Der Weg nach Heilisoe

Part 18

Chapter 183,748 wordsPublic domain

Sie betraten den Hausflur, der wohl als Warteraum gedacht war. Man blickte durch hohe Fenster auf den Hof und auf alte Bäume eines dahinterliegenden Gartens. Jörg überhörte geflissentlich die Lüge des hochmütig, gekränkt Dreinblickenden, Herr Usadel sei gar nicht anwesend.

»Wollen Sie melden: Herr Treß. Fräulein Treß wird mich erwarten. Oder ...« Er bot Güldenfey den Arm und schritt an dem Bedienten vorüber den Stufen zu, die zu den Gemächern führten.

Geschmeidig wie ein Panther glitt jener voraus und verschwand hinter einer halbgeöffneten Tür. Man hörte ihn in dem zweiten Zimmer, in das man blicken konnte, leise, doch erregt sprechen. Eine Stimme antwortete ihm, dann erschien er in der Tür und machte eine Handbewegung. Jörg trat ein; Güldenfey blieb in dem ersten Zimmer zurück.

Hinter einem breiten Tisch saß ein Mann in einem Anzug aus ungefärbter Seide, Morgenschuhe an den Füßen; die massigen Hände lagen ineinandergelegt auf einem ausgebreiteten Briefe. Er sah nicht überrascht, sondern völlig gleichmütig auf den Eintretenden.

Jörg nannte seinen Namen und fragte, ob er Herrn Usadel sprechen dürfe. Eine kaum merkliche Bewegung, die nicht verneinend, nicht zustimmend gedeutet werden konnte, antwortete. Jörg bat um die Erlaubnis, sich setzen zu dürfen. Wieder die unbestimmbare Bewegung.

»Ich bin im Namen meines Bruders Malte hier, er hat Sie nicht erreichen können. Er ist durch die Kündigung des Vertragsverhältnisses in Verlegenheit gekommen und bittet, diese rückgängig zu machen.«

Während Jörg sprach, betrachtete er Usadel. Das also war der Allmächtige, der die Geschicke der Welt mit einigen andern gemeinsam lenkte. Welche Gedanken mochten hinter den verdeckten Augen sich kreuzen? Unbeweglich wie eine Amphibie lauschte er. Oder hörte er gar nicht? Doch, er hatte verstanden!

»Sie sind nicht an die richtige Stelle gegangen«, erwiderte er, als Jörg innehielt. »Ich habe mit der Sache nichts zu schaffen.«

»Aber mit meinem Bruder schlossen Sie doch den Vertrag.«

Usadel bewegte bedauernd die Hand. »Unser Ring ist sehr umfassend.«

Jörg machte eine Bewegung, die Augenlider schnellten hoch. Trug der Mensch dort eine Waffe bei sich?

»Sie haben aber Einfluß, den Sie ausüben könnten.«

»Bedaure, nein.«

»Sie ~wollen~ ihn nicht wahrnehmen.«

Die fleischigen Hände machten wieder die nichtssagende Bewegung; dabei erblickte Jörg die abgestumpften Daumen des Mannes, diese kurzen kralligen Glieder, die Kennzeichen versklavter Abstammung oder Reste tierischen Herkommens sind. Plötzlich erhellte sich ihm die Erscheinung dieses in träger, abwehrender Ruhe verharrenden Menschen: sein brutales Kinn, die Unbeweglichkeit dieses verdeckten faltigen Gesichts. Usadel, was besagte dieser unwirkliche Name? Welches Stammes Siegel trug diese Stirn? Der Mann war auf keine Formel zu bringen; wie alle großen Menschheitverderber war er eine fleischgewordene Idee des Bösen, ein vermenschlichter Fluch.

»Sind Sie fertig, Herr Treß?« fragte er. »Ich habe wenig Zeit.«

»Ich bin allerdings am Ende«, erwiderte Jörg. »Könnte ich Ihnen menschliche Empfindungen zutrauen, so würde ich Sie daran erinnern, daß Ihr fluchwürdiges Gewerbe, das Menschen wie die Blätter eines Kartenspiels benützt und sie nach dem Gebrauch auf den Kehricht wirft, Ihnen den wohlverdienten Lohn einmal heimzahlen wird. Aber Sie stehen unter unserm Maß, Sie gehören nicht zu uns.«

Er sah, wie eine seltsame Bewegung den Mund Usadels verzog. Dann wandte er sich grußlos und ging.

