Deutsche Humoristen, 7. Band (von 8)

Part 5

Chapter 53,739 wordsPublic domain

Es kommt mir vor, als ob ich einige Zeit geschlafen hätte. Neuerliches Geflatter brachte mich wieder zu mir selber.

Durch die Ritzen im Holzbau des Hennenstalles brachen die Strahlen der Morgensonne. Ich hörte, wie sich Schritte näherten. Ein Riegel wurde zurückgeschoben. Das Türl tat sich auf. Der helle Morgen schien herein.

Draußen stand das Vronele und lockte die Hennen ... »Bull ... Bull ... Bull ... Bulliii ...« das Geflügel enteilte dem Stall.

Zuletzt guckte das lachende Gesicht des Hennendiandls in den Stall herein. »Oha, da hockt noch a Gockl drin!« rief sie.

Ich sprang in meiner Ecke empor, stieß mir den Schädel noch einmal damisch an, kroch durch das Türl an dem Vronele vorüber ins Freie, setzte wie gehetzt mit ein paar Sprüngen über das Hennenstiegerl hinunter und von da fort über den Anger, hinaus beim Gatterl und weit weg vom Gschwentnerhof.

Das Hennendiandl aber hörte ich hinter mir drein lachen, daß es völlig erstickte.

So geschämt, wie damals vor dem Hennendiandl, habe ich mich in meinem ganzen Leben nie. Noch am gleichen Tage packte ich meinen »Schnerfer« und wanderte talauswärts, um das Zelt meiner Sommerfrische in einer andern Gegend aufzuschlagen. Den Kranzelscheiber Lex aber könnte ich heute noch bei lebendigem Leib braten.

Gesehen habe ich den Lex nicht mehr. Von der Wirtin in Aschau erfuhr ich jedoch vor meinem Abschied durch vorsichtiges Herumfragen, daß der Lex schon seit mehr als einem Jahr der Schatz des Vronele war. Aller Voraussicht nach ist er in jener Nacht, während ich im Hennenstall dunstete, selber beim Hennendiandl fensterln gegangen und hat sich recht ausgiebig über mich lustig gemacht.

Vielleicht hat der Kranzelscheiber Lex im Laufe der Begebenheiten das Hennendiandl geheiratet. Vielleicht auch nicht. In jedem Fall soll ihn der Teufel holen!

Sophus Bonde:

Jochen Appelbaums Galion

+Sophus Bonde+ (Deckname) ist von der +Waterkant+: er versteht es, sein Garn zu spinnen, wie nur je ein Seebär aus der Zeit, da es noch keine Dampfer gab. Bei Windstille, wenn der Schuner tagelang mit schlappen Segeln liegt, auf Wache in sternenklaren Nächten, an freiem Sonntagnachmittagen, wenn Gelächter und Gesang, Musik und Tanz die strenge Disziplin des Dienstes ablösen, da kommt auch heute noch an Bord die eingeborene Seemannslust am Fabulieren zu ihrem Recht. Die Phantasie entfaltet sich an der unendlichen Weite des Meeres, der Klabautermann und tausend alte Sagen steigen aus ihm auf, +eigene Erlebnisse+ zu Wasser und zu Lande verspinnen sich zu einem mehr oder weniger kunstvollen Netze lustiger und gruseliger, abenteuerlicher und märchenhafter Begebenheiten. Solch ein Erzähler von der Art, die heute auszusterben droht, ist +Sophus Bonde+. Derber Humor und unverwüstliche Lebenslust machen seine Geschichten zu einem Jungborn der Gesundheit, des Behagens und der Freude an den bunten Möglichkeiten des Daseins.

L. Adelt.

Jochen Appelbaums Galion.

Kap Lizard hatten wir längst hinter uns, und wir liefen vor einem steifen Ostsüdost durch den Atlantik. Eines Tages, es war Sonntagnachmittag, hatten wir es uns hinter der Back[17] bequem gemacht und lagen und saßen in zwanglosen Gruppen herum. Einige hatten ihren Nähbeutel neben sich und besserten ihre Sachen aus. Jochen Appelbaum, der Segelmacher, war dabei, mit kunstgeübter Hand einen Bettvorleger für seine Frau herzustellen. Die Vorlage dazu, eine Fregatte unter vollen Segeln, hatte ich, der ich zeichnerisch veranlagt war, ausgeführt und war dadurch noch eine Stufe höher in seiner Gunst gestiegen. Nun zog er bunte Wolle, Faden neben Faden, die Farben zu der Zeichnung passend, durch das Stück Segeltuch, welches die Grundlage darstellte, und worauf die Zeichnung ausgeführt war. Über ein Jahr brauchte er zu dieser Arbeit. Als sie fertig war, war es wirklich ein Prachtstück seemännischer Kunstfertigkeit und Geduld und fand unter den Kameraden die höchste Bewunderung.

