Der Volksbeglücker

Part 5

Chapter 53,530 wordsPublic domain

Während es dem Mädchen mit Lachen und freundlicher Teilnahme leicht gemacht wurde, über den kleinen Vorfall wegzukommen, mußte Fritz wie immer allein damit fertig werden und fraß sich hiebei nur desto tiefer hinein in seinen Groll gegen die Frauen im allgemeinen und gegen die weiblichen Mitglieder des Hauses Wart im besonderen. Und seine Stimmung wurde keineswegs gebessert bei der Erinnerung, daß er wegen der dummen Geschichte nicht einmal dazu gekommen war, Heinz von der Beichte und dem Auftritt mit Pater Romanus Bericht zu erstatten.

Als er dies beim nächsten Zusammentreffen in den Gängen des Schulgebäudes nachholte, meinte Wart, daß er einen Unsinn begangen habe. „Unsinn oder Sinn!“ sagte Fritz darauf, „ich mußte einfach. Wir werden ja sehn, ob man heutzutage wirklich ohne Lüge nicht durchkommen kann!“

Da verkündete die Glocke hallend den Beginn des Nachmittagsunterrichts, die Studenten strömten in die Klassenzimmer, und die beiden Freunde mußten das Gespräch vorläufig abbrechen.

In der Oktava verlas der Klassenvorstand unter lautloser Stille das Ergebnis der am Vortage stattgehabten Monatskonferenz, verteilte die Strafzettel mit den Tadelsworten, den Rügen und Ermahnungen und fügte seine eigenen Bemerkungen hinzu. Die wiesen zwar in einigen besonders schweren Fällen drohend auf schärfere Maßnahmen und auf das Schreckgespenst eines Durchfallens bei der Reifeprüfung hin, klangen im übrigen jedoch recht sanft und tröstlich. Denn dem alten Herrn mit dem weißen Backenbart und den schon leise zittrigen Händen waren seine Jungen ans Herz gewachsen.

Name um Name wurde aufgerufen. Die Zettel wanderten in die Hände der Schüler, und wer einen bekam, sah trübselig drein, während mancher Schuldbewußte erleichtert aufatmete und sich freute, daß diesmal ein schon für unabwendbar gehaltenes Verhängnis doch noch gnädig vorübergegangen war. Schließlich blieb nur noch ein einziges Blatt übrig. Da stellte sich der Professor in Positur, machte ein bekümmertes Gesicht, so gut ihm das in Anbetracht seiner roten Wängelein und fröhlich zwinkernden Augen möglich war, und begann: „Leider, und ich bedaure das sehr, leider bin ich in die unangenehme Lage versetzt, auch einem meiner fleißigsten Schüler, von dem ich’s nicht erwartet hätte, mitteilen zu müssen, daß sein sittliches Verhalten nicht vollkommen einwandfrei ist. Fritz Hellwig ...!“

Der Aufgerufene erhob sich und trat aus der Bank vor.

„Fritz Hellwig, ich habe die betrübliche Pflicht, leider, Ihnen wegen Ihres sittlichen Betragens den Tadel der Konferenz aussprechen zu müssen, leider.“

Fritz nahm das weiße Blatt aus den Händen des Lehrers, verbeugte sich und ging auf seinen Platz zurück. Er dachte an Pater Romanus, fand die Strafe sehr mild und wunderte sich nur, warum der Pater erst davon gesprochen hatte, daß er den ganzen Vorfall vergessen wolle.