Im Vorzimmer stand lauernd, wie ein Raubtier zum Sprung bereit, der Diener.

»Komm, Güldenfey!« sagte Jörg.

Auf der Straße klammerte sich Güldenfey an seinen Arm. »Jörg, ich habe ihn unausgesetzt betrachtet, er schien mir so bekannt. Sahst du ihn schon einmal? Der Mann deiner Zeichnung, der auf dem Häuserturm sitzt und angebetet wird, das ist er!«

»Du hast ihn erkannt«, sagte Jörg. »Ja, ich habe ihn schon erblickt, damals als ich verwundet im Felde lag. Der mir den furchtbaren Tausch anbot, das war er!«

Der fliegende Holländer

Prasselnd fuhr der Sturm durch die Gassen und Märkte der alten Stadt. Sie hatten manchen Sturmtag erlebt, die alten wehrhaften Türme, die als Wahrzeichen gegen Land und See blickten. Aber wenn er wie an diesem späten Novembertag schneidend kalt aus Nordost blies, die Dohlen von den Schalluken verjagte und die Möwen zu Land trieb, dann fingen sie an zu klagen.

Ssssiii -- jüh! Die Sturmflut kommt. In den fünffachen Böden der alten Giebelhäuser polterte, knackte und stöhnte es, als seien die Geister aller derer, die während sechshundert Jahren hier gehaust, erwacht und träten einen Rundgang an. Fenster bogen sich unter dem Anprall des Sturmes; was in morschem Rahmen saß, ward herausgepreßt und klirrend hinabgeschleudert. Die Läden vor!

Ssssiii -- jüh! Die Böen schlugen wie Fäuste gegen die Schlote und knickten sie, als sei es dürres Rohr. Dachziegel, Gossen und Rinnen flogen polternd hinter ihnen drein auf die Straße unter schreckhaft flüchtende Menschen, denen das höllische Hohngelächter des wilden Gejaids nachklang.

Wo der Sturmesruf nicht so nachdrücklich vorherrschte, vernahm man das ferne dumpfe Brausen, das grollende Zornesgeschrei der aufgewühlten See, die zwischen Insel und Festland herandonnerte, ihre Pranken gegen die Bollwerke schlug und in die Kaimauern Loch neben Loch brach.

Wie verdunkelt der Himmel herabhing, und war doch Mittagszeit! Das gelblichgraue Gewölk war wie Rauchschwaden eines giftigen Brandes, der irgendwo in der Ferne schwelte. Darunter hasteten Wolkenflocken als eine unheimliche Flucht sich lösender und wieder ballender Schatten. Der Sturm trug Schaumfetzen und den herben Geruch des Meeres über Dächer und Türme.

Malte verließ am frühen Nachmittag das Haus am Markt. Auf der Schwelle der Geschäftsräume blieb er stehen und schaute zurück. Über den Pulten und Tischen flammten die Glühkörper, die heute vom Morgen an Licht gespendet hatten. Die Arbeitenden hoben zuweilen die Köpfe, als lauschten sie dem Brausen, das jeden Raum erfüllte. Hatte sich jetzt schon die straffe Zucht gelockert? Ach, es war ja alles gleichgiltig!

Auf dem Flur zögerte er. Frauke? Nein, sie hatte so bestimmt geäußert, sie wolle allein kommen; es war besser, er ging.

Aber die Stunde, in der man über ihn zu Gericht sitzen sollte, schlug noch nicht; er hatte noch Zeit. Er wollte, er mußte in die freie Luft, sich durchwehen lassen, im Trotz der Elemente die Fassung gewinnen, die ihnen die Stirn zu zeigen wagte. Er wandte sich dem Hafen zu.

Keiner beachtete heute den andern. Die Menschen gingen, mit der Hand den Hut fassend, in den seltsamsten Haltungen, teils vom Sturm getrieben mit eingedrückten Rücken, teils mit vorgeneigtem Kopf gegen ihn ankämpfend; sie glichen gekräuselten Spänen, die ein wildes Feuer ausgestoßen hat.

