Part 19
Ist da nicht Frauke? Er vernimmt ganz deutlich ihre Worte: Ein andrer wolltest du sein als du bist. Steht dort nicht die Frau an der Tür, die Frau in ihrem zerknüllten Anzug? Und Usadel? Wahrhaftig, das ist Usadel, das kaltblütige Geschöpf, das nicht lächeln kann, in dessen Hirn tausend Feuerfunken kreisen, die eine Welt in Brand setzen. Und alle stehen sie da und zeugen wider ihn: Du hast deine Art nicht gewahrt! Du hast die Ehrenschuld deines Hauses nicht abgetragen! Du hast gegen dein besseres Wissen geschwiegen, als ich die Lästerung gegen Gott und Menschheit ausstieß -- und rühmst dich deiner Unschuld?
Malte hebt beide Hände abwehrend, schützend -- es nützt ihm nicht. Aus der Tiefe seines Inneren kommt eine Antwort, vor der es kein Entrinnen gibt, und sie sagt nur das eine Wort: Mitschuldig!
Plötzlich fühlt er es in unheimlicher Deutlichkeit: Ja, ich bin mitschuldig. Mitschuldig nicht, weil ich die Not verursacht, sondern mich fern von ihr hielt; mitschuldig nicht, weil ich den über das Volk hereinbrechenden Jammer heraufgeführt, sondern mich durch das Glücksverlangen betören ließ, am Seil der Unredlichkeit mitzuziehen. Der gerechte Richter wird uns einmal nicht verurteilen nach dem, was wir taten, sondern nach dem, das wir unterlassen haben.
Alle die Schreier, die sich über das Unrecht in der Welt entrüsten, wird er fragen: Was hast du ~dagegen~ getan? Und stehen sie dann schweigend da, wird er nur das eine Wort finden: Mitschuldig!
Malte tastet nach dem Stift. Wie seine Hand flattert! Wie widerwillig die andre, die schwer wie Blei lastet, gehorcht! Mühselig zieht der Stift in krausen Zügen die Wörter auf das Papier: Frau Jobst ...
Ssssiii -- -- jüh! Das Haus erbebt unter dem Anprall der Sturmbö. Vor Maltes Augen dunkelt es, als entrolle sich ein endloser scharlachfarbener Mantel. Der fliegende Holländer steht am Mast: Wo geht der Weg nach Heilisoe? Ein Gedanke zuckt durch Maltes Hirn: Auch du bist mitschuldig. Der Fluch des alten Blutes spukt in dir wieder. Hinein in die Brandung, in den Untergang, in die Erlösung!
Ja, die Erlösung. Das Galionbild, die güldene Fey, kommt auf ihn zu, er sieht sie wie durch Nebel. Dann schließt der Scharlachmantel alles zu, und er gleitet langsam vom Stuhl zur Erde. --
Güldenfey kniet neben ihm und hält seinen Kopf in ihrem Arm. Sein edles Gesicht, das völlig entblutet erscheint, ist eigentümlich schmerzhaft verkrampft, als habe es ein furchtbares Ereignis mit dem Brandeisen des Schrecks gezeichnet. Ist er schon durch das erhabene Tor gegangen, oder steht er noch davor? Sie neigt das Ohr auf seine Brust und hört sein Herz wie fernes Brunnenrauschen gehen.
Zart legt sie ihn nieder und eilt, um Hilfe zu holen. --
Als sie ihn droben gebettet haben, geht sie noch einmal in die Schreibstube zurück, das Licht zu löschen. Da erblickt sie seine letzten Schriftzüge. Frau Jobst? Was wollte er schreiben? Und plötzlich enthüllt sich vor ihrem schauenden Blick die letzte Stunde Maltes an seinem Schreibtisch, was er empfunden und was er gewollt. Sie geht nach oben und setzt sich neben seinem Lager nieder.
Seine Seele irrt auf nächtig verschleierten Wiesen, die ohne Pfade sind, seine geöffneten Augen suchen über den Rand der Zeit hinaus. Aber vielleicht suchen sie die Versöhnung!
