Part 8
Eva ließ sich’s gefallen. Sie lachte über seine Mätzchen, schaute ihn belustigt an und fand, daß es sich mit ihm ganz gut plaudern ließ. Manchmal blieb sie auch stehen, wartete auf den Großvater und fragte ihn nach dem Namen eines verspäteten Schmetterlings oder eines klar in blauer Ferne aufsteigenden Berges, tauschte neckende Worte mit Heinz oder ermahnte Hellwig, der hellen Gotteswelt kein so sauertöpfisches Gesicht zu schneiden. Ganz heiß und eifrig war sie, hatte rote Backen und glänzende Augen und überließ die jungen Glieder dem milden Sonnenschein mit einem läßlichen Behagen, das wohlig war und ein wenig sinnlich, wie in einem laulichen Bade.
„Wenn ich Sie ansehe, gnädiges Fräulein, muß ich an Gottfried Keller denken,“ sagte Pichler. Und das Mädchen darauf: „Jemine, wieso denn?“
„Ja, ganz bestimmt. Sie erinnern mich an eine seiner Frauengestalten. Nämlich an die Figura Leu im ‚Landvogt von Greifensee‘. Die hat mir immer ausnehmend gefallen. Warten Sie, wie sagt das nur gleich Keller? Ja: sie war ein elementares Wesen. Ein elementares Wesen, dessen goldblondes Kraushaar sich nur mit äußerster Anstrengung den Modefrisuren anbequemen ließ und dem Perruquier des Hauses täglich den Krieg machte. Sie lebte fast nur vom Tanzen und Springen. So beiläufig heißt es. Und dasselbe gilt auch von Ihnen. Sie sind von demselben entzückenden Übermut. Und diese widerspenstigen Löckchen hier ...“
Er faßte nach dem feinen Gekräusel an ihrer Schläfe. Durch eine hastige Wendung des ganzen Körpers wich sie der Berührung aus. „Sie sind ein Schmeichler!“ sagte sie halb verlegen, halb erfreut.
Da machte Doktor Kolben, der bisher leise pfeifend ein paar Schritte seitwärts von ihr gegangen war, seine erste Bemerkung:
„Herr Pichler hat etwas vergessen, mein kleines Fräulein,“ begann er. Sofort unterbrach sie ihn im hellen Zorn: „Ich bin nicht Ihr kleines Fräulein!“ Ihr Auge sprühte, der Fuß stampfte die Erde. Doch der unausstehliche Mensch fuhr gleichmütig fort: „Das meine nicht, aber doch das kleine. Vorderhand wenigstens. Wir können ja noch wachsen. Das müssen wir eben abwarten. Heute wollte ich nur erwähnen, daß jene Figura Leu, die Herr Pichler an den Haaren herbeigezogen hat, von ihrem Verehrer gemeinhin nur der Hanswurstel genannt wurde. Ob der Vergleich in dieser Hinsicht ebenfalls stimmt, soll dahingestellt bleiben.“
Kolben sagte das, weil er über die junge Schöne ungehalten war, die so mir nichts, dir nichts auf Ottos Plattheiten hineinfiel. Sie würdigte ihn keiner Antwort, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und zerrte an ihren Fingern, bis die Gelenke knackten.
Pichler versicherte unter vielen Entschuldigungen, seine Worte seien natürlich nicht so aufzufassen, nur die reizende Grazie habe er kennzeichnen wollen, den Glanz der Löckchen ...
„Hören Sie schon auf mit dem dummen Zeug!“ unterbrach da Wart Nikls Tochter den Honigfluß seiner Rede. Nun schwieg er und tat beleidigt.
Kolben hatte ihre letzten Worte nicht mehr vernommen. Angewidert von Pichlers Geschwätz, hatte er sich auf dem Absatz herumgedreht und zu Doktor Kreuzinger begeben.
Dort machte Fritz noch immer sein sauertöpfisches Gesicht. Er blickte nach der frischen Mädchengestalt, an der alles Verheißung war und leise schwellendes Werden, sah ihre anmutigen Bewegungen, den Rhythmus der Glieder beim leichten Schreiten, hörte das klingende Lachen und empfand eine unbestimmte Sehnsucht, wie arme Schelme im Kellergeschoß nach den hohen, luftigen Räumen der Vermöglichen.