Es wurde hin und her geredet, über dies und jenes, und als eine Stockung eintrat und das Gespräch nicht weiter wollte, meinte der Karpenter[18]: »Wie wär dat, wenn ein von uns ein Ende Schimannsgarn spinnt, de Tid löbt denn so moy und een wird nicht dümmer davon. Laat man ein los, Sailmocher, du heß veel von de Sort in't Hellegatt[19]. Man los!«

Jochen Appelbaum schmunzelte und meinte: »Tja, wenn't jug Spaas mokt, will ik jug ein lütt Geschicht ut mine Orlogstid[20] vertellen.«

»Ja, man tau! Man tau!« riefen die Gasten im Chor und rückten dichter zusammen, damit ihnen ja nichts von der Erzählung verloren ginge.

»In den Jahren achteinhundertvierundföftig und fifundföftig diente ich in der dän'schen Marine als Matrose, und zwar an Bord von de Kreuzerfregatt ›Jülland‹.«

»Wie kömmt dat, dat du in de dän'sche Marin deint hast, wo wir alle sonst in die dütsche deinen möten?« fragte der Matrose Franz Klattstert, ein Danziger.

»Dat will ich di seggen,« erwiderte der Segelmacher. »Erstens hatte Deutschland damals noch keine Marine, zweitens war Schleswig noch dänisch und die jungen Leute mußten darum noch ihre Militärpflicht in Dänemark absolvieren, und drüttens bis du een Schaapskopp, wenn du dat nicht weißt ...

Ich war also als Orlogsgast eingezogen und diente auf der Kreuzerfregatte ›Jülland‹. Nun müßt ihr euch aber nicht so 'n Fregatt mit den heutigen Schlamasselkastens, die sie Kriegsschiffe nennen, vergleichen. Nein, das war ein richtiges Schiff, wie unser hier, mit richtigen Masten, mit Rahen, Segel und Takel; von richtigen Schiffsbauers gebaut und getakelt, und nicht so 'n Mißgeburt, wie die Eisenfritzen jetzt bauen. Damals mußte das Schiff mit Seeleute bemannt sein, wie unser Schipp hier, und nicht, wie die heutigen Kriegskastens, mit schmeerigen Heizers und sottigen Trimmers; und de Offizeers wären Seeleute, die von der Pike auf gedient hatten, wie unsereins, und ebensogut ein Ende splissen konnten wie ihr Besteck machen, und anderes zu denken hatten als an't Zähne- und Nägelputzen. Seeleute waren es, die mit 'n Schipp sailen konnten wie unser Keppen Claasen. Das waren Seeleute dörch und dörch und keine Herrens von die Marineakademie mit Lacksteweln und Jungfernmaneeren. Frag mal einen von dissen Herrens Offizeers auf den eisernen Kriegskastens, ob sie es wagen, mit einer Kreuzerfregatte unter vollen Segeln und mit guter Brise auf ihren Ankerplatz im Hafen raufzufahren und dort mit dem Schiff um die Boje wenden und stillhalten wie ein Streichholtschachtel im Nachttopp! Tja! Das waren Seeleute, düsse Offizeers von damals! -- Seeleute!

Nu also, mit so 'n Schipp war ich los, und wir waren an zweihundert Mann an Bord, lauter junge Seebären, die sich vor kein Düwel und kein Wetter fürchteten. Wir waren auf eine Tour ins Mittelmeer, als wir plötzlich Order kriegten, nach den dänischen Besitzungen in Westindien zu gehen. Die Niggers auf der Insel Sankt Thomas waren aufrührerisch geworden und murksten ihre weißen Herren ab. Wir sollten nun hin und die schwarzen Banditen beruhigen.

