Part 7
Erst fertig werden! Und er hockte über den Schulbüchern wie ein Geizhals bei seinen Schätzen.
Da fiel, es war im April, seine Mutter in eine Krankheit. Erst Influenza. Dann Lungenentzündung. Und dann erklärte Doktor Kreuzinger in seiner behutsamen Art dem verzweifelten Jungen, er müsse sich auf das Schlimmste gefaßt machen.
Das durfte nicht sein. Sie mußte leben. Noch viele Jahre leben. Durfte nicht von ihm gehen, bevor er nicht wenigstens ein Tausendstel abgetragen hatte von seiner drückend großen Schuld. Was war denn ihr Leben gewesen? Unter Darben und Kümmernissen ein stetes Plagen und Sorgen für ihn. Und die Zeit, wann er das ändern, die ganze Last des Lebens auf seine Schultern nehmen konnte, war noch so weit.
„Herr Doktor, es _kann_ nicht sein!“
Aber es war doch. Eines Nachmittags. Sie hatte die Sterbesakramente empfangen. Segnend war der Priester gegangen. Der alte Arzt mit dem weich fließenden Silberbart saß neben ihrem Bett. Sie lag mit geschlossenen Lidern bleich und teilnahmslos da. Glockenklänge kamen von draußen. Sie läuteten zu irgendeinem Begräbnis. Wie fast jeden Nachmittag. Da regte sich die Kranke, öffnete die Augen, rief ihren Sohn zu sich. Auf unhörbaren Sohlen zog sich der Arzt in eine Ecke zurück. Fritz trat an ihr Bett. Sie streckte die Hände aus, zog ihn zu sich nieder, nahe, ganz nahe. Und sah ihm aufmerksam wie prüfend ins Gesicht. Und die Sorge um das Seelenheil ihres Kindes stieg noch einmal in ihr auf.
„Versprich mir,“ -- flüsterte sie -- „versprich mir, Fritzl, daß du immer an unsern Herrgott glauben wirst.“
Er aber schwieg. In gedankenloser Dumpfheit schaute er in das Gesicht, das ihm so vertraut war, und wunderte sich, daß er noch niemals früher bemerkt hatte, wie kennzeichnend und bestimmt ausgeprägt eigentlich die Falte war, die sich von dem papierdünnen Nasenflügel um den Mundwinkel bis zum Kinn hinab fortsetzte.
Und abermals, nur kaum wie ein leichter Hauch: „Versprich mir’s.“
Die Worte wehten an ihm vorbei, erreichten ihn nicht.
Er blickte auf die scharfe Linie um den Mund, sah, wie sie zuckte, bald länger, bald kürzer wurde, und mühte sich, ihr letztes Ende in der glanzlosen Haut des Kinns zu entdecken.
Und noch einmal, fast unhörbar, wie das Schweben einer Flocke in unbewegter Luft:
„Versprich ...“
Wie tief die Furche wurde, wenn sich die Lippen bewegten. Und wie fremd das aussah ...
Da hoben sich die schmalen wachsbleichen Hände. War’s zur Umarmung oder Abwehr? Er wußte es später nicht mehr, wußte nur, daß sie sogleich wieder schwer mit einem seltsam erschütternden, dumpfen Aufschlagen auf die Bettdecke gefallen waren.
Und dann war alles vorbei. Nur die Augen starrten noch groß und weit geöffnet. Aber es war keine Angst mehr darin und kein Flehen. Nichts. Und die Furche war jetzt ganz starr, ganz tief, wie mit dem Messer in gelbes Holz geschnitten.
Der Arzt war rasch hinzugetreten. Tiefernst, mit ruhigen, leisen Bewegungen tat er, was für ihn zu tun übrig blieb. Er forschte nach dem Leben und fand keine Spuren mehr, zog die Lider über die leeren Totenaugen und wandte sich dann zu Fritz. Der stand mit schlaff hängenden Armen und vorgeschobenem Kopf reglos. Da war etwas unter ihm fortgeglitten. Etwas, das noch ganz kurz vorher geatmet hatte -- und sich geregt hatte -- und Worte gesprochen hatte -- irgendwelche leise Worte, deren Nachhall noch im Zimmer zitterte -- so still war es ...
