Part 6
Wie viele mochten jetzt, im gleichen Augenblick, gerade so wie der hagere Junge, mit wachen Sinnen und heißem Herzen über öde Flächen wandern und durch Frost und Eis und Winterstarrheit unbewußt dem Endzweck ihres kurzen Daseins entgegengetrieben werden, der da ist: Träger, Übertrager des Lebens zu sein. Liebe nennen sie’s und sind glücklich dabei. Glücklich wie irrfahrende Schiffer, die endlich Land gefunden. Land: das heißt fester Boden, Herd, Weib, Kind und -- ein Fleckchen zum Grab. Was sonst noch drum und dran hängt: Religion, Gemeinwohl, Kunst, Kultur, ist gute Zier und erfreuendes Spiel, nicht mehr. Und über die Grube des bewunderten Künstlers und des geistesgewaltigen Denkers, des Länder einenden Staatsmannes wie des schwärmerischen Religionsstifters schreitet mit schweren Schuhen rücksichtslos und lachend in derber, rotbackiger Daseinslust mit seinem Schatz der junge Bauernbursch, ein Kaiser gegen die großen Toten, nur weil er lebt.
Und der jetzt weiter und weiter in die Einsamkeit lief, Fritz Hellwig, der ernste Grübler und Sucher, hatte das gleiche Empfinden. Wohl konnte er sich nicht erklären, was das war und woher es kam. Aber es war da, hielt ihn fest und stieß ihn vorwärts wie Sprungfedern. Er sah den blauen Himmel und nickte ihm zu, er sah den saubern Schnee der Erde und warf sich längelang hinein, wälzte sich darin in toller, zweckloser Freude, sprang wieder auf und rannte mit wilden Jubelschreien weiter, dachte an nichts und wollte an nichts denken. Er fühlte nur, daß er lebte und daß das Leben schön war, schön und reich und verheißend -- wie die Geschenke gütiger Frauen oder die Augen junger Mädchen. Weder an Frau Wart noch an Eva dachte er dabei, nur ganz umrißlos schwebte ihm die Erscheinung eines wunderherrlichen Weibes vor mit blonden Haaren, freiem Blick und beglückender Anmut im Wesen und Bewegen.
Da drang ein sanftes Blöken an sein Ohr und wie er aus seinem Taumel erwachte, und wie er näher hinschaute, bemerkte er mitten im Walde, durch unregelmäßige Zwischenräume getrennt, mit Reisig zugedeckt und mit zartem Heu und Nadelholzknospen als Köder darüber, drei tiefe Gruben, die ein schlauer Wilderer den Jagdtieren gegraben hatte. Und noch eine vierte war da, bei der war das leichte Deckwerk eingebrochen. Mit weitem Schlunde gähnte sie dunkel aus dem weißen Schnee herauf und darinnen stand ein rötlichgraues Rehkalb, schrie und schlug mit den Vorderbeinen immer wieder nach dem Rand der Grube. Aber es erreichte ihn nicht, zitterte und fürchtete sich sehr.
Fritz legte sich platt auf die Erde, griff das Viehlein behutsam mit flachen Händen beiderseits der Brust und hob das zappelnde heraus. Jetzt war es auf ebenem Grund und sollte davonlaufen. Aber es tat nur kurze Sprünge, humpelte unbehilflich und zog den einen Fuß hoch. Nun sah er, daß es dort einen offenen Schaden hatte vom Sturz in die Falle, vielleicht auch einen Sehnenriß oder Bruch. Da nahm er das ganz junge, magere Geschöpf vom Boden und trug’s auf seinen Armen zum Forsthaus an der Straße. Und wie er so dahinschritt unter den stillen runden Kiefernkronen, wußte er auch, was er damit tun wollte.
Er sprach mit dem Förster, forderte und erhielt das Tierchen um ein billiges Geld. Denn es war nicht mehr waldtüchtig und für den Markt noch zu dürftig an Fleisch und Fell. Nach geschlossenem Handel strich der Weidmann eine Salbe auf die wunde Stelle und legte einen Leinenstreifen darüber, die Försterin aber tat noch ein übriges, nahm das rote Bändlein aus den Locken ihrer Siebenjährigen und knüpfte es dem Tier um den Hals.
Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Aber der Schnee leuchtete, und alle Gegenstände waren nahe gerückt und standen in einer ruhevollen Halbhelle wie Wächter vor einem schönen Geheimnis. Über den Saum des Horizonts kam ein großer Stern herauf, strahlte und winkte der Erde: ‚Komm zu mir, ich bin deiner Rätsel Lösung‘. Doch die Erde, stolz, leuchtend in reiner Klarheit, winkte zurück: ‚Komm du und erkenn’ in meinem Spiegel deines Wesens Art‘.
Mit seiner atmenden Last ging Fritz rasch vorwärts. Niemand begegnete ihm. Von den Dörfern, die rechts und links der Straße bis zu den Bergen hinüber allenthalben in den Fluren verstreut lagen, blinkte gelber Lichtschein aus jedem Fenster. Alle Menschen waren schon daheim und rüsteten sich für die Ankunft des Herrn.
Fast ohne Biegung lief die Straße nunmehr, von hohen Pappeln begleitet, eine sachte Lehne hinauf, und da sie sich oben gleich wieder abwärts senkte, schien es dem Hinanschreitenden, als endigte sie gerade vor dem riesigen Himmelstor, dessen dunkelblauer Stahl, mit silbernen Sternennägeln beschlagen, den Raum von der Unendlichkeit schied.
Breit, schwer, gewaltig ragte es senkrecht auf, für immerwährende Zeiten geschmiedet und geeignet, dem brüllenden Ansturm der Ewigkeiten von drüben wie dem Zuflattern der bang fragenden Seelen von hüben unverrückbar und gelassen standzuhalten. Und da schien es Hellwig, als sei das heiße, pochende Leben irgendwo weit zurückgeblieben, und vor der Majestät des Schweigens, das machtvoll aufgerichtet ihm entgegen stand, fühlte er zum erstenmal das Grauen vor der Einsamkeit, die ihn zu würgen begann, während sie ihm sonst Freundin und Trösterin gewesen. Mit schleppenden Schritten ging er weiter. Eine schnürende Beklemmung engte ihm die Brust, und ihm war, als hätte er allen Zusammenhang mit der Erde verloren.
Endlich war er oben. Und der Himmel war mit einem Male hoch und fern, und vor ihm breitete sich das weite weiße Tal im Mondglanz wie in einem leise wallenden, ganz durchsichtigen See, und die Lichter von Neuberg grüßten freundlich. Ganz deutlich sah er den Kirchturm, die feurige Scheibe der Rathausuhr, das alte hochgiebelige Haus am Marktplatz. Ein Fenster schien dort besonders hell. Und im Rahmen zwischen den geöffneten Flügeln stand eine schlanke junge Gestalt in knappem Kleid mit rotem Gürtelband, winkte -- und winkte ihn ins Leben zurück.
Trugbild der Mondnacht.
Aber jetzt gab’s kein Halten mehr. In langen Sätzen sprang er den Abhang hinab. Das warme Geschöpf auf seinen Armen regte sich unruhig, hob den Kopf und schrie kläglich. Er kümmerte sich nicht darum, blickte nur nach dem leuchtenden Fenster hinüber und glaubte in alle Herrlichkeiten der Erde zu schauen. Dann erlosch das Schimmern, Gassen schoben sich dazwischen, er hastete hindurch und fand sich -- er wußte nicht, wie er hingeraten -- mit seinem Rehkalb plötzlich im dämmrigen Flur des Kaufmannshauses.
Das laute Dröhnen seiner Stiefel auf der Treppe ernüchterte ihn. Er fuhr zusammen, blieb stehen, besann sich. Das Tierchen blökte immerfort. Seine rauhe Stimme füllte hallend die gewölbten Gänge. Erschrocken legte er ihm die Hand auf die Schnauze und wollte zurück. Das ging jedoch nicht mehr. Denn das Weib des Hausdieners stand, durch das Geschrei herausgelockt, bereits unten auf der Stiege.