Das war wenigstens mal was anderes. Ein willkommenes Abenteuer, eine Unterbrechung in dat ewige Einerlei. Na, nun steuerten wir so schnell wie die Schute laufen wollte quer dörch den Atlantik nach den Kleinen Antillen, wo die Insel Sankt Thomas liegt. In ohngefähr fünf Wochen, nachdem wir die Order gekriegt hatten, warfen wir Anker auf der Reede von Charlotte Amalie. Tja, so heißt die Hauptstadt von der Insel. Als die nötigen Formalitäten nun erledigt waren, wurden hundertundfünfzig Mann an Land gesetzt, die im Verein mit der Besatzung der Insel die Niggers, die im Inneren die Plantagen verwüsteten, die Häuser ansengelten und ihre Herren abmurksten, bändigen sollten.

Ich war zu meinem Unglück auch mit bei die Landpartie.

Der erste Tag verging mit An'tlandsetten, Lagerinrichten und Teltupschlagen[21].

Am zweiten Tag ging de Jagd los. In kleinen Abteilungen ging es in die Plantagen und Wälder, wo die schwarzen Deuwels sich versteckt halten sollten.

O, Gottegott, wie hatten die schwarzen Beesters gehaust: überall verwüstete Zuckerplantagen und niedergebrannte Häuser, aber nirgends eine Spur von die Schwarzen.

Wir waren strenge gewarnt worden, jo und jo nicht im Vordringen die Fühlung miteinander zu verlieren. Die Schwarzen liebten es, vereinzelnd gehende Mannschaften zu überfallen und niederzumachen.

Nun weiß ich nicht mehr, wie es eigentlich zuging und wie es kam, aber mit einmal hatte ich und noch zwei Kameraden die bewußte Fühlung verloren.

Wir befanden uns gerade in einem Palmenwald. Es war eine Hitze darin wie in ein Backofen beim Feinbrotbacken, und uns lief der Schmalz in dicken Tränen man immer so den Puckel herunter. ›Gottsverdammi,‹ sagt dann mit einmal der eine Kamerad, Chrischan Kluth hieß er mit Namen, ›wißt ihr was,‹ sagt er, ›ich will euch man was sagen und ein Vorschlag machen: Ich hab' es nu satt, in diese gräuliche Bruthitze immer so bergab und bergauf zu laufen und nichts zu fressen als trocknes Brot und nichts zu trinken als lummeriges Wasser aus der Feldflasche. Wenn man wenigstens die Niggers zu sehen bekäme, damit man 'n bischen losballern konnt, oder 'n paar lüttje Niggerdeerns, woran man sacht seine Freude hatte, denn ließe ich es mir wohl gefallen; aber so? Nei. Ich hab' keine Lust mehr. Ich mache euch einen Vorschlag: Wir drei machen unter diesen schönen Bäumen eine halbe Stunde Pause, machen uns lang und nehmen ein Auge voll Schlaf.‹

›Du haßt 'n anschläg'schen Kopp, wenn du einen mit 'n Knüppel drankriegst,‹ sagte darauf der andere Kamerad, Anders Lütgen, ›aber wenn wir nu bei das Langmachen überrascht werden, was dann? Wir befinden uns sozusagen auf dem Kriegspfad, und wenn wir hier beim Schlafen überrascht werden sollten, denn so glaub' ich allemal, daß uns das ganz eklich bekommen würde.‹

›Ich will euch mal was sagen,‹ sagte ich dann, ›der Vorschlag ist beachtenswert und durchaus nicht zu verachten. Ich für meinen Teil hab' es auch schon längst dick und satt, denn mir ist am heutigen Tage in der entfamigten Hitze mindestens drei Pfund Schmalz aus dem Puckel gelaufen. -- Nu will ich euch mal was sagen, zwei Mann machen eine halbe Stunde lang und einer hält unterdessen die Wache. Kömmt denn was, purrt er die beiden raus. Wir sagen dann, wir hätten verdächtige Geräusche gehört und hätten uns aufs Lauern gelegt.‹

›Und wenn die Niggers nu kommen,‹ meinte Chrischan Kluth, ›was dann?‹

›Na, dann muß die Wache natürlich auch purren und gleich mit die Ballerbüx da mank ballern,‹ sagte ich dann.

Na, wir wurden schließlich über die Sache einig und suchten mank die Bäume und Büsche nach einem schönen molligen Lagerplatz.

Wir finden auch bald einen, an 'ne kleine Lichtung, unter einem großen Baum.

Durch Los wurde Chrischan Kluth zur Wache bestimmt.