Sacht legte ihm Doktor Kreuzinger den Arm um die Schulter. „Sie ist hinüber.“
Verständnislos stierte ihn Hellwig an. Kein Muskel zuckte, hart lagen die Züge auf dem unbewegten Antlitz. Langsam wand er sich aus dem Arm des Greises, und ohne die Haltung zu ändern, steif, schwerfällig, schob er sich aus dem Gemach.
Ein warmer Regen war niedergegangen und verrauscht. Ein harscher Wind schob dunkle Wolkenklumpen vor sich her. Hinter ihm wurde blauer Himmel. Rund und blank und frisch wie eine riesige, taubesprühte Knospe lag die Erde im Arm des Frühlings. Lag und lachte, schrie, jauchzte, jubelte dem starken Leben ein heiliges Ja entgegen. Und die Blumen lachten es mit und die Bäche rauschten es mit und vom Himmel die Höhen herunter brüllte es mit das täppische Hünenkind, der Lenzsturm, sprang wipfelauf, wipfelab und über die sprossenden Fluren hin, tanzend, keuchend, stöhnend in unbändiger Kraft.
Und: „Ja -- leben -- ja!“ brüllte er dem schwachen Menschlein zu, dem hageren Jungen im dünnen Hausrock, mit zerwirrten Haaren, der sich, mühsam wie der aufgescheuchte Abendfalter im unerträglich grellen Licht des Tages, zurechtzufinden suchte und mit seiner ersten großen Trauer zur Erde hatte flüchten wollen. Aber die Erde gab heute dem Leben ein Fest. Und die seinen Schmerz hatte lindern sollen, peitschte ihn bis zur Verzweiflung empor durch die wilde, machtvolle Freude, mit der neues und immer neues Werden die starre Winterhaft zerbrach und alle Grenzen überflutete. Leben rang sich siegreich aus Leben, stürzte glühend in die werbende Umarmung des Lebens, und des Lebens warmer Atem quoll aus braunen Ackerschollen, dampfte aus feuchten Moosen, stieg aus jungen Saaten und geöffneten Blumenkelchen über Getier und grüne Wipfel himmelan wie schwerer berauschender Opferduft.
Wozu?
Die seinem Herzen am nächsten gewesen, hatte ihren Platz verlassen, und keine Lücke war geblieben. So -- wie nach dem Zerstäuben eines Tropfens die ungeheure Meerflut gleichmäßig weiterrollt. Niemand fragte nach der Gestorbenen, vermißte oder brauchte sie.
Und rings jauchzte die kraftvolle Frühlingswelt. Aber er konnte ihr nicht nahekommen. Ein Fremdes, Hassenswertes drängte sich dazwischen, gegen das er vergebens ankämpfte. Das machte ihn trostlos und verzweifelt. Ganz leer war es in ihm. Und in den Kronen des Waldes sang der Lenzsturm das Lied des Lebens. --
Stunden verrannen. In seiner leichten Jacke begann ihn zu frieren. Da wollte er umkehren, tat ein paar Schritte, blieb wieder stehen und besann sich. Wohin nur? Und da fiel ihm ein: Er mußte ja seine Mutter begraben. Nun wich die steinstarre Ruhe aus seinem Gesicht. Die Mundwinkel zuckten. Aber er konnte noch nicht weinen. --
Als er nach Hause kam, war Frau Hedwig dort. Sie hatte alles schon besorgt. Die Leichenfrau war dagewesen, hatte die Tote gewaschen und in ihr Kleid getan. Mit einem weißen Linnen zugedeckt, lag sie jetzt in der Stube auf dem Leichenbrett, zu Häupten zwei brennende Wachskerzen und das schwarze Kruzifix aus dem Glasschrank, zu Füßen ein Gebetbuch und eine Schere. Ein Becken mit Weihwasser stand daneben und ein Wedel aus Kornähren lag darüber. Ganz dem Herkommen gemäß war sie aufgebahrt, und nichts war verabsäumt.
