! Scheint doch die Sonne, das Erdreich ist warm und feucht, und der Brodem, der aufsteigt, duftet mir ins Herz. Noch liegt der Schnee auf der Kuppe des Schöckels und die Gleinalpe ist weiß, doch auf dem Rosenberge grünt es, und es blüht in den Tälern. Arbeit schafft uns Zufriedenheit. Nimmt dich das wunder? So lange du wirkst, lebst du: das sag einer dem andern.«

»Jawohl. Seid Ihr auch glücklich, Bruder Pilgram?«

»Was heißt das, glücklich, mein Geselle? Ich bin ein alter Mann und tanze nicht mehr. Hab' auch wenig im Leben getanzt. Ich habe Genügen; das ist alles. Beginnt es zu sprossen, so lebe ich jedes Frühjahr aufs neue auf mit meinen Pflegekindern, den Pflanzen vielgestalteter Art. Man sagt: der tanzt gut, dem das Glück aufspielt; aber der schreitet geruhig, der den Tanzlärm weit im Rücken hat, wie ich, und mit keinem wüsten Kopfe zu Bette geht, wenn das Spiel aus ist. Mit mir hat es in all diesen Tagen keine Not mehr. Du aber, Geselle, magst noch tanzen.«

»Das ist wahr, Bruder Pilgram. Wo ich vor mich hinschaue, da wächst ein Tanzboden heraus. Meint Ihr nicht?« Und er lächelte ein wenig.

Darauf sprach jener: »Sei nicht vorlaut, mein Geselle. Dein Kopf steht immer zwischen den beiden Achseln, wo du auch hinschauen magst. Du bleibst der gewisse Heinrich Harer. Und ist in deinem Kopfe klarer Wein, so kannst du das Leben genießen. Sage nur niemals: Wann hab' ich nicht gewollt, dann hab' ich gesollt; und alles ist gut.«

Er setzte den Fuß auf die Gartenschaufel, grub in die Erde und warf die dunkle Scholle auf. Da splitterte etwas unter dem Grabscheite, und es waren Scherben, die in der Erde lagen.

»Siehe da,« sprach er, »tönerne Scherben!«

Er bückte sich, las die Bruchstücke auf und warf sie zur Seite.

»Das mag lange in der Erde gelegen haben. Oftmals schon stieß meine Schaufel auf solch irdenes Geräte, und viele solcher Gefäße stehen unversehrt im Hause. Die hat der Spittler an sich genommen und verwahrt darin allerlei, was er zu Heilmitteln für die Siechen zusammenstellt oder braut. Siehe, da ist wieder so ein Ding!«

Er hob eine kleine Vase auf und reinigte sie von der feuchten Erde, die daran klebte.

Das Ding mit dem schlanken Leibe und dem zierlichen Halse gefiel dem Gesellen gar wohl, und er sprach: »Wenn ich es hätte, das Gefäßlein, ich wollte es mir verwahren.«

Und der Gartenmeister erwiderte: »Trag es dem Bruder Spittler hinauf, vielleicht schenkt er es dir, denn er hat schon viel davon auf dem Gesimse seiner Arzneistube stehen.«

Das ließ sich Heinrich gesagt sein, nahm das fremdartige Ding und begab sich damit zum Spittler hinauf. Dieser war ein leutseliger Herr und hörte das Anliegen des Gesellen mit Vergunst an. Er sah ihm freundlich ins Antlitz und sprach dann schalkhaft:

»Heinrich Harer, ich habe dir schon längst etwas Gutes zugedacht, weil dein Gebäck uns ohne Tadel zu Hofe kommt. Dies nun hier ist ein gar wundersames Gefäß, das du mir gebracht hast, und dein guter Geist hieß es dich von mir begehren. Denn es stammt aus grauen Zeiten und ward aus dem heiligen Lande nach der Stadt Rom getragen. Und da die Römer vor vielen, vielen Jahren auch hier hausten, so haben sie es in der Erde zurückgelassen und verborgen wie ein seltenes Gut. Aber zum Schatze soll es erst für dich werden durch das, was ich hineingeben will, nämlich etwas Geheimes, was ich aus dem heiligen Lande mitgebracht habe: etwas von einem köstlichen Elixiere. Und so lange du es besitzest, wirst du zufrieden sein. Das merke dir.«

Und er ließ den erstaunten Heinrich stehen, ging in ein Nebengemach und kehrte nach einer Weile mit dem Gefäße zurück. Das war nun mit einem dichten Stöpsel versehen, und etwas wie ein lieblicher Rosenduft stieg daraus empor, trotzdem es sorglich verschlossen war.