Güldenfey wagt es und senkt ihren Mund auf ihn. »Malte,« klingt ihre hohe Stimme leise und doch eindringlich, »du schriebst Frau Jobst. Soll sie etwas? Ich weiß sie zu finden.«
Ein Zucken läuft über das verzogene Gesicht, eine leise Bewegung des Lides zeigt, daß er verstanden hat.
»Sei ganz ruhig,« tröstet sie, »ich gehe zu ihr.«
Als sie das Zimmer verlassen will, tritt ihr Ose entgegen. »Du, Ose?«
»Ich bin gekommen, daß du dich nicht ängstigst«, sagt die Alte. »Er wird nicht sterben. Ich habe die Probe gemacht: die Diele im Treßhof gibt keinen Laut!«
* * * * *
Am Morgen, als sich zwischen das Graugewölk im Osten fahle gelbe Lichtstreifen wie die Brände verschwelender Fackel schoben, hatte der Sturm sich ausgetobt. Wie ein mißhandeltes und verstoßenes Weib lag die Erde da: Wege verweht, Bäume verwüstet, Menschenwerk zerstört. Ein feiner Regen sprühte hernieder und hing sich wie Tränengeriesel an die geknickten Zweige der Sträucher. Es war ein leises Weinen in der geschändeten Natur.
Güldenfey ging, sobald es ihr an der Zeit schien, den Weg gegen die Schwedenschanze zu. Oses tröstliche Verheißung war gut, aber Malte schien von großer Unruhe hin und her geworfen zu werden.
Im trüben Licht des Morgens schien ihr die Straße verändert; sie fand sich nicht zurecht, und eine Sorge schreckte sie, daß sie wieder vergebens den Weg hinter der Frau her suchen müsse.
Doch dort drüben das Haus, das mußte es sein. Als sie eintrat, erinnerte sie das stürmische Läuten der Türglocke, daß sie gefunden habe, was sie suchte. Jede ängstliche Besorgnis war von ihr gewichen, als sie an die Stubentür pochte. Sie kannte die Stimme, die von innen zum Eintritt aufforderte.
Frau Jobst stand zum Ausgang gerüstet in der Stube und sah verwundert dem frühen Gast entgegen. Sie erkannte Güldenfey nicht; als diese ihren Namen nannte, hob sie erschreckt die Hand.
»Ja, ich bin Güldenfey Treß. Sie sagten damals, ich dürfe erst wieder zu Ihnen kommen, wenn wir auf gleicher Stufe ständen, weil arm und reich nebeneinander sich nicht schicke. Nun trete ich als eine Arme bei Ihnen ein. Haben Sie es schon gehört? Wir haben alles verloren.«
Die Augen der Frau weiteten sich. Es war keine frohlockende Genugtuung, es war Entsetzen, was sie ausdrückten. »Mein Gott!« sagte sie. »Ist es wahr?«
»Ja, es ist wahr. Und nun dürfen Sie auch nicht fürchten, daß ich Sie mit etwas, das ich bringe, beschämen will; nein, ich möchte von Ihnen holen. An Ihren Edelmut wende ich mich.«
Frau Jobst blickte Güldenfey an wie eine, die aus schweren Träumen erwacht; ihre Finger tasteten unsicher an den Säumen ihrer Jacke entlang. »Ist es wahr?« stammelte sie. »Es gibt eine Gerechtigkeit? O Gott, mir ist jetzt bange vor ihr.«
»Es gibt eine Gerechtigkeit,« sagte Güldenfey; »sie ist nur höher und größer als die unsre. Doch warum erschreckt Sie das? Arm sein ist keine Strafe, und die geistlich Armen sind selig, weil sie die Empfänglichen sind.«
»Bitte, setzen Sie sich doch«, stammelte die Frau.
Aber kaum hatte sich Güldenfey auf den nächsten Brettstuhl niedergelassen, als durch den Leib der Frau ein Schüttern ging, wie wenn sich der Wind auf eine einsame Weide wirft. Ganz ihrer seelischen Erschütterung überlassen, warf sich Frau Jobst vor Güldenfey in die Knie und barg ihr überströmendes Gesicht in des Mädchens Schoß. Aus ihrem Schluchzen drangen verwirrte Worte. »Vergeben Sie mir, vergeben Sie mir! Ich habe es verschuldet. Mein Haß hat so lange böse Wünsche ausgeschickt auf das Treßhaus, bis sie zur Tat wurden und das Unheil herbeizogen. Aber Sie hat es nicht treffen sollen, Sie nicht. Und nun ...«
Es war unmöglich, gegen diese wilde Verzweiflung anzureden. Güldenfey strich beruhigend über das verunehrte Gesicht.