Als Fritz Frau Hedwig in der Stube erblickte, wachte die alte Abneigung wieder auf. Nur zögernd überschritt er die Schwelle. Dann aber bemerkte er unwillkürlich die kleinen Zeichen ihrer wohltuenden Obsorge: das geöffnete Fenster, die abgestellte Uhr, das weiße Tuch vorm Spiegel. Und im Bewußtsein seiner Verlassenheit konnte er sich ihrer warmen Mütterlichkeit nicht mehr entwinden. Er griff nach den wortlos gereichten Händen, hielt sie fest und -- drückte sie rauh aufschluchzend gegen die Augen. Nun streichelte sie ihm die Wangen, die Stirn, das Haar. Und dann lag sein Kopf auf ihrer Schulter, während er sich umsonst mühte, der Tränen Meister zu werden, die ihm jäh und heiß über die Lider sprangen.
Lautlos weinte er so, kaum eine Minute lang und doch lang genug, daß der versteinerte Schmerz in eine sanftere Trauer sich löste.
„Mutter!“ rief er leise. „Mutter!“ So ruft nachts ein banges Kind nach ihrem Schutz.
Und eine tiefe, weiche Frauenstimme sagte: „Still, Fritz, still! Lassen Sie sie friedlich heimgehn.“
Er schüttelte heftig den Kopf, ohne die Stirn von ihrer Schulter zu heben, wo es sich so gut ruhte.
„Hier war sie zu Haus ... und übermorgen ... tragen sie mir sie fort!“
„Nein, Fritz, sie tragen sie heim. In den Frieden. In die Ruhe. In das sicherste Geborgensein. Eine Mutter zur Mutter.“
„Sie war die meine ... mir hat sie gehört!“
„Ja, Fritz, Ihnen -- aber auch der Erde. Schaun Sie, Fritz, nur der Leib, die Form wird sich nur ändern, aber ihr Zweck wird immer bleiben. Hier bei uns hat sie ihre Bestimmung erfüllt, drum muß sie zu anderen, muß für diese Keim und Nahrung, Wurzel und Mutterbrust sein. Alles muß allen nützen. Das ist das Schöne, Trostreiche auf Erden.“
Da schaute er ihr lang wie suchend in die Augen und sagte nichts mehr.
Ihre Aufforderung, bei Heinz zu übernachten, schlug er aus. Nun ging sie und ließ ihn mit der Verstorbenen allein.
Es war bereits dunkel geworden. Die Wachslichter leuchteten matt und füllten das Zimmer mit unstet flackerndem Schein und zuckenden Schatten.
Er trat zu der Toten und schlug das Laken zurück. Da lag sie still und weiß in ihrem einstigen Brautkleid, und der Körper, aus dem er selbst einst Wärme und Blut und Leben gesogen hatte, war kalt und steif und wertlos geworden. Er schauerte zusammen. Bis in die Knochen fror ihn. Und ihm war, als erstürbe auch sein Leib, würde bleischwer und seiner Seele fremd, die sich plötzlich nicht mehr darin zu Haus fühlte und erschrocken umherschaute, wie ein zur Nachtzeit angekommener Reisender im ungewohnten Gastzimmer.
Langsam breitete er das Tuch wieder über den Leichnam und setzte sich an das offene Fenster, durch das die starke, kühle Frühjahrsluft strich. Der Sturm hatte sich gelegt. Es wurde Nacht. Lampe um Lampe erlosch in den Häusern, ganz finster wurde es unter einem sternlosen Himmel. Und zu Häupten der Toten zwischen den schwelenden Lichtern hing unbeweglich der Kruzifixus.
Da fiel ihm die letzte Bitte der Mutter wieder ein. In raschem Aufwallen erhob er sich, nahm das Kreuz und legte es vor sich auf das Fensterbrett. Der Kerzenschein huschte über die Porzellanfigur, die weiß und schlank auf dem dunklen Holz lag, die Arme weit gebreitet und das Haupt mit der Dornenkrone zur Seite geneigt.
Immerfort starrte er auf das Bildwerk.
Und draußen lag die Erde wie ertrunken in der dickflüssigen Dunkelheit, und die Atemzüge der schlafenden Kreaturen kamen und gingen wie schwere, unhörbare, noch dunklere Wellen, und rundum flutete die uferlose Stille der Nacht.
Und jäh durchzuckte es ihn: Wenn ... wenn doch ... wenn es doch dort drüben was gäbe? Wer weiß es denn? Wer kann behaupten oder leugnen -- wenn sogar die eigene Seele dem Körper fremd werden kann?
In dumpfer Qual stöhnte er auf. Seine Finger legten sich um das Kreuzholz, als wollten sie es zerbrechen, schüttelten es, ungeduldig, leidenschaftlich, drohend: „Gib Antwort, du!“
Aber rings war Dunkel und Schweigen.
11.
Nach zwei Tagen war die Tote begraben, und die Notwendigkeit der Beendigung seiner Gymnasialstudien war für Hellwig eiserner als je. Über Zureden seines Freundes hatte er endlich eingewilligt, war zu ihm übergesiedelt und wohnte nun Wand an Wand neben Heinz in einer noch kleineren Dachkammer.
Niemand störte ihn hier. Sogar das Essen wurde ihm hinaufgebracht. Und er wühlte sich ganz in diese Abgeschiedenheit hinein, ging kaum ins Freie und lernte nur, lernte, lernte.
In den letzten Tagen des Mai unterzog er sich an dem Gymnasium der benachbarten Stadt der Prüfung über den Lehrstoff des zweiten Halbjahrs und bestand sie. Kurz darauf legte er die schriftliche und endlich auch die mündliche Reifeprüfung ab. Und da der Landesschulrat, der dieses Schulexamen leitete, nicht an allen Mittelschulen zu gleicher Zeit prüfen konnte, traf es sich, daß Hellwig um volle drei Wochen früher für reif erklärt wurde als seine Kollegen in Neuberg.
Nun wollte er gleich nach Prag und sich auf eigene Faust durchschlagen. Aber sie ließen ihn nicht fort. Auch Vater Wart nicht, der zielbewußte Arbeit in jeder Form achtete und seine Meinung über den großen Blonden mit den Storchbeinen sehr zu dessen Gunsten geändert hatte.
„Machen Sie keine Geschichten!“ sagte er ihm. „Jetzt heißt’s erst tüchtig faulenzen! Den Schädel ausrauchen lassen von der ewigen Lernerei!“
„Ich darf Ihre Gastfreundschaft nicht mißbrauchen,“ erwiderte Fritz. „Ich darf mich nicht länger von Ihnen aushalten lassen!“
Da polterte der Kaufmann los: „Jetzt das ist aber schon mehr als blöd! Aushalten lassen! So was sagt man überhaupt nicht!“ Dann überlegte er und fuhr fort: „Übrigens, wenn Sie sich’s justament verdienen wollen -- der Bub’ von meiner Schwester ist bei mir in der Lehr’. Wenn Sie ihm bis zum Oktober ein bissel Stenographie und Französisch beibringen wollen, kann’s ihm nichts schaden und mich soll’s freuen! Gilt’s?“
Er streckte ihm die biedere Tatze hin, und Fritz schlug ein.
Hier bewog ihn nicht zum letzten der Gedanke an Doktor Kreuzinger. Dem greisen Gelehrten war jener Kampf zwischen kindlicher Zärtlichkeit und Wahrheitsliebe nicht entgangen und die geweckte Teilnahme hatte ihn veranlaßt, den Jüngling zu einem Besuche aufzufordern. Gern war Hellwig jetzt dieser Einladung gefolgt. Hatte ihm doch Heinz schon viel von der Bücherei und den Sammlungen des Großvaters berichtet. Seine hoch gespannten Erwartungen wurden auch nicht getäuscht, wurden von dem, was er dort vorfand und erlebte, noch übertroffen. Versteinerungen, Abdrücke und Knochen vorsintflutlicher Geschöpfe waren hier aufgespeichert, Mollusken, Krebse, Spongien und Leptokardier jeglicher Form und Gattung in Gläsern, Kasten und Wandschränken füllten zwei große Zimmer. Das Wertvollste aber war die klare Art, mit welcher der Doktor aus dem Äußerlichen den Kern herausschälte, die Zusammenhänge bloßlegte und die vielfachen faserfeinen Verästelungen auf ihre gemeinsame Wurzel zurückführte. Mit prunklosen Worten, scheinbar stets bei der Sache und doch über ihr, entwarf er dem begierig Lauschenden eine Übersicht über die Entwicklungsgeschichte der Erde und des Lebens und leitete ihn die Quellen der Erkenntnis hinauf, soweit Menschensinne dorthin vordringen können.