»Da nimm, Heinz. Du trägst nun die +Zufriedenheit+ nach Hause, die ist in diesem Gefäße verschlossen. Verwahre es wohl und öffne es niemals, sonst fliegt sie dir davon.«

Er entzog sich dem Danke des Gesellen, der zufrieden mit seinem Schatze in die Stadt zurückging. Zu Hause gab er das empfangene Geld der Frau Walburga, stieg sodann in seine Stube hinauf und verwahrte das wundersame Gut gar sorglich in der Truhe, und dachte noch viel darüber nach, daß er nun die Zufriedenheit bei sich geborgen habe und allen Übeln, die ihn sonst angefaßt, hinfürder stattlich begegnen könne.

Er spottete zwar selber über sich und sprach: »Herz, stelle dich ungebärdig, wie du willst, du hast nun die Zufriedenheit!« betrachtete jedoch das Ding mit Scheu, und der Wohlgeruch, der daraus emporstieg, behagte ihm auf seltsam liebliche Weise.

Seinem Mitgesellen Jost Seydlin aber konnte es nicht lange verborgen bleiben, daß etwas aus der Truhe heraus die Kammer durchduftete, und Heinrich teilte ihm auch mit, daß er ein kleines Töpfchen von Meister Altfried, dem Spittler bei den Deutschherren, bekommen habe und daß er es niemals öffnen dürfe; aber von der geheimen Kraft der Zufriedenheit, die darin verborgen war, berichtete er nichts, weil er selber nicht ganz daran glaubte und doch sich scheute, seinen Unglauben zu verlautbaren.

Dem Jost Seydlin gefiel das Ding, als er es ihm zeigte, gar wohl, und er begehrte es selber zu besitzen. Doch um Geld war es nicht feil und Jost Seydlin sprach mitleidig: »Das ist etwas für ein Weib, das eine feine Nase hat; was willst du damit, Heinz?«

Worauf jener erwiderte: »Daß ich es besitze, dessen bin ich zufrieden. Da sollst du nichts dawider haben, Geselle Jost. Ich will mich an seinem Geruche so lange erlaben, als ich zufrieden bin.«

Und er lächelte ein wenig, als er so sprach.

Jost ließ es dabei bewenden, denn er war gutherzig und mochte sonst auch jedem gönnen, was einer besaß.

Da geschah es aber, daß ein Gesellenschießen des Montags auf Pfingsten stattfand und die Innungen auf die Morellenwiese mit Armbrust und Zielbolzen hinauszogen. Heinrich Harer und Jost Seydlin waren auch dabei und wurden in die Rotte der Bäcker, Müller und Metzger eingeschrieben.

Es war ein gar festlich und fröhlich Treiben auf der Wiese, und viele bewährten sich als gute Schießgesellen, die um die ausgestellten Kleinode warben. In aufgeschlagenen Zelten saßen die Frauen und Mägdlein wohlgeschmückt, in festlicher Tracht, und sie ergötzten sich ehrsam und lobten jeden trefflichen Mann. Auch die alten Meister saßen beim Pfingstbiere und Weine inmitten ihrer Sippe als Häupter, lobten Sankt Martin, indem sie sich gütlich taten, und sprachen sich zustimmend aus über jeden gelungenen Schuß; denn es war eine gute Gesellenschaft zusammengeströmt, die mochte jedweder Innung zum Frommen sich reichlich Lob verdienen.

Der Abstand von den Scheiben ward bis zu 140 Schritten abgemessen, und jeder mußte ehrlich mit schwebendem Arm und aufgereckt schießen, wie es die Satzung gebot. Heinrich Harer und Jost Seydlin hielten sich wacker: die Zielbolzen, die mit ihren Namen bezeichnet waren, staken zumeist im innersten Zirkel der Scheibe. Endlich traf Heinrich zweimal den Nagel und war nahe daran, den ausgesetzten Preis von drei Goldgulden zu gewinnen.