Heinz stritt mit dem Großvater über den Zukunftsstaat.
Die tiefe Baßstimme Wart Nikls dröhnte hallend weithin durch den ruhevollen Herbstmorgen. Bald rief er einem bekannten Jäger ein Weidmannsheil zu oder erwiderte lärmend den Gruß eines Vorübergehenden, bald hatte er ein Scherzwort für seine Tochter oder zeigte er seiner Frau die Grenzlinien der einzelnen Besitzungen und lobte oder schimpfte nicht gerade leise über deren Bewirtschaftung.
Langsam schlenderte Hellwig hinter der Gesellschaft her. Da schob sich plötzlich ein fremder Arm unter seinen. „Kommen Sie!“ sagte Doktor Kolben. „Wir gehn Schwämme suchen.“
Fritz sah ihn verwundert an. Eine so vertrauliche Annäherung war bei dem in sich verhaltenen Menschen etwas Ungewöhnliches.
„Ich weiß hier herum ein paar famose Plätze!“ sprach dieser weiter und tat, als merkte er das Staunen des andern nicht. „Hier links in den Wald einige hundert Schritte aufwärts. Dort pflegen Herrenpilze zu wachsen.“
Noch einmal schaute Hellwig nach dem Mädchen. Das lachte eben Pichlern zu, der sein Schmollen aufgegeben hatte. Da fühlte er ein leises Zucken im Herzen. Er preßte die Lippen fest aufeinander. Eine tiefe Falte stand ihm wieder einmal über dem scharf einspringenden Nasensattel senkrecht auf der steilen Stirn. Das hagere Gesicht bekam sein kühnes, wie versteintes Aussehen. Ohne Widerstand ließ er sich von Kolben in den Wald führen.
Zwischen den geraden Kieferstämmen, die mit dürftigen Kronen wie erschöpfte Krieger in Reih und Glied standen, gingen sie auf dem rostroten Nadelboden, über gewundenes Wurzelwerk und dann wieder durch rauschendes Heidelbeergestrüpp eine gute Weile stumm vorwärts.
„Hier ist einer!“ sagte der Doktor, bückte sich und durchschnitt mit dem Taschenmesser den Strunk eines Pilzes. Fritz sah gleichgültig zu. Kolben steckte den Fund in die Tasche. Von Moos und Farnkräutern umwuchert, lag ein niedriger Felsblock quer über dem Jagdsteig. Kolben setzte sich. Fritz stand daneben und schaute düster in das bewegliche Gitter aus Sonnenstrahlen und Wipfelschatten auf dem Boden.
Der Doktor brach endlich das Schweigen. „Was ist eigentlich mit Ihnen los, Hellwig? Was drückt Sie?“
Seine Stimme klang warm und herzlich. Aus seinem Antlitz war alle kalte Verschlossenheit weggewischt. Aber Fritz erwiderte schroff abweisend: „Was veranlaßt Sie zu dieser Frage?“
„Lassen wir den Stolz beiseite!“ antwortete Kolben. „Aussprache tut immer gut. Sie gehn ja herum, als ob Sie jeden Halt verloren hätten.“
„Herr Doktor!“
„Ich heiße Kolben. Albert Kolben. Das ‚Herr‘ ist überflüssig. Ja, und ... vertrauen Sie mir!“ Ein freundlich aufmunternder Blick der gescheiten Augen begleitete die Bitte.
Fritz erwiderte nichts.
„Vertrauen Sie mir! Es ist nicht zudringliche Neugier oder Unverschämtheit von mir. Nur -- ich hab’ mal einen gekannt. Der ist genau so herumgelaufen. Und war schon nahe dran, den Sprung ins große Dunkel zu machen. Sein oder Nichtsein. Ob’s edler im Gemüt ... Hat ihn arg gehabt damals. Zweifel an der Welt, an Gott, an den Menschen, an allem, was man so heilig, ehrwürdig, groß, erhaben, sittlich oder moralisch nennt. Und kein Ausblick. Als wär’ ein Brett vor der Erde gewesen. Soweit hat er gehalten. Und kein Ausblick. Triebleben, Hinvegetieren, zwecklos, stumpfsinnig. Nicht wahr? -- Kultur? -- Auch die Ameise schafft sich angenehme Lebensbedingungen. -- Moral? -- Der Pöbel und Moral! Ein Tiger, der Gras frißt! Eher will ich aus Cäsar einen Lakaien machen als dem Pöbel die Gemeinheit abgewöhnen. Also, da hat er gehalten. Na ja denn, ich selber bin’s gewesen. Und da ist einer gekommen, der hat’s gewußt und sich ausgekannt. Hat eine feine Hand gehabt der -- Doktor Kreuzinger heißt er --, eine leichte. Und hat mir den Star gestochen. Und hat mich ins Leben hinein gestoßen. So recht mitten hinein ins Leben. Da steh! Laß die Woge kommen und halt stand! Und fürcht’ dich nicht. Und -- wirf dich hinein! Brauch’ deine Arme! Schwimm! Es geht schon, es trägt dich schon! -- -- Und wahrhaftig, es ist gegangen. Es hat mich wirklich getragen. Hätt’s niemals gedacht. -- Also, darauf kommt’s an. Klarer Kopf. Helles Auge. Ruhige Hand. Nicht grübeln, Grashalme zählen, Grillen fangen. Arbeiten! Fest arbeiten! Mitten in den Wellen gegen die Wellen. Ein Ziel vor sich und drauflos! Ein Ziel, ja! Aber nicht oben bei den Wolken. Hier, wo du feststehst, auf der Erde unter den Menschen ... Da geh’ drauf und dran! Schulter an Schulter mit den andern. Oder, wenn sie das nicht wollen, lauf allein voraus! Sie folgen schon. Und wenn sie auch das nicht wollen -- wenigstens hast du Ruhe!“
Selten ließ der wortkarge, zugeknöpfte Mann jemanden so in sein Inneres schauen. Fritz fühlte das. Und nun konnte er nicht mehr an sich halten. Erst stockend, dann zusammenhängender, leidenschaftlicher redete er sich alles von der Seele herunter, was ihn in letzter Zeit überstürmt und aus der Bahn geworfen hatte.
Kolben unterbrach ihn nicht. Seine dunklen Augen lagen wieder wie verschleiert hinter den goldgeränderten Brillengläsern. Die Spitze des Spazierstocks zeichnete Strich neben Strich in den glatten Waldboden. Endlich war Fritz mit seiner langen Beichte fertig.
„So steh’ ich da!“ knirschte er zwischen den Zähnen. „Und weiß nicht ein und aus. Das Vergangene liegt mir wie ein Stein vor der Zukunft. Ich kann ihn nicht wegwälzen! Er rührt und rührt sich einfach nicht! Die ganze Kraft geht drauf! Ich verbrauch’ mich, werde hin! Von meiner toten Mutter kann mich keiner erlösen!“
Er schwieg mit keuchenden Lungen. Aus den Wipfeln kam das leichte Wehen des Windes wie der Atem der Stille. Kolben erhob sich, trat ganz dicht zu ihm heran.
„Mut, Fritz! Und Geduld! Du -- wir werden uns wohl von heut’ an du sagen müssen -- du wirst bald drüber weg sein. Jetzt aber -- fürs erste -- schaun wir, daß wir zu den anderen ins Forsthaus kommen. Abends hältst du dich dann bei mir auf. Vielleicht hab’ ich was für dich.“
In der Nacht, die diesem Tage folgte, schloß Fritz kein Auge. Er suchte nicht einmal den Schlaf, hatte kein Verlangen darnach. Rastlos wanderte er in seiner Kammer auf und ab, mit leuchtenden Augen, breitete die Arme oft weit aus und fühlte sich endlich ganz leicht und frei. Abgefallen war, was ihn bedrückt hatte, fortgetilgt die Unrast, das Suchen nach einem Überirdischen. Glatt und offen lag der Weg in die Zukunft vor ihm.
Er hatte einsehen gelernt, daß er seine Kräfte an etwas zu verschwenden im Begriff gewesen, das keiner ergründen konnte. Daß der Gedanke an den Zustand nach dem Tode ein Feind des Lebens sei. Und daß die Grübler und Dogmatiker die Menschheit um keinen Zoll vorwärts gebracht hatten, sondern nur die Handelnden, die Blutzeugen, die Männer der Tat.
‚Ich schreib’ getrost: Im Anfang war die Tat!‘ -- Jetzt fiel’s ihm wieder ein, und jetzt konnte er auf einmal nicht verstehen, wie ihn nicht schon damals, als er den Faust las, diese einfachste und klarste aller Weisheiten auf die richtige Spur gebracht hatte. Daß er erst noch viele Monate im Dunkeln getappt und sich gemartert hatte, bis ihn jetzt der viel verlästerte Kolben zum Ausgangspunkte zurückführte und die Bahn frei machte durch ein paar treffsichere Worte und mit Hilfe einer Übersetzung der Hymne ‚An einen unbekannten Gott‘ aus dem Rigveda. Da lag sie vor ihm im gelben Lampenlicht, Druckerschwärze auf vergilbtem Papier, und sprach mit tausendjähriger Zunge zu ihm, tröstete, beruhigte, richtete ihn auf durch die Erkenntnis, daß ein Rätsel, das seit unzählbaren Jahren die Menschen zu ergründen sich mühten und nicht ergründen konnten, kein Rätsel sei, sondern vererbter Wahn mit einem Inhalt ohne Wert für das Leben und für die Entwicklung, eine taube Nuß.
Wieder und wieder las er das mächtige Gedicht in der meisterhaften Übertragung, jetzt im Zusammenhang, jetzt einzelne Strophen, und als er sie alle auswendig wußte, sprach er die letzten noch und abermals laut vor sich hin:
„Wer weiß es denn, wer hat es je ergründet, Woher sie kam, woher die weite Schöpfung? Die Götter kamen später denn die Schöpfung -- Wer weiß es wohl, von wannen sie gekommen? Nur er, aus dem sie kam, die weite Schöpfung, Sei’s, daß er selbst sie schuf, sei’s, daß er’s nicht tat -- Er, der vom hohen Himmel her herabschaut, Er weiß es wahrlich! Oder -- weiß auch er’s nicht?“
Zweites Buch
1.
Im Oktober kamen Hellwig und Pichler nach Prag und nahmen Quartier bei der Frau Wondra, die in zwei Zimmern fünf Hochschülern Wohnung und Verpflegung gegen ein sehr mäßiges Entgelt gewährte. Sie war die Witwe eines Unteroffiziers, der ein starker Pfeifenraucher gewesen war und ihr außer einer kleinen Pension nichts hinterlassen hatte als dreißig Pfeifen von der billigsten Sorte, mit langen und kurzen Rohren, mit Gips-, Holz- und bemalten Porzellanköpfen, alle wohleingeraucht und arg mitgenommen. Als sich für die duftende Sammlung kein Käufer finden wollte, tat es der sparsamen Hausfrau leid, sie unbenützt verstauben zu lassen, weshalb sie sich auf ihre alten Tage selbst das Rauchen angewöhnt und es hierin noch jedem ihrer jungen Mieter zuvorgetan hatte. Da sie kahl war, trug sie sommers und winters dieselbe große Haube aus braunem Taft, die den Schädel und die Ohren zudeckte und für das gelbe Gesicht einen kreisrunden Rahmen abgab. Was auf dem Kopf an Haaren zu wenig, wuchs dafür in gedoppelter Fülle als Schnauzbart unter der Nase, die zum Himmel strebte, als wollte sie sich in beleidigtem Stolz vor so unfraulicher Zierde zurückziehen, worüber sich hinwiederum zwei kleine graue Schlitzäuglein anscheinend sehr belustigten, weil sie fortwährend zwinkerten und blinzelten. Doch je ungeschlachter ihr Aussehen, je derber ihre Rede war, desto milder und lockerer gerieten ihr die Mehlspeisen, die Buchteln, Dalken, Nudeln und Kolatschen, mit denen sie für das leibliche Wohl ihrer Studenten sorgte. Aber auch das Seelenheil der jungen Leute war ihr nicht gleichgültig, und um die schwankende Jugend vor Abwegen zu bewahren, suchte sie ihre Kostkinder abends an das Haus zu fesseln, indem sie mit ihnen Schafkopf spielte oder ein Quodlibet um ein beschränktes Bierquantum.