Dem ersten Besuch folgten andere, und bald war Hellwig täglich um sechs Uhr früh in der stillen Gelehrtenwohnung. Meist kam er allein, denn Heinz hatte sich ganz auf die Sozialpolitik geworfen und war für nichts anderes mehr zu haben. Für Fritz aber waren diese Morgenstunden, da er an der Seite des verehrten Mannes zuhörend und lernend durch den sommergrünen Garten schritt, während der Sonnenschein silbern in den Baumkronen spielte, das Schönste, das ihm das Leben bisher gebracht hatte, gehörten überhaupt zu dem Kostbarsten, das es ihm je zu bieten vermochte.
Und eines Tages lernte er dort den Doktor Albert Kolben kennen.
Der war auch von den Pfahlbürgern Neubergs als ein verlorenes Schaf erklärt worden, und sie hatten ihm, oder eigentlich in seiner Abwesenheit, bei Bier, Kaffee und geselligen Zusammenkünften hatten sie sein Verkommen so lang vorausgesagt, bis er vor ein paar Monaten den Doktorgrad erwarb. Und Reserveoffizier war er ebenfalls. Da waren sie baff. Dann aber entrüsteten sie sich desto mehr und fanden, der Kolben Albert hätte das nur getan, um sie zu ärgern. Denn die genasführten Propheten empfanden das Ausbleiben ihrer Vorhersagungen als persönliche Beleidigung. Es war gewiß unverschämt vom Kolben Albert. Aber er ließ sich eben überhaupt nichts vorschreiben, sondern tat, was ihm beliebte und ließ bleiben, was ihm nicht paßte. Das konnte er um so leichter, als er nach seinen Eltern ein beträchtliches Vermögen nebst einem Landgut besaß und von niemandem abhängig war. Übrigens hatte er von je auf die Nachrede der Leute keinen Deut gegeben, hatte im Gegenteil alles getan, um sie herauszufordern. Als sechzehnjähriger Lateinschüler hielt er sich ein Reitpferd und zwei große Hunde, als Achtzehnjähriger soff er einmal sogar den Wart Nikl unter den Tisch, als Zwanzigjähriger schnürte er sein Bündel und zog nach Wien. Was er dort trieb, wußte man nicht. Es liefen jedoch die abenteuerlichsten Gerüchte um. Daß er in der Schriftleitung einer sozialdemokratischen oder anarchistischen Zeitung tätig sei, in Volksversammlungen Brandreden halte und fortwährend betrunken in den Schnapsschenken herumliege. Da wurde er als Sechsundzwanzigjähriger Doktor der Weltweisheit und tauchte wieder in Neuberg auf. Daß es sich lediglich um einen kurzen Erholungsurlaub handelte, wußten nur seine vertrautesten Freunde.