„Gehen Sie nur hinauf, Herr Hellwig,“ sagte sie, als sie ihn erkannte. „Die Herrschaften sind alle zu Haus.“ Da mußte er vorwärts.
Das Rehlein spektakelte unaufhörlich. Als er bereits im ersten Stock war, fiel ihm ein, daß er ja sein lungentüchtiges Angebinde beim Auflader abgeben könnte. Das war wie eine Erlösung. Aber es mußte beim Vorsatz bleiben. Die Wohnungstür tat sich auf, neugierig steckte die kleine Eva Wart den blonden Kopf heraus. Nun durchfuhr es ihn wie den Soldaten der Befehl. Auf gestrafften Beinen stand er kerzengerade und hielt den Nacken steif. Unter den gefalteten Brauen blickten die Augen wieder feindselig auf das Mädchen, von dem er sich noch vor kurzem im Geiste die Pforten des Lebens hatte öffnen lassen.
Das Rehkalb blökte noch immer.
Eva war nicht weniger rot als Hellwig. Kleinlaut schob sie sich durch den Türspalt, hatte die Wimpern gesenkt und spielte mit dem Ende ihres dicken Zopfs, der sich über ihre Schultern nach vorn verirrt hatte. Keine Spur mehr von Übermut und Reschheit, wie sie sie vor ein paar Tagen im Dachzimmer gezeigt. Die Ermahnungen der Mutter machten sie schuldbewußt und befangen.
Fritz raffte sich endlich auf, verbeugte sich und sagte: „Guten Abend.“
„Guten Abend,“ kam ebenso kurz ein Gelispel zurück. Aber hinter den niedergeschlagenen Augendeckeln begannen die losen Geisterchen schon wieder zu rumoren. Und vom rechten glitt sogar eines zum Mundwinkel hinab, huschte über die geschürzten Lippen und war im Nu hinter der linken Augenklappe verschwunden. Dort lachte es fröhlich weiter. Und das Rehkalb sorgte, daß keine Stille eintrat.
Nach einer Weile fing Fritz von neuem an: „Ich -- danke -- für die Bücher.“
Da hob sie die Stirn. Und aus ihren Augen sprang ihm der ganze Schwarm der lustigen Kobolde entgegen, daß er ordentlich geblendet zurückfuhr.
„Hat’s Ihnen Freude gemacht?“ forschte sie.
Er überhörte die Frage, sprach schnell und unsicher weiter: „Da bring’ ich Ihnen was ... wenn Sie’s halt mögen. Sonst schaff’ ich’s wieder fort.“
Ihr Gesicht strahlte. „Mein?“ fragte sie zweifelnd, kam näher und strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über das weiche Fell. „Wie lieb und hübsch.“
Er schaute auf ihre goldfarbenen Locken, die sich dicht vor seinen Augen kräuselten und tat in fluchtartiger Eile einen Schritt zurück.
„Passen Sie auf!“ warnte er dabei. „Es hat ein wehes Haxl!“ Doch als er ihre bestürzte Miene gewahrte, beruhigte er gleich: „Es hat nicht viel auf sich. In ein paar Tagen ist’s gut. Wollen Sie’s?“
Sie bejahte wortlos mit wiederholten heftigen Kopfbewegungen.
„Dann lass’ ich’s also hier!“ sagte er, froh über die Erledigung der schwierigen Angelegenheit und setzte das Tierlein behutsam auf den Fußboden. Zitternd stand es da und tat sehr scheu.
„Geben Sie ihm bald zu saufen und zu fressen!“ riet er noch. Und Eva ganz ängstlich darauf: „Mein Gott, was denn? Ich hab’ ja nichts!“
„Im Stall unten ist Heu genug für hundert solche Vieher!“ belehrte er sie und drängte das Reh in den Vorraum der Wohnung. Dann wandte er sich zum Gehen. Aber die Kleine hatte noch etwas auf dem Herzen. Unschlüssig stand sie, hielt die Klinke in der Hand und fühlte sich gar nicht behaglich, zumal das Rehkalb immer von hinten gegen ihre Beine stieß und hinauswollte. Doch sie nahm allen ihren Mut zusammen. „Herr Hellwig!“ rief sie schüchtern. Und als er sich umdrehte, murmelte sie mit fliegendem Atem: „Nicht wahr, Sie ärgern sich nicht mehr auf mich?“
„Weshalb sollt’ ich denn?“ kam ein Knurren zurück.