Mit diesem Gedanken beschäftigt, hörte er nur mit halbem Ohr hin, wie der Professor jetzt fortfuhr: „Nehmen wir uns also zusammen und folgen wir mit größerer Teilnahme dem Unterricht.“ Und erst als er etwas schärfer einsetzte: „Hellwig, ich spreche mit Ihnen!“, erhob dieser sich wieder und blickte ziemlich verständnislos. Nun kam der behäbige Mann vom Podium herab, stellte sich neben die Bank und sagte freundlich: „Wir sollen nicht so gleichgültig sein, namentlich im Griechischen. Herr Kollege Hermann hat sich beklagt, leider, daß wir seinem Vortrag gar nicht zuhören, sondern währenddessen leider immer zerstreut in allen Himmelsrichtungen herumschauen. Auch bei seinen Fragen melden wir uns niemals und bekunden mangelnde Teilnahme an besagtem Gegenstand, indem wir immer wie ein Haubenstock dasitzen, leider.“ Und mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: „Es hat nicht viel auf sich. Nur munterer sein, munterer!“ Dann trippelte er wieder zum Lehrpult zurück.

Fritz stand da, als hätte der Blitz vor ihm eingeschlagen, war kalkweiß und rührte sich nicht. Erst als der Professor fragte, ob ihm etwas fehle, bewegte er verneinend den Kopf und setzte sich. Sein Herz klopfte unregelmäßig, trieb das Blut bald in heftigen Stößen, bald matt und mühsam durch die Adern. Mit leeren Augen stierte er vor sich hin, war jetzt wirklich teilnahmslos und dachte nur immer das eine: daß ihm ein Unrecht geschehen sei. Gerade das Griechische war schon wegen Plato und Demosthenes sein Lieblingsgegenstand trotz des widerwärtigen, schwindsüchtig aussehenden Lehrers, der infolge einer Kehlkopfkrankheit fortwährend hustete und heiser sprach, als stäke ihm ein Schleimpfropfen in der Luftröhre. Auch hatte er die Eigenschaft, daß er beim Reden niemandem ins Gesicht, sondern mit hastenden Augen stets an der betreffenden Person unstet vorbeisah. Deshalb konnte er von anderen ebenfalls keinen offenen Blick vertragen, wurde unruhig und nervös, wenn er einen solchen auf sich gerichtet fühlte. Daher mochte er Hellwig nicht leiden, fand aber, weil dieser im Griechischen dank einer umfangreichen Privatlektüre sehr viel wußte, keine Handhabe, ihm irgendwie seine Abneigung fühlen zu lassen. Da hatte ihn Pater Romanus, der tödlich Gekränkte, mit ein paar achtlos hingeworfenen Worten auf das dehnbare Gebiet des sittlichen Betragens gewiesen und der Erfolg zeigte, wie gut der Jesuit seine Werkzeuge zu wählen verstand.

Davon ahnte Hellwig freilich nichts. Er hatte nur das Bewußtsein, daß der Tadel unverdient war. Denn wenn er auch nicht, wie die meisten anderen und namentlich Pichler, bei jeder Frage, auf die er Bescheid zu geben wußte, gleich mit der Hand in die Höhe fuhr, so konnte er sich doch mit ruhigem Gewissen sagen, daß er den Unterricht noch immer mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, stets bei der Sache gewesen und nur selten eine Antwort schuldig geblieben war.

Das Unglück wollte es, daß als nächste Lehrstunde das Griechische an die Reihe kam und Professor Hermann, durch Aufstehen von den Sitzen begrüßt, ins Schulzimmer trat. Auch Fritz erhob sich gewohnheitsmäßig mit. Als er jedoch das eingetrocknete gelbe Gesicht erblickte, da wallte zugleich mit einer siedenden Wut das kindische Verlangen in ihm auf, dem eklen Patron einen Tort anzutun und seiner Mißachtung sogleich irgendwie Ausdruck zu geben. Er verschränkte die Arme vor der Brust, warf den Kopf in den Nacken und sah den Professor herausfordernd an. In dieser Stellung verharrte er noch, als seine Mitschüler bereits wieder auf den Bänken saßen.

Da sprang der ausgelaugte, stangendürre Mensch mit einem gewaltigen Satz vom Podium herunter auf ihn zu: „Eh, eh, -- wie stehn S’ da? Wie stehn S’ da?“

Fritz rührte sich nicht.

Das Gesicht des Lehrers war fahlgrün geworden. Pfeifend kam der Atem aus der kranken Kehle.