Über eine so unklare Lebensführung mußten sich die wackeren Spießer entrüsten. Sie entrüsteten sich, weil sie aus ihm nicht klug werden konnten. Und sie wurden nicht klug aus ihm, weil er sich nicht in den Kochtopf gucken ließ, Zudringliche mit höflicher Überlegenheit abwehrte und lüsterner Neugierde begegnete, indem er mit trockener Sachlichkeit und größtem Ernst die ungeheuerlichsten Behauptungen aufstellte, verfocht und begründete. So bekannte er sich einmal gegenüber einem waschechten deutschen Volksgenossen, der sein politisches Gewissen erforschen wollte, zur demokratisch-alldeutsch-antisemitischen Anarchie und spickte den unvorsichtigen Frager derart mit großen Worten und fetten Phrasen, daß dieser ganz mürb wurde und schließlich -- etwas angeheitert war er auch schon -- das neue Programm als einzige Rettung des Bürgertums vor der roten Gefahr begeistert zu preisen anhob. Nachträglich wurde er von einsichtigeren Leuten aufgeklärt, daß er seiner leichtgläubigen Beschränktheit einen tüchtigen Bären habe aufbinden lassen, und der Chor der Entrüsteten war wieder um eine ausgiebige Stimme verstärkt.
Kolben ertrug die üble Nachrede, wie man das Konzert der Frösche im Frühjahr erträgt und verriet mit keiner Miene, wie sehr ihn das zwecklose Lärmen belustigte. Sein rundliches, ganz glatt rasiertes Gesicht blieb immer gleichmäßig ernst, und nur die besten Freunde errieten aus einem fast unmerklichen Zwinkern im rechten Augenwinkel seine heimliche Fröhlichkeit.
Als Hellwig mit ihm zusammentraf, saß er, phlegmatisch und scheinbar gelangweilt wie immer, auf der Gartenbank unter dem breit schattenden Buchenbaum und grub mit dem Spazierstock Strich neben Strich in den Kies, während Doktor Kreuzinger von den Erfolgen des letzten Ärztekongresses lebhaften Bericht erstattete, den er bei Fritzens Ankunft unterbrach, um die Vorstellung zu besorgen.
Ohne seine nachlässige Haltung zu ändern, hob Kolben nur ein wenig die Stirn, faßte den Jüngling mit einem raschen Blick und zeichnete nach einem kurzen Kopfnicken schweigend weiter.
Hellwig empfand das als Unhöflichkeit und Beleidigung. Hitziger, als eben nötig war, sagte er:
„Herr Doktor, es wird besser sein, wenn ich wieder gehe. Der Herr scheint die Störung nicht zu wünschen!“
Begütigend winkte der alte Gelehrte mit beiden Händen. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, war Kolben schon gemächlich zur Seite gerückt und antwortete, fortwährend eifrig weiterstrichelnd: „Was Ihnen nicht einfällt! Setzen Sie sich nur her.“ Damit goß er aber Öl in die Flamme.
„Eine solche Behandlung brauche ich mir nicht gefallen zu lassen!“ brauste Fritz auf. „Sparen Sie sich das für Ihren Pferdeknecht!“
Nun hob der andere den Kopf. Das glatte Kinn auf den Stockknauf gelegt, schaute er dem Zornigen mit einem erstaunten Blick in die Augen. „Was für ein Unterschied,“ fragte er unerschüttert ruhig, „was für ein Unterschied ist denn zwischen Ihnen und meinem Pferdeknecht?“
Da sah ihn Hellwig noch ein paar Sekunden streitgewärtig an. Dann senkte er beschämt die Augen. Und jetzt stand Kolben auf, langsam, gemessen, mit der ihm eigenen steifen Würde, trat neben ihn und sagte, immer mit der gleichen kalten Nachlässigkeit: „Seien Sie nicht so empfindlich. Guter Ton, feine Manieren -- mit solchen Albernheiten werden wir uns doch _hier_ nicht abgeben. Kommen Sie. Und seien Sie versichert: Wer in den Frühstunden bei unserm verehrten Doktor Gast sein darf, den achte ich schon um dessentwillen. Allerdings, verbeugen werde ich mich trotzdem nicht vor Ihnen.“
Bei diesen Worten glitt etwas wie ein Lächeln über seine Züge. Und da war nichts mehr von Phlegma oder Langeweile darin. Geistvoll, klar und klug, erhielt dieses gescheite Gesicht, das sonst hinter der angewöhnten Ruhe wie eingefroren lag, durch die reife Verständigkeit seines Lächelns etwas ungemein Gewinnendes und Anziehendes.