»Damals, im Hause am Markt, sagten Sie mir: ›Fluchen Sie nicht, denn jeder Fluch fällt auf den zurück, der ihn ausschickt.‹ Das hat mich ergriffen. Aber als mein Mann so elend starb, da hab' ich es doch getan, nicht einmal, sondern hundertmal. Und als Sie mich hier im Frühjahr fanden, schickte ich Sie fort, weil ich mich vor Ihnen schämte. Nun müssen Sie mir sagen, daß alles sich erfüllt hat, und auf mich fällt es zurück, und mich zerschmettert es.«
In dem Bett im Winkel richtete sich ein Kinderkopf auf, und eine schlaftrunkene Stimme sagte: »Mutter!«
»Das Kind!« raunte Güldenfey.
»Sie soll es wissen, was danach kommt«, schluchzte die Frau.
»Sie sollen sich nicht so erregen lassen«, sagte Güldenfey heiter, und ihre Hand strich sänftigend über das rauhe Haar. »Meinen Sie denn, Ihre Wünsche, die aus einem verbitterten Herzen kamen, hätten etwas über unser Schicksal vermocht, wenn dieses Schicksal nicht zu unserm Besten gedient hätte? Und wenn Sie schon sich schuldig fühlen wollen, so biete ich die Gelegenheit, daß Sie Böse in Gut wandeln können.« Ruhig begann sie zu erzählen, von Maltes Not und Zusammenbruch, von seinem Verlangen nach beruhigender Vergebung.
Das Weinen der Frau wurde leiser, wie eine Klage über ihr zerstörtes Leben und ihr zerronnenes Selbst klang es. Was bedeutet alles Regen des zügellosen Blutes und das Aufbegehren eines entschränkten Willens, wenn beide dem Zeitlichen entwuchsen und nur auf Zeitliches zielten!
»Und was kann ich dem Kranken bestellen?« fragte Güldenfey endlich.
»Sagen Sie ihm, was Sie gesehen haben«, antwortete die Frau. »Unser Wollen ist nichts als ein Wollenmüssen. Ich bitte, daß er mir vergebe.« -- --
* * * * *
Güldenfey saß an Maltes Bett, strich über seine erblaßte Stirn und goß Balsam in seine Unruhe. Sie jubelte innerlich, als sie bemerkte, wie die Ruhe seine wunde Seele sättigte. »Nun quält es dich nicht mehr?« fragte sie.
Er wandte ihr dankbar sein Gesicht zu und machte eine Bewegung, die sie als Zustimmung deuten konnte. Seine Blicke glitten von ihr fort, hefteten sich auf einen Punkt, füllten sich mit kinderhaftem Staunen, und ihre Starre löste sich in einem freudigen Glanz.
Was ist ihm nur? dachte Güldenfey und wandte sich um, daß sie erkenne, was ihn fesselte. Da sah sie, daß Frauke in der Tür stand.
»Ja, ich bin es«, sagte Frauke. »Es hat mich nicht in Hamburg gelitten, ich bin gleich wieder zurückgefahren. Was du mir sagtest, Güldenfey ... oder besser, daß du mir nichts sagtest, das ließ mir keine Ruhe.«
Sie trat schnell auf das Lager zu und beugte sich darüber, stutzte aber erschreckt, als sie Maltes entstelltes Gesicht sah.
»Das?« fragte sie.
Güldenfey nickte bedeutsam.
Da hatte Frauke Poppelmann sich schon gefaßt. »Sei ganz ruhig, Malte«, sagte sie. »Ich weiß jetzt, daß ich zu dir gehöre.«
Ihre Stimme war verändert, weich, wie durch ein großes Geschehen geklärt und gesänftigt.
Eine gelähmte Hand tastete sich mühsam auf die dargebotene Frauenhand zu.
Und es war eine wundersame Stille um alle.