Das Getöse wuchs, je näher er der See kam. Das Sprühwasser wurde in das Land geworfen: auf den Dämmen wogten breite Lachen, die man umgehen mußte. Die Keller der nächsten Häuser füllten sich.

Die Menschen verständigten sich durch Zeichen. Zuweilen versuchte es einer, die Stimme der See zu überschreien; doch der rasende Sturm riß den Hall fort, bevor er das Ohr erreichte. Man klammerte sich aneinander, um nicht fortgeschleudert zu werden.

War dieser kochende Riesentiegel das Meer? Wogende Abgründe, stürzende Hügel, schäumende, langmähnige Wasserrosse, die schnaubend an das Ufer sprangen und zerschellten. Ungesehen und lautlos konnte in diesem Tumult verschwinden, wem das Leben leid war.

Das Gebrüll der Wasser war ohrbetäubend, der eisige Wind dämpfte den Atem. Malte wandte sich der Stadt zu, wo Möwen schreiend durch die Straßen flogen.

Der Treßhof lag dunkel und zusammengekauert wie ein Fossil der Urzeit, das sich um die Erregungen zahmer Zeiten nicht mehr kümmert. Im Beratungzimmer zeigte sich ein Licht. Aber in den Speichern trieb der Sturm sein Unwesen, zerrte an den Lukenläden und stieß gegen die Mansarden. Ssssiii -- jüh!

Als Malte eintrat, unterbrach sein Erscheinen ein Gespräch zwischen Harro und Ose. Die Brüder begrüßten einander kühl. Malte blickte Ose fragend an: sie hielt in bebenden Händen das Bild des Balzer Treß, dessen Rahmen zerborsten war.

»Der Sturm«, sagte sie tonlos. »Er hat es von der Wand geworfen.«

»Erzähle doch!« drängte Harro.

»Wolle Gott allen Seelen heute gnädig sein, vor allem ihm, dem fliegenden Holländer«, entgegnete sie scheu.

»Und du sagst, er fahre heut noch draußen umher?« begann Harro wieder.

Ose blickte zu Malte hinüber, der sich am Wandschrank in der Tiefe des Raumes zu schaffen machte. »Gott allein weiß, ob nun, da das Bild fiel, seine Prüfung beendet ist«, sagte sie halblaut. »Wenn nicht -- ja, dann fährt er noch. Und immer steuert er in den wildesten Sturm hinein, weil er seinen Untergang sucht. Aber er soll erst Erlösung finden, wenn die goldene Fee an dem Galion der Kogge ihren Platz verläßt und sich zu ihm kehrt.«

Malte horchte auf. Was sagte sie? Aber es blieb keine Zeit zu fragen: die andern kamen, und Ose ging, das beschädigte Bild in der Hand, nach oben.

* * * * *

Es war wie vor vier Jahren. Onkel Rolf legte seine gefüllte Aktentasche vor sich auf den Tisch. Frauke saß in der gleichen Haltung im Lehnstuhl. Güldenfey, Harro ... nur Jörg fehlte. Nein, es war nur scheinbar so. Er, Malte, der sich damals vermaß, den geschädigten Vermögensstand zu bessern, den alten Glanz des Treßhauses wieder zu erneuern, er saß hier als ein Geschlagener. Man trank keinen Festwein auf frohes Gelingen, man klagte ihn des Leichtsinns an. Es war nicht mehr Frühling, sondern die Welt ging in spätherbstlicher Sündflut unter. Der Sturm regierte: Ssssiii -- -- jüh!

Was bedeutete das? Güldenfey setzte sich an seine Seite, nickte ihm ermutigend zu und berührte ihn tröstend. Sah man es ihm an, wie er litt? O, er wollte diesen Gang allein gehen. Onkel Rolf sah ihn an; er erhob sich.

Als er stand, Auge in Auge vor den Geschwistern, die schwere Last der Selbstverantwortung auf der Seele, da überkam ihn die grauenvolle Öde des Alleinseins. Seine Stimme splitterte und brach, er mußte noch einmal beginnen. Er wußte nicht, was er sagte. Seine Verteidigung war eine Anklage gegen die Zeit. Hatte er nicht klüglich hin und her erwogen? -- Doch die Zeitläufte hatten jeder Berechnung gespottet. Hatte er nicht um Rat gefragt? -- Die Klugen waren selbst zuschanden geworden. Hatte er sich nicht in Arbeit verzehrt? -- Was bedeutete heute ehrliche Arbeit! Hatte er nicht gelitten -- --?