Bittend schaute sie ihn an. „Gehn Sie, Sie wissen’s ganz gut ... von neulich halt ...“
„Nein, Fräulein ... Eva!“ Gewaltsam mußte er sich ihren Namen aus der Kehle zwingen. „Gute Nacht!“
Und er beeilte sich, über die Treppe hinunterzukommen, während sie, wieder ganz fröhlich, hinterher rief: „Sie haben schon recht gehabt mit dem Gansl!“
Dann fiel die Tür krachend ins Schloß und legte sich plump und klotzig vor ein helles Mädchenlachen.
Unten streckte Fritz beide Arme mit kräftigen Stößen ein paarmal seitwärts und vorwärts, denn sie schmerzten ihn jetzt doch, weil er ja die, wenn auch leichte Bürde fast zwei Stunden ohne Unterbrechung geschleppt hatte. Dann schlenderte er langsam seiner Behausung zu in einer sonderbar weichen, träumerischen Stimmung. Aber er freute sich darüber und freute sich auf die Stunden, die kommen würden und begehrte die Zeit vorwärts zu schieben, als hätte er etwas recht Fröhliches in ganz naher Frist zu erwarten. Und einen nach allen Windrichtungen zerflatternden Drang fühlte er, zu irgendeiner besonderen Tat, die stark oder gut sein sollte und jedenfalls so, daß sie vor den blauen Augen bestehen könnte, deren strahlenden Schein er heimlich im Herzen wie in einer Schatzkammer trug.
Aus einzelnen Fenstern schimmerten schon die Christbaumkerzen, als er mit heiterer Miene noch einmal in das entlegenste Gewinkel der Vorstadt hinausging, wo als vorgeschobener Posten ein Völkchen von Straßenkehrern, Bettlern und herabgekommenen Handwerksleuten mit vielen Kindern und wenig Brot in einer Reihe armseliger Hütten herbergte. Dort öffnete er auf gut Glück eine der Türen, die geradeswegs in die Stube führte, warf seine Börse hinein und lief rasch weg, indes hinter ihm das wüste Gekeif einer harten Weiberstimme unvermittelt in den schrillen Ruf grenzenloser Überraschung umschlug. In jener Börse aber hatte er schon seit Jahren von seinem Taschengeldchen Kreuzer zu Kreuzer gespart, um nach der Reifeprüfung eine Reise in die Alpen unternehmen zu können. Doch tat ihm das Aufgeben einer lang genährten Hoffnung heute gar nicht leid. Froh war er darüber, und da das Opfer uneingestandenermaßen der kleinen Eva Wart gegolten, fühlte er sich jetzt wie durch ein Band geheimen Einverständnisses mit ihr verbunden, obwohl sie gar nichts davon wußte.
Seine Mutter aber hatte ihn noch nie so sanft, zugänglich und herzlich gesehen wie an diesem Abend, so daß auch für sie ein leidlich vergnügtes Weihnachtsfest abfiel. Sie bedachte ihren Jungen mit allerlei Dingen des täglichen Bedarfs, mit Hemden, Taschentüchern, Socken und Kragen, erging sich eine Stunde lang in der beschaulich-rührseligen Betrachtung einstiger, gemeinsam mit dem Gatten verlebter Weihnachtsabende und suchte dann ihre Schlafstelle.
Fritz dagegen begab sich, als die Glocken zur Mette läuteten, noch einmal auf die Straße, wo von allen Seiten die Frommen heranzogen, um beim Gottesdienst der Geburt des Erlösers dankbar zu gedenken. Trotz der mondhellen Nacht trugen viele nach alter Gewohnheit ihre brennenden Laternen mit sich, und auch von den Hügellehnen herab zu den Dorfkirchen bewegten sich rötlichgelbe, schwankende Lichter, eines hinter dem andern, wie die Glieder großer Feuerwürmer.