Der Weg nach Heilisoe
Abschied!
Was verbirgt und offenbart dieses Wort? Ströme von Tränen; Abgründe des Schmerzes; seelische Landschaften, zerklüftet und vereinsamt unter hoffnungslosem Wolkengrau; einen Riß durch quellende Adern, einen Damm aus fruchtlosem Gestein gegen das wandelnde Leben. --
Was Güldenfey in der Stunde durchlebt, da sie abschiednehmend den Steig des vergessenen Gartens auf und nieder schritt -- keiner hat es je erfahren. Tausend farbige Blumen voll Duft waren im Werden begriffen, aber sie sollte keine von ihnen mehr pflücken und in die Häuser der Armen tragen, daß sie ein wenig Freude darböten. Ja, der Abschied von dem vergessenen Garten war das schwerste! Ihr hilfreiches Denken und Planen war von hier ausgegangen, hatte sich hier als heimlicher Same in die Erde gesenkt und Frucht getragen, hundertfach und tausendfach!
Harro hatte geraten, daß sie ihn nicht wiedersehe, aber ... nein, das verstand Harro nicht. Sie hatte sich die Stunde ungestörten Alleinseins zwischen den alten Mauern ausbedungen. Sie wollte die Schwere des Opfers, das ihr diese Preisgabe war, auskosten. Alle trugen und litten, sie aber sollte mit Jörg in ein fruchtbares Leben gehen; sie forderte ihren Anteil an dem allgemeinen Leid, dessen Härten sie nicht wie die andern empfand.
Nun ging sie zwischen den Beeten auf und nieder und sann. Es würde hier anders werden, ganz anders. Bauende Hände würden schaffen, was sie für nützlich hielten, und im Hochsommer würde um die Mittagszeit der Würzduft der Suppenkräuter zwischen diesen Mauern aufsteigen.
Doch vielleicht gefiel gerade dieser Geruch den alten Männern dort oben, die verdämmernd auf der Kante ihrer Lagerstatt saßen, besser als der Blumenduft. Und in den verwitterten Fräulein, die um den Abend ihre Fenster öffneten, ihre Wanduhren aufzogen und von den Veilchenwochen ihres Lebens träumten, weckte wohl der Duft der nützlichen Gewächse auch Erinnerungen, die ihnen lieb waren.
Das war die große Gnade, die Güldenfey zuteil geworden, daß ihre Gedanken immer den Weg in sonnige Hellen fanden. Sie blieb an der Pforte stehen und blickte träumerisch über den geliebten Fleck Erde. Nie wieder, nie wieder! Doch das Bewußtsein schnitt nicht mehr wie ein scharfes Messer. Als sie abgeschlossen hatte und den Schlüssel in die Tasche steckte, war nur noch ein freundliches Lächeln da und war ein Dank an die Erde, die sie so oft froh gemacht hatte.
Als sie den Treßhof erreichte, sah sie gerade, wie Telge die alte Wohnstatt verließ. Er trug sein Bündel unter dem Arm. An der Torfahrt blieb er stehen und sah zurück. Dann spie er heftig von sich. »Daß du die Motten kriegst!«
»Aber, Telge,« sagte Güldenfey, »Sie wollten doch nicht gehen, ohne mir Lebewohl gesagt zu haben!«
Telge war erschrocken, dann faßte er sich. »Doch!« sagte er voll Trotz.
»Aber warum? Habe ich ...«
Sie hielt inne, da sie bemerkte, wie ein gewaltsames Zucken durch sein bärtiges Gesicht spielte.
»Von den andern, ja. Aber von Ihnen, gnädiges Fräulein -- nein; das konnte ich nicht. Und jetzt kommen Sie doch gerade an.« Er konnte sich nicht meistern. Große Tränen rollten in seinen Bartkranz.
»Telge, alter treuer Telge!« sagte Güldenfey. Und nun weinte sie auch. --
Abschied, Abschied!
Die Räume des Hauses waren entleert, die Dinge, die sie geschmückt und traulich gemacht hatten, rollten einem fernen Lande zu oder standen in den Schatten der Böden. Man mußte Raum für Malte und Frauke schaffen, die nach ihrer Heimkehr aus dem Bade hier einziehen wollten. Nur einige Zimmer waren unberührt in ihrem Zustande erhalten geblieben.