»Ja, du hast gelitten«, sagte Güldenfey leise.

Malte setzte sich. Onkel Rolf rieb sein Kinn: jetzt hatte er das Wort. Seine Aufgabe war wahrlich nicht beneidenswert, den Treßkindern mitzuteilen, daß sie so gut wie nichts mehr besaßen. Fast täglich hatte er den bei ihm Rat Suchenden ihren Ruin zu bestätigen, gestern erst seinem Klaus!

Mit trockener Gründlichkeit entledigte er sich des Auftrags. Jetzt horchten sie auf. Was Malte gesagt, war Spiel mit Gefühlen, ja doch, ja doch! Aber man wollte doch die Tatsächlichkeit kennen.

Malte blickte nur auf Frauke, ob sich in ihren Mienen etwas zeige, was ihrer Seele Regung offenbare. Er gewahrte nichts. Wie ein Bild aus Stein saß sie da, die Hand an der Wange. Er hatte, als der Abschluß geschehen, mit ihr zu sprechen versucht, hatte ihr klargemacht, daß ihm der Ring die Gelder ausgezahlt, ja, mehr als er gegeben, zurückerstattet habe, und daß trotzdem dieser Berg von Papier nichts wert sei. Sie hatte ihn starr angesehen und geschwiegen. Geschwiegen, immer nur geschwiegen! Jetzt ...

Onkel Rolf hatte geendet, eine peinvolle Pause dehnte aller Not ins ungemessene. Warum reden sie nicht, warum entrüsten sie sich nicht? dachte Malte. Ihre Blicke, die mich fliehen, sind furchtbarer als ihre Anklagen. Warum ist Frauke noch immer so erstarrt?

Harro war der erste, der die Qual endete. »Habe ich recht verstanden? Unser Barvermögen ist also völlig dahin, und das Grundvermögen ...?«

Onkel Rolf entgegnete umständlich, daß Verbindlichkeiten da seien, die getilgt werden müßten; vielleicht sei der Treßhof zu retten, vielleicht!

Es ging wie ein Schlag durch alle. Vielleicht? War das Leben denkbar ohne den Hof? Ihn einbüßen -- hieß das nicht, die Lebenswurzel ausreißen?

»Also, das wäre das Ende!« sagte Harro heiser. »Wir arm, der Treßhof in fremder Hand. Es ist herrlich weit gebracht.« Er lachte plötzlich wild und ungezügelt auf, aber das war das Schreckliche nicht. Schrecklich war der flammende Blick, der wie ein Schwert auf Malte zufuhr, der Blick und das Wort, das wie ein Auswurf war: »Erbärmlich!«

Malte saß starr da. Nur schweigen, sonst reißt etwas, dachte er.

Aber Güldenfey fing wie eine Schildjungfrau das Verwundende auf. »Harro, wie magst du ihm so weh tun!«

»Ist es nicht wahr?« schrie Harro, der sich jetzt entschränkt fühlte. »Alles ...«

Doch er sprach nicht weiter. Güldenfey hatte sich erhoben und schützend ihre Hände ausgebreitet. »Sprich nicht weiter, Harro. Erst höre uns an.« Sie zog ein Papier heraus und entfaltete es. »Von Jörg,« sagte sie feierlich, »und ich bin befugt, es hier auszusprechen: er verzichtet auf seinen Vermögensanteil. Hier, Onkel Rolf! Und ich, Malte, schließ mich ihm an. Du kannst unsertwegen unbesorgt sein, Malte. Willst du es von mir auch schriftlich haben?«

Alle blickten Güldenfey an, auch Frauke.