„Hinaus! Sie Frechling! Lausbub! Klassenbuch! Sittenrüge! Karzer! Hinaus! Hinaus!“ schrie, spuckte und hustete er und hieb mit der geballten Rechten immerfort auf die Bank unter allen Zeichen einer schweren Nervenüberreizung. Selbst als Hellwig das Zimmer verlassen hatte, konnte er sich nicht beruhigen. In seinem dicksohligen knarrenden Schuhwerk schritt er vor der Schultafel hin und her, fortwährend Worte wie „Frechheit!“, „Bube!“ zwischen den gelblichen Zähnen zerreibend, nahm dann das Klassenbuch aus der Pultlade und schrieb beinah eine Seite voll. Mit einem hämischen „So!“ klappte er endlich den grünen Deckel zu und begann ein wütendes Prüfen unter der verschüchterten Schülerschar, wobei er raunzend, räuspernd, hüstelnd eine ungenügende Note nach der andern in seinen Handkatalog eintrug. Und niemand fand heute vor dem Verärgerten Gnade.

Fritz mußte inzwischen im Korridor das Ende der Stunde abwarten. Er lehnte sich in eine der tiefen Fensternischen und blickte durch die eisernen Gitterstäbe in den Hof, der von zweistöckigen Gebäuden eingeschlossen, unter der Aufsicht vieler schnurgerade ausgerichteter Fensteraugen trübselig im Schatten lag, als schämte er sich seiner Dürftigkeit. Wehmütig streckte ein verkrüppelter Roßkastanienbaum die beschneiten Äste nach dem Stücklein Himmel über den geflickten Ziegeldächern, eine hungrige Dohle saß in seiner Krone, ließ den starken Schnabel hängen und fror.

Die Glieder schlaff, den Kopf gesenkt, drückte Hellwig die Achsel gegen das kalte Gemäuer. Aller Lebensmut war ihm zerbrochen, und in sein steinstarres Antlitz meißelte tiefe und immer tiefere Furchen ein ungeheurer Schmerz. Er hatte zum erstenmal im Leben die Ungerechtigkeit kennengelernt. Und da war ihm, als sei der feste Boden unter seinen Füßen weggezogen worden, als wankten alle Grundpfeiler der Ordnung, stürzten hin und lägen begraben unter dem hereinbrechenden Chaos.

Es war ihm so klar gewesen bisher als die erste und einfachste sittliche Forderung: Das Recht des Nebenmenschen wahren wie sein eigenes, als geheiligtes, unantastbares Gut. Und jetzt? Da stand er, und ein Unrecht war ihm geschehen, und er hatte kein Mittel, gegen den Übeltäter aufzutreten, es sei denn die rohe Kraft der Muskeln. Und statt, daß er und alle andern mit ihm wie ein Mann sich erhoben, den Beflecker des Rechts zu züchtigen, blieben sie untätig, als dieser dem ersten Verbrechen das zweite hinzufügte. Und wenn auch einige die Unbill verurteilten, so schien sie ihnen doch zu geringfügig, um viel Aufhebens davon zu machen. Aber gab es denn hier überhaupt eine Geringfügigkeit? Jede Beleidigung Gottes, und wäre sie noch so klein, sollte schwerste Missetat sein und die gröbliche Verletzung eines ersten Sittengesetzes Bagatelle? Und jetzt empfand er auch Scham über sein unwürdiges Benehmen. Wie zu einem heiligen Krieg hätte er ausziehen, hätte glühend für das gelästerte Menschengut in die Schranken treten müssen, ohne der eigenen Kränkung zu gedenken. Statt dessen hatte er in einer großen Sache klein und jämmerlich, so recht wie ein geprügelter Knabe gehandelt. Das machte ihn verzagt und schwunglos, drückte nieder und beraubte ihn der Kraft zum entschiedenen Eintreten für seine Schuldlosigkeit. Und als die Stunde vorüber war und als er an Professor Hermann vorbei in das Schulzimmer ging, da senkte er, wiederum zum erstenmal im Leben, schuldbewußt den Kopf.