Da sprach Jost Seydlin zu ihm: »Geselle Heinz! wenn ich dreimal den Nagel treffe unter den neun Schüssen, die mir noch bleiben und dir den Preis entraffe, was wirst du dazu sagen?«

Worauf Heinrich erwiderte: »Jost, das mag nicht sein.«

Und jener: »Was soll die Wette gelten? Ich will es Sankt Martin geloben.«

»Was du setzest, Jost; ich setze dagegen.«

»Wohlan denn, Heinz, ich wette mit dir um das Töpfchen, was in deiner Truhe liegt und das dir der Meister Spittler vom Deutschherrenhause geschenkt hat und setze dir dagegen mein welsches Weidmesser, dessen Griff mit Silber eingelegt ist.«

Heinrich sprach: »Das gilt.«

Da geschah es, daß Jost Seydlin dreimal den Nagel auf den Kopf traf und damit den Preis und zugleich Heinrichs Vase der Zufriedenheit gewann. Jost Seydlin war ein schmucker Geselle, und die Mägdlein sahen heimlich und offen auf ihn und lächelten ihm auch wohl zu; Heinrich aber war verdrießlich.

Ein Tanz im Grünen folgte auf das Schießen, und da tat sich Jost auch regsam hervor und war vergnügt.

Des anderen Tages öffnete Heinrich die Truhe und gab seinem Mitgesellen das Gefäß, das jener gewonnen hatte, und dachte bei sich:

»Nun ist es mit der Zufriedenheit wieder aus! Meister Altfried, der deutsche Herr, hat es gewiß gut mit mir gemeint. Doch sei es! ich bin nicht geboren, um zufrieden zu sein.«

Jost Seydlin betrachtete das Ding eine Weile und hatte sein Behagen daran; nach einiger Zeit aber sprach er: »Das wird einem schönen Weibe besser in die Nase duften als mir;« und schenkte es der Meisterin. Diese nahm es willig an, weil die Vase überaus zierlich war, und stellte das Geschenk mit freundlichem Danke in ihren Almer zu Kräutern und Heilsalben, die von Zeit zu Zeit für das Haus gebraucht wurden. So besaß nun Frau Walburga das Gefäß, das Heinrich Harers Zufriedenheit sollte sein. Sie aber sprach zu sich:

»Warum hat nicht er selber daran gedacht, mir das Riechtöpfchen zu verehren, bevor er es an Jost Seydlin durch eine Wette beim Gesellenschießen verloren hat, wie mir dieser erzählt hat? Er geht halt andern Dingen nach, als sich mir gefällig zu zeigen, und daß ich viel an ihn denke, dessen wird mir wohl guter Rat. Er will sich keine Gunst von mir erwerben, darum soll sein Lob auch nicht von mir gemehrt werden.«

Und ihr Antlitz, das unter dem blonden Haare heiter wie Tageslicht scheinen konnte, wenn ihr Herz guten Mutes war, wurde wie von einem Wölklein bedeckt, sobald sie Heinrich Harer erblickte. Dieser aber sagte sich:

»Ich weiß nicht, was an der Sache ist; jedoch meine Zufriedenheit habe ich verloren. Immer mehr wird es klar: Meister Altfried hat es redlich mit mir gemeint, und nun habe ich freventlich mein Gut dahingegeben. Das ist zur Zeit in einer Frauen Händen, deren Wille sich wenig glimpflich zu mir neigt, was ich nicht um sie verdient hätte, der ich mich ihres Dienstes fürsorglich angenommen habe. Aber das macht es, weil meine Zufriedenheit nicht mehr bei mir, sondern bei ihr steht; und darf ich verlangen, daß sie mir solche wiedergebe? Nein. Wie sollte ich ihr mit diesem Ansinnen nahen dürfen? Ich will's auch nicht.«

So blieb er unmutig wie vorher, während Jost Seydlin fröhlich mit sich und andern war. Frau Walburga hörte ihm auch freundlich zu, wenn er erzählte, wie trefflich er die Armbrust geführt; auch durfte er mit Fug den Zielbolzen rühmen, der ihm den Preis von drei Goldgulden gewonnen hatte. Sie lachte wohl mit ihm, aber als er ihr einmal zu nahe ins Auge blicken wollte, sprach sie als Meisterin: