Der Weg nach Heilisoe

Part 20

Chapter 201,397 wordsPublic domain

Hand in Hand schritten sie fort, in Schweigen und Reden glücklich, weil keines von ihnen wußte, wer Gebender und wer Empfangender war.

Wie viele Orte wollten sie noch besuchen! Die alte Kirche auf dem Klostergelände, die immer den Eindruck einer verwahrlosten Alten machte, zwischen deren rohem Holzschnitzwerk und zerbrochenen Abtsteinen aber jenes merkwürdige Epitaph des um 1611 ertrunkenen Schiffers stand, von dem Güldenfey behauptete, er sei mit dem fliegenden Holländer gefahren; das Grab der goldenen Heiligen und das Vogeleiland, wo der Wind Runen schrieb; den Hünenhügel mit dem verkrüppelten Weißdorn und die Steinblöcke im Meer, zwischen denen die farbigen Algen hausten. O, es war noch viel zu schaffen!

Es war Abend geworden, als sie auf den Königsgräbern saßen; die während des Tages leuchtenden Farben erloschen, und das unruhige Aufzucken der Blinkfeuer fuhr über den nächtigen Himmelsbogen. Güldenfeys Fuß klopfte auf den warmen Erdboden.

»Welche Schätze vielleicht unter uns in der Erde ruhen, Jörg!« sagte sie.

»Wollen wir sie heben?« fragte er.

Güldenfey wiegte den Kopf. »Nicht diese, Jörg; es haftet zuviel Angst, Not und Sorge an ihnen. Ach, das Gold ist wie andres eine kostbare Gabe, doch was machte die Gier der Bösen aus ihm! Das verelendende Treiben der Geschäfte, das Verlumpen der Gesinnung machte es zu etwas Fluchwürdigem. Jörg, wo beginnt der Weg nach Heilisoe?«

Ein sanfter Wind strich kühl um die Hügel, unter denen die sagenhaften Herrscher schliefen. Er war wie ein Hauch längst vergessener Zeiten, und er empfing die ewig sich wiederholende Frage aus dem Munde des Mädchens und trug sie weiter und wird sie vielleicht nach tausend Jahren Wanderern, die hier rasten, wieder zuwehen und in ihnen Unendliches wecken.

So dachte Jörg, und nach einer Weile begann er zu sprechen: »~Der Weg nach Heilisoe beginnt nicht da, wo der Mensch nach Geld oder Ehre oder Herrschaft strebt, sondern dort, wo tief im Menschen der erste Laut der Sehnsucht nach dem Ewigen anklingt.~«

Er fühlte, wie sich sanft die Hand der Schwester in die seine schob.

»Wir haben den Ruf vernommen,« sagte Güldenfey, »und nun fängt die schöne Straße an.«

* * * * *

Telge und das Motorboot erwarteten sie nicht am Bollwerk, als sie am nächsten Morgen zur Abfahrt hinabstiegen. Sie bestiegen den kleinen Dampfer, der die Überfahrt vermittelte.

Hinausgehoben über die Insel stand der Leuchtturm da, er, der in der Einsamkeit der Winde sich wohlfühlte und nur mit den Schwärmen kommender und gehender Vögel Zwiesprache pflegte. Sein müdes Auge war geschlossen, aber um den Abend würde er wieder erwachen und denen Warnung und Hilfe sein, die den Weg nach Heilisoe suchten. Lebewohl, du Treuer!

Es versank vor den rückschauenden Blicken das Kloster; es versanken die strohgedeckten Fischerhäuser, die hinter ihrem Wall von Seedorn schliefen; es verschwand die einsame hohe Pappel, die alle Krähengeschlechter der Insel kannte. Schließlich war nur noch das Hochland von Heilisoe sichtbar. Leise schloß sich eine Tür. Jörg und Güldenfey wandten ihre Augen vorwärts.