8.

Den nächsten Tag begannen bereits die Weihnachtsferien, die solcherart für Hellwig und für seine Mutter keineswegs freundlich eingeleitet wurden. Er hatte ihr gleich nach seiner Heimkunft den Tadelszettel auf den Küchentisch gelegt: „Da, unterschreib den Wisch!“ Sie las ihn bedächtig vom Anfang bis zum Ende und fing sofort ein Weinen an und ein Zanken, ohne den Sohn nach der Ursache der Maßregelung zu fragen. Denn daß er sie verdiente und schuldig war, dafür war ihr das mit dem Schulsiegel und der Unterschrift des Direktors versehene Blatt todsicherer Beweis.

Fritz versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen. Es wäre auch ein vergebliches Bemühen gewesen, ihren Glauben an die Behörden und an geschriebene Amtsurkunden erschüttern zu wollen.

Als sie endlich mit dünnen unbehilflichen Volksschülerbuchstaben ihren Namen auf den Zettel gemalt hatte, packte er ihn mitsamt den Schulbüchern zusammen und ging in seine Stube. Dort fand er auf seinem Tisch ein Postpaket vor. Überrascht öffnete er es; drei schön gebundene Bücher fielen ihm in die Hände. Zwischen den Blättern des einen stak ein Briefumschlag. Darin war eine Karte. ‚Fröhliche Weihnachten‘ stand auf der einen Seite und auf der anderen ‚wünschen das Gansl und seine Mutter‘.

Mit einem Fluch ließ Hellwig die Faust auf den Tisch fallen. Unter zusammengezogenen Brauen funkelte der Zorn. Als Fopperei erschien ihm die Sendung, als Zudringlichkeit und neue Beleidigung. Er hatte Frau Wart niemals Grund zu einer solchen Vertraulichkeit gegeben, hatte jeden Versuch schroff abgelehnt. Und nun kam sie ihm so. Denn, daß der Plan von ihr ausgegangen, darauf hätte er Stein und Bein geschworen. Schon schickte er sich an, die Bücher wieder einzupacken, schon schien es, als ob Frau Hedwigs gute Saat nutzlos ausgestreut wäre. Da glänzte ihm aus dem aufgeschlagenen Band der Name Darwin entgegen. Angeregt las er den Satz, stutzte, las weiter.

Und als der Nachtwächter morgens im winterlichen Dunkel der Gassen den Ruf anstimmte:

„Hausmagd, steh auf, heiz’ ein, kehr’ aus, Trag ’n Bedarf Wasser ins Haus!“,

da war Fritz Hellwig richtig mit den leichten Plaudereien so ziemlich fertig geworden.

Dadurch hatte er sich das Geschenk unfreiwillig angeeignet und die Rückgabe unmöglich gemacht. Es hatte ihm nicht sonderlich gefallen. Zu spielerisch, zu tändelnd und oberflächlich war es ihm. Und doch saß er und träumte mit leuchtenden Augen in das Dunkel hinaus. Träumte vom Frühling und Blütentreiben mit seltsam bewegtem Herzen, das wehmütig und sonnig war, erwartungsfreudig und voll von tausend unsichtbaren, heimlich pochenden Kräften wie ein Vogelnest zur Brutzeit. Erschauernd wurde er seiner werdenden Mannheit inne, mit einer leisen, scheuen Sehnsucht nach dem Weibe. Rein und ohne noch zum Verlangen sich zu verdichten, war diese Sehnsucht einer jungen Blüte gleich, die kaum entfaltet zum erstenmal dem Lichte entgegenblickt. Und der Atem der Liebe machte ihn sanft und gütig und erfüllte ihn mit einer innig warmen Verehrung für das Weib als einen heiligen Brunnen, in dessen klarer Tiefe Anfang und Ende aller Menschwerdung in sich beschlossen ruht. Und neidlos und ohne Vergleiche empfand er jetzt eine aufrichtige Dankbarkeit für die mütterliche Frau, die ihm einen Freund geschenkt und jetzt diese Weihnacht des Herzens bereitet hatte.