Wir verabredeten uns, daß er nach einer halben Stunde mich wecken sollte, worauf er eine halbe Stunde schlafen konnte.

Nun legten wir uns in den Schatten von dem großen Baum, ins weiche, schöne Gras und schliefen in der bannigen Hitze auch baldigst ein.

Wie lange wir geschlafen haben, weiß ich nicht, Chrischan wußte es nachher auch nicht, denn als er sah, wie friedlich wir schliefen, dachte er: ›Ach wat, 'n lütt bitten Nicken kannst du auch, hier ist's ja still und friedlich wie daheim in Mudders Schlafstube; hier findet uns kein Minsch. Schlafen tue ich ja auch nicht, blots 'n lütt bitten Nicken.‹

Und Chrischan nickt und schläft ein.

Als wir endlich aufwachten, war es schon spät am Nachmittag, und um uns rum krimmelte und wimmelte es von Niggers. Einige waren schon dabei, uns festzubinden.

O Gottegott, dachte ich, nu is deine letzte Stunde gekommen. Und ich dachte, ob der liebe Gott mir auch alle meine Sünden vergeben würde ...«

»Du dachst also, dat du mit alle dine Sünden in den Himmel kämest?« bemerkte hier der Karpenter.

»Tja, dacht hew ik dat, denn ich bin doch as en Kristenmensch getauft und konfirmeert worden, und wenn ich auch veel sündigt hev, von wegen das Fluchen und das Kömtrinken und de lütten Deerns, so dacht ich und denk ich noch: wenn de Köm nicht zum Saufen und de lütten Deerns nicht tom Leifhewen da sind, denn had de leif Gott se ok nicht erschaffen. Also so schlimm mit meine Sünden wäre das nu nicht. -- -- -- Ja, wo wär' ich nu noch? Ach so! Bei die Niggers, als sie uns festbanden. Na, die verankerten uns nun, jeden an einen Baum; die beiden anderen mir gegenüber. Dann drehten sie aus trockenes Gras dicke Knebels, die sie uns in die Hälse wrangten, so daß wir weder schreien noch jappen konnten. Darauf käm ein von die schwarzen Kerle mit ein Pott voll rote Farbe und begann unsere Nasen damit einzuseifen. Ich hatte, wie gesagt, ein Grasknebel im Halse, wenn ich den nicht gehabt hätte, hätte ich lauthals lachen müssen, so sahen die beiden anderen aus!

Ihre Gurken glühten und glommten wie frisch geputzten Backbordpositionslaternen in dunkler Nacht.

Aber, wie gesagt, lachen konnte ich nicht, denn mir stach ja ein Bündel Gras ins Maul, und außerdem würde mir auch schnell genug das Lachen vergangen sein, denn ich, oder richtiger mein Galion, erhielt Besuch; wie es schien, ein Liebhaber von die rote Farbe. Und das war so eine Art Wespe, die sich ohne weiteres und ohne viel zu fragen auf meine Nase niederließ und sich dort breit machte. Sie lief hin und her, schnurrte und tanzte und wollte schließlich auch nach Binnenbord. Doch das kitzelte ganz infam; ich mußte niesen.

Nun wurde die Bestie wild, brummelte ein paarmal in fürchterlicher Fahrt hin und her und stach mir dann pardauz mitten auf die Nasenspitze. Kaum war dies geschehen, kamen noch so ein paar fleigende Beesters und machten das erste Beest Gesellschaft. Meine Kollegen drüben ging es auch nicht besser; sie hatten auch Besuch bekommen und mußten auch gräsig niesen und prusten.

Und de entfamigten schwatten Kierls lachten und lachten, als wenn sie sich kaputt lachen sollten; und dabei riefen sie: ›Dannebrogsnäs', Dannebrogsnäs'!‹ und lachten und lachten immer döller.

Na, ich glaube, ich hätte selbst mitgelacht, wenn ich an ihre Stelle gewesen wäre. Auf unsere Galione waren nun nicht mehr ein, zwei oder drei Stück, nein, hunnert! dusend! Wespen, fleigende Ameisen und weiß der Deuwel was für ein entfamigtes Krabbelzeug da zugange war. Wie Immenklumpen an Immenkörben im Hochsommer sahen unsere Nasen aus. Und da es ganz grauenhaft juckte und kitzelte, mußten wir immerfort niesen, und dafür zwickten und zwackten die Beesters uns, daß uns grün und geel vor den Augen wurde.