»Ja, Jörg!« rief Harro unmutig. »Der verdient sein Brot und ich schließlich auch. Aber du, Güldenfey!«

»Auch das darf euch nicht Sorge machen«, sagte sie. »Jörg und ich haben beschlossen, daß ich zu ihm gehe.« -- --

* * * * *

Ssssiii -- -- -- jüh! rast der Wind. Zwei Menschen kämpfen sich durch die Straßen, zwei Menschen, die nichts mehr miteinander gemein haben, die sich unter dem zerfegenden Druck des Sturms nicht die Hände reichen, sondern die voneinander streben. Ein Dachziegel wird vor ihre Füße geschmettert. Malte ergreift unbewußt Fraukes Arm, um sie zurückzuziehen, fühlt ein deutliches Widerstreben und zieht schnell die Hand wieder an sich.

Eine Tür tut sich vor ihnen auf und schließt sich hinter ihnen, sie sind in ihrer Wohnung. Frauke legt ab und tritt zu Malte. Jetzt wird es kommen, denkt er, will ihren Namen nennen und verstummt, da er sie ansieht.

»Es ist das beste, ich verabschiede mich jetzt von dir«, sagt sie. »In zwei Stunden fährt mein Zug.«

»Du willst nach Hamburg reisen?« fragt er, und als sie nickt, fährt er fort: »Ich dachte es mir, es gibt hier allerlei Bitteres zu kosten. Natürlich, es ist besser für dich.«

»Lebewohl!« sagt sie. »Wir haben uns wohl jetzt weiteres nicht zu sagen.«

»Nein«, erwidert Malte. Er erfaßt den Sinn ihrer Worte nicht.

»Was zwischen uns zu erledigen ist, kann schriftlich geschehen.«

»Gewiß.«

Frauke merkt, daß er noch immer nicht versteht, um was es geht. »Meines Vaters Anwalt ...« Sie hält inne, denn der Blick, der sie trifft, ist entsetzlich. Jetzt hat er begriffen. Sie sieht, wie die Erkenntnis in ihm wühlt.

»Ich hätte es wissen können, wäre ich nicht von zu hohen Erwartungen beseelt«, sagte er endlich bitter. »Frauke Poppelmann kann nur im Glanz des Reichtums atmen; Opfer bringen, nein, das liegt fern von ihrer Art.«

»Es ist nicht nötig, daß du mich kränkst«, sagt sie.

»Kränkt die Wahrheit?«

Plötzlich erwacht das alte Treßblut in ihm, das Seeräubergeblüt, das die Männer ehedem anstachelte, sich die Frauen der Inseln zu rauben und mit gewaltsamer Hand zuzupacken. Wahrlich, es hat bei dieser da wenig gefrommt, abzuwarten und zu werben! Was ist der Lohn? In der Stunde, da Mann und Weib eins sein müssen wie nie, geht sie davon und überläßt ihn den wilden Hunden. O, er war immer allein, immer allein! Jetzt es ihr sagen, sie die Wahrheit bis zum Bodensatz kosten lassen. Und er sagt es ihr.

»Du hast mich nie geliebt, Frauke, nie, nie!«

»Wie wenig du mich doch kennst!« Frauke scheint ganz gelassen, ganz kühl, ihre Augen blicken etwas spöttisch und sind grau wie Meerwasser, das vom Wind bewegt wird. Aber in ihrem Inneren ist eine Flamme entzündet, unter deren Ansturm ihre Brust mühsam ringt. »Wie wenig du mich doch kennst, Malte Treß!« wiederholt sie bebend. »Meinst du wirklich, ich hätte dich genommen damals in Harvestehude, wenn ... ohne daß ich dich geliebt hätte? Nein, nein! Aber die Liebe hat mir freilich jemand genommen: du; und das konnte ich dir nicht vergessen.«

Ist das noch Kälte, oder ist es verhaltene Leidenschaft, die unter ihren Worten klingt?