Unstet strich Hellwig durch die Gassen und spähte den Wallern ins Gesicht. Zwischen ernsten Greisen, würdigen Matronen und verschlafenen Hausfrauen schritten blutjunge Mädchen mit lebenslustigen Augen, die unter großen Umschlagtüchern, Kapuzen oder leichten Seidenschals verstohlen nach den Jünglingen blickten. Insgeheim hoffte Fritz auch Eva in der Menge zu sehen. Aber sie kam nicht. Und als er sich scheu wie ein Dieb in die Nähe des Marktplatzes wagte, da lag das Haus der Kaufmannsfamilie schwarz und finster ganz im Schatten, und hinter den Vorhängen waren alle Lichter verlöscht. Nun wurde er kühner, setzte sich auf den Rand des Brunnens, der von einer uralten steinernen Rolandfigur bewacht, in der Mitte des Platzes aufgestellt war, und während das Wasser hinter seinem Rücken klingend in das Becken fiel, starrte er zu den dunklen Fenstern empor, und in seiner verwunderten Seele begann das Keimen und Wachsen einer zaghaften Sehnsucht, eines innigen Glücksgefühles, gleich dem Drängen und Treiben in blattlosen Bäumen zur Vorfrühlingszeit. Noch wissen sie nicht, was da sich regt und ihre Rinde dehnt, -- ahnungsvoll stehen sie und warten und ängstigen sich wohl auch, bis in einer gesegneten Stunde aus allen Knospen grüne Blätter, weiße Blüten lachend der Sonne in die Arme springen. So träumte Fritz Hellwig unter einem hohen, frostklaren Sternenhimmel seiner ersten, keuschen, seligtörichten Jünglingsliebe entgegen. --
Als er am nächsten Morgen erwachte, schämte er sich zwar ein wenig seines Treibens, aber die schwärmerische Empfindung war geblieben. Doch ging er während der ganzen Ferienwoche nicht ein einziges Mal zu Heinz, sondern trieb sich wie verloren ganz allein herum, lief alle seine Lieblingsplätze ab und freute sich über alles mögliche: auf den Sommer und die Erikablüte, das Baden im Fluß und das Schwämmesuchen in den Wäldern, auf das Ende der Gymnasialstudien und auf das Leben in der Hauptstadt, wo er im Herbst die Hochschule beziehen würde.
9.
Nach den Feiertagen wurde Fritz in die Kanzlei des Direktors gerufen, und der hielt ihm in scharfer Weise vor und sagte ihm auf den Kopf zu, er, Friedrich Hellwig, sei an dem und dem Tage, zu der und der Stunde in dem und dem Gasthaus beim Billardspielen gesehen worden. Das war eine schwere Anklage, denn der Wirtschaftsbesuch war den Studenten streng untersagt.
„Das ist eine Lüge!“ rief Fritz ungestüm.
Der Direktor aber entgegnete, er solle sich mit seinen Worten in acht nehmen. Ausflüchte werden da nichts helfen, denn er sei mit vollster Bestimmtheit erkannt worden. Übrigens müsse er sich auch schon deswegen an den Vorfall erinnern, weil er sich beim Erscheinen des Gewährsmannes -- es sei einer der Herren Professoren gewesen -- unterm Billard versteckt habe. „Fügen Sie also,“ schloß der Schulmann, „zu dieser Feigheit nicht noch eine, sondern legen Sie ein mannhaftes Geständnis ab!“
„Herr Direktor,“ antwortete Fritz mühsam, „ich bin kein Feigling. Hätt’ ich’s getan, so würde ich’s auch sagen. Aber es ist nicht wahr! Die Anzeige ist Wort für Wort erlogen! Stellen Sie mich dem Klatscher gegenüber! Er soll’s mir ins Gesicht sagen, wenn er sich traut!“
Darauf erwiderte der Direktor mit seiner schrillen, metallenen Stimme, und bei jedem nachdrücklichen Wort zuckte der breite Vollbart, stachen die kalten Augen gegen den Verwegenen. „Vor allem,“ sagte er, „muß ich Ihre Ausdrucksweise auf das schärfste rügen. Die Strafe hierfür wird nicht ausbleiben, verlassen Sie sich darauf! Im übrigen werden wir mit Ihrem unverschämten Leugnen sofort fertig sein! -- Ich bitte, Herr Kollega!“
Er öffnete die Tür zu seinem Sprechzimmer, und heraus trat hüstelnd und spuckend Professor Hermann.