Mit einem geschickt aufgegriffenen Thema verstand Doktor Kreuzinger auch die letzten Reste der Mißstimmung zu beseitigen und geriet über Kolbens Einwürfe gegen die Gasträatheorie bald in ein schönes Feuer, wurde beredt und ausführlich. In die faltigen Wangen hinter dem silbrigen Bartgewelle stieg eine sachte Röte, und es dauerte nicht lang, so sprach nur mehr er allein, indes die zwei jüngeren aufmerksam zuhörten und sich in der warmen Glut, die von dem prächtigen Greise ausströmte, seltsam einander näher gerückt fühlten.
Aber nicht immer war diese klare Ruhe bei Hellwig. Noch war ein Großes, Lastendes da, mit dem er fertig werden mußte. Seit jener bei der toten Mutter durchwachten Nacht hatten ihn die Zweifel nicht mehr losgelassen. Und jetzt, da ihn die Prüfungssorgen nicht mehr ablenkten, standen sie wieder übermächtig auf. Und mit ihnen der Vorwurf, daß er seiner Mutter das Sterben schwer gemacht habe.
Oft sprach er darüber mit Heinz.
„Ich mußte ja, gelt, du? Es ging doch nicht anders? Aber wenn, -- Heinz, ich such’ und such’ -- aber wenn ich einmal draufkomm ... Nicht wahr, du, es ist nichts?“
Und er trug zusammen, was er an Schriften über Religionssysteme und Weltanschauungen auftreiben konnte. An jedes Werk ging er mit Zittern und Zagen, daß er darin vielleicht auf einen Beweis für das Dasein Gottes stoßen könnte und auf die Bestätigung seines Unrechts gegen die Tote. Aber er fand nichts. Der Kult der Azteken, die ihrem Kriegsgott Huizilopochtli ‚Menschen opferten, um glückliche Kriege zu führen und Kriege führten, um solche Menschenopfer herzuschaffen‘, erschien ihm ebenso sinnlos oder berechtigt, wie das papierne Gohei in den Sintotempeln der Japaner, die Apisverehrung der Ägypter oder die Heiligkeit des Hundes bei den Iraniern. Und weder Avesta und Zend, noch Koran, Bibel, Luther und die ganze Reihe der Denker von Spinoza bis Spencer vermochten ihn der Wahrheit irgendwie näher zu bringen.
12.
Die Ferien vergingen im Flug. Hellwigs Abreise stand in wenigen Tagen bevor. Als eine Art Abschiedsfeier wurde ein Ausflug in die weitere Umgebung unternommen. Auch Pichler wurde eingeladen, der die Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte.
In tauiger Morgenfrühe schritt die Gesellschaft durch das noch erhaltene alte Stadttor ins Freie. Voran Wart Nikl mit seiner schönen Frau, hinter ihnen Eva zwischen Kolben und Pichler. Doktor Kreuzinger mit Heinz und Fritz machten den Beschluß.
Durch die Herbstluft segelten die kleinen Spinnen in ihren leichten Silberschiffchen, der Rauch der Erdäpfelfeuer zog über die fahlen Fluren, und in den Stoppelfeldern folgten die Reihen der Jagdliebhaber ihren lohfarbenen Vorstehhunden.
Manchmal blitzte ein Flintenlauf, rundete sich ein Rauchwölkchen, knallte ein Schuß. Ein Hase überschlug sich und schrie, ein Hund heulte auf, ein scharfes Befehlswort verklang. Und wieder war es still, und lautlos glitten die Silberschiffchen, schneller, immer schneller, als wollten sie den Menschen entrinnen und ihrer Tücke gegen die ehrlichen Kreaturen.
An Evas Seite fühlte sich Pichler in seinem Fahrwasser. Hier war er der Schwerenöter, wollte Eindruck machen, zog alle Register seiner wortgewandten Liebenswürdigkeit. Er war witzig, geistreich und gefühlvoll, warf Artigkeiten und Schmeicheleien wie ein Gaukler schimmernde Glaskugeln in die Luft und schwafelte und salbaderte in einem fort.