Währenddessen waren immer mehr Niggers hinzugekommen, und bei jedem, der hinzukam, riefen sie: ›Dannebrogsnäs'!‹ und wollten sich vor Lachen rein ausschütten.

Da, mit einmal hör' ich einen scharfen Pfiff, und im selbigen Augenblick sind die Schwarzen futsch; verschwunden, als wenn sie weggeblasen wären. Dann nach einer Weile raschelte es im Busch, und eine Abteilung von unseren Leuten, die auf der Suche nach uns waren, kam zum Vorschein. Na, sie befreiten uns ja nun und wrangten uns die Knebels aus den Hälsen, aber als sie uns richtig besahen, lachten sie auch, noch veel döller als de Niggers. Und der Führer, ein Decksoffizeer, schrie, indem er sich den Bauch vor Lachen hielt: ›Himmeldonnerfrikandelle und Schwarzsauer! Hat man je im Leben so was gesehen! Eure Galione glühen ja wie Bomben vor der Explosion! An Bord mit euch, ihr Schweinehunde! Vierzehn Tage Kasten bei Wasser und Brot soll euch gewiß und sicher sein, so wahr als ich Offizeer Seiner Majestät Schiff »Jülland« bin. Ich will euch zeigen, was es bedeutet, sich den Galion verschampfeeren zu lassen!‹

Na, als wir an Bord kamen. Dieses Leben! Was haben sie gelacht!

Unsere Gurken sahen aber auch aus! Angeschwollen waren sie und dick wie Bürgermeisterbirnen; und glühen täten sie wie Mardelspicker im Feuer. Gott bewahre, war das eine Qual!

Wir kühlten ja so viel wie möglich, und der Schwulst ging schließlich auch weg, aber die rote Farbe konnten wir nicht wegkriegen, die ist geblieben bis zum heutigen Tag. Sie ist in die Nase eintätowiert, aber nicht von Tätowatöre, sondern von westindische Insekters.«

Hier schwieg der Sailmacher; sein Garn war zu Ende. Ich aber sprang auf und lief ins Logis, setzte mich auf meine Kiste und lachte, lachte mit der ganzen unbändigen Lachlust der Jugend.

Nun polterte auch der Jungmann herein, warf sich auf die Bank und lachte.

»Nei, Minsch!« schrie er, »dat is jo rein zu doll!«

Er krümmte sich vor Lachen.

Der verehrte Leser fragt jedenfalls erstaunt, warum die Jungen nach dem Logis laufen, um zu lachen.

Tja, dat is nu man so.

Das übermäßige Lachen und das Führen vorlauter Redensarten ist ein für allemal dem Jungen an Bord verboten, wenn er die Erlaubnis erhält, den Erzählungen der Vollbefahrenen zuzuhören. Hierüber hatte mich rechtzeitig der Zimmermann aufgeklärt:

»Solang as du noch nicht drög[22] achter de Ohren büßt, büßt du 'n Näswaater. Und wat 'n Näswaater is, de heet dat Mul to hollen, wenn vernünftige Leute reden, und hat aufzumerken und ornlich zuzuhören, damit er was lernt und nachher was versteht. Und dunn hett 'n Näswaater nicht zu lachen, wie 'n dumme Aujust in't Zirkus, und nicht zu fnistern[23] wie 'n unschüllig Jumfer op de Hochtid.«

Unter sotanen Verhältnissen blieb uns also nichts anderes übrig, als uns seitwärts ins Logis zu schlagen und dort zu lachen. Und das taten wir diesmal gründlich und mit gebührender Andacht.

Ludwig Thoma:

Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech

Eine kämpferische Natur ist +Ludwig Thoma+, der Peter Schlemihl des »Simplizissimus« und Mitbegründer des »März«, der unerbittliche Peitschenschwinger über alles, was ihn bureaukratisch, engherzig und heuchlerisch im lieben Bayernlande scheint, der schärfste +Satiriker+ und urwüchsigste Humorist der jüngeren Generation und -- darüber hinaus -- der beste Schilderer des +bayrischen Bauerntumes+. Seine Fähigkeit, sich in andere Existenzen einzufühlen, ist erstaunlich: er +ist+ »Lausbub«, Bauernbursch, ländlicher Abgeordneter, Krieger, Vagabund, ist es restlos in Denkungsart, Haltung, Ausdrucksweise, Schicksal. Nie stört eine Wendung, die im Munde des Sprechenden unecht klingt; nie tun sich Ausblicke auf, die über den Horizont des dargestellten Kreises hinausgehen. Es hieße indes das Wesen des künstlerischen Schaffens verkennen, wollte man diese auffällige Unmittelbarkeit der Schilderung als naives Fabuliertalent deuten. Sie ist im gleichen Maße auch Ausdruck einer hohen und gepflegten literarischen Kultur, die das eigene Ich des Autors hinter dem Gestalteten unsichtbar macht. Gerade dadurch, daß +Thoma+ die Menschen und ihre Zustände für sich selber reden läßt, erzielt er +soziale Wirkungen+, um die sich die Tendenzschriftstellerei mit grellen Farben und dicken Unterstreichungen vergebens bemüht. Und darum wirkt auch sein Humor so außerordentlich: weil er aus den Dingen selbst hervorgeht und nicht erst von der vorgefaßten Absicht des Dichters in sie hineingelegt werden muß. +Thoma+, der am 21. Januar 1867 zu Oberammergau geboren wurde und vom Jus zur Literatur kam, handhabt mit gleicher Meisterschaft das pointierte politische Gedicht wie den Leitartikel, die kurze satirische Skizze wie den wuchtig ausholenden Bauernroman (»Andreas Vöst«), den auf einen witzigen und schlagkräftigen Einfall gestellten Einakter wie das Volksstück großen Stils (»Magdalena«).

L. Adelt.

Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech.

Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majestätsbeleidigung bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern wird in der deutschen Welt.

Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich.

Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein billiges Winterquartier verschaffen können.

Und das ist hart.

Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl.

Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn lange Jahre hindurch mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat.

Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage!

Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender Handwerksbursche. Das ist wohl ein schöner Beruf, wenn der Apfelbaum am Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der auf dem Rücken im Grünen liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue Luft nachschaut. Das ist wohl ein schöner Beruf, wenn die Kornähren sich über dem müden Haupte wiegen und am heißesten Sommertag einen erquickenden Schatten spenden. Auch ist es fröhlich und freudenvoll, wenn noch eine mildtätige Herbstsonne auf den Buckel brennt, und wenn die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.

Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber[24] in die Gräben rollen? Wenn die Landstraßen aus dem Leim gehen und pfundschwerer Brei an den Sohlen hängen bleibt?

Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht, oder die Schneeflocken wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt sind, die für einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrücken?

Da wird's dem abgehärteten Landstreicher wehmütig ums Herz, und er sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es nicht tropft.

Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reißen in seinen Gliedern, und er fand ein Mittel, sich zu helfen. --

Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemütlicher, braver Landesfürst.

Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in gewissen Beziehungen zu ihm.

Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln.

Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in den hängenden Backen des Landesherrn ausdrückte.

Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden Schweinsäuglein und dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Häupter ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen des Simon Lackner.

Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht übel, wenn seine Gendarmen grob und rauhhändig waren.

Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat alle seine Geschöpfe liebenswürdig geschaffen.

Warum sollte man's von einem irdischen Fürsten verlangen?

Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen, alle Jahre einmal dem Herzog Karl III. eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm nicht innewohnte.

Aber es war eben seine Methode, und es war notwendig, um unter ein schützendes Dach zu kommen.

Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, ging Simon Lackner zum herzoglich neuburgischen Gefängnisse, welches auf freiem Felde lag, hinaus.

Dort versteckte er sich in einen Holzschuppen, welcher gegenüber dem Eingange der Anstalt lag, und wartete.

Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie mit lauter Stimme:

»Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!«

Das erstemal und das zweitemal stürzten die Gendarmen gierig auf den frevelhaften Menschen und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang gemacht hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte ihr Eifer, denn sie wußten jetzt, daß Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise ein Winterquartier verschaffen wollte.

Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen.

Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit.

Man wußte es nicht mehr anders.

Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute der Gefängnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte: »Jetzt wird der Lackner bald wieder schreien.« Und richtig: den andern Tag zogen sich nasse Bindfaden vom Himmel zur Erde herunter, und vom Holzschuppen herüber brüllte es: »Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech.«

Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner lächelte und betrat freudig die Halle des Gefängnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat.

Lackner wiederholte zur Sicherheit: »Unser guater, alter Herzog Karl is a ...«