In dem größeren der beiden Zimmer wohnten bereits seit einigen Semestern der Astronom König, der Philosoph Fundulus und der Mediziner Karg, alle drei schon bemoostere Häupter, die sich bei der Wondra zufällig gefunden und trotz ihrer verschiedenen Neigungen Freundschaft geschlossen hatten.
Diese Freundschaft pflegte regelmäßig auch auf die rascher wechselnden Mieter der anderen Stube ausgedehnt zu werden, und schon am Abend nach ihrem Einzug erhielten Fritz und Otto unter Führung der Wondra den Besuch der Zimmernachbarn. Die Quartiersfrau trug sechs Tabakpfeifen, der Mediziner den großen Bierkrug, der Philosoph den Tabaktopf und der Astronom die abgegriffenen Spielkarten. Würdevoll überreichte die Wondra den neuen Pfleglingen zwei Rauchwerkzeuge zur ausschließlichen Benützung für die Dauer des Mietverhältnisses und gegen die Verpflichtung, nach einer bestimmten Reihenfolge abwechselnd mit den übrigen für die Füllung des Tabakbehälters zu sorgen.
Nach dieser feierlichen Handlung wurde ihnen eröffnet, daß man gesonnen sei, sie in die Hausgemeinschaft Wondra aufzunehmen und solche Ehre festlich zu begehen mit Hilfe eines Viertelhektoliters Bier, den die Aufgenommenen nach Brauch und Fug zum besten geben mußten.
Mit großem Hallo wurde das Faß aus der Schenke geholt, worauf ein mächtiges Gelage anhob, in dessen Verlauf der Mediziner mit der bärtigen Witwe einen Hopser tanzte, daß die Dielen dröhnten und die Haube in greuliche Unordnung kam. Des Philosophen dagegen, der eine sehr verliebte und schwärmerische Wesenheit war und nicht viel vertragen konnte, hatte sich bald eine weinerliche Stimmung bemächtigt, in der er Pichlern von seiner Liebsten daheim erzählte und ihre Treue in Zweifel zog, um sich sogleich wieder wegen des schimpflichen Verdachtes die bittersten Vorwürfe zu machen.
Fritz saß mit König, einem unentwegten stillen Zecher, beim Fenster und hielt durch einsilbige Bemerkungen ein notdürftiges Gespräch mühsam im Gange. Doch wurde das dem Sterngucker bald langweilig. Er stand auf und gesellte sich dem Philosophen zu, den er durch eine Bemerkung über die Minderwertigkeit des Weibes rasch in Harnisch brachte und in der anschließenden erregten Auseinandersetzung mit Brocken aus Schopenhauer kräftig bombardierte.
Unvermutet fand sich Fritz allein in der Fensternische. Niemand fragte oder kümmerte sich um ihn, und es war ihm ganz recht so.
Die Fenster des hoch gelegenen Zimmers gaben Ausblick in einen engen Hof und jenseit desselben über ein Gewirr von Dächern und Türmen und Giebeln, die in dem silberblauen Glanz der Mondnacht schimmernd ruhten. Und dunkel aus dem sanften Glanz herausgehoben, wuchtete darüber der Hradschin und trug den mächtigen Dom wie eine schwere, stolze Krone. Oben wanderten und neigten sich die Sterne, unten lag die Stadt von den beweglichen Wellen des Mondlichts umspielt, -- und inmitten stand der alte Königsitz, aller Nähe und Ferne entrückt, in immer gleicher, steinerner Ruhe stumm, dunkel und geheimnisvoll.