Ose ging wie der gute Geist der alten Zeit durch das Haus und schaltete in allem. Die Geschwister waren in einen edlen Wettstreit geraten, wer von ihnen die Alte zu sich nehme. Sie hatten ihn schlichten wollen, indem sie Ose die Wahl ließen, doch damit hatten sie die Alte vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens gestellt. Ihr Herz zog sie zu Güldenfey und Jörg, und doch -- die Heimat! Schließlich hatte sie sich entschieden, während des Sommers zu den Jüngsten zu gehen und den Winter im Treßhof zuzubringen.
»Nun, war er hart, der Abschied von deinem vergessenen Garten?« fragte sie, als Güldenfey heimkam. »Der Weg, den du jetzt gehst, hat viele böse Stufen und ist nicht leicht.«
»Man darf gar nicht daran denken, Ose«, erwiderte Güldenfey. »Es ist noch soviel Grund zur Freude da: daß uns der Treßhof verbleibt, und daß Malte wieder gesundet.«
Sie dachte daran, wie sie vor kurzem Malte und Frauke zur Bahn begleitet hatte. Er konnte schon an zwei Stöcken gehen und war voll dankbarer Milde. Und Frauke ... ja, wenn man an sie dachte, dann wurde man wundergläubig, wenn man es nicht schon gewesen war.
»Du Glückskind!« sagte die Alte kopfschüttelnd.
»Ja, das bin ich«, erwiderte Güldenfey und berührte dankbar den Stein auf ihrer Brust.
Sie erfuhr von Ose, daß Jörg und Harro im Beratungzimmer seien, und ging hinab. Die Brüder standen betrachtend vor den alten Bildern, vor Behrend Treß, dem Oberst des Gyllenstiernaschen Regiments, und vor Karl Heinrich, dem Major bei den Bohuslenschen Schützen.
»Ob die alten Herren nicht auch manche Schlappe im Leben erlitten, wie jetzt wir?« fragte Harro. »Sie schauen wie echte Treß drein, die darum den Kopf nicht hängen lassen, sondern frisch das Leben bei einem andern Zipfel packen. Ja, die äußeren Dinge lassen sich alle meistern, Jörg; aber es gibt andre ...«
Er wandte sich um und sah Güldenfey, wie sie die Treppe herabkam.
»Güldenfey ist unser Treßsches Gewissen, vor der darf man die feinsten Bedenken aussprechen«, fuhr er fort. »Ich wollte sagen, es gibt Erinnerungen, über die kommt man einfach nicht fort: der Soldat, den ich auf einer Streife abschoß; Malte, der hier unter der Last der Verantwortung saß, und den ich noch kränkte. Und dann Marfa, vor allem Marfa. Jetzt, da wir das Haus räumen, wo ihre verängstete Seele trauerte, fällt es mich hart an, wie wenig ich ihr gab. Und hatte sie doch lieb!«
»Vorbei, vorbei!« sagte er nach einer Weile und schüttelte sich, als wolle er die Erinnerungen gewaltsam von sich lösen. »Ein Neues liegt vor uns: wir bauen einen neuen Staat, nicht wahr, Jörg?« Seine Hand legte sich stark auf Jörgs Schulter.
»Ach, Harro,« entgegnete dieser, »vergiß nicht das Eine, was not ist. Wir bedürfen neuer Staaten, neuer Wirtschaftsweisen und neuer Religionen nicht, aber wir bedürfen des neuen Menschen. Haben wir den, so wird alles andre von selbst kommen. Doch von dieser Aufgabe wollen die Weltverbesserer nichts wissen, und darum bleibt ihre Arbeit Stückwerk.«
»Du hast recht«, sagte Harro. »König Midas bekam Eselsohren, weil er die Musik der menschlichen Flöte, nach der sich alle drehen, schöner fand als die Töne der göttlichen Harfe. Ach, zuweilen erscheint es mir, als trügen die meisten Menschen die Eselsohren der Verblendung.« --
Noch eine schwere Stufe mußten Jörg und Güldenfey auf ihrem Abschiedsweg überwinden, als sie in den Heiligen Geist gingen, um Engelke zum letztenmal die Hand zu reichen.