»Und da wir nun voneinander gehen, kann ich es dir auch sagen, wie es kam, nicht um mich zu rechtfertigen, sondern damit du einsiehst, was deines Unglücks Grund ist. Ich liebe nur den Mann, der darstellt, was er seinem Wesen entsprechend ist, Männer wie Jörg, die ihren innersten Beruf erkennen und sich durchsetzen. Du aber wolltest immer anders erscheinen, als du warst, du wolltest mehr sein, als du bist, immer ein wenig Poppelmann, immer etwas neuzeitlicher Mensch. Du heißt Treß und warst zu besonderem Handeln verpflichtet, doch das war dir nicht genug. Wohl weiß ich, du tatest das, um mich zu gewinnen, und du ahntest nicht, daß du dich dadurch von mir entferntest; denn wenn wir Poppelmanns auch nicht eine so alte Familiengeschichte besitzen wie ihr, wir schätzen darum doch nur, was echt ist.«

Er starrt sie an und weiß nichts zu entgegnen. Er berührt die Hand, die sie ausstreckt, und senkt die Augen. Er hört das Klingen ihrer Armreifen, das seidige Rauschen ihrer Kleider; die Fäden des Perlvorhangs klirren hinter ihr aneinander: er weiß, daß sie ihm verloren ist. --

Frauke steht im Zimmer und überschaut ihre Koffer: dies soll ihr gesandt werden und dies; und jenes nimmt sie mit sich. Morgen ... Sie hält in ihrem Hin- und Herschreiten plötzlich inne. Es wird eine Leere morgen hier sein, die er schmerzhaft empfindet. Sie rafft sich zusammen: es wird auch für ihn ein Übermorgen geben, und er wird vergessen.

Sie wendet sich um, als sie eine Bewegung der Tür wahrnimmt, denn sie erwartet Telge. »Güldenfey? -- Es ist gut, daß du kommst, Güldenfey; ich wäre am Treßhof vorgefahren, dir Lebewohl zu sagen. Ich will ...«

Ist es nötig, das auszusprechen? Die strahlenden Augen Güldenfeys sind ganz verändert, voll Dunkel und Schweigsamkeit und reden doch so laut, daß Frauke, die überlegene, ihrer selbst so sichere Frauke, den Blick senkt.

»Du willst fort? Jetzt willst du fort?«

Frauke bejaht. Sie wappnet sich mit Trotz. Will diese Junge, die nichts von Männern und von der Ehe weiß, ihr Vorhaltungen machen und sie meistern? Sie wendet sich ab, spricht ein paar abgerissene Worte, in denen sie ihren unabänderlichen Entschluß kundtut, ballt den Verdruß der letzten Wochen, den sie in sich aufgespeichert, zusammen und schleudert ihn von sich.

Güldenfey erwidert nichts, ihr Blick wird nur um einige Schatten dunkler. Habe ich mich in Frauke doch geirrt? Las ich die Schrift nicht recht, wenn in kurzen Augenblicken ihre Seele offen vor mir lag? ... Aber sie, die in allem Gottes Odem spürt, findet auch jetzt das Rechte.

»Frauke, ich weiß, du hast durch uns viel verloren. Es ist mir leid. Malte würde dich gewiß beklagen, aber denk', wieviel jetzt durch seine Seele geht. Glaube mir, er wird dir alles ersetzen, und kann er es nicht, so stehen wir andern für ihn ein.«

Frauke will auflachen, doch vermag sie es nicht: etwas ist da, das sie verstummen läßt.

»Jetzt« -- Güldenfeys Augen leuchten wieder in dem sieggewissen Glanz -- »jetzt freilich kann ich dir nichts geben als dies. Es ist nur ein kleiner Stein und doch sehr wertvoll: der Segen unsrer Mutter haftet an ihm.«

Sie hat das Kettlein von ihrem Hals gelöst und reicht ihr den Amethyst dar.

Lächelt Frauke nicht ihr altes spöttisches Lächeln, hebt sie nicht die Schultern in der ihr eignen Bewegung? Nein, sie steht unbeweglich und blickt Güldenfey starr an. Es rührt sich eine Bewegung in ihr, die nur darin ihren Ausdruck fände, daß sie ihre Arme um des Mädchens Hals schlänge. Doch das hat sie nie getan, sie, die Tochter Josias Poppelmanns.

»Ich danke dir, Güldenfey«, sagt sie abweisend, und Güldenfey steckt den Stein traurig wieder ein.

»Erfüll' mir wenigstens eine Bitte, Frauke, und erlaube, daß ich während dieser Nacht in eurer Wohnung bleibe.«

»Gewiß. Aber warum?«

»Wegen Malte. Er darf jetzt nicht allein bleiben. Mir ist bange um ihn.«

Wieder spürt Frauke diese elementare Bewegung in sich, und wieder hat die Poppelmannsche Gehaltenheit die Oberhand. Sie nickt, sie will etwas sagen; da kommt Telge, und sie scheiden wortlos voneinander.