Sonderbar ergriffen schaute Fritz auf dieses Märchen, das Glanz und Nacht und Stille um einsam thronende Größe woben. In der Stube lärmten und lachten die Zecher. Er achtete nicht darauf. Sehnsucht nach Arbeit überkam ihn, nach einer schöpferischen Tat, an der er seine Kräfte erproben, ermüden, ausgeben könnte. Und noch als die übersättigten Trinkkumpane schon längst in dumpfen Schlaf versunken waren, lag er wach und sehnte sich nach einer Aufgabe, riesenhaft gleich der gewaltigen Königsburg, die von Menschenhänden über eine ganze große Stadt gestellt, sie machtvoll und unnahbar beherrschte.
Aber er fand nicht, was eigentlich diese Aufgabe sein sollte, und mit schmerzendem Schädel schlief er endlich ein.
In der Klarheit des nächsten Morgens, der über einen tiefblauen Herbsthimmel eine silberweiße Sonne heraufleitete, erwachte er freier, als er sich niedergelegt hatte, kleidete sich rasch an und eilte auf die Gasse. Es trieb ihn zu den Stätten, die aus der Ferne solchen Eindruck auf ihn gemacht. Er wollte sie durchforschen, erobern, ganz in sich aufnehmen wollte er sie und zugleich sehen, ob auch im nüchternen Schein des Tages der drückende Zauber bestehen blieb.
Mit niedrigen Türen und kleinen Fenstern unter zerbröckelten Gesimsen standen unten in der engen Gasse schmalbrüstige Häuser, mit verrußten Mauern und vorspringenden Dächern drängten sie sich aneinander, alt, müde, eins das andere stützend und alle vom leisen Abglanz toter Jahrhunderte traurig umwittert. Unverändert standen sie so, ließen die Jahre vorübergehn, und wenn aus einem der dicken Gemäuer eine neue Öffnung herausgebrochen, eins der vielen Trödlergewölbe, wo von altersher die armen Juden ihren Handel trieben, in ein dürftiges Lädchen mit einem Auslagfenster umgestaltet wurde, ging es die Gasse entlang wie raunende Verwunderung ob solch unerhörten Eindringens einer andern Zeit.
Als Fritz hinabkam, hatte trotz der frühen Stunde das geschäftige Leben bereits begonnen. Mit schlau-vertraulichen Verneigungen grüßten ihn die jüdischen Händler, riefen ihm verständnisvoll lächelnd ein paar leise Worte zu, auf ihren angehäuften Plunder deutend, in der Hoffnung, daß er ihnen etwas abkaufen oder in Pfand geben werde. Langsam ging er in der Richtung, wo er den Hradschin vermutete, vorwärts. Seine Schritte hallten laut in der engen Häuserschlucht, darüber ein schmales Streifchen Himmel war und ein wenig vom erstarkten Sonnenschein, der die Giebel vergoldete, ohne daß seine Quelle dem Auge sichtbar wurde. Und Gasse folgte auf Gasse, kreuz und quer. Stille Winkel waren da, unregelmäßige Plätzchen und dunkle Sackgassen, in denen die Häuser geduckt und wie furchtsam verkrochen standen, als hörten sie noch den Lärm der Verfolgungen, schauderten vor dem warmen Blut, das in Zeiten unduldsamen Glaubenseifers auf ihren Dielen verdampfte, an ihre Wände spritzte, in roten Bächen über die finstern Treppen rann.
In dem Durcheinander des gleichförmig engen und schmutzigen Winkelwerks hatte Fritz bald jede Orientierung verloren und mußte sich endlich entschließen, einen Vorübergehenden nach dem Weg zu fragen. Der aber maß den deutschen Studenten mit einem feindseligen Blick, brummte ein paar tschechische Worte und gab keine Auskunft. Einigermaßen betreten ging Hellwig weiter, und das beklemmende Gefühl, als sei er in ein verschollenes Jahrhundert zurückversetzt, wurde stärker. Da kam ein weißbärtiger Hebräer, der in seinem Gewölbe den Vorfall mit angesehen hatte, auf ihn zu, dienerte und erkundigte sich in einem sonderbar harten Deutsch nach seinen Wünschen. Fritz sah auf das freundliche Männlein, das mit hohem Hut, fuchsigen Schaftstiefeln und schmierigem Leibrock vor ihm in der Häuserschlucht stand und vermißte -- er wußte nicht, wie ihm das in den Sinn kam -- die steife blaue Halskrause, die die böhmischen Juden noch im siebzehnten Jahrhundert auf der Straße tragen mußten. Doch zwang er sich in einem energischen Aufraffen des spukhaften Traumzustandes Herr und der Gegenwart wieder gerecht zu werden, brachte sein Anliegen vor und erhielt umständlichen Bescheid.