Engelke war klein und gebückt geworden. Ihr Gesicht sah verschrumpft aus wie der Winterapfel, den man um Ostern in einem Winkel der Lade entdeckt. Sie sagte wenig, sie blickte von einem ihrer beiden Besucher zum andern, als wolle sie sich das Aussehen der beiden unvergeßlich in die Seele prägen. Sie hatte sie nicht unter ihrem Herzen getragen, aber ihr einsames Magdtum hatte diese Kinder mit einer starken Mütterlichkeit umfangen, und da sie ihnen diente, lange und treu, hatte sie ein Anrecht auf sie erworben. Nun wollten sie in unausdenkliche Fernen ziehen. Wie unfaßbar doch Gottes Wege sind! Erst mußte sie den Treßhof verlassen, nun stieß es die Jungen gar aus der Stadt.
Engelke sah auf das Neue Testament, das aufgeschlagen vor ihr auf dem Tische lag, und Güldenfey verstand ihre Gedanken.
»Wir kommen im nächsten Sommer wieder, Engelke«, sagte sie. »Und bedenke, wir sind ja nicht weit. Einen Tag Bahnfahrt! Und du tröstest dich doch auch deines Gottes, der über allen Sonnen ist.«
»Da irrst du, Kind«, sagte die Alte streng. »Gott ist immer bei mir. Jawohl, hier in dieser dürftigen Altersstube ist er.«
»Und unsre Gedanken, sind die nicht um dich?« fragte Jörg.
Engelke wiegte den Kopf. Sie mochte nicht sagen, daß die guten Gedanken aus der Ferne nicht genügenden Ersatz für den Verlust boten.
»Als wir dich hierherbrachten, Engelke,« sagte Güldenfey, »da gingen Jörg und ich nach Heilisoe. Dorthin wollen wir morgen auch fahren, uns noch ein paar Tage des jungen Sommers freuen und dann das Haus dem neuen Besitzer übergeben.«
Engelke nickte und blickte Güldenfey bedeutsam an. Ja, man mochte sprechen, was einem nur in den Sinn kam, vom Abschiednehmen wurde jedes Wort durchtränkt. Sie erhoben sich.
Und als sie durch den Säulenhof schritten, stand die Alte gebückt und mit schlaff herabhängenden Armen in ihrer Tür und sah ihnen ein letztes Mal nach. Sie schluchzte nicht, sie weinte nicht, aber sie fühlte das Schwert durch ihre altersmüde Seele gehen.
* * * * *
Spuren der Sturmflut tilgt die Zeit von Häfen und Gärten; Leidspuren wischt sie von den Angesichtern der Menschen. Auch Heilisoe wies kaum noch etwas von den Beschwerden eines mehr als harten Winters auf, als der nordische Sommer es zu zieren begann. Zwar erschienen die Dünen noch wilder zerklüftet als bisher und trugen Risse, Narben und Falten wie ein hundertjähriges Greisenantlitz. Und neue Steine waren aus dem Erdreich gebröckelt und zu Strand gestürzt, freuten sich des Lichts und lauschten den Erzählungen des Windes und der Wellen von Geißeljagden zorniger Sturmtage und schwimmenden Tangwiesen draußen auf der See, um die stumme Fische auftauchten.
Ja, es war ein wenig anders geworden auf Heilisoe. Aber das übersah man bald, denn der fröhliche Wuchs überkleidete alles. Der kriechende Wacholder sproßte wieder, die stachligen Ölweiden schimmerten blank, der Ginster begann goldig zu knospen, und die Rose des Tals blühte. Und vor allem: die einzige Bläue, die das Eiland umgab, hatte sich wieder aufgetan, die Meeresbläue, die eine ganze Klangfolge vom Lichtgrün bis in das dunkelste Violett durchlief, erdhaft durchblutet, von unerforschlichen Gründen angedunkelt; und die Himmelsbläue, von Gold und Milch durchmengt, aufquellend und doch unbewegt und voller Ahnungen.