So wurde eine Wandlung seiner Seele wohl angebahnt, aber im kalten Licht des Tages regte sich wieder der alte Trotz.

Damit er nicht zu Heinz gehen mußte oder Gefahr lief, von ihm abgeholt zu werden, machte er sich gleich nach dem Frühstück auf den Weg, um Pichler in seinem Heimatsdorf aufzusuchen, das drei Stunden von Neuberg entfernt, schon an der bayrischen Grenze lag.

Dort hatte der Küster und Kirchendiener Pichler ein gemauertes Hüttlein inne, das wie ein Schwalbennest an einer schlanktürmigen Kirche klebte und außer für zwei Wohngelasse nur noch für eine Vorratskammer und den Kuhstall Raum bot. Hellwig fand den Kameraden in der großen Stube, wo hinter dem überlebensgroßen Kachelofen zwei Turteltauben gurrten und links davon unter dem Geschirrschrank die Hühner in ihrer rot angestrichenen Steige hockten. Auf der Holzbank aber, die sich längs aller Wände um die Stube zog, saßen verteilt sechs junge Menschenkinder. Die älteren Buben banden Birkenreiser, die, am Barbaratag geschnitten und ins Wasser gesteckt, nunmehr grüne Triebe hatten, mit roten und blauen Bändern zu Ruten, mit denen sie am zweiten Feiertag die Dirnen peitschen wollten. Und um sich zu vergewissern, ob sie das Sprüchlein noch wüßten, sprachen sie manchmal halblaut vor sich hin: „Frische, frische Krone, ich peitsch’ dich nicht um Lohne, ich peitsch’ dich nur aus Höflichkeit, dir und mir zur Gesundheit!“

Beim Ofen wirtschaftete mit nackten Armen eine siebente, wenig jüngere als Otto, in Töpfen und Schüsseln herum, und unter all der regsamen Jugend saß dieser selbst, der einzige Dunkelhaarige, schnitt mit der Schere Engel, Hirten und Lämmer aus einem Bilderbogen und steckte sie neben die heilige Familie und die drei Könige aus dem Morgenlande in den Moosboden der aus Pappendeckel gefertigten Krippe.

Als Hellwig die strohgefütterte Tür öffnete, schwieg das Summen und Tönen, die geschäftigen Hände ruhten und vierzehn helle Augen starrten neugierig auf den Ankömmling, der mit Reif und Schnee zugleich eine frische Winterluft in die dumpfig warme Stube brachte. Anfangs waren sie schüchtern und sahen zu, wie der älteste Bruder in seiner lauten Weise den Freund begrüßte. Bald aber schoben sich die kleineren, die schmutzigen Mittelfinger im Mund oder Nasenloch, näher heran, glucksten und umschlichen im Kreis den Fremdling. Da hob Fritz eine kaum Vierjährige mit beiden Armen hoch über seinen Kopf, daß sie fast an den braunen Deckenbalken stieß. Und nun wollten auch die andern Fibelschützen nicht um diesen Genuß kommen, drängten und stießen sich, kicherten, und als Otto mit den geflochtenen Weihnachtsstriezeln und einer Flasche Kümmelschnaps aus der Vorratskammer zurückkehrte, lehnten sie bereits, links zwei Männlein, rechts zwei Weiblein, alle unter zehn Jahren, an den Knien des Gastes, der beim Eßtisch saß, und guckten scheu-zutraulich wie junge Hunde von der Seite nach seinem Gesicht hinauf. Die zwei älteren Burschen flochten leise pfeifend an ihren Ruten weiter, und die Siebzehnjährige beim Ofen, die nach dem Tode der Küsterin das Haus versehen mußte, hantierte mit ihren Kochgeräten und bemühte sich jetzt, möglichst wenig Lärm zu machen.