Auf der blauen schaumgesäumten Schleppe des Meeres bildeten sich in der Fahrtrinne große weiße Kreise wie Perlenkränze, wurden und vergingen. Ach, es verging alles so bald auf dieser hastigen Fahrt.

Mehr und mehr wurden die Linien der siebentürmigen Hansestadt sichtbar. Endlich glitt das Schiff in den Hafen und näherte sich der Anlegestelle.

Was bedeutete das? Am Ufer standen viele Menschen, die nicht denen glichen, die sich mit Koffern und Gepäck auf die Reise begeben, nein, sie hielten Blumen in den Händen. Ein Willkomm? Güldenfey blickte sich um und musterte erst die Mitfahrenden. Es waren oft Tagesgrößen auf Heilisoe, die gefeiert und bestaunt wurden.

»Aber das ist ja Oberst Helf, Jörg, und dort -- Hanna Wilkens, und die Frau, die links steht, ist Frau Jobst.«

Sie wußten noch immer nicht, daß der Empfang ihnen galt. Aber da sie an das Land traten, umringten die Wartenden sie.

»Es haben sich ohne Verabredung alle die hier eingefunden, die Sie liebhaben und mit Trauer scheiden sehen«, sagte der Oberst. »Unser Abschied soll ein geringes Zeichen unsrer Dankbarkeit sein.«

»O!« sagte Güldenfey. Sie war so erschüttert, daß sie keine Worte fand. »Ist es denn möglich? Für das Wenige, das wir ihnen erweisen durften! Und wir taten doch nur, was wir mußten.« Ihre hohe Stimme, ihre strahlenden Augen waren von Tränen verdeckt. »Auch Sie, liebe Frau Jobst? Und Frau von Ebel? Ach, Mellin!«

Es waren auch solche da, die sie gar nicht nach Namen kannte: Kinder, denen sie einmal Brot gereicht; Männer und Frauen, die sie, da sie krank gelegen, in der Sachsenvorstadt besucht; alte Stiftfräulein, denen sie Blumen aus dem vergessenen Garten gebracht hatte. Selbst Fridchen Waterström war von ihrem Räucherboden gestiegen und überbrachte knicksend einen Blumenstrauß und einen Gruß von Engelke. Wie hatten diese alle nur von ihrer Abfahrt gewußt?

Der Zug schloß sich ihnen an, sie zur Bahn zu geleiten. Wie im Triumph zogen Güldenfey und Jörg durch die Stadt. Es war kein prunkendes Geleit, es war das Geleit der Armen. Aber seliger ist kein Hoher einhergezogen, und nie ist ihm ein innigerer Dank gefolgt, als er diese beiden umgab.

Am Bahnhof erwarteten sie Ose und Thomasius. Ose kniff die Lippen ein, um ihre Rührung zu verbergen, dem Mann aber flossen die Augen über. Wortlos beugte er sich über die segensreichen Frauenhände, die er begehrt und doch nicht ergriffen hatte, die sich ihm nun auf immer entzogen. Seine Huldigung war Dank und Bekenntnis und Bitte zugleich.

Die Schar füllte den Bahnsteig und schmückte das Abteil, das Jörg und Güldenfey bestiegen, mit den Blumen. Blicke gingen bangend und tröstend, dankend und verheißend hin und her. Was sollten in dieser Stunde noch Worte sagen können!

Dann hörte man das Abfahrtzeichen. Arme hoben sich und Tücher winkten.

»Dank! Dank!«

Güldenfey lehnte aus dem Fenster. Was blieb hinter ihnen zurück? Ihre Armen, die siebenfach getürmte schöne Stadt, das Eiland im unvergleichlichen Blau des Himmels und der See, die Heimat! Sie aber hatten gefunden, was wertvoller als alles war: ~sie waren auf dem Weg nach Heilisoe~.