Jörg und Güldenfey hatten sich ein wenig vor diesen traumschweren Tagen auf Heilisoe gefürchtet. Sie waren zu innig mit diesem Eiland des Heils verwachsen -- wie schwer mußte der Abschied von ihm fallen!
Doch es war anders. Jetzt, da sie keine Fußbreite Landes von der Insel mehr besaßen, war sie ihnen nicht Verlust, sondern ein Ziel. Sie hatten den großen Frieden der Insel, der höher war als das Treiben der lauten Welt, bisher empfunden als etwas, das ihnen zustehe. Nun erkannten sie, daß es Erringenswertes sei.
»Der Weg nach Heilisoe, den Balzer Treß suchte, ist das Heimweh«, sagte Jörg. »Wir werden es auch lernen müssen, Güldenfey, aber es wird uns nicht in langes verzweifeltes Suchen hetzen, denn wir wissen, wo unser Eiland liegt.«
Sie klommen durch die schmale Schlucht hinter der Svantewitbucht aufwärts. Droben empfingen sie blaue Glockenblumen unter niedrigem Gebüsch, vor ihnen aber stürzte in jähem Fall die narbige Dünenwand zur schäumenden See hinab. Sie sahen stumm und ergriffen zu, wie der Feuerball, der unsrer Erde Leben gibt, in das Meer tauchte. Dann wandelte sich der Himmel in eine blaßgrüne Fruchtschale, an deren Rand sich purpurnes Gewölk sammelte.
Und hier begann Jörg zu Güldenfey von den Aufgaben des Lebenskreises zu sprechen, den sie beschreiten wollten. O, er hatte ihr schon oft davon gesprochen, doch immer wieder fand er einen neuen Ausdruck dafür. Ja, die Jugend wollten sie sammeln, die nach der Bitternis dieser Zeit ihre Wurzeln tief in das Erdreich grub, um edle Früchte für die Zukunft zu reifen.
»Sieh, Güldenfey, das ist der Segen dieser Zeit«, sagte er. »Sie wollten uns arm an äußeren Dingen machen und haben es ja auch erreicht, aber sie weckten zugleich die schlafende Empfänglichkeit der Seele, das, was man geistige Armut nennt. Und das wird unser Heil sein.«
»Sind denn aber auch leiblich Arme in deiner Stadt?« fragte Güldenfey besorgt. »Du weißt ...«
Er ergriff fröhlich lachend ihre Hände. »Ja, ja, ja! Arme sind überall, und du sollst ihrer pflegen. Du und ich, wir wollen Gottes Reich bauen. Denn Gottes Reich ist nichts als Gott selbst mit seinem Reichtum, und es schaffen, heißt, das Göttliche auf der Erde darstellen.«
Als die Erde den letzten Tropfen des himmlischen Glanzes aufgeschlürft hatte, gingen sie heim, kamen über das weiße Feld der Wanderdüne, wo der Sand junge Föhren erstickte und sich vom Weidengeflecht der Faschinen nicht hemmen ließ. Eine Stätte des Todes? Nein, wo es wandert, ist Leben, wenn auch das regsame Element nur dürres Gekörn ist. --
Diese Morgenfrühe des letzten Sonntags auf Heilisoe!
Sie hatten sich zeitig erhoben, um den Tag voll auszukosten, und gingen ihm durch den Wald entgegen. Die hellen Nadelbüsche der Föhren schwankten leise im Wind, und die gelben Kelche des Hahnenfuß streckten sich der Sonne entgegen; eine Grasmücke sang, und der Wanderfalk strich geschäftig um die Büsche, hinter denen das Flügelschlagen eines Fasans erklang. Das Meer aber lag unter der Last des Lichts träge und gesättigt da: der Wind schlief noch zwischen den Hügeln.
Jörg und Güldenfey schritten die Kante der Dünen entlang, die wild und zackig wie eine chromatische Tonfolge verlief.
»Thors Wagen hinterließ hier seine Räderspur«, sagte Jörg.
»Aber diese wilden Spuren bahnten dem friedlichen Leben die Straße«, erwiderte Güldenfey. »Sieh doch, Jörg!«
Und sie wies auf die vielen Erdschwalben, die über der Tiefe in den Dünenrand ihre Nistlöcher gegraben hatten und jetzt zwitschernd ab und zu flogen.