Hellwig aber war Kind mit den Kindern, und Otto gewahrte mit wachsendem Staunen, wie viel harmlose Heiterkeit und genügsamer Frohsinn diesem spröden, widerspenstigen Charakter eingemischt war. Er lachte und trieb Tollheiten, sprach Schnellsagesätze vor -- „hinter Hansens Hundshütten hängen hundert Hundshäut’“ -- und erzählte den Auflauschenden von der versunkenen Stadt im Tillenberg, von der Sturmmutter Melusine und dem Hehmann im Franzensbader Moor.

Dann kam der Küster nach Hause, ein schneiderdürres Männchen mit spitziger Nase, spitzigem Kinn und einem spitzigen grauen Ziegenbart darunter, und brachte in einem Netz zwei schöne Spiegelkarpfen, ein Geschenk aus dem Fischteich seines Pfarrherrn. Im Nu war er von der Schar seiner Sprößlinge umringt, und in dem Gewoge blonder Köpfe und greifend emporgestreckter Hände schwankte sein kümmerliches Gestaltchen wie der Mast eines steuerlosen Kutters in sonnenüberfunkelten Wellen.

Endlich gelang es der ältesten, das Fischnetz zu fassen und mit hochgehaltenen Armen aus dem Bereich der neugierigen Finger zu bringen. Aber immer wieder bettelten die Kleinen: „Zeig’ doch einmal her! Ich möcht’ mir die Viecher ja nur anschaun!“, hingen sich an ihren Rock und suchten den Arm der Schwester im Sprung zu erhaschen und niederzuziehen. Scheltend wehrte sie dem Ansturm, machte sich mit einem kräftigen Ruck frei, und nun flog die ganze leuchtende Wolke von Gesundheit und Jugendkraft zur Anrichtbank beim Ofen, während das Küsterlein den Schnee von den Röhrenstiefeln stampfte und den Gast bewillkommte. Doch hielt es sich nicht lang dabei auf, sondern verlangte gleich nach dem Mittagessen.

Bald saßen um eine einzige gewaltige Schüssel dampfender Milchsuppe mit Schwarzbroteinlage alle außer der ältesten Tochter, die sich Abbruch tat und den Magen bis zum Aufleuchten der ersten Sterne leer behalten wollte, um dann sicher das goldene Meerschweinchen über die Zimmerdecke laufen zu sehen. Das Fasten wurde ihr gar nicht leicht, und man merkte ihr an, daß sie gern mitgehalten hätte, als nun alle ihre Löffel in die dickliche Flüssigkeit versenkten, auch Fritz, der die Gastehre eines eigenen Tellers rundweg ausgeschlagen hatte. Die Kinder aßen noch ungeschickt, mit schmatzenden Lippen und hastigen Gebärden, indes die zwei halbwüchsigen Rutenbinder langsam, ernst und mit einer Gründlichkeit dem Nahrungsgeschäft oblagen, daß ihnen der Schweiß auf die Stirnen trat.

Ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit sprach Otto nicht viel. Verdrießlich zupfte er an seinem sprossenden Schnurrbärtlein und war unzufrieden mit Hellwigs Besuch, trotzdem er ihn dringend darum gebeten. Er hatte sich’s eben ganz anders vorgestellt, ein ungestörtes Beisammensein mit dem Freunde, wobei ihm Gelegenheit geboten war, seine Geistesblitze flammen zu lassen. Vor den Geschwistern aber oder gar vor dem Vater getraute er sich nicht mit hohen Themen anzufangen, da er selten von der Leber weg sprach, sondern mit Vorbedacht je nach der Zuhörerschaft Gegenstände auswählte, mit denen er zu blenden hoffte. Das war jedoch beim Küster so gut wie ausgeschlossen. Der ließ sich von niemandem ein X für ein U vormachen und hatte für die oft gewagten Behauptungen seines ältesten noch immer einen tüchtigen Trumpf bei der Hand gehabt. Alle Versuche aber, Fritz von den Angehörigen abzusondern und in die kleine Stube zu lotsen, scheiterten an dem rückhaltlosen Behagen, mit dem sich dieser den Kindern überließ, und an seiner hellen Freude über die ihm bisher unbekannte Traulichkeit eines quellwasserfrischen Familienlebens.