„Sie wissen, um was es sich handelt, Herr Kollega? Der Schüler hat ja laut genug gesprochen.“
„Verehrtester Herr Direktor,“ entgegnete Hermann, „verehrtester Herr Direktor, ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen bereits mitgeteilt habe. Der Oktavaner Hellwig hat mir gegenüber in der gröblichsten Weise die Achtung verletzt, jene Achtung, die er seinen Lehrern und Vorgesetzten schuldet. Dies hat mich veranlaßt, seinem Treiben außerhalb der Schule ein wenig nachzugehen. Denn wenn ein eifriger und fleißiger Schüler in den höheren Klassen plötzlich versagt und sein Benehmen auffällig ändert, ist in neunundneunzig von hundert Fällen das Wirtshaus schuld. Diese Ansicht des hochwürdigen Paters Romanus hat sich noch immer als richtig erwiesen. Nun besteht da in der Vorstadt ein kleines Gasthaus, wo dem Vernehmen nach fast täglich Studenten zusammenkommen sollen, weil es entlegen, billig und mit weiblicher Bedienung versehen ist. Mit weiblicher Bedienung! In dieser Kneipe habe ich den Schüler Hellwig gesehen, der sich bei meinem Eintritt hinter das Billard geduckt hat. Leider habe ich ihn nicht zur Rede stellen können, weil meine Augengläser in der Wärme angelaufen sind, und als ich sie geputzt hatte, war er offenbar durch einen rückwärtigen Ausgang verschwunden.“
So redete der Professor, und wenn ihm jemand erwidert hätte, daß Spitzeltum und Angeberei von anständigen Leuten zu den verächtlichsten Charaktereigenschaften gerechnet werden, hätte er gewiß eifrig zugestimmt und nur ganz verwundert gefragt, was diese Bemerkung denn hier zu tun habe. Denn er fühlte sich in der schleimigen Niedrigkeit seines Wesens über jeden Tadel erhaben und hatte noch niemals gezweifelt, daß eine seiner Handlungen etwas anderes als vollkommen sein könnte.
Fritz war einfach fassungslos.
„Es muß ein Irrtum sein!“ Der leise Ton seiner Stimme machte keinen guten Eindruck.
„Geben Sie das Leugnen auf!“ riet der Direktor. „Sie machen damit Ihre Sache nur schlimmer!“
Nun wurde der ehrliche Junge wild. „Ich war aber nicht dort!“ rief er ungeduldig. „Kenne die Spelunke gar nicht! Herr Professor verwechseln mich vielleicht mit jemandem andern!“
Freimütig und Bestätigung heischend, oder wie die beiden Pädagogen feststellten, frech und verstockt, blickte er von einem zum andern. Da fuhr Professor Hermann auf ihn los: „Sie kecker Bursch! Also ich bin ein Lügner? Was? Natürlich! Verwechselt hab’ ich Sie! Einen Doppelgänger haben Sie! -- Zu blöd! -- Verehrtester Herr Direktor, wie ich schon sagte, der Schüler ist ein Schandfleck für die Anstalt! Ein Schandfleck!“
Gewaltsam suchte sich Fritz zu beherrschen. Aber es ging nicht. „Sie haben mir schon einmal unrecht getan!“ keuchte er in zuckendem Zorn. „Ohne jeden Anlaß, nur weil Sie mir aufsässig sind! Das ist gemein! Das ist schuftig!“
Er spie dem Professor vor die Füße, blieb mit gespannten Muskeln noch eine Minute hoch aufgerichtet stehen und wartete. Da jedoch die zwei Schulmeister vor der ungeheuerlichen Tat stumm wie Steinbilder standen, schritt er traurig durch die Tür über die Stiege hinab ins Freie und ließ, je weiter er ging, das eben noch stolz getragene Haupt immer tiefer sinken.