Er bedankte sich, durchschritt noch einige Gassen und gelangte endlich zur Karlsbrücke. Vor ihm rollte, um Inseln, Mühlen und Brückenpfeiler brodelnd, mit braun dunklem Wasser der breite Strom, drüben baute sich Giebel über Giebel mit Kuppeln und Türmen und Zinnen die Kleinseite auf, und darüber ruhte, durch einen herbstlich goldigen Gartenwall geschieden, breit und wuchtig der Hradschin, in der Klarheit des Tages gleich hoheitsvoll und unnahbar wie im trüglichen Dämmer der Mondnacht. Nur die Linien waren schärfer und bestimmter die gewaltige Majestät, die der Veitsdom krönte, der im Panzer seines Gerüstwerks stumm und dunkel vor dem blauen Himmel stand.
Keinen Blick hatte Fritz für die altertümliche Schönheit des Platzes, auf dem er sich befand, für den Auslug durch zwei Torbogen zum langgestreckten Moldaukai hinab, für die Türme und steinernen Bildwerke der berühmten Brücke. Unverwandt schaute er zur Burg hinüber, deren lautlose Größe ihn quälte und erdrückte.
Dann war er am andern Ufer, ging wie schlafwandelnd an alten Palästen vorüber, hinter deren geöffneten Torflügeln die Trauer sterbender Gärten wehmütig versunken lag; durch eine steil ansteigende Gasse schritt er, und auch hier webte die Erinnerung, war die Stille einer längst verwehten Zeit. Doch war hier ein anderer Stil in den Häusern, die Fassaden waren reicher und schmuckvoller, durch schön geschmiedete Gitter oder kunstvolle Tore vorteilhaft gehoben. Allerlei Schildereien zierten die Fronten, hier glänzte ein silberner Schlüssel im blauen Felde über der Haustür, dort ein Wagenrad oder Winkelmaß, da wieder sprang ein Hirschlein mit vergoldeten Hufen, blühte eine vielblättrige Blume, als Zeichen einer Innung oder Wappen eines längst verstorbenen Besitzers und seines stolzen Bürgertums.
Noch die Schloßstiege hinan, dann war er oben, trat ohne sich umzusehen durch die kühlen Torbogen in die weiten stillen Burghöfe. Eine pochende Unrast stieß ihn vorwärts, beklommen spähte er überall umher, aber kalt und abweisend ragten die mächtigen Quadermauern, schauten gleichgültig über ihn weg und ließen sich nicht nahe kommen. Und als er vor dem Veitsdom stand, da wuchs auch dieser hart vor ihm trotz der leicht aufstrebenden Schlankheit der Rippen, der wunderlich verzerrten Fratzen der Wasserspeier ruhig und sicher in die Luft hinauf, wie ein Gebirge aus Stein und Stille.
Verzweifelt lief Hellwig von einer Örtlichkeit zur andern, ein ohnmächtiger Zorn war in ihm, daß ihn ein Menschenwerk so klein machen durfte, er wehrte sich dagegen und spürte doch, wie er dieser unfaßbaren Größe mehr und mehr unterlag.
Da fand er sich unversehens an einem seltsamen Orte. Bunte Häuschen waren da, so klein, daß er mit der Hand den Dachsims fassen konnte, eines neben dem andern, mit Türchen und Fensterchen, wie von Zwergen für Zwerge geschaffen. Er war in das Alchimistengäßchen geraten. Und wie er näher zusah und wie ihm einfiel, daß der zweite Kaiser Rudolf mit seinen Magiern, Goldmachern und Sterndeutern hier hausete, da -- atmete er leicht auf.