* * * * *

Malte sucht sein Arbeitszimmer auf. Die Plätze vor den Pulten sind jetzt leer, nur im Hintergrund flammt noch eine Lampe, und Häberle hebt den Kopf von seiner Arbeit.

»Sind Sie noch hier, Herr Häberle?«

»Ich wollte nur den Auszug noch fertigstellen, Herr Konsul.«

»Ich danke; aber nun ist es genug.«

Häberle erhebt sich, grüßt und wendet sich zur Tür.

»Herr Häberle!«

»Herr Konsul!«

Malte kommt auf ihn zu und reicht ihm die Hand. »Sie haben mir immer treu beigestanden wie meinem Vater. Ich danke Ihnen. Jetzt ...«

Häberle ist bewegt und rückt an seiner Brille. Die Worte klingen so sonderbar. Ist das ein Abschied? »Herr Konsul,« sagt er und gibt seiner Stimme eine heitere Färbung, »wir haben Unglück gehabt wie andre auch. Das kommt vor, aber es ist zu verwinden. Wir kommen wieder hoch. Das Haus Treß hat manchen Stoß ertragen.«

»Ich danke Ihnen, lieber Häberle.« --

Häberle geht, jetzt ist er allein. Abschließen? Warum? Es wird niemand kommen. Malte betritt sein Zimmer und läßt sich nieder. Die Uhr klingt, der Arm mit der Hippe sinkt: =carpe diem=! Malte stöhnt leise auf.

Ssssiii -- -- jüh! fährt es über den Markt, verfängt sich in Kaminen und Schloten und hohnlacht zwischen den Giebeln. Draußen tobt die See, und zorniger Geifer flockt von ihren Kiefern, man schmeckt den salzigen Odem bis hierher. Der fliegende Holländer jagt mit vollen Segeln vor dem rasenden Sturm. Wird nicht endlich der Kiel der Kogge auf knirschenden Sand laufen und das bis zum Bersten geladene Schiff brechen? Wie sagte Ose? Er steuert in das wildeste Gebraus hinein, er will den Untergang, den Tod, die Erlösung.

Ach, er kennt die Sage von Balzer Treß zur Genüge, wie oft hat Ose sie dem aufhorchenden Knaben an stürmischen Abenden erzählt! Aber nie bis heute hat er gewußt, daß zwischen jenem und ihm geheime Fäden sich spannten, daß Balzer ihm unbewußt Vorbild war: der Drang, das Haus Treß zu altem Glanz zu erheben; die Jagd hinter der Glücksgöttin her; die Sorge um das Sichverlieren und den Heimweg. Wo ist der Weg nach Heilisoe?

Alles wiederholt sich, alles. Die Spindel, um die das Leben kreist, ist so eng. Wer aber wagt ihm zu sagen, daß er unrecht tat? Harro? Frauke? Onkel Rolf oder die Poppelmanns etwa? Sie alle, wären sie an seiner Stelle gestanden, hätten nicht anders gehandelt als er. Entscheidend allein ist der Erfolg, das Glück, den Heimweg zu finden.

Ssssiii -- -- jüh! Wer dem Sturm verfällt, der ist verloren, wer den Kurs verliert, der muß irren und zugrunde gehen. Aber die Glücklichen, die ihm entrinnen, die preist die Welt und feiert sie als Helden! Ich, Malte Treß, bin unschuldig an dem, was unserm Haus widerfuhr, jawohl, unschuldig!

Er hat es laut gerufen, und wie zur Antwort prasselt es draußen auf das Pflaster nieder, als habe eine Riesenfaust das Dach abgedeckt und werfe die Last sprühend auf den Markt. Malte fährt zusammen, doch nicht im Schreck über das Geräusch. Von außen und aus allen Winkeln des Zimmers klingt ihm das Echo seines letzten Wortes entgegen: Unschuldig, wirklich unschuldig? Der Mann mit der Hippe ruft es, und sein Schreibtisch ruft es und die Bücher, und alles hat plötzlich Augen und starrt ihn seltsam an: Unschuldig?