Infolge dieser Begebenheit sah Romanus früher noch, als er gedacht, seinen Plan verwirklicht, war die Entfernung Hellwigs, des räudigen Schafes, das eine beständige Gefahr für die anderen bedeutete, vom Gymnasium unvermeidlich geworden. Der Pater empfand eine starke Befriedigung darüber. Nur daß sein Name in der leidigen Affäre nicht ganz verschwiegen geblieben, trübte ihm die Freude. Denn er wollte ganz rein dastehen. Nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes durfte auf ihn fallen, daß er auch nur mittelbar beigetragen hätte, wenn der einzige Sohn einer bedürftigen Witwe kurz vor der Reifeprüfung so hart gemaßregelt wurde.
Und wie nun in einer eigens einberufenen Sitzung Hellwigs Ausschließung von allen Mittelschulen des Reiches beim Landesschulrat beantragt werden sollte und als alle Lehrer einig waren, daß für den unerhörten Frevel diese strengste Strafe eigentlich noch nicht streng genug sei, da erhob sich plötzlich der Religionsprofessor und trat aufs wärmste für den Sohn der Witwe ein. Er konnte das beruhigt tun. Am Neuberger Gymnasium wenigstens konnte dieser auf keinen Fall geduldet, konnte er nicht noch weiterhin von einem Lehrer unterrichtet werden, dem er Gemeinheit und Schufterei vorgeworfen.
Professor Hermann aber war tatsächlich im guten Glauben gewesen. Wie jemand, der einen Bekannten zu treffen hofft, im Menschengewühl bald diesen, bald jenen Fremden für den Gesuchten hält, ihm nacheilt und erst in nächster Nähe den Irrtum erkennt, -- so hatte auch er sich vorgetäuscht, daß er Hellwig wirklich gefunden habe, weil er ihn finden wollte. Das wußte Romanus und schonungsvoll stach er dem Professor den Star, legte dar und stellte unter Beweis, daß der Beschuldigte an dem bewußten Tage tatsächlich nicht in jener Kneipe gewesen, kurz, trieb den verlegen hüstelnden Angeber so in die Enge, daß er schließlich notgedrungen die Möglichkeit eines Irrtums zugeben mußte, worauf ihn der Pater eines solchen in unwiderleglicher Weise überführte.
Die Stimmung unter den Professoren schlug nun zwar zugunsten des Jünglings um, aber die gröblich beleidigte Autorität forderte Sühne. Der Antrag an die Oberbehörde wurde auf ‚lokale Ausschließung‘ eingeschränkt.
Noch im Jänner traf die Genehmigung ein, und Hellwig erhielt ein Abgangszeugnis, in welchem das sittliche Verhalten als ‚nicht entsprechend‘ bezeichnet und auf der Rückseite der Vermerk eingetragen war, daß gegen den Schüler wegen ‚Beschimpfung und Bedrohung eines Lehrers, fortgesetzt frechen Benehmens, Ungehorsams und Widersetzlichkeit‘ die lokale Ausschließung vom k. k. Staatsgymnasium in Neuberg verfügt worden sei.
10.
Wenn man sieben Jahre ununterbrochen in derselben Schule von denselben Lehrern unterrichtet wurde, ist es gewiß schwer, sich in den Unterrichtsplan einer anderen Anstalt hineinzufinden, mit der Art und den Eigenheiten anderer Professoren sich vertraut zu machen. Fritz tat mehr. Seine Mutter hatte im Laufe der Jahre unter vielfachen Entbehrungen ein paar Gulden zusammengebracht, um ihn für den Anfang der Hochschulzeit über Wasser halten zu können. Die wollte sie jetzt dranwenden, wollte ihn in der nächsten Gymnasialstadt weiterstudieren lassen. Aber er ließ sich dort nur als Privatschüler einschreiben, blieb in Neuberg und lernte ohne Lehrer drauflos. Es galt jetzt nicht nur den umfangreichen Stoff für die Reifeprüfung, sondern auch den des letzten Halbjahres ohne Leitung zu bewältigen. Da blieb alles andere links liegen: Darwin, Nietzsche, Marx, die Spaziergänge und Zusammenkünfte mit den Freunden.