So kam es, daß der Küster fast allein die Unterhaltung besorgte. Das bewegliche Greislein hatte sich trotz Armut und Kindersorgen den Humor nicht abhanden kommen lassen und trug sein Los mit heiterer Zufriedenheit.

„Sie müssen halt fürlieb nehmen,“ sagte er zu Fritz. „Was Extra’s ist’s nicht. Wir machen eben unsere Schrittlein und essen unsere Schnittlein, so gut wir können. Langen Sie zu, wenn’s Ihnen schmeckt, oder hören Sie auf, wenn Sie genug haben. Immer tüchtig! Tüchtig! Wie man sich zum Essen hat, so hat man sich auch zur Arbeit. Schaun Sie unsern Christoph an,“ -- er deutete mit dem Kinn zu einem der Rutenbinder hinüber -- „wie schön faul der einführt. Der war auch in der Stadt im Gymnasium, er hat studiert bis zum Hals, in den Kopf ist nichts hineingegangen.“

Der Christoph ließ ein unwilliges Grunzen hören, aß aber unentwegt gemächlich weiter.

„Da schaut den an!“ fuhr der Vater fort. „Der ist gar ein Philosoph. Recht hast, Toffl, schweig und näh’ dich an und denk: Wenn man auf alle Hund’ werfen wollt’, die einen anbellen, müßt’ man viel Steine aufheben. Ob du ein Studierter bist oder nicht, ist egal. Unser Herrgott verläßt keinen Deutschen, wenn er nur ein wenig Böhmisch kann!“ Und er lachte über den Witz, daß er mit dem Essen innehalten mußte.

Viel zu rasch nahte für Hellwig die Stunde des Heimwegs, wollte er die Mutter nicht mit dem Anzünden des Christbaums warten lassen. Er gab allen der Reihe nach die Hand und mußte versprechen, bald wiederzukommen. Otto begleitete ihn ein Stück und brachte jetzt das Gespräch natürlich zuerst auf die Vorkommnisse in der griechischen Stunde. Fritz war indes nicht in der Stimmung, darüber zu reden. Nur als Pichler sagte: „Du hast’s dem hustenden Schleicher gut gegeben, das war großartig!“, wehrte er kurz ab, mit gefurchter Stirn: „Laß mich in Ruh’!“ Aber er blieb ganz kalt dabei. Wie in eine weite Ferne gerückt kam ihm das Ereignis vor. Denn dazwischen war die Auferstehung der Liebe und der erkennende Blick in unschuldige Kinderaugen.

Otto suchte nunmehr seine neuesten Schlager an den Mann zu bringen, die Ausbeute einer flüchtigen Beschäftigung mit Stirners Hauptwerk. Doch auch damit weckte er heute keinen Widerhall. Fritz hörte nur mit halbem Ohr hin, und Pichler sah seine geistreichsten Paradoxa wirkungslos verpuffen. Da verlor er die Lust zur Fortsetzung des Feuerwerks und kehrte um.

Fritz aber bog jetzt von der Straße ab und schritt weglos in das stille, klare Winterland hinein. Weiß, weich und schimmernd breitete sich der Schnee, ein stolzer Fürstenmantel für die Berge, eine warme Schlafdecke für die müden Fluren, machte den Schritt lautlos, das Auge hell und freundlich den Tod, der auf kahlen Ästen mit vergessenen welken Blättern spielte und in verlassenen Vogelnestern kauerte. Und vor der weiten, toten Einsamkeit war der Himmel erschauernd hoch hinauf zurückgewichen. Vergeblich strebte die Sonne den kalten Leib der Erde in ihre Arme zu nehmen wie damals im Frühling. Kaum, daß sie den fühllosen noch streicheln und mit ein paar funkelnden Edelsteinen schmücken konnte.

Fühllos und tot?