Paul Steinmüller

~Die Rhapsodien von der Freude~ / 251.-280. Tausend. 12°. 56 S. Steif geh. _M_ 1.--, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 1.90, in Leinwand _M_ 2.20.

~Die Rhapsodien des Lebens~ / 191.-220. Tausend. 12°. 84 S. Steif geh. _M_ 1.30, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 2.20, in Leinwand _M_ 2.50.

~Die Rhapsodien vom verlorenen Königreich~ / 51.-80. Tausend. 12°. 64 S. Steif geh. _M_ 1.--, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 1.90, in Leinw. _M_ 2.20.

~Der Heiland~ / Ein Dank / 51.-65. Tausend. 12°. 98 S. Steif geh. _M_ 1.40, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 2.30, in Leinwand _M_ 2.60.

~Trosteinsamkeit~ / Wanderweisen / 51.-80. Tausend. 12°. 51 S. Steif geh. _M_ --.90, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 1.80, in Leinwand _M_ 2.10.

~Alltägliches im Licht~ / 1.-25. Tausend. 12°. 63 S. Steif geh. _M_ 1.--, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 1.90, in Leinwand _M_ 2.20.

~Gottesnähe~ / 1.-15. Tausend. 12°. 61 S. Steif geh. _M_ 1.--, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 1.90, in Leinwand _M_ 2.20.

~In Allmutters Garten~ / Gr. 8°. 87 S. Steif geh. _M_ 2.50, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 3.50.

~Von Zeit und Ewigkeit~ / Ein Tagebuch / 16.-21. Tausend. 8°. 113 S. Pappband _M_ 2.--, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 2.50, in Leinwand _M_ 3.--.

~Die Lieder des Kommenden~ / 11. Tausend. 8°. 122 S. Gebd. in Pappe _M_ 2.50, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 3.--, in Leinw. _M_ 3.50.

~Das Zehn-Jungfrauenspiel~ / Drama / 2. Auflage. 8°. 111 S. Steif geh. _M_ 2.--.

~Der Novellenkranz einer Liebe~ / 20. Auflage. 8°. 160 S. Gebd. in Pappe _M_ 2.50, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 3.--, in Leinw. _M_ 3.50.

~Selige Sehnsucht~ / 8°. 150 S. Geheftet _M_ 3.--, in Ganzleinen _M_ 4.75.

~Die sieben Legenden von der Einkehr~ / 11.-25. Tausend. 12°. 128 S. Steif geh. _M_ 1.90, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 2.80, in Leinwand _M_ 3.10.

~Als Leid ging und Freude kam~ / Novelle / 11.-15. Tausd. 12°. 53 S. Steif geh. _M_ --.90, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 1.80, in Leinwand _M_ 2.10.

~Untrüborn~ / Novelle / 1.-10. Tausend. 12°. 122 S. Steif geh. _M_ 1.80, gebd. in Halbpergamenters. _M_ 2.70, in Leinwand _M_ 3.--.

~Der Richter der letzten Kammer~ / Roman / 5. Auflage. 8°. 207 S. Gebd. in Halbleinen _M_ 4.--, in Leinwand _M_ 4.50, in Halbleder _M_ 8.--.

~Jesus und sein Evangelium~ / 8°. 110 S. Geheftet _M_ 3.50, in Ganzleinen _M_ 5.50.

~Spielmannslieder~ / Mit Lautenbegleitung / Der singenden Jugend gewidmet. 6.-15. Tausend. 8°. 28 S. Steif geh. _M_ --.20.

~Sendschreiben an das deutsche Volk~ / 8°. 64 S. Steif geh. _M_ --.20.

~Feuerrufe in Deutschlands Nacht~ / 1.-5. Tausend. Gr. 8°. 45 S. Steif geh. ~M~ 1.50.

~Deutscher Seele Aufbau~ / 24 Spruchkarten aus Paul Steinmüllers Werken. Gezeichnet von Walter Jacobs. ~